Skip to main content

Persönlichkeiten

Inhaltsverzeichnis

1. Varus 

1. Varus

Publius Quin(c)tilius Varus

47/46 v. Chr. - Teutoburger Wald 9 n. Chr. (Suizid)
unter Augustus zum römischen Statthalter (Legatus Augusti pro praetore) am Rhein ernannt
 
Die Familie des Publius Quinctilius Varus zählte zu den ältesten Geschlechtern Roms. Einer Legende nach gehörte sie zum Uradel von Alba Longa, der Nachbarstadt Roms, und soll wie die Familie der Iulier unter dem sagenhaften König Tullius Hostilius nach Rom übergesiedelt sein. Aus der späten Republik ist Sextus Quinctilius Varus, der Vater des Publius Quinctilius Varus, bekannt, der auf Seiten der Republikaner in den Bürgerkriegen kämpfte und nach der Niederlage gegen Octavius bei Philippi 42 v. Chr. den Freitod wählte.

Publius Quinctilius Varus, der beim Tod seines Vaters erst vier Jahre alt war, wurde vermutlich in der Familie eines Verwandten erzogen. Hier könnte er in engen Kontakt zu den berühmten Dichtern Vergil und Horaz gekommen sein. Wie viele vornehme Römer schlug Varus eine Laufbahn im römischen Staatsdienst ein und brachte es bereits als junger Beamter zu hochrangigen Positionen. So begleitete er als "Quaestor Augusti" in den Jahren 22-19 v. Chr den Prinzeps auf dessen Reise in den östlichen Teil des Imperiums, die mit der Übergabe der unter Marcus Licinius Crassus und Marcus Antonius an die Parther verlorenen römischen Feldzeichen endete. Auch an den Alpenfeldzügen im Jahr 15 v. Chr. nahm Varus vermutlich in führender Position teil. Die jüngst revidierte Lesung der Ritzinschrift auf einer Bleischeibe aus dem römischen Kastell in Dangstetten am Hochrhein weist auf eine Verbindung von Varus als "Legatus legionis" der 19. Legion hin. Diese Truppeneinheit war im Rahmen des Feldzuges zeitweilig im genannten Lager stationiert und ging später in der Varusschlacht mit ihm unter.

Im Jahr 13 v. Chr. bekleidete Varus gemeinsam mit Tiberius (Stiefsohn und Amtsnachfolger des Augustus) das Konsulat, das offiziell höchste Amt im römischen Staat. Die beiden Konsuln beschlossen in jenem Jahr den Bau der Ara Pacis, des augusteischen Friedensaltars in Rom. Danach legte er zunächst eine fünfjährige Ämterpause ein. Varus konnte seine Herkunft und Ausbildung also für eine steile Karriere nutzen, die ihn in die höchsten Staatskreise führte. Seine Ehen bezeugen ebenfalls eine enge Verbindung zum Herrscherhaus. Er heiratete in erster Ehe die Tochter von Marcus Vipsanius Agrippa, dem Freund, Kampfgefährten und Schwiegersohn des Augustus. Nach ihrem Tod heiratete er um 7 v. Chr. Claudia Pulchra, eine Großnichte des Augustus.

8/7 v. Chr. war er als Statthalter der römischen Provinz Africa proconsularis tätig. Aus der Zeit der Verwaltung dieser wohlhabenden und prestigeträchtigen Provinz liegen Münzen aus den Städten Achulla und Hadrumetum vor, die das einzige überlieferte Porträt des Varus zeigen. Von 7/6-4 v. Chr. übernahm er die Verwaltung der Provinz Syria mit dem Oberbefehl über die dort stationierten vier Legionen. Syria lag an der Grenzregion zum Partherreich und war eingebettet in ein System von Königreichen, deren Herrscher den Römern loyal ergeben waren. Varus hatte somit neben der Provinzadministration und militärischen Sicherung auch als Diplomat des Augustus die Vorgänge in diesen Klientelreichen zu überwachen. Als im Klientelreich Judäa Unruhen im Zuge der Nachfolgeregelung des 4 v. Chr. verstorbenen Königs Herodes d. Gr. ausbrachen, griff Varus mit seinen Soldaten ein. Nach der Niederschlagung des Aufstandes ließ er angeblich 2000 Aufständische ans Kreuz schlagen.

Über den weiteren Lebenslauf des Varus nach der Statthalterschaft in Syria liegen keine Quellen vor. Erst gegen 6/7 n. Chr. tritt er als "Legatus Augusti pro praetore", als Statthalter mit Befehlsgewalt, in Gallien und Germanien wieder in Erscheinung. Nach dem abgebrochenen Angriff auf das Markomannenreich und König Marbod verließ Tiberius Germanien, um einen Aufstand in Pannonien niederzuschlagen. Varus übernahm den Oberbefehl über die verbliebenen Rheinlegionen. Zu seinen Aufgaben gehörte neben der militärischen Sicherung auch die Einführung des römischen Rechts- und Steuersystems im befriedeten rechtsrheinischen Gebiet. Auf größere Widerstände in der Bevölkerung Germaniens zu treffen, wurde nicht erwartet. Der Aufbau eines römischen Verwaltungssystems, der Ausbau der Infrastruktur und die Gründung von zivilen Handelssiedlungen sowie der Abbau des Rohstoffes Blei verweisen auf eine voranschreitende Provinzialisierung des Gebietes zwischen Rhein und Elbe. Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. wurde der Heereszug des Varus, der sich im Wesergebiet aufgehalten hatte, von einer Truppe verbündeter germanischer Stämme unter der Führung des Cheruskers Arminius in eine Falle gelockt und ausgelöscht. Drei Legionen, die 17., 18. und 19. mit drei Reiter- und sechs Infanterieeinheiten sowie ein Wagentross mit Zivilpersonen gingen verloren. Als besondere Schmach fielen auch die nahezu kultisch verehrten Feldzeichen der Legionen den Angreifern in die Hände. Varus beging angesichts der katastrophalen Niederlage Selbstmord durch den Sturz in das eigene Schwert.

Die antiken Quellen, und in Anlehnung daran auch ein Teil der modernen Forschung, werfen dem Statthalter Varus vor, seine Erfahrungen aus den Provinzen Africa und Syria auf das ihm völlig unbekannte Germanien ungeachtet der vorherrschenden Verhältnisse übertragen zu haben. Ihm werden übereilte Entscheidungen, arrogantes Auftreten und selbstgefällige Eingriffe in stammesinterne Angelegenheiten ohne Kenntnis der jeweiligen Sachlage bzw. der Hintergründe zur Last gelegt.

Die Beurteilung der Person des Varus durch die antiken Schriftsteller fällt durchweg negativ aus. Sein Zeitgenosse Velleius Paterculus beschreibt Varus etwa zwei Jahrzehnte nach der Niederlage in Germanien als geldgierigen Statthalter, der sich während seines Amtes in Syria persönlich bereichert hatte. Er hielt Varus für einen eher schwächlichen Müßiggänger und unschlüssigen Feldherrn. Bei den Historiografen, die sich ab dem 2. Jh. mit Varus befassten, trifft ein schwächlich und unschlüssig agierender römischer Feldherr mit grausamer Gesinnung und sorg- sowie ahnungslosem Verhalten ohne Fingerspitzengefühl auf seine germanischen Gegner. Bei der Beurteilung dieser Überlieferungen muss jedoch der große zeitliche Abstand zu den Ereignissen sowie die unterschiedliche Intention der Autoren berücksichtigt werden, die recht oft weit über das bloße Nacherzählen historischer Begebenheiten hinausreicht. Da die politische und gesellschaftliche Bedeutung der Familie der Quinctilier bald nach dem Tod des Varus schwindet, war es leicht, ihm im nachhinein ungehindert die Hauptschuld an dem militärischen Desaster zuzuschreiben, das zur Aufgabe der augusteischen Germanienpolitik beitrug. Ohne diese Funktion als "Sündenbock" der Auflehnung germanischer Stämme gegen die römische Herrschaft wäre die Kritik an der verlustreichen Expansionspolitik im Norden des Reiches direkt auf Augustus zurückgefallen. Eine Herabwürdigung der Leistung und des Auftretens des Varus war ebenso ein dankbares Stilmittel, um den Ruhm anderer Befehlshaber aufzuwerten oder mit dem "moralischen Zeigefinger" einen Gegensatz zwischen dem tapferen germanischen Krieger, allen voran Arminius, und dem dekadent-verweichlichten Römer Varus aufzubauen.

Die Ursachen für die Gründe des Scheiterns der Provinzialisierung Germaniens, dessen deutlichstes Vorzeichen die militärische Erhebung unter Arminius gegen den amtierenden Abgesandten des Augustus darstellt, liegen sicher nicht allein in der Person oder dem Verhalten des Publius Quinctilius Varus begründet. Mögen vielleicht Unzulänglichkeiten in der Erfahrung des Statthalters für seine Aufgaben in Germanien vorhanden gewesen sein, zeigt sich Varus insgesamt aufgrund seiner Vita aber als durchaus erfahrener Militär und Provinzverwalter, weshalb ihn Augustus auch mit dieser Aufgabe betraut haben dürfte. Im Jahr 9 n. Chr. kann damit wohl nicht nur dem Statthalter Varus, sondern auch Augustus eine an Überheblichkeit grenzende Sorglosigkeit im Bezug auf die Grundstimmung innerhalb der Stammesverbände Germaniens attestiert werden. Als Arminius begann, die unruhigen germanischen Verbände anzuführen und zielgerichtet zusammenzuhalten, kam ihm diese Sorglosigkeit vor ernsthafter Gegenwehr überaus gelegen. Offenbar hat es Arminius perfekt verstanden, seine Kenntnisse der römischen Lebensart und Denkweise absolut passend für seine Interessen einzusetzen, um weder bei seinen Anhängern als Klient der Römer zu gelten, noch die Arglosigkeit des Varus ihm und seinen Absichten gegenüber zu erschüttern.

Verlinkungen:

->

Quellen:

Internetquellen

-> https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=844&url_tabelle=tab_websegmente#32, zuletzt geprüft am 09.12.2025.

->

->

Sekundärliteratur

->

->

->