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Die Münchner Räteherrschaft

Inhaltsverzeichnis

1. Räteherrschaft. Ende einer Utopie

Inhalt1. Räteherrschaft. Ende einer Utopie


Nur wenige Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stürzt die Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner den jungen Freistaat Bayern ins Chaos. Die Regierung flieht ins sichere Bamberg, in München rufen revolutionäre Arbeiter- und Soldatenvertreter am 7. April 1919 eine Räterepublik aus. Die bayerische Hauptstadt wird zu einem Laboratorium linker Utopisten. Doch die Gegenseite rüstet schon zum Angriff

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EIN TOTENKOPF prangt auf dem Geschützwagen dieser rechtsnationalen Freikorpskämpfer. Gemeinsam mit der Reichswehr ziehen sie gegen die Räteherrschaft, die sich in München etabliert hat

Der 7. April 1919 ist ein strahlender Frühlingstag in München. Wer Arbeit hat, macht sich an diesem Montagmorgen auf den Weg. Da werden grellrote Plakate an die Litfaßsäulen geklebt: „An das Volk in Baiern!“, heißt es da in schwarzen Lettern. Was dann folgt, lässt sich so zusammenfassen: Bayern ist ab sofort sozialistische Räterepublik, revolutionäre Arbeiter haben Seite an Seite mit Bauern und Soldaten die Regierung übernommen. Der 7. April wird zum Nationalfeiertag erhoben. Alle Bürokratie soll „unverzüglich ausgetilgt“ werden. Bayern soll dem Vorbild Russlands folgen, in dem seit 1917 Lenins Räte regieren, und damit Abschied vom „fluchwürdigen Zeitalter des Kapitalismus“ nehmen.

Überrascht lesen viele die Bekanntmachung: schon wieder Revolution – der nächste Umsturz seit dem Ende des Weltkrieges ein halbes Jahr zuvor. Die erste Erhebung hat das Königreich Bayern am 8. November 1918 zur Republik gemacht, hat die konstitutionelle Monarchie beendet und dafür gesorgt, dass die Staatsgewalt fortan allein vom Volk ausgeht – und nicht mehr wie zuvor vor allem vom König.

Nach mehreren unruhigen Monaten amtiert seit drei Wochen die aktuelle Staatsregierung. Doch es sieht nicht gut aus für Bayerns Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann von der SPD. Politische Morde überschatten die junge Demokratie: Kurt Eisner, Hoffmanns Vorgänger im Amt, ist auf offener Straße erschossen worden. Für das im Land kursierende Notgeld gibt es kaum noch etwas zu kaufen. Gewalt, Mangel und Hunger treiben immer mehr Menschen in die politische Radikalität. In ihren Augen hat die gerade erst etablierte Ordnung schon wieder abgewirtschaftet. Vor allem die äußerste Linke polemisiert gegen den Landtag und die Regierung Hoffmann. Sie weiß die Arbeiter hinter sich, viele der heimgekehrten Soldaten und einen großen Teil der Bauern.

Sie will keine Herrschaft des ganzen Volkes, sondern die Diktatur des Proletariats. Sie setzt auf die Macht von „Räten“, wie sie nach dem Muster des revolutionären Russlands in den Monaten zuvor in vielen Ländern Europas entstanden sind, um die Politik mitzugestalten. In diesen Räten sitzen Arbeitervertreter, gewählt von Belegschaften in den Betrieben, Soldaten aus den Kasernen sowie Bauern. Verteidiger der parlamentarischen Demokratie haben in diesen Volksgremien immer weniger zu sagen. Eine Versammlung von Soldaten fordert etwa Anfang April die Einführung einer Räterepublik in Bayern. Der Landtag dürfe nicht mehr zusammentreten.

Nachdem Soldatenräte den Abgeordneten erklärten, sie könnten nicht mehr für den Schutz des Landtags garantieren, fliehen Parlamentarier und Regierung aus München. Hoffmann fährt am 6. April nach Nürnberg. Doch der dortige Bürgermeister warnt ihn vor den radikalen Arbeitern am Ort und empfiehlt ihm Bamberg. Das ist katholisch-konservativ, und es gibt dort nur wenige organisierte Proletarier. Bamberg also. München bleibt führungslos zurück.

Es ist dieses Machtvakuum, in das die Revolutionäre in der Nacht auf den 7. April stoßen: Im Wittelsbacher Palais, dem Wohnsitz des letzten Königs, konstituieren sich rund 100 Angehörige der Räte zum Revolutionären Zentralrat einer neuen Republik. Die Versammelten, darunter auch einige linke Intellektuelle wie die Schriftsteller Ernst Toller und Erich Mühsam, sehen sich dazu befugt, die Macht im Freistaat zu übernehmen. Und dekretieren: Ab Montag, den 7. April 1919, 12.00 Uhr, sei Bayern eine Räterepublik – geführt also von den Gremien der Arbeiter, Bauern und Soldaten. Die bayerischen Landesbehörden werden telegraphisch über diesen Schritt informiert.

Dann bricht der Morgen an. Zahlreiche Menschen sammeln sich auf den Plätzen der Münchner Innenstadt. Sie wollen erfahren, was jetzt geschieht. Auf einer Parkbank am Karlsplatz – dem Stachus – stehend, wendet sich Erich Mühsam an die Menge und erklärt, was für eine Republik da ausgerufen worden sei. Einige buhen ihn aus, andere pflichten ihm bei.

Die Revolutionäre stoßen in ein MACHTVAKUUM

Zur gleichen Zeit sammeln sich am Marienplatz vor dem Rathaus Studenten, die für die parlamentarische Demokratie eintreten und gegen die Herrschaft des Proletariats. Es kommt zum Gerangel mit Arbeitern. Die Menge löst sich auf. Am Odeonsplatz, vor der Residenz, werden von monarchistischen Bürgern sogar Hochrufe auf den König laut, bis schließlich Soldaten einschreiten. Sehr groß ist die Begeisterung für die neue Republik offenbar nicht. Aber noch verläuft alles recht friedlich. Beamte und Sicherheitskräfte verhalten sich ruhig, auch wenn in München nun das Proletariat regiert – offiziell jedenfalls, denn viele der führenden Köpfe der Räterepublik sind Intellektuelle, die utopischen Idealen nachhängen.

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Kurt Eisner. Der Sozialist ruft im November 1918 den Freistaat Bayern aus. Wenige Monate später wird er ermordet.

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Johannes Hoffmann. Ab März 1919 ist der SPD-Politiker Ministerpräsident - und muss vor Revolutionären aus München fliehen

Der 25-jährige Autor Ernst Toller, Chef der Münchner USPD, einer radikalen Abspaltung der SPD, wird zum Vorsitzenden des Revolutionären Zentralrats gewählt. De facto wird er damit Regierungschef. Der Dichter Gustav Landauer – der an diesem Tag seinen 49. Geburtstag feiert – ist nun Volksbeauftragter für Volksaufklärung, eine Art Kultusminister. Bislang hielt der Anarcho-Sozialist Vorträge über Hölderlin, nun entwirft er das Manifest der Räterepublik.

Auch Erich Mühsam, 51, einer der prominentesten Revolutionäre, gehört dem Zentralrat an. Am Morgen ist der Schriftsteller bereits um sechs Uhr früh ins Telegraphenamt gestürmt und hat eine Jubelnachricht an Lenins kommunistische Regierung in Moskau abgesetzt: „Bayern ist Räterepublik … die Diktatur des Proletariats verwirklicht … es lebe die Weltrevolution!“ Doch so einfach ist es nicht. Noch im Verlauf des Montags erscheinen Flugzeuge über der Stadt und werfen Zettel ab, auf denen zu lesen ist, das Kabinett Hoffmann sei nicht zurückgetreten, sondern die einzig rechtmäßige Regierung und allein befugt, Befehle zu erteilen.

Zwar bleibt die Aktion ohne Wirkung. Doch so mancher Münchner wird wohl bereits jetzt ahnen, was bald kommen muss. Die Regierung Hoffmann in Bamberg sowie die SPD-Reichsregierung in Berlin werden eine Abspaltung Bayerns nicht hinnehmen. Beide werden um München kämpfen. Mit allen Mitteln. Aber auch aus den Reihen der Räte droht der neuen Republik Gefahr. Denn die Kommunistische Partei beteiligt sich nicht an der neuen Regierung. Der Zentralrat hat sie zwar zur Teilnahme eingeladen, aber die Kommunisten weigern sich; sie wollen die Macht lieber für sich alleine.

Am Ende werden der Münchner Räteherrschaft nur knapp vier Wochen bleiben. Vier Wochen, in denen Ungeheures gedacht und angestoßen wird – und Utopisten an der Isar beginnen, ihre himmelstürmenden Ideen umzusetzen. Seit die Münchner im November 1918 ihren Monarchen vertrieben und die Republik ausgerufen haben, ist die Stadt ein Laboratorium der anarchischen Linken und der Kommunisten. (Als Reaktion darauf entstehen hier aber auch ultrarechte Gruppierungen, die aus München die Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung machen werden.)

In jenen Tagen, als linke Schriftsteller an die Macht streben, lässt sich ein Mann namens Adolf Hitler in den Münchner Soldatenrat wählen, nur um wenig später einen glühenden Hass gegen diese Linken zu entwickeln. Die Extreme, die schließlich die Weimarer Republik von rechts und von links zermalmen werden, treffen in München bereits im April und Mai 1919 tödlich entschlossen aufeinander. Weshalb aber das utopische Experiment der Linken ausgerechnet in München entsteht und wie es sich vier Wochen gegen alle Widerstände halten kann, das ist die bizarre wie tragische Geschichte der Münchner Räteherrschaft.

MÜNCHEN, 7. NOVEMBER 1918. Viele Menschen hungern. Die anfängliche Euphorie bei der Mobilmachung 1914 ist längst der Gewissheit gewichen, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Vor allem Arbeiter und Bauern fühlen sich von den alten Parteien nicht mehr vertreten. 1917 hat sich eine linke Gruppe von der SPD abgespalten, die USPD. Ihre Vertreter dringen auf ein sofortiges Ende des Krieges. In München hat sich der Journalist Kurt Eisner an die Spitze der USPD gesetzt, war im Januar 1918 eine treibende Kraft beim Streik der Rüstungsarbeiter.

Nun, da Deutschland mit seinen Kräften am Ende ist und die Oberste Heeresleitung den Krieg verloren gibt, haben in Kiel die Matrosen der Marine gemeutert – und Arbeiter und Soldaten im ganzen Reich mitgerissen. An diesem 7. November also zieht Eisner nach einer Kundgebung auf der Theresienwiese mit gut 1000 Anhängern zum Sturm auf die Kasernen im Norden der Stadt. Die Soldaten reagieren erst verzagt, rufen vom Fenster aus, die Offiziere hätten sie eingesperrt, sie könnten nicht herauskommen. „Dann tretet eben die Türen ein“, fordern die Demonstranten. Und tatsächlich folgen die Soldaten dem Aufruf, setzen ihre Offiziere fest und schließen sich dem Zug an.

Bayerns letzter König Ludwig III., 73 Jahre alt und offenbar nicht im Bilde über die Lage im Land, spaziert gerade im Englischen Garten. Ein Passant warnt ihn: „Revolution is Majestät, gengs S’ heim!“ Als der König in die Residenz zurückkehrt, haben die Wachen bereits ihre Posten verlassen. Niemand stellt sich Kurt Eisners Zug in den Weg. Im „Mathäserbräu“, einer Bierhalle in der Innenstadt, wählen die Versammelten schließlich einen Arbeiter- und einen Soldatenrat als ihre Interessenvertretung, besetzen Hauptbahnhof und Telegraphenamt.

Am Abend dringen Eisner und seine Leute in den Landtag ein – dem entgeisterten Pförtner nehmen sie einfach die Schlüssel ab. Um 23 Uhr verkündet Eisner dort vor den Räten drei entscheidende Punkte: Bayern tritt aus dem Krieg aus, die Monarchie ist abgeschafft, und Bayern ist ab sofort ein Volks- und Freistaat, eine Republik. Befugt hat ihn dazu niemand, außer den gerade anwesenden Räten. Die bestimmen Eisner auch gleich zum neuen Ministerpräsidenten.

Es ist eine unblutige Revolution. Die Staatsmacht lässt sie geschehen, muss sie geschehen lassen, löst sich einfach auf. Die Soldaten laufen ihr ohnehin davon. Jedes Vertrauen in die Obrigkeit ist nach vier Jahren Krieg, nach all den Hungerwintern, nach den ewigen Sieges- und Durchhalteparolen erloschen. Und alle wollen endlich Frieden. So hebt kaum jemand die Hand zur Verteidigung des morschen Systems, es implodiert, im Reich und in Bayern.

Die Macht in München gehört jetzt dem, der sie sich nimmt. Der Kriegsminister des bayerischen Königs versucht zwar noch mit einer Division, die Revolution niederzuschlagen. Aber die Soldaten beider Lager verbrüdern sich. Von der Münchner Frauenkirche weht nun die rote Fahne. In der Nacht flüchtet der König mit dem Auto aus München. Nach 738 Jahren, in denen das Haus Wittelsbach Bayern regiert hat, ist die Dynastie am Ende. Zwei Tage später, am 9. November, muss Kaiser Wilhelm II. abdanken, wird auch in Berlin die Republik ausgerufen.

Eisners Regierung führt in Bayern umgehend das Frauenwahlrecht und den Achtstundentag ein. Banken und Unternehmen will der neue Kabinettschef vorerst nicht sozialisieren, denn dafür sei die Wirtschaft derzeit zu schwach. Eisner sieht die Räte nur als Zwischenstufe auf dem Weg zur allgemeinen Volksherrschaft und lädt seinen Freund Gustav Landauer aus Krumbach nach München ein, um an der „Umbildung der Seelen“ mitzuwirken.

Leicht ist diese Aufgabe nicht. Zeitungen nennen den aus Berlin stammenden Eisner einen „galizischen Juden“. Münchens Erzbischof Faulhaber beschimpft ihn als „Zorn Zions“ – der USPD-Führer hat es gewagt, die kirchliche Schulaufsicht abzuschaffen. Dennoch hofft er auf einen Sieg bei den für Januar 1919 angesetzten Landtagswahlen. Aber es kommt anders: Die USPD erhält nur 2,5 Prozent der Stimmen. Gewinner sind die Bayerische Volkspartei mit 35 Prozent und die SPD mit 33 Prozent. Die Regierung Eisner ist gescheitert.

Der USPD-Führer, ganz Demokrat, akzeptiert die Niederlage und will am 21. Februar 1919 im Landtag als Ministerpräsident abdanken. Mit der Rücktrittserklärung in der Tasche marschiert er zu Fuß zum Landtag. Sein Büroleiter hat ihn davor gewarnt, den gleichen Weg wie immer zu nehmen – zu aufgeheizt sei die Stimmung gegen ihn, ein Attentat nicht auszuschließen. Doch Eisner ignoriert die Bedenken. Ein Fehler.

Vor dem Palais Montgelas treffen ihn von hinten zwei Kugeln in den Kopf. Der Täter, der Student Anton Graf Arco auf Valley, ein Reaktionär, der Eisner für einen Verräter hält, hat ihn abgepasst. Dessen Leibwächter schießen auf Arco. Der Attentäter überlebt. Der Ministerpräsident aber ist sofort tot. Als die Nachricht vom Attentat den Landtag erreicht, hält Erhard Auer von der SPD eine Gedenkrede auf Eisner. Da stürmt ein Metzgergeselle mit einer Pistole herein und schießt Auer nieder, den er für den Hintermann des Attentats hält. Bei der daraufhin im Landtag ausbrechenden Schießerei sterben zwei Männer. Auer überlebt schwer verletzt.

Erst jetzt erkennen die Münchner, wen sie mit Eisner verloren haben: einen Mann, dem eine Revolution gelungen ist, der den Krieg für Bayern beendet, die Monarchie weggefegt und die Herrschaft des Volkes verwirklicht hat – und das alles ohne Blutvergießen. „Die hundert Tage der Regierung Eisner“, befindet der Schriftsteller Heinrich Mann, „haben mehr Ideen, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre zuvor.“ 100.000 Menschen säumen den Trauerzug für Eisner hinaus zum Ostfriedhof. Unter ihnen auch der verkrachte Soldat Adolf Hitler.

Der Ministerpräsident tot, der Landtag vorerst paralysiert: In dieser chaotischen Lage und aufgewühlt von den politischen Morden wählen die Münchner Arbeiter- und Soldatenräte einen Zentralrat, beanspruchen die Macht im Land für sich und berufen für Ende Februar einen gesamtbayerischen Rätekongress nach München ein. Auch in anderen bayerischen Städten haben sich inzwischen Räte gebildet – in Arbeiterhochburgen wie Nürnberg und Augsburg, aber auch in kleineren Städten wie Rosenheim, Passau, Lindau und sogar in Bauerndörfern wie Jandelsbrunn im Bayerischen Wald.

Trotz dieser Entwicklung hält sich der soeben gewählte Landtag in München allein zur Regierungsbildung befugt. Einstimmig votieren die Abgeordneten am 17. März 1919 für Johannes Hoffmann von der SPD als neuen Regierungschef. Er ist damit der erste frei gewählte Ministerpräsident Bayerns.

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Am 7. April 1919 erklärt eine Versammlung von Arbeiter-, Soldaten- und Bauernvertretern Bayern zur Räterepublik. Anfangs stellt sich den Aufständischen niemand entgegen (bewaffnete Streife)

 

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Schon bald nach der Machtübernahme formieren sich die Gegner der Räteherrschaft. Der nach Bamberg geflohene Ministerpräsident Hoffmann bittet die Reichsregierung um Hilfe - und die entsendet Reichswehr und Freikoprseinheiten nach Bayern (Patrouille von Rotarmisten)

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Am 14. April 1919 beginnt die zweite Phase der Räteherrschaft: Nach einem gescheiterten Putschversuch von Anhängern der Regierung Hoffmann übernehmen die Kommunisten die Macht (Straßensperre in München)

Doch wer hat wirklich die Macht: Hoffmann und der Landtag – oder der Zentralrat der Arbeiter und Soldaten? Johannes Hoffmann hat für den 8. April den Landtag einberufen und ist gleich nach dieser Ankündigung nach Berlin gefahren, um sich für den Notfall die militärische Unterstützung des Deutschen Reichs zu sichern.

In München herrschen jetzt LITERATEN

Unterdessen verschlechtert sich die Versorgungslage in München immer weiter. Ein scharfer Wintereinbruch im März verschlimmert die Situation nochmals. Gegen Lebensmittelmarken gibt es gerade noch einen Achtel Liter Milch, ein kleines Glas voll – und auch das nur jeden zweiten Tag. Die übliche Lebensmittelration in der Stadt beträgt Anfang April 1000 Kalorien. Um halbwegs satt zu werden, muss man hohe Preise auf dem Schwarzmarkt zahlen.

UND SO KOMMT ES am 7. April 1919 zur nächsten Revolution. Als Reaktion kappt die Regierung Hoffmann von Bamberg aus Zugverbindungen nach München. Damit fehlen nun die dringend benötigten Kohlelieferungen aus dem Ruhrgebiet. Fabriken drohen stillzustehen. Und auch die Nahrungsmittel werden immer knapper: Werden in der ersten Aprilwoche noch rund 600 Schlachtkälber nach München transportiert, sind es in der dritten Aprilwoche nur noch 16. Die Milchlieferungen gehen um zwei Drittel zurück.

Die Stadt, so plant Hoffmann von Bamberg aus, soll systematisch ausgehungert und anschließend militärisch niedergerungen werden. Zur Linderung der Not ordnet die Räteregierung Sofortmaßnahmen an: Schleichhandel und Wucher sind zu bekämpfen, Preise sollen kontrolliert werden. In einigen Hotelküchen und Gaststätten beschlagnahmen Arbeiterräte zentnerweise Fleisch, Fett und Getreide.

Aber satt werden die Stadtbewohner davon nicht, da die Bauern immer weniger Waren in die Stadt liefern. Um zumindest den Wohnungsmangel zu bekämpfen, beschließt die Regierung, alle leer stehenden Häuser zu beschlagnahmen, auch Schlösser und Palais. Tatsächlich gelingt binnen Tagen die Registrierung Hunderter Wohnungen.

Mit seinen Ankündigungen weckt das Regime die absonderlichsten Hoffnungen. In den Vorzimmern der Machthaber drängen sich die Bittsteller. Ernst Toller beschreibt das später so: „Eine Partei revolutionärer Bürger hat sich gebildet, sie fordert die Verhaftung früherer Kegelbrüder und Vereinskollegen. Verkannte Lebensreformer bieten ihre Programme zur Sanierung der Menschheit an. Die einen sehen die Wurzel des Übels im Genuss gekochter Speisen, die anderen in der Goldwährung, die dritten im Tragen unporöser Unterwäsche.“ Kurios ist auch der neue Außenminister: Erich Mühsam hatte sich selbst als Volksbeauftragten für das Außenressort vorgeschlagen, war aber von den Genossen abgelehnt worden, weil er ihnen zu weltfern erschienen war. Er sei ein „so ausgesprochen literarischer Bohemien, dass sich niemand ihn in einer würdigen Amtsposition vorstellen konnte“, erinnert sich ein Weggefährte.

Daher wird im Zentralrat der Journalist Dr. Franz Lipp vorgeschlagen, den zwar kaum einer kennt, der aber Beziehungen ins Ausland zu haben scheint, da er früher für die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ berichtet habe. Mangels Alternativen wählt man ihn. Am Morgen des 8. April erscheint Lipp im Ministerium, überreicht den Vorzimmerdamen Blumen, schreitet in sein Büro und beginnt mit der Arbeit. Die besteht darin, als Erstes den Kontakt zur Reichsregierung in Berlin abzubrechen und der Schweiz den Krieg zu erklären, weil die sich weigert, der Räterepublik Lokomotiven zu überlassen.

Lipp trifft sich nie mit anderen Regierungsmitgliedern, er telefoniert nicht, schickt stattdessen Telegramme. Seine fixe Idee ist der Abortschlüssel, den Ministerpräsident Hoffmann angeblich mit nach Bamberg genommen hat. Schließlich zwingt Regierungschef Toller ihn zum Rücktritt. Lipp aber erscheint wieder im Büro. Toller schickt ihn daraufhin ins Sanatorium.

Die neue Regierung macht Bayern zum Experimentierfeld utopischer Ideen. Besonders tut sich dabei Silvio Gesell, der Volksbeauftragte für Finanzen, mit seinen Theorien zu Freigeld und Freiland hervor: Da Geld keinem Verfall unterliege, anders als Arbeitskraft und Waren, sei der Geldbesitzer den Arbeitern überlegen. Damit störe Geldbesitz das freie Spiel der Kräfte und müsse daher einem von oben verordneten Wertverlust unterliegen. Je länger ein Sparer oder Spekulant Geld zurückhalte und nicht ausgebe, desto höher müsse der Verlust sein, etwa durch ein Verfallsdatum, das auf die Geldscheine aufgedruckt werde. Damit entfalle der Anreiz, Geld zu horten.

Ähnlich sieht Gesell den Grundbesitz, der ebenfalls keinem natürlichen Wertverlust unterliege: Aller Boden müsse enteignet und fortan vom Staat an seine Bürger verpachtet werden. Die Einkünfte seien dann an Mütter nach ihrer Kinderzahl zu verteilen, um sie wegen ihrer unbezahlten Arbeit wirtschaftlich unabhängig zu machen. Gesell arbeitet an der radikalen Umgestaltung des Finanzwesens. Im Grunde sind ihm proletarische Ideale gleichgültig, er würde sein Freigeld auch in einer Monarchie oder einer Demokratie verwirklichen.

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Erich Mühsam. Der Autor ist ein prominentes Mitglied des Zentralrats - einer Art Regierung der Revolutionäre.

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Gustav Landauer. Früher hat der Dichter über Hölderlin doziert. Nun ist er Kulturbeauftragter der Räterepublik.

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Ernst Toller. Der Schriftsteller ist erst 25 Jahre alt, als der Zentralrat ihn zum Regierungschef der Räterepublik wählt.

Für all diese Experimente hat die Räterepublik indes nur wenig Spielraum. Die Münchner sind ohnehin in Angst, ihr Geld könnte entwertet werden. Sie stürmen die Banken und wollen ihre Ersparnisse abheben. Umgehend muss die Regierung die Konten sperren. Das Vertrauen in das neue Regime sinkt rapide. Dennoch: Eine radikale Umgestaltung soll alles Denken und Handeln der Menschen erfassen, vor allem in der Erziehung. Über der Münchner Universität wird die rote Fahne aufgezogen. Fortan entscheidet ein revolutionärer Hochschulrat. Landauer, der Kulturbeauftragte, will als Erstes die theologische und die juristische Fakultät streichen. Von zentraler Bedeutung sei dagegen ab sofort die philosophische Fakultät. Aus den Schulen, bislang Untertanenschmieden, sollen Bildungsorte für Freigeister werden, in denen Kritik ausdrücklich willkommen ist. Stundenplan und Prügelstrafe sollen verschwinden, ebenso die Schulbank als Sinnbild der überkommenen Lernanstalt.

Allerdings gibt es nun wieder eine Pressezensur. Schon die Proklamationserklärung der Räterepublik verfügte die Sozialisierung der Presse. Die „Münchner Neuesten Nachrichten“, eine liberale Zeitung, wird per Dekret kurzerhand zum Organ des Revolutionären Zentralrats. Das Blatt muss nun seitenlang Ausführungen über „Das unwahre Prinzip unserer Erziehung“ sowie Proklamationen der Regierung abdrucken. Die Leser konstatieren „überströmende Langeweile“. Den Schriftsteller Thomas Mann erinnern die Ausgaben der Zeitung nun „an die ehemalige Faschingsnummer“.

Ist das also die Diktatur des Proletariats? Sind die utopischen Ideen für einen Stahlarbeiter von Interesse, für eine Näherin, für die vielen Kriegsheimkehrer ohne Perspektive? Wäre ihnen am Ende ein Teller warmer Suppe vielleicht lieber als die gesamte Räterepublik? Darauf wird die Regierung keine Antwort geben. Auch in der Justiz verfolgt das neue Regime ungewöhnliche Ideen und setzt Revolutionstribunale ein.

Die bestehen aus jeweils sieben „revolutionären Volksgenossen“: verdienten Mitgliedern der Linksparteien. Diese Richter ohne jede juristische Ausbildung sind weder an Gesetze noch an eine Prozessordnung gebunden – der Traum aller Revolutionäre, die mit dem alten System gründlich aufräumen wollen. Und der Albtraum all jener, die das Recht hochhalten. Denn die Tribunale entscheiden nach freiem Ermessen.

Schon am 11. April 1919 treten die ersten im Justizpalast zusammen. Sie urteilen schnell – und überraschend milde. 300 Verfahren werden eröffnet, die meisten Angeklagten freigesprochen. Ein Kommunist mokiert sich über diese Tribunale, die keinem Konterrevolutionär etwas zuleide täten. Am 13. April kommt es zum nächsten Umsturzversuch, diesmal veranlasst von Ministerpräsident Hoffmann. Der sieht darin die letzte Möglichkeit, die Räteregierung mit eigenen, also bayerischen Mitteln loszuwerden. Denn schon drängt der SPD-Reichspräsident Friedrich Ebert aus Berlin zur Eile: Mit der Räterepublik müsse endlich Schluss gemacht werden.

Doch was soll Hoffmann tun? Er hat keine regulären Truppen, jedenfalls nicht in München. Bleibt nur die „Republikanische Schutztruppe“, eine zur Sicherung der Landesregierung gegründete militärische Vereinigung. In der Nacht zum 13. April 1919 verhaftet sie in Hoffmanns Auftrag mehrere Mitglieder des Zentralrats, darunter Mühsam. Nicht gefasst wird Ernst Toller – er wird durch einen anonymen Anruf gewarnt und kann sich in der Wohnung eines Freundes hinter einem Bücherregal verbergen. In seinem Versteck entwirft er einen Appell an alle Revolutionäre im Deutschen Reich, der bedrohten Räterepublik zu Hilfe zu eilen.

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Mit Panzerzügen rücken Reichswehr- und Freikorpseinheiten Ende April 1919 gegen die bayerische Hauptstadt vor, um die Räteherrschaft militärisch in die Knie zu zwingen.

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Anfang Mai können die Verteidiger Münchens der Übermacht nicht mehr standhalten. Regierungstruppen (unten) ziehen in die Stadt ein. 

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Im Triumph paradieren Freikorpskämpfer in Münchens Zentrum. Viele von ihnen machen nun systematisch Jagd auf die Revolutionäre - und töten mehr als 600 Menschen.

Um fünf Uhr morgens telegraphiert der Anführer der Schutztruppe eine Siegesmeldung zu Hoffmann nach Bamberg. Das aber ist mehr als voreilig. Denn die Nachricht von der Verhaftungswelle verbreitet sich schnell in München. Als die Schutztruppe ein Versammlungslokal der Kommunisten stürmen will, wehren sich die so heftig, dass sich die Angreifer zurückziehen müssen. Das ist für die Kommunisten das Fanal zum Gegenangriff. Tausende Arbeiter und Soldaten sammeln sich auf der Theresienwiese und marschieren zum Hauptbahnhof, dem Hauptstützpunkt der Putschisten, von dem aus Mühsam und andere Gefangene per Zug nach Nordbayern gebracht worden sind. „Zum Kampf!“, rufen die Leute unterwegs. Am Bahnhof fahren die Arbeiter und Soldaten schweres Geschütz gegen Hoffmanns Schutztruppe auf: Maschinengewehre und Minenwerfer.

Aus Flugzeugen schweben Flugblätter in die Stadt, die die Räteregierung mit ihren „landfremden Agitatoren“ für abgesetzt erklären. In immer neuen Wellen stürmen die Arbeiter gegen den Bahnhof, mehrere Stunden lang. „Vorwärts! Auf! Sturm!“, ruft einer, und schon wird der Revolutionär und Schriftsteller Oskar Maria Graf mitgerissen, in das Bahnhofsgebäude hinein. Schließlich: „Sieg, Sieg! Hoch die Räterepublik!“ Als die Offiziere der Schutztruppe am Abend per Lokomotive aus dem Bahnhof fliehen, sind 21 Menschen tot – vor allem Unbeteiligte.

Die Räteherrschaft hat sich als wehrhaft erwiesen. Aber sie ist nun nicht mehr die friedliche Republik der Utopisten und der Schöngeister. Denn den blutigen Sieg über die Schutztruppe haben vor allem Kommunisten erkämpft. Daher rufen sie nun selbstbewusst eine neue, kommunistische Räterepublik aus und verkünden einen mehrtägigen Generalstreik sowie die Aufstellung einer „Roten Armee“. Widerstand von der alten Räteregierung gibt es nicht. Die Macht haben nun andere. Vor allem einer: Rudolf Egelhofer. Er hat den Sturm der Arbeiter auf den Hauptbahnhof angeführt.

Am Tag des Putsches ist er 23 Jahre alt geworden, ein gebürtiger Münchner, im Krieg einfacher Matrose. Egelhofer wird Stadtkommandant und Oberkommandierender der Roten Armee. Umgehend verhängt er den Ausnahmezustand und befiehlt die Entwaffnung des Bürgertums zugunsten des Proletariats. Wer binnen zwölf Stunden nicht seine Pistolen und Gewehre abgegeben habe, werde erschossen, lässt er erklären. Mit den requirierten Waffen stattet er die Rotarmisten aus. Nun sammeln sich von allen Seiten die Feinde der Räteherrschaft. Ministerpräsident Hoffmann muss nach dem Scheitern seines Putsches die Reichsregierung um Hilfe bitten. Darauf hat Berlin nur gewartet und lässt seine Truppen los, darunter die Freikorps – Freiwilligenverbände aus entlassenen Frontsoldaten, die unter dem Kommando früherer kaiserlicher Offiziere stehen.

Die eigenen militärischen Mittel des Deutschen Reichs sind kläglich, die Reichswehr ist erst im Aufbau begriffen. Die SPD-Regierung in Berlin hat daher einen faustischen Pakt mit den ultrakonservativen und nationalistischen Militärs der alten preußischen Armee geschlossen. So aber gewinnen in der Weimarer Republik von Beginn an rechte Kräfte die Gewalt über Truppen und Kanonen. Ein preußischer General, Ernst von Oven, leitet die Operation gegen die Münchner Räte. Nordbayern ist da bereits weitgehend in der Hand der Regierung Hoffmann – Würzburg etwa ist nach nur drei Tagen Räteregierung auf die Seite des Landtags zurückgekehrt.

Hoffmann lässt Südbayern nun von allem Verkehr, von allen Nachrichten samt Telefon- und Telegraphenleitungen abschneiden, die Reichsbank kappt den Bargeldnachschub. Aus Richtung der Bayerischen Alpen marschiert das Freikorps Werdenfels auf München. Egelhofer kann 12.000 Mann aus den Betrieben und Kasernen der Stadt dagegensetzen, darunter Weltkriegsveteranen, aber auch Jünglinge, Greise und freigelassene russische Kriegsgefangene. Was seiner Armee fehlt, sind Übung, schwere Waffen, Nachschub. Wären ein paar Monate Zeit, ließe sich vielleicht eine schlagkräftige Truppe formen, aber Egelhofer hat diese Zeit nicht.

SCHON AM 15. APRIL stehen die ersten 800 Mann der Angreifer bei Dachau kurz vor München. Egelhofer wirft seine Rote Armee in den Nordwesten der Stadt: Arbeiter, Soldaten, Literaten. Offiziere hat diese Truppe nicht, deren Aufgabe müssen erfahrene Frontkämpfer oder Unteroffiziere übernehmen. Dennoch gelingt es dem Freiwilligenheer, den Gegner zurückzuschlagen. Als Ernst Toller dazustößt, bieten ihm Kämpfer die Kommandogewalt an: Einer müsse ja seinen Kopf hinhalten. Und: „Die Hauptsach is, dich kennen wir!“

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GEFANGENE ROTARMISTEN. Die siegreichen Truppen verüben in der Stadt zahlreiche Massaker: angeblich als Reaktion auf die – allerdings wenigen – Untaten, die die Kommunisten während der Verteidigung der Räteherrschaft begangen haben

 

So wird der Schriftsteller zum Truppenkommandeur. Am nächsten Morgen kehrt er nach München zurück, um Landkarten von Dachau zu besorgen – findet aber keine. Die Karten sind offenbar von den Gegnern requiriert worden. Dennoch schafft er es, Dachau zurückzuerobern, ein unerwarteter Triumph.

Für Toller gehören Autorität, Gehorsam und Disziplin zum alten Kaiserreich und nicht in die moderne Räteherrschaft. Ihm gelten Freiwilligkeit und Einsicht als soldatische Tugenden. Das geht nicht lange gut: Viele seiner Leute kehren nach den ersten Erfolgen vor Dachau nach München zurück. Resigniert stellt Toller schließlich fest: „Wir sind gezwungen, die eigenmächtigen Urlauber aufzuhalten, wir müssen Regeln der alten militärischen Disziplin einführen.“ Den Wirten verbietet er den Ausschank von Alkohol, um seine Leute dienstfähig zu halten. Sein Erfolg ist trotzdem nicht von Dauer. Zwar kann die Rote Armee einige Städte rund um München sichern, etwa Freising, Rosenheim und Kaufbeuren. Aber schon rücken neue Einheiten von Reichswehr und Freikorps heran.

Am 20. April marschieren die angreifenden Truppen in Augsburg ein. Rund 35.000 Soldaten nehmen nun auch München von allen Seiten in die Zange. Panzerzüge, Panzerwagen, Flugzeuge: Die Macht des Deutschen Reichs steht gegen das ausgehungerte München. So wie die Reichsregierung in Berlin muss auch Hoffmann dafür mit den Rechten gemeinsame Sache machen. Die hetzen mit nationalistischen Parolen. Das dabei verwendete Muster wird Deutschland noch lange verfolgen: In München seien jüdische, bolschewistische Geisteskranke am Werk, die es mit Stumpf und Stiel auszurotten gelte.

21. April: Mit vorgehaltener Waffe beschlagnahmen Rotarmisten das Auto des päpstlichen Nuntius in München. Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., flüchtet bald darauf aus der Stadt.

22. April: Am letzten Tag des Generalstreiks paradieren 12.000 Bewaffnete durch die Ludwigstraße. Es ist die letzte Heerschau der Roten Armee. Rudolf Egelhofer gibt in Matrosenuniform Durchhalteparolen aus.

26. April: Egelhofer lässt ein Hotel durchsuchen, in dem die rechtsradikale Thule-Gesellschaft residiert. Ihr Wappen ist ein Hakenkreuz, man grüßt sich mit „Sieg und Heil“ und gibt den „Münchner Beobachter“ heraus (aus dem später der „Völkische Beobachter“ der Nationalsozialisten hervorgehen wird). Einige Mitglieder werden verhaftet. 29. April: 25 Kilometer südlich von München fällt Starnberg an ein Freikorps aus Württemberg. 30. April: Die Rote Armee muss Dachau aufgeben. Die Kraft reicht nicht aus. Die Räteherrschaft beginnt sich unter der Wucht der feindlichen Angriffe aufzulösen. Viele bewaffnete Arbeiter werfen die Gewehre fort und gehen heim.

Ein Ausschuss der Räte bietet Hoffmann die Niederlegung der Waffen an, wenn die Reichstruppen vor der Stadt bleiben. Doch der Ministerpräsident lehnt ab. Berlin und Bamberg gehen auf keine Bedingungen ein. Sie wollen die völlige Niederwerfung der Räterepublik. Dazu haben sie ihren Soldaten die standrechtliche Erschießung jedes Kämpfers erlaubt, der sich ihnen widersetzt. Das brutale Vorgehen der Reichstruppen ist das Todesurteil für zehn Gefangene der Roten Armee im Münchner Luitpold-Gymnasium. Unter ihnen sind einige adelige Mitglieder der „Thule-Gesellschaft“: Friedrich Wilhelm von Seydlitz, Gustav von Thurn und Taxis, Hella von Westarp.

Die Hinrichtung der zehn im Schulhof ist die einzige hervorstechende Gräueltat der Linken in München. Die Reichstruppen wüten weitaus brutaler: 52 Tote in einer Kiesgrube, 21 Handwerker am Karolinenplatz, 22 Exekutierte in Starnberg. Die Marinebrigade Ehrhardt trägt das Hakenkreuz am Stahlhelm. Bei den Regierungstruppen: die späteren NSDAP-Größen Heinrich Himmler, Ernst Röhm, Rudolf Heß. Der Korpsführer Ritter von Epp wird später NS-Statthalter in Bayern.

1. Mai: Rotarmisten gelingt es mit Minenwerfern, einen Panzerzug zu zerstören, dessen Besatzung sich zum Hauptbahnhof vorkämpfen wollte. Sie haben ihre Geschütze auf der Hackerbrücke aufgebaut, die vor der Station quer über die Bahngleise verläuft. Bis zum nächsten Tag halten sie die Stellung, dann beenden Regierungstruppen mit Granatenfeuer die Blockade des Bahnhofs.

2. Mai: Für 12.00 Uhr ist der allgemeine Sturm auf München von allen Seiten angesetzt. Verstärkt durch Panzerwagen, rücken Hoffmanns Leute vor. In Großhadern am Stadtrand zerren Soldaten Gustav Landauer aus dem Haus der Witwe Eisners, wo er sich versteckt gehalten hat. Gegenwehr gibt es vor allem in Arbeitervierteln wie Giesing und Haidhausen, am Schlachthof sowie im Zentrum rund um Stachus und Sendlinger Tor. Allein um den Kiosk auf dem Stachus tobt ein stundenlanger Kampf.

Zum letzten Gefecht kommt es am gegenüberliegenden „Mathäserbräu“, in dem Kurt Eisners Umsturz im November 1918 seinen Anfang genommen hatte. Am Abend des 2. Mai ist schließlich ganz München in der Hand der Regierungstruppen. Nun beginnen die „Säuberungen“. In den Arbeitergegenden töten die Soldaten tagelang nach Belieben. Mehr als 600 Menschen sterben, weil sie eine Waffe getragen haben oder die falsche Armbinde oder einfach eine Arbeiterkappe.

In den Biergärten der besseren Viertel spielen die Militärkapellen fortan wieder patriotische Lieder. Oskar Maria Graf beobachtet, wie feine Damen der Gesellschaft auf der Ludwigstraße einen Zug Gefangener verhöhnen, bespucken, Ohrfeigen austeilen. Der Schriftsteller notiert über die Münchner Arbeiter: „Sie sind alle Hunde gewesen, wie ich, haben ihr Leben lang kuschen und sich ducken müssen, und jetzt, weil sie beißen wollten, schlägt man sie tot.“ Zu spät kommen Lenins Glückwünsche aus Moskau zum 1. Mai: Die Arbeiterklasse, die sich befreit habe, so der Sieger der Oktoberrevolution erfreut über den Umsturz in München, feiere an diesem Tag nicht nur in der Sowjetunion – sondern auch in Sowjetbayern.

DIE MÜNCHNER Räteherrschaft ist beendet. Im Terror der rechten Gewalt geht das München der Künstler und Literaten endgültig unter; jenes München, das einstmals leuchtete, so wie es Thomas Mann beschrieben hat. Und das im November 1918 trotz der Verrohungen durch den Weltkrieg eine ganz und gar unblutige Revolution hervorbrachte. In München setzten sich linke Autoren an die Spitze der Bewegung, weil die Stadt schon lange vor dem Krieg ein Sammelbecken der Künstler und Literaten war. Weil die Schriftsteller im Krieg zu den Ersten gehörten, die sich offen gegen das System wendeten. Und weil sie Ideale propagierten, die mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs auf fruchtbaren Boden fielen. Als sie jedoch ihre Utopie an der Isar wahr werden lassen wollten, wurde der Traum zum Albtraum.

Ernst Toller kann sich zunächst bei Freunden verstecken, wird im Juni 1919 verhaftet und wegen Hochverrats verurteilt. 1924 kommt er frei, flieht 1933 vor den Nationalsozialisten ins Ausland und begeht 1939 in New York Selbstmord. Rudolf Egelhofer entdecken die Häscher in der Wohnung einer befreundeten Ärztin unter einem Berg Wäsche. Er wird am 3. Mai 1919 in der königlichen Residenz erschossen.

Gustav Landauer wird ins Gefängnis München-Stadelheim gebracht. Im Hof malträtieren ihn die Wachen mit Gewehrkolben. Als er sich, auf dem Bauch liegend, noch bewegt, schießt ihm ein Vizewachtmeister zweimal in den Rücken. Die Wucht der Projektile reißt ihm sein Herz heraus. Den Leichnam wirft man ins Waschhaus. Erich Mühsam wird 1919 wegen Hochverrats zu 15 Jahren Haft verurteilt. Bei einer Amnestie 1924 entlässt man ihn aus dem Gefängnis – gleichzeitig mit dem ebenfalls in Haft befindlichen Adolf Hitler. Im Februar 1933 sperrt das NS-Regime Mühsam erneut ein. Der Mann, der einige der kühnsten Träume der Räteherrschaft hervorgebracht hat, stirbt am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg. SS-Männer erhängen ihn in der Latrine.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Schneider, Curt: Räteherrschaft. Ende einer Utopie, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates 1806-2018 (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92), Hamburg 2018, S. 88-99.

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