Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Friedrich Ebert
- Otto Dix
- Karl Liebknecht
- Matthias Erzberger
- Vicki Baum
- Gustav Stresemann
- Paul von Hindenburg
- Marlene Dietrich
- Albert Einstein
- Werner Heisenberg
- Bertolt Brecht
- Käthe Kollwitz
- Gabriele Münter
- Else Lasker-Schüler
- Hermann Hesse
1. Friedrich Ebert
Als erster Reichspräsident der Weimarer Republik stellte sich Friedrich Ebert der schwierigen Verantwortung, die junge Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg durch eine Zeit der Krisen zu führen. Sein Anspruch, nicht als Parteipolitiker, sondern als „Beauftragter des ganzen deutschen Volkes“ zu handeln, wurde dabei zum Grundmotiv einer stets dem Schutz der Republik verpflichteten Gratwanderung.
In der zeitgenössischen Rezeption schwankte das Bild von Ebert zwischen „Vertreter der kleinen Leute“, „Mann des Ausgleichs“ und „Bewahrer der Republik“ einerseits und „Verräter sozialistischer Ideale“, „Novemberbrecher“, „Bundesgenosse des Militärs“ oder „Agent der Bourgeoisie“ andererseits. Die Verdienste des ersten demokratisch gewählten Staatsoberhaupts Deutschlands um die parlamentarische und soziale Demokratie machten ihn zur Zielscheibe sowohl links- als auch rechtsgerichteter Anfeindungen.
Friedrich Ebert wurde am 4. Februar 1871 in Heidelberg geboren. Er begann eine Lehre als Sattler, trat noch während der anschließenden Wanderschaft der späteren SPD bei und war als politischer Redner und Organisator aktiv. Während seiner Zeit in Bremen bewies er als Arbeitersekretär der lokalen SPD ein offenes Ohr für die konkreten Probleme der „einfachen Leute“. Zeit seines Lebens konzentrierte er sich auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen eher auf die kurzfristige Lösung akuter Missstände als auf das langwierige Ausfechten programmatischer Auseinandersetzungen. Einem raschen Aufstieg zum überregional bekannten Arbeiterführer und Mitvorsitzenden der SPD folgte 1912 der Einzug in den Reichstag.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs sah Ebert, ganz Realpolitiker, in der Unterstützung der Kriegskredite der Regierung eine Chance zur Durchsetzung wirtschaftlicher, sozialer und politischer Reformen. Er positionierte sich zusehends schärfer gegen den linken Flügel seiner Partei, konnte die im April 1917 vollzogene Spaltung der Sozialdemokratie in die Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) aber nicht verhindern. Im revolutionären Umfeld der unmittelbaren Nachkriegszeit stellte er sich als Reichskanzler und Mitglied des Rates der Volksbeauftragten an die Spitze der Übergangsregierung und half maßgeblich mit, die Umsturzversuche in parlamentarische Bahnen zu lenken und möglichst früh Wahlen zur Nationalversammlung durchzuführen.
Am 11. Februar 1919 wurde Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten gewählt. Seine Amtszeit wurde von einer Reihe schwieriger Entscheidungssituationen geprägt, darunter etwa die Auseinandersetzungen um den Versailler Vertrag, der Militärputsch der Generäle Kapp und Lüttwitz im März 1920, der Aufstand der Roten Ruhrarmee, die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen sowie die Hyperinflation. Eberts gesamte Amtszeit war darüber hinaus begleitet von einer Schmutzkampagne von kommunistischen und deutschnationalen Agitatoren. 1924 war Ebert in einen Prozess verwickelt, bei dem das Amtsgericht Magdeburg schließlich ein Urteil sprach, das das demokratiefeindliche Lager in seinem Hass auf die Republik bestätigte. Mit Rücksicht auf den laufenden Prozess hatte Ebert die dringend notwendige Behandlung einer Blinddarmentzündung verzögert.
Am 28. Februar 1925 starb Friedrich Ebert im Alter von nur 54 Jahren nach einer Notoperation.
Friedrich Ebert wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Heidelberger Bergfriedhof beigesetzt. Sein Tod bedeutete eine tiefe Zäsur in der politischen Entwicklung der Weimarer Demokratie. Unter seinem Nachfolger Paul von Hindenburg verschoben sich die politischen Gewichte deutlich nach rechts. In Heidelberg erinnert heute die Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte an den ersten Reichspräsidenten.
2. Otto Dix
Pseudonyme: Jimmy; Jim; Toy
1891 – 1969
Maler, Grafiker
Otto Dix gehört zu den herausragenden Künstlern der Weimarer Republik. Mit seinem veristischen Stil in Malerei und Grafik etablierte er sich als führender Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Seine Porträts und Darstellungen zum Ersten Weltkrieg prägen bis heute das kollektive Bildgedächtnis. Im „Dritten Reich“ wurde der Maler als „entartet“ diffamiert und verlor seine Professur an der Staatlichen Akademie der Künste in Dresden. Nach 1945 malte Dix in einem stärker expressionistischen Stil, konnte aber nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen.
Jugend und Ausbildung
Dix wuchs in einem sozialdemokratisch geprägten Arbeiterhaushalt in Untermhaus bei Gera auf, wo er von 1898 bis 1906 die Volksschule besuchte und als Kind dem Maler Fritz Amann (1878–1969), Cousin seiner Mutter, Modell stand. Nach einer Lehre als Dekorationsmaler bei der Firma Carl Senff in Gera von 1906 bis 1910 studierte er anschließend bis August 1914 Ornament- und Naturmalerei, Figurenzeichnen und Figürliche Dekorationsmalerei an der Königlichen Kunstgewerbeschule zu Dresden, u. a. bei Richard Guhr (1873–1956). In Dresdner Museen und Galerien lernte er Werke der Alten Meister, Vincent van Goghs (1853–1890) und der lokalen Expressionisten, insbesondere der Künstlergruppe „Brücke“, kennen. Im Ersten Weltkrieg diente Dix als Frontsoldat; seine Kriegserfahrungen verarbeitete er in Zeichnungen und Gouachen, die den Frontalltag, die Kämpfe und zerstörte Landschaften zeigen. Zahlreiche Selbstbildnisse dieser Zeit offenbaren sein künstlerisches Konzept des Stilpluralismus.
Dada und Verismus
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg schuf Dix seine starkfarbigen, expressiv-futuristischen „Kosmischen Bilder“, die ihn in Deutschland berühmt und berüchtigt werden ließen, aber bald dadaistisch-veristischen Arbeiten wichen. Eine besondere Rolle nahmen dabei zwei verlorene lebensgroße Darstellungen von Lustmorden ein, die Dix im Selbstbildnis als Täter (1920) und auf fotografischer Grundlage das aufgeschlitzte Opfer auf einem Bett (1922) darstellen. Die beiden Lustmord-Bilder zeigen den Wandel Dix‘ vom Dadaismus zum Verismus. 1920 nahm er mit dem Hauptwerk „Die Kriegskrüppel“ an der 1. Internationalen Dada-Messe in Berlin teil und studierte bei Max Feldbauer (1869–1948) und Otto Gussmann (1869–1926) als Meisterschüler an der Staatlichen Akademie der Künste in Dresden. Paul Ferdinand Schmidt (1878–1955), Direktor der Städtische Kunstsammlungen Dresden von 1919 bis 1924, förderte ihn, u. a. durch den Ankauf seiner 1914 angefertigten Nietzsche-Büste (heute verschollen).
Rheinland, Berlin und Dresden – Die Neue Sachlichkeit
1922 siedelte Dix nach Düsseldorf über, wo er an der Kunstakademie Meisterschüler von Heinrich Nauen (1880–1940) und Wilhelm Herberholz (1881–1956) wurde. Er schloss sich der Künstlergruppe „Das junge Rheinland“ um die Kunstmäzenin und Galeristin Johanna Ey (1864–1947) an; Karl Nierendorf (1889–1947) wurde sein wichtigster Galerist, seit dem 21. Mai 1926 in Alleinvertretung. In Düsseldorf entstand 1921/23 das großformatige Gemälde „Schützengraben“, das vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum erworben und wegen heftiger Kritik an der detailversessenen Darstellung hinter einem Vorhang präsentiert wurde. 1925 wurde es deshalb wieder an Nierendorf zurückgegeben, auf der Internationalen Kunstausstellung in Zürich gezeigt, blieb unverkäuflich, und ist seit 1940 verschollen. 1924 schuf Dix mit der aus fünfzig Blättern bestehenden Grafikmappe „Der Krieg“ ein Hauptwerk der modernen Kunst, das bis heute als Bezugspunkt engagiert-kritischer künstlerischer Tätigkeit dient. Inhaltlich facettenreich und technisch virtuos, stellt es ein Panorama des Kriegs dar, das die Trivialität des Alltags, das Groteske, die Grausamkeit und den Tod ausbreitet.
1925 war Dix mit seiner kühlen zeichnerischen Prägnanz eine zentrale Figur der Mannheimer Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit; zahlreiche seiner Porträts zeigen Schlüsselfiguren der Epoche wie Anita Berber (1899–1928), Sylvia von Harden (1894–1963), Alfred Flechtheim (1878–1937) und Theodor Däubler (1876–1934). Expressive und groteske Züge blieben in diesen Werken erhalten, wobei gesteigerte Farbigkeit Dix’ künstlerisches Mittel in Konkurrenz zur Porträtfotografie blieb. Zunehmend setzte er sich mit den Alten Meistern auseinander und malte zwei großformatige Triptychen, „Großstadt“ (1927/28) und „Der Krieg“ (1929/32), Allegorien der Lebensalter, Schwangere, die eigene Familie und sich selbst. 1931 entstand das an Dürer angelehnte programmatische „Selbstbildnis mit Kristallkugel“, das den Maler als Seher interpretiert und auf die sich verschärfende Krise der Weimarer Republik sowie die eigene Kunst – so auf die reduzierte Farbigkeit des Verismus sowie die kreisförmige Komposition des gleichzeitigen Triptychons „Der Krieg“ – anspielt. Seine Werke wurden in bedeutenden internationalen Ausstellungen gezeigt, u. a. der Internationalen Kunstausstellung Dresden (1926), im Carnegie Institute Pittsburgh (1927), im Museum of Modern Art New York City (1931) sowie auf der 16. und 17. Biennale in Venedig (1928/30).
„Drittes Reich“ und Nachkriegszeit
Im April 1933 verlor Dix auf Grundlage des NS-Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums seine Dresdner Professur; seine Kunstwerke galten den Nationalsozialisten als „entartet“. Nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit scheiterten Versuche der Anpassung, u. a. in der Ausstellung „Zwei deutsche Maler“ mit dem Reichskulturkammer-Funktionär Franz Lenk (1898–1968) bei Nierendorf in Berlin 1935. Politisch kritische Hauptwerke wie die allegorischen „Sieben Todsünden“ (1933), in denen Adolf Hitler (1889–1945) als Neid dargestellt ist, „Triumph des Todes“ (1934), „Flandern“ (1934/36) sowie religiöse Themen („Die Versuchung des Heiligen Antonius“, 1936/37, „Der Heilige Christophorus IV“, 1939) fanden kaum mehr ein Publikum. Seit Januar 1934 Mitglied der Reichskulturkammer, konnte Dix weiterarbeiten, auch vereinzelt ausstellen und verkaufen, doch war er auf private Förderer angewiesen, deren Zeitgeschmack er sich mitunter anpasste. In der Münchner NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ im Juli 1937 wurden mehr als 20 seiner Werke gezeigt (einschließlich Blätter der Mappe „Der Krieg“, 1924), ca. 260 seiner Werke wurden beschlagnahmt, wohl mehrere Arbeiten auf Papier im März 1939 im Hof der Berliner Hauptfeuerwache vernichtet. Zudem war er Repressionen ausgesetzt, etwa durch eine kurzzeitige Verhaftung in Dresden im November 1939 im Zusammenhang mit dem Münchner Bürgerbräukeller-Attentat auf Hitler, da er sich auf einer Liste des Reichssicherheitshauptamtes von führenden Persönlichkeiten der „Systemzeit" befand. Das in dieser Zeit von Landschaftsdarstellungen geprägte Werk oszillierte zwischen Anpassung und Widerstand.
Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs gab Dix die altmeisterliche Technik auf und kehrte zum Expressionismus zurück. Die zeitaufwendige und genau zu planende Lasurmalerei wurde von der freieren Alla-Prima-Technik, die langwierige Vorbereitungen und Arbeitsprozesse zugunsten einer spontaneren Malweise vermied, abgelöst. Anspielungen auf die christliche Ikonografie setzte er weiter zur Interpretation der eigenen Zeit ein. Trotz künstlerischer Rehabilitation, etwa auf der documenta I in Kassel 1955, und einzelner Aufträge wie für das große Wandbild „Krieg und Frieden“ für den Rathaussaal in Singen am Hohentwiel (1960), konnte Dix nicht mehr an frühere Erfolge anschließen. In den beiden deutschen Staaten wurde er selektiv rezipiert, wobei in der Bundesrepublik mit der Wiederentdeckung des sog. Epochenstils seit ca. 1960 vornehmlich der neusachliche Künstler der 1920er Jahre wertgeschätzt wurde. In der DDR wurde Dix als Anti-Kriegsmaler wahrgenommen, während man seinen Blick auf das Proletariat, trotz seines Einflusses auf proletarisch-revolutionäre Künstler, als zu wenig positiv kritisierte. Das umfangreiche Spätwerk, das seinen Wunsch zeigt, dem eigenen, an die ‚Goldenen Zwanziger Jahre‘ geknüpften Mythos zu entkommen, fand bislang wenig Beachtung.
3. Karl Liebknecht
L. studierte 1890-93 Rechtswissenschaften und Nationalökonomie in Leipzig und Berlin. 1893/94 leistete er seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei den Garde-Pionieren in Berlin, anschließend war er bis 1898 Referendar in Arnsberg und Paderborn. 1897 erfolgte die Promotion zum Dr. iur. et rer. pol. in Würzburg mit der Dissertation „Compensationsvollzug und Compensationsvorbringen nach gemeinem Rechte“. L. eröffnete 1899 in Berlin gemeinsam mit seinem älteren Bruder Theodor eine Rechtsanwaltspraxis. Er trat erst im Aug. 1900 der SPD bei, wurde aber bereits im Nov. 1901 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, der er bis 1913 angehörte. 1903 und 1907 als Kandidat für den Reichstagswahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland unterlegen, konnte er diesen Wahlkreis 1912 für die SPD erobern. L. war Delegierter auf den sozialdemokratischen Parteitagen und wurde 1908 ins Preuß. Abgeordnetenhaus gewählt.
Bekannt wurde L. als politischer Anwalt, vor allem bei der Verteidigung von Funktionären der russ. Arbeiterbewegung. Seit Erscheinen seines Buches „Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung“ (1907) trat er als Gegner des Militarismus und als einer der Führer der sozialistischen Jugendbewegung auf. Er war 1907-10 Präsident der sozialistischen Jugendinternationale. Von Okt. 1907 bis Juni 1909 mußte L. wegen seines Militarismus-Buches eine Festungshaft in Glatz absitzen. 1911 unternahm er eine Agitationsreise durch die USA. Im Reichstag wandte sich L. gegen die Geschäftspraktiken der Rüstungsfirmen. Bei Ausbruch des Weltkriegs versuchte L. vergeblich, die sozialdemokratischen Abgeordneten für eine Ablehnung der Kriegskredite zu gewinnen. Nachdem er in der Fraktion gegen die Kredite gestimmt hatte, unterwarf er sich der Parteidisziplin und stimmte am 4.8.1914 im Reichstag für die Bewilligung. L., der vor dem Krieg als radikaler Einzelgänger noch nicht zum Kern der „Linken“ in der SPD um →Rosa Luxemburg, →Franz Mehring und →Julian Marchlewski gezählt hatte, lehnte sich nun eng an diese Gruppe an. Nachdem er am 2.12.1914 als einziger Abgeordneter im Reichstag gegen die Bewilligung der Kriegskredite gestimmt hatte, wurde er zur Symbolfigur der Kriegsgegner. Im Febr. 1915 wurde L. als Armierungssoldat zum Militärdienst eingezogen, bis auf sein Auftreten im Reichstag und Preuß. Abgeordnetenhaus war ihm damit jede politische Betätigung untersagt. Dennoch war er aktiv an|der Bildung der Gruppe „Internationale“, die seit 1916 als Spartakusgruppe bekannt wurde, beteiligt. Im Mai 1915 verfaßte er das Flugblatt „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“. Im April 1916 nahm L. an einer illegalen Tagung der Arbeiterjugend in Jena teil, er organisierte zum 1.5.1916 eine Friedensdemonstration auf dem Potsdamer Platz in Berlin und wurde dort verhaftet. Am 28.6.1916 verurteilte das Kommandanturgericht Berlin L. zu 2½ Jahren Zuchthaus, das Oberkriegsgericht erhöhte die Strafe in der Berufungsinstanz auf 4 Jahre und 1 Monat Zuchthaus. L. kam im Nov. 1916 ins Zuchthaus Luckau. Dort verfaßte er mehrere Schriften, darunter seine philosophischen „Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung“. Diese zeigen ihn als einen durchaus eigenständigen Denker.
L. wollte zwar die marxistische Theorie als Grundidee des Sozialismus erhalten, er kritisierte aber sowohl die ökonomischen Kategorien von Marx als auch den historischen Materialismus. Er lehnte die These vom Wirken „historischer Gesetze“ ebenso ab wie das Marxsche Schema von ökonomischer Basis und ideologischem Überbau. Philosophisch verstand sich L. als Agnostiker und Universalist. Seine Sozialismus-Vorstellungen beruhten auf der Grundthese von der „Tendenz zur Steigerung der natürlichen und sozialen Solidarität“.
Am 23.10.1918 vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen, wurde L. von seinen Anhängern in Berlin begeistert begrüßt. In der Novemberrevolution führte er gemeinsam mit →Rosa Luxemburg den „Spartakusbund“ und gab dessen Organ, die „Rote Fahne“, heraus. Am 9.11. rief er vom Balkon des Schlosses in Berlin die „freie sozialistische Republik“ aus. Er war nicht bereit, in die Revolutionsregierung einzutreten, und versuchte, die Massen gegen die sozialdemokratischen Volksbeauftragten und für eine Räteherrschaft zu mobilisieren. Auf dem Gründungsparteitag der KPD (30.12.1918 - 1.1.1919) forderte er die Trennung von der USPD und die Bildung der neuen Partei, deren Führer er neben →Rosa Luxemburg wurde. L. neigte einem radikalen, revolutionären Kommunismus zu. Während der Januar-Kämpfe in Berlin erklärt er die Regierung Ebert für „abgesetzt“. Nach den Unruhen wurde L.zusammen mit →Rosa Luxemburg von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützendivision festgenommen und am 15.1.1919 brutal ermordet.
4. Matthias Erzberger
* 20.09.1875 in Buttenhausen † 26.08.1921 (ermordet) in Bad Griesbach
Auf tragische Weise legte Matthias Erzberger die Zerrissenheit des ausgehenden Kaiserreichs und der jungen Weimarer Republik offen. Auch weil er sich als herausragender Parlamentarier um eine Überwindung politischer wie gesellschaftlicher Spannungen bemühte und an einer umfassenden Reformierung innen- wie außenpolitischer Strukturen arbeitete, wurde er als Repräsentant der Weimarer Demokratie 1921 von rechten Nationalisten ermordet.
Für die Zeit des Kaiserreichs legte der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Matthias Erzberger eine beachtliche politische Karriere hin. Bereits mit 28 Jahren zog er als Abgeordneter des Zentrums in den Reichstag ein und etablierte sich dort schnell als Experte für Haushaltsfragen. Während er zu Beginn des Ersten Weltkriegs durchaus nationalistische, imperialistische Ideen unterstützte und sich unter anderem auch Annexionsforderungen anschloss, wandelte er sich über militärische Rückschläge immer mehr zu einem Befürworter einer Friedens- und Verständigungspolitik. Im Juli 1917 forderte er in einer Rede vor dem Reichstag dazu auf, auf Annexionen zu verzichten und mit einem "Verständigungsfrieden" ein Ende des Krieges herbeizuführen; seine Forderungen wurden schließlich von einer Mehrheit aus Linksliberalen, Sozialdemokraten und Zentrum als Friedensresolution angenommen. Damit bereitete er einer gemeinsamen parlamentarischen Mitte den Weg in die spätere Weimarer Republik, wurde jedoch erstmals auch Hassfigur der nationalistischen Rechten. Als Staatssekretär unter Max von Baden bemühte sich Matthias Erzberger um Verhandlungen eines Waffenstillstands und unterschrieb als Minister in Compiègne 1918 eben jenen Waffenstillstand. Nach seiner Ermordung 1921 erschien diese Unterschrift Weggefährten wie Joseph Wirth wie die Zustimmung zum eigenen Todesurteil.
Als Politiker der Weimarer Republik drängte er im Anschluss weiter auf einen Vorzug der Politik gegenüber dem Militär. Sein Kernanliegen war dabei, die junge Weimarer Demokratie gegen Angriffe von links und rechts zu wappnen und auf eine stabile Handlungsgrundlage zu setzen. Während der Novemberrevolution trat er deshalb als Vertreter des politischen Katholizismus für eine Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten und Liberalen ein. Da er als Reichsminister ohne Geschäftsbereich der Regierung von Philipp Scheidemann die Annahme des Versailler Vertrags unterstützte, wurde Erzberger zur prominenten Zielscheibe antirepublikanischer Gegner der Weimarer Republik, die ihn als Vaterlandsverräter und „Erfüllungspolitiker“ beschimpften. Noch mehr Gegner brachte er gegen sich auf, als er 1919 als Reichsfinanzminister eine gerechtere Steuerreform zu Lasten der Besitzenden anstrebte. Durch eine Verleumdungsaktion musste Erzberger bereits 1920 seine Posten räumen; ein Jahr später wurde er am 26. August in Bad Griesbach ermordet.
5. Vicki Baum
1888 – 1960
Schriftstellerin, Journalistin, Drehbuchautorin, Harfenistin
Die österreichisch-US-amerikanische Autorin Vicki Baum gehört zu den international kommerziell erfolgreichsten Schriftstellerinnen des deutschsprachigen Raums im 20. Jahrhundert. Ihre in 32 Sprachen übersetzten und vielfach verfilmten Romane verfasste sie seit 1939 auf Englisch. Baums literarisches Hauptwerk ist der Roman „Menschen im Hotel“ (1929).
Leben
Baum wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Wien auf, wo sie das Lehrerpädagogium besuchte. Von 1898 bis 1904 absolvierte sie eine Ausbildung zur Harfenistin am Wiener Konservatorium und erhielt anschließend ein Engagement beim Wiener Concertverein. Nach ihrer Scheidung von dem Journalisten Max Prels (1878–1926) 1913 ging sie als Harfenistin an das Hoftheater Darmstadt, gab aber ihren Beruf 1916 nach der Heirat mit dem Dirigenten Richard Lert (1885–1980) auf und lebte danach in Kiel, Hannover und Mannheim. 1926 übersiedelte sie zunächst allein nach Berlin, wo sie eine Anstellung als Zeitschriftenredakteurin beim Ullstein Verlag erhielt; 1928 folgten ihr ihre Söhne, 1929 der Ehemann. Baums auf der Grundlage ihres Romans „Menschen im Hotel“ (1929) inszeniertes Theaterstück „Grand Hotel“ wurde 1931 am Broadway zu einem Erfolg. Sie reiste noch im selben Jahr nach New York City und emigrierte 1932 mit ihrer Familie nach Los Angeles (Kalifornien, USA). Baums Bücher wurden 1933 im nationalsozialistischen Deutschland verboten und sie 1938 ausgebürgert (US-amerikanische Staatsbürgerin 1938).
In den USA pendelte Baum regelmäßig zwischen ihrem Haus in Los Angeles und ihrer Wohnung in New York City, war weiterhin schriftstellerisch tätig und arbeitete bis 1937 als Drehbuchautorin bei der Filmproduktionsgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). 1935 und 1936 reiste sie nach Japan, China, Indonesien und Europa, um Stoff für neue Romane zu sammeln; im März 1939 führte sie eine Vortragstour nach England. Ihren letzten Aufenthalt in Europa trat sie 1949 an.
Werk
Baum begann um 1905, sich schriftstellerisch zu betätigen. Erste Gedichte und Erzählungen erschienen seit 1908 in Zeitschriften wie „Erdgeist“ (Wien), „Der Merker“ (Wien) und „Jugend“ (München). 1914 legte sie ihren Erstlingsroman „Frühe Schatten. Das Ende einer Kindheit“ vor, der autobiografisch geprägt ist. Thomas Mann (1875–1955) – Baums literarisches Vorbild – sprach ihr als Mitglied bzw. Vorsitzender der Jury bei den Literaturwettbewerben der Zeitschrift „Licht und Schatten“ 1910 und der „Kölnischen Zeitung“ 1924 für ihre Erzählungen „Alter Schloßpark“ (1910) bzw. „Der Weg“ (1924) den ersten Preis zu. Der Ullstein Verlag, in dem ihre Romane seit 1920 erschienen, baute Baum seit 1926 gezielt als Marke und Bestsellerautorin auf.
Baums Hauptwerk ist der 1929 veröffentlichte Roman „Menschen im Hotel“, der in der Originalausgabe den ironischen Untertitel „Ein Kolportageroman mit Hintergründen“ trägt und zunächst in Fortsetzungen in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ erschien. Der Schauplatz des Romans ist ein Berliner Luxushotel, in dem innerhalb von fünf Tagen Figuren aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammenkommen, miteinander agieren und wieder auseinandergehen. 1929 von Baum dramatisiert, bildete der Roman die Grundlage für die US-amerikanische Theaterinszenierung sowie die äußerst erfolgreiche Hollywoodverfilmung „Grand Hotel“ (1932) unter der Regie von Edmund Goulding (1891–1959) mit Greta Garbo (1905–1990) in der Hauptrolle. Während deutsche Kritiker „Menschen im Hotel“ als „Romankitsch“ – so Alfred Kerr (1867–1948) – und „Kosmetik“ – so Herbert Ihering (1888–1977) – kritisierten, wurde die englische Übersetzung in Großbritannien begeistert aufgenommen. Graham Greene (1904–1991) beurteilte den Roman als „oberflächlich, melodramatisch, sentimental, aber technisch vollendet“, John B. Priestley (1894–1984) als „eine Art Kinofilm des modernen Lebens“.
Beeinflusst von ihren Weltreisen, legte Baum 1937 und 1939 die Romane „Liebe und Tod auf Bali“ und „Hotel Shanghai“ vor, die den „Puputan“ (Massenselbstmord) der Balinesen in Badung 1906 und den versehentlichen Bombenabwurf chinesischer Flugzeuge auf die Nanking Road in Shanghai 1937 literarisieren. Die Verknüpfung von historischem Hintergrund und atmosphärischen Details in diesen Werken fand international Beachtung.
Nach 1945 konnte Baum, die seit „The Ship and the Shore“ (1941) ausschließlich in englischer Sprache schrieb, in den USA nicht mehr an ihre Erfolge anknüpfen. Auch „The Mustard Seed“ (1953), ein satirischer Roman über die neurotische, von Kommerz und Sex beherrschte US-Gegenwartsgesellschaft, fand wenig Resonanz. In der Bundesrepublik und Europa hingegen wurden ihre Romane, von denen viele auch als Verfilmungen große Popularität erlangten, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder veröffentlicht und werden bis heute erfolgreich neu aufgelegt. Baums 1958 begonnene Autobiografie, die „Nicht so wichtig“ heißen sollte, blieb Fragment und wurde postum 1962 von ihrer Schwiegertochter Ruth Lert (1915–1997) unter dem Titel „It was all quite different“ (Es war alles ganz anders) vollendet.
Baums Romane, die sich durch präzis recherchierte Milieuschilderungen und das ironische Spiel mit Formeln und Schemata auszeichnen, galten im deutschsprachigen Raum lange als „Unterhaltungsliteratur“, Baum als Trivialautorin. Im Zuge der Erforschung der literarischen „Neuen Sachlichkeit“ seit den 1980er Jahren wurde v. a. „Menschen im Hotel“ als neusachlicher Zeitroman wiederentdeckt, und Vicki Baum erfuhr eine Neubewertung als „neusachliche Bestsellerautorin“.
6. Gustav Stresemann
S. entstammte einer Familie des Berliner Kleinbürgertums; im Berliner Südosten betrieben die Eltern einen Flaschenbierhandel mit Gaststube. S. als dem jüngsten ihrer acht Kinder ermöglichten sie den Besuch der höheren Schule (Andreas Realgymnasium, Abitur 1897). Obwohl die persönlichen Neigungen des jungen S. der Geschichte und Literatur galten und ihm eine Laufbahn als Journalist vorschwebte, konzentrierte er sich im Studium (1898–1901 in Berlin u. Leipzig) auf die Nationalökonomie. Gleich nach der Promotion in Leipzig bei Karl Bücher (1901) übernahm er in Dresden die Stelle eines Assistenten beim Verband der Schokoladenfabrikanten und entfaltete eine ideenreiche organisatorische Aktivität: Unter seiner Führung entwickelte sich der 1902 gegründete „Verband sächsischer Industrieller“ (Syndikus bis 1919) zu einem der größten regionalen Wirtschaftsverbände. Parallel zum beruflichen Aufstieg vollzog sich die politische Karriere. In seiner Studentenzeit war S. ein aktives Mitglied in der Reformburschenschaft „Neo Germania“ und schloß sich auch Friedrich Naumanns „Nationalsozialem Verein“ an. Als sich dieser nach dem Debakel bei der Reichstagswahl 1903 auflöste, ging S. allerdings nicht mit Naumann und den meisten seiner Anhänger zur Freisinnigen Vereinigung, sondern trat der Nationalliberalen Partei bei. 1906 wurde er zum Dresdner Stadtverordneten gewählt, 1907 eroberte er bei der Reichstagswahl den Erzgebirgswahlkreis Annaberg. Als jüngstes Reichstagsmitglied war S. ein außerordentlich aktiver und rhetorisch begabter, rasch in der vordersten Reihe agierender Abgeordneter. Maßgeblichen Anteil hatte er am Zustandekommen einer Angestelltenversicherung (1911).
Der steile politische Aufstieg endete abrupt 1912. Bei der Reichstagswahl verlor S. sein Mandat, und Exponenten des rechten Parteiflügels verdrängten ihn aus dem Führungsgremium der Nationalliberalen Partei. S. sah sich auf seine Tätigkeit als Verbandsfunktionär zurückgeworfen. Im Dez. 1914 erneut in den Reichstag gewählt, fiel ihm schnell eine Führungsrolle in der nationalliberalen Fraktion zu. Nach dem Tod Ernst Bassermanns (1854–1917) wurde er im Sept. 1917 zum Fraktionsvorsitzenden und zum stellv. Parteivorsitzenden gewählt.
S.s politisches Agieren während der Kriegsjahre stellt ein besonders problematisches Kapitel seiner Biographie dar. Zwar trat er für innere Reformen ein (Abschaffung des preuß. Dreiklassenwahlrechts, Stärkung des Parlaments), forderte aber im Einklang mit der großen Mehrheit seiner Partei umfangreiche Annexionen sowie den unbeschränkten U-Boot-Krieg und arbeitete auf den Sturz des Reichskanzlers Bethmann Hollweg hin. Kriegsniederlage und Zusammenbruch des Kaiserreichs brachten S. in eine schwierige Lage, die seine führende Position im dt. Liberalismus akut gefährdete. Die Auseinandersetzungen um eine Neuformierung des liberalen Lagers beendeten nicht die Spaltung des dt. Liberalismus in zwei Parteien, was man zu Unrecht häufig S. anlastete. Dieser lehnte wie viele andere Nationalliberale ein Zusammengehen mit der Gruppe um →Theodor Wolff (1868–1943) und →Alfred Weber (1868–1958) ab, die in der Gründungsphase der „Deutschen Demokratischen Partei“ eine maßgebliche Rolle spielte. Am 15. 12. 1918 konstituierte sich unter S.s Führung die „Deutsche Volkspartei“, deren immer wiedergewählter Vorsitzender er bis zu seinem Tode blieb.
In der Nationalversammlung stand die kleine DVP-Fraktion in Opposition zur „Weimarer Koalition“ (SPD, Zentrum, DDP); sie lehnte die Unterzeichnung des Friedensvertrags und die Verfassung ab. Im Gegensatz zu Exponenten des rechten Parteiflügels suchte S. nach 1919 einen Kurs der Mitte zu steuern mit der Bereitschaft, auch eine Koalition mit der SPD einzugehen. Bei der Reichstagswahl 1920 überflügelte die „Stresemann-Partei“|die linksliberale DDPdeutlich. Von nun an war sie an fast allen Reichskabinetten beteiligt. Am 12. 8. 1923, in der kritischsten Phase der Weimarer Republik, wurde S. von Reichspräsident Ebert in das seit langem angestrebte Amt des Reichkanzlers berufen. Die von ihm gebildete „Große Koalition“ (SPD, Zentrum, DDP, DVP) sah sich einer Fülle gravierender Probleme gegenüber: Abbruch des Ruhrkampfes, Sanierung der Währung, separatistische Bestrebungen im Rheinland, Aufstands- und Putschversuche rechts- und linksextremistischer Kreise. In den nur 100 Tagen seiner Kanzlerschaft gelang es, die dramatische Krisensituation im wesentlichen zu bewältigen. Nachdem der Reichstag am 22. 11. 1923 das von S. verlangte Vertrauensvotum abgelehnt hatte, demissionierte das Kabinett, doch behielt S. in der neuen Reichsregierung und in allen weiteren Kabinetten das Amt des Außenministers.
Es war das Feld der Außenpolitik, auf dem S. Epoche gemacht hat. Ziel war der Wiederaufstieg des Dt. Reichs zur souveränen und im internationalen System gleichberechtigten Großmacht. Aber aufgrund der Erfahrungen von 1914–18 legte S. seit 1919 seiner Außenpolitik eine realistische Einschätzung der internationalen Kräfteverhältnisse zugrunde und operierte mit den Mitteln der Verhandlung und Verständigung. Zwei Gesichtspunkte besaßen dabei für ihn axiomatische Bedeutung: Rückkehr des Dt. Reichs in die Weltpolitik über die Weltwirtschaft und Normalisierung des Verhältnisses zu den Westmächten v. a. durch Befriedigung des franz. Sicherheitsbedürfnisses.
Im Grunde bewertete S. alle Stationen seiner Außenpolitik der Jahre 1923–29 (Dawes-Plan 1924, Locarno-Verträge 1925, Berliner Vertrag mit der Sowjetunion 1926, Eintritt in den Völkerbund 1926, Kellogg-Pakt 1928, Young-Plan 1929) als Etappen auf dem Weg zur Wiedergewinnung der dt.Machtstellung. Bei seiner Revisionspolitik vorsichtig agierend, vermied er Konflikte und setzte auf internationale Kooperation. S. erreichte in seinen sechs Amtsjahren die Räumung des Ruhrgebiets und die vorzeitige Beendigung der Rheinlandbesetzung, eine erträgliche Regelung der Reparationsfrage in Verbindung mit einer wirtschaftlichen Stabilisierung in Deutschland, Aufhebung der alliierten Militärkontrolle und Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Nicht weniger zählt auch die Tatsache, daß es S. gelang, das seit der Jahrhundertwende gestörte Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarstaaten weitgehend zu normalisieren und Vertrauen diesseits und jenseits des Atlantiks aufzubauen. Als erster Deutscher wurde er im Dez. 1926 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet (gemeinsam mit seinem franz. Amtskollegen Aristide Briand).
S.s letzte Lebensphase war in vielfacher Weise überschattet: Er litt darunter, daß erhoffte Ergebnisse der Locarno-Politik sich zu langsam einstellten, sein labiler Gesundheitszustand machte ihm immer mehr zu schaffen, v. a. seit einem Zusammenbruch im Frühjahr 1928, und schließlich gestaltete sich das Verhältnis zu seiner eigenen Partei zunehmend prekär. So unbestritten seine Stellung als Parteivorsitzender war, dem von ihm gesteuerten politischen Kurs folgte ein Teil der Partei, insbesondere die Reichstagsfraktion, immer unwilliger. Die Auseinandersetzungen kulminierten 1928/29, als S. durch das Verhalten der Fraktion seine Autorität als Parteiführer in Frage gestellt sah. Als ein bereits vom Tode Gezeichneter erkämpfte er auf der Haager Konferenz im Aug. 1929 die Zusage einer vorzeitigen Rheinlandräumung und hielt im Sept. auf der Völkerbundstagung in Genf eine engagierte Europarede. In der Nacht vom 2./3. 10. 1929 erlag er einem Schlaganfall.
S. ragt unter den Politikern der Weimarer Republik weit heraus. Als Reichskanzler im Krisenjahr 1923 und als langjähriger Außenminister übte er einen so prägenden Einfluß auf die dt. Politik dieser Jahre aus, daß mit Recht von einer „Ära Stresemann“ gesprochen wird. Das Bild S.s in der Nachwelt reicht von affirmativer Erinnerungskultur unmittelbar nach seinem Tod über die Verfemung S.s durch die Nationalsozialisten als „Erfüllungspolitiker“, die Betonung der europ. Perspektive seiner Politik in der Phase der frühen Bundesrepublik bis hin zum ambivalent-differenzierenden Bild der heutigen Forschung, das S.ebenso als kalkulierenden Real- wie als nationalen Machtpolitiker in die Reihe der großen europ. Politiker seiner Zeit einordnet.
7. Paul von Hindenburg
Nach kurzem Besuch des Gymnasiums in Glogau besuchte H. 1859-66 die Kadettenanstalten in Wahlstatt (Kreis Liegnitz) und Berlin. Die Teilnahme am Feldzug in Böhmen 1866, besonders an der Schlacht von Königgrätz, als Seconde-Leutnant im 3. Garde-Regiment zu Fuß blieb für H. zeitlebens das große Erlebnis eigener Bewährung und preußischen Waffenruhms. Den Krieg 1870/71 machte er als Regiments-Adjutant mit. Anschließend begann eine erfolgreiche Karriere im Wechsel von Truppen- und Generalstabsdienst: 1873-76 Kriegsakademie mit vorzüglichem Abgangszeugnis, 1877 Großer Generalstab mit (1878) Versetzung zum II. Armeekorps in Stettin, 1881 1. Generalstabsoffizier der 1. Division in Königsberg, 1884/85 Kompaniechef im Infanterie-Regiment 58 in Fraustadt (Posen), 1885 Großer Generalstab und Ia des III. Armeekorps in Berlin, dort auch Lehrer an der Kriegsakademie, Beginn enger Anlehnung an Schlieffen und dessen Lehre, 1889 Kriegsministerium, 1893 Kommandeur (Oberst) des Infanterie-Regiment 91 in Oldenburg, 1896 Chef des Stabes des VIII. Armeekorps in Koblenz, 1900 Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe, 1903 Kommandierender General des IV. Armeekorps in Magdeburg. Als solcher erhielt er 64jährig 1911 den Abschied. Theoretisch und praktisch hatte er sich als militärischer Führer bewährt. Der Dienst hatte ihn geprägt. Ohne politischen Ehrgeiz und besonderes politisches Interesse, hatte er sich in einer sehr erfolgreichen, wenn auch nicht ungewöhnlichen militärischen Laufbahn bewährt, geradlinig und unkompliziert, in betont königstreu konservativer Tradition sich begreifend.
Bei Kriegsausbruch war für den in Hannover im Ruhestand lebenden H. zunächst keine Verwendung vorgesehen. Als am 21.8.1914 Ludendorff zum Chef des Stabes der 8. Armee in Ostpreußen ernannt wurde, um dort die gefährliche Lage zu meistern, wurde H. Oberbefehlshaber der 8. Armee, weil ihm im Gegensatz zu seinem Vorgänger die überlegene Ruhe des Gewährenlassens gegenüber dem eigenwilligen, energisch kraftvollen neuen Chef zugetraut wurde. Diese Erwartung erwies sich als zutreffend. Ludendorff blieb im Kriege stets der erste Mitarbeiter H.s, überragte ihn aber in der Führungskunst an Entschlußkraft und Arbeitsleistung. Er prägte H. seinen Willen sowohl militärisch wie politisch auf, ohne daß H. dies als Fremdbestimmung empfunden hätte; denn militärisch kamen beide erfahrenen Generalstäbler aus Schlieffens Schule und fanden sich auch politisch in gleicher Gesinnung zusammen. Die beiderseitige Entfremdung und die von Ludendorff betriebene Herabsetzung H.s begannen erst nach dem Kriege. In der Schlacht von Tannenberg, deren Namensgebung in Anknüpfung an 1410 auf H.s Vorschlag beim Kaiser zurückgeht, bewährte sich die gemeinsame Führung von Chef und Oberbefehlshaber zum ersten Mal. Schlieffens „Cannae“ war verwirklicht worden. H. wurde nicht nur zum „Retter Ostpreußens“, sondern zum populären Symbol des deutschen Siegeswillens. Der H.-Mythos begann sogleich nach Tannenberg, steigerte sich während des Krieges und überdauerte die Niederlage in den „vaterländisch“ gesinnten Massen.
Mitte September 1914 übernahmen H. und Ludendorff als Oberbefehlshaber und Chef die in Kongreßpolen operierende 9. Armee, am 1.11.1914 den Oberbefehl über alle deutschen Truppen der Ostfront („Oberbefehlshaber Ost“). Von dieser Stellung aus versuchten sie vergeblich, Wilhelm II. und den Chef des Generalstabs von Falkenhayn dazu zu bewegen, die Ostfront so zu verstärken, daß die schnelle Kriegsentscheidung im Osten erzwungen werden konnte. Der Konflikt zwischen der Obersten Heeresleitung (OHL) und „Ober-Ost“ hielt an, bis nach dem Scheitern der Verdun-Offensive sowie dem Kriegseintritt Rumäniens Falkenhayn entlassen wurde und H. am 29.8.1916 sein Nachfolger – mit Ludendorff als voll mitverantwortlichem „Erstem Generalquartiermeister“ – wurde. Die neue OHL geriet, je stärker der Krieg nicht nur militärisch geführt werden mußte, sondern schwere kriegswirtschaftliche, außen- und innenpolitische Entscheidungsfragen aufwarf, zunehmend in die politischen Auseinandersetzungen hinein und gewann angesichts der Führungsschwäche des Kaisers und seiner Reichskanzler 1917/18 eine Schlüsselstellung. H. handelte auch dabei stets im Einvernehmen mit dem die Entscheidungen maßgeblich bestimmenden Ludendorff, so besonders in der Polenfrage, im Durchsetzen des unbeschränkten U-Bootkrieges und im Drängen auf die Entlassung des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg. Die dem „Vaterländischen Hilfsdienstgesetz“ von 1916 zugrundeliegenden Vorbereitungen deckte H. mit seinem Namen („H.-Programm“).
In den letzten Kriegsmonaten sah sich H. der bisher ungewohnten Belastung ausgesetzt, selbst und unabhängig von Ludendorff Entscheidungen fällen zu müssen. So suchte er im Juli 1918 vorübergehend eine von Ludendorff scharf abweichende Strategie durchzusetzen (Gegenoffensive statt hinhaltender Verteidigung), die freilich durch die Ereignisse schnell überholt wurde. Nach Aussöhnung mit Ludendorff kam es Ende Oktober zur Entfremdung zwischen beiden, als Ludendorff entlassen wurde und H. sein Entlassungsgesuch auf Drängen des Kaisers und des Kriegskabinetts zurückzog. H. begab sich durch sein Bleiben de facto, wenn auch gegen seine eigentliche Absicht und Überzeugung auf den durch die 3. Wilson-Note vom 23. Oktober vorgezeichneten Weg, der zur Abdankung des Kaisers und zur bedingungslosen Annahme des Waffenstillstandsvertrags führte. Am 9.11.1918 riet H. zum Übertritt Wilhelms II. nach Holland, woraus unerquickliche Kontroversen, eine Vertrauenskrise zwischen dem ehemaligen Kaiser und H. sowie ein lebenslanges Trauma H.s folgten.
Im November 1918 hat H., nunmehr beraten und bestimmt durch Ludendorffs Nachfolger General Groener, nolens volens entscheidend dazu beigetragen, daß der Übergang von der Monarchie zur Republik unter den Bedingungen der Niederlage, materieller Not und Revolutionsgefahr verhältnismäßig reibungslos gelang. Denn H. blieb in seinem Amt, geachtet vom größten Teil des Volkes und der Front, und wurde von Ebert und der SPD-Mehrheit für unentbehrlich gehalten. H. drängte am 10. November auf schnelle Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrags, stellte sich der neuen Regierung zur Verfügung, um das Frontheer geordnet zurückzuführen und, mit Hilfe der Arbeiter- und Soldatenräte, Ruhe und Ordnung aufrechterhalten zu helfen.
H. betrachtete sich als zum Ausharren in der Verantwortung verpflichtet und ging, bei geschickter Vermittlung des demokratisch gesinnten Generals Groener, bewußt ein Bündnis mit der provisorischen Regierung des Rats der Volksbeauftragten ein, da ihn mit Ebert und Noske die Überzeugung verband, daß Ruhe und Ordnung gegen die weitertreibende Revolution von links unter allen Umständen bewahrt werden sollten. Auf Grund der Schlüsselstellung, die H. und Groener besaßen, gelang es ihnen schnell, die Kommandogewalt im Heer wieder zu festigen und Freiwilligenverbände aufzustellen, die – zuerst im Januar 1919 in Berlin – mit Erfolg gegen linksrevolutionäre Aufständische eingesetzt wurden. Nach Annahme des Friedensvertrags von Versailles durch den Reichstag und die (umgebildete) Reichsregierung nahm H. den Abschied, nachdem Groener vorher mit seinem Einverständnis Ebert gegenüber die Annahme des Friedensvertrags als unausweichlich bezeichnet hatte.
H. zog sich in Hannover in den Ruhestand zurück, ohne die Absicht zu haben, sich öffentlich politisch zu betätigen. Aufsehen erregte sein Auftreten vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung am 18.11.1919 (gemeinsam mit Ludendorff), wo er eine Erklärung im Sinne der damals aufkommenden Dolchstoß-Legende abgab.
Im April 1925 stellte er sich – selbst parteilos – nach einigem Widerstreben zum 2. Wahlgang der Reichspräsidentenwahl als überparteilicher Kandidat der Rechtsparteien einschließlich der Bayerischen Volkspartei zur Verfügung. Er wurde mit der relativen Mehrheit von gut 48% vor Marx (Zentrum) mit 45% und Thälmann (KPD) mit 6% gewählt. Die Wahl wurde entweder als Anzeichen angesehen, daß die restaurativen Kräfte einen für die Zukunft verhängnisvollen Sieg über die Republik errungen hätten, oder sie wurde mit der Hoffnung verbunden, daß die Tradition des Kaiserreichs Aussicht habe, hinfort sich der Republik im Geiste einer „konservativen Demokratie“ anzuverwandeln. In der Tat lagen beide Möglichkeiten in diesem Ereignis beschlossen. Bis 1929 schien die Entwicklung in der zweiten Richtung zu gehen. H. bemühte sich, seiner „Osterbotschaft“ vor der Wahl gemäß, über den Parteien zu stehen sowie trotz seiner inneren Bindung an die Monarchie, getreu seinem Eide, ein loyaler und gerechter Präsident der Republik zu sein. Er befremdete daher viele seiner alten Freunde oder Kameraden von rechts und zerstreute manche Befürchtungen von links. Doch wirkten H.s Enttäuschung über die Labilität der kurzlebigen Kabinette seit 1925 und sein traditionelles Mißtrauen gegen politische Parteien und Parlamentarismus darauf hin, schon in der Regierungskrise um die Jahreswende 1926/27 dem Gedanken eines parlamentarisch unabhängigen Beamtenkabinetts näherzutreten oder Oberst von Schleichers Vorschlag eines Minderheitskampfkabinetts mit dem Notstandsartikel 48 im Hintergrund zu erwägen. Wurden derartige Absichten damals noch zurückgestellt, so traten sie im Frühjahr 1930 in ihr akutes Stadium.
Als gegen Ende des Jahres 1929 die vielberufene „Krise des Parlamentarismus“ und die Entscheidungsschwäche der Regierung gegenüber den drängenden wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen angesichts der beginnenden Wirtschaftskrise und zunehmender rechtsradikaler Aktivität noch stärker als zuvor ins öffentliche Bewußtsein traten, hielt H., bestärkt durch Schleicher und andere Ratgeber, den Zeitpunkt für gekommen, seine Präsidialgewalt für einen richtungweisenden Kurswechsel einzusetzen. Ein „H.-Kabinett“ sollte gebildet und notfalls auch unabhängig von der Parteienmehrheit gehalten werden. Auf jeden Fall sollte von nun an ohne die SPD regiert werden. H. wünschte eine Abkehr vom fragwürdig gewordenen reinen Parlamentarismus, das heißt eine dauerhafte Schwenkung nach rechts, wobei er außer dem allgemeinen „vaterländischen“ Wohl speziell auch eine verstärkte Hilfe für die in der Krise besonders gefährdete ostdeutsche (Groß)-Landwirtschaft im Auge hatte. Wenn auch offensichtlich die Initiative zum „H.-Kabinett“ stärker von Schleicher als von dem auch hier nicht selbst treibenden H. ausgegangen ist, so hat der Reichspräsident doch die Berufung →Brünings zum Reichskanzler (30.3.1930) als Beginn für den erwünschten Kurswechsel angesehen. Daraus folgte, daß H. „seinen“ Kanzler im Juli 1930 mit Hilfe des Artikel 48 der Verfassung und der Reichstagsauflösung gegen die widerstrebende Reichstagsmehrheit deckte, daß er aber zwischen dem Herbst 1930 und dem Frühjahr 1932 in dem Maße sich →Brüning entfremdete, als dieser de facto trotz seiner unpopulären Wirtschaftspolitik immer mehr ein Kanzler der Mitte und der Linken und immer weniger der sich von ihm zunehmend abwendenden Rechten wurde. Auch hier war Schleicher neben andern Einflüssen von rechts politisch entscheidend, schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1931, besonders aber im Frühjahr 1932,|als es um die Frage der Amtsverlängerung oder der Wiederwahl H.s ging. Der Reichspräsident lehnte damals →Brünings Plan ab, daß er als Reichsverweser bis zur Einsetzung eines Monarchen weiter im Amt bleiben sollte, da für ihn eine monarchische Restauration nur mit Wilhelm II. als Kaiser in Betracht kommen konnte. Die Wiederwahl wurde unvermeidlich, weil eine verfassungsändernde Mehrheit im Reichstag für eine Amtsverlängerung ohne Wahl nicht erreichbar war. Widerwillig fügte sich H.der Tatsache, daß nur er noch für populär genug gehalten werden konnte, gegen Hitler den Wahlsieg davonzutragen. Daß er, verglichen mit 1925, gleichsam mit verkehrter Front, das heißt von links und der Mitte gegen rechts gewählt wurde, hat H. kaum verwinden können. Nachdem er im 2. Wahlgang mit der absoluten Mehrheit von 53% vor Hitler mit 37% und Thälmann mit 10% gewählt worden war, ließ er seinem Unmut über →Brüning freien Lauf. Den letzten Anstoß gab der Entwurf eines Siedlungsgesetzes, in dem die Aufsiedlung nicht entschuldungsfähiger Güter vorgesehen war. H. gab dem daraufhin einsetzenden Druck des Reichslandbundes und der Deutschnationalen Volkspartei bereitwillig nach und entließ →Brüning, den er ohnehin fallen lassen wollte, am 30.5.1932.
Zu dem von Schleicher vorgeschlagenen Nachfolger Franz von Papen und dessen konservativem Kabinett gewann H. alsbald Sympathie und Vertrauen. Die Grenze dieser engen Beziehung war jedoch durch H.s Treue zur Verfassung gesetzt. Der Reichspräsident lehnte Ende November 1932 eine befristete Diktatur Papens als Ausweg aus der staatspolitischen Krise ab, da die Verfassung einer Suspension des Reichstags widersprach, mochte diese auch nur für ein halbes Jahr vorgesehen sein. H. trennte sich ungern von Papen, hielt es aber für seine Pflicht, Schleicher als Kanzler einen verfassungsgerechten Ausweg aus der Krise finden zu lassen. Als Schleicher damit im Januar 1933 gescheitert oder vorerst stecken geblieben war und nun seinerseits die Diktatur mit suspendiertem Reichstag für ein halbes Jahr forderte, lehnte H. wiederum ab und ließ sich unter dem Druck persönlicher Einflüsse widerstrebend dazu bringen, Hitler als Reichskanzler eines konservativ-nationalsozialistischen Koalitionskabinetts verfassungsgemäß zu berufen (30.1.1933).
In den folgenden 1½ Jahren war H. dem Vorgehen Hitlers aus Mangel an Urteilskraft und Information mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Seine Zustimmung zur nationalen „Erneuerung“ Deutschlands in der Anknüpfung an eine alte geliebte Tradition (Tag von Potsdam, 21.3.1933) wurde durch schwere Sorgen über die nationalsozialistische „Revolution“ überdeckt. Mit Hilfe des Vizekanzlers von Papen suchte H., die von Hitler zunehmend zurückgedrängten konservativen Kräfte wirksam zu erhalten. So lehnte er Anfang 1934 die Ernennung des „zu jugendlichen“ Generals von Reichenau zum Chef der Heeresleitung ab und setzte gegen Hitler und Blomberg die Ernennung des Generals Freiherr von Fritsch durch. In den letzten Lebensmonaten ist H. teils infolge Nachlassens seiner Kraft, teils infolge der von Hitler bewerkstelligten Isolierung schon mehr und mehr ausgeschaltet gewesen. Mit seinem Tode erlosch das Amt des Reichspräsidenten, das auf Grund eines schon vorher verabschiedeten Gesetzes mit dem des Reichskanzlers vereinigt wurde. Der längst erhoffte Tod H.s gab Hitler den Weg noch unbehinderter als zuvor frei.
H.s Bedeutung ist in und nach dem 1. Weltkrieg von einem großen Teil der deutschen Nation überschätzt worden. In der Staats- und Wirtschaftskrise 1930-33 verlor sein Mythos im Kreuzfeuer zwischen „Republik“ und „nationaler Revolution“ an Ausstrahlungskraft. H. war 1916-18 sowie 1925-33 überfordert, als er aus dem militärischen Bereich herauszutreten und eine politische Führungsrolle zu spielen genötigt war. Sein Ausharren im Dienst, inmitten einer weithin fremden, ja zum Teil von ihm mißachteten Umwelt, hat zum Scheitern der demokratischen Republik beigetragen; H.s bei aller Verfassungsloyalität gleichwohl stets lebendiges Wunschziel einer monarchischen Restauration wurde dabei nie aktualisiert. So ist der vor 1914 glänzend aufgestiegene Generalstabsoffizier und der im Kriege gefeierte Feldherr als Greis in eine für ihn ausweglose Tragik verstrickt gewesen.
8. Marlene Dietrich
1901 – 1992
Schauspielerin, Sängerin
Marlene Dietrich zählt zu den bekanntesten Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Hauptrolle als Revuesängerin Lola Lola im Kinofilm „Der blaue Engel“ (1930) begründete ihren Mythos als erotische Filmdiva und Stilikone. Mit ihren Erfolgen in Hollywood wurde sie zum international gefeierten Star. Trotz lukrativer Angebote der deutschen Filmindustrie ging sie nach 1933 nicht nach Deutschland zurück, sondern unterstützte Emigranten und besonders die US-Armee bei ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie deshalb in weiten Teilen der bundesdeutschen Öffentlichkeit als „Vaterlandsverräterin“ abgelehnt.
Ausbildung und Anfänge am Theater
Dietrich besuchte seit 1907 Schulen in Berlin und Dessau, ehe sie im Frühjahr 1918 die Berliner Victoria-Luisen-Schule ohne Abschluss verließ. Für die Filmschauspielerin Henny Porten (1890–1960) schwärmend, spielte sie Violine in den Orchestern von Stummfilmkinos. Auf Veranlassung der Mutter besuchte Dietrich seit Herbst 1920 ein Mädchenpensionat in Weimar und erhielt Privatunterricht als Konzertgeigerin bei Robert Reitz (1884–1951). 1921 studierte sie kurze Zeit Violine an der Berliner Hochschule für Musik. Nach ihrer Ablehnung an der Schauspielschule von Max Reinhardt (1874–1943) nahm sie Schauspielunterricht bei Berthold Held (1868–1931) und spielte von Juni 1922 bis 1929 in ca. 26 Theaterstücken in Berlin und Wien meist kleine und mittlere Rollen in Komödien sowie in einigen Dramen u. a. Frank Wedekinds (1864–1918), William Shakespeares (1564–1616) und Heinrich von Kleists (1777–1811).
Von Berlin nach Hollywood
Im Juli 1922 erhielt Dietrich eine erste kleine Rolle in dem Kinofilm „So sind die Männer“ unter der Regie von Georg Jacoby (1882–1964). Im selben Jahr engagierte sie der Produktionsleiter Rudolf Sieber (1897–1976), den sie 1923 heiratete, für den mehrteiligen Film „Tragödie der Liebe“ unter der Regie von Joe May (1880–1954), worauf weitere Engagements in Stummfilmen folgten. Einen ersten Erfolg hatte sie 1928 mit der Revue und der Schallplattenaufnahme des Liedes „Es liegt in der Luft“ von Mischa Spoliansky (1898–1985).
Im September 1929 wurde der Regisseur Josef von Sternberg (1894–1969) bei einer Aufführung von Georg Kaisers (1878–1945) Revue „Zwei Krawatten“ am Berliner Theater auf Dietrich aufmerksam und engagierte sie für den Ufa-Tonfilm „Der blaue Engel“ (1930), basierend auf Heinrich Manns (1871–1950) Roman „Professor Unrat“. An der Seite von Emil Jannings (1884–1950) machte sie in der weiblichen Hauptrolle der Varietésängerin Rosa Fröhlich, genannt Lola Lola, Furore; legendär wurde dabei ihre Interpretation der Lieder Friedrich Hollaenders (1896–1976), v. a. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Im „Blauen Engel“ verkörperte sie die Frauenfigur, für die sie in den folgenden Jahren berühmt wurde: eine unabhängige, freche, erotisch aktive Frau, die sich ihre männlichen Begleiter selbst aussucht.
Am 13. Februar 1930 wurde Dietrich von der US-amerikanischen Produktionsgesellschaft Paramount Pictures unter Vertrag genommen und übersiedelte im April in die USA. Dort drehte sie unter Sternbergs Regie an der Seite von Gary Cooper (1901–1961) das Liebesdrama „Morocco“ (1930), den Spionagefilm „Dishonored“ (1931) sowie den Abenteuer- und Liebesfilm „Shanghai Express“ (1932). Vor allem „Morocco“ und „Shanghai Express“ wurden Welterfolge und machten Dietrich zum internationalen Star. Zahlreiche außereheliche Liebesaffären brachten sie in die Klatschspalten internationaler Zeitschriften; auch ihr männlicher Kleidungsstil sorgte für Aufsehen.
Nach dem Misserfolg von Sternbergs Film „Blonde Venus“ (1932) mit Dietrich spielte sie unter der Regie von Rouben Mamoulian (1897–1987) die Sängerin Lilly Czepanek in „Song of Songs“ (1933) und unter der Regie Sternbergs Katharina die Große in „The Scarlett Empress“ (1934) sowie die Tänzerin Concha Pérez in „The Devil is a Woman“ (1935). Die Filme Sternbergs bilden das zentrale Korpus des Dietrich-Mythos. Aus der Rolle der unbeschwert-lebenslustigen Lola Lola entwickelte er eine lebenserfahrene Frau, die die Männer beherrscht. Nachdem ihre letzten beiden Filme kommerzielle Flops gewesen waren, beendete Sternberg die Zusammenarbeit mit Dietrich 1935. Paramount Pictures lieh Dietrich 1936 an den Produzenten David O’Selznick (1902–1965) aus, der mit ihr den ersten Technicolor-Film drehte, die Romanze „Garden of Allah“ (1936). 1937 lehnte sie ein Angebot ab, für Filmproduktionen der Universum Film AG (Ufa) nach Deutschland zurückzukehren.
Den Sommer 1938 verbrachte Dietrich mit dem Schriftsteller Erich Maria Remarque (1898–1970) an der Côte d’Azur. Im März 1937 beantragte sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, die sie 1939 erhielt; für Remarque besorgte sie ein einjähriges Visum für die USA, anderen Emigranten und Verfolgten des NS-Regimes half sie mit Geld und ihren Beziehungen. Im Juli 1939 offerierte ihr der Produzent Joe Pasternak (1901–1991) die weibliche Hauptrolle in der Westernkomödie „Destry Rides Again“ (1939) neben James Stewart (1908–1997). Mit Liedern wie „Joe the Wrangler“ und „See What the Boys in the Backroom Will Have“ veränderte sie ihr Image von der europäisch anmutenden Diva und Salonlöwin zu einer dem US-amerikanischen Publikumsgeschmack entsprechenden pragmatischen Frau. Der Film wurde ein Erfolg und verhalf Dietrich zum Comeback in den USA. Im Liebesfilm „Seven Sinners“ (1940) besingt sie in einem weißen Marineanzug die Männer der US-Navy und eroberte an der Seite von John Wayne (1907–1979) die Herzen des Publikums. Seit 1941 hatte Dietrich eine mehrjährige Liebesbeziehung mit Jean Gabin (1904–1976).
Truppenbetreuung im Zweiten Weltkrieg und Rückkehr in das Filmgeschäft
Nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg Ende 1941 reiste Dietrich mit Liedern aus ihren Filmen auf einer Werbetournee für Kriegsanleihen mehr als ein Jahr durch die USA. Im April 1944 schloss sie sich der United Service Organizations (USO) an, die hinter den Kriegsfronten für die Unterhaltung der US-amerikanischen Soldaten sorgte. Von April bis Juni 1944 sang und spielte sie in Nordafrika und Europa vor rund 150 000 Soldaten; zum festen Bestandteil ihres Repertoires gehörte das Soldatenlied „Lilli Marleen“. Eine zweite Tour führte sie von September 1944 bis Juli 1945 nach England, Frankreich, Deutschland und bis nach Pilsen (Tschechoslowakei).
Im Frühsommer 1945 kehrte Dietrich nach Hollywood zurück. Der Regisseur Billy Wilder (1906–2002) gewann sie für die Hauptrolle in „A Foreign Affair“ (1948). Die bittere Komödie über das deutsch-US-amerikanische Verhältnis im Spiegel einer Dreiecksbesitzung im besetzten Berlin der Nachkriegszeit wurde wegen seiner politischen Brisanz in der Bundesrepublik nicht aufgeführt und erstmals 1977 im Fernsehprogramm der ARD ausgestrahlt.
Revueauftritte und späte Filmkarriere
1953 konzipierte Dietrich für das Sahara-Hotel in Las Vegas (Nevada, USA) eine 20minütige Show mit Liedern aus ihren Filmen, die in den folgenden Jahren aufgrund des großen Erfolgs ausgebaut wurde und mit der sie bis 1974 weltweit auf Tournee ging. Der Kostümbildner Jean Louis (1907–1997)entwarf für sie ein „nacktes Kleid“, was einen Skandal auslöste. 1960 trat sie mit ihrer Revue in der Bundesrepublik auf und wurde wegen ihrer Unterstützung für die US-Armee während des Zweiten Weltkriegs angefeindet. Sie erhielt Drohbriefe, und ihre Konzerte wurden teilweise von Demonstrationen gegen ihre Person überschattet. 1962 sprach sie den Kommentar zu „The Black Fox“, einer britischen Dokumentation über den Aufstieg und Fall Adolf Hitlers (1889–1945).
Dietrich drehte seit Beginn der 1950er Jahre nur noch wenige Kinofilme. In Wilders „Witness for the Prosecution“ (1957) spielte sie die weibliche Hauptrolle, in Orson Welles (1915–1985) „Touch of Evil“ (1958) verkörperte sie eine Wahrsagerin. Zur Berliner Weltpremiere von „Judgment at Nuremberg“ am 14. Dezember 1961 reiste Dietrich nicht an, da sie mit ihren Shows beschäftigt war und sich öffentliche Demonstrationen gegen ihre Person ersparen wollte. Ihr musikalischer Leiter Burt Bacharach (1928–2023) arrangierte für sie 1962 u. a. den Song „Where Have All the Flowers Gone“ von Pete Seeger (1919–2014), der in Dietrichs englischer, deutscher und französischer Interpretation ein Welterfolg wurde. Unter dem Titel „I Wish You Love“ wurde eine Aufzeichnung ihrer Bühnenshow 1973 in Großbritannien und den USA im Fernsehen ausgestrahlt.
Nachdem sich Dietrich am 29. September 1975 in Sidney (Australien) bei einem Unfall einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen hatte, konnte sie nicht mehr auf der Bühne auftreten. Seitdem zog sie sich in ihre Pariser Wohnung zurück. Der Regisseur und Produzent Rolf Thiele (1918–1994) bewegte sie 1978 zu einem Kurzauftritt in seinem Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“, in dem sie das gleichnamige Lied sang. Der Dokumentarfilm „Marlene“ (1984) mit Interviewsequenzen Dietrichs mit Maximilian Schell (1930–2014) gilt als einzigartiges Dokument ihrer Verweigerung gegenüber der Öffentlichkeit in den letzten Lebensjahren.
9. Albert Einstein
Selten wohl hat ein Mensch das „Gesetz, danach er angetreten“ so zwingend in sich gefühlt und ist ihm, zunächst in kindlicher Unbewußtheit, allen äußeren Einflüssen zum Trotz gefolgt, wie E.. Als gereifter Gelehrter erinnerte er sich noch einiger Gedanken aus seiner Kindheit, die deutlich den Zug zu dem verraten, was wir heute Relativitätstheorie nennen. Von allem Wissensstoff, den das Gymnasium vermittelte, berührte ihn näher einzig und allein die euklidische|Geometrie; noch im Alter pries er sie begeistert als eine notwendige Vorstufe für jede Beschäftigung mit theoretischer Physik, weil sie die innere Konsequenz, die Geschlossenheit besitzt, welche für die Physik das anzustrebende, wenn auch nie völlig zu erreichende Ziel ist. Zu dieser Veranlagung kam eine ebenso früh scharf ausgeprägte und mit den damaligen Zuständen keineswegs konforme politische Einstellung, die sich wohl zum Teil aus seiner jüdischen Abkunft erklärt. Zum „guten Schüler“ eignete er sich unter diesen Umständen wenig und hatte darunter zu leiden; seine Schulzeit verlief irregulär und hätte dies wohl auch getan, wenn die Umzüge seiner Eltern, von Ulm nach München, dann nach Pavia und Mailand, nicht dazu beigetragen hätten. 1894 verließ er eigenmächtig das Münchener Luitpoldgymnasium, besuchte dann ein Jahr eine internationale Schule in Mailand und meldete sich 1895 bei der TH Zürich für das mathematisch-physikalische Fachlehrerstudium. Diese erste Bewerbung gelang nicht, sondern erst eine zweite 1896, nachdem er gewisse Lücken seiner Bildung auf der Aargauischen Kantonschule in Aarau ausgefüllt hatte. Aber auch das Studium gab ihm, was er suchte, nur unvollkommen. Eigentlich hörte er nur mathematische Vorlesungen, und auch diese unregelmäßig, während ihm das physikalische Praktikum freilich die unmittelbare Berührung mit der Erfahrung gab, die ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlte. Hauptsächlich aber holte er sich die ihm zusagenden Kenntnisse autodidaktisch aus den Werken von →Helmholtz, →Kirchhoff, →Clausius, →Boltzmann, →Planck und anderen. Zum Diplomexamen, welches er 1900 (keineswegs schlecht) bestand, mußte er sich freilich, wie jeder, auch anders vorbereiten. Der „Wust“, den er dabei wohl oder übel verarbeiten mußte, verleidete ihm für ein ganzes Jahr das weitere Lernen. Von seinen Lehrern hat auch auf der Hochschule keiner geahnt, was in ihm steckte.
Auch sonst war dieses Jahr für ihn schwer wegen seiner Mittellosigkeit. Er versuchte es mit verschiedenen Aushilfestellungen, konnte aber erst festen Fuß fassen, als er 1901 durch Empfehlungen, die auf einen seiner Studienkameraden zurückgingen, beim eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum (das heißt dem Patentamt) in Bern als wissenschaftlicher Expert angestellt wurde. Dieses Amt sicherte ihn materiell und ließ ihm doch noch genug Zeit, seinen eigenen Ideen nachzuhängen.
Jetzt kam seine Genialität zur Entfaltung. Auf einige methodisch interessante Arbeiten über Brownsche Molekularbewegung und andere thermodynamische Schwankungen folgten in dem einen Jahr 1905 zwei Veröffentlichungen, die für fast alle weitere Forschung E.s grundlegend waren und heute zum festen Bestand der Wissenschaft gehören. Sie betrafen zwei ganz verschiedene Gebiete der Physik, nämlich die Quanten- und die Relativitätstheorie.
Die Quantentheorie hatte Planck 1900 begründet, als er das Verteilungsgesetz der Energie im Spektrum der Hohlraumstrahlung aufstellte. Dabei mußte er im Gegensatz zu aller älteren Physik den Gedanken zugrunde legen, daß die Energie eines Oszillators sich nicht stetig verändern kann, sondern nur um diskrete Stufen, deren Höhe durch die Schwingungszahl des Oszillators und eine von ihm neu entdeckte, universelle Konstante, das elementare Wirkungsquantum h, bestimmt ist. Das hatte zunächst wenig Beachtung, noch weniger Glauben gefunden. E. griff nun diese Idee auf und schuf, ohne Rücksicht auf die wohlbewährte Wellentheorie des Lichtes, den Begriff des Lichtquants, eines Atoms der strahlenden Energie, dessen Energieinhalt gerade einer Energiestufe eines Oszillators von derselben Schwingungszahl wie das Licht entspricht. Strahlung ist danach nichts anderes als eine Gesamtheit von Lichtquanten. Diese Auffassung stützte sich auf mehrere bislang unerklärte Beobachtungen, zum Beispiel das Stokessche Gesetz für das Fluoreszenzlicht, dessen Schwingungszahl stets kleiner ist als die des erregenden Lichtes, und jene von Lenard entdeckte Tatsache, daß die Energie der im lichtelektrischen Effekt freigesetzten Elektronen nur von der Schwingungszahl des Lichtes, nicht von seiner Intensität abhängt. E. konnte sogar voraussagen, daß diese Energie eine lineare Funktion der Schwingungszahl sein muß, was spätere Messungen vollauf bestätigen. Auf die Plancksche Berechnung der mittleren Energie eines Oszillators als Funktion der Temperatur führte E. 1907 den Abfall der spezifischen Wärme fester Körper mit sinkender Temperatur zurück, und 1912 stellte er in diesem Zusammenhang das photochemische Äquivalenzgesetz auf, demzufolge der primäre Elementarakt der Photochemie in der Absorption eines Lichtquantes durch ein Molekül und der entsprechenden chemischen Umsetzung besteht, auf die freilich im allgemeinen noch viele mehr oder minder verwickelte Folgereaktionen folgen. Auch diese Theorie hat schließlich im Experiment volle Bestätigung gefunden. Die Idee des Lichtquants gehört heute zu dem erprobten Rüstzeug der Quantentheorie.
Die zweite, vielleicht noch größere Leistung aus jenem Schicksalsjahr 1905 war die Grundlegung der Relativitätstheorie. Das 19. Jahrhundert hatte zu Beginn die Wellentheorie des Lichtes gesichert und die Geschwindigkeit des Lichtes mit immer wachsender Genauigkeit gemessen, sowohl gegenüber der Erde als auch gegenüber dem Planetensystem. Die Übereinstimmung beider Messungen war aber auf Grund der klassischen Physik unverständlich, da sich die Erde doch im Planetensystem bewegt. Zahllos waren die Experimente, welche diese Problematik klären sollten, kaum weniger zahlreich die theoretischen Ansätze dazu. Da man seit →Clerk Maxwell und →Heinrich Hertz das Licht als elektromagnetische Wellen ansah, spielten auch elektromagnetische Versuche dabei mit. Bald nach 1900 hatten Forscher wie →H. A. Lorentz und →Henri Poincaré beachtliche Gesichtspunkte zu dieser Frage aufgestellt, ohne jedoch zu völlig befriedigendem Ergebnis zu gelangen.
E., der viel dachte, aber wenig las und infolgedessen anfangs von diesen seinen Vorgängern nichts wußte, faßte das Problem von der grundsätzlichen Seite an. Er forderte ein Relativitätsprinzip, demzufolge es eine Vielzahl von gleichberechtigten Bezugssystemen in der Physik gibt, in denen genau dieselben Naturgesetze herrschen, also zum Beispiel auch die Lichtgeschwindigkeit denselben Wert hat. Diese Bezugssysteme haben gegeneinander gleichförmige Bewegungen ohne Drehung; ihre gegenseitigen Geschwindigkeiten liegen stets unter der des Lichtes. Die entscheidende Frage, wie man die räumlichen Koordinaten vom einen zum anderen Bezugssystem umzurechnen hat, beantwortet die Lorentztransformation, so genannt, weil sie schon bei →H. A. Lorentz auftrat, ohne daß dieser das Relativitätsprinzip in seinem ganzen Umfang erkannt hätte. Dabei wird aber auch die Zeit umgerechnet. Zwei Ereignisse, die in einem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind in einem anderen im allgemeinen ungleichzeitig. Und die Längen zweier Stäbe stimmen in verschiedenen Bezugssystemen nicht überein. Vor solchen Folgerungen hätte wohl jeder zurückgeschreckt, hätte nicht E. gezeigt, daß sie sich ganz anschaulich herleiten lassen, wenn man bedenkt, daß man Signale vom einen zum anderen Raumpunkt höchstens mit Lichtgeschwindigkeit übertragen kann. In dieser Kritik der Raum- und Zeitmessung lag das unerhört Neue dieser speziellen Relativitätstheorie. Über die Relativität der Gleichzeitigkeit ist jahrzehntelang erbittert gekämpft worden.
Eine weitere, Widerspruch herausfordernde Folgerung war das E.sche Additionstheorem der Geschwindigkeiten, demzufolge die Zusammensetzung einer Lichtgeschwindigkeit mit einer beliebigen anderen wieder Lichtgeschwindigkeit ergibt, übrigens eine notwendige Konsequenz der Voraussetzung, daß die Lichtgeschwindigkeit in allen Bezugssystemen die gleiche ist. Sodann trat an die Stelle der Newtonschen Dynamik eine relativistische, bei der Energie und Impuls eines beschleunigten Körpers über alle Grenzen wachsen, wenn sich dessen Geschwindigkeit der des Lichtes nähert. Erreichung der Lichtgeschwindigkeit ist danach ausgeschlossen. Diese Dynamik bestätigten bald genaue Messungen über die Ablenkbarkeit von Elektronen im elektrischen oder magnetischen Feld; heute beruht die Konstruktion der großen Teilchenbeschleuniger (Zyklotron, Linearbeschleuniger und so weiter) auf der relativistischen Dynamik, die sich dabei vollauf bewährt.
Als kleinen Nachtrag zu dieser ersten Veröffentlichung brachte dann dasselbe Jahr 1905 noch E.s Gesetz von der Trägheit der Energie. Die Masse eines Körpers ist danach gleich seinem Energieinhalt, dividiert durch das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Dieses Gesetz hat Geschichte gemacht. Schien es anfangs in der Natur keine besondere Rolle zu spielen, so hat es sich später als eine Grundlage der Physik der Atomkerne herausgestellt und in der Atombombe eine wahrlich durchschlagende Bestätigung gefunden.
Diese beiden großen Entdeckungen E.s von 1905 machten ihn, trotz aller gegen sie erhobenen Zweifel, sogleich berühmt. Zwar weigerte sich die Berner Universität noch 1906, ihn auf Grund der Relativitätstheorie zu habilitieren; sie holte das aber 1907 auf Grund einer anderen Habilitationsschrift nach. Dann kamen die Berufungen in rascher Folge: 1909 an die Universität Zürich, 1911 an die Universität Prag und 1912 an die TH Zürich. Hier war er zu Vorlesungen über theoretische Physik verpflichtet. Davon befreite ihn 1913 eine Berufung an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin, an der er hauptamtliches Mitglied wurde, mit Lehrberechtigung an der Universität, aber ohne Verpflichtung dazu. 1914 wurde er Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin. Diese Stellungen behielt er bis 1933 bei.
Das Vertrauen, das sich in dieser Berufung aussprach, rechtfertigte E. vollauf. Denn neben mancher anderen wertvollen Arbeit vollendete er 1915 sein größtes Werk: die allgemeine Relativitätstheorie, die ihn schon|seit 1907 beschäftigt hatte. Die spezielle Relativitätstheorie enthielt nämlich keine Begründung für die Existenz der allgemeinen, Newtonschen Massenanziehung, insbesondere fehlte es ihr wie der früheren Physik überhaupt an einer Deutung jenes empirisch wohlbestätigten Gesetzes von der Gleichheit von träger Masse, wie sie im Newtonschen Bewegungsgesetz auftritt, und der schweren Masse, welche für die Anziehung verantwortlich ist. Durch eine kühne Opferung der euklidischen Geometrie, welche die gesamte Physik seit den ältesten Zeiten als selbstverständliche Grundlage aller Raummessung betrachtet hatte, und geeignete Übernahme der Grundideen der speziellen Relativitätstheorie gelang es E., beide Mängel zu beseitigen, ohne etwas Wesentliches von den älteren physikalischen Ergebnissen zu opfern. Aber mehr noch: Zwangsläufig ergaben sich aus dieser neuen Theorie 3 astronomische Effekte, von denen der eine, die Perihelbewegung des Planeten Merkur, schon lange bekannt, aber unerklärt war, während die Lichtablenkung an der Sonne erst 1919 auf E.s Anregung hin von →Eddington entdeckt und die Verschiebung der Spektrallinien nach manchen Mißerfolgen schließlich an Fixsternen besonders großer Dichte festgestellt wurde. Die Auffindung der Lichtablenkung hob den Ruhm E.s fast ins Übermenschliche. Und er wuchs noch weiter, als die allgemeine Relativitätstheorie noch für eine andere rätselhafte astronomische Beobachtung eine plausible Deutung fand, nämlich die aus den Dopplereffekten von →E. Hubble und anderen erschlossene Fortbewegung ferner Milchstraßensysteme (im allgemeinen Nebel genannt) von unserem eigenen galaktischen System. Diese Theorie eröffnete nämlich die Möglichkeit, den dreidimensionalen Raum als einen Kugelraum von ständig wachsendem Radius anzusehen, was dann selbstverständlich zu wachsenden Abständen zwischen allen Körpern, führt. Eine ganz neue Kosmologie bahnt sich hier an.
Aber mit dem Ruhm wuchs auch die Anfeindung. Zwar im 1. Weltkrieg gewannen dessen Aufregungen und Nöte keinerlei Einfluß auf E.s Produktivität. Er hatte sein Inneres gut abgeriegelt gegen äußere Einwirkungen. Aber nach dem Zusammenbruch des deutschen Reiches 1918 schwoll eine Welle von ungehemmtem Nationalismus, vermischt mit Antisemitismus an und wandte sich auch gegen E., dessen andersartige politische Denkart aus der Kriegszeit her bekannt war. Es bildete sich in Berlin zum Beispiel eine Gesellschaft der Einsteingegner mit dem Ziel, seine Wissenschaft in öffentlichen Versammlungen anzugreifen; allerdings kamen davon nur zwei wirklich zustande. Auch dies machte ihm keinen Eindruck. Aber allmählich kam die Hitlersche Bewegung auf, welche alsbald zu Gewalttaten gegen Juden und politisch anders Denkende überging. Das erforderte Vorsicht, und so verließ E.Ende 1932 Deutschland. Wie berechtigt dies war, zeigte sich alsbald nach der sogenannten Machtergreifung vom 30.1.1933. Nun plante die „Partei“ den Ausschluß E.s aus der Preußischen Akademie, und zwar zum Tage des Judenboykotts vom 1.4.1933. E. kam ihm zuvor, indem er von Belgien aus seinen Austritt erklärte. Er hat Deutschland nie mehr betreten, wanderte vielmehr über England nach den Vereinigten Staaten von Amerika aus.
In Princeton, jener hübschen kleinen Universitätsstadt, erhielt er ein Amt an dem Institute for Advanced Study, welches ihm dieselbe Freiheit von Lehrverpflichtungen gewährte wie die Berliner Stellung. Dort hat er, abgesehen von einigen Reisen auf dem amerikanischen Kontinent, den Rest seines Lebens verbracht. Zu seinen wesentlichen Beschäftigungen gehörte ein vergebliches Ringen um ein Verständnis der Quantentheorie, wie sie sich in den 20er Jahren durch Wellenmechanik und so weiter entwickelt hatte. Aber kurz vor seinem Tode gestand er als ein Ergebnis lebenslangen Grübelns ein, daß man von einem Verständnis der atomaren Vorgänge noch viel weiter entfernt sei, als es die meisten Physiker zugeben wollten. Ferner versuchte er weitere Verallgemeinerungen der Relativitätstheorie, um in ihren nun die gesamte Mechanik und Gravitation umfassenden Bau auch die elektromagnetischen Vorgänge einzubeziehen. Trotz unsagbarer Mühe und Geduld blieb ihm auch hier wohl ein Erfolg versagt.
Außerdem aber besaßen jetzt seine politischen Sorgen ein Übergewicht. Selbstverständlich rüttelten ihn Hitlers Judenverfolgungen auf, ja, er fühlte sich vielleicht jetzt erst so recht diesem unglücklichen Volke angehörig. Aber soviel er auch im Einzelnen tat, hervorgetreten ist er an einer entscheidenden Stelle nur einmal; als nämlich die wissenschaftliche Forschung die Möglichkeit einer Atombombe ergeben hatte, und man in Amerika vielfach befürchtete, eine solche werde in Deutschland hergestellt werden, legte ihm →Leo Szilard, damals in Chicago (früher in Berlin), ein an den Präsidenten →Roosevelt zu richtendes Schreiben vor, in welchem die amerikanische Regierung aufgefordert wurde, die zur Produktion solcher Bomben notwendigen Vorkehrungen sofort in Gang zu setzen. Und E. unterschrieb.
An den weltgeschichtlichen physikalisch-technischen Arbeiten zur Verwirklichung hat er freilich nicht persönlich teilgenommen, die Anwendung der Bombe über Hiroshima und Nagasaki nicht gebilligt. Als Pazifist, der er mit aller Entschiedenheit war, hat er nach Kriegsende nicht aufgehört, seine Stimme gegen weitere Verwendung der Bombe zu erheben wie gegen alle Kriegsrüstung. Daneben aber wandte er sich als alter Freiheitskämpfer auch gegen alle Gesinnungsforschung, wie sie einige Jahre hindurch unter der Ägide des Senators →McCarthy in den Vereinigten Staaten im Gange war. Konnte er das Ende dieser Bewegung auch noch erleben, so blieb ihm doch in der Politik, ebenso in der Wissenschaft, so mancher Wunsch unerfüllt. Immerhin, auf dem Sterbebett konnte er mit vollem Recht sagen: „Meine Arbeit ist getan“.
E.s leidenschaftliches Forschungsbedürfnis zeigte sich auch in seinen Gesprächen mit Fachgenossen; er war unermüdlich in der Auseinandersetzung der ihn gerade beschäftigenden Gedanken. Daneben ging er gern, namentlich in höheren Jahren, auf Politik, soziale Verhältnisse, aber auch religiöse Fragen ein, in denen er einen durchaus eigenen Standpunkt einnahm. Er liebte die Musik, namentlich →Bach und →Mozart, spielte von Jugend auf Violine und war für Hauskonzerte gesucht. In seinen letzten Jahren, als sich allerhand Altersleiden eingestellt hatten, zog er sich mehr und mehr in sein schönes Heim in Princeton zurück. Besucher, die vorgelassen wurden, konnten ihn dann antreffen meditierend, lesend oder auch im Gespräch mit einem seiner jungen Mitarbeiter. Leiden ertrug er mit Geduld, den Tod erwartete er bei voller Besinnung in altgewohnter Seelenruhe. Denn er war nicht nur ein wissenschaftliches Genie, sondern auch ein in sich gefestigter Charakter.|
10. Werner Heisenberg
1901 – 1976
Theoretischer Physiker
Werner Heisenberg war einer der wichtigsten Physiker des 20. Jahrhunderts. 1925 begründete er die Quantenmechanik und trug mit seiner Unschärferelation (1927) wesentlich zur Deutung dieser Theorie bei. Er war einer der Begründer der Quantenfeldtheorie und der Kernphysik. Während des Zweiten Weltkriegs leitete er die Kernforschung im nationalsozialistischen Deutschland. Nach 1945 war er als Wissenschaftsorganisator führend beim Wiederaufbau der Wissenschaften in der Bundesrepublik.
Ausbildung
1910 zog Heisenberg mit seiner Familie nach München, wo er das von seinem Großvater geleitete Maximiliansgymnasium besuchte. Für den Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu jung, beteiligte er sich 1919 als Freiwilliger an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik, ohne an Kampfhandlungen teilzunehmen.
Nach dem Abitur 1920 studierte Heisenberg Physik an der Universität München und wurde hier 1923 bei Arnold Sommerfeld (1868–1951) mit einer Dissertation, die sich mit dem Problem der Turbulenz beschäftigte, zum Dr. phil. promoviert. Im Herbst 1923 trat er eine Stelle als Assistent bei Max Born (1882–1970) an der Universität Göttingen an, habilitierte sich im Sommer 1924 mit einer Arbeit zum Zeeman-Effekt für Theoretische Physik und erhielt nach einem kurzen Besuch im Frühjahr 1924 von Niels Bohr (1885–1962) das Angebot, mit einem Stipendium nach Kopenhagen zu kommen. Von Born freigestellt, blieb Heisenberg von September 1924 bis April 1925 an Bohrs Institut.
Heisenberg in Göttingen, Kopenhagen und Leipzig
Zurück in Göttingen, beschäftigte sich Heisenberg mit der Berechnung von spektralen Intensitäten, eine Fragestellung, die ihn zur Quantenmechanik führte. Anfang Juni 1925 brach er zu der legendenumwobenen Reise nach Helgoland auf, während der er weitere Durchbrüche auf dem Weg zur Quantenmechanik erzielte. Am 9. Juli vollendete Heisenberg, wieder in Göttingen, das Manuskript „Über quantentheoretische Umdeutung kinematischer und mechanischer Beziehungen“ (publiziert im September 1925), mit dem die Quantenmechanik begründet wurde.
In der rasanten Entwicklung der Quantenmechanik zwischen 1925 und 1927 spielte Heisenberg eine zentrale Rolle. Noch 1925 verfasste er mit Born und Pascual Jordan (1902–1980) die sog. Dreimännerarbeit, in der die von Born und Jordan auf Grundlage von Heisenbergs Umdeutung entwickelte Matrizenmechanik zu einer allgemeineren Theorie weiterentwickelt wurde, mit der sich im Prinzip beliebig komplizierte mechanische Systeme quantentheoretisch behandeln ließen. Im Frühjahr 1926 trat Heisenberg auf Einladung Bohrs eine Stelle in Kopenhagen an. Hier schrieb er grundlegende Arbeiten zur Anwendung der Quantenmechanik auf Mehrkörperprobleme, wie das Helium-Atom. Aus der quantenmechanischen Analogie zwischen den Zweielektronensystemen Helium-Atom und Wasserstoff-Molekül schloss Heisenberg, dass es nicht nur Ortho- und Parahelium, sondern auch Ortho- und Para-Wasserstoff-Moleküle gebe. Diese 1929 bestätigte Vorhersage allotroper Formen des Wasserstoffs lieferte die offizielle Begründung für die Zuerkennung des Nobelpreises für Physik 1933 nachträglich für das Jahr 1932. Heisenberg war in Kopenhagen zentral an der Debatte über die Interpretation der Quantenmechanik beteiligt, die sich in der Auseinandersetzung mit Erwin Schrödingers (1887–1961) Wellenmechanik ergab. Heisenbergs wichtigster Beitrag hierzu waren die Unbestimmtheitsrelationen, die er Anfang 1927 aufstellte (auch als Unschärferelationen oder Unschärferelation bekannt).
Im November 1927 nahm Heisenberg einen Ruf als ordentlicher Professor für Theoretische Physik an die Universität Leipzig an. Mit grundlegenden Beiträgen zu Quantenfeldtheorie und Kernphysik etablierte er, mit dem 1929 dorthin berufenen Friedrich Hund (1896–1997), Leipzig als neues Zentrum quantentheoretischer Forschung. Sein erster Doktorand war 1928 der spätere Nobelpreisträger Felix Bloch (1905–1983). Zu weiteren Schülern zählen Edward Teller (1908–2003) und Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007).
Heisenberg in der Zeit des Nationalsozialismus
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme setzte sich Heisenberg gegen die Entlassungen von Physikprofessoren im Rahmen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und gegen die Übernahme wichtiger Posten durch Vertreter der „Deutschen Physik“ ein. Ansonsten hielt er sich von politischen Fragen fern. Eine Berufung an die Universität München wurde durch die politisch motivierte Ablehnung der Theoretischen Physik verhindert; Angebote für Professuren in den USA, wo er im Sommer 1939 auf Vortragsreise war, lehnte er ab. Im Kontext des Münchner Berufungsverfahrens im Juli 1937 wurde Heisenberg von Vertretern der „Deutschen Physik“ in der Wochenzeitung der SS „Schwarzer Korps“ als Vertreter der Physik Albert Einsteins (1879–1955) scharf angegriffen. Nach einem Brief Heisenbergs an Heinrich Himmler (1900–1945) erfolgte eine langwierige Untersuchung durch die SS, in deren Rahmen Heisenberg im Gestapo-Hauptquartier verhört und am Ende als unpolitischer Akademiker eingestuft wurde. Himmler unterband weitere Angriffe auf ihn. Heisenberg wurde nahegelegt, in der Lehre die Nennung Einsteins Namen und anderer jüdischer Physiker zu unterlassen.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heisenberg zum unter der Ägide des Heereswaffenamts stehenden „Uranverein“ abkommandiert. Bereits im Winter 1939/40 verfasste er zwei Geheimberichte mit Beiträgen zur Theorie des Kernreaktors und Bemerkungen zu Kernwaffen. In den folgenden Jahren betreute er experimentelle Reaktorforschung in Leipzig, später am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin, an das er als Direktor zum Juli 1942 berufen wurde. Es wurde kein funktionierender Reaktor fertiggestellt. In den letzten Kriegsjahren schrieb Heisenberg grundlegende theoretische Arbeiten zur Streutheorie, die mit Kernspaltung nichts zu tun hatten.
Heisenbergs Arbeit während des Kriegs wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Mark Walker (geb. 1959) vertritt die Ansicht, dass eine Atombombe für das Deutsche Reich außer Reichweite gewesen wäre; in dieser Gewissheit hätten die Physiker um Heisenberg ohne weitere moralische Skrupel zur Kernspaltung geforscht. Andere argumentieren, dass die Fertigstellung einer Atombombe durchaus möglich gewesen wäre, aber dass Heisenberg vor 1945 die Physik der Atombombe nicht durchdrungen hätte. Doch auch hier herrscht Uneinigkeit über die Ursachen von Heisenbergs Ahnungslosigkeit: Paul Rose (geb. 1944) führt diese auf Inkompetenz und Überheblichkeit zurück, Manfred Popp (geb. 1941) auf Heisenbergs Unwillen, die Bombe zu bauen.
Wegen der Bombardierung Berlins zog das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik seit Ende 1943 schrittweise nach Hechingen auf der Schwäbischen Alb um. Im April 1945 floh Heisenberg nach Urfeld (Oberbayern), wo sich seine Familie aufhielt. Anfang Mai wurde er, als einer der letzten führenden deutschen Kernphysiker, im Rahmen der US-amerikanischen Alsos-Mission verhaftet und nach zwei Monaten an verschiedenen Internierungsorten in Frankreich und Belgien mit Kollegen an den britischen Geheimdienst übergeben, der sie im Landsitz Farm Hall in Cambridgeshire unterbrachte. Hier wurden die Gespräche der zehn Internierten systematisch abgehört. In Farm Hall erfuhren diese auch vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, womit offensichtlich wurde, dass die US-amerikanischen Forscher viel weiter gekommen waren als der Uranverein.
Heisenberg in der Bundesrepublik
Anfang 1946 wurden Heisenberg und seine Kollegen in die britische Besatzungszone geflogen und freigelassen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut (bald darauf: Max-Planck-Institut für Physik) wurde mit Heisenberg als Direktor in Göttingen wiederaufgebaut. In den folgenden Jahrzehnten widmete er sich seiner nicht-linearen Spinortheorie, die eine vereinheitlichte Theorie der Elementarteilchen sein sollte und von den Medien als „Weltformel“ bezeichnet wurde. Dieser Versuch gilt als gescheitert, antizipierte jedoch einige Ideen des späteren Standardmodells der Teilchenphysik, wie spontane Symmetriebrechung oder Confinement.
Obwohl Heisenberg wissenschaftlich nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen konnte, wurde er zu einer der wichtigsten Personen der Wissenschaftspolitik der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik, z. B. 1949 als Vorsitzender des Deutschen Forschungsrats, einem der Vorläufer der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Als Gründungspräsident der Alexander von Humboldt-Stiftung (1953) machte er sich um die Internationalisierung der bundesdeutschen Physik verdient. 1957 war Heisenberg Mitunterzeichner der „Göttinger Erklärung“, mit der führende Wissenschaftler erfolgreich gegen die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik protestierten.
1958 zog das Max-Planck-Institut für Physik auf Heisenbergs Betreiben nach München um, wo er bis 1970 als Professor für Physik an der Universität wirkte. 1969 veröffentlichte er die Autobiografie „Der Teil und das Ganze“, die zu einem Bestseller wurde. Heisenberg war einer der bedeutendsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur an der Entstehung der Quantenmechanik zentral beteiligt, sondern prägte ihre Weiterentwicklung und Interpretation über Jahrzehnte. Auch seine philosophischen Betrachtungen, in denen er die Quantenmechanik mit altgriechischer Naturphilosophie und einer Kritik der Moderne verband, stießen v. a. in der Bundesrepublik auf große Resonanz.
11. Bertolt Brecht
1898 – 1956
Schriftsteller, Regisseur, künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles
Bertolt Brecht war ein politischer Dichter, der in allen literarischen Gattungen arbeitete. Als Stückeschreiber und Regisseur revolutionierte er mit seinem „epischen Theater“ (später „dialektisches Theater“) die Bühnenkunst des 20. Jahrhunderts. Brechts Sprache ist in ihrer Kombination von Poesie, Direktheit, Traditions- und Formbewusstheit unverwechselbar. Seine Texte und sein Denken übten weit über den deutschen Sprachraum hinaus erheblichen Einfluss auf Kunst, Politik und Gesellschaft aus, weil sie die Welt als veränderungswürdig betrachten und Politisches und Künstlerisches verbinden.
Augsburg oder Literarische Anfänge
Brecht besuchte das Königliche Realgymnasium in Augsburg, wo er mit der Produktion literarischer Texte begann und Freundschaft mit dem späteren Bühnenbildner Caspar Neher (1897–1962) schloss, mit dem er lebenslang immer wieder zusammenarbeitete. Nach dem Notabitur 1917 nahm Brecht ein Studium der Medizin an der Universität München auf, das er 1921 abbrach, um als Regisseur und Dramaturg in München, seit 1924 in Berlin zu arbeiten. In dieser Zeit baute er sich einen Freundeskreis auf, zu dem neben Neher u. a. Marta Feuchtwanger (1891–1987), Lion Feuchtwanger (1884–1958), Arnolt Bronnen (1895–1959), Erich Engel (1891–1966), Marieluise Fleißer (1901–1974), Frank Warschauer (1892–1940)und Herbert Ihering (1888–1977) zählten.
Erste Bekanntheit erlangte Brecht bereits mit seinen Theaterstücken. Sein 1918/19 in zwei Fassungen entstandenes Erstlingsdrama „Baal“, in das er von ihm verfasste Lyrik einarbeitete, wurde 1923 unter Alwin Kronacher (1880–1951) am Alten Theater in Leipzig uraufgeführt. Für „Baal“ und sein zweites, unter der Regie von Otto Falckenberg (1873–1947) an den Münchner Kammerspielen 1922 uraufgeführtes Theaterstück „Trommeln in der Nacht“, in dem sich ein Soldat zwischen der Fortsetzung des Kriegs und dem Brautbett entscheiden muss, wurde er im selben Jahr mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet. Vorstellungen der Uraufführung seines folgenden Stücks „Im Dickicht“ – das seit Carl Eberts (1887–1980) Aufführung am Hessischen Landestheater 1927 unter dem Titel „Im Dickicht der Städte“ bekannt wurde – wurden 1923 im Münchner Residenztheater von Nationalsozialisten gestört.
Berlin (I) oder Experiment, Politisierung und Erfolg
Internationale Anerkennung erwarb Brecht mit „Die Dreigroschenoper“, einer freien Adaption von John Gays (1685–1732) „Beggar’s Opera“ (1728), in der deutschen Übersetzung von Brechts Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann (1897–1973). „Die Dreigroschenoper“, die im viktorianischen London spielt und in der Brecht den modernen Industriekapitalismus anprangerte, wurde bis 1933 in 18 Sprachen übersetzt und erlebte zahlreiche Aufführungen im In- und Ausland. Viele der darin enthaltenen Lieder, allen voran „Die Moritat von Mackie Messer“ und das „Lied von der Seeräuber Jenny“, wurden nicht zuletzt durch die Kompositionen von Kurt Weill (1900–1950), der auch die Musik zu Brechts „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (1930) und „Die sieben Todsünden“ (1933) schuf, zu bekannten Schlagern.
Nachdem er sich seit 1927 als Autor, Dramaturg und politischer Denker an den Aufführungen der Ersten Piscatorbühne (Erwin Piscator, 1893–1966) beteiligt hatte, experimentierte Brecht seit etwa 1930 mit sog. Lehrstücken, einer Form, die er später „Learning Play“ nannte, wobei das Lernen vor dem Lehren und das Spiel vor dem Stück betont wurden. Beim Festival „Deutsche Kammermusik Baden-Baden 1929“ wurden die Lehrstücke „Der Flug der Lindberghs“ (Musik: Kurt Weill und Paul Hindemith, 1895–1963) sowie das „Lehrstück“ (später „Badener Lehrstück vom Einverständnis“, Musik: Hindemith) uraufgeführt. Berühmt und seiner politischen wie dramaturgischen Radikalität wegen umstritten ist das Lehrstück „Die Maßnahme“ (1930), für das Hanns Eisler (1898–1962), mit dem Brecht ebenfalls mehrfach erfolgreich zusammenarbeitete, die Musik komponierte. Als legendär gilt das Stückfragment „Fatzer“ (auch „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, 1926/30), ein dramaturgisches Experiment, das wiederum Erfahrungen von Krieg und Desertation verarbeitet; der Dramatiker Heiner Müller (1929–1995), der es 1988 als Hörspiel mit Musik der Band „Einstürzende Neubauten“ unter dem Titel „Untergang des Egoisten Fatzer“ für den Rundfunk der DDR bearbeitete, bezeichnete es als „Jahrhunderttext“.
Mit der Erfindung des epischen Theaters – einer Spielform, die die Trennung zwischen Spielenden und dem Publikum aufheben soll – beeinflusste Brecht die Bühnenkunst in aller Welt bis in die unmittelbare Gegenwart. Brecht war immer zugleich Schriftsteller und Regisseur – ein Mann, der das Spiel liebte. Er war ein politischer Künstler, der die Welt als eine veränderbare zeigen wollte. Walter Benjamin (1892–1940) charakterisierte diese Arbeit mit der Formulierung „Laboratorium Vielseitigkeit“. Brechts Arbeit zeichnet sich durch ihre Kollektivität aus.
Seit Mitte der 1920er Jahre lebte Brecht als freischaffender Schriftsteller in Berlin und schrieb neben Theaterstücken Prosa und Lyrik. Sein erster Gedichtband, eine Sammlung gegenwärtiger Balladen, Legenden und Chroniken, erschien 1927 unter dem Titel „Bertolt Brechts Hauspostille“. Brechts Freundeskreis erweiterte sich um Elisabeth Hauptmann, Kurt Weill, Lotte Lenya (1898–1981), Karl Korsch (1886–1961), Walter Benjamin, Fritz Sternberg (1895–1963), Sergej Tretjakow (1892–1937), George Grosz (1893–1959), Bernard von Brentano (1901–1964) und Hanns Eisler. Seit etwa Mitte der 1920er Jahre befasste sich Brecht mit dem Marxismus, wobei ihm Korsch, Sternberg und Eisler wesentliche Gesprächspartner waren. Brecht war nie Mitglied einer Kommunistischen Partei, gleichwohl gilt er als Sympathisant der Kommunisten, was in seinen Arbeiten klar erkennbar ist. Ein Beispiel entschiedener Parteinahme für die Sache des Kommunismus, die Brecht auch das „Mittlere“ oder die „Dritte Sache“ nannte, ist das nach dem Roman von Maxim Gorki (1868–1936) geschriebene Stück „Die Mutter“, das 1932 mit Brechts Ehefrau Helene Weigel (1900–1971) in der Hauptrolle im Komödienhaus am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde.
In den Jahren zwischen 1930 und 1933 widmete sich Brecht, der schon als junger Autor Filmerzählungen geschrieben hatte, intensiv dem Film. Nach dem Erfolg der „Dreigroschenoper“ prozessierte Brecht gegen die Verfilmung des Stücks durch die Nero-Film A. G. (Regie: Georg Wilhelm Pabst, 1885–1967), weil der Produzent das Drehbuch des Autors erheblich verändert hatte. Der Streit drehte sich um die Frage der Mitwirkung. Nachdem das Gericht Brechts Klage abgewiesen hatte, kam es zu einem Vergleich (dazu die Schrift „Der Dreigroschenprozeß“, 1931). Der kommunistische Kinoklassiker „Kuhle Wampe“, entstanden 1932 in Zusammenarbeit mit Slatan Dudow (1903–1963), Ernst Ottwalt (1901–1943) und Eisler, thematisiert das Elend der Arbeitslosigkeit und Möglichkeiten kommunistischen Widerstands.
Exil oder Die Geburt des Klassikers
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 stand Brecht wegen seiner Nähe zu den Kommunisten auf der von Wolfgang Herrmann (1904–1945) zusammengestellten „Schwarzen Liste“, seine Bücher wurden verbrannt, er 1935 ausgebürgert. Am 28. Februar 1933 floh er mit seiner Familie und seiner Mitarbeiterin Margarete Steffin (1908–1941) über Paris nach Svendborg (Dänemark), wo er seine spätere Mitarbeiterin Ruth Berlau (1906–1974)kennenlernte, 1937 die Arbeit an dem Stück „Furcht und Elend des III. Reiches“ (Uraufführung 1938 in Paris) aufnahm und „Leben des Galilei“ (1938) verfasste. 1939 übersiedelte er nach Schweden, lebte in Lidingö bei Stockholm, schrieb „Der gute Mensch von Sezuan“ und publizierte die Sammlung „Svendborger Gedichte“ (beides 1939). Im April 1940 flüchtete Brecht vor den deutschen Truppen weiter nach Helsinki und verfasste hier das Stück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ (1940) und die Hitler-Satire „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941). Außerdem legte er in dieser Zeit grundsätzliche, politisch motivierte literaturtheoretische Schriften vor, so „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ (1934). Im Mai 1941 erhielt Brecht ein Einreisevisum in die USA, gelangte mit seiner Familie von Wladiwostok (Sowjetunion) aus mit dem Schiff nach Santa Monica (Kalifornien), fasste hier aber nicht, wie von ihm beabsichtigt, als Filmschriftsteller für Hollywood-Produktionen Fuß. Realisiert wurde lediglich das wesentlich von Brecht verfasste Drehbuch zu Fritz Langs (1890–1976) Geiseldrama „Hangmen Also Die“ (1943). In den USA entstand 1944 Brechts letztes großes Theaterstück „Der kaukasische Kreidekreis“ (Musik: Paul Dessau, 1894–1979).
Bald nachdem sein „Leben des Galilei“ als „Galileo“ 1947 in der Übersetzung und Bearbeitung von Charles Laughton (1899–1962) in englischer Sprache in Santa Monica und New York City aufgeführt worden war, wurde Brecht wegen seiner politischen Auffassungen „unamerikanischer Aktivitäten“ verdächtigt und am 30. Oktober 1947 vor dem House on Un-American Activities Committee (HUAC) unter Vorsitz von Senator Joseph McCarthy (1908–1957) verhört. Repressalien fürchtend, floh er am Tag nach dem Verhör mit Weigel in die Schweiz und inszenierte 1948 am Stadttheater Chur seine Fassung der „Antigone des Sophokles“ mit seiner Frau in der Hauptrolle. Als weitere wichtige theatertheoretische Schrift entstand das „Kleine Organon für das Theater“ (1948).
Berlin (II) oder Die Gründung des Berliner Ensembles
1948 folgten Brecht und Weigel einer Einladung des Schauspielers und Regisseurs Wolfgang Langhoff (1901–1966) und der Sowjetischen Kulturadministration und remigrierten nach Berlin-Ost. Hier brachten sie sein 1939 geschriebenes Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ am 11. Januar 1949 am Deutschen Theater in Berlin-Ost auf die Bühne – wiederum mit Weigel in der Titelrolle (Musik: Paul Dessau). Zur Spielzeit 1949/50 gründeten beide das „Berliner Ensemble“, das im Deutschen Theater gastierte und 1954 dauerhaft in das ehemalige Theater am Schiffbauerdamm übersiedelte. Brecht, der sich immer als Schriftsteller und Regisseur verstand, fand hier Gelegenheit, seine im Exil entstandenen Stücke zu inszenieren. Er bearbeitete zudem Stücke u. a. von William Shakespeare (1564–1616), Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) und kümmerte sich um die Ausbildung seiner Schülerinnen und Schüler, z. B. Peter Palitzsch (1918–2004), Benno Besson (1922–2006), Käthe Rülicke (1922–1992), Egon Monk (1927–2007), Manfred Wekwerth (1929–2014) und B. K. Tragelehn (geb. 1936). Bis heute sind die Stücke Brechts eine Säule der Arbeit des Berliner Ensembles. Hannah Arendt (1906–1975) nannte den Aufbau des Ensembles „vielleicht die hervorragendste kulturelle Leistung im Deutschland der Nachkriegszeit“.
Brecht betrachtete seine Theaterarbeit als Experimente, die zeigen sollten, dass die Welt geändert werden müsse. Gleichwohl ist sein Theater kein didaktisches, die Botschaft ist der Kunst nicht untergeordnet. Theater ist Spiel, es soll Spaß machen. Brechts Stücke sind Modelle gesellschaftlichen Lebens, Entwürfe von Figuren, Vorschläge für Probehandeln.
Brechts Verhältnis zur DDR war von kritischer Solidarität geprägt. Er sprach sich unmissverständlich für den sozialistischen deutschen Staat aus. Seine Arbeit wurde jedoch oft mit Argwohn betrachtet, in den Medien ignoriert oder gar zensiert. Eine Zerreißprobe für den Dichter war der Volksaufstand am 17. Juni 1953, bei dem Brecht seine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei formulierte, aber auch die „Sichtung“, also kritische Prüfung, der sozialistischen Errungenschaften forderte. „Der 17. Juni hat die ganze Existenz verfremdet“, schrieb er in sein „Journal“ im Sommer 1953. Die Erfahrungen der größten Krise der jungen Republik verarbeitete er in seinem Gedichtzyklus „Buckower Elegien“ (1953).
Mit den Gastspielen des Berliner Ensembles auf dem Festival Théâtre des Nations in Paris 1954 und 1955 begann die ungeheure internationale Rezeption der Stücke Brechts, die Gedichte und andere Texte einschloss und ihren Höhepunkt in den 1960er und 1970er Jahren fand. In der DDR war Brecht präsent als sozialistischer Klassiker, praktisch bedeutete das eine Inanspruchnahme: Man zog heran, was man zur Bestätigung der aktuellen Politik und Kulturpolitik gebrauchen oder sich zurechtbiegen konnte. Im Westen wurde der „Klassiker der Vernunft“ (Suhrkamp Verlag) von Linksstehenden verehrt, von Konservativen skeptisch betrachtet. Dessen ungeachtet sind seine Stücke fester Bestandteil der Repertoires.
Nachruhm
Brechts Werk wurde gleichermaßen im Westen und im Osten Deutschlands verlegt und akademisch erforscht. In den 1980er Jahren wurde die als Gemeinschaftsprojekt der Verlage Aufbau und Suhrkamp in beiden deutschen Staaten erarbeitete „Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe“ begonnen, die nach der Wiedervereinigung 2000 mit insgesamt 30 Bänden in 33 Teilbänden abgeschlossen wurde. Dem Andenken und der Verbreitung von Brechts Werk und Denken widmen sich seit 1956 das Bertolt-Brecht-Archiv der Akademie der Künste, Berlin, und seit 1978 das Brecht-Weigel-Museum, die in seinem letzten Wohnhaus in der Chausseestraße untergebracht sind. Auch Brechts Wochenendhaus in Buckow bei Berlin (1977), sein Wohnhaus in Svendborg (1995) und sein Geburtshaus in Augsburg (1998) sind heute Gedenkstätten. 1969 wurde zudem die wissenschaftliche Internationale Brecht-Gesellschaft nach dem Modell einer von Brecht geplanten „Diderot-Gesellschaft“ gegründet, die das „Brecht Yearbook“ / „Brecht-Jahrbuch“ herausgibt; 1991 wurde die Bertolt-Brecht-Forschungsstätte Augsburg eingerichtet.
12. Max Schmeling
S. wuchs in Hamburg auf, wo er die Volksschule besuchte. Eine 1920 begonnene kaufmännische Ausbildung in einem Verlag brach er bald ab und übte verschiedene Hilfsarbeiten aus. Nach dem Umzug nach Düsseldorf 1922 und später nach Köln begann er im Boxclub Köln-Mülheim mit regelmäßigem Boxtraining und wurde 1923 für erste Wettbewerbe sowie ein Jahr später bei der dt. Meisterschaft der Amateure im Halbschwergewicht eingesetzt. Anschließend entschied er sich für eine Karriere als „Profi“, erlangte viele schnelle Siege, erlitt aber auch mehrere Niederlagen in drittklassigen Kämpfen und wechselte mehrfach den Manager, bevor er seit 1926 vom Chefredakteur der Berliner Zeitschrift „Boxsport“, →Artur Bülow (* 1886), betreut wurde. Bülow vermittelte S. in das Camp des Meistertrainers →Max Machon (1894–1971) nach Lanke und baute ihn rasch für Titelkämpfe auf. 1927 wurde S.Europameister im Halbschwergewicht und durch einen Kampf gegen den populären dt. Mittelgewichtsmeister →Hein Domgörgen zum Star der Berliner Box-Szene. Der von S. knapp nach Punkten gewonnene Kampf um die dt. Schwergewichtsmeisterschaft gegen →Franz Diener 1928 wurde zum gesellschaftlichen Ereignis. Der errungene Titel wurde ihm aber aberkannt, weil S. ihn nicht gegen einen Herausforderer verteidigte, sondern nach New York ging, wo nach einem Streit mit →Bülow →Joe Jacobs S.s neuer Manager wurde.
Nach drei Siegen in Folge durfte S. an den Ausscheidungskämpfen (Elimination Bouts) um die vakante Weltmeisterschaft im Schwergewicht teilnehmen, in denen er sich klar durchsetzte. Den Kampf gegen US-Schwergewichtsmeister →Jack Sharkey am 12.6.1930 gewann S. – in New York zum Publikumsliebling geworden – durch Disqualifikation seines Gegners wegen Tiefschlag. S. führte damit als erster und bislang einziger Deutscher den Titel eines Schwergewichtsweltmeisters, der ihm allerdings längere Zeit wegen der Umstände seines Siegs von vielen nationalen Verbänden der USA nicht zuerkannt wurde. 1932 gab er dem Drängen der New Yorker Boxkommission nach und bestritt einen Rückkampf gegen Sharkey, den er umstritten nach Punkten verlor. In den folgenden Jahren versuchte S. erfolglos, in den USA wieder an einen Titelkampf zu gelangen, zumal ihn eine weitere Niederlage 1933 gegen den als „Boxclown“ berüchtigten Max Baer weiter zurückgeworfen hatte. Trotz dieser Niederlage befand sich S.s Popularität in der Heimat auf ihrem Höhepunkt, nicht zuletzt durch die Heirat mit →Anny Ondra im Sommer 1933, zu der Adolf Hitler ein Geschenk schickte. S. und Ondra waren ein Glamour-Paar der NS-Zeit und auf allen großen gesellschaftlichen Anlässen präsent. Während S. und die neuen Machthaber versuchten, große Boxveranstaltungen in Deutschland zu organisieren und die Weltmeisterschaft ins Land zu holen, bereitete S.s jüd. Manager Jacobs, von dem er sich auch auf Druck der Nationalsozialisten nicht trennte, einen erneuten Qualifikationskampf in den USA vor. Am 19.6.1936 trat S. gegen den als unschlagbar geltenden →Joe Louis an, den er in einem spektakulären Kampf nach|zwölf Runden durch K.O. besiegte. Der Sieg gegen den Schwarzen →Louis wurde von den Nationalsozialisten als Bestätigung ihrer Rassenideologie gedeutet. Wegen seiner Nähe zu den dt. Machthabern wurde S. um den verdienten Kampf gegen den Weltmeister →James J. Braddock gebracht. Statt dessen trat Louis 1937 gegen →Braddock an, schlug diesen und wurde damit Schwergewichtsweltmeister. Den ideologisch aufgeheizten Rückkampf gegen Louis verlor S. am 22.6.1938 klar in nur 127 Sekunden durch K.O.
S.s Glanzzeit als Boxer war damit beendet, aber auch als Symbolfigur für das NS-Regime wollte er sich nicht mehr einspannen lassen. Ohne zum Regimegegner zu werden, ging er auf Distanz, auch weil er im privaten Umfeld immer öfter um Hilfe gebeten wurde, größtenteils von jüd. Freunden, die versuchten, das Land zu verlassen. 1940 wurde er als Fallschirmjäger zur Wehrmacht eingezogen, ein Jahr später aber nach einer Verwundung auf Kreta wieder entlassen. S. legte seinen Titel als Europameister nieder und gab 1942 seine Boxlizenz ab. Die letzten Kriegsjahre erlebte er auf seinem Gut in Pommern, von wo er vor der russ. Armee nach Hamburg floh. Die Lizenz für eine mit →Axel Springer und John Jahr geplante Verlagsgründung wurde 1945 von der engl. Militärverwaltung verweigert. S. versuchte daraufhin 1947 mit seinem Trainer →Machon ein Comeback, mußte aber nach fünf schwachen Kämpfen endgültig vom Boxsport zurücktreten. Er bestritt im Lauf seiner Profi-Karriere insgesamt 70 Kämpfe, von denen er 56 gewann, 38 davon durch K.O.
In den Folgejahren versuchte sich S. als Nerzzüchter, Tabakbauer und Hersteller von Eierlikör. 1957 erhielt er eine Lizenz für die Abfüllung und den Vertrieb von Coca-Cola im Gebiet Hamburg-Ost. S.s Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann in Hamburg-Wandsbek währte bis in die 1990er Jahre. In seinen letzten Lebensjahren, v. a. nach dem Tod seiner Frau, zog er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Popularität aus der Zeit seiner Boxerfolge blieb bis zu seinem Lebensende erhalten, zumal S. ein Symbol des Wirtschaftswunders wurde. Auch in den USA war der für seine höflichen Umgangsformen bekannte S. bis zu seinem Tod ungewöhnlich populär; er wurde 1992 als einziger Deutscher in die „International Boxing Hall of Fame“ aufgenommen. S. engagierte sich für soziale Einrichtungen, wie die Dt. Sporthilfe und die SOS-Kinderdörfer, und gründete 1991 in Hamburg die „Max-Schmeling-Stiftung“ zur Unterstützung von in Not geratenen Sportlern und bedürftigen älteren Menschen (Stiftungsvolumen ca. 10 Mio. DM).
12. Käthe Kollwitz
K. erhielt seit ihrem 14. Lebensjahr Mal- und Zeichenunterricht. Ihre Anschauungen wurden durch die dortige Freie Gemeinde beeinflußt, deren Haupt und Prediger nach dem Großvater mütterlicherseits ihr Vater geworden war. Diese freireligiöse christliche Gemeinschaft berief sich in vielem nicht nur auf das Urchristentum, sondern versuchte mehr noch, zeitgenössische sozialistische Ideen zu verwirklichen. Eine längere Reise mit der Mutter und jüngeren Schwester Lise führte sie zum ersten Mal auch nach Berlin. Den nachhaltigsten Eindruck von diesem Aufenthalt vermittelte der 17jährigen eine Begegnung mit dem damals noch wenig bekannten →Gerhart Hauptmann in Erkner. 1885 setzte sie in Berlin ihr Malstudium in der Künstlerinnenschule von →Karl Stauffer-Bern fort; danach ging sie zu Ludwig Herterich nach München.
Nach Königsberg zurückgekehrt, heiratete sie 1891 den ihr durch die Freie Gemeinde schon länger befreundeten Arzt Dr. Karl Kollwitz, mit dem sie endgültig nach Berlin übersiedelte. Durch dessen im Norden der Stadt gelegene Kassenpraxis wurde sie mit den Schattenseiten der Großstadt, mit Armut, Krankheit und den Nöten des durch die rasche Industrialisierung angewachsenen Proletariats – wie Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Prostitution – konfrontiert. Das Elend dieser Menschen, mit denen sie litt, der Versuch, die gleichgültige Gesellschaft mit ihrer Kunst wachzurütteln, sollten fortan das Leitmotiv ihres Schaffens werden. Ihre Tagebuchnotiz von 1922: „Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“, galt bereits, als sie, tief bewegt von der Berliner Uraufführung der „Weber“ von →Gerhart Hauptmann, 1893-97 die packende Folge „Der Weberaufstand“ schuf (3 Radierungen und 3 Lithographien). Diese von ihr selbst als „Markstein“ in ihrem Schaffen bezeichnete Arbeit zeugt von starker künstlerischer Begabung und fand auf der Großen Berliner Kunstausstellung ein lebhaftes, wenn auch nicht nur positives Echo. Einer ihrer ersten Bewunderer war Adolph Menzel, der sie – vergeblich – für die kleine Goldene Medaille vorschlug. 1901-08 folgte die nicht weniger erschütternde und dramatische Folge „Der Bauernkrieg“, 7 Radierungen, die sie bereits auf der Höhe ihres Könnens als Graphikerin zeigen.
1904 ging K. für ein Jahr nach Paris, um an der Académie Julian Bildhauerei zu studieren, stand doch die menschliche Gestalt im Mittelpunkt ihres Schaffens. Rodins Plastiken und Steinlens Zeichnungen schenkten ihr neue künstlerische Impulse und leiteten in ihrem Werk nach betont malerischen Anfängen in Hell-Dunkel-Kontrasten zu plastischerer Gestaltung über. 1907 erhielt sie den Villa-Romana-Preis; von Florenz wanderte sie zu Fuß nach Rom. 1910 begann K., neben den graphischen Arbeiten sich auch mit Plastik – fast ausschließlich Kleinplastiken – zu befassen, während sie die Malerei schon lange aufgegeben hatte.
Zu Beginn des 1. Weltkriegs fiel ihr Sohn Peter mit erst 18 Jahren. Dieses bittere Erlebnis verlieh K. Wollen und Wirken als engagierter Frau und Künstlerin noch größere Wahrhaftigkeit. Nicht nur das Leid ihrer Mitmenschen, auch das ihre ging fortan in ihr Werk ein und hob es über die zeitgebundenen Anlässe hinaus ins Allgemeingültige, Überzeitliche. Den Schmerz der seelischen Wunden, die ihr geschlagen worden waren, vermochte sie allein durch ihre künstlerische Aufgabe zu mildern. Mit graphischen Arbeiten und eindringlichen Plakaten stellte sie sich in den Dienst nationaler und internationaler Hilfsorganisationen im Kampf gegen Hunger und Elend, wobei die Mütter und Kinder immer stärker ins Zentrum der|Darstellung traten. In Kohle- und Kreidezeichnungen, in Kreidelithographien und expressionistischen Holzschnitten – wie der 1924 erschienenen Folge „Krieg“ – schilderte sie die Einsamkeit und Verzweiflung der Verlassenen, ihre seelische und materielle Not, die Mühsal ihres gequälten Daseins, ohne jemals sentimental zu werden. Ihre künstlerische Handschrift – K. beherrschte alle graphischen Techniken meisterhaft – ist von männlicher Kraft, ihre Aussage von schlichter Menschlichkeit und innerer Monumentalität.
1919 wurde K. Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und erhielt den Professortitel. 1928 wurde sie Leiterin eines Meisterateliers für Graphik an der Hochschule für bildende Künste in Berlin.
Der Gedanke an ein Ehren- und Mahnmal für ihren gefallenen Sohn und alle gefallenen jungen Kriegsfreiwilligen hatte sie seit 1914 bewegt, doch erst 1924-32 konnte sie ihn für den Soldatenfriedhof Rossevelde-Eessen bei Dixmuiden (Flandern), auf dem auch ihr Sohn lag, in Gestalt eines trauernden Elternpaares verwirklichen. Die beiden knieenden Menschen aus belgischem Granit in ihren blockhaften Umrissen drücken den Schmerz der Frau, die K.Züge trägt, und die stumme Verzweiflung und innere Auflehnung des Mannes aus (Kopie 1954 in Köln).
Seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit hat K. immer wieder Selbstbildnisse geschaffen. Sie sind eine völlig uneitle Zwiesprache mit sich selbst, menschliche Rechenschaftsberichte, die nicht weniger ergreifend und ehrlich sind als jene von →Lovis Corinth. Am intensivsten hat sie sich seit 1926 um ein plastisches Selbstbildnis bemüht, wobei sie um dreidimensionale Formen stets heftiger zu ringen hatte als um die graphische Schwarz-Weiß-Kunst. 1936 beendete sie diese Arbeit. Ihr in Bronze gegossener Kopf von fast klassischer Schlichtheit zieht die Summe ihres Schaffens. Würde und Bescheidenheit, Leidensfähigkeit und Mut, der traurige, jedoch wache Blick der Künstlerin, vor allem aber das Menschliche und Mütterliche sind in ihrem Antlitz beschlossen.
In den 20er Jahren war der Tod eines der sie immer wieder bewegenden Themen geworden, mit dem sie sich 1921 mit 7 Holzschnitten und – neben weiteren Darstellungen – in einem 1935 erschienenen Zyklus von Lithographien auseinandersetzte. Sie selbst erfuhr durch den Tod ihres Mannes 1940 und ihres Enkels Peter, der 1942 fiel, weiteres Leid.
Mit dem Nationalsozialismus hat K. nicht paktiert und mit der Entfernung aus ihrem Lehramt die Folgen dafür tragen müssen. Bei dem Versuch eines Journalisten, sie öffentlich zu rehabilitieren, entschied sie: „Ich will und muß bei den Gemaßregelten stehen.“ Schon 1921 hatte sie jedoch erkannt, daß sie im Grunde keine Revolutionärin, sondern eher eine Evolutionärin war. 1943 wurde sie aus Berlin evakuiert und ging nach Nordhausen am Harz. Ein Jahr später fand sie durch Vermittlung des Prinzen Ernst Heinrich von Sachsen und betreut von ihrer Enkelin Jutta Zuflucht auf |Moritzburg. Goethe und die Bibel, die sie jedoch „nicht wie die alten Mutterchen“ las, waren ihre letzten Tröster.
Mit Heinrich Zille, Hans Baluschek und →Otto Nagel vertrat K. in Berlin eine sozialkritisch engagierte Kunst. Vom literarischen Naturalismus Gerhart Hauptmanns geprägt, fand sie eine eigene realistische Sprache, die – ähnlich wie bei Barlach – durch äußerste Vereinfachung aller Konturen und Formen sowie strenge Konzentration auf das Wesentliche eine Steigerung des Ausdrucks und der Aussage erreicht hat, die über das zeitgebundene Engagement hinaus Gültigkeit behält. Den besten Schlüssel zum Verständnis des Menschen und der Künstlerin bilden ihre Tagebuchnotizen und Briefe, die ihr Sohn Hans gesammelt 1948 und 1953 herausgegeben hat. Nach 1945 ist K. in zahlreichen Ausstellungen geehrt worden. Graphische und bildhauerische Arbeiten finden sich in fast allen großen deutschen wie auch in ausländischen Museen.|
13. Gabriele Münter
M., deren Eltern wegen der amerikan. Sezessionskriege 1864 nach Deutschland zurückgekehrt waren, wuchs in Herford und Koblenz auf. 1897 begann sie ein Zeichenstudium in Düsseldorf, das sie jedoch nach Krankheit und Tod der Mutter bald wieder abbrach. 1898-1900 hielt sie sich in Amerika auf. Im Frühjahr 1901 ging sie nach München, um ihr Studium an der Schule des „Künstlerinnen-Vereins“ fortzusetzen. Im Winter dieses Jahres belegte sie Kurse an der neugegründeten „Phalanx“-Kunstschule und lernte dort Wassily Kandinsky kennen, der Lehrer der Malklasse war. 1903 kam es während eines Sommeraufenthaltes der „Phalanx“-Klasse in Kallmünz zur Verlobung von Kandinsky und M. In der folgenden Zeit unternahm das Paar zahlreiche Reisen, u. a. nach Holland, Tunis, Rapallo, und wohnte 1906/07 in Paris. 1908 gaben M. und Kandinsky ihr unstetes Wanderleben auf und ließen sich in München nieder. Während dieser frühen Jahre malte M. überwiegend kleinformatige Freilichtstudien im Stil des Spätimpressionismus, mit naturalistisch gedämpfter Palette in Grün-, Grau- und Brauntönen. In der Pariser Zeit entstand mehr als ein Viertel ihres graphischen Werkes, wobei besonders die Farbholz- und Linolschnitte zu erwähnen sind.
Im Sommer 1908 entdeckten M. und Kandinsky am Staffelsee den malerisch gelegenen Marktflecken Murnau. Zusammen mit ihren Malerfreunden Alexej Jawlensky und Marianne v. Werefkin arbeiteten sie bis zum Herbst 1908 in Murnau und Umgebung; für M. bedeutete dieser Aufenthalt den Durchbruch zu einer neuen Sehweise, den sie rückblickend in der berühmt gewordenen Formulierung zusammenfaßte: „Ich habe da nach einer kurzen Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen eines Inhalts – zum Abstrahieren – zum Geben eines Extrakts.“ In kurzer Zeit stellte sich M. von dem kleinteiligen, gespachtelten Farbauftrag der frühen Ölstudien um auf einen breiten, flüssigen und spontanen Pinselstrich, der mit leuchtenden, unvermischt nebeneinandergesetzten Farben Ansichten des Ortes und der Umgebung festhält. Weitere Kennzeichen dieser neuartigen, expressiven Bilder sind der zunehmende Verzicht auf gegenständliche Details, die Aufgabe der Tiefenperspektive zugunsten einer Entfaltung der Bildelemente in der Fläche sowie eine zunehmende Emanzipation der Darstellung vom Naturvorbild.
Im Zuge des produktiven Austauschs zwischen den Freunden schloß sich Anfang 1909 die „Neue Künstlervereinigung München“ zusammen, deren Mitglied auch M. wurde.|Im selben Jahr kaufte M. ein Sommerhaus in Murnau, wo sie mit Kandinsky bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges viele Wochen verbrachte. Neue künstlerische Anregungen fand sie in diesen Jahren in der bayer. und böhm. Hinterglasmalerei sowie in der überwiegend religiösen regionalen Volkskunst. Nach der Spaltung der „Neuen Künstlervereinigung“ im Winter 1911 bildete M. zusammen mit Kandinsky, →Franz Marc und Alfred Kubin die Kerngruppe des „Blauen Reiters“. Auf dessen erster Ausstellung sowie im gleichnamigen „Almanach“ war sie u. a. mit ihren großen Stilleben von 1911 vertreten, auf denen die Gegenstände – meist religiöses Kunsthandwerk und Glasbilder – ein geheimnisvolles Leben zu gewinnen scheinen. Auch mit diesen mystifizierenden, dunklen Bildern setzte M., neben den farbstarken Murnauer Landschaften und den lapidar vereinfachten Porträts der Malerkollegen, in der Malerei des „Blauen Reiters“ ihren eigenen unverwechselbaren Akzent.
Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges emigrierten M. und Kandinsky zunächst in die Schweiz. Nach der Rückkehr Kandinskys in seine russ. Heimat fuhr M. im Sommer 1915 nach Stockholm, um im neutralen Ausland auf ihn zu warten. Im Winter 1915/16 sahen sich beide hier zum letzten Mal. Während Kandinsky 1917 zum zweiten Mal heiratete und erst 1921/22 als Lehrer am Bauhaus nach Deutschland zurückkehrte, blieb M. bis 1920 in Skandinavien, zuletzt in Kopenhagen. Hier entstanden überwiegend weibliche Porträts, aber auch figürliche Interieurs und Straßenszenen, an deren gedämpften Farben und dekorativen Linien sich ein deutlicher Stilwandel unter dem Einfluß der schwed. Matisse-Schüler ablesen läßt. Die frühen 20er Jahre bedeuteten für M. eine Zeit der persönlichen und künstlerischen Depression. Nach Jahren in Murnau und München ging sie 1925 nach Berlin und entwickelte hier ihre Bleistiftporträts nach meist weiblichen Modellen mit knappen Umrißlinien zur Meisterschaft. Ein Paris-Aufenthalt 1929/30 sowie eine zusammen mit ihrem zweiten Lebensgefährten Johannes Eichner unternommene Reise nach Südfrankreich gaben M.s künstlerischem Schaffen neue Impulse. Sie kehrte zu einer vitalen Malerei mit kräftiger Palette zurück und knüpfte dabei stilistisch an ihre Errungenschaften aus der Zeit des „Blauen Reiters“ an. 1931 ließ sich M. endgültig in Murnau nieder; erneut entstanden zahlreiche Gemälde, überwiegend Landschaften und Stilleben. Die Kriegsjahre brachten eine Zeit des Rückzugs mit deutlich verminderter künstlerischer Produktivität; in ihren späten Arbeiten bevorzugte sie eine charakteristische, sparsame Ölmalerei auf Papier, insbesondere für Blumenstilleben und abstrakte Studien. – Zu ihrem 80. Geburtstag 1957 übergab M. die noch in ihrem Besitz befindlichen Werke Kandinskys sowie weiterer Mitglieder des „Blauen Reiters“ und eigene Bilder der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München.
14. Else Lasker-Schüler
L., die an einer periodischen Nervenkrankkeit (Chorea) litt, verließ um 1880 das Lyzeum und erhielt Privatunterricht. Mit ihrer Eheschließung übersiedelte sie nach Berlin, wo sie sich zunächst im eigenen Atelier intensiv der Ausbildung ihrer zeichnerischen Begabung widmete. Ihre 1903 vollzogene Scheidung von Lasker bewog sie, fortan auf gesicherte bürgerliche Lebensformen zu verzichten. Sie wandte sich der Berliner Bohème zu, deren markantesten Persönlichkeiten sie schon während ihrer 2. Ehe mit →Herwarth Walden zuzurechnen ist, und zählte u. a. Benn, →Däubler, das Ehepaar →Dehmel, →Döblin, Hans Ehrenbaum-Degele, →George Grosz, Hans Adalbert von Maltzahn, →Franz Marc und →Kurt Pinthus zu ihren Freunden. Im Verlauf ihrer zahlreichen Dichterlesungen schloß sie in Prag Freundschaft mit Max Brod, Franz Werfel und →Paul Leppin und in Österreich mit →Peter Altenberg, Oskar Kokoschka und ganz besonders mit Karl Kraus. – Die vom Tod ihres einzigen Sohnes (1927) tief getroffene Dichterin verließ 1933 Deutschland und fand in Zürich und Ascona ein häufig gefährdetes Exil. Während einer ihrer Palästinareisen wurde die von den Nationalsozialisten 1938 ausgebürgerte L. vom 2. Weltkrieg überrascht und blieb bis zu ihrem Tod in Jerusalem.
Gottfried Benns Urteil, L. sei „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, bestätigt den Vorrang des Lyrischen in ihrem neben Gedichten auch zahlreiche epische und dramatische Formen umfassenden Werk. So reflektiert schon ihr erster, 1902 erschienener Gedichtband „Styx“ – vorausgegangen waren Einzelveröffentlichungen von Gedichten in der Zeitschrift „Die Gesellschaft“ – in leidenschaftlich bewegter Sprache und kühnen Bildern Situationen existentiellen Betroffenseins wie den langen, schmerzvollen Prozeß der Trennung von ihrem ersten Mann („Karma“, später u. d. T. „Scheidung“), die Begegnung mit dem bis heute nicht identifizierten Vater ihres Sohnes („Elegie“) und die ihre weitere Entwicklung bestimmende Freundschaft zu dem ihr wesensverwandten Vagantendichter →Peter Hille („Der gefallene Engel“). Durch ihn findet die nach ihrer Scheidung in materielle Bedrängnis und geistige Vereinsamung geratene Dichterin zu der von den Brüdern Heinrich und Julius Hart gegründeten „Neuen Gemeinschaft“, einer nach Erneuerung des Lebens strebenden Künstlerkolonie. Dort erfährt L., die sich zu der von J. Hart und Hille postulierten Kunst des „fühlenden Menschen“, einer sich in einem „visionär ekstatischen“ Schöpfungsprozeß vollziehenden „unmittelbaren Gefühlsdarstellung“ (J. Hart) bekennt, erstmals Anerkennung ihres frühen dichterischen Schaffens, bei dem es sich um überwiegend lyrische Gesänge leidenschaftlichen Begehrens und Liebens von einer bisher nicht gekannten emotional gesteigerten Expression handelt. Hille, der als erster ihre überragende poetische Begabung erkennt – er preist sie: „der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist“ – wird ihr in diesen Jahren zum Dichterbruder, der sie ihre jüdische Herkunft als Charisma begreifen läßt und ihr die Gewißheit ihrer dichterischen Sendung vermittelt. Poetischen Niederschlag findet diese entscheidende Phase ihrer geistigen und religiösen Entwicklung, die wesentliche Züge von Hilles mystischer, nach All-Einheit strebender Religiosität empfing, in dem 1905 erschienenen Zyklus „Der siebente Tag“, der, vor allem in den Gedichten „Mein stilles Lied“, „Der Letzte“ und „Weltende“, grundlegende Aussagen über ihr neues Selbst- und Weltverständnis enthält.
Aus dem überwältigenden Eindruck der Begegnung mit Hille, der sie Erlösungscharakter beimaß – Hille verlieh ihr, so symbolisch ihre Neugeburt feiernd, den Namen „Tino“ –, lebt ihr nach dem jähen Tod des Dichters (1904) geschriebenes „Peter-Hille-Buch“, ihr erstes Prosawerk, das 1906 erschien und das sie als „meine Bibel“ bezeichnete. Das Werk transponiert, Elemente der ihr von Hille vermittelten Bilderwelt des Christlichen adaptierend, ihren gemeinsamen Weg mit dem Dichter in ein traumhaft legendäres Reich, wobei Hilfe in der Gestalt des „Petrus der Felsen“ – später wird sie ihn „St. Peter Hille“ („Konzert“) nennen – mythisch-prophetische Züge gewinnt und ihre Berliner Freunde, deren Individualität sie spielerisch verrätselt, zu Idealfiguren erhoben werden.
Mit dem Tod Hilles setzt ein Prozeß der Selbstmythisierung L.s ein, der fortan ihr Leben und Werk bestimmt und sie ihr Dichten als ein „mystisches Sichselbsthaben“ (Bänsch) erfahren läßt, das sie immer wieder aus den vielfältigen Krisen und Leiden ihres Daseins rettet. So antwortet sie auf den Tod Hilles mit dem ersten ihrer orientalischen Geschichtenbücher, dem 1907 erschienenen „Die Nächte Tino von Bagdads“, in dem sie Hilles Geschöpf Tino – und damit sich selbst – zur in einem imaginären Orient beheimateten „Prinzessin“ verklärt. Auch in ihrem Briefroman „Mein Herz“ (1912, 1977) ist es wieder eine solche „Nacht meiner tiefsten Not“, gemeint ist das Zerbrechen ihrer zweiten Ehe mit dem von ihrHerwarth Walden genannten Georg Lewin, die sie mit einer erneuten kühnen Selbstmythisierung, diesmal ihrer Erhebung zum „Prinzen von Theben“, überwindet. Das ungemein facettenreiche Werk bietet eine originell verfremdete Darstellung der damaligen Kunstszene, zu deren zentralen Gestalten die häufig nomadisierende Dichterin zählte, „immer unstät, kein zuhaus“ (an E. Plietzsch), umgeben von ihren zahlreichen Vertrauten in den Berliner Cafés Hof haltend.
Das von ihr als eine Möglichkeit der Seinserkenntnis verstandene Stilprinzip, „die Leute alle zu kleiden, damit ein Spiel zu Stande kommt … Spielen ist alles“ (an K. Kraus 1911), bleibt auch in der 1919 veröffentlichten Kaisergeschichte „Der Malik“ wirksam, einer Dichtung, die geprägt ist von dem Erleben des 1. Weltkriegs und dem Verlust enger Freunde wie Franz Marc, Georg Trakl, dem sie noch im März 1914 in Berlin begegnet war, und Peter Baum, ihrem Elberfelder Jugendgefährten. Das zugleich als Huldigung und Totenklage für →Franz Marc, ihren „blauen Reiter“ und „Halbbruder Ruben“ geschriebene Werk spielt wiederum im imaginären Orient, dem Sinnbild ihrer religiösen Sehnsucht (vgl. Martini). Dort versammelt sie die zu heroischen Gestalten der Sage und des Mythos verherrlichten Freunde (z. B. Benn = „Giselheer“) um sich zu einem gloriosen Maskenspiel um Liebe, Krieg und Tod, in das auch legendenhaft der Bericht ihrer 1913 nach Moskau unternommenen erfolglosen Reise zur Rettung des ihr befreundeten Anarchisten J. Holzmann („Senna Hoy“) eingeht, wobei die anfänglich intendierte Projektion einer besseren Welt zunehmend verschattet wird von der Einsicht in die tragische Verfassung des Menschen und seiner Geschichte, die das Werk schließlich in einer ergreifenden Klage enden läßt.
Die für ihr Schaffen bezeichnende Verwandlung von Leben in Dichtung gewinnt für sie – auch hier sind die frühen Einflüsse J. Harts und Hilles unübersehbar – fortschreitend religiösen Charakter, indem sie Kunst immer mehr als priesterlichen Dienst begreift, als ein „Platzmachen für Gott“ („Ich räume auf“). So beruhen die von ihr als Höhepunkt ihrer Lyrik angesehenen, 1913 erschienenen „Hebräischen Balladen“ – grandiose Transsubstantiationen biblischer Gestalten wie Abel, Jakob, Joseph, David, Abigail, Esther und Ruth in Figuren eines von ihr geschaffenen hebräischen Mythos – für sie auf einer „heiligen Erleuchtung“ („Konzert“), die ihrer Dichtung Offenbarungscharakter verleiht. – Dichterische Verwandlung erlebter Realität in einen „Extrakt höherer Wahrheit“ („Konzert“) bestimmt auch ihre Herkunft und Familie einbeziehenden Dichtungen (u. a. „Ich räume auf“, „Konzert“, „Das Hebräerland“) und führt zu jener „mythischen Biographie“ (Klüsener), aus der sie die Gewißheit ihrer Erwähltheit gewinnt. Schon 1908 hatte die zeitlebens ihrer Bergischen Heimat und der Geburtsstadt Elberfeld verbundene Dichterin „aus dunkler Erinnerung das Schauspiel „Die Wupper“ (ersch. 1909, uraufgeführt 1919) geschrieben, „eine böse Arbeitermär, die sich nie begeben hatte, aber deren Wirklichkeit phantastisch ergreift“ („Ich räume auf“). Das Stück kulminiert in einer symbolträchtigen Jahrmarktszene, an der L. die unüberwindliche Heterogenität der menschlichen Gesellschaft demonstriert. Es erweist sich dabei ihre erstaunliche Hellsichtigkeit für die damaligen sozialen Mißverhältnisse, die häufig in lyrischer Brechung erscheinen und unmittelbar erst durch eine Gruppe von drei das Stück antagonistisch begleitenden „Herumtreibern“, dramaturgisch dem antiken Chor vergleichbar, in ihrer Absurdität entlarvt werden.
Die Umbildung ihrer Familiengeschichte zur Legende setzt ein mit der zum Kult gesteigerten Verehrung der Mutter („Meine schöne Mutter blickte immer auf Venedig“, „Im Rosenholzkästchen“, „Das Hebräerland“), die ihr als Mittlerin ihrer dichterischen Begabung galt und deren Herkunft sie nach Spanien, einer Region ihres imaginären Orients – „meine Vorfahrengeschichten verlangen Morgenland“ („Mein Herz“) – verlegt, wo auch sie selbst und ihr zum Baumeister von Aussichtstürmen stilisierter Vater, dem sie die zeichnerische Komponente ihrer Doppelbegabung zuschreibt, beheimatet werden („Der Wunderrabbiner von Barcelona“, 1921). Mit der Gestalt des Wunderrabbiners Eleasar, der Liebende wunderbar bewahrt und in einem dadurch ausgelösten Pogrom untergeht, beginnt der Mythisierungsprozeß ihres Urgroßvaters, des vermutlich als Lehrer in Geseke tätig gewesenen Hirsch Cohen. In ihrem Schauspiel „Arthur Aronymus und seine Väter“ und in der ihm zugrundeliegenden Prosaskizze „Arthur Aronymus“, beide 1932 erschienen, erhebt sie ihn zum „Rabbuni Uriel“, der mit einem fiktiven Bischof Matthias Lavater von Paderborn befreundet gewesen sein soll, und verleiht ihm überdies die Würde eines „Oberrabbiners von Rheinland und Westfalen“. Konsequent bedient sie sich auch hier zur Erfüllung ihres auf Erlösung des Menschen gerichteten dichterischen Auftrags der idealen Vorbildlichkeit der von ihr mythisierten Gestalten: So hält sie den sich ankündigenden neuerlichen Verfolgungen des jüdischen Volkes die reine Menschlichkeit und hohe Toleranz Uriels in den an der Schwelle des Nationalsozialismus geschriebenen Aronymus-Dichtungen entgegen, wobei sich ihre Hoffnung auf Versöhnung in der beeindruckenden Schlußszene des gemeinsam von Juden und Christen gefeierten Passahmahles niederschlägt. – Es gehört zu den tragischen Erfahrungen ihres Lebens, daß ihr Stück in Deutschland nicht mehr aufgeführt werden konnte, die bis zuletzt an eine Aussöhnung glaubende Dichterin vielmehr nach tätlichen Angriffen auf offener Straße im April 1933 fluchtartig Berlin verlassen mußte. Erst nach einer Palästinareise 1934 vermochte sie eine durch den Verlust der Heimat ausgelöste Phase des Schweigens mit ihrem Prosaband „Das Hebräerland“ (1937, 1981) zu überwinden, einer Dichtung, die bereits dem Alterswerk zuzurechnen ist. Das Buch, Zeugnis ihrer unzerstörbaren Liebe zum Menschen, verklärt das Erlebnis Palästinas zum Traum vom heiligen Lande, in dem Juden und Araber in ursprunghaft-paradiesischer Brüderlichkeit miteinander zu leben lernen sollen; es gewinnt seine Legitimation aus ihrer in ihm endgültig vollzogenen Identifikation mit der alttestamentarischen Gestalt Josephs von Ägypten, auf welche die Selbstmythisierung ihres Lebens konsequent zulief und durch die sie ihrer dichterischen Aussage die messianisch-erlösende Kraft der Berufenen zugemessen weiß.
In der 1940/41 geschriebenen, aber erst 1979 in Düsseldorf und Wuppertal uraufgeführten „theatralischen Tragödie“ „Ichundich“ verwendet L. neben dem Identifikationsprinzip noch das schon im Titel vorgegebene Motiv der Ichspaltung, wodurch sie eine Reihe von „ineinander verschränkten und gespiegelten Figurenkonstellationen“ (Kupper) schafft, die es ihr erlauben, sich mit ihrer Dichtung unmittelbar auf das politische Geschehen der Zeit zu beziehen – ein in ihrem Werk einmaliger Vorgang – und eine vernichtende Abrechnung mit dem Nationalsozialismus vorzunehmen. Eingespannt in den Rahmen der von ihr verfremdet fortgeführten Faustdichtungen Goethes, läßt sie die höchsten Repräsentanten des Nationalsozialismus, welche die Hölle zu stürmen beabsichtigen, in dem Inferno untergehen und sich selbst auf offener Bühne, auf der sie sich zuvor in Gestalt einer Vogelscheuche begegnet, sterben.
In ihrem letzten Werk kehrt L. zur lyrischen Aussage zurück. Anders als in den frühen Gedichtsammlungen „Styx“, „Der siebente Tag“ und besonders „Meine Wunder“ (diese enthält u. a. „Ein alter Tibetteppich“ und die zum Gegenstand eines skandalösen Prozesses gewordenen ersten expressionistischen Verse „Leise sagen“) erscheinen in ihrem letzten Gedichtband „Mein blaues Klavier“ (1943) die emotionalen Eruptionen|vorangegangener lyrischer Schöpfungen gebrochen und ihre formale Virtuosität zugunsten eines beherrschten Altersstils zurückgenommen. Auch die kühnen Tropen früherer Jahre sind nun einer verinnerlichten Bilderwelt gewichen, die verdunkelt ist vom Schicksal ihrer späten Lebensjahre: dem Versinken in Einsamkeit und Armut des Exils („Die Verscheuchte“), wehmütigen Erinnerungen an Elternhaus und verlorene Heimat („Meine Mutter, „Über glitzernden Kies“), einer letzten, unerfüllt gebliebenen Liebe („Ein Liebeslied“) und düsteren Todesahnungen („Ich weiß“). Die schon früh entstandene poetisch verklärte Vorwegnahme ihres qualvollen Sterbens „Und meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems“ („Styx“/„Hebräische Balladen“) offenbart ihre Hinwendung zum jüd. Volk und zum Land ihrer Väter und das Bekenntnis zum Gott des alten Testaments. Zugleich aber lebte sie bis an ihren Tod bewußt aus dem sprachlichen Erbe und in der geistigen Tradition ihrer deutschen Heimat, deren Verlust sie nie verschmerzt hat und deren ihr verbundenen Menschen ihr letzter Gedichtband gewidmet ist. So wird ihr jüdischen und deutschen Geist verschmelzendes Werk zu einem lebendigen Zeugnis der Versöhnung und beispielhaften humanen Verhaltens.|
15. Hermann Hesse
H. war ein feinnerviges, dazu höchst kurzsichtiges Kind, das in einem vielsprachigen, von orientalischen Erinnerungen erfüllten Elternhaus fast zuviel Anregungen empfing. Die streng pietistische Erziehung durch den Vater verstärkte seinen trotzigen Eigensinn. Dagegen wirkte die Musikpflege und Naturverbundenheit der Mutter beruhigend. Er geriet frühzeitig mit den autoritären Schullehrern der Zeit in Konflikt. Kurze Zeit nach der Aufnahme in das Maulbronner Seminar kam es zur offenen Revolte bis zu Selbstmorddrohungen; auch das Cannstatter Gymnasium verließ er kurz nach dem Bestehen des Einjährigen-Examens (1893), ohne das Abitur zu machen. Schwierig war auch die Berufswahl. Nach mannigfachen Ansätzen, zuletzt als Volontär in einer Turmuhrenfabrik, trat H. schließlich im Herbst 1895 in das Heckenhauersche Geschäft in Tübingen ein und erhielt dort eine gründliche Ausbildung als Buchhändler; nach Beendigung der Lehrzeit blieb er noch ein Jahr als Verkäufer. Schon vorher war er sich über seinen eigentlichen Beruf als Dichter klar geworden, auf den er sich durch umfassende Lektüre vorbereitete; seine ersten Verse entstanden unter dem leuchtenden Eindruck Hölderlins. In Tübingen wandte er sich von frühen Zwelfeln ab und huldigte nun im „Petit cénacle“, dem unter anderem Ludwig Finckh angehörte, einer romantischen Gefühlsreligion. 1899 erschienen die ersten Buchveröffentlichungen des jungen Autors. Aber erst der 1904 bei S. Fischer verlegte Entwicklungsroman „Peter Camenzind“ erwarb ihm die Gunst der Lesermassen und der literarischen Preisrichter. Er konnte nun heiraten und sich als freier Schriftsteller in Gaienhofen am Bodensee niederlassen, wo er 1904-12 lebte.
Gaienhofen war für H. und seinen Freundeskreis ein zweites Worpswede, wo man naturverbunden, obwohl nicht weltfremd, ein franziskanisches Menschentum suchte. H.s Erzählungen fanden in den Kreisen der eben aufblühenden Jugendbewegung ihre begeistertsten Leser. Sie stellen wie „Knulp“ (1915) das freie Leben ewiger Tippelbrüder zwar einfühlsam, aber ohne falsche Sentimentalität dar, sie behandeln die Entwicklungsnöte junger Handwerker und einzelgängerischer Lateinschüler in farbenreicher, an →Gottfried Keller geschulter Sprache. Die bedeutendste dieser Erzählungen ist „Unterm Rad“ (1906), die Schilderung einer zum Selbstmord führenden Pubertätskrise. Wie zahlreiche andere Dichter und Erzieher kämpfte H. hier gegen die in einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäße autoritäre Pädagogik. Bei aller romantischen Absoitigkeit suchte er doch nach einer positiven Einstellung zur Gegenwart. Er schrieb für die „Neue Rundschau“, die „Jugend“ und den „Simplizissimus“ und verband sich 1907-12 mit →Albert Langen, Ludwig Thoma und anderen in der Herausgabe der politischen Zeitschrift „März“, die später von →Theodor Heuss übernommen wurde.
Die starken Eindrücke aus der Welt des Großvaters und Vaters legten H. schon früh den Gedanken nahe, das Vorbild für eine erneuerte Geisteshaltung im Orient zu suchen. 1911 reiste er mit dem Maler Hans Sturzenegger nach Ceylon, Singapur und Sumatra. Doch wirkte die Berührung mit der orientalischen Wirklichkeit enttäuschend und ernüchternd. Zum Teil war diese Reise auch eine Flucht vor den Problemen der eigenen Ehe, die durch depressive Gemütszustände seiner Frau in wachsendem Maße zerrüttet wurde; von diesen Problemen spricht verhüllt der Roman „Roßhalde“ (1914).
Der Versuch, durch eine Übersiedlung in eine neue Umgebung, nach Bern (1912), eine Lösung zu finden, schlug fehl. Und überdies zerstörte bald der Schock des 1. Weltkrieges alle romantischen Träume von einer inneren Wandlung Deutschlands oder gar Europas.|H. ließ sich zuerst von der Hochflut der Begeisterung mitreißen, wurde aber sehr bald ernüchtert. Er ging nun in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 3.11.1914 mit der patriotischen Kriegsdichtung unbarmherzig ins Gericht und forderte eine Rückbesinnung auf humanistische Werte. Zwar fand er bei Romain Rolland, bei den Schweizer Intellektuellen und auch bei besonnenen Deutschen wie →Theodor Heuss und →Conrad Haußmann Verständnis, wurde aber von rechtsstehenden Publizisten entrüstet zum Verräter gestempelt. Daß seine Haltung nicht Verrat war, bewies H. durch seine hingebungsvolle Arbeit (1915–19 sogar als Beamtenstellvertreter) in der geistigen Betreuung der deutschen Kriegsgefangenen.
Der Druck der Kriegszeit lastete auf H.s Gemüt, dem die Auflösung seiner Ehe und seines Hausstandes schwer zusetzte. Er bekämpfte die innere Verstörung Anfang 1916 mit Erfolg durch eine psychoanalytische Behandlung. Sein Arzt Dr. Josef Bernhard Lang, ein Schüler C. G. Jungs, ermutigte ihn zu einer positiveren Einstellung zum Leben, die den Schlüssel zur Erneuerung der deutschen und europäischen Kultur im „Weg nach Innen“ fand. Der Zusammenbruch von 1918 bestätigte H.s schlimmste Befürchtungen. Die Flugschrift „Zarathustras Wiederkehr“ (1919, zuerst anonym) rief denn auch die deutsche Jugend zur Einkehr und Umkehr auf. Ihre äußere Form und einzelne Gedanken erinnern an Nietzsche, von dessen Amoralismus jedoch nichts zu spüren ist. Auch lehnte H. den bolschewistischen Umsturz aller bürgerlichen Werte als einer der ersten europäischen Intellektuellen sehr früh ab (Die Brüder Karamasoff oder der Untergang Europas, 1920). Die erste dichterische Frucht von H.s Kriegsjahren war der Roman „Demian“ (1919, geschrieben 1916-17 in Bern), der zuerst unter dem Pseudonym „Emil Sinclair“ erschien; denn H. empfand ihn als einen schriftstellerischen Neubeginn. In der Tat verwandte er hier zum ersten Mal einen unrealistischen Stil, um Sinclairs Überwindung seiner moralischen Schizophrenie und seine Hinwendung zur tätigen (und damit immer schuldhaften) Teilnahme am Leben zu versinnbildlichen. Kein künftiger Held H.s versucht mehr eine romantische Weltflucht wie Peter Camenzind.
H.s äußeres Leben nach dem 1. Weltkrieg wurde zum Teil durch die häusliche Krise, zum Teil durch die Verminderung seiner Einnahmen durch die deutsche Inflation bestimmt. 1919 verließ er Bern, um in der Casa Camuzzi in Montagnola bei Lugano ein erstes Refugium zu finden. Die Heilkraft der südlichen Landschaft wurde durch ausgedehnte malerische Versuche unterstützt, zu denen ihn zuerst die psychoanalytische Behandlung ermutigt hatte. Es kam sogar zu selbst illustrierten Schriften, die den Dichter als einen nicht unbegabten Freund der Dresdener „Brücke“-Maler zeigten. „Klingsors letzter Sommer“ (1920) versuchte, den malerischen Stil mit einem gewissen Erfolg auch auf die Prosa zu übertragen, und näherte sich damit expressionistischen Stilexperimenten; doch blieb der Dichter auch weiterhin literarischen Gruppen fern.
Die politische Entwicklung unter der Weimarer Verfassung verfolgte H. mit großer Anteilnahme, die zu wachsender Sorge wurde. Als seine Söhne für die Schweizer Armee angemustert wurden, entschloß er sich, 1923 wieder die Schweizer Staatsangehörigkeit seiner Kindheit anzunehmen; die deutsche (das heißt zunächst württembergische) hatte er 1891 für die Aufnahme in das Maulbronner Seminar erworben, was bei der pietistischen Unterbewertung der „Welt“ kein besonders wichtiger Schritt gewesen war. Im Januar 1924 versuchte H. vergeblich wieder einen Hausstand zu gründen. 1927 endlich fand er in der österreichischen Kunsthistorikerin Ninon Dolbin eine zu ihm passende neue Lebensgefährtin, die er 1931 ehelichte. Gleichzeitig zog das Ehepaar in H.s neue Villa in Montagnola ein, die sein Mäzen Hans C. Bodmer für ihn gebaut hatte und die dem Dichter endlich völlige Ruhe für sein Schaffen gewährte.
Die neue Einstellung zur Welt, um die in „Demian“ und „Klingsors letzter Sommer“ noch gerungen wurde, wurde in „Siddhartha“ (1922) zum ersten Male umfassend dargestellt. Das Buch ist ein Höhepunkt in der zuerst von der Romantik angestrebten Annäherung des deutschen Geistes an den indischen, der Bergpredigt an die Bhagavadgita, und wird auch in Indien als eine geglückte Synthese empfunden. In einfacher, rhythmisch gebundener Sprache und mit wenigen, aber eindrucksvollen Bildern wird hier der Weg eines Menschen zu demutsvoller Hingabe an das ewige Werden und zum Dienst am Nächsten dargestellt. Obwohl H. wesentliche Teile des christlichen Dogmas ablehnte, bejaht das Buch durchaus die christliche Ethik. Seine nächsten Romane galten der Auseinandersetzung mit dem modernen europäischen Leben. Sie erreichte im „Steppenwolf“ (1927) ihren ersten Höhepunkt. In sonatenähnlicher Struktur wird hier die existentielle Gefährdung des Menschen bis in die letzten Tiefen des Unterbewußtseins schonungslos ausgelotet, seine schizoide Gespaltenheit in edle und animalische Triebe|aller Art. Den „Steppenwolf“ in all unserem Tun und Trachten leugnen zu wollen, ist sinnlos; möglich ist nur seine Bejahung durch Sublimierung des Trieblebens. Aber natürlich ist dies eine unendliche, nie vollkommen zu lösende Aufgabe.
H.s Einstellung wird häufig als hoffnungslose Schizophrenie oder als zerstörerischer Nihilismus mißverstanden. „Der Steppenwolf“ entfremdete H. viele Leser, und „Narziß und Goldmund“ (1930) trug ihm gar den Vorwurf der Immoralität ein. In diesem historischen Roman geht es aber um das Problem der künstlerischen Existenz, und die geschilderten Lebensläufe sind nicht etwa vorbildlich, sondern höchstens repräsentativ für zwei mögliche, aber nicht für sich vollkommene Lebenshaltungen. Narziß lebt als Abt ein Leben der Askese und des Geistes, während Goldmund aus dem Kloster flieht, von Frauen geliebt wird und Menschen töten muß. Erst spät lernt er, mit seinein wilden Leben durch künstlerische Gestaltung fertig zu werden, und erst in seiner Sterbestunde sieht er ein, daß er den reinen Geist als Leitstern braucht, genauso wie der reine Geist der Kunst als sichtbarer Sprache bedarf. Beide Wege führen zur Gottheit, die hier, wie so oft bei H., als weibliches Glied einer Mandala erscheint. „Narziß und Goldmund“, H.s spannungs- und farbenreichster Roman, ist auch dem naiven Leser ohne weiteres zugänglich. Schwieriger ist „Die Morgenlandfahrt“ (1932), deren Thema der Weg zur Unio mystica ist; bei der Abfassung des Romans stand der von H. über alles geliebte Novalis Pate.
Für einen Individualisten wie H., dessen Romane größtenteils in der Ichform geschrieben sind, war als Lösung des sozialen Problems nur eine pluralistische Gesellschaft möglich, wie sie sein letzter utopischer Roman „Das Glasperlenspiel“ (1943, erste Pläne 1931) zu umreißen sucht. Neben abendländischen werden hier auch chinesische und indische Wege zur Weisheit, neben den Lebensformen des Künstlers und des Gelehrten auch diejenigen des Kaufmanns, des Politikers und des Technikers als berechtigt anerkannt. Die Einheit des Lebens wird als mystische „coineidentia oppositorum“ durch die Akademie der Glasperlenspieler periodisch zelebriert. Freilich droht diese während der Lebenszeit des Helden Josef Knecht dem ästhetischen Bildungshochmut zu verfallen und sich alexandrinisch vom Leben abzukehren. Knecht leitet neue Beziehungen zu den Mächten der Außenwelt ein und zwingt die Akademie durch seinen schockierenden Rücktritt von allen Ämtern zur Besinnung auf ihre Lebensverbundenheit; wäre dies nicht so, dann würde man nie seinen Lebenslauf beispielhaft beschrieben haben. Bildung wurzelt einerseits in Religion und verpflichtet anderseits zur Umwandlung des praktischen Lebens. Knechts eigene Wendung gipfelt in seinem selbstvergessenen Einsatz für den geliebten Zögling, bei dem er den Tod erleidet. Dieser Tod ist aber auch wie der des Empedokles ein Eingehen in das Unendliche, dem gegenüber sogar das vorbildliche Leben von begrenztem Wert ist. Dieser mystische Unterton macht das Ende des Romans zu einem Rätsel, über dessen Auflösung sich keine kritische Einmütigkeit hat erzielen lassen. H.s „Glasperlenspiel“ versucht eine ganzheitliche Schau der Kultur, bei der Goethes „Wanderjahre“ und das konfuzianische „I Ging“, →Jacob Burckhardt, →Nikolaus von Kues und der heilige Benedikt Pate gestanden haben. Das Ergebnis ist ein gleichsam christlicher Humanismus. H.s Kritikern erscheint seine Vision zu unverbindlich, sein parodistischer Chronikstil zu maniriert; die Avantgarde lehnt ihn in den Punkten ab, in denen ihre Antwort auf die nationalsozialistische Gleichschaltung eine linksdemokratische oder sozialistische ist, doch wird er in der DDR als Vertreter des bürgerlichen „kritischen Realismus“ geschätzt.
H. hielt in den Wirren des nationalsozialistischen Jahrzehnts wie der Nachkriegszeit konsequent am Recht zu freier Meinungsäußerung und persönlicher Lebensgestaltung fest. Obwohl er keine politischen Aufrufe unterzeichnete, ließ er in Privatbriefen und literarischen Kritiken keinen Zweifel an seiner Ablehnung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und sorgte menschlich in großzügiger Weise für politische Flüchtlinge. Seine eigentliche Antwort auf die rigorose Gleichschaltung alles Menschlichen durch die modernen totalitären Systeme war „Das Glasperlenspiel“.
Unter den mannigfachen Ehrungen, die dieser Roman H. eintrug, war der Nobelpreis des Jahres 1946 die wichtigste. H. war schon vorher durch zahlreiche Übersetzungen in europäische und orientalische Sprachen eine führende Erscheinung der Weltliteratur geworden. Den erstaunlichsten Widerhall fand er in Indien und Japan.
Nach der Beendigung des „Glasperlenspiels“ zog sich H. aus dem literarischen Leben zurück. Er blieb jedoch ein überaus fleißiger Briefschreiber und wies vielen jungen Leuten, die sich an ihn wandten, Wege zu|freier Selbstentfaltung. Literarische Kritiken, die seit den Gaienhofer Jahren einen großen Teil seiner schriftstellerischen Tätigkeit ausgemacht hatten, lieferte er nur noch gelegentlich. Auch auf die Herausgabe von Schriften anderer, die zahlreiche Nummern seiner frühen Bibliographie füllt, verzichtete er in seinem Alter. Dagegen sammelte er nun sein dichterisches Lebenswerk und überarbeitete Teile desselben. Unter ihm nehmen H.s lyrische Gedichte einen starken Band ein. Nur wenige Gedichte haben sich allgemein durchgesetzt, und der Reichtum seiner Lyrik ist noch kaum erschlossen. H. liebte es im Alter, den versponnenen Magier zu spielen, und fand in gärtnerischer Arbeit den ersehnten Einklang mit den Kräften des Alls. Sein letztes Gedicht entstand bei einem morgendlichen Spaziergang vor seinem Hinscheiden und war dem absterbenden Ast einer Robinie gewidmet.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
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