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Persönlichkeiten

Inhaltsverzeichnis

  1. Friedrich Ebert
  2. Otto Dix
  3. Karl Liebknecht
  4. Matthias Erzberger
  5. Vicki Baum
  6. Gustav Stresemann
  7. Paul von Hindenburg 
  8. Marlene Dietrich
  9. Albert Einstein
  10. Werner Heisenberg 
  11. Bertolt Brecht
  12. Käthe Kollwitz
  13. Gabriele Münter
  14. Else Lasker-Schüler
  15. Hermann Hesse
  16. Fritz Lang
  17. Gunta Stölzl
  18. Albert Schweitzer
  19. Marie Juchacz
  20. Max Schmeling
  21. Walther Rathenau
  22. Joachim Ringelnatz
  23. Ernst Toller
  24. Kurt Eisner
  25. Paul Klee
  26. Walter Benjamin

1. Friedrich Ebert 

Als erster Reichspräsident der Weimarer Republik stellte sich Friedrich Ebert der schwierigen Verantwortung, die junge Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg durch eine Zeit der Krisen zu führen. Sein Anspruch, nicht als Parteipolitiker, sondern als „Beauftragter des ganzen deutschen Volkes“ zu handeln, wurde dabei zum Grundmotiv einer stets dem Schutz der Republik verpflichteten Gratwanderung.

In der zeitgenössischen Rezeption schwankte das Bild von Ebert zwischen „Vertreter der kleinen Leute“, „Mann des Ausgleichs“ und „Bewahrer der Republik“ einerseits und „Verräter sozialistischer Ideale“, „Novemberbrecher“, „Bundesgenosse des Militärs“ oder „Agent der Bourgeoisie“ andererseits. Die Verdienste des ersten demokratisch gewählten Staatsoberhaupts Deutschlands um die parlamentarische und soziale Demokratie machten ihn zur Zielscheibe sowohl links- als auch rechtsgerichteter Anfeindungen.

Friedrich Ebert wurde am 4. Februar 1871 in Heidelberg geboren. Er begann eine Lehre als Sattler, trat noch während der anschließenden Wanderschaft der späteren SPD bei und war als politischer Redner und Organisator aktiv. Während seiner Zeit in Bremen bewies er als Arbeitersekretär der lokalen SPD ein offenes Ohr für die konkreten Probleme der „einfachen Leute“. Zeit seines Lebens konzentrierte er sich auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen eher auf die kurzfristige Lösung akuter Missstände als auf das langwierige Ausfechten programmatischer Auseinandersetzungen. Einem raschen Aufstieg zum überregional bekannten Arbeiterführer und Mitvorsitzenden der SPD folgte 1912 der Einzug in den Reichstag.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs sah Ebert, ganz Realpolitiker, in der Unterstützung der Kriegskredite der Regierung eine Chance zur Durchsetzung wirtschaftlicher, sozialer und politischer Reformen. Er positionierte sich zusehends schärfer gegen den linken Flügel seiner Partei, konnte die im April 1917 vollzogene Spaltung der Sozialdemokratie in die Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) aber nicht verhindern. Im revolutionären Umfeld der unmittelbaren Nachkriegszeit stellte er sich als Reichskanzler und Mitglied des Rates der Volksbeauftragten an die Spitze der Übergangsregierung und half maßgeblich mit, die Umsturzversuche in parlamentarische Bahnen zu lenken und möglichst früh Wahlen zur Nationalversammlung durchzuführen.

Am 11. Februar 1919 wurde Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten gewählt. Seine Amtszeit wurde von einer Reihe schwieriger Entscheidungssituationen geprägt, darunter etwa die Auseinandersetzungen um den Versailler Vertrag, der Militärputsch der Generäle Kapp und Lüttwitz im März 1920, der Aufstand der Roten Ruhrarmee, die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen sowie die Hyperinflation. Eberts gesamte Amtszeit war darüber hinaus begleitet von einer Schmutzkampagne von kommunistischen und deutschnationalen Agitatoren. 1924 war Ebert in einen Prozess verwickelt, bei dem das Amtsgericht Magdeburg schließlich ein Urteil sprach, das das demokratiefeindliche Lager in seinem Hass auf die Republik bestätigte. Mit Rücksicht auf den laufenden Prozess hatte Ebert die dringend notwendige Behandlung einer Blinddarmentzündung verzögert.

Am 28. Februar 1925 starb Friedrich Ebert im Alter von nur 54 Jahren nach einer Notoperation.

Friedrich Ebert wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Heidelberger Bergfriedhof beigesetzt. Sein Tod bedeutete eine tiefe Zäsur in der politischen Entwicklung der Weimarer Demokratie. Unter seinem Nachfolger Paul von Hindenburg verschoben sich die politischen Gewichte deutlich nach rechts. In Heidelberg erinnert heute die Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte an den ersten Reichspräsidenten.

2. Otto Dix

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Pseudonyme: Jimmy; Jim; Toy

1891 – 1969

Maler, Grafiker

Otto Dix gehört zu den herausragenden Künstlern der Weimarer Republik. Mit seinem veristischen Stil in Malerei und Grafik etablierte er sich als führender Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Seine Porträts und Darstellungen zum Ersten Weltkrieg prägen bis heute das kollektive Bildgedächtnis. Im „Dritten Reich“ wurde der Maler als „entartet“ diffamiert und verlor seine Professur an der Staatlichen Akademie der Künste in Dresden. Nach 1945 malte Dix in einem stärker expressionistischen Stil, konnte aber nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen.

Jugend und Ausbildung

Dix wuchs in einem sozialdemokratisch geprägten Arbeiterhaushalt in Untermhaus bei Gera auf, wo er von 1898 bis 1906 die Volksschule besuchte und als Kind dem Maler Fritz Amann (1878–1969), Cousin seiner Mutter, Modell stand. Nach einer Lehre als Dekorationsmaler bei der Firma Carl Senff in Gera von 1906 bis 1910 studierte er anschließend bis August 1914 Ornament- und Naturmalerei, Figurenzeichnen und Figürliche Dekorationsmalerei an der Königlichen Kunstgewerbeschule zu Dresden, u. a. bei Richard Guhr (1873–1956). In Dresdner Museen und Galerien lernte er Werke der Alten Meister, Vincent van Goghs (1853–1890) und der lokalen Expressionisten, insbesondere der Künstlergruppe „Brücke“, kennen. Im Ersten Weltkrieg diente Dix als Frontsoldat; seine Kriegserfahrungen verarbeitete er in Zeichnungen und Gouachen, die den Frontalltag, die Kämpfe und zerstörte Landschaften zeigen. Zahlreiche Selbstbildnisse dieser Zeit offenbaren sein künstlerisches Konzept des Stilpluralismus.

Dada und Verismus

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg schuf Dix seine starkfarbigen, expressiv-futuristischen „Kosmischen Bilder“, die ihn in Deutschland berühmt und berüchtigt werden ließen, aber bald dadaistisch-veristischen Arbeiten wichen. Eine besondere Rolle nahmen dabei zwei verlorene lebensgroße Darstellungen von Lustmorden ein, die Dix im Selbstbildnis als Täter (1920) und auf fotografischer Grundlage das aufgeschlitzte Opfer auf einem Bett (1922) darstellen. Die beiden Lustmord-Bilder zeigen den Wandel Dix‘ vom Dadaismus zum Verismus. 1920 nahm er mit dem Hauptwerk „Die Kriegskrüppel“ an der 1. Internationalen Dada-Messe in Berlin teil und studierte bei Max Feldbauer (1869–1948) und Otto Gussmann (1869–1926) als Meisterschüler an der Staatlichen Akademie der Künste in Dresden. Paul Ferdinand Schmidt (1878–1955), Direktor der Städtische Kunstsammlungen Dresden von 1919 bis 1924, förderte ihn, u. a. durch den Ankauf seiner 1914 angefertigten Nietzsche-Büste (heute verschollen).

Rheinland, Berlin und Dresden – Die Neue Sachlichkeit

1922 siedelte Dix nach Düsseldorf über, wo er an der Kunstakademie Meisterschüler von Heinrich Nauen (1880–1940) und Wilhelm Herberholz (1881–1956) wurde. Er schloss sich der Künstlergruppe „Das junge Rheinland“ um die Kunstmäzenin und Galeristin Johanna Ey (1864–1947) an; Karl Nierendorf (1889–1947) wurde sein wichtigster Galerist, seit dem 21. Mai 1926 in Alleinvertretung. In Düsseldorf entstand 1921/23 das großformatige Gemälde „Schützengraben“, das vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum erworben und wegen heftiger Kritik an der detailversessenen Darstellung hinter einem Vorhang präsentiert wurde. 1925 wurde es deshalb wieder an Nierendorf zurückgegeben, auf der Internationalen Kunstausstellung in Zürich gezeigt, blieb unverkäuflich, und ist seit 1940 verschollen. 1924 schuf Dix mit der aus fünfzig Blättern bestehenden Grafikmappe „Der Krieg“ ein Hauptwerk der modernen Kunst, das bis heute als Bezugspunkt engagiert-kritischer künstlerischer Tätigkeit dient. Inhaltlich facettenreich und technisch virtuos, stellt es ein Panorama des Kriegs dar, das die Trivialität des Alltags, das Groteske, die Grausamkeit und den Tod ausbreitet.

1925 war Dix mit seiner kühlen zeichnerischen Prägnanz eine zentrale Figur der Mannheimer Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit; zahlreiche seiner Porträts zeigen Schlüsselfiguren der Epoche wie Anita Berber (1899–1928), Sylvia von Harden (1894–1963), Alfred Flechtheim (1878–1937) und Theodor Däubler (1876–1934). Expressive und groteske Züge blieben in diesen Werken erhalten, wobei gesteigerte Farbigkeit Dix’ künstlerisches Mittel in Konkurrenz zur Porträtfotografie blieb. Zunehmend setzte er sich mit den Alten Meistern auseinander und malte zwei großformatige Triptychen, „Großstadt“ (1927/28) und „Der Krieg“ (1929/32), Allegorien der Lebensalter, Schwangere, die eigene Familie und sich selbst. 1931 entstand das an Dürer angelehnte programmatische „Selbstbildnis mit Kristallkugel“, das den Maler als Seher interpretiert und auf die sich verschärfende Krise der Weimarer Republik sowie die eigene Kunst – so auf die reduzierte Farbigkeit des Verismus sowie die kreisförmige Komposition des gleichzeitigen Triptychons „Der Krieg“ – anspielt. Seine Werke wurden in bedeutenden internationalen Ausstellungen gezeigt, u. a. der Internationalen Kunstausstellung Dresden (1926), im Carnegie Institute Pittsburgh (1927), im Museum of Modern Art New York City (1931) sowie auf der 16. und 17. Biennale in Venedig (1928/30).

„Drittes Reich“ und Nachkriegszeit

Im April 1933 verlor Dix auf Grundlage des NS-Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums seine Dresdner Professur; seine Kunstwerke galten den Nationalsozialisten als „entartet“. Nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit scheiterten Versuche der Anpassung, u. a. in der Ausstellung „Zwei deutsche Maler“ mit dem Reichskulturkammer-Funktionär Franz Lenk (1898–1968) bei Nierendorf in Berlin 1935. Politisch kritische Hauptwerke wie die allegorischen „Sieben Todsünden“ (1933), in denen Adolf Hitler (1889–1945) als Neid dargestellt ist, „Triumph des Todes“ (1934), „Flandern“ (1934/36) sowie religiöse Themen („Die Versuchung des Heiligen Antonius“, 1936/37, „Der Heilige Christophorus IV“, 1939) fanden kaum mehr ein Publikum. Seit Januar 1934 Mitglied der Reichskulturkammer, konnte Dix weiterarbeiten, auch vereinzelt ausstellen und verkaufen, doch war er auf private Förderer angewiesen, deren Zeitgeschmack er sich mitunter anpasste. In der Münchner NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ im Juli 1937 wurden mehr als 20 seiner Werke gezeigt (einschließlich Blätter der Mappe „Der Krieg“, 1924), ca. 260 seiner Werke wurden beschlagnahmt, wohl mehrere Arbeiten auf Papier im März 1939 im Hof der Berliner Hauptfeuerwache vernichtet. Zudem war er Repressionen ausgesetzt, etwa durch eine kurzzeitige Verhaftung in Dresden im November 1939 im Zusammenhang mit dem Münchner Bürgerbräukeller-Attentat auf Hitler, da er sich auf einer Liste des Reichssicherheitshauptamtes von führenden Persönlichkeiten der „Systemzeit" befand. Das in dieser Zeit von Landschaftsdarstellungen geprägte Werk oszillierte zwischen Anpassung und Widerstand.

Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs gab Dix die altmeisterliche Technik auf und kehrte zum Expressionismus zurück. Die zeitaufwendige und genau zu planende Lasurmalerei wurde von der freieren Alla-Prima-Technik, die langwierige Vorbereitungen und Arbeitsprozesse zugunsten einer spontaneren Malweise vermied, abgelöst. Anspielungen auf die christliche Ikonografie setzte er weiter zur Interpretation der eigenen Zeit ein. Trotz künstlerischer Rehabilitation, etwa auf der documenta I in Kassel 1955, und einzelner Aufträge wie für das große Wandbild „Krieg und Frieden“ für den Rathaussaal in Singen am Hohentwiel (1960), konnte Dix nicht mehr an frühere Erfolge anschließen. In den beiden deutschen Staaten wurde er selektiv rezipiert, wobei in der Bundesrepublik mit der Wiederentdeckung des sog. Epochenstils seit ca. 1960 vornehmlich der neusachliche Künstler der 1920er Jahre wertgeschätzt wurde. In der DDR wurde Dix als Anti-Kriegsmaler wahrgenommen, während man seinen Blick auf das Proletariat, trotz seines Einflusses auf proletarisch-revolutionäre Künstler, als zu wenig positiv kritisierte. Das umfangreiche Spätwerk, das seinen Wunsch zeigt, dem eigenen, an die ‚Goldenen Zwanziger Jahre‘ geknüpften Mythos zu entkommen, fand bislang wenig Beachtung.

3. Karl Liebknecht

L. studierte 1890-93 Rechtswissenschaften und Nationalökonomie in Leipzig und Berlin. 1893/94 leistete er seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei den Garde-Pionieren in Berlin, anschließend war er bis 1898 Referendar in Arnsberg und Paderborn. 1897 erfolgte die Promotion zum Dr. iur. et rer. pol. in Würzburg mit der Dissertation „Compensationsvollzug und Compensationsvorbringen nach gemeinem Rechte“. L. eröffnete 1899 in Berlin gemeinsam mit seinem älteren Bruder Theodor eine Rechtsanwaltspraxis. Er trat erst im Aug. 1900 der SPD bei, wurde aber bereits im Nov. 1901 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, der er bis 1913 angehörte. 1903 und 1907 als Kandidat für den Reichstagswahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland unterlegen, konnte er diesen Wahlkreis 1912 für die SPD erobern. L. war Delegierter auf den sozialdemokratischen Parteitagen und wurde 1908 ins Preuß. Abgeordnetenhaus gewählt.

Bekannt wurde L. als politischer Anwalt, vor allem bei der Verteidigung von Funktionären der russ. Arbeiterbewegung. Seit Erscheinen seines Buches „Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung“ (1907) trat er als Gegner des Militarismus und als einer der Führer der sozialistischen Jugendbewegung auf. Er war 1907-10 Präsident der sozialistischen Jugendinternationale. Von Okt. 1907 bis Juni 1909 mußte L. wegen seines Militarismus-Buches eine Festungshaft in Glatz absitzen. 1911 unternahm er eine Agitationsreise durch die USA. Im Reichstag wandte sich L. gegen die Geschäftspraktiken der Rüstungsfirmen. Bei Ausbruch des Weltkriegs versuchte L. vergeblich, die sozialdemokratischen Abgeordneten für eine Ablehnung der Kriegskredite zu gewinnen. Nachdem er in der Fraktion gegen die Kredite gestimmt hatte, unterwarf er sich der Parteidisziplin und stimmte am 4.8.1914 im Reichstag für die Bewilligung. L., der vor dem Krieg als radikaler Einzelgänger noch nicht zum Kern der „Linken“ in der SPD um →Rosa Luxemburg, →Franz Mehring und →Julian Marchlewski gezählt hatte, lehnte sich nun eng an diese Gruppe an. Nachdem er am 2.12.1914 als einziger Abgeordneter im Reichstag gegen die Bewilligung der Kriegskredite gestimmt hatte, wurde er zur Symbolfigur der Kriegsgegner. Im Febr. 1915 wurde L. als Armierungssoldat zum Militärdienst eingezogen, bis auf sein Auftreten im Reichstag und Preuß. Abgeordnetenhaus war ihm damit jede politische Betätigung untersagt. Dennoch war er aktiv an|der Bildung der Gruppe „Internationale“, die seit 1916 als Spartakusgruppe bekannt wurde, beteiligt. Im Mai 1915 verfaßte er das Flugblatt „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“. Im April 1916 nahm L. an einer illegalen Tagung der Arbeiterjugend in Jena teil, er organisierte zum 1.5.1916 eine Friedensdemonstration auf dem Potsdamer Platz in Berlin und wurde dort verhaftet. Am 28.6.1916 verurteilte das Kommandanturgericht Berlin L. zu 2½ Jahren Zuchthaus, das Oberkriegsgericht erhöhte die Strafe in der Berufungsinstanz auf 4 Jahre und 1 Monat Zuchthaus. L. kam im Nov. 1916 ins Zuchthaus Luckau. Dort verfaßte er mehrere Schriften, darunter seine philosophischen „Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung“. Diese zeigen ihn als einen durchaus eigenständigen Denker.

L. wollte zwar die marxistische Theorie als Grundidee des Sozialismus erhalten, er kritisierte aber sowohl die ökonomischen Kategorien von Marx als auch den historischen Materialismus. Er lehnte die These vom Wirken „historischer Gesetze“ ebenso ab wie das Marxsche Schema von ökonomischer Basis und ideologischem Überbau. Philosophisch verstand sich L. als Agnostiker und Universalist. Seine Sozialismus-Vorstellungen beruhten auf der Grundthese von der „Tendenz zur Steigerung der natürlichen und sozialen Solidarität“.

Am 23.10.1918 vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen, wurde L. von seinen Anhängern in Berlin begeistert begrüßt. In der Novemberrevolution führte er gemeinsam mit →Rosa Luxemburg den „Spartakusbund“ und gab dessen Organ, die „Rote Fahne“, heraus. Am 9.11. rief er vom Balkon des Schlosses in Berlin die „freie sozialistische Republik“ aus. Er war nicht bereit, in die Revolutionsregierung einzutreten, und versuchte, die Massen gegen die sozialdemokratischen Volksbeauftragten und für eine Räteherrschaft zu mobilisieren. Auf dem Gründungsparteitag der KPD (30.12.1918 - 1.1.1919) forderte er die Trennung von der USPD und die Bildung der neuen Partei, deren Führer er neben →Rosa Luxemburg wurde. L. neigte einem radikalen, revolutionären Kommunismus zu. Während der Januar-Kämpfe in Berlin erklärt er die Regierung Ebert für „abgesetzt“. Nach den Unruhen wurde L.zusammen mit →Rosa Luxemburg von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützendivision festgenommen und am 15.1.1919 brutal ermordet.

4. Matthias Erzberger

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* 20.09.1875 in Buttenhausen † 26.08.1921 (ermordet) in Bad Griesbach

Auf tragische Weise legte Matthias Erzberger die Zerrissenheit des ausgehenden Kaiserreichs und der jungen Weimarer Republik offen. Auch weil er sich als herausragender Parlamentarier um eine Überwindung politischer wie gesellschaftlicher Spannungen bemühte und an einer umfassenden Reformierung innen- wie außenpolitischer Strukturen arbeitete, wurde er als Repräsentant der Weimarer Demokratie 1921 von rechten Nationalisten ermordet.


Für die Zeit des Kaiserreichs legte der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Matthias Erzberger eine beachtliche politische Karriere hin. Bereits mit 28 Jahren zog er als Abgeordneter des Zentrums in den Reichstag ein und etablierte sich dort schnell als Experte für Haushaltsfragen. Während er zu Beginn des Ersten Weltkriegs durchaus nationalistische, imperialistische Ideen unterstützte und sich unter anderem auch Annexionsforderungen anschloss, wandelte er sich über militärische Rückschläge immer mehr zu einem Befürworter einer Friedens- und Verständigungspolitik. Im Juli 1917 forderte er in einer Rede vor dem Reichstag dazu auf, auf Annexionen zu verzichten und mit einem "Verständigungsfrieden" ein Ende des Krieges herbeizuführen; seine Forderungen wurden schließlich von einer Mehrheit aus Linksliberalen, Sozialdemokraten und Zentrum als Friedensresolution angenommen. Damit bereitete er einer gemeinsamen parlamentarischen Mitte den Weg in die spätere Weimarer Republik, wurde jedoch erstmals auch Hassfigur der nationalistischen Rechten. Als Staatssekretär unter Max von Baden bemühte sich Matthias Erzberger um Verhandlungen eines Waffenstillstands und unterschrieb als Minister in Compiègne 1918 eben jenen Waffenstillstand. Nach seiner Ermordung 1921 erschien diese Unterschrift Weggefährten wie Joseph Wirth wie die Zustimmung zum eigenen Todesurteil.

Als Politiker der Weimarer Republik drängte er im Anschluss weiter auf einen Vorzug der Politik gegenüber dem Militär. Sein Kernanliegen war dabei, die junge Weimarer Demokratie gegen Angriffe von links und rechts zu wappnen und auf eine stabile Handlungsgrundlage zu setzen. Während der Novemberrevolution trat er deshalb als Vertreter des politischen Katholizismus für eine Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten und Liberalen ein. Da er als Reichsminister ohne Geschäftsbereich der Regierung von Philipp Scheidemann die Annahme des Versailler Vertrags unterstützte, wurde Erzberger zur prominenten Zielscheibe antirepublikanischer Gegner der Weimarer Republik, die ihn als Vaterlandsverräter und „Erfüllungspolitiker“ beschimpften. Noch mehr Gegner brachte er gegen sich auf, als er 1919 als Reichsfinanzminister eine gerechtere Steuerreform zu Lasten der Besitzenden anstrebte. Durch eine Verleumdungsaktion musste Erzberger bereits 1920 seine Posten räumen; ein Jahr später wurde er am 26. August in Bad Griesbach ermordet.

5. Vicki Baum 

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1888 – 1960

Schriftstellerin, Journalistin, Drehbuchautorin, Harfenistin

Die österreichisch-US-amerikanische Autorin Vicki Baum gehört zu den international kommerziell erfolgreichsten Schriftstellerinnen des deutschsprachigen Raums im 20. Jahrhundert. Ihre in 32 Sprachen übersetzten und vielfach verfilmten Romane verfasste sie seit 1939 auf Englisch. Baums literarisches Hauptwerk ist der Roman „Menschen im Hotel“ (1929).

Leben

Baum wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Wien auf, wo sie das Lehrerpädagogium besuchte. Von 1898 bis 1904 absolvierte sie eine Ausbildung zur Harfenistin am Wiener Konservatorium und erhielt anschließend ein Engagement beim Wiener Concertverein. Nach ihrer Scheidung von dem Journalisten Max Prels (1878–1926) 1913 ging sie als Harfenistin an das Hoftheater Darmstadt, gab aber ihren Beruf 1916 nach der Heirat mit dem Dirigenten Richard Lert (1885–1980) auf und lebte danach in Kiel, Hannover und Mannheim. 1926 übersiedelte sie zunächst allein nach Berlin, wo sie eine Anstellung als Zeitschriftenredakteurin beim Ullstein Verlag erhielt; 1928 folgten ihr ihre Söhne, 1929 der Ehemann. Baums auf der Grundlage ihres Romans „Menschen im Hotel“ (1929) inszeniertes Theaterstück „Grand Hotel“ wurde 1931 am Broadway zu einem Erfolg. Sie reiste noch im selben Jahr nach New York City und emigrierte 1932 mit ihrer Familie nach Los Angeles (Kalifornien, USA). Baums Bücher wurden 1933 im nationalsozialistischen Deutschland verboten und sie 1938 ausgebürgert (US-amerikanische Staatsbürgerin 1938).

In den USA pendelte Baum regelmäßig zwischen ihrem Haus in Los Angeles und ihrer Wohnung in New York City, war weiterhin schriftstellerisch tätig und arbeitete bis 1937 als Drehbuchautorin bei der Filmproduktionsgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). 1935 und 1936 reiste sie nach Japan, China, Indonesien und Europa, um Stoff für neue Romane zu sammeln; im März 1939 führte sie eine Vortragstour nach England. Ihren letzten Aufenthalt in Europa trat sie 1949 an.

Werk

Baum begann um 1905, sich schriftstellerisch zu betätigen. Erste Gedichte und Erzählungen erschienen seit 1908 in Zeitschriften wie „Erdgeist“ (Wien), „Der Merker“ (Wien) und „Jugend“ (München). 1914 legte sie ihren Erstlingsroman „Frühe Schatten. Das Ende einer Kindheit“ vor, der autobiografisch geprägt ist. Thomas Mann (1875–1955) – Baums literarisches Vorbild – sprach ihr als Mitglied bzw. Vorsitzender der Jury bei den Literaturwettbewerben der Zeitschrift „Licht und Schatten“ 1910 und der „Kölnischen Zeitung“ 1924 für ihre Erzählungen „Alter Schloßpark“ (1910) bzw. „Der Weg“ (1924) den ersten Preis zu. Der Ullstein Verlag, in dem ihre Romane seit 1920 erschienen, baute Baum seit 1926 gezielt als Marke und Bestsellerautorin auf.

Baums Hauptwerk ist der 1929 veröffentlichte Roman „Menschen im Hotel“, der in der Originalausgabe den ironischen Untertitel „Ein Kolportageroman mit Hintergründen“ trägt und zunächst in Fortsetzungen in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ erschien. Der Schauplatz des Romans ist ein Berliner Luxushotel, in dem innerhalb von fünf Tagen Figuren aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammenkommen, miteinander agieren und wieder auseinandergehen. 1929 von Baum dramatisiert, bildete der Roman die Grundlage für die US-amerikanische Theaterinszenierung sowie die äußerst erfolgreiche Hollywoodverfilmung „Grand Hotel“ (1932) unter der Regie von Edmund Goulding (1891–1959) mit Greta Garbo (1905–1990) in der Hauptrolle. Während deutsche Kritiker „Menschen im Hotel“ als „Romankitsch“ – so Alfred Kerr (1867–1948) – und „Kosmetik“ – so Herbert Ihering (1888–1977) – kritisierten, wurde die englische Übersetzung in Großbritannien begeistert aufgenommen. Graham Greene (1904–1991) beurteilte den Roman als „oberflächlich, melodramatisch, sentimental, aber technisch vollendet“, John B. Priestley (1894–1984) als „eine Art Kinofilm des modernen Lebens“.

Beeinflusst von ihren Weltreisen, legte Baum 1937 und 1939 die Romane „Liebe und Tod auf Bali“ und „Hotel Shanghai“ vor, die den „Puputan“ (Massenselbstmord) der Balinesen in Badung 1906 und den versehentlichen Bombenabwurf chinesischer Flugzeuge auf die Nanking Road in Shanghai 1937 literarisieren. Die Verknüpfung von historischem Hintergrund und atmosphärischen Details in diesen Werken fand international Beachtung.

Nach 1945 konnte Baum, die seit „The Ship and the Shore“ (1941) ausschließlich in englischer Sprache schrieb, in den USA nicht mehr an ihre Erfolge anknüpfen. Auch „The Mustard Seed“ (1953), ein satirischer Roman über die neurotische, von Kommerz und Sex beherrschte US-Gegenwartsgesellschaft, fand wenig Resonanz. In der Bundesrepublik und Europa hingegen wurden ihre Romane, von denen viele auch als Verfilmungen große Popularität erlangten, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder veröffentlicht und werden bis heute erfolgreich neu aufgelegt. Baums 1958 begonnene Autobiografie, die „Nicht so wichtig“ heißen sollte, blieb Fragment und wurde postum 1962 von ihrer Schwiegertochter Ruth Lert (1915–1997) unter dem Titel „It was all quite different“ (Es war alles ganz anders) vollendet.

Baums Romane, die sich durch präzis recherchierte Milieuschilderungen und das ironische Spiel mit Formeln und Schemata auszeichnen, galten im deutschsprachigen Raum lange als „Unterhaltungsliteratur“, Baum als Trivialautorin. Im Zuge der Erforschung der literarischen „Neuen Sachlichkeit“ seit den 1980er Jahren wurde v. a. „Menschen im Hotel“ als neusachlicher Zeitroman wiederentdeckt, und Vicki Baum erfuhr eine Neubewertung als „neusachliche Bestsellerautorin“.

6. Gustav Stresemann

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S. entstammte einer Familie des Berliner Kleinbürgertums; im Berliner Südosten betrieben die Eltern einen Flaschenbierhandel mit Gaststube. S. als dem jüngsten ihrer acht Kinder ermöglichten sie den Besuch der höheren Schule (Andreas Realgymnasium, Abitur 1897). Obwohl die persönlichen Neigungen des jungen S. der Geschichte und Literatur galten und ihm eine Laufbahn als Journalist vorschwebte, konzentrierte er sich im Studium (1898–1901 in Berlin u. Leipzig) auf die Nationalökonomie. Gleich nach der Promotion in Leipzig bei Karl Bücher (1901) übernahm er in Dresden die Stelle eines Assistenten beim Verband der Schokoladenfabrikanten und entfaltete eine ideenreiche organisatorische Aktivität: Unter seiner Führung entwickelte sich der 1902 gegründete „Verband sächsischer Industrieller“ (Syndikus bis 1919) zu einem der größten regionalen Wirtschaftsverbände. Parallel zum beruflichen Aufstieg vollzog sich die politische Karriere. In seiner Studentenzeit war S. ein aktives Mitglied in der Reformburschenschaft „Neo Germania“ und schloß sich auch Friedrich Naumanns „Nationalsozialem Verein“ an. Als sich dieser nach dem Debakel bei der Reichstagswahl 1903 auflöste, ging S. allerdings nicht mit Naumann und den meisten seiner Anhänger zur Freisinnigen Vereinigung, sondern trat der Nationalliberalen Partei bei. 1906 wurde er zum Dresdner Stadtverordneten gewählt, 1907 eroberte er bei der Reichstagswahl den Erzgebirgswahlkreis Annaberg. Als jüngstes Reichstagsmitglied war S. ein außerordentlich aktiver und rhetorisch begabter, rasch in der vordersten Reihe agierender Abgeordneter. Maßgeblichen Anteil hatte er am Zustandekommen einer Angestelltenversicherung (1911).

Der steile politische Aufstieg endete abrupt 1912. Bei der Reichstagswahl verlor S. sein Mandat, und Exponenten des rechten Parteiflügels verdrängten ihn aus dem Führungsgremium der Nationalliberalen Partei. S. sah sich auf seine Tätigkeit als Verbandsfunktionär zurückgeworfen. Im Dez. 1914 erneut in den Reichstag gewählt, fiel ihm schnell eine Führungsrolle in der nationalliberalen Fraktion zu. Nach dem Tod Ernst Bassermanns (1854–1917) wurde er im Sept. 1917 zum Fraktionsvorsitzenden und zum stellv. Parteivorsitzenden gewählt.

S.s politisches Agieren während der Kriegsjahre stellt ein besonders problematisches Kapitel seiner Biographie dar. Zwar trat er für innere Reformen ein (Abschaffung des preuß. Dreiklassenwahlrechts, Stärkung des Parlaments), forderte aber im Einklang mit der großen Mehrheit seiner Partei umfangreiche Annexionen sowie den unbeschränkten U-Boot-Krieg und arbeitete auf den Sturz des Reichskanzlers Bethmann Hollweg hin. Kriegsniederlage und Zusammenbruch des Kaiserreichs brachten S. in eine schwierige Lage, die seine führende Position im dt. Liberalismus akut gefährdete. Die Auseinandersetzungen um eine Neuformierung des liberalen Lagers beendeten nicht die Spaltung des dt. Liberalismus in zwei Parteien, was man zu Unrecht häufig S. anlastete. Dieser lehnte wie viele andere Nationalliberale ein Zusammengehen mit der Gruppe um →Theodor Wolff (1868–1943) und →Alfred Weber (1868–1958) ab, die in der Gründungsphase der „Deutschen Demokratischen Partei“ eine maßgebliche Rolle spielte. Am 15. 12. 1918 konstituierte sich unter S.s Führung die „Deutsche Volkspartei“, deren immer wiedergewählter Vorsitzender er bis zu seinem Tode blieb.

In der Nationalversammlung stand die kleine DVP-Fraktion in Opposition zur „Weimarer Koalition“ (SPD, Zentrum, DDP); sie lehnte die Unterzeichnung des Friedensvertrags und die Verfassung ab. Im Gegensatz zu Exponenten des rechten Parteiflügels suchte S. nach 1919 einen Kurs der Mitte zu steuern mit der Bereitschaft, auch eine Koalition mit der SPD einzugehen. Bei der Reichstagswahl 1920 überflügelte die „Stresemann-Partei“|die linksliberale DDPdeutlich. Von nun an war sie an fast allen Reichskabinetten beteiligt. Am 12. 8. 1923, in der kritischsten Phase der Weimarer Republik, wurde S. von Reichspräsident Ebert in das seit langem angestrebte Amt des Reichkanzlers berufen. Die von ihm gebildete „Große Koalition“ (SPD, Zentrum, DDP, DVP) sah sich einer Fülle gravierender Probleme gegenüber: Abbruch des Ruhrkampfes, Sanierung der Währung, separatistische Bestrebungen im Rheinland, Aufstands- und Putschversuche rechts- und linksextremistischer Kreise. In den nur 100 Tagen seiner Kanzlerschaft gelang es, die dramatische Krisensituation im wesentlichen zu bewältigen. Nachdem der Reichstag am 22. 11. 1923 das von S. verlangte Vertrauensvotum abgelehnt hatte, demissionierte das Kabinett, doch behielt S. in der neuen Reichsregierung und in allen weiteren Kabinetten das Amt des Außenministers.

Es war das Feld der Außenpolitik, auf dem S. Epoche gemacht hat. Ziel war der Wiederaufstieg des Dt. Reichs zur souveränen und im internationalen System gleichberechtigten Großmacht. Aber aufgrund der Erfahrungen von 1914–18 legte S. seit 1919 seiner Außenpolitik eine realistische Einschätzung der internationalen Kräfteverhältnisse zugrunde und operierte mit den Mitteln der Verhandlung und Verständigung. Zwei Gesichtspunkte besaßen dabei für ihn axiomatische Bedeutung: Rückkehr des Dt. Reichs in die Weltpolitik über die Weltwirtschaft und Normalisierung des Verhältnisses zu den Westmächten v. a. durch Befriedigung des franz. Sicherheitsbedürfnisses.

Im Grunde bewertete S. alle Stationen seiner Außenpolitik der Jahre 1923–29 (Dawes-Plan 1924, Locarno-Verträge 1925, Berliner Vertrag mit der Sowjetunion 1926, Eintritt in den Völkerbund 1926, Kellogg-Pakt 1928, Young-Plan 1929) als Etappen auf dem Weg zur Wiedergewinnung der dt.Machtstellung. Bei seiner Revisionspolitik vorsichtig agierend, vermied er Konflikte und setzte auf internationale Kooperation. S. erreichte in seinen sechs Amtsjahren die Räumung des Ruhrgebiets und die vorzeitige Beendigung der Rheinlandbesetzung, eine erträgliche Regelung der Reparationsfrage in Verbindung mit einer wirtschaftlichen Stabilisierung in Deutschland, Aufhebung der alliierten Militärkontrolle und Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Nicht weniger zählt auch die Tatsache, daß es S. gelang, das seit der Jahrhundertwende gestörte Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarstaaten weitgehend zu normalisieren und Vertrauen diesseits und jenseits des Atlantiks aufzubauen. Als erster Deutscher wurde er im Dez. 1926 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet (gemeinsam mit seinem franz. Amtskollegen Aristide Briand).

S.s letzte Lebensphase war in vielfacher Weise überschattet: Er litt darunter, daß erhoffte Ergebnisse der Locarno-Politik sich zu langsam einstellten, sein labiler Gesundheitszustand machte ihm immer mehr zu schaffen, v. a. seit einem Zusammenbruch im Frühjahr 1928, und schließlich gestaltete sich das Verhältnis zu seiner eigenen Partei zunehmend prekär. So unbestritten seine Stellung als Parteivorsitzender war, dem von ihm gesteuerten politischen Kurs folgte ein Teil der Partei, insbesondere die Reichstagsfraktion, immer unwilliger. Die Auseinandersetzungen kulminierten 1928/29, als S. durch das Verhalten der Fraktion seine Autorität als Parteiführer in Frage gestellt sah. Als ein bereits vom Tode Gezeichneter erkämpfte er auf der Haager Konferenz im Aug. 1929 die Zusage einer vorzeitigen Rheinlandräumung und hielt im Sept. auf der Völkerbundstagung in Genf eine engagierte Europarede. In der Nacht vom 2./3. 10. 1929 erlag er einem Schlaganfall.

S. ragt unter den Politikern der Weimarer Republik weit heraus. Als Reichskanzler im Krisenjahr 1923 und als langjähriger Außenminister übte er einen so prägenden Einfluß auf die dt. Politik dieser Jahre aus, daß mit Recht von einer „Ära Stresemann“ gesprochen wird. Das Bild S.s in der Nachwelt reicht von affirmativer Erinnerungskultur unmittelbar nach seinem Tod über die Verfemung S.s durch die Nationalsozialisten als „Erfüllungspolitiker“, die Betonung der europ. Perspektive seiner Politik in der Phase der frühen Bundesrepublik bis hin zum ambivalent-differenzierenden Bild der heutigen Forschung, das S.ebenso als kalkulierenden Real- wie als nationalen Machtpolitiker in die Reihe der großen europ. Politiker seiner Zeit einordnet.

7. Paul von Hindenburg

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Nach kurzem Besuch des Gymnasiums in Glogau besuchte H. 1859-66 die Kadettenanstalten in Wahlstatt (Kreis Liegnitz) und Berlin. Die Teilnahme am Feldzug in Böhmen 1866, besonders an der Schlacht von Königgrätz, als Seconde-Leutnant im 3. Garde-Regiment zu Fuß blieb für H. zeitlebens das große Erlebnis eigener Bewährung und preußischen Waffenruhms. Den Krieg 1870/71 machte er als Regiments-Adjutant mit. Anschließend begann eine erfolgreiche Karriere im Wechsel von Truppen- und Generalstabsdienst: 1873-76 Kriegsakademie mit vorzüglichem Abgangszeugnis, 1877 Großer Generalstab mit (1878) Versetzung zum II. Armeekorps in Stettin, 1881 1. Generalstabsoffizier der 1. Division in Königsberg, 1884/85 Kompaniechef im Infanterie-Regiment 58 in Fraustadt (Posen), 1885 Großer Generalstab und Ia des III. Armeekorps in Berlin, dort auch Lehrer an der Kriegsakademie, Beginn enger Anlehnung an Schlieffen und dessen Lehre, 1889 Kriegsministerium, 1893 Kommandeur (Oberst) des Infanterie-Regiment 91 in Oldenburg, 1896 Chef des Stabes des VIII. Armeekorps in Koblenz, 1900 Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe, 1903 Kommandierender General des IV. Armeekorps in Magdeburg. Als solcher erhielt er 64jährig 1911 den Abschied. Theoretisch und praktisch hatte er sich als militärischer Führer bewährt. Der Dienst hatte ihn geprägt. Ohne politischen Ehrgeiz und besonderes politisches Interesse, hatte er sich in einer sehr erfolgreichen, wenn auch nicht ungewöhnlichen militärischen Laufbahn bewährt, geradlinig und unkompliziert, in betont königstreu konservativer Tradition sich begreifend.

Bei Kriegsausbruch war für den in Hannover im Ruhestand lebenden H. zunächst keine Verwendung vorgesehen. Als am 21.8.1914 Ludendorff zum Chef des Stabes der 8. Armee in Ostpreußen ernannt wurde, um dort die gefährliche Lage zu meistern, wurde H. Oberbefehlshaber der 8. Armee, weil ihm im Gegensatz zu seinem Vorgänger die überlegene Ruhe des Gewährenlassens gegenüber dem eigenwilligen, energisch kraftvollen neuen Chef zugetraut wurde. Diese Erwartung erwies sich als zutreffend. Ludendorff blieb im Kriege stets der erste Mitarbeiter H.s, überragte ihn aber in der Führungskunst an Entschlußkraft und Arbeitsleistung. Er prägte H. seinen Willen sowohl militärisch wie politisch auf, ohne daß H. dies als Fremdbestimmung empfunden hätte; denn militärisch kamen beide erfahrenen Generalstäbler aus Schlieffens Schule und fanden sich auch politisch in gleicher Gesinnung zusammen. Die beiderseitige Entfremdung und die von Ludendorff betriebene Herabsetzung H.s begannen erst nach dem Kriege. In der Schlacht von Tannenberg, deren Namensgebung in Anknüpfung an 1410 auf H.s Vorschlag beim Kaiser zurückgeht, bewährte sich die gemeinsame Führung von Chef und Oberbefehlshaber zum ersten Mal. Schlieffens „Cannae“ war verwirklicht worden. H. wurde nicht nur zum „Retter Ostpreußens“, sondern zum populären Symbol des deutschen Siegeswillens. Der H.-Mythos begann sogleich nach Tannenberg, steigerte sich während des Krieges und überdauerte die Niederlage in den „vaterländisch“ gesinnten Massen.

Mitte September 1914 übernahmen H. und Ludendorff als Oberbefehlshaber und Chef die in Kongreßpolen operierende 9. Armee, am 1.11.1914 den Oberbefehl über alle deutschen Truppen der Ostfront („Oberbefehlshaber Ost“). Von dieser Stellung aus versuchten sie vergeblich, Wilhelm II. und den Chef des Generalstabs von Falkenhayn dazu zu bewegen, die Ostfront so zu verstärken, daß die schnelle Kriegsentscheidung im Osten erzwungen werden konnte. Der Konflikt zwischen der Obersten Heeresleitung (OHL) und „Ober-Ost“ hielt an, bis nach dem Scheitern der Verdun-Offensive sowie dem Kriegseintritt Rumäniens Falkenhayn entlassen wurde und H. am 29.8.1916 sein Nachfolger – mit Ludendorff als voll mitverantwortlichem „Erstem Generalquartiermeister“ – wurde. Die neue OHL geriet, je stärker der Krieg nicht nur militärisch geführt werden mußte, sondern schwere kriegswirtschaftliche, außen- und innenpolitische Entscheidungsfragen aufwarf, zunehmend in die politischen Auseinandersetzungen hinein und gewann angesichts der Führungsschwäche des Kaisers und seiner Reichskanzler 1917/18 eine Schlüsselstellung. H. handelte auch dabei stets im Einvernehmen mit dem die Entscheidungen maßgeblich bestimmenden Ludendorff, so besonders in der Polenfrage, im Durchsetzen des unbeschränkten U-Bootkrieges und im Drängen auf die Entlassung des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg. Die dem „Vaterländischen Hilfsdienstgesetz“ von 1916 zugrundeliegenden Vorbereitungen deckte H. mit seinem Namen („H.-Programm“).

In den letzten Kriegsmonaten sah sich H. der bisher ungewohnten Belastung ausgesetzt, selbst und unabhängig von Ludendorff Entscheidungen fällen zu müssen. So suchte er im Juli 1918 vorübergehend eine von Ludendorff scharf abweichende Strategie durchzusetzen (Gegenoffensive statt hinhaltender Verteidigung), die freilich durch die Ereignisse schnell überholt wurde. Nach Aussöhnung mit Ludendorff kam es Ende Oktober zur Entfremdung zwischen beiden, als Ludendorff entlassen wurde und H. sein Entlassungsgesuch auf Drängen des Kaisers und des Kriegskabinetts zurückzog. H. begab sich durch sein Bleiben de facto, wenn auch gegen seine eigentliche Absicht und Überzeugung auf den durch die 3. Wilson-Note vom 23. Oktober vorgezeichneten Weg, der zur Abdankung des Kaisers und zur bedingungslosen Annahme des Waffenstillstandsvertrags führte. Am 9.11.1918 riet H. zum Übertritt Wilhelms II. nach Holland, woraus unerquickliche Kontroversen, eine Vertrauenskrise zwischen dem ehemaligen Kaiser und H. sowie ein lebenslanges Trauma H.s folgten.

Im November 1918 hat H., nunmehr beraten und bestimmt durch Ludendorffs Nachfolger General Groener, nolens volens entscheidend dazu beigetragen, daß der Übergang von der Monarchie zur Republik unter den Bedingungen der Niederlage, materieller Not und Revolutionsgefahr verhältnismäßig reibungslos gelang. Denn H. blieb in seinem Amt, geachtet vom größten Teil des Volkes und der Front, und wurde von Ebert und der SPD-Mehrheit für unentbehrlich gehalten. H. drängte am 10. November auf schnelle Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrags, stellte sich der neuen Regierung zur Verfügung, um das Frontheer geordnet zurückzuführen und, mit Hilfe der Arbeiter- und Soldatenräte, Ruhe und Ordnung aufrechterhalten zu helfen.

H. betrachtete sich als zum Ausharren in der Verantwortung verpflichtet und ging, bei geschickter Vermittlung des demokratisch gesinnten Generals Groener, bewußt ein Bündnis mit der provisorischen Regierung des Rats der Volksbeauftragten ein, da ihn mit Ebert und Noske die Überzeugung verband, daß Ruhe und Ordnung gegen die weitertreibende Revolution von links unter allen Umständen bewahrt werden sollten. Auf Grund der Schlüsselstellung, die H. und Groener besaßen, gelang es ihnen schnell, die Kommandogewalt im Heer wieder zu festigen und Freiwilligenverbände aufzustellen, die – zuerst im Januar 1919 in Berlin – mit Erfolg gegen linksrevolutionäre Aufständische eingesetzt wurden. Nach Annahme des Friedensvertrags von Versailles durch den Reichstag und die (umgebildete) Reichsregierung nahm H. den Abschied, nachdem Groener vorher mit seinem Einverständnis Ebert gegenüber die Annahme des Friedensvertrags als unausweichlich bezeichnet hatte.

H. zog sich in Hannover in den Ruhestand zurück, ohne die Absicht zu haben, sich öffentlich politisch zu betätigen. Aufsehen erregte sein Auftreten vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung am 18.11.1919 (gemeinsam mit Ludendorff), wo er eine Erklärung im Sinne der damals aufkommenden Dolchstoß-Legende abgab.

Im April 1925 stellte er sich – selbst parteilos – nach einigem Widerstreben zum 2. Wahlgang der Reichspräsidentenwahl als überparteilicher Kandidat der Rechtsparteien einschließlich der Bayerischen Volkspartei zur Verfügung. Er wurde mit der relativen Mehrheit von gut 48% vor Marx (Zentrum) mit 45% und Thälmann (KPD) mit 6% gewählt. Die Wahl wurde entweder als Anzeichen angesehen, daß die restaurativen Kräfte einen für die Zukunft verhängnisvollen Sieg über die Republik errungen hätten, oder sie wurde mit der Hoffnung verbunden, daß die Tradition des Kaiserreichs Aussicht habe, hinfort sich der Republik im Geiste einer „konservativen Demokratie“ anzuverwandeln. In der Tat lagen beide Möglichkeiten in diesem Ereignis beschlossen. Bis 1929 schien die Entwicklung in der zweiten Richtung zu gehen. H. bemühte sich, seiner „Osterbotschaft“ vor der Wahl gemäß, über den Parteien zu stehen sowie trotz seiner inneren Bindung an die Monarchie, getreu seinem Eide, ein loyaler und gerechter Präsident der Republik zu sein. Er befremdete daher viele seiner alten Freunde oder Kameraden von rechts und zerstreute manche Befürchtungen von links. Doch wirkten H.s Enttäuschung über die Labilität der kurzlebigen Kabinette seit 1925 und sein traditionelles Mißtrauen gegen politische Parteien und Parlamentarismus darauf hin, schon in der Regierungskrise um die Jahreswende 1926/27 dem Gedanken eines parlamentarisch unabhängigen Beamtenkabinetts näherzutreten oder Oberst von Schleichers Vorschlag eines Minderheitskampfkabinetts mit dem Notstandsartikel 48 im Hintergrund zu erwägen. Wurden derartige Absichten damals noch zurückgestellt, so traten sie im Frühjahr 1930 in ihr akutes Stadium.

Als gegen Ende des Jahres 1929 die vielberufene „Krise des Parlamentarismus“ und die Entscheidungsschwäche der Regierung gegenüber den drängenden wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen angesichts der beginnenden Wirtschaftskrise und zunehmender rechtsradikaler Aktivität noch stärker als zuvor ins öffentliche Bewußtsein traten, hielt H., bestärkt durch Schleicher und andere Ratgeber, den Zeitpunkt für gekommen, seine Präsidialgewalt für einen richtungweisenden Kurswechsel einzusetzen. Ein „H.-Kabinett“ sollte gebildet und notfalls auch unabhängig von der Parteienmehrheit gehalten werden. Auf jeden Fall sollte von nun an ohne die SPD regiert werden. H. wünschte eine Abkehr vom fragwürdig gewordenen reinen Parlamentarismus, das heißt eine dauerhafte Schwenkung nach rechts, wobei er außer dem allgemeinen „vaterländischen“ Wohl speziell auch eine verstärkte Hilfe für die in der Krise besonders gefährdete ostdeutsche (Groß)-Landwirtschaft im Auge hatte. Wenn auch offensichtlich die Initiative zum „H.-Kabinett“ stärker von Schleicher als von dem auch hier nicht selbst treibenden H. ausgegangen ist, so hat der Reichspräsident doch die Berufung →Brünings zum Reichskanzler (30.3.1930) als Beginn für den erwünschten Kurswechsel angesehen. Daraus folgte, daß H. „seinen“ Kanzler im Juli 1930 mit Hilfe des Artikel 48 der Verfassung und der Reichstagsauflösung gegen die widerstrebende Reichstagsmehrheit deckte, daß er aber zwischen dem Herbst 1930 und dem Frühjahr 1932 in dem Maße sich →Brüning entfremdete, als dieser de facto trotz seiner unpopulären Wirtschaftspolitik immer mehr ein Kanzler der Mitte und der Linken und immer weniger der sich von ihm zunehmend abwendenden Rechten wurde. Auch hier war Schleicher neben andern Einflüssen von rechts politisch entscheidend, schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1931, besonders aber im Frühjahr 1932,|als es um die Frage der Amtsverlängerung oder der Wiederwahl H.s ging. Der Reichspräsident lehnte damals →Brünings Plan ab, daß er als Reichsverweser bis zur Einsetzung eines Monarchen weiter im Amt bleiben sollte, da für ihn eine monarchische Restauration nur mit Wilhelm II. als Kaiser in Betracht kommen konnte. Die Wiederwahl wurde unvermeidlich, weil eine verfassungsändernde Mehrheit im Reichstag für eine Amtsverlängerung ohne Wahl nicht erreichbar war. Widerwillig fügte sich H.der Tatsache, daß nur er noch für populär genug gehalten werden konnte, gegen Hitler den Wahlsieg davonzutragen. Daß er, verglichen mit 1925, gleichsam mit verkehrter Front, das heißt von links und der Mitte gegen rechts gewählt wurde, hat H. kaum verwinden können. Nachdem er im 2. Wahlgang mit der absoluten Mehrheit von 53% vor Hitler mit 37% und Thälmann mit 10% gewählt worden war, ließ er seinem Unmut über →Brüning freien Lauf. Den letzten Anstoß gab der Entwurf eines Siedlungsgesetzes, in dem die Aufsiedlung nicht entschuldungsfähiger Güter vorgesehen war. H. gab dem daraufhin einsetzenden Druck des Reichslandbundes und der Deutschnationalen Volkspartei bereitwillig nach und entließ →Brüning, den er ohnehin fallen lassen wollte, am 30.5.1932.

Zu dem von Schleicher vorgeschlagenen Nachfolger Franz von Papen und dessen konservativem Kabinett gewann H. alsbald Sympathie und Vertrauen. Die Grenze dieser engen Beziehung war jedoch durch H.s Treue zur Verfassung gesetzt. Der Reichspräsident lehnte Ende November 1932 eine befristete Diktatur Papens als Ausweg aus der staatspolitischen Krise ab, da die Verfassung einer Suspension des Reichstags widersprach, mochte diese auch nur für ein halbes Jahr vorgesehen sein. H. trennte sich ungern von Papen, hielt es aber für seine Pflicht, Schleicher als Kanzler einen verfassungsgerechten Ausweg aus der Krise finden zu lassen. Als Schleicher damit im Januar 1933 gescheitert oder vorerst stecken geblieben war und nun seinerseits die Diktatur mit suspendiertem Reichstag für ein halbes Jahr forderte, lehnte H. wiederum ab und ließ sich unter dem Druck persönlicher Einflüsse widerstrebend dazu bringen, Hitler als Reichskanzler eines konservativ-nationalsozialistischen Koalitionskabinetts verfassungsgemäß zu berufen (30.1.1933).

In den folgenden 1½ Jahren war H. dem Vorgehen Hitlers aus Mangel an Urteilskraft und Information mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Seine Zustimmung zur nationalen „Erneuerung“ Deutschlands in der Anknüpfung an eine alte geliebte Tradition (Tag von Potsdam, 21.3.1933) wurde durch schwere Sorgen über die nationalsozialistische „Revolution“ überdeckt. Mit Hilfe des Vizekanzlers von Papen suchte H., die von Hitler zunehmend zurückgedrängten konservativen Kräfte wirksam zu erhalten. So lehnte er Anfang 1934 die Ernennung des „zu jugendlichen“ Generals von Reichenau zum Chef der Heeresleitung ab und setzte gegen Hitler und Blomberg die Ernennung des Generals Freiherr von Fritsch durch. In den letzten Lebensmonaten ist H. teils infolge Nachlassens seiner Kraft, teils infolge der von Hitler bewerkstelligten Isolierung schon mehr und mehr ausgeschaltet gewesen. Mit seinem Tode erlosch das Amt des Reichspräsidenten, das auf Grund eines schon vorher verabschiedeten Gesetzes mit dem des Reichskanzlers vereinigt wurde. Der längst erhoffte Tod H.s gab Hitler den Weg noch unbehinderter als zuvor frei.

H.s Bedeutung ist in und nach dem 1. Weltkrieg von einem großen Teil der deutschen Nation überschätzt worden. In der Staats- und Wirtschaftskrise 1930-33 verlor sein Mythos im Kreuzfeuer zwischen „Republik“ und „nationaler Revolution“ an Ausstrahlungskraft. H. war 1916-18 sowie 1925-33 überfordert, als er aus dem militärischen Bereich herauszutreten und eine politische Führungsrolle zu spielen genötigt war. Sein Ausharren im Dienst, inmitten einer weithin fremden, ja zum Teil von ihm mißachteten Umwelt, hat zum Scheitern der demokratischen Republik beigetragen; H.s bei aller Verfassungsloyalität gleichwohl stets lebendiges Wunschziel einer monarchischen Restauration wurde dabei nie aktualisiert. So ist der vor 1914 glänzend aufgestiegene Generalstabsoffizier und der im Kriege gefeierte Feldherr als Greis in eine für ihn ausweglose Tragik verstrickt gewesen.

8. Marlene Dietrich

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1901 – 1992

Schauspielerin, Sängerin

Marlene Dietrich zählt zu den bekanntesten Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Hauptrolle als Revuesängerin Lola Lola im Kinofilm „Der blaue Engel“ (1930) begründete ihren Mythos als erotische Filmdiva und Stilikone. Mit ihren Erfolgen in Hollywood wurde sie zum international gefeierten Star. Trotz lukrativer Angebote der deutschen Filmindustrie ging sie nach 1933 nicht nach Deutschland zurück, sondern unterstützte Emigranten und besonders die US-Armee bei ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie deshalb in weiten Teilen der bundesdeutschen Öffentlichkeit als „Vaterlandsverräterin“ abgelehnt.

alternativer text
Marlene Dietrich und Ernst Lubitsch, Imago Images (InC)

Ausbildung und Anfänge am Theater

Dietrich besuchte seit 1907 Schulen in Berlin und Dessau, ehe sie im Frühjahr 1918 die Berliner Victoria-Luisen-Schule ohne Abschluss verließ. Für die Filmschauspielerin Henny Porten (1890–1960) schwärmend, spielte sie Violine in den Orchestern von Stummfilmkinos. Auf Veranlassung der Mutter besuchte Dietrich seit Herbst 1920 ein Mädchenpensionat in Weimar und erhielt Privatunterricht als Konzertgeigerin bei Robert Reitz (1884–1951). 1921 studierte sie kurze Zeit Violine an der Berliner Hochschule für Musik. Nach ihrer Ablehnung an der Schauspielschule von Max Reinhardt (1874–1943) nahm sie Schauspielunterricht bei Berthold Held (1868–1931) und spielte von Juni 1922 bis 1929 in ca. 26 Theaterstücken in Berlin und Wien meist kleine und mittlere Rollen in Komödien sowie in einigen Dramen u. a. Frank Wedekinds (1864–1918), William Shakespeares (1564–1616) und Heinrich von Kleists (1777–1811).

Von Berlin nach Hollywood

Im Juli 1922 erhielt Dietrich eine erste kleine Rolle in dem Kinofilm „So sind die Männer“ unter der Regie von Georg Jacoby (1882–1964). Im selben Jahr engagierte sie der Produktionsleiter Rudolf Sieber (1897–1976), den sie 1923 heiratete, für den mehrteiligen Film „Tragödie der Liebe“ unter der Regie von Joe May (1880–1954), worauf weitere Engagements in Stummfilmen folgten. Einen ersten Erfolg hatte sie 1928 mit der Revue und der Schallplattenaufnahme des Liedes „Es liegt in der Luft“ von Mischa Spoliansky (1898–1985).

Im September 1929 wurde der Regisseur Josef von Sternberg (1894–1969) bei einer Aufführung von Georg Kaisers (1878–1945) Revue „Zwei Krawatten“ am Berliner Theater auf Dietrich aufmerksam und engagierte sie für den Ufa-Tonfilm „Der blaue Engel“ (1930), basierend auf Heinrich Manns (1871–1950) Roman „Professor Unrat“. An der Seite von Emil Jannings (1884–1950) machte sie in der weiblichen Hauptrolle der Varietésängerin Rosa Fröhlich, genannt Lola Lola, Furore; legendär wurde dabei ihre Interpretation der Lieder Friedrich Hollaenders (1896–1976), v. a. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Im „Blauen Engel“ verkörperte sie die Frauenfigur, für die sie in den folgenden Jahren berühmt wurde: eine unabhängige, freche, erotisch aktive Frau, die sich ihre männlichen Begleiter selbst aussucht.

Am 13. Februar 1930 wurde Dietrich von der US-amerikanischen Produktionsgesellschaft Paramount Pictures unter Vertrag genommen und übersiedelte im April in die USA. Dort drehte sie unter Sternbergs Regie an der Seite von Gary Cooper (1901–1961) das Liebesdrama „Morocco“ (1930), den Spionagefilm „Dishonored“ (1931) sowie den Abenteuer- und Liebesfilm „Shanghai Express“ (1932). Vor allem „Morocco“ und „Shanghai Express“ wurden Welterfolge und machten Dietrich zum internationalen Star. Zahlreiche außereheliche Liebesaffären brachten sie in die Klatschspalten internationaler Zeitschriften; auch ihr männlicher Kleidungsstil sorgte für Aufsehen.

Nach dem Misserfolg von Sternbergs Film „Blonde Venus“ (1932) mit Dietrich spielte sie unter der Regie von Rouben Mamoulian (1897–1987) die Sängerin Lilly Czepanek in „Song of Songs“ (1933) und unter der Regie Sternbergs Katharina die Große in „The Scarlett Empress“ (1934) sowie die Tänzerin Concha Pérez in „The Devil is a Woman“ (1935). Die Filme Sternbergs bilden das zentrale Korpus des Dietrich-Mythos. Aus der Rolle der unbeschwert-lebenslustigen Lola Lola entwickelte er eine lebenserfahrene Frau, die die Männer beherrscht. Nachdem ihre letzten beiden Filme kommerzielle Flops gewesen waren, beendete Sternberg die Zusammenarbeit mit Dietrich 1935. Paramount Pictures lieh Dietrich 1936 an den Produzenten David O’Selznick (1902–1965) aus, der mit ihr den ersten Technicolor-Film drehte, die Romanze „Garden of Allah“ (1936). 1937 lehnte sie ein Angebot ab, für Filmproduktionen der Universum Film AG (Ufa) nach Deutschland zurückzukehren.

Den Sommer 1938 verbrachte Dietrich mit dem Schriftsteller Erich Maria Remarque (1898–1970) an der Côte d’Azur. Im März 1937 beantragte sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, die sie 1939 erhielt; für Remarque besorgte sie ein einjähriges Visum für die USA, anderen Emigranten und Verfolgten des NS-Regimes half sie mit Geld und ihren Beziehungen. Im Juli 1939 offerierte ihr der Produzent Joe Pasternak (1901–1991) die weibliche Hauptrolle in der Westernkomödie „Destry Rides Again“ (1939) neben James Stewart (1908–1997). Mit Liedern wie „Joe the Wrangler“ und „See What the Boys in the Backroom Will Have“ veränderte sie ihr Image von der europäisch anmutenden Diva und Salonlöwin zu einer dem US-amerikanischen Publikumsgeschmack entsprechenden pragmatischen Frau. Der Film wurde ein Erfolg und verhalf Dietrich zum Comeback in den USA. Im Liebesfilm „Seven Sinners“ (1940) besingt sie in einem weißen Marineanzug die Männer der US-Navy und eroberte an der Seite von John Wayne (1907–1979) die Herzen des Publikums. Seit 1941 hatte Dietrich eine mehrjährige Liebesbeziehung mit Jean Gabin (1904–1976).

Truppenbetreuung im Zweiten Weltkrieg und Rückkehr in das Filmgeschäft

Nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg Ende 1941 reiste Dietrich mit Liedern aus ihren Filmen auf einer Werbetournee für Kriegsanleihen mehr als ein Jahr durch die USA. Im April 1944 schloss sie sich der United Service Organizations (USO) an, die hinter den Kriegsfronten für die Unterhaltung der US-amerikanischen Soldaten sorgte. Von April bis Juni 1944 sang und spielte sie in Nordafrika und Europa vor rund 150 000 Soldaten; zum festen Bestandteil ihres Repertoires gehörte das Soldatenlied „Lilli Marleen“. Eine zweite Tour führte sie von September 1944 bis Juli 1945 nach England, Frankreich, Deutschland und bis nach Pilsen (Tschechoslowakei).

Im Frühsommer 1945 kehrte Dietrich nach Hollywood zurück. Der Regisseur Billy Wilder (1906–2002) gewann sie für die Hauptrolle in „A Foreign Affair“ (1948). Die bittere Komödie über das deutsch-US-amerikanische Verhältnis im Spiegel einer Dreiecksbesitzung im besetzten Berlin der Nachkriegszeit wurde wegen seiner politischen Brisanz in der Bundesrepublik nicht aufgeführt und erstmals 1977 im Fernsehprogramm der ARD ausgestrahlt.

Revueauftritte und späte Filmkarriere

1953 konzipierte Dietrich für das Sahara-Hotel in Las Vegas (Nevada, USA) eine 20minütige Show mit Liedern aus ihren Filmen, die in den folgenden Jahren aufgrund des großen Erfolgs ausgebaut wurde und mit der sie bis 1974 weltweit auf Tournee ging. Der Kostümbildner Jean Louis (1907–1997)entwarf für sie ein „nacktes Kleid“, was einen Skandal auslöste. 1960 trat sie mit ihrer Revue in der Bundesrepublik auf und wurde wegen ihrer Unterstützung für die US-Armee während des Zweiten Weltkriegs angefeindet. Sie erhielt Drohbriefe, und ihre Konzerte wurden teilweise von Demonstrationen gegen ihre Person überschattet. 1962 sprach sie den Kommentar zu „The Black Fox“, einer britischen Dokumentation über den Aufstieg und Fall Adolf Hitlers (1889–1945).

Dietrich drehte seit Beginn der 1950er Jahre nur noch wenige Kinofilme. In Wilders „Witness for the Prosecution“ (1957) spielte sie die weibliche Hauptrolle, in Orson Welles (1915–1985) „Touch of Evil“ (1958) verkörperte sie eine Wahrsagerin. Zur Berliner Weltpremiere von „Judgment at Nuremberg“ am 14. Dezember 1961 reiste Dietrich nicht an, da sie mit ihren Shows beschäftigt war und sich öffentliche Demonstrationen gegen ihre Person ersparen wollte. Ihr musikalischer Leiter Burt Bacharach (1928–2023) arrangierte für sie 1962 u. a. den Song „Where Have All the Flowers Gone“ von Pete Seeger (1919–2014), der in Dietrichs englischer, deutscher und französischer Interpretation ein Welterfolg wurde. Unter dem Titel „I Wish You Love“ wurde eine Aufzeichnung ihrer Bühnenshow 1973 in Großbritannien und den USA im Fernsehen ausgestrahlt.

Nachdem sich Dietrich am 29. September 1975 in Sidney (Australien) bei einem Unfall einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen hatte, konnte sie nicht mehr auf der Bühne auftreten. Seitdem zog sie sich in ihre Pariser Wohnung zurück. Der Regisseur und Produzent Rolf Thiele (1918–1994) bewegte sie 1978 zu einem Kurzauftritt in seinem Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“, in dem sie das gleichnamige Lied sang. Der Dokumentarfilm „Marlene“ (1984) mit Interviewsequenzen Dietrichs mit Maximilian Schell (1930–2014) gilt als einzigartiges Dokument ihrer Verweigerung gegenüber der Öffentlichkeit in den letzten Lebensjahren.

9. Albert Einstein

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Selten wohl hat ein Mensch das „Gesetz, danach er angetreten“ so zwingend in sich gefühlt und ist ihm, zunächst in kindlicher Unbewußtheit, allen äußeren Einflüssen zum Trotz gefolgt, wie E.. Als gereifter Gelehrter erinnerte er sich noch einiger Gedanken aus seiner Kindheit, die deutlich den Zug zu dem verraten, was wir heute Relativitätstheorie nennen. Von allem Wissensstoff, den das Gymnasium vermittelte, berührte ihn näher einzig und allein die euklidische|Geometrie; noch im Alter pries er sie begeistert als eine notwendige Vorstufe für jede Beschäftigung mit theoretischer Physik, weil sie die innere Konsequenz, die Geschlossenheit besitzt, welche für die Physik das anzustrebende, wenn auch nie völlig zu erreichende Ziel ist. Zu dieser Veranlagung kam eine ebenso früh scharf ausgeprägte und mit den damaligen Zuständen keineswegs konforme politische Einstellung, die sich wohl zum Teil aus seiner jüdischen Abkunft erklärt. Zum „guten Schüler“ eignete er sich unter diesen Umständen wenig und hatte darunter zu leiden; seine Schulzeit verlief irregulär und hätte dies wohl auch getan, wenn die Umzüge seiner Eltern, von Ulm nach München, dann nach Pavia und Mailand, nicht dazu beigetragen hätten. 1894 verließ er eigenmächtig das Münchener Luitpoldgymnasium, besuchte dann ein Jahr eine internationale Schule in Mailand und meldete sich 1895 bei der TH Zürich für das mathematisch-physikalische Fachlehrerstudium. Diese erste Bewerbung gelang nicht, sondern erst eine zweite 1896, nachdem er gewisse Lücken seiner Bildung auf der Aargauischen Kantonschule in Aarau ausgefüllt hatte. Aber auch das Studium gab ihm, was er suchte, nur unvollkommen. Eigentlich hörte er nur mathematische Vorlesungen, und auch diese unregelmäßig, während ihm das physikalische Praktikum freilich die unmittelbare Berührung mit der Erfahrung gab, die ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlte. Hauptsächlich aber holte er sich die ihm zusagenden Kenntnisse autodidaktisch aus den Werken von →Helmholtz, →Kirchhoff, →Clausius, →Boltzmann, →Planck und anderen. Zum Diplomexamen, welches er 1900 (keineswegs schlecht) bestand, mußte er sich freilich, wie jeder, auch anders vorbereiten. Der „Wust“, den er dabei wohl oder übel verarbeiten mußte, verleidete ihm für ein ganzes Jahr das weitere Lernen. Von seinen Lehrern hat auch auf der Hochschule keiner geahnt, was in ihm steckte.

Auch sonst war dieses Jahr für ihn schwer wegen seiner Mittellosigkeit. Er versuchte es mit verschiedenen Aushilfestellungen, konnte aber erst festen Fuß fassen, als er 1901 durch Empfehlungen, die auf einen seiner Studienkameraden zurückgingen, beim eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum (das heißt dem Patentamt) in Bern als wissenschaftlicher Expert angestellt wurde. Dieses Amt sicherte ihn materiell und ließ ihm doch noch genug Zeit, seinen eigenen Ideen nachzuhängen.

Jetzt kam seine Genialität zur Entfaltung. Auf einige methodisch interessante Arbeiten über Brownsche Molekularbewegung und andere thermodynamische Schwankungen folgten in dem einen Jahr 1905 zwei Veröffentlichungen, die für fast alle weitere Forschung E.s grundlegend waren und heute zum festen Bestand der Wissenschaft gehören. Sie betrafen zwei ganz verschiedene Gebiete der Physik, nämlich die Quanten- und die Relativitätstheorie.

Die Quantentheorie hatte Planck 1900 begründet, als er das Verteilungsgesetz der Energie im Spektrum der Hohlraumstrahlung aufstellte. Dabei mußte er im Gegensatz zu aller älteren Physik den Gedanken zugrunde legen, daß die Energie eines Oszillators sich nicht stetig verändern kann, sondern nur um diskrete Stufen, deren Höhe durch die Schwingungszahl des Oszillators und eine von ihm neu entdeckte, universelle Konstante, das elementare Wirkungsquantum h, bestimmt ist. Das hatte zunächst wenig Beachtung, noch weniger Glauben gefunden. E. griff nun diese Idee auf und schuf, ohne Rücksicht auf die wohlbewährte Wellentheorie des Lichtes, den Begriff des Lichtquants, eines Atoms der strahlenden Energie, dessen Energieinhalt gerade einer Energiestufe eines Oszillators von derselben Schwingungszahl wie das Licht entspricht. Strahlung ist danach nichts anderes als eine Gesamtheit von Lichtquanten. Diese Auffassung stützte sich auf mehrere bislang unerklärte Beobachtungen, zum Beispiel das Stokessche Gesetz für das Fluoreszenzlicht, dessen Schwingungszahl stets kleiner ist als die des erregenden Lichtes, und jene von Lenard entdeckte Tatsache, daß die Energie der im lichtelektrischen Effekt freigesetzten Elektronen nur von der Schwingungszahl des Lichtes, nicht von seiner Intensität abhängt. E. konnte sogar voraussagen, daß diese Energie eine lineare Funktion der Schwingungszahl sein muß, was spätere Messungen vollauf bestätigen. Auf die Plancksche Berechnung der mittleren Energie eines Oszillators als Funktion der Temperatur führte E. 1907 den Abfall der spezifischen Wärme fester Körper mit sinkender Temperatur zurück, und 1912 stellte er in diesem Zusammenhang das photochemische Äquivalenzgesetz auf, demzufolge der primäre Elementarakt der Photochemie in der Absorption eines Lichtquantes durch ein Molekül und der entsprechenden chemischen Umsetzung besteht, auf die freilich im allgemeinen noch viele mehr oder minder verwickelte Folgereaktionen folgen. Auch diese Theorie hat schließlich im Experiment volle Bestätigung gefunden. Die Idee des Lichtquants gehört heute zu dem erprobten Rüstzeug der Quantentheorie.

Die zweite, vielleicht noch größere Leistung aus jenem Schicksalsjahr 1905 war die Grundlegung der Relativitätstheorie. Das 19. Jahrhundert hatte zu Beginn die Wellentheorie des Lichtes gesichert und die Geschwindigkeit des Lichtes mit immer wachsender Genauigkeit gemessen, sowohl gegenüber der Erde als auch gegenüber dem Planetensystem. Die Übereinstimmung beider Messungen war aber auf Grund der klassischen Physik unverständlich, da sich die Erde doch im Planetensystem bewegt. Zahllos waren die Experimente, welche diese Problematik klären sollten, kaum weniger zahlreich die theoretischen Ansätze dazu. Da man seit →Clerk Maxwell und →Heinrich Hertz das Licht als elektromagnetische Wellen ansah, spielten auch elektromagnetische Versuche dabei mit. Bald nach 1900 hatten Forscher wie →H. A. Lorentz und →Henri Poincaré beachtliche Gesichtspunkte zu dieser Frage aufgestellt, ohne jedoch zu völlig befriedigendem Ergebnis zu gelangen.

E., der viel dachte, aber wenig las und infolgedessen anfangs von diesen seinen Vorgängern nichts wußte, faßte das Problem von der grundsätzlichen Seite an. Er forderte ein Relativitätsprinzip, demzufolge es eine Vielzahl von gleichberechtigten Bezugssystemen in der Physik gibt, in denen genau dieselben Naturgesetze herrschen, also zum Beispiel auch die Lichtgeschwindigkeit denselben Wert hat. Diese Bezugssysteme haben gegeneinander gleichförmige Bewegungen ohne Drehung; ihre gegenseitigen Geschwindigkeiten liegen stets unter der des Lichtes. Die entscheidende Frage, wie man die räumlichen Koordinaten vom einen zum anderen Bezugssystem umzurechnen hat, beantwortet die Lorentztransformation, so genannt, weil sie schon bei →H. A. Lorentz auftrat, ohne daß dieser das Relativitätsprinzip in seinem ganzen Umfang erkannt hätte. Dabei wird aber auch die Zeit umgerechnet. Zwei Ereignisse, die in einem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind in einem anderen im allgemeinen ungleichzeitig. Und die Längen zweier Stäbe stimmen in verschiedenen Bezugssystemen nicht überein. Vor solchen Folgerungen hätte wohl jeder zurückgeschreckt, hätte nicht E. gezeigt, daß sie sich ganz anschaulich herleiten lassen, wenn man bedenkt, daß man Signale vom einen zum anderen Raumpunkt höchstens mit Lichtgeschwindigkeit übertragen kann. In dieser Kritik der Raum- und Zeitmessung lag das unerhört Neue dieser speziellen Relativitätstheorie. Über die Relativität der Gleichzeitigkeit ist jahrzehntelang erbittert gekämpft worden.

Eine weitere, Widerspruch herausfordernde Folgerung war das E.sche Additionstheorem der Geschwindigkeiten, demzufolge die Zusammensetzung einer Lichtgeschwindigkeit mit einer beliebigen anderen wieder Lichtgeschwindigkeit ergibt, übrigens eine notwendige Konsequenz der Voraussetzung, daß die Lichtgeschwindigkeit in allen Bezugssystemen die gleiche ist. Sodann trat an die Stelle der Newtonschen Dynamik eine relativistische, bei der Energie und Impuls eines beschleunigten Körpers über alle Grenzen wachsen, wenn sich dessen Geschwindigkeit der des Lichtes nähert. Erreichung der Lichtgeschwindigkeit ist danach ausgeschlossen. Diese Dynamik bestätigten bald genaue Messungen über die Ablenkbarkeit von Elektronen im elektrischen oder magnetischen Feld; heute beruht die Konstruktion der großen Teilchenbeschleuniger (Zyklotron, Linearbeschleuniger und so weiter) auf der relativistischen Dynamik, die sich dabei vollauf bewährt.

Als kleinen Nachtrag zu dieser ersten Veröffentlichung brachte dann dasselbe Jahr 1905 noch E.s Gesetz von der Trägheit der Energie. Die Masse eines Körpers ist danach gleich seinem Energieinhalt, dividiert durch das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Dieses Gesetz hat Geschichte gemacht. Schien es anfangs in der Natur keine besondere Rolle zu spielen, so hat es sich später als eine Grundlage der Physik der Atomkerne herausgestellt und in der Atombombe eine wahrlich durchschlagende Bestätigung gefunden.

Diese beiden großen Entdeckungen E.s von 1905 machten ihn, trotz aller gegen sie erhobenen Zweifel, sogleich berühmt. Zwar weigerte sich die Berner Universität noch 1906, ihn auf Grund der Relativitätstheorie zu habilitieren; sie holte das aber 1907 auf Grund einer anderen Habilitationsschrift nach. Dann kamen die Berufungen in rascher Folge: 1909 an die Universität Zürich, 1911 an die Universität Prag und 1912 an die TH Zürich. Hier war er zu Vorlesungen über theoretische Physik verpflichtet. Davon befreite ihn 1913 eine Berufung an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin, an der er hauptamtliches Mitglied wurde, mit Lehrberechtigung an der Universität, aber ohne Verpflichtung dazu. 1914 wurde er Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin. Diese Stellungen behielt er bis 1933 bei.

Das Vertrauen, das sich in dieser Berufung aussprach, rechtfertigte E. vollauf. Denn neben mancher anderen wertvollen Arbeit vollendete er 1915 sein größtes Werk: die allgemeine Relativitätstheorie, die ihn schon|seit 1907 beschäftigt hatte. Die spezielle Relativitätstheorie enthielt nämlich keine Begründung für die Existenz der allgemeinen, Newtonschen Massenanziehung, insbesondere fehlte es ihr wie der früheren Physik überhaupt an einer Deutung jenes empirisch wohlbestätigten Gesetzes von der Gleichheit von träger Masse, wie sie im Newtonschen Bewegungsgesetz auftritt, und der schweren Masse, welche für die Anziehung verantwortlich ist. Durch eine kühne Opferung der euklidischen Geometrie, welche die gesamte Physik seit den ältesten Zeiten als selbstverständliche Grundlage aller Raummessung betrachtet hatte, und geeignete Übernahme der Grundideen der speziellen Relativitätstheorie gelang es E., beide Mängel zu beseitigen, ohne etwas Wesentliches von den älteren physikalischen Ergebnissen zu opfern. Aber mehr noch: Zwangsläufig ergaben sich aus dieser neuen Theorie 3 astronomische Effekte, von denen der eine, die Perihelbewegung des Planeten Merkur, schon lange bekannt, aber unerklärt war, während die Lichtablenkung an der Sonne erst 1919 auf E.s Anregung hin von →Eddington entdeckt und die Verschiebung der Spektrallinien nach manchen Mißerfolgen schließlich an Fixsternen besonders großer Dichte festgestellt wurde. Die Auffindung der Lichtablenkung hob den Ruhm E.s fast ins Übermenschliche. Und er wuchs noch weiter, als die allgemeine Relativitätstheorie noch für eine andere rätselhafte astronomische Beobachtung eine plausible Deutung fand, nämlich die aus den Dopplereffekten von →E. Hubble und anderen erschlossene Fortbewegung ferner Milchstraßensysteme (im allgemeinen Nebel genannt) von unserem eigenen galaktischen System. Diese Theorie eröffnete nämlich die Möglichkeit, den dreidimensionalen Raum als einen Kugelraum von ständig wachsendem Radius anzusehen, was dann selbstverständlich zu wachsenden Abständen zwischen allen Körpern, führt. Eine ganz neue Kosmologie bahnt sich hier an.

Aber mit dem Ruhm wuchs auch die Anfeindung. Zwar im 1. Weltkrieg gewannen dessen Aufregungen und Nöte keinerlei Einfluß auf E.s Produktivität. Er hatte sein Inneres gut abgeriegelt gegen äußere Einwirkungen. Aber nach dem Zusammenbruch des deutschen Reiches 1918 schwoll eine Welle von ungehemmtem Nationalismus, vermischt mit Antisemitismus an und wandte sich auch gegen E., dessen andersartige politische Denkart aus der Kriegszeit her bekannt war. Es bildete sich in Berlin zum Beispiel eine Gesellschaft der Einsteingegner mit dem Ziel, seine Wissenschaft in öffentlichen Versammlungen anzugreifen; allerdings kamen davon nur zwei wirklich zustande. Auch dies machte ihm keinen Eindruck. Aber allmählich kam die Hitlersche Bewegung auf, welche alsbald zu Gewalttaten gegen Juden und politisch anders Denkende überging. Das erforderte Vorsicht, und so verließ E.Ende 1932 Deutschland. Wie berechtigt dies war, zeigte sich alsbald nach der sogenannten Machtergreifung vom 30.1.1933. Nun plante die „Partei“ den Ausschluß E.s aus der Preußischen Akademie, und zwar zum Tage des Judenboykotts vom 1.4.1933. E. kam ihm zuvor, indem er von Belgien aus seinen Austritt erklärte. Er hat Deutschland nie mehr betreten, wanderte vielmehr über England nach den Vereinigten Staaten von Amerika aus.

In Princeton, jener hübschen kleinen Universitätsstadt, erhielt er ein Amt an dem Institute for Advanced Study, welches ihm dieselbe Freiheit von Lehrverpflichtungen gewährte wie die Berliner Stellung. Dort hat er, abgesehen von einigen Reisen auf dem amerikanischen Kontinent, den Rest seines Lebens verbracht. Zu seinen wesentlichen Beschäftigungen gehörte ein vergebliches Ringen um ein Verständnis der Quantentheorie, wie sie sich in den 20er Jahren durch Wellenmechanik und so weiter entwickelt hatte. Aber kurz vor seinem Tode gestand er als ein Ergebnis lebenslangen Grübelns ein, daß man von einem Verständnis der atomaren Vorgänge noch viel weiter entfernt sei, als es die meisten Physiker zugeben wollten. Ferner versuchte er weitere Verallgemeinerungen der Relativitätstheorie, um in ihren nun die gesamte Mechanik und Gravitation umfassenden Bau auch die elektromagnetischen Vorgänge einzubeziehen. Trotz unsagbarer Mühe und Geduld blieb ihm auch hier wohl ein Erfolg versagt.

Außerdem aber besaßen jetzt seine politischen Sorgen ein Übergewicht. Selbstverständlich rüttelten ihn Hitlers Judenverfolgungen auf, ja, er fühlte sich vielleicht jetzt erst so recht diesem unglücklichen Volke angehörig. Aber soviel er auch im Einzelnen tat, hervorgetreten ist er an einer entscheidenden Stelle nur einmal; als nämlich die wissenschaftliche Forschung die Möglichkeit einer Atombombe ergeben hatte, und man in Amerika vielfach befürchtete, eine solche werde in Deutschland hergestellt werden, legte ihm →Leo Szilard, damals in Chicago (früher in Berlin), ein an den Präsidenten →Roosevelt zu richtendes Schreiben vor, in welchem die amerikanische Regierung aufgefordert wurde, die zur Produktion solcher Bomben notwendigen Vorkehrungen sofort in Gang zu setzen. Und E. unterschrieb.

An den weltgeschichtlichen physikalisch-technischen Arbeiten zur Verwirklichung hat er freilich nicht persönlich teilgenommen, die Anwendung der Bombe über Hiroshima und Nagasaki nicht gebilligt. Als Pazifist, der er mit aller Entschiedenheit war, hat er nach Kriegsende nicht aufgehört, seine Stimme gegen weitere Verwendung der Bombe zu erheben wie gegen alle Kriegsrüstung. Daneben aber wandte er sich als alter Freiheitskämpfer auch gegen alle Gesinnungsforschung, wie sie einige Jahre hindurch unter der Ägide des Senators →McCarthy in den Vereinigten Staaten im Gange war. Konnte er das Ende dieser Bewegung auch noch erleben, so blieb ihm doch in der Politik, ebenso in der Wissenschaft, so mancher Wunsch unerfüllt. Immerhin, auf dem Sterbebett konnte er mit vollem Recht sagen: „Meine Arbeit ist getan“.

E.s leidenschaftliches Forschungsbedürfnis zeigte sich auch in seinen Gesprächen mit Fachgenossen; er war unermüdlich in der Auseinandersetzung der ihn gerade beschäftigenden Gedanken. Daneben ging er gern, namentlich in höheren Jahren, auf Politik, soziale Verhältnisse, aber auch religiöse Fragen ein, in denen er einen durchaus eigenen Standpunkt einnahm. Er liebte die Musik, namentlich →Bach und →Mozart, spielte von Jugend auf Violine und war für Hauskonzerte gesucht. In seinen letzten Jahren, als sich allerhand Altersleiden eingestellt hatten, zog er sich mehr und mehr in sein schönes Heim in Princeton zurück. Besucher, die vorgelassen wurden, konnten ihn dann antreffen meditierend, lesend oder auch im Gespräch mit einem seiner jungen Mitarbeiter. Leiden ertrug er mit Geduld, den Tod erwartete er bei voller Besinnung in altgewohnter Seelenruhe. Denn er war nicht nur ein wissenschaftliches Genie, sondern auch ein in sich gefestigter Charakter.|

10. Werner Heisenberg

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1901 – 1976

Theoretischer Physiker

Werner Heisenberg war einer der wichtigsten Physiker des 20. Jahrhunderts. 1925 begründete er die Quantenmechanik und trug mit seiner Unschärferelation (1927) wesentlich zur Deutung dieser Theorie bei. Er war einer der Begründer der Quantenfeldtheorie und der Kernphysik. Während des Zweiten Weltkriegs leitete er die Kernforschung im nationalsozialistischen Deutschland. Nach 1945 war er als Wissenschaftsorganisator führend beim Wiederaufbau der Wissenschaften in der Bundesrepublik.

Ausbildung

1910 zog Heisenberg mit seiner Familie nach München, wo er das von seinem Großvater geleitete Maximiliansgymnasium besuchte. Für den Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu jung, beteiligte er sich 1919 als Freiwilliger an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik, ohne an Kampfhandlungen teilzunehmen.

Nach dem Abitur 1920 studierte Heisenberg Physik an der Universität München und wurde hier 1923 bei Arnold Sommerfeld (1868–1951) mit einer Dissertation, die sich mit dem Problem der Turbulenz beschäftigte, zum Dr. phil. promoviert. Im Herbst 1923 trat er eine Stelle als Assistent bei Max Born (1882–1970) an der Universität Göttingen an, habilitierte sich im Sommer 1924 mit einer Arbeit zum Zeeman-Effekt für Theoretische Physik und erhielt nach einem kurzen Besuch im Frühjahr 1924 von Niels Bohr (1885–1962) das Angebot, mit einem Stipendium nach Kopenhagen zu kommen. Von Born freigestellt, blieb Heisenberg von September 1924 bis April 1925 an Bohrs Institut.

Heisenberg in Göttingen, Kopenhagen und Leipzig

Zurück in Göttingen, beschäftigte sich Heisenberg mit der Berechnung von spektralen Intensitäten, eine Fragestellung, die ihn zur Quantenmechanik führte. Anfang Juni 1925 brach er zu der legendenumwobenen Reise nach Helgoland auf, während der er weitere Durchbrüche auf dem Weg zur Quantenmechanik erzielte. Am 9. Juli vollendete Heisenberg, wieder in Göttingen, das Manuskript „Über quantentheoretische Umdeutung kinematischer und mechanischer Beziehungen“ (publiziert im September 1925), mit dem die Quantenmechanik begründet wurde.

In der rasanten Entwicklung der Quantenmechanik zwischen 1925 und 1927 spielte Heisenberg eine zentrale Rolle. Noch 1925 verfasste er mit Born und Pascual Jordan (1902–1980) die sog. Dreimännerarbeit, in der die von Born und Jordan auf Grundlage von Heisenbergs Umdeutung entwickelte Matrizenmechanik zu einer allgemeineren Theorie weiterentwickelt wurde, mit der sich im Prinzip beliebig komplizierte mechanische Systeme quantentheoretisch behandeln ließen. Im Frühjahr 1926 trat Heisenberg auf Einladung Bohrs eine Stelle in Kopenhagen an. Hier schrieb er grundlegende Arbeiten zur Anwendung der Quantenmechanik auf Mehrkörperprobleme, wie das Helium-Atom. Aus der quantenmechanischen Analogie zwischen den Zweielektronensystemen Helium-Atom und Wasserstoff-Molekül schloss Heisenberg, dass es nicht nur Ortho- und Parahelium, sondern auch Ortho- und Para-Wasserstoff-Moleküle gebe. Diese 1929 bestätigte Vorhersage allotroper Formen des Wasserstoffs lieferte die offizielle Begründung für die Zuerkennung des Nobelpreises für Physik 1933 nachträglich für das Jahr 1932. Heisenberg war in Kopenhagen zentral an der Debatte über die Interpretation der Quantenmechanik beteiligt, die sich in der Auseinandersetzung mit Erwin Schrödingers (1887–1961) Wellenmechanik ergab. Heisenbergs wichtigster Beitrag hierzu waren die Unbestimmtheitsrelationen, die er Anfang 1927 aufstellte (auch als Unschärferelationen oder Unschärferelation bekannt).

Im November 1927 nahm Heisenberg einen Ruf als ordentlicher Professor für Theoretische Physik an die Universität Leipzig an. Mit grundlegenden Beiträgen zu Quantenfeldtheorie und Kernphysik etablierte er, mit dem 1929 dorthin berufenen Friedrich Hund (1896–1997), Leipzig als neues Zentrum quantentheoretischer Forschung. Sein erster Doktorand war 1928 der spätere Nobelpreisträger Felix Bloch (1905–1983). Zu weiteren Schülern zählen Edward Teller (1908–2003) und Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007).

Heisenberg in der Zeit des Nationalsozialismus

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme setzte sich Heisenberg gegen die Entlassungen von Physikprofessoren im Rahmen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und gegen die Übernahme wichtiger Posten durch Vertreter der „Deutschen Physik“ ein. Ansonsten hielt er sich von politischen Fragen fern. Eine Berufung an die Universität München wurde durch die politisch motivierte Ablehnung der Theoretischen Physik verhindert; Angebote für Professuren in den USA, wo er im Sommer 1939 auf Vortragsreise war, lehnte er ab. Im Kontext des Münchner Berufungsverfahrens im Juli 1937 wurde Heisenberg von Vertretern der „Deutschen Physik“ in der Wochenzeitung der SS „Schwarzer Korps“ als Vertreter der Physik Albert Einsteins (1879–1955) scharf angegriffen. Nach einem Brief Heisenbergs an Heinrich Himmler (1900–1945) erfolgte eine langwierige Untersuchung durch die SS, in deren Rahmen Heisenberg im Gestapo-Hauptquartier verhört und am Ende als unpolitischer Akademiker eingestuft wurde. Himmler unterband weitere Angriffe auf ihn. Heisenberg wurde nahegelegt, in der Lehre die Nennung Einsteins Namen und anderer jüdischer Physiker zu unterlassen.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heisenberg zum unter der Ägide des Heereswaffenamts stehenden „Uranverein“ abkommandiert. Bereits im Winter 1939/40 verfasste er zwei Geheimberichte mit Beiträgen zur Theorie des Kernreaktors und Bemerkungen zu Kernwaffen. In den folgenden Jahren betreute er experimentelle Reaktorforschung in Leipzig, später am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin, an das er als Direktor zum Juli 1942 berufen wurde. Es wurde kein funktionierender Reaktor fertiggestellt. In den letzten Kriegsjahren schrieb Heisenberg grundlegende theoretische Arbeiten zur Streutheorie, die mit Kernspaltung nichts zu tun hatten.

Heisenbergs Arbeit während des Kriegs wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Mark Walker (geb. 1959) vertritt die Ansicht, dass eine Atombombe für das Deutsche Reich außer Reichweite gewesen wäre; in dieser Gewissheit hätten die Physiker um Heisenberg ohne weitere moralische Skrupel zur Kernspaltung geforscht. Andere argumentieren, dass die Fertigstellung einer Atombombe durchaus möglich gewesen wäre, aber dass Heisenberg vor 1945 die Physik der Atombombe nicht durchdrungen hätte. Doch auch hier herrscht Uneinigkeit über die Ursachen von Heisenbergs Ahnungslosigkeit: Paul Rose (geb. 1944) führt diese auf Inkompetenz und Überheblichkeit zurück, Manfred Popp (geb. 1941) auf Heisenbergs Unwillen, die Bombe zu bauen.

Wegen der Bombardierung Berlins zog das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik seit Ende 1943 schrittweise nach Hechingen auf der Schwäbischen Alb um. Im April 1945 floh Heisenberg nach Urfeld (Oberbayern), wo sich seine Familie aufhielt. Anfang Mai wurde er, als einer der letzten führenden deutschen Kernphysiker, im Rahmen der US-amerikanischen Alsos-Mission verhaftet und nach zwei Monaten an verschiedenen Internierungsorten in Frankreich und Belgien mit Kollegen an den britischen Geheimdienst übergeben, der sie im Landsitz Farm Hall in Cambridgeshire unterbrachte. Hier wurden die Gespräche der zehn Internierten systematisch abgehört. In Farm Hall erfuhren diese auch vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, womit offensichtlich wurde, dass die US-amerikanischen Forscher viel weiter gekommen waren als der Uranverein.

Heisenberg in der Bundesrepublik

Anfang 1946 wurden Heisenberg und seine Kollegen in die britische Besatzungszone geflogen und freigelassen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut (bald darauf: Max-Planck-Institut für Physik) wurde mit Heisenberg als Direktor in Göttingen wiederaufgebaut. In den folgenden Jahrzehnten widmete er sich seiner nicht-linearen Spinortheorie, die eine vereinheitlichte Theorie der Elementarteilchen sein sollte und von den Medien als „Weltformel“ bezeichnet wurde. Dieser Versuch gilt als gescheitert, antizipierte jedoch einige Ideen des späteren Standardmodells der Teilchenphysik, wie spontane Symmetriebrechung oder Confinement.

Obwohl Heisenberg wissenschaftlich nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen konnte, wurde er zu einer der wichtigsten Personen der Wissenschaftspolitik der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik, z. B. 1949 als Vorsitzender des Deutschen Forschungsrats, einem der Vorläufer der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Als Gründungspräsident der Alexander von Humboldt-Stiftung (1953) machte er sich um die Internationalisierung der bundesdeutschen Physik verdient. 1957 war Heisenberg Mitunterzeichner der „Göttinger Erklärung“, mit der führende Wissenschaftler erfolgreich gegen die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik protestierten.

1958 zog das Max-Planck-Institut für Physik auf Heisenbergs Betreiben nach München um, wo er bis 1970 als Professor für Physik an der Universität wirkte. 1969 veröffentlichte er die Autobiografie „Der Teil und das Ganze“, die zu einem Bestseller wurde. Heisenberg war einer der bedeutendsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur an der Entstehung der Quantenmechanik zentral beteiligt, sondern prägte ihre Weiterentwicklung und Interpretation über Jahrzehnte. Auch seine philosophischen Betrachtungen, in denen er die Quantenmechanik mit altgriechischer Naturphilosophie und einer Kritik der Moderne verband, stießen v. a. in der Bundesrepublik auf große Resonanz.

11. Bertolt Brecht

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1898 – 1956

Schriftsteller, Regisseur, künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles

Bertolt Brecht war ein politischer Dichter, der in allen literarischen Gattungen arbeitete. Als Stückeschreiber und Regisseur revolutionierte er mit seinem „epischen Theater“ (später „dialektisches Theater“) die Bühnenkunst des 20. Jahrhunderts. Brechts Sprache ist in ihrer Kombination von Poesie, Direktheit, Traditions- und Formbewusstheit unverwechselbar. Seine Texte und sein Denken übten weit über den deutschen Sprachraum hinaus erheblichen Einfluss auf Kunst, Politik und Gesellschaft aus, weil sie die Welt als veränderungswürdig betrachten und Politisches und Künstlerisches verbinden.

Augsburg oder Literarische Anfänge

Brecht besuchte das Königliche Realgymnasium in Augsburg, wo er mit der Produktion literarischer Texte begann und Freundschaft mit dem späteren Bühnenbildner Caspar Neher (1897–1962) schloss, mit dem er lebenslang immer wieder zusammenarbeitete. Nach dem Notabitur 1917 nahm Brecht ein Studium der Medizin an der Universität München auf, das er 1921 abbrach, um als Regisseur und Dramaturg in München, seit 1924 in Berlin zu arbeiten. In dieser Zeit baute er sich einen Freundeskreis auf, zu dem neben Neher u. a. Marta Feuchtwanger (1891–1987), Lion Feuchtwanger (1884–1958), Arnolt Bronnen (1895–1959), Erich Engel (1891–1966), Marieluise Fleißer (1901–1974), Frank Warschauer (1892–1940)und Herbert Ihering (1888–1977) zählten.

Erste Bekanntheit erlangte Brecht bereits mit seinen Theaterstücken. Sein 1918/19 in zwei Fassungen entstandenes Erstlingsdrama „Baal“, in das er von ihm verfasste Lyrik einarbeitete, wurde 1923 unter Alwin Kronacher (1880–1951) am Alten Theater in Leipzig uraufgeführt. Für „Baal“ und sein zweites, unter der Regie von Otto Falckenberg (1873–1947) an den Münchner Kammerspielen 1922 uraufgeführtes Theaterstück „Trommeln in der Nacht“, in dem sich ein Soldat zwischen der Fortsetzung des Kriegs und dem Brautbett entscheiden muss, wurde er im selben Jahr mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet. Vorstellungen der Uraufführung seines folgenden Stücks „Im Dickicht“ – das seit Carl Eberts (1887–1980) Aufführung am Hessischen Landestheater 1927 unter dem Titel „Im Dickicht der Städte“ bekannt wurde – wurden 1923 im Münchner Residenztheater von Nationalsozialisten gestört.

Berlin (I) oder Experiment, Politisierung und Erfolg

Internationale Anerkennung erwarb Brecht mit „Die Dreigroschenoper“, einer freien Adaption von John Gays (1685–1732) „Beggar’s Opera“ (1728), in der deutschen Übersetzung von Brechts Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann (1897–1973). „Die Dreigroschenoper“, die im viktorianischen London spielt und in der Brecht den modernen Industriekapitalismus anprangerte, wurde bis 1933 in 18 Sprachen übersetzt und erlebte zahlreiche Aufführungen im In- und Ausland. Viele der darin enthaltenen Lieder, allen voran „Die Moritat von Mackie Messer“ und das „Lied von der Seeräuber Jenny“, wurden nicht zuletzt durch die Kompositionen von Kurt Weill (1900–1950), der auch die Musik zu Brechts „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (1930) und „Die sieben Todsünden“ (1933) schuf, zu bekannten Schlagern.

Nachdem er sich seit 1927 als Autor, Dramaturg und politischer Denker an den Aufführungen der Ersten Piscatorbühne (Erwin Piscator, 1893–1966) beteiligt hatte, experimentierte Brecht seit etwa 1930 mit sog. Lehrstücken, einer Form, die er später „Learning Play“ nannte, wobei das Lernen vor dem Lehren und das Spiel vor dem Stück betont wurden. Beim Festival „Deutsche Kammermusik Baden-Baden 1929“ wurden die Lehrstücke „Der Flug der Lindberghs“ (Musik: Kurt Weill und Paul Hindemith, 1895–1963) sowie das „Lehrstück“ (später „Badener Lehrstück vom Einverständnis“, Musik: Hindemith) uraufgeführt. Berühmt und seiner politischen wie dramaturgischen Radikalität wegen umstritten ist das Lehrstück „Die Maßnahme“ (1930), für das Hanns Eisler (1898–1962), mit dem Brecht ebenfalls mehrfach erfolgreich zusammenarbeitete, die Musik komponierte. Als legendär gilt das Stückfragment „Fatzer“ (auch „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, 1926/30), ein dramaturgisches Experiment, das wiederum Erfahrungen von Krieg und Desertation verarbeitet; der Dramatiker Heiner Müller (1929–1995), der es 1988 als Hörspiel mit Musik der Band „Einstürzende Neubauten“ unter dem Titel „Untergang des Egoisten Fatzer“ für den Rundfunk der DDR bearbeitete, bezeichnete es als „Jahrhunderttext“.

Mit der Erfindung des epischen Theaters – einer Spielform, die die Trennung zwischen Spielenden und dem Publikum aufheben soll – beeinflusste Brecht die Bühnenkunst in aller Welt bis in die unmittelbare Gegenwart. Brecht war immer zugleich Schriftsteller und Regisseur – ein Mann, der das Spiel liebte. Er war ein politischer Künstler, der die Welt als eine veränderbare zeigen wollte. Walter Benjamin (1892–1940) charakterisierte diese Arbeit mit der Formulierung „Laboratorium Vielseitigkeit“. Brechts Arbeit zeichnet sich durch ihre Kollektivität aus.

Seit Mitte der 1920er Jahre lebte Brecht als freischaffender Schriftsteller in Berlin und schrieb neben Theaterstücken Prosa und Lyrik. Sein erster Gedichtband, eine Sammlung gegenwärtiger Balladen, Legenden und Chroniken, erschien 1927 unter dem Titel „Bertolt Brechts Hauspostille“. Brechts Freundeskreis erweiterte sich um Elisabeth Hauptmann, Kurt Weill, Lotte Lenya (1898–1981), Karl Korsch (1886–1961), Walter Benjamin, Fritz Sternberg (1895–1963), Sergej Tretjakow (1892–1937), George Grosz (1893–1959), Bernard von Brentano (1901–1964) und Hanns Eisler. Seit etwa Mitte der 1920er Jahre befasste sich Brecht mit dem Marxismus, wobei ihm Korsch, Sternberg und Eisler wesentliche Gesprächspartner waren. Brecht war nie Mitglied einer Kommunistischen Partei, gleichwohl gilt er als Sympathisant der Kommunisten, was in seinen Arbeiten klar erkennbar ist. Ein Beispiel entschiedener Parteinahme für die Sache des Kommunismus, die Brecht auch das „Mittlere“ oder die „Dritte Sache“ nannte, ist das nach dem Roman von Maxim Gorki (1868–1936) geschriebene Stück „Die Mutter“, das 1932 mit Brechts Ehefrau Helene Weigel (1900–1971) in der Hauptrolle im Komödienhaus am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde.

In den Jahren zwischen 1930 und 1933 widmete sich Brecht, der schon als junger Autor Filmerzählungen geschrieben hatte, intensiv dem Film. Nach dem Erfolg der „Dreigroschenoper“ prozessierte Brecht gegen die Verfilmung des Stücks durch die Nero-Film A. G. (Regie: Georg Wilhelm Pabst, 1885–1967), weil der Produzent das Drehbuch des Autors erheblich verändert hatte. Der Streit drehte sich um die Frage der Mitwirkung. Nachdem das Gericht Brechts Klage abgewiesen hatte, kam es zu einem Vergleich (dazu die Schrift „Der Dreigroschenprozeß“, 1931). Der kommunistische Kinoklassiker „Kuhle Wampe“, entstanden 1932 in Zusammenarbeit mit Slatan Dudow (1903–1963), Ernst Ottwalt (1901–1943) und Eisler, thematisiert das Elend der Arbeitslosigkeit und Möglichkeiten kommunistischen Widerstands.

Exil oder Die Geburt des Klassikers

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 stand Brecht wegen seiner Nähe zu den Kommunisten auf der von Wolfgang Herrmann (1904–1945) zusammengestellten „Schwarzen Liste“, seine Bücher wurden verbrannt, er 1935 ausgebürgert. Am 28. Februar 1933 floh er mit seiner Familie und seiner Mitarbeiterin Margarete Steffin (1908–1941) über Paris nach Svendborg (Dänemark), wo er seine spätere Mitarbeiterin Ruth Berlau (1906–1974)kennenlernte, 1937 die Arbeit an dem Stück „Furcht und Elend des III. Reiches“ (Uraufführung 1938 in Paris) aufnahm und „Leben des Galilei“ (1938) verfasste. 1939 übersiedelte er nach Schweden, lebte in Lidingö bei Stockholm, schrieb „Der gute Mensch von Sezuan“ und publizierte die Sammlung „Svendborger Gedichte“ (beides 1939). Im April 1940 flüchtete Brecht vor den deutschen Truppen weiter nach Helsinki und verfasste hier das Stück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ (1940) und die Hitler-Satire „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941). Außerdem legte er in dieser Zeit grundsätzliche, politisch motivierte literaturtheoretische Schriften vor, so „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ (1934). Im Mai 1941 erhielt Brecht ein Einreisevisum in die USA, gelangte mit seiner Familie von Wladiwostok (Sowjetunion) aus mit dem Schiff nach Santa Monica (Kalifornien), fasste hier aber nicht, wie von ihm beabsichtigt, als Filmschriftsteller für Hollywood-Produktionen Fuß. Realisiert wurde lediglich das wesentlich von Brecht verfasste Drehbuch zu Fritz Langs (1890–1976) Geiseldrama „Hangmen Also Die“ (1943). In den USA entstand 1944 Brechts letztes großes Theaterstück „Der kaukasische Kreidekreis“ (Musik: Paul Dessau, 1894–1979).

Bald nachdem sein „Leben des Galilei“ als „Galileo“ 1947 in der Übersetzung und Bearbeitung von Charles Laughton (1899–1962) in englischer Sprache in Santa Monica und New York City aufgeführt worden war, wurde Brecht wegen seiner politischen Auffassungen „unamerikanischer Aktivitäten“ verdächtigt und am 30. Oktober 1947 vor dem House on Un-American Activities Committee (HUAC) unter Vorsitz von Senator Joseph McCarthy (1908–1957) verhört. Repressalien fürchtend, floh er am Tag nach dem Verhör mit Weigel in die Schweiz und inszenierte 1948 am Stadttheater Chur seine Fassung der „Antigone des Sophokles“ mit seiner Frau in der Hauptrolle. Als weitere wichtige theatertheoretische Schrift entstand das „Kleine Organon für das Theater“ (1948).

Berlin (II) oder Die Gründung des Berliner Ensembles

1948 folgten Brecht und Weigel einer Einladung des Schauspielers und Regisseurs Wolfgang Langhoff (1901–1966) und der Sowjetischen Kulturadministration und remigrierten nach Berlin-Ost. Hier brachten sie sein 1939 geschriebenes Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ am 11. Januar 1949 am Deutschen Theater in Berlin-Ost auf die Bühne – wiederum mit Weigel in der Titelrolle (Musik: Paul Dessau). Zur Spielzeit 1949/50 gründeten beide das „Berliner Ensemble“, das im Deutschen Theater gastierte und 1954 dauerhaft in das ehemalige Theater am Schiffbauerdamm übersiedelte. Brecht, der sich immer als Schriftsteller und Regisseur verstand, fand hier Gelegenheit, seine im Exil entstandenen Stücke zu inszenieren. Er bearbeitete zudem Stücke u. a. von William Shakespeare (1564–1616), Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) und kümmerte sich um die Ausbildung seiner Schülerinnen und Schüler, z. B. Peter Palitzsch (1918–2004), Benno Besson (1922–2006), Käthe Rülicke (1922–1992), Egon Monk (1927–2007), Manfred Wekwerth (1929–2014) und B. K. Tragelehn (geb. 1936). Bis heute sind die Stücke Brechts eine Säule der Arbeit des Berliner Ensembles. Hannah Arendt (1906–1975) nannte den Aufbau des Ensembles „vielleicht die hervorragendste kulturelle Leistung im Deutschland der Nachkriegszeit“.

Brecht betrachtete seine Theaterarbeit als Experimente, die zeigen sollten, dass die Welt geändert werden müsse. Gleichwohl ist sein Theater kein didaktisches, die Botschaft ist der Kunst nicht untergeordnet. Theater ist Spiel, es soll Spaß machen. Brechts Stücke sind Modelle gesellschaftlichen Lebens, Entwürfe von Figuren, Vorschläge für Probehandeln.

Brechts Verhältnis zur DDR war von kritischer Solidarität geprägt. Er sprach sich unmissverständlich für den sozialistischen deutschen Staat aus. Seine Arbeit wurde jedoch oft mit Argwohn betrachtet, in den Medien ignoriert oder gar zensiert. Eine Zerreißprobe für den Dichter war der Volksaufstand am 17. Juni 1953, bei dem Brecht seine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei formulierte, aber auch die „Sichtung“, also kritische Prüfung, der sozialistischen Errungenschaften forderte. „Der 17. Juni hat die ganze Existenz verfremdet“, schrieb er in sein „Journal“ im Sommer 1953. Die Erfahrungen der größten Krise der jungen Republik verarbeitete er in seinem Gedichtzyklus „Buckower Elegien“ (1953).

Mit den Gastspielen des Berliner Ensembles auf dem Festival Théâtre des Nations in Paris 1954 und 1955 begann die ungeheure internationale Rezeption der Stücke Brechts, die Gedichte und andere Texte einschloss und ihren Höhepunkt in den 1960er und 1970er Jahren fand. In der DDR war Brecht präsent als sozialistischer Klassiker, praktisch bedeutete das eine Inanspruchnahme: Man zog heran, was man zur Bestätigung der aktuellen Politik und Kulturpolitik gebrauchen oder sich zurechtbiegen konnte. Im Westen wurde der „Klassiker der Vernunft“ (Suhrkamp Verlag) von Linksstehenden verehrt, von Konservativen skeptisch betrachtet. Dessen ungeachtet sind seine Stücke fester Bestandteil der Repertoires.

Nachruhm

Brechts Werk wurde gleichermaßen im Westen und im Osten Deutschlands verlegt und akademisch erforscht. In den 1980er Jahren wurde die als Gemeinschaftsprojekt der Verlage Aufbau und Suhrkamp in beiden deutschen Staaten erarbeitete „Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe“ begonnen, die nach der Wiedervereinigung 2000 mit insgesamt 30 Bänden in 33 Teilbänden abgeschlossen wurde. Dem Andenken und der Verbreitung von Brechts Werk und Denken widmen sich seit 1956 das Bertolt-Brecht-Archiv der Akademie der Künste, Berlin, und seit 1978 das Brecht-Weigel-Museum, die in seinem letzten Wohnhaus in der Chausseestraße untergebracht sind. Auch Brechts Wochenendhaus in Buckow bei Berlin (1977), sein Wohnhaus in Svendborg (1995) und sein Geburtshaus in Augsburg (1998) sind heute Gedenkstätten. 1969 wurde zudem die wissenschaftliche Internationale Brecht-Gesellschaft nach dem Modell einer von Brecht geplanten „Diderot-Gesellschaft“ gegründet, die das „Brecht Yearbook“ / „Brecht-Jahrbuch“ herausgibt; 1991 wurde die Bertolt-Brecht-Forschungsstätte Augsburg eingerichtet.

12. Max Schmeling 

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S. wuchs in Hamburg auf, wo er die Volksschule besuchte. Eine 1920 begonnene kaufmännische Ausbildung in einem Verlag brach er bald ab und übte verschiedene Hilfsarbeiten aus. Nach dem Umzug nach Düsseldorf 1922 und später nach Köln begann er im Boxclub Köln-Mülheim mit regelmäßigem Boxtraining und wurde 1923 für erste Wettbewerbe sowie ein Jahr später bei der dt. Meisterschaft der Amateure im Halbschwergewicht eingesetzt. Anschließend entschied er sich für eine Karriere als „Profi“, erlangte viele schnelle Siege, erlitt aber auch mehrere Niederlagen in drittklassigen Kämpfen und wechselte mehrfach den Manager, bevor er seit 1926 vom Chefredakteur der Berliner Zeitschrift „Boxsport“, →Artur Bülow (* 1886), betreut wurde. Bülow vermittelte S. in das Camp des Meistertrainers →Max Machon (1894–1971) nach Lanke und baute ihn rasch für Titelkämpfe auf. 1927 wurde S.Europameister im Halbschwergewicht und durch einen Kampf gegen den populären dt. Mittelgewichtsmeister →Hein Domgörgen zum Star der Berliner Box-Szene. Der von S. knapp nach Punkten gewonnene Kampf um die dt. Schwergewichtsmeisterschaft gegen →Franz Diener 1928 wurde zum gesellschaftlichen Ereignis. Der errungene Titel wurde ihm aber aberkannt, weil S. ihn nicht gegen einen Herausforderer verteidigte, sondern nach New York ging, wo nach einem Streit mit →Bülow →Joe Jacobs S.s neuer Manager wurde.

Nach drei Siegen in Folge durfte S. an den Ausscheidungskämpfen (Elimination Bouts) um die vakante Weltmeisterschaft im Schwergewicht teilnehmen, in denen er sich klar durchsetzte. Den Kampf gegen US-Schwergewichtsmeister →Jack Sharkey am 12.6.1930 gewann S. – in New York zum Publikumsliebling geworden – durch Disqualifikation seines Gegners wegen Tiefschlag. S. führte damit als erster und bislang einziger Deutscher den Titel eines Schwergewichtsweltmeisters, der ihm allerdings längere Zeit wegen der Umstände seines Siegs von vielen nationalen Verbänden der USA nicht zuerkannt wurde. 1932 gab er dem Drängen der New Yorker Boxkommission nach und bestritt einen Rückkampf gegen Sharkey, den er umstritten nach Punkten verlor. In den folgenden Jahren versuchte S. erfolglos, in den USA wieder an einen Titelkampf zu gelangen, zumal ihn eine weitere Niederlage 1933 gegen den als „Boxclown“ berüchtigten Max Baer weiter zurückgeworfen hatte. Trotz dieser Niederlage befand sich S.s Popularität in der Heimat auf ihrem Höhepunkt, nicht zuletzt durch die Heirat mit →Anny Ondra im Sommer 1933, zu der Adolf Hitler ein Geschenk schickte. S. und Ondra waren ein Glamour-Paar der NS-Zeit und auf allen großen gesellschaftlichen Anlässen präsent. Während S. und die neuen Machthaber versuchten, große Boxveranstaltungen in Deutschland zu organisieren und die Weltmeisterschaft ins Land zu holen, bereitete S.s jüd. Manager Jacobs, von dem er sich auch auf Druck der Nationalsozialisten nicht trennte, einen erneuten Qualifikationskampf in den USA vor. Am 19.6.1936 trat S. gegen den als unschlagbar geltenden →Joe Louis an, den er in einem spektakulären Kampf nach|zwölf Runden durch K.O. besiegte. Der Sieg gegen den Schwarzen →Louis wurde von den Nationalsozialisten als Bestätigung ihrer Rassenideologie gedeutet. Wegen seiner Nähe zu den dt. Machthabern wurde S. um den verdienten Kampf gegen den Weltmeister →James J. Braddock gebracht. Statt dessen trat Louis 1937 gegen →Braddock an, schlug diesen und wurde damit Schwergewichtsweltmeister. Den ideologisch aufgeheizten Rückkampf gegen Louis verlor S. am 22.6.1938 klar in nur 127 Sekunden durch K.O.

S.s Glanzzeit als Boxer war damit beendet, aber auch als Symbolfigur für das NS-Regime wollte er sich nicht mehr einspannen lassen. Ohne zum Regimegegner zu werden, ging er auf Distanz, auch weil er im privaten Umfeld immer öfter um Hilfe gebeten wurde, größtenteils von jüd. Freunden, die versuchten, das Land zu verlassen. 1940 wurde er als Fallschirmjäger zur Wehrmacht eingezogen, ein Jahr später aber nach einer Verwundung auf Kreta wieder entlassen. S. legte seinen Titel als Europameister nieder und gab 1942 seine Boxlizenz ab. Die letzten Kriegsjahre erlebte er auf seinem Gut in Pommern, von wo er vor der russ. Armee nach Hamburg floh. Die Lizenz für eine mit →Axel Springer und John Jahr geplante Verlagsgründung wurde 1945 von der engl. Militärverwaltung verweigert. S. versuchte daraufhin 1947 mit seinem Trainer →Machon ein Comeback, mußte aber nach fünf schwachen Kämpfen endgültig vom Boxsport zurücktreten. Er bestritt im Lauf seiner Profi-Karriere insgesamt 70 Kämpfe, von denen er 56 gewann, 38 davon durch K.O.

In den Folgejahren versuchte sich S. als Nerzzüchter, Tabakbauer und Hersteller von Eierlikör. 1957 erhielt er eine Lizenz für die Abfüllung und den Vertrieb von Coca-Cola im Gebiet Hamburg-Ost. S.s Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann in Hamburg-Wandsbek währte bis in die 1990er Jahre. In seinen letzten Lebensjahren, v. a. nach dem Tod seiner Frau, zog er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Popularität aus der Zeit seiner Boxerfolge blieb bis zu seinem Lebensende erhalten, zumal S. ein Symbol des Wirtschaftswunders wurde. Auch in den USA war der für seine höflichen Umgangsformen bekannte S. bis zu seinem Tod ungewöhnlich populär; er wurde 1992 als einziger Deutscher in die „International Boxing Hall of Fame“ aufgenommen. S. engagierte sich für soziale Einrichtungen, wie die Dt. Sporthilfe und die SOS-Kinderdörfer, und gründete 1991 in Hamburg die „Max-Schmeling-Stiftung“ zur Unterstützung von in Not geratenen Sportlern und bedürftigen älteren Menschen (Stiftungsvolumen ca. 10 Mio. DM).

12. Käthe Kollwitz

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K. erhielt seit ihrem 14. Lebensjahr Mal- und Zeichenunterricht. Ihre Anschauungen wurden durch die dortige Freie Gemeinde beeinflußt, deren Haupt und Prediger nach dem Großvater mütterlicherseits ihr Vater geworden war. Diese freireligiöse christliche Gemeinschaft berief sich in vielem nicht nur auf das Urchristentum, sondern versuchte mehr noch, zeitgenössische sozialistische Ideen zu verwirklichen. Eine längere Reise mit der Mutter und jüngeren Schwester Lise führte sie zum ersten Mal auch nach Berlin. Den nachhaltigsten Eindruck von diesem Aufenthalt vermittelte der 17jährigen eine Begegnung mit dem damals noch wenig bekannten →Gerhart Hauptmann in Erkner. 1885 setzte sie in Berlin ihr Malstudium in der Künstlerinnenschule von →Karl Stauffer-Bern fort; danach ging sie zu Ludwig Herterich nach München.

Nach Königsberg zurückgekehrt, heiratete sie 1891 den ihr durch die Freie Gemeinde schon länger befreundeten Arzt Dr. Karl Kollwitz, mit dem sie endgültig nach Berlin übersiedelte. Durch dessen im Norden der Stadt gelegene Kassenpraxis wurde sie mit den Schattenseiten der Großstadt, mit Armut, Krankheit und den Nöten des durch die rasche Industrialisierung angewachsenen Proletariats – wie Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Prostitution – konfrontiert. Das Elend dieser Menschen, mit denen sie litt, der Versuch, die gleichgültige Gesellschaft mit ihrer Kunst wachzurütteln, sollten fortan das Leitmotiv ihres Schaffens werden. Ihre Tagebuchnotiz von 1922: „Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“, galt bereits, als sie, tief bewegt von der Berliner Uraufführung der „Weber“ von →Gerhart Hauptmann, 1893-97 die packende Folge „Der Weberaufstand“ schuf (3 Radierungen und 3 Lithographien). Diese von ihr selbst als „Markstein“ in ihrem Schaffen bezeichnete Arbeit zeugt von starker künstlerischer Begabung und fand auf der Großen Berliner Kunstausstellung ein lebhaftes, wenn auch nicht nur positives Echo. Einer ihrer ersten Bewunderer war Adolph Menzel, der sie – vergeblich – für die kleine Goldene Medaille vorschlug. 1901-08 folgte die nicht weniger erschütternde und dramatische Folge „Der Bauernkrieg“, 7 Radierungen, die sie bereits auf der Höhe ihres Könnens als Graphikerin zeigen.

1904 ging K. für ein Jahr nach Paris, um an der Académie Julian Bildhauerei zu studieren, stand doch die menschliche Gestalt im Mittelpunkt ihres Schaffens. Rodins Plastiken und Steinlens Zeichnungen schenkten ihr neue künstlerische Impulse und leiteten in ihrem Werk nach betont malerischen Anfängen in Hell-Dunkel-Kontrasten zu plastischerer Gestaltung über. 1907 erhielt sie den Villa-Romana-Preis; von Florenz wanderte sie zu Fuß nach Rom. 1910 begann K., neben den graphischen Arbeiten sich auch mit Plastik – fast ausschließlich Kleinplastiken – zu befassen, während sie die Malerei schon lange aufgegeben hatte.

Zu Beginn des 1. Weltkriegs fiel ihr Sohn Peter mit erst 18 Jahren. Dieses bittere Erlebnis verlieh K. Wollen und Wirken als engagierter Frau und Künstlerin noch größere Wahrhaftigkeit. Nicht nur das Leid ihrer Mitmenschen, auch das ihre ging fortan in ihr Werk ein und hob es über die zeitgebundenen Anlässe hinaus ins Allgemeingültige, Überzeitliche. Den Schmerz der seelischen Wunden, die ihr geschlagen worden waren, vermochte sie allein durch ihre künstlerische Aufgabe zu mildern. Mit graphischen Arbeiten und eindringlichen Plakaten stellte sie sich in den Dienst nationaler und internationaler Hilfsorganisationen im Kampf gegen Hunger und Elend, wobei die Mütter und Kinder immer stärker ins Zentrum der|Darstellung traten. In Kohle- und Kreidezeichnungen, in Kreidelithographien und expressionistischen Holzschnitten – wie der 1924 erschienenen Folge „Krieg“ – schilderte sie die Einsamkeit und Verzweiflung der Verlassenen, ihre seelische und materielle Not, die Mühsal ihres gequälten Daseins, ohne jemals sentimental zu werden. Ihre künstlerische Handschrift – K. beherrschte alle graphischen Techniken meisterhaft – ist von männlicher Kraft, ihre Aussage von schlichter Menschlichkeit und innerer Monumentalität.

1919 wurde K. Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und erhielt den Professortitel. 1928 wurde sie Leiterin eines Meisterateliers für Graphik an der Hochschule für bildende Künste in Berlin.

Der Gedanke an ein Ehren- und Mahnmal für ihren gefallenen Sohn und alle gefallenen jungen Kriegsfreiwilligen hatte sie seit 1914 bewegt, doch erst 1924-32 konnte sie ihn für den Soldatenfriedhof Rossevelde-Eessen bei Dixmuiden (Flandern), auf dem auch ihr Sohn lag, in Gestalt eines trauernden Elternpaares verwirklichen. Die beiden knieenden Menschen aus belgischem Granit in ihren blockhaften Umrissen drücken den Schmerz der Frau, die K.Züge trägt, und die stumme Verzweiflung und innere Auflehnung des Mannes aus (Kopie 1954 in Köln).

Seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit hat K. immer wieder Selbstbildnisse geschaffen. Sie sind eine völlig uneitle Zwiesprache mit sich selbst, menschliche Rechenschaftsberichte, die nicht weniger ergreifend und ehrlich sind als jene von →Lovis Corinth. Am intensivsten hat sie sich seit 1926 um ein plastisches Selbstbildnis bemüht, wobei sie um dreidimensionale Formen stets heftiger zu ringen hatte als um die graphische Schwarz-Weiß-Kunst. 1936 beendete sie diese Arbeit. Ihr in Bronze gegossener Kopf von fast klassischer Schlichtheit zieht die Summe ihres Schaffens. Würde und Bescheidenheit, Leidensfähigkeit und Mut, der traurige, jedoch wache Blick der Künstlerin, vor allem aber das Menschliche und Mütterliche sind in ihrem Antlitz beschlossen.

In den 20er Jahren war der Tod eines der sie immer wieder bewegenden Themen geworden, mit dem sie sich 1921 mit 7 Holzschnitten und – neben weiteren Darstellungen – in einem 1935 erschienenen Zyklus von Lithographien auseinandersetzte. Sie selbst erfuhr durch den Tod ihres Mannes 1940 und ihres Enkels Peter, der 1942 fiel, weiteres Leid.

Mit dem Nationalsozialismus hat K. nicht paktiert und mit der Entfernung aus ihrem Lehramt die Folgen dafür tragen müssen. Bei dem Versuch eines Journalisten, sie öffentlich zu rehabilitieren, entschied sie: „Ich will und muß bei den Gemaßregelten stehen.“ Schon 1921 hatte sie jedoch erkannt, daß sie im Grunde keine Revolutionärin, sondern eher eine Evolutionärin war. 1943 wurde sie aus Berlin evakuiert und ging nach Nordhausen am Harz. Ein Jahr später fand sie durch Vermittlung des Prinzen Ernst Heinrich von Sachsen und betreut von ihrer Enkelin Jutta Zuflucht auf |Moritzburg. Goethe und die Bibel, die sie jedoch „nicht wie die alten Mutterchen“ las, waren ihre letzten Tröster.

Mit Heinrich Zille, Hans Baluschek und →Otto Nagel vertrat K. in Berlin eine sozialkritisch engagierte Kunst. Vom literarischen Naturalismus Gerhart Hauptmanns geprägt, fand sie eine eigene realistische Sprache, die – ähnlich wie bei Barlach – durch äußerste Vereinfachung aller Konturen und Formen sowie strenge Konzentration auf das Wesentliche eine Steigerung des Ausdrucks und der Aussage erreicht hat, die über das zeitgebundene Engagement hinaus Gültigkeit behält. Den besten Schlüssel zum Verständnis des Menschen und der Künstlerin bilden ihre Tagebuchnotizen und Briefe, die ihr Sohn Hans gesammelt 1948 und 1953 herausgegeben hat. Nach 1945 ist K. in zahlreichen Ausstellungen geehrt worden. Graphische und bildhauerische Arbeiten finden sich in fast allen großen deutschen wie auch in ausländischen Museen.|

13. Gabriele Münter 

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M., deren Eltern wegen der amerikan. Sezessionskriege 1864 nach Deutschland zurückgekehrt waren, wuchs in Herford und Koblenz auf. 1897 begann sie ein Zeichenstudium in Düsseldorf, das sie jedoch nach Krankheit und Tod der Mutter bald wieder abbrach. 1898-1900 hielt sie sich in Amerika auf. Im Frühjahr 1901 ging sie nach München, um ihr Studium an der Schule des „Künstlerinnen-Vereins“ fortzusetzen. Im Winter dieses Jahres belegte sie Kurse an der neugegründeten „Phalanx“-Kunstschule und lernte dort Wassily Kandinsky kennen, der Lehrer der Malklasse war. 1903 kam es während eines Sommeraufenthaltes der „Phalanx“-Klasse in Kallmünz zur Verlobung von Kandinsky und M. In der folgenden Zeit unternahm das Paar zahlreiche Reisen, u. a. nach Holland, Tunis, Rapallo, und wohnte 1906/07 in Paris. 1908 gaben M. und Kandinsky ihr unstetes Wanderleben auf und ließen sich in München nieder. Während dieser frühen Jahre malte M. überwiegend kleinformatige Freilichtstudien im Stil des Spätimpressionismus, mit naturalistisch gedämpfter Palette in Grün-, Grau- und Brauntönen. In der Pariser Zeit entstand mehr als ein Viertel ihres graphischen Werkes, wobei besonders die Farbholz- und Linolschnitte zu erwähnen sind.

Im Sommer 1908 entdeckten M. und Kandinsky am Staffelsee den malerisch gelegenen Marktflecken Murnau. Zusammen mit ihren Malerfreunden Alexej Jawlensky und Marianne v. Werefkin arbeiteten sie bis zum Herbst 1908 in Murnau und Umgebung; für M. bedeutete dieser Aufenthalt den Durchbruch zu einer neuen Sehweise, den sie rückblickend in der berühmt gewordenen Formulierung zusammenfaßte: „Ich habe da nach einer kurzen Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen eines Inhalts – zum Abstrahieren – zum Geben eines Extrakts.“ In kurzer Zeit stellte sich M. von dem kleinteiligen, gespachtelten Farbauftrag der frühen Ölstudien um auf einen breiten, flüssigen und spontanen Pinselstrich, der mit leuchtenden, unvermischt nebeneinandergesetzten Farben Ansichten des Ortes und der Umgebung festhält. Weitere Kennzeichen dieser neuartigen, expressiven Bilder sind der zunehmende Verzicht auf gegenständliche Details, die Aufgabe der Tiefenperspektive zugunsten einer Entfaltung der Bildelemente in der Fläche sowie eine zunehmende Emanzipation der Darstellung vom Naturvorbild.

Im Zuge des produktiven Austauschs zwischen den Freunden schloß sich Anfang 1909 die „Neue Künstlervereinigung München“ zusammen, deren Mitglied auch M. wurde.|Im selben Jahr kaufte M. ein Sommerhaus in Murnau, wo sie mit Kandinsky bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges viele Wochen verbrachte. Neue künstlerische Anregungen fand sie in diesen Jahren in der bayer. und böhm. Hinterglasmalerei sowie in der überwiegend religiösen regionalen Volkskunst. Nach der Spaltung der „Neuen Künstlervereinigung“ im Winter 1911 bildete M. zusammen mit Kandinsky, →Franz Marc und Alfred Kubin die Kerngruppe des „Blauen Reiters“. Auf dessen erster Ausstellung sowie im gleichnamigen „Almanach“ war sie u. a. mit ihren großen Stilleben von 1911 vertreten, auf denen die Gegenstände – meist religiöses Kunsthandwerk und Glasbilder – ein geheimnisvolles Leben zu gewinnen scheinen. Auch mit diesen mystifizierenden, dunklen Bildern setzte M., neben den farbstarken Murnauer Landschaften und den lapidar vereinfachten Porträts der Malerkollegen, in der Malerei des „Blauen Reiters“ ihren eigenen unverwechselbaren Akzent.

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges emigrierten M. und Kandinsky zunächst in die Schweiz. Nach der Rückkehr Kandinskys in seine russ. Heimat fuhr M. im Sommer 1915 nach Stockholm, um im neutralen Ausland auf ihn zu warten. Im Winter 1915/16 sahen sich beide hier zum letzten Mal. Während Kandinsky 1917 zum zweiten Mal heiratete und erst 1921/22 als Lehrer am Bauhaus nach Deutschland zurückkehrte, blieb M. bis 1920 in Skandinavien, zuletzt in Kopenhagen. Hier entstanden überwiegend weibliche Porträts, aber auch figürliche Interieurs und Straßenszenen, an deren gedämpften Farben und dekorativen Linien sich ein deutlicher Stilwandel unter dem Einfluß der schwed. Matisse-Schüler ablesen läßt. Die frühen 20er Jahre bedeuteten für M. eine Zeit der persönlichen und künstlerischen Depression. Nach Jahren in Murnau und München ging sie 1925 nach Berlin und entwickelte hier ihre Bleistiftporträts nach meist weiblichen Modellen mit knappen Umrißlinien zur Meisterschaft. Ein Paris-Aufenthalt 1929/30 sowie eine zusammen mit ihrem zweiten Lebensgefährten Johannes Eichner unternommene Reise nach Südfrankreich gaben M.s künstlerischem Schaffen neue Impulse. Sie kehrte zu einer vitalen Malerei mit kräftiger Palette zurück und knüpfte dabei stilistisch an ihre Errungenschaften aus der Zeit des „Blauen Reiters“ an. 1931 ließ sich M. endgültig in Murnau nieder; erneut entstanden zahlreiche Gemälde, überwiegend Landschaften und Stilleben. Die Kriegsjahre brachten eine Zeit des Rückzugs mit deutlich verminderter künstlerischer Produktivität; in ihren späten Arbeiten bevorzugte sie eine charakteristische, sparsame Ölmalerei auf Papier, insbesondere für Blumenstilleben und abstrakte Studien. – Zu ihrem 80. Geburtstag 1957 übergab M. die noch in ihrem Besitz befindlichen Werke Kandinskys sowie weiterer Mitglieder des „Blauen Reiters“ und eigene Bilder der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München.

14. Else Lasker-Schüler

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L., die an einer periodischen Nervenkrankkeit (Chorea) litt, verließ um 1880 das Lyzeum und erhielt Privatunterricht. Mit ihrer Eheschließung übersiedelte sie nach Berlin, wo sie sich zunächst im eigenen Atelier intensiv der Ausbildung ihrer zeichnerischen Begabung widmete. Ihre 1903 vollzogene Scheidung von Lasker bewog sie, fortan auf gesicherte bürgerliche Lebensformen zu verzichten. Sie wandte sich der Berliner Bohème zu, deren markantesten Persönlichkeiten sie schon während ihrer 2. Ehe mit →Herwarth Walden zuzurechnen ist, und zählte u. a. Benn, →Däubler, das Ehepaar →Dehmel, →Döblin, Hans Ehrenbaum-Degele, →George Grosz, Hans Adalbert von Maltzahn, →Franz Marc und →Kurt Pinthus zu ihren Freunden. Im Verlauf ihrer zahlreichen Dichterlesungen schloß sie in Prag Freundschaft mit Max Brod, Franz Werfel und →Paul Leppin und in Österreich mit →Peter Altenberg, Oskar Kokoschka und ganz besonders mit Karl Kraus. – Die vom Tod ihres einzigen Sohnes (1927) tief getroffene Dichterin verließ 1933 Deutschland und fand in Zürich und Ascona ein häufig gefährdetes Exil. Während einer ihrer Palästinareisen wurde die von den Nationalsozialisten 1938 ausgebürgerte L. vom 2. Weltkrieg überrascht und blieb bis zu ihrem Tod in Jerusalem.

Gottfried Benns Urteil, L. sei „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, bestätigt den Vorrang des Lyrischen in ihrem neben Gedichten auch zahlreiche epische und dramatische Formen umfassenden Werk. So reflektiert schon ihr erster, 1902 erschienener Gedichtband „Styx“ – vorausgegangen waren Einzelveröffentlichungen von Gedichten in der Zeitschrift „Die Gesellschaft“ – in leidenschaftlich bewegter Sprache und kühnen Bildern Situationen existentiellen Betroffenseins wie den langen, schmerzvollen Prozeß der Trennung von ihrem ersten Mann („Karma“, später u. d. T. „Scheidung“), die Begegnung mit dem bis heute nicht identifizierten Vater ihres Sohnes („Elegie“) und die ihre weitere Entwicklung bestimmende Freundschaft zu dem ihr wesensverwandten Vagantendichter →Peter Hille („Der gefallene Engel“). Durch ihn findet die nach ihrer Scheidung in materielle Bedrängnis und geistige Vereinsamung geratene Dichterin zu der von den Brüdern Heinrich und Julius Hart gegründeten „Neuen Gemeinschaft“, einer nach Erneuerung des Lebens strebenden Künstlerkolonie. Dort erfährt L., die sich zu der von J. Hart und Hille postulierten Kunst des „fühlenden Menschen“, einer sich in einem „visionär ekstatischen“ Schöpfungsprozeß vollziehenden „unmittelbaren Gefühlsdarstellung“ (J. Hart) bekennt, erstmals Anerkennung ihres frühen dichterischen Schaffens, bei dem es sich um überwiegend lyrische Gesänge leidenschaftlichen Begehrens und Liebens von einer bisher nicht gekannten emotional gesteigerten Expression handelt. Hille, der als erster ihre überragende poetische Begabung erkennt – er preist sie: „der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist“ – wird ihr in diesen Jahren zum Dichterbruder, der sie ihre jüdische Herkunft als Charisma begreifen läßt und ihr die Gewißheit ihrer dichterischen Sendung vermittelt. Poetischen Niederschlag findet diese entscheidende Phase ihrer geistigen und religiösen Entwicklung, die wesentliche Züge von Hilles mystischer, nach All-Einheit strebender Religiosität empfing, in dem 1905 erschienenen Zyklus „Der siebente Tag“, der, vor allem in den Gedichten „Mein stilles Lied“, „Der Letzte“ und „Weltende“, grundlegende Aussagen über ihr neues Selbst- und Weltverständnis enthält.

Aus dem überwältigenden Eindruck der Begegnung mit Hille, der sie Erlösungscharakter beimaß – Hille verlieh ihr, so symbolisch ihre Neugeburt feiernd, den Namen „Tino“ –, lebt ihr nach dem jähen Tod des Dichters (1904) geschriebenes „Peter-Hille-Buch“, ihr erstes Prosawerk, das 1906 erschien und das sie als „meine Bibel“ bezeichnete. Das Werk transponiert, Elemente der ihr von Hille vermittelten Bilderwelt des Christlichen adaptierend, ihren gemeinsamen Weg mit dem Dichter in ein traumhaft legendäres Reich, wobei Hilfe in der Gestalt des „Petrus der Felsen“ – später wird sie ihn „St. Peter Hille“ („Konzert“) nennen – mythisch-prophetische Züge gewinnt und ihre Berliner Freunde, deren Individualität sie spielerisch verrätselt, zu Idealfiguren erhoben werden.

Mit dem Tod Hilles setzt ein Prozeß der Selbstmythisierung L.s ein, der fortan ihr Leben und Werk bestimmt und sie ihr Dichten als ein „mystisches Sichselbsthaben“ (Bänsch) erfahren läßt, das sie immer wieder aus den vielfältigen Krisen und Leiden ihres Daseins rettet. So antwortet sie auf den Tod Hilles mit dem ersten ihrer orientalischen Geschichtenbücher, dem 1907 erschienenen „Die Nächte Tino von Bagdads“, in dem sie Hilles Geschöpf Tino – und damit sich selbst – zur in einem imaginären Orient beheimateten „Prinzessin“ verklärt. Auch in ihrem Briefroman „Mein Herz“ (1912, 1977) ist es wieder eine solche „Nacht meiner tiefsten Not“, gemeint ist das Zerbrechen ihrer zweiten Ehe mit dem von ihrHerwarth Walden genannten Georg Lewin, die sie mit einer erneuten kühnen Selbstmythisierung, diesmal ihrer Erhebung zum „Prinzen von Theben“, überwindet. Das ungemein facettenreiche Werk bietet eine originell verfremdete Darstellung der damaligen Kunstszene, zu deren zentralen Gestalten die häufig nomadisierende Dichterin zählte, „immer unstät, kein zuhaus“ (an E. Plietzsch), umgeben von ihren zahlreichen Vertrauten in den Berliner Cafés Hof haltend.

Das von ihr als eine Möglichkeit der Seinserkenntnis verstandene Stilprinzip, „die Leute alle zu kleiden, damit ein Spiel zu Stande kommt … Spielen ist alles“ (an K. Kraus 1911), bleibt auch in der 1919 veröffentlichten Kaisergeschichte „Der Malik“ wirksam, einer Dichtung, die geprägt ist von dem Erleben des 1. Weltkriegs und dem Verlust enger Freunde wie Franz Marc, Georg Trakl, dem sie noch im März 1914 in Berlin begegnet war, und Peter Baum, ihrem Elberfelder Jugendgefährten. Das zugleich als Huldigung und Totenklage für →Franz Marc, ihren „blauen Reiter“ und „Halbbruder Ruben“ geschriebene Werk spielt wiederum im imaginären Orient, dem Sinnbild ihrer religiösen Sehnsucht (vgl. Martini). Dort versammelt sie die zu heroischen Gestalten der Sage und des Mythos verherrlichten Freunde (z. B. Benn = „Giselheer“) um sich zu einem gloriosen Maskenspiel um Liebe, Krieg und Tod, in das auch legendenhaft der Bericht ihrer 1913 nach Moskau unternommenen erfolglosen Reise zur Rettung des ihr befreundeten Anarchisten J. Holzmann („Senna Hoy“) eingeht, wobei die anfänglich intendierte Projektion einer besseren Welt zunehmend verschattet wird von der Einsicht in die tragische Verfassung des Menschen und seiner Geschichte, die das Werk schließlich in einer ergreifenden Klage enden läßt.

Die für ihr Schaffen bezeichnende Verwandlung von Leben in Dichtung gewinnt für sie – auch hier sind die frühen Einflüsse J. Harts und Hilles unübersehbar – fortschreitend religiösen Charakter, indem sie Kunst immer mehr als priesterlichen Dienst begreift, als ein „Platzmachen für Gott“ („Ich räume auf“). So beruhen die von ihr als Höhepunkt ihrer Lyrik angesehenen, 1913 erschienenen „Hebräischen Balladen“ – grandiose Transsubstantiationen biblischer Gestalten wie Abel, Jakob, Joseph, David, Abigail, Esther und Ruth in Figuren eines von ihr geschaffenen hebräischen Mythos – für sie auf einer „heiligen Erleuchtung“ („Konzert“), die ihrer Dichtung Offenbarungscharakter verleiht. – Dichterische Verwandlung erlebter Realität in einen „Extrakt höherer Wahrheit“ („Konzert“) bestimmt auch ihre Herkunft und Familie einbeziehenden Dichtungen (u. a. „Ich räume auf“, „Konzert“, „Das Hebräerland“) und führt zu jener „mythischen Biographie“ (Klüsener), aus der sie die Gewißheit ihrer Erwähltheit gewinnt. Schon 1908 hatte die zeitlebens ihrer Bergischen Heimat und der Geburtsstadt Elberfeld verbundene Dichterin „aus dunkler Erinnerung das Schauspiel „Die Wupper“ (ersch. 1909, uraufgeführt 1919) geschrieben, „eine böse Arbeitermär, die sich nie begeben hatte, aber deren Wirklichkeit phantastisch ergreift“ („Ich räume auf“). Das Stück kulminiert in einer symbolträchtigen Jahrmarktszene, an der L. die unüberwindliche Heterogenität der menschlichen Gesellschaft demonstriert. Es erweist sich dabei ihre erstaunliche Hellsichtigkeit für die damaligen sozialen Mißverhältnisse, die häufig in lyrischer Brechung erscheinen und unmittelbar erst durch eine Gruppe von drei das Stück antagonistisch begleitenden „Herumtreibern“, dramaturgisch dem antiken Chor vergleichbar, in ihrer Absurdität entlarvt werden.

Die Umbildung ihrer Familiengeschichte zur Legende setzt ein mit der zum Kult gesteigerten Verehrung der Mutter („Meine schöne Mutter blickte immer auf Venedig“, „Im Rosenholzkästchen“, „Das Hebräerland“), die ihr als Mittlerin ihrer dichterischen Begabung galt und deren Herkunft sie nach Spanien, einer Region ihres imaginären Orients – „meine Vorfahrengeschichten verlangen Morgenland“ („Mein Herz“) – verlegt, wo auch sie selbst und ihr zum Baumeister von Aussichtstürmen stilisierter Vater, dem sie die zeichnerische Komponente ihrer Doppelbegabung zuschreibt, beheimatet werden („Der Wunderrabbiner von Barcelona“, 1921). Mit der Gestalt des Wunderrabbiners Eleasar, der Liebende wunderbar bewahrt und in einem dadurch ausgelösten Pogrom untergeht, beginnt der Mythisierungsprozeß ihres Urgroßvaters, des vermutlich als Lehrer in Geseke tätig gewesenen Hirsch Cohen. In ihrem Schauspiel „Arthur Aronymus und seine Väter“ und in der ihm zugrundeliegenden Prosaskizze „Arthur Aronymus“, beide 1932 erschienen, erhebt sie ihn zum „Rabbuni Uriel“, der mit einem fiktiven Bischof Matthias Lavater von Paderborn befreundet gewesen sein soll, und verleiht ihm überdies die Würde eines „Oberrabbiners von Rheinland und Westfalen“. Konsequent bedient sie sich auch hier zur Erfüllung ihres auf Erlösung des Menschen gerichteten dichterischen Auftrags der idealen Vorbildlichkeit der von ihr mythisierten Gestalten: So hält sie den sich ankündigenden neuerlichen Verfolgungen des jüdischen Volkes die reine Menschlichkeit und hohe Toleranz Uriels in den an der Schwelle des Nationalsozialismus geschriebenen Aronymus-Dichtungen entgegen, wobei sich ihre Hoffnung auf Versöhnung in der beeindruckenden Schlußszene des gemeinsam von Juden und Christen gefeierten Passahmahles niederschlägt. – Es gehört zu den tragischen Erfahrungen ihres Lebens, daß ihr Stück in Deutschland nicht mehr aufgeführt werden konnte, die bis zuletzt an eine Aussöhnung glaubende Dichterin vielmehr nach tätlichen Angriffen auf offener Straße im April 1933 fluchtartig Berlin verlassen mußte. Erst nach einer Palästinareise 1934 vermochte sie eine durch den Verlust der Heimat ausgelöste Phase des Schweigens mit ihrem Prosaband „Das Hebräerland“ (1937, 1981) zu überwinden, einer Dichtung, die bereits dem Alterswerk zuzurechnen ist. Das Buch, Zeugnis ihrer unzerstörbaren Liebe zum Menschen, verklärt das Erlebnis Palästinas zum Traum vom heiligen Lande, in dem Juden und Araber in ursprunghaft-paradiesischer Brüderlichkeit miteinander zu leben lernen sollen; es gewinnt seine Legitimation aus ihrer in ihm endgültig vollzogenen Identifikation mit der alttestamentarischen Gestalt Josephs von Ägypten, auf welche die Selbstmythisierung ihres Lebens konsequent zulief und durch die sie ihrer dichterischen Aussage die messianisch-erlösende Kraft der Berufenen zugemessen weiß.

In der 1940/41 geschriebenen, aber erst 1979 in Düsseldorf und Wuppertal uraufgeführten „theatralischen Tragödie“ „Ichundich“ verwendet L. neben dem Identifikationsprinzip noch das schon im Titel vorgegebene Motiv der Ichspaltung, wodurch sie eine Reihe von „ineinander verschränkten und gespiegelten Figurenkonstellationen“ (Kupper) schafft, die es ihr erlauben, sich mit ihrer Dichtung unmittelbar auf das politische Geschehen der Zeit zu beziehen – ein in ihrem Werk einmaliger Vorgang – und eine vernichtende Abrechnung mit dem Nationalsozialismus vorzunehmen. Eingespannt in den Rahmen der von ihr verfremdet fortgeführten Faustdichtungen Goethes, läßt sie die höchsten Repräsentanten des Nationalsozialismus, welche die Hölle zu stürmen beabsichtigen, in dem Inferno untergehen und sich selbst auf offener Bühne, auf der sie sich zuvor in Gestalt einer Vogelscheuche begegnet, sterben.

In ihrem letzten Werk kehrt L. zur lyrischen Aussage zurück. Anders als in den frühen Gedichtsammlungen „Styx“, „Der siebente Tag“ und besonders „Meine Wunder“ (diese enthält u. a. „Ein alter Tibetteppich“ und die zum Gegenstand eines skandalösen Prozesses gewordenen ersten expressionistischen Verse „Leise sagen“) erscheinen in ihrem letzten Gedichtband „Mein blaues Klavier“ (1943) die emotionalen Eruptionen|vorangegangener lyrischer Schöpfungen gebrochen und ihre formale Virtuosität zugunsten eines beherrschten Altersstils zurückgenommen. Auch die kühnen Tropen früherer Jahre sind nun einer verinnerlichten Bilderwelt gewichen, die verdunkelt ist vom Schicksal ihrer späten Lebensjahre: dem Versinken in Einsamkeit und Armut des Exils („Die Verscheuchte“), wehmütigen Erinnerungen an Elternhaus und verlorene Heimat („Meine Mutter, „Über glitzernden Kies“), einer letzten, unerfüllt gebliebenen Liebe („Ein Liebeslied“) und düsteren Todesahnungen („Ich weiß“). Die schon früh entstandene poetisch verklärte Vorwegnahme ihres qualvollen Sterbens „Und meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems“ („Styx“/„Hebräische Balladen“) offenbart ihre Hinwendung zum jüd. Volk und zum Land ihrer Väter und das Bekenntnis zum Gott des alten Testaments. Zugleich aber lebte sie bis an ihren Tod bewußt aus dem sprachlichen Erbe und in der geistigen Tradition ihrer deutschen Heimat, deren Verlust sie nie verschmerzt hat und deren ihr verbundenen Menschen ihr letzter Gedichtband gewidmet ist. So wird ihr jüdischen und deutschen Geist verschmelzendes Werk zu einem lebendigen Zeugnis der Versöhnung und beispielhaften humanen Verhaltens.|

15. Hermann Hesse 

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H. war ein feinnerviges, dazu höchst kurzsichtiges Kind, das in einem vielsprachigen, von orientalischen Erinnerungen erfüllten Elternhaus fast zuviel Anregungen empfing. Die streng pietistische Erziehung durch den Vater verstärkte seinen trotzigen Eigensinn. Dagegen wirkte die Musikpflege und Naturverbundenheit der Mutter beruhigend. Er geriet frühzeitig mit den autoritären Schullehrern der Zeit in Konflikt. Kurze Zeit nach der Aufnahme in das Maulbronner Seminar kam es zur offenen Revolte bis zu Selbstmorddrohungen; auch das Cannstatter Gymnasium verließ er kurz nach dem Bestehen des Einjährigen-Examens (1893), ohne das Abitur zu machen. Schwierig war auch die Berufswahl. Nach mannigfachen Ansätzen, zuletzt als Volontär in einer Turmuhrenfabrik, trat H. schließlich im Herbst 1895 in das Heckenhauersche Geschäft in Tübingen ein und erhielt dort eine gründliche Ausbildung als Buchhändler; nach Beendigung der Lehrzeit blieb er noch ein Jahr als Verkäufer. Schon vorher war er sich über seinen eigentlichen Beruf als Dichter klar geworden, auf den er sich durch umfassende Lektüre vorbereitete; seine ersten Verse entstanden unter dem leuchtenden Eindruck Hölderlins. In Tübingen wandte er sich von frühen Zwelfeln ab und huldigte nun im „Petit cénacle“, dem unter anderem Ludwig Finckh angehörte, einer romantischen Gefühlsreligion. 1899 erschienen die ersten Buchveröffentlichungen des jungen Autors. Aber erst der 1904 bei S. Fischer verlegte Entwicklungsroman „Peter Camenzind“ erwarb ihm die Gunst der Lesermassen und der literarischen Preisrichter. Er konnte nun heiraten und sich als freier Schriftsteller in Gaienhofen am Bodensee niederlassen, wo er 1904-12 lebte.

Gaienhofen war für H. und seinen Freundeskreis ein zweites Worpswede, wo man naturverbunden, obwohl nicht weltfremd, ein franziskanisches Menschentum suchte. H.s Erzählungen fanden in den Kreisen der eben aufblühenden Jugendbewegung ihre begeistertsten Leser. Sie stellen wie „Knulp“ (1915) das freie Leben ewiger Tippelbrüder zwar einfühlsam, aber ohne falsche Sentimentalität dar, sie behandeln die Entwicklungsnöte junger Handwerker und einzelgängerischer Lateinschüler in farbenreicher, an →Gottfried Keller geschulter Sprache. Die bedeutendste dieser Erzählungen ist „Unterm Rad“ (1906), die Schilderung einer zum Selbstmord führenden Pubertätskrise. Wie zahlreiche andere Dichter und Erzieher kämpfte H. hier gegen die in einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäße autoritäre Pädagogik. Bei aller romantischen Absoitigkeit suchte er doch nach einer positiven Einstellung zur Gegenwart. Er schrieb für die „Neue Rundschau“, die „Jugend“ und den „Simplizissimus“ und verband sich 1907-12 mit →Albert Langen, Ludwig Thoma und anderen in der Herausgabe der politischen Zeitschrift „März“, die später von →Theodor Heuss übernommen wurde.

Die starken Eindrücke aus der Welt des Großvaters und Vaters legten H. schon früh den Gedanken nahe, das Vorbild für eine erneuerte Geisteshaltung im Orient zu suchen. 1911 reiste er mit dem Maler Hans Sturzenegger nach Ceylon, Singapur und Sumatra. Doch wirkte die Berührung mit der orientalischen Wirklichkeit enttäuschend und ernüchternd. Zum Teil war diese Reise auch eine Flucht vor den Problemen der eigenen Ehe, die durch depressive Gemütszustände seiner Frau in wachsendem Maße zerrüttet wurde; von diesen Problemen spricht verhüllt der Roman „Roßhalde“ (1914).

Der Versuch, durch eine Übersiedlung in eine neue Umgebung, nach Bern (1912), eine Lösung zu finden, schlug fehl. Und überdies zerstörte bald der Schock des 1. Weltkrieges alle romantischen Träume von einer inneren Wandlung Deutschlands oder gar Europas.|H. ließ sich zuerst von der Hochflut der Begeisterung mitreißen, wurde aber sehr bald ernüchtert. Er ging nun in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 3.11.1914 mit der patriotischen Kriegsdichtung unbarmherzig ins Gericht und forderte eine Rückbesinnung auf humanistische Werte. Zwar fand er bei Romain Rolland, bei den Schweizer Intellektuellen und auch bei besonnenen Deutschen wie →Theodor Heuss und →Conrad Haußmann Verständnis, wurde aber von rechtsstehenden Publizisten entrüstet zum Verräter gestempelt. Daß seine Haltung nicht Verrat war, bewies H. durch seine hingebungsvolle Arbeit (1915–19 sogar als Beamtenstellvertreter) in der geistigen Betreuung der deutschen Kriegsgefangenen.

Der Druck der Kriegszeit lastete auf H.s Gemüt, dem die Auflösung seiner Ehe und seines Hausstandes schwer zusetzte. Er bekämpfte die innere Verstörung Anfang 1916 mit Erfolg durch eine psychoanalytische Behandlung. Sein Arzt Dr. Josef Bernhard Lang, ein Schüler C. G. Jungs, ermutigte ihn zu einer positiveren Einstellung zum Leben, die den Schlüssel zur Erneuerung der deutschen und europäischen Kultur im „Weg nach Innen“ fand. Der Zusammenbruch von 1918 bestätigte H.s schlimmste Befürchtungen. Die Flugschrift „Zarathustras Wiederkehr“ (1919, zuerst anonym) rief denn auch die deutsche Jugend zur Einkehr und Umkehr auf. Ihre äußere Form und einzelne Gedanken erinnern an Nietzsche, von dessen Amoralismus jedoch nichts zu spüren ist. Auch lehnte H. den bolschewistischen Umsturz aller bürgerlichen Werte als einer der ersten europäischen Intellektuellen sehr früh ab (Die Brüder Karamasoff oder der Untergang Europas, 1920). Die erste dichterische Frucht von H.s Kriegsjahren war der Roman „Demian“ (1919, geschrieben 1916-17 in Bern), der zuerst unter dem Pseudonym „Emil Sinclair“ erschien; denn H. empfand ihn als einen schriftstellerischen Neubeginn. In der Tat verwandte er hier zum ersten Mal einen unrealistischen Stil, um Sinclairs Überwindung seiner moralischen Schizophrenie und seine Hinwendung zur tätigen (und damit immer schuldhaften) Teilnahme am Leben zu versinnbildlichen. Kein künftiger Held H.s versucht mehr eine romantische Weltflucht wie Peter Camenzind.

H.s äußeres Leben nach dem 1. Weltkrieg wurde zum Teil durch die häusliche Krise, zum Teil durch die Verminderung seiner Einnahmen durch die deutsche Inflation bestimmt. 1919 verließ er Bern, um in der Casa Camuzzi in Montagnola bei Lugano ein erstes Refugium zu finden. Die Heilkraft der südlichen Landschaft wurde durch ausgedehnte malerische Versuche unterstützt, zu denen ihn zuerst die psychoanalytische Behandlung ermutigt hatte. Es kam sogar zu selbst illustrierten Schriften, die den Dichter als einen nicht unbegabten Freund der Dresdener „Brücke“-Maler zeigten. „Klingsors letzter Sommer“ (1920) versuchte, den malerischen Stil mit einem gewissen Erfolg auch auf die Prosa zu übertragen, und näherte sich damit expressionistischen Stilexperimenten; doch blieb der Dichter auch weiterhin literarischen Gruppen fern.

Die politische Entwicklung unter der Weimarer Verfassung verfolgte H. mit großer Anteilnahme, die zu wachsender Sorge wurde. Als seine Söhne für die Schweizer Armee angemustert wurden, entschloß er sich, 1923 wieder die Schweizer Staatsangehörigkeit seiner Kindheit anzunehmen; die deutsche (das heißt zunächst württembergische) hatte er 1891 für die Aufnahme in das Maulbronner Seminar erworben, was bei der pietistischen Unterbewertung der „Welt“ kein besonders wichtiger Schritt gewesen war. Im Januar 1924 versuchte H. vergeblich wieder einen Hausstand zu gründen. 1927 endlich fand er in der österreichischen Kunsthistorikerin Ninon Dolbin eine zu ihm passende neue Lebensgefährtin, die er 1931 ehelichte. Gleichzeitig zog das Ehepaar in H.s neue Villa in Montagnola ein, die sein Mäzen Hans C. Bodmer für ihn gebaut hatte und die dem Dichter endlich völlige Ruhe für sein Schaffen gewährte.

Die neue Einstellung zur Welt, um die in „Demian“ und „Klingsors letzter Sommer“ noch gerungen wurde, wurde in „Siddhartha“ (1922) zum ersten Male umfassend dargestellt. Das Buch ist ein Höhepunkt in der zuerst von der Romantik angestrebten Annäherung des deutschen Geistes an den indischen, der Bergpredigt an die Bhagavadgita, und wird auch in Indien als eine geglückte Synthese empfunden. In einfacher, rhythmisch gebundener Sprache und mit wenigen, aber eindrucksvollen Bildern wird hier der Weg eines Menschen zu demutsvoller Hingabe an das ewige Werden und zum Dienst am Nächsten dargestellt. Obwohl H. wesentliche Teile des christlichen Dogmas ablehnte, bejaht das Buch durchaus die christliche Ethik. Seine nächsten Romane galten der Auseinandersetzung mit dem modernen europäischen Leben. Sie erreichte im „Steppenwolf“ (1927) ihren ersten Höhepunkt. In sonatenähnlicher Struktur wird hier die existentielle Gefährdung des Menschen bis in die letzten Tiefen des Unterbewußtseins schonungslos ausgelotet, seine schizoide Gespaltenheit in edle und animalische Triebe|aller Art. Den „Steppenwolf“ in all unserem Tun und Trachten leugnen zu wollen, ist sinnlos; möglich ist nur seine Bejahung durch Sublimierung des Trieblebens. Aber natürlich ist dies eine unendliche, nie vollkommen zu lösende Aufgabe.

H.s Einstellung wird häufig als hoffnungslose Schizophrenie oder als zerstörerischer Nihilismus mißverstanden. „Der Steppenwolf“ entfremdete H. viele Leser, und „Narziß und Goldmund“ (1930) trug ihm gar den Vorwurf der Immoralität ein. In diesem historischen Roman geht es aber um das Problem der künstlerischen Existenz, und die geschilderten Lebensläufe sind nicht etwa vorbildlich, sondern höchstens repräsentativ für zwei mögliche, aber nicht für sich vollkommene Lebenshaltungen. Narziß lebt als Abt ein Leben der Askese und des Geistes, während Goldmund aus dem Kloster flieht, von Frauen geliebt wird und Menschen töten muß. Erst spät lernt er, mit seinein wilden Leben durch künstlerische Gestaltung fertig zu werden, und erst in seiner Sterbestunde sieht er ein, daß er den reinen Geist als Leitstern braucht, genauso wie der reine Geist der Kunst als sichtbarer Sprache bedarf. Beide Wege führen zur Gottheit, die hier, wie so oft bei H., als weibliches Glied einer Mandala erscheint. „Narziß und Goldmund“, H.s spannungs- und farbenreichster Roman, ist auch dem naiven Leser ohne weiteres zugänglich. Schwieriger ist „Die Morgenlandfahrt“ (1932), deren Thema der Weg zur Unio mystica ist; bei der Abfassung des Romans stand der von H. über alles geliebte Novalis Pate.

Für einen Individualisten wie H., dessen Romane größtenteils in der Ichform geschrieben sind, war als Lösung des sozialen Problems nur eine pluralistische Gesellschaft möglich, wie sie sein letzter utopischer Roman „Das Glasperlenspiel“ (1943, erste Pläne 1931) zu umreißen sucht. Neben abendländischen werden hier auch chinesische und indische Wege zur Weisheit, neben den Lebensformen des Künstlers und des Gelehrten auch diejenigen des Kaufmanns, des Politikers und des Technikers als berechtigt anerkannt. Die Einheit des Lebens wird als mystische „coineidentia oppositorum“ durch die Akademie der Glasperlenspieler periodisch zelebriert. Freilich droht diese während der Lebenszeit des Helden Josef Knecht dem ästhetischen Bildungshochmut zu verfallen und sich alexandrinisch vom Leben abzukehren. Knecht leitet neue Beziehungen zu den Mächten der Außenwelt ein und zwingt die Akademie durch seinen schockierenden Rücktritt von allen Ämtern zur Besinnung auf ihre Lebensverbundenheit; wäre dies nicht so, dann würde man nie seinen Lebenslauf beispielhaft beschrieben haben. Bildung wurzelt einerseits in Religion und verpflichtet anderseits zur Umwandlung des praktischen Lebens. Knechts eigene Wendung gipfelt in seinem selbstvergessenen Einsatz für den geliebten Zögling, bei dem er den Tod erleidet. Dieser Tod ist aber auch wie der des Empedokles ein Eingehen in das Unendliche, dem gegenüber sogar das vorbildliche Leben von begrenztem Wert ist. Dieser mystische Unterton macht das Ende des Romans zu einem Rätsel, über dessen Auflösung sich keine kritische Einmütigkeit hat erzielen lassen. H.s „Glasperlenspiel“ versucht eine ganzheitliche Schau der Kultur, bei der Goethes „Wanderjahre“ und das konfuzianische „I Ging“, →Jacob Burckhardt, →Nikolaus von Kues und der heilige Benedikt Pate gestanden haben. Das Ergebnis ist ein gleichsam christlicher Humanismus. H.s Kritikern erscheint seine Vision zu unverbindlich, sein parodistischer Chronikstil zu maniriert; die Avantgarde lehnt ihn in den Punkten ab, in denen ihre Antwort auf die nationalsozialistische Gleichschaltung eine linksdemokratische oder sozialistische ist, doch wird er in der DDR als Vertreter des bürgerlichen „kritischen Realismus“ geschätzt.

H. hielt in den Wirren des nationalsozialistischen Jahrzehnts wie der Nachkriegszeit konsequent am Recht zu freier Meinungsäußerung und persönlicher Lebensgestaltung fest. Obwohl er keine politischen Aufrufe unterzeichnete, ließ er in Privatbriefen und literarischen Kritiken keinen Zweifel an seiner Ablehnung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und sorgte menschlich in großzügiger Weise für politische Flüchtlinge. Seine eigentliche Antwort auf die rigorose Gleichschaltung alles Menschlichen durch die modernen totalitären Systeme war „Das Glasperlenspiel“.

Unter den mannigfachen Ehrungen, die dieser Roman H. eintrug, war der Nobelpreis des Jahres 1946 die wichtigste. H. war schon vorher durch zahlreiche Übersetzungen in europäische und orientalische Sprachen eine führende Erscheinung der Weltliteratur geworden. Den erstaunlichsten Widerhall fand er in Indien und Japan.

Nach der Beendigung des „Glasperlenspiels“ zog sich H. aus dem literarischen Leben zurück. Er blieb jedoch ein überaus fleißiger Briefschreiber und wies vielen jungen Leuten, die sich an ihn wandten, Wege zu|freier Selbstentfaltung. Literarische Kritiken, die seit den Gaienhofer Jahren einen großen Teil seiner schriftstellerischen Tätigkeit ausgemacht hatten, lieferte er nur noch gelegentlich. Auch auf die Herausgabe von Schriften anderer, die zahlreiche Nummern seiner frühen Bibliographie füllt, verzichtete er in seinem Alter. Dagegen sammelte er nun sein dichterisches Lebenswerk und überarbeitete Teile desselben. Unter ihm nehmen H.s lyrische Gedichte einen starken Band ein. Nur wenige Gedichte haben sich allgemein durchgesetzt, und der Reichtum seiner Lyrik ist noch kaum erschlossen. H. liebte es im Alter, den versponnenen Magier zu spielen, und fand in gärtnerischer Arbeit den ersehnten Einklang mit den Kräften des Alls. Sein letztes Gedicht entstand bei einem morgendlichen Spaziergang vor seinem Hinscheiden und war dem absterbenden Ast einer Robinie gewidmet.

16. Fritz Lang

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L. war der ideenreichste Filmregisseur Berlins in der Zeit der Weimarer Republik. Er besuchte die Realschule und studierte an der TH Wien Architektur. Da er sich jedoch mehr für Malerei interessierte, wechselte er auf die Akademie der Graphischen Künste über und setzte seine Studien an der Staatl.Kunstgewerbeschule in München fort. Als 21jähriger wagte er den Bruch mit seiner bürgerlichen Herkunft und brachte sich während der folgenden Wanderjahre, die ihn u. a. nach Paris führten, als Maler und Karikaturist, Kabarettist und Schausteller durch. Nach Ausbruch des Weltkriegs kehrte L. in seine Heimat zurück und ging als Leutnant zur Front. Nachdem er verwundet worden war, trat er als Schauspieler im Rahmen der Truppenbetreuung auf und begann mit dem Schreiben von Film-Drehbüchern, die auf Anhieb Beachtung fanden und von der Berliner Firma Decla verfilmt wurden (von Joe May). Da L. mit der Verfilmung nicht zufrieden war, übersiedelte er 1918 nach Berlin, um sich selbst als Regisseur zu betätigen. Sein in fünf Tagen gedrehter Film „Halbblut“ (1919) machte ihn schlagartig bekannt, vollends „Der müde Tod“ (1921), ein für L.s Inszenierungsstil – Schatten, Lichtreflexe, Betonung architektonischer Strukturen – bereits kennzeichnender Film. Die Wirksamkeit der Bildersprache ist um so erstaunlicher, als man den ganzen Film noch mit einer Handkurbelkamera drehen mußte und noch keine Nachtaufnahmen machen konnte. Das Drehbuch für diesen und viele weitere Filme schrieb seine 2. Frau, Thea v. Harbou, so 1921/22 für den zweiteiligen Film „Dr. Mabuse, der Spieler“ nach dem gleichnamigen Roman von Norbert Jacques. Mit ihr zusammen schrieb L. das Drehbuch für den zweiteiligen Film „Das indische Grabmal“, dessen Regie Joe May übernahm. 1922-24 inszenierte er die beiden Teile von „Die Nibelungen“ und fuhr anschließend für zwei Monate nach Amerika. 1925/26 realisierte er – wiederum nach dem Buch seiner Frau – den sozial-utopischen Monsterfilm „Metropolis“ (mit Brigitte Helm als Schauspielerin), ein Jahr darauf „Spione“, 1929 „Frau im Mond“ und 1931 „M – Mörder unter uns“, in dem →Peter Lorre den Kindermörder darstellt. Dieser Film wurde ebenso wie „Die Frau im Mond“ von den Nationalsozialisten verboten, „Die Nibelungen“ und „Metropolis“ hingegen wurden gelobt. Goebbels bot L. sogar an, eine Art Reichs-Filmintendant zu werden, aber nach dem Verbot von „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1933) emigrierte L. nach Paris und trennte sich von Thea v. Harbou, die dem Nationalsozialismus nahestand. Seit Dez. 1933 drehte er mit Charles Boyer „Liliom“, einen Film, der für|ihn das Sprungbrett nach Hollywood wurde (1934). Hier schuf er eine Reihe bemerkenswerter Filme – 22 von insgesamt 34. Obwohl L. bemüht war, sich seinem neuen Publikum anzupassen, blieben seine Filme, in denen Romantik, Expressionismus und Neue Sachlichkeit eine faszinierende Allianz eingingen, letztlich „deutsch“. Er verfilmte die Geschichten von guten und bösen Helden, in grauer Vorzeit spielend wie im modernen Asphaltdschungel. Mit dem Bergarbeiterfilm „Fury“ (1936), den er von seinen amerikan. Arbeiten am meisten schätzte, erregte er heftige Diskussionen. Zusammen mit Brecht schrieb er das Drehbuch für einen Film über die Ermordung Heydrichs in Prag, „Hangmen also die“ (1943). L.arbeitete in verschiedenen Studios von Hollywood, vor allem bei 20th Century Fox, Paramount, Columbia und in Auftragsproduktionen für United Artists, Warner Brothers und Radio Keith Orpheum. 1945 gründete er die Gesellschaft Diana-Productions, die aber nur zwei Filme herstellte. 1956 kehrte L. nach Deutschland zurück, um an seine Erfolge in den 20er Jahren anzuknüpfen (Der Tiger von Eschnapur, 1958; Das indische Grabmal, 1958; Die 1 000 Augen des Dr. Mabuse, 1960). Diesen Filmen war jedoch kein Erfolg beschieden. Enttäuscht kehrte L. nach Amerika zurück. In den letzten Lebensjahren fast erblindet, lebte er in Beverly Hills. – „Das Wesen des Films“, sagte L. 1924, „ist nur dann überzeugend und eindringlich, wenn es sich mit dem Wesen der Zeit deckt, aus der dieser geboren wurde“. Bei der Beantwortung der Frage, was dieses Wesen der Zeit sei, verließ er sich nur auf seine eigene Intuition. Sie scheint ihn nicht getrogen zu haben: Die dichte zeitgenössische Atmosphäre von L.s Filmen bleibt beeindruckend.|

17. Gunta Stölzl



„Nichts Hemmendes an meinem äußeren Leben, ich kann’s mir gestalten wie ich will. Ah, wie so oft träumt ich davon und nun ist’s wirklich wahr geworden, kaum faß ich es noch.“

Gunta Stölzl prägte in besonderem Maß die Webereiklasse des Bauhauses. Als Jungmeisterin in Dessau erhielt sie als eine der wenigen Frauen am Bauhaus eine Leitungsposition. Zahlreiche Teppiche, Möbelbespannungen und weitere Gebrauchstextilien gehen auf ihre Entwürfe zurück. Die Werkstatt für Weberei erhielt unter ihrer Führung gewinnversprechende Aufträge und wurde zur wichtigsten Einnahmequelle der Reformschule.

Aus einem bildungsnahen Elternhaus stammend, konnte die 1897 in München geborene Adelgunde Stölzl, genannt Gunta, 1913 ihre Reifeprüfung ablegen. Familiär vorgeprägt – ihr Urgroßvater war Webermeister – begann sie in ihrer Heimatstadt an der Kunstgewerbeschule zu studieren. Kunstakademien ließen zu dieser Zeit noch keine weiblichen Studierenden zu. Beim Freiwilligendienst als Rote-Kreuz-Schwester im Ersten Weltkrieg hatte sie viel Leid und Kriegselend gesehen. Sie wurde – wie ihre gesamte Generation – früh mit den Realitäten des Lebens konfrontiert. Das Bauhaus, das aus der ehemaligen Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar hervorging, warb 1919 mit seinen Reformideen und bot Möglichkeiten für fortschrittliche Lebensentwürfe. Mit einer Arbeitsmappe voll Zeichnungen aus ihrer Studienzeit sowie mit freien Arbeiten bewarb sich Gunta Stölzl bei Walter Gropius (1883–1969). Er erkannte ihre gute Beobachtungsgabe sowie ihr Einfühlungsvermögen und nahm sie sofort auf. Vorerst begann sie bei einem Glasmaler zu arbeiten und wechselte dann zur Dekorationsmalerei. Auch dort waren die Tätigkeiten weniger künstlerischer Natur. So bestand ihre Arbeit im Renovieren des Weimarer Bauhaus-Gebäudes.


Ab 1920 entstand die anfangs als „Frauenklasse“ bezeichnete Weberei, in der die Studierenden und die bereits ausgebildete Stölzl noch keinen strukturierten Unterricht erhielten. Von ihren bereits vorhandenen Kenntnissen profitierten auch ihre Mitstudentinnen. So erinnerte sich Anni Albers (1899–1994): „Zu Beginn lernten wir überhaupt nichts. Ich habe viel von Gunta gelernt, die eine großartige Lehrerin war. Wir saßen da und haben es einfach probiert.“ So wurde mit Applikationen, Stickerei, Gobelintechnik und Flachgewebe experimentiert, wobei eine neue Formensprache Einzug hielt. Geometrische Muster und abstrakte Kompositionen bestimmten die Entwürfe. Als Paul Klee (1879–1940) Meister am Bauhaus wurde, nahm Gunta Stölzl sogleich dessen Kurs „Bildnerische Formenlehre“ wahr. Zuvor hatte sie aufgrund ihres besonderen Engagements in der Weberei eine Schulgeldfreistelle erhalten. Gemeinsam mit der ebenfalls sehr begabten Benita Otte (1892–1976) besuchte sie eine Fortbildung für Textilfärberei in Krefeld.

Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Arbeit in der Weberei nun straffer organisiert, die tägliche Arbeitszeit betrug sechs Stunden. Die Produkte sollten verkauft werden, um das stets um finanzielle Unterstützung bemühte Bauhaus abzusichern. Gunta Stölzl wurde zur prägenden Gestalt der Webereiklasse. Es begann eine schöpferische und produktive Zusammenarbeit mit der Tischlerei. Gemeinsam mit Marcel Breuer (1902–1981) entstanden Bespannungen für Latten- und Stahlrohrstühle. Auch die Entwicklung der Wandbehänge und Teppiche ging voran. 1922 webte sie ihr Gesellenstück, einen Smyrna-Knüpfteppich. Für das „Haus am Horn“, das Musterhaus der ersten Bauhaus-Ausstellung, entstand ein weiterer sechs Meter langer Knüpfteppich mit abstrakten Motiven. Noch während der Ausstellung erwarb ihn ein Architekt. 


1924 wurde Gunta Stölzl als Gesellin in der Bauhaus-Weberei angestellt, was eine große Ausnahme unter weiblichen Studierenden darstellte. Mit dem Umzug des Bauhauses nach Dessau wurde sie zuerst Werkmeisterin der Webabteilung. 1927, nachdem die Studierenden die Entlassung des bisherigen Leiters Georg Muche (1895–1987) vorangetrieben hatten, übernahm Gunta Stölzl die technische und künstlerische Gesamtleitung der Abteilung. Unter ihrer Führung wurden Stoffe und Prototypen zur wichtigsten Einnahmequelle des Bauhauses. Sie entwickelte neue Lehrpläne, ließ ihre Studierenden vermehrt mit modernen, synthetischen Materialien experimentieren und übernahm größere Aufträge. Bereits 1925 schrieb sie an ihren Bruder:

„Nun spielt die wirtschaftliche Seite des Bauhauses hier eine viel entscheidendere Rolle, alles muß sich rentieren, d. h. muß einen Geldwert haben, allerdings scheint die Sache auch mehr Aussichten hier zu bekommen, was die Ausnutzung der Arbeit betrifft […].“


1928 heiratete sie den Bauhaus-Studenten der Architektur Arieh Sharon (1900–1984), der aus dem galizischen Judentum stammte. Sie nahm die palästinensische Staatsbürgerschaft an („British Passport Palestine“). Kurz darauf wurde ihre erste Tochter Yael geboren. Die veränderte politische Lage am Bauhaus bekam auch Gunta Stölzl zu spüren. Persönliche Intrigen und diffamierende Anfeindungen machten ihr zu schaffen und sie musste absurde Anschuldigungen und Kritik hinnehmen. Nachdem sich die Situation zunehmend verschlimmerte, kündigte sie, bevor sie entlassen werden konnte. Sie verließ das Bauhaus im Sommer 1931, ein unschöner Abschied, der sie noch Jahre später schmerzte.

Gunta Stölzl emigrierte in die Schweiz und gründete gemeinsam mit den ehemaligen Bauhäuslern Gertrud Preiswerk (1902–1994) und Heinrich-Otto Hürlimann (1900–1964) eine Handweberei in Zürich. Die Zeit war geprägt vom intensiven Bemühen um Aufenthaltserlaubnis in der neuen Heimat. Sie hielt den Kontakt zu alten Bauhaus-Freunden aufrecht. Mit Benita Otte unternahm sie viele gemeinsame Urlaube. 1937 wurde sie alleinige Besitzerin der Handweberei Flora. Im selben Jahr erhielt sie auf der Pariser Weltausstellung als bedeutende internationale Auszeichnung das „Diplome Commémoratif“. Die Kriegsjahre brachten ihr existenzsichernde Aufträge, da sie bis kurz vor Kriegsende über einen großen Vorrat an gesponnener Wolle verfügte, der zur Herstellung von Bekleidungsstoffen diente. Sie lernte den Autor und Journalisten Willy Stadler (1903–1988) kennen. Die beiden heirateten 1942 und Gunta Stölzl wurde Schweizer Staatsbürgerin. Ein Jahr später wurde ihre zweite Tochter Monika geboren. Die Handweberei führte Gunta Stölzl noch bis in ihr 71. Lebensjahr weiter. In den Jahren danach arbeitete sie an eigenen Gobelins und bestritt Ausstellungen.

Gunta Stölzl starb am 22. April 1983 im Züricher Krankenhaus unweit ihres Wohnortes Küsnacht.

18. Albert Schweitzer

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S. wuchs in einem liberal geprägten prot. Pfarrhaus in Günsbach (Oberelsaß) auf. Nach dem Abitur in Mülhausen studierte er seit 1893 Theologie und Philosophie in Straßburg, Paris und Berlin, u. a. bei →Heinrich Julius Holtzmann (1832–1910), Theobald Ziegler (1846–1918), →Wilhelm Windelband (1848–1915) und →Adolf v. Harnack (1851–1930); in Paris nahm er Orgelunterricht bei →Charles-Marie Widor (1844–1937). 1899 wurde er in Straßburg bei Ziegler mit einer Arbeit über „Die Religionsphilosophie Kants“ (1899, Nachdr. 2005) zum Dr. phil., 1900 bei Holtzmann mit „Das Abendmahlsproblem auf Grund der wissenschaftlichen Forschung des 19. Jh. und der historischen Berichte“ (Das Abendmahl im Zus.hang mit d. Leben Jesu u. d. Gesch. d. Urchristentums, 1901, Nachdr. 1983) zum Lic. theol. promoviert. 1901 habilitierte sich S. an der Theol. Fakultät in Straßburg (Das Messianitäts- u. Leidensgeheimnis, Eine Skizze d. Lebens Jesu, 1901) und lehrte anschließend bis zum Wintersemester 1911/12 als Privatdozent Neues Testament; 1912 wurde ihm der Professorentitel verliehen. Seit 1900 war er als Vikar an St. Nicolai in Straßburg tätig; 1903–06 versah er zudem als Nachfolger Gustav Anrichs das Amt des Direktors des dortigen Thomasstifts (Collegium Wilhelmitanum).

1905 begann S. ein Studium der Medizin, das er 1913 mit der Promotion zum Dr. med. abschloß (Die psychiatr. Beurteilung Jesu, Darst. u. Kritik, 1913, Nachdr. 2002). Während dieser Zeit entstand sein bekanntestes theol. Werk, die „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ (1906 zunächst unter d. Obertitel „Von Reimarus zu Wrede“, ²1913, Nachdr. 1984), in dem er die bisherige Jesusforschung kritisch bilanzierte und sein eigenes konsequent-eschatologisches Jesusverständnis darlegte. Darüber hinaus publizierte er weitere bedeutende Schriften zur Musik- (Dt. u. franz. Orgelbaukunst u. Orgelkunst, 1906; J. S. Bach, 1908, 122005) und Religionsgeschichte (Gesch. d. Paulin. Forsch. v. d. Ref. bis auf d. Gegenwart, 1911); das dazugehörige Pendant erschien erst 1930 im Druck (Die Mystik d. Apostels Paulus, Nachdr. 1981). Gemeinsam mit Widor edierte er seit 1912 die „Kritisch-praktische Ausgabe des gesamten Orgelwerkes von Bach“ (8 Bde., 1912–67; seit Bd. 6 mit E. Nies-Berger).

1912 gab S. seine akademische Laufbahn sowie sein Predigtamt auf und brach mit seiner Frau 1913 nach Lambarene in Äquatorialafrika (Gabun) auf, um dort mit privaten Mitteln ein Tropenhospital aufzubauen (Zwischen Wasser u. Urwald, 1920). Der 1. Weltkrieg bereitete diesem ärztlichen Wirken ein vorläufiges Ende. Das Ehepaar S. wurde 1914 von den franz. Kolonialbehörden interniert, 1917 nach Südfrankreich überführt und konnte 1918 in die elsäss. Heimat zurückkehren. S. übernahm dort wieder seine Vikarsstelle, wurde Assistenzarzt am Bürgerhospital in Straßburg und setzte seine in Lambarene begonnene Arbeit an einer Kulturphilosophie fort, in deren Zusammenhang er 1915 den für sein ethisches Denken zentralen Begriff „Ehrfurcht vor dem Leben“ geprägt hatte. 1919 stellte er seine Ehrfurchtsethik in zwei Predigten in Straßburg vor und behandelte|sie eingehender in Vorlesungen, die er 1920 in Uppsala auf Einladung Ebf. Nathan Söderbloms hielt. Auf ihnen basieren die beiden ersten Bände seiner „Kulturphilosophie“ (1923, Nachdr.2007).

1924 folgte S.s zweite Ausreise nach Afrika, der sich noch zwölf weitere anschlossen. Seine zwischenzeitlichen Europaaufenthalte dienten u. a. dazu, durch Orgelkonzerte und Vorträge die für das Spital erforderlichen finanziellen Mittel zu sammeln. 1953 wurde ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 zugesprochen, den er am 4.11.1954 in Oslo entgegennahm. In seiner Dankesrede „Das Problem des Friedens in der heutigen Welt“ ächtete er den Krieg als etwas Unmenschliches und rief die Menschheit auf, den Nationalismus durch die Humanitätsgesinnung zu überwinden. 1957/58 warnte er in drei Appellen über Radio Oslo vor der atomaren Gefahr (Appell an d. Menschheit, 1957; Friede oder Atomkrieg, 1958) und engagierte sich gemeinsam mit →Linus Carl Pauling, →Bertrand Russell und →Martin Niemöller gegen Nuklearwaffen. Von 1959 bis zu seinem Tod lebte er in Lambarene.

Die von S. herausgestellte endzeitliche Bestimmtheit der Verkündigung und des Wirkens Jesu wird in der Bibelwissenschaft weithin anerkannt. Sein Verständnis von Bachs Musik als dichterisch-malerisch und darin textbezogen wirkte revolutionierend; seine Deutungen der Motive Bachs sind ein Vorgriff auf die Forschungen zur Emblematik in der Musik des Barockzeitalters. S.s Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist ein oft bemühter Bezugspunkt in der gegenwärtigen ökologischen Debatte und steht in Verbindung mit seiner Suche nach einer den Religionen und Weltanschauungen zugrunde liegenden Philosophie, weshalb S. als ein Wegbereiter des interreligiösen Dialogs anzusehen ist. Schließlich sind von seinen in der Nachlaßausgabe veröffentlichten Predigten, Aufsätzen und Vorträgen wichtige Impulse für ein der Wahrheitssuche verpflichtetes liberales Christentum zu erwarten. Sichtbares Symbol seiner Ethik ist das S.s Namen tragende Lambarene-Spital, das noch immer in seinem Geist betrieben und maßgeblich durch Spendenmittel finanziert wird. Das hier praktizierte Entwicklungshilfekonzept hat sich bei den internat. Entwicklungshilfeorganisationen – zumindest theoretisch – durchgesetzt.

19. Marie Juchacz

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Sie war die erste Frau, die 1919 im Reichstag eine Rede hielt, kämpfte um die Gleichberechtigung der Frauen und später für die Reform des § 218: die SPD-Politikerin, Frauenrechtlerin und Gründerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Marie Juchacz. 1933 geriet sie als NS-Gegnerin ins Visier der Gestapo. 

Seit 1926 wohnte Marie Juchacz (1879-1956) mit ihrer Schwester Elisabeth Kirschmann-Röhl (1888-1930; SPD-Politikerin und Mitbegründerin der AWO) und dem Schwager Emil Kirschmann (1888-1949; SPD-Politiker, 1924-1933 MdR) in einem Reihenhaus in Berlin-Köpenick. Das Haus diente ihnen in arbeitsreichen Zeiten als Rückzugsort. Marie Juchacz leitete die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und war Mitglied des Reichstags (MdR) für die SPD.

Elisabeth Kirschmann-Röhl pendelte, bedingt durch ihre politische Tätigkeit als preußische Landtagsabgeordnete, zwischen Köln und Berlin, bis sie 1930 frühzeitig verstarb. Dort hatten sie Reden, Bücher und Artikel geschrieben und Ideen für die AWO und die sozialistische Frauenbewegung diskutiert. So manche sozialpolitische Reform auf dem Gebiet des Mutterschutzes, der Gleichstellung unverheirateter Mütter und unehelicher Kinder, der Säuglings- und Kinderpflege, der Volksgesundheit und Jugendpflege, der Arbeitslosenfürsorge sowie des § 218, wurde in ihrem Haus mit Garten entwickelt – doch im Mai 1933 wurde alles ‚zerschlagen‘. Stunden vor der Flucht waren Marie Juchacz und Emil Kirschmann von Freund*innen vor der Gestapo gewarnt worden. Sie flohen über die ‚grüne Grenze‘ ins autonome Saargebiet, das seit dem Ersten Weltkrieg dem Völkerbund unterstand. Währenddessen plünderte die NSDAP-geführte Sturm-Abteilung (SA) ihr Haus.

Vom Schulkind zur Frauenrechtlerin und Politikerin (1879–1929)

1879 in Landsberg an der Warthe (heute: Gorzów Wielkopolski) geboren, wuchs Marie Juchacz (geb. Gohlke) mit zwei Geschwistern in einfachen, liebevollen Verhältnissen auf.1 Nach der Volksschulzeit war sie Hausangestellte, Fabrikarbeiterin, Krankenwärterin und erlernte den Beruf der Schneiderin. Ihre politische Bildung verdankte sie ihrem Vater, der als Zimmermann Bücher aus der Gewerkschaftsbibliothek leihen konnte, und ihrem Bruder Otto Gohlke (1871–1958, ebenfalls Zimmermann). Früh interessierte sie die Frauen- und Friedenspolitik. Ihre Ehe mit dem Schneidermeister Juchacz scheiterte 1906, und sie zog zunächst mit den beiden Kindern und ihrer Schwester Elisabeth zum Bruder, der mit seiner siebenköpfigen Familie in Berlin wohnte. Als Elisabeth ein Jahr später in erster Ehe Gustav Röhl heiratete und ein Kind erwartete, wurde in Berlin-Neukölln ein Haushalt Juchacz-Röhl eingerichtet.

Gemeinsam zu wirtschaften und die drei Kinder großzuziehen, erlaubte es den Frauen abends politisch aktiv zu sein, und sie entwickelten sich zu beliebten Rednerinnen der SPD. 1913 wurde Marie Juchacz SPD-Frauensekretärin der oberen Rheinprovinz. Elisabeth trennte sich von ihrem Mann und der Lebensmittelpunkt der zwei Frauen und der Kinder verlagerte sich nach Köln, wo Elisabeth ihren zweiten Ehemann Emil Kirschmann kennenlernte. Die Berufung in den SPD-Hauptvorstand brachte Marie Juchacz 1917 nach Berlin zurück, wo sie sich für das Frauenwahlrecht einsetzte.2

Am 19. Februar 1919 hielt sie in Weimar als erste Frau im deutschen Parlament eine Rede und gründete einige Monate später die AWO, der sie fortan ihre Kraft widmete. 1929 wurde das Thema ‚Ehe- und Sexualberatung‘ im Unterricht der AWO-eigenen Wohlfahrtsschule in Berlin verankert. Marie Juchacz kämpfte für die Selbstbestimmung der Frauen und für die Reform des § 218.

Widerstand gegen den Nationalsozialismus (1929–1933)

Marie Juchacz und Elisabeth Kirschmann-Röhl stellten sich mit all ihrer Kraft der Politik der Nationalsozialisten entgegen.3 1930 arbeitete Marie Juchacz in Berlin. Während Elisabeth Kirschmann-Röhl im Wahlkampf für die SPD durch ihren Wahlkreis im Rheinland tourte, geriet sie einmal in eine Versammlung der Nationalsozialisten, meldete sich trotz der Gefahr zu Wort, wurde niedergeschrien und vom Podium gezerrt. Der Wahlkampf und der Vorfall hatten sie zu viel Kraft gekostet – sie kollabierte und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Ein innerer Abszess führte Tage später zu ihrem Tod.4

Die Beisetzung mit über tausend Menschen glich einer Demonstration gegen den kürzlich erlangten Wahlsieg der Nationalsozialisten. Trotz der tiefen Trauer um ihre Schwester setzte Marie Juchacz ihren unermüdlichen Kampf für ihre Ideale und für die erkämpften politischen Errungenschaften fort. In ihrer letzten Reichstagsrede vom 26. Februar 1932 rang sie um die Stimmen der wahlberechtigten Frauen für die SPD und somit gegen den Faschismus und einen drohenden Krieg:

„Die Frauen […] wollen keinen Bürgerkrieg, die Frauen wollen keinen Völkerkrieg, die Frauen wollen keine Verschärfung der Wirtschaftsnot durch innen- und außenpolitische Abenteuer. […] Es ist genug des Elends! Es ist genug des Bluts! […] Die Frauen müssen bei dieser Wahl, die für das Schicksal des deutschen Volkes entscheidend sein kann, auf viele Jahre hinaus, den Kampf annehmen, für Frieden und Freiheit, für Frauenrecht und Frauenwürde, gegen den Todfeind: den Faschismus.“5

Marie Juchacz erfuhr bei der Fraktionssitzung am 30. Januar 1933, dass Adolf Hitler (1889–1945, NSDAP-Vorsitzender) mit der Regierungsbildung beauftragt wurde. Zitiert wird sie mit den Worten: „Oh, armes Deutschland!“6 Wenige Tage darauf engagierte Marie Juchacz einige ehemalige Polizisten zu ihrem Schutz, da bewaffnete SA- und SS-Männer nachts rund um die Häuser der sozialdemokratischen Abgeordneten in Berlin-Köpenick Einschüchterungsversuche unternahmen.7 Nach der Verabschiedung des ‚Ermächtigungsgesetzes‘ am 23. März 1933, gegen das die SPD stimmte, kündigte Hermann Göring (1893–1946, NSDAP) an, dass er NS-Gegner ‚vernichten‘ und ‚ausrotten‘ wolle. Für Andersdenkende bestand Lebensgefahr.

Saargebiet – „Für Deutschland – gegen Hitler“8 (1933–1935)

Während in Deutschland die SPD verboten und die AWO aufgelöst wurde, konnten SPD und AWO im Saargebiet die Arbeit fortsetzen, weshalb Marie Juchacz und Emil Kirschmann nach Saarbrücken flohen, in der Hoffnung, bald nach Deutschland zurückzukehren.
Mit Sorge beobachtete Marie Juchacz im Mai 1933 die rückwärtsgewandte Umgestaltung des § 218 durch die NSDAP. Der seit 1927 zugunsten der Frauen ansatzweise reformierte Paragraf, der den Schwangerschaftsabbruch „aus medizinischen Gründen“ legalisierte, wurde kurzerhand wieder mit einer Strafe von „bis zu zwei Jahre Gefängnisstrafe“ geändert.9

Sie sah die Notwendigkeit sich den Frauenrechten zuzuwenden und nahm Kontakt zur AWO-Geschäftsführerin und späteren AWO-Vorsitzenden Lotte Lemke10 (1903–1988) in Berlin auf, die eine Tarnorganisation11 betrieb, erhielt jedoch keine Antwort. Stattdessen ermahnte sie der Parteivorstand aus Prag, die ‚SoPaDe‘, wohin ein Teil des SPD-Vorstand ins Exil geflüchtet war: „Wir glauben nicht, dass es zurzeit eine spezifische politische Frauenarbeit gibt. […] Ein besonderer Plan mit besonderer Arbeit an den Frauen ist nicht ratsam. Die Bedingungen unseres (illegalen) Wirkens in Deutschland erfordert die Rückkehr zu einfachen Organisationsgebilden. Alle Verästelungen im Organisationsgefüge […] sind derzeit nicht opportun. […]“12

Vom Verhalten der SoPaDe enttäuscht wollte sich die vormals zentrale SPD-Frauensekretärin nicht zur ‚Spendeneintreiberin‘ der Partei degradieren lassen. Stattdessen wurde die 54-Jährige in der Flüchtlingshilfe aktiv und betrieb mit der AWO-Funktionärin und Widerstandskämpferin Johanna Kirchner (1889–1944) und zeitweise auch dem erwachsenen Sohn Paul Juchacz (1905–1954) ein Lokal, das schnell zum Treffpunkt für Emigrierte wurde. Darüber schrieb sie rückblickend: „Im Mai 1933 ging ich ins Saargebiet und richtete in Saarbrücken einen privaten Mittags- und Abendtisch ein, der während des Abstimmungskampfes zum Sitzungslokal und für viele politische Emigranten zum Heim wurde.“13 Sie hatte eine regelrechte „Anmeldestelle“14 eingerichtet, die zugleich als Informationszentrale für die journalistische Arbeit Emil Kirschmanns diente.

Im direkten Umfeld der AWO Saarbrücken mit Angela Braun-Stratmann (1892-1966) an der Spitze konnte Marie Juchacz beratend wirken und weitere Hilfsangebote vermitteln. Die Saarabstimmung 1935 gliederte das Gebiet wieder an Deutschland an, und die Gruppe politischer Freund*innen floh aus dem Saargebiet nach Frankreich.

Frankreich (1935-1941)

Die Saarbrücker Gruppe unterstützte die Arbeit von Emil Kirschmann, der die offizielle ‚Beratungsstelle für Saarflüchtlinge‘, Rue Nationale 41 in Forbach-Lothringen bis 1936 leitete, und arbeitete dem französischen Nachrichtendienst zu. Bis Kriegsbeginn wurde das westdeutsche Grenzgebiet zu Frankreich von dort mit antinazistischem Propagandamaterial beliefert.15.

Die Gruppe lebte in einer Art ‚Kommune‘, deren Haushalt Marie Juchacz in der Nähe von Metz und auch später in Mühlhausen führte. Beim Angriff der Wehrmacht auf Frankreich verließ die Mühlhauser Gruppe Ostfrankreich und floh in den unbesetzten Süden.16 Alle Spuren der Widerstandsarbeit wurden im Ofen der Wohnung verbrannt.17 Dank ihrer Flucht nach Sauvagnon bei Pau, wo sich die Gruppe selbstversorgend in einem leerstehenden Haus niederließ, entging sie der Internierung Camp de Gurs in Süd-Frankreich.18

Exil in den USA (1941-1949)

Bei der ‚Rettungsaktion für die von den Nazis bedrohten deutschen Flüchtlinge‘ von September 1940 waren Marie Juchacz und Emil Kirschmann als zwei von 125 Personen für ein Not-Visum für die USA vorgesehen. Sie lehnten zunächst ab, da sie noch immer auf einen baldigen politischen Wandel hofften.

Erst im März 1941 erhielten Marie Juchacz und Käthe Fey, die seit Saarbrücken bei ihnen geblieben war, die erneute Ausreiseerlaubnis von Marseille nach New York. Emil Kirschmann floh illegal auf einem anderen Schiff. In den USA lernte Marie Juchacz mit 63 Jahren Englisch in einem Quäker-Heim, dem Scattergood Hostel in Iowa. Dann teilte das Dreigespann Juchacz-Kirschmann-Fey eine kleine Wohnung in der Bronx und lebte von den bescheidenen Gehältern von Emil (Edelsteinschleifer) und Käthe (Pflegehelferin). Marie Juchacz trat mit Freund*innen der ‚German-speaking branch‘, einem Zweig des ‚Workmen’s Circle‘ bei, unterstützte dort einen Ausschuss, die so genannte ‚Arbeiterwohlfahrt New York‘ (auch ‚Solidarity 424E‘), die eine solidarische Paket-Aktion in Gang brachte und wurde dessen Präsidentin. Sie stand in engem Briefkontakt mit der AWO-Vorsitzenden Lotte Lemke. 1949 kehrte Marie Juchacz mit fast 70 Jahren nach Deutschland zu ihrer Familie zurück.19


Rückkehr nach Deutschland (1949)

Nach ihrer Rückkehr aus dem Exil unterstützte Marie Juchacz bis zu ihrem Tod 1956 als Ehrenvorsitzende weiter die Arbeit der AWO, reiste durch ganz Deutschland zu Veranstaltungen. Um die „Kluft zwischen den Generationen“ zu füllen, die, wie Marie Juchacz sagte, ganz besonders in der Frauenfrage zu fühlen sei,20 schrieb sie das Buch Sie lebten für eine bessere Welt.21

Marie Juchacz steht stellvertretend für alle Frauen, die von Nationalsozialisten bedroht zur Flucht gezwungen waren.

20. Max Schmeling

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S. wuchs in Hamburg auf, wo er die Volksschule besuchte. Eine 1920 begonnene kaufmännische Ausbildung in einem Verlag brach er bald ab und übte verschiedene Hilfsarbeiten aus. Nach dem Umzug nach Düsseldorf 1922 und später nach Köln begann er im Boxclub Köln-Mülheim mit regelmäßigem Boxtraining und wurde 1923 für erste Wettbewerbe sowie ein Jahr später bei der dt. Meisterschaft der Amateure im Halbschwergewicht eingesetzt. Anschließend entschied er sich für eine Karriere als „Profi“, erlangte viele schnelle Siege, erlitt aber auch mehrere Niederlagen in drittklassigen Kämpfen und wechselte mehrfach den Manager, bevor er seit 1926 vom Chefredakteur der Berliner Zeitschrift „Boxsport“, Artur Bülow (* 1886), betreut wurde. Bülow vermittelte S. in das Camp des Meistertrainers Max Machon (1894–1971) nach Lanke und baute ihn rasch für Titelkämpfe auf. 1927 wurde S.Europameister im Halbschwergewicht und durch einen Kampf gegen den populären dt. Mittelgewichtsmeister Hein Domgörgen zum Star der Berliner Box-Szene. Der von S. knapp nach Punkten gewonnene Kampf um die dt. Schwergewichtsmeisterschaft gegen Franz Diener 1928 wurde zum gesellschaftlichen Ereignis. Der errungene Titel wurde ihm aber aberkannt, weil S. ihn nicht gegen einen Herausforderer verteidigte, sondern nach New York ging, wo nach einem Streit mit Bülow Joe Jacobs S.s neuer Manager wurde.

Nach drei Siegen in Folge durfte S. an den Ausscheidungskämpfen (Elimination Bouts) um die vakante Weltmeisterschaft im Schwergewicht teilnehmen, in denen er sich klar durchsetzte. Den Kampf gegen US-Schwergewichtsmeister Jack Sharkey am 12.6.1930 gewann S. – in New York zum Publikumsliebling geworden – durch Disqualifikation seines Gegners wegen Tiefschlag. S. führte damit als erster und bislang einziger Deutscher den Titel eines Schwergewichtsweltmeisters, der ihm allerdings längere Zeit wegen der Umstände seines Siegs von vielen nationalen Verbänden der USA nicht zuerkannt wurde. 1932 gab er dem Drängen der New Yorker Boxkommission nach und bestritt einen Rückkampf gegen Sharkey, den er umstritten nach Punkten verlor. In den folgenden Jahren versuchte S. erfolglos, in den USA wieder an einen Titelkampf zu gelangen, zumal ihn eine weitere Niederlage 1933 gegen den als „Boxclown“ berüchtigten Max Baer weiter zurückgeworfen hatte. Trotz dieser Niederlage befand sich S.s Popularität in der Heimat auf ihrem Höhepunkt, nicht zuletzt durch die Heirat mit Anny Ondra im Sommer 1933, zu der Adolf Hitler ein Geschenk schickte. S. und Ondra waren ein Glamour-Paar der NS-Zeit und auf allen großen gesellschaftlichen Anlässen präsent. Während S. und die neuen Machthaber versuchten, große Boxveranstaltungen in Deutschland zu organisieren und die Weltmeisterschaft ins Land zu holen, bereitete S.s jüd. Manager Jacobs, von dem er sich auch auf Druck der Nationalsozialisten nicht trennte, einen erneuten Qualifikationskampf in den USA vor. Am 19.6.1936 trat S. gegen den als unschlagbar geltenden Joe Louisan, den er in einem spektakulären Kampf nach|zwölf Runden durch K.O. besiegte. Der Sieg gegen den Schwarzen Louis wurde von den Nationalsozialisten als Bestätigung ihrer Rassenideologie gedeutet. Wegen seiner Nähe zu den dt. Machthabern wurde S. um den verdienten Kampf gegen den Weltmeister James J. Braddock gebracht. Statt dessen trat Louis 1937 gegen Braddock an, schlug diesen und wurde damit Schwergewichtsweltmeister. Den ideologisch aufgeheizten Rückkampf gegen Louis verlor S. am 22.6.1938 klar in nur 127 Sekunden durch K.O.

S.s Glanzzeit als Boxer war damit beendet, aber auch als Symbolfigur für das NS-Regime wollte er sich nicht mehr einspannen lassen. Ohne zum Regimegegner zu werden, ging er auf Distanz, auch weil er im privaten Umfeld immer öfter um Hilfe gebeten wurde, größtenteils von jüd. Freunden, die versuchten, das Land zu verlassen. 1940 wurde er als Fallschirmjäger zur Wehrmacht eingezogen, ein Jahr später aber nach einer Verwundung auf Kreta wieder entlassen. S. legte seinen Titel als Europameister nieder und gab 1942 seine Boxlizenz ab. Die letzten Kriegsjahre erlebte er auf seinem Gut in Pommern, von wo er vor der russ. Armee nach Hamburg floh. Die Lizenz für eine mit Axel Springer und John Jahr geplante Verlagsgründung wurde 1945 von der engl. Militärverwaltung verweigert. S. versuchte daraufhin 1947 mit seinem Trainer Machon ein Comeback, mußte aber nach fünf schwachen Kämpfen endgültig vom Boxsport zurücktreten. Er bestritt im Lauf seiner Profi-Karriere insgesamt 70 Kämpfe, von denen er 56 gewann, 38 davon durch K.O.

In den Folgejahren versuchte sich S. als Nerzzüchter, Tabakbauer und Hersteller von Eierlikör. 1957 erhielt er eine Lizenz für die Abfüllung und den Vertrieb von Coca-Cola im Gebiet Hamburg-Ost. S.s Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann in Hamburg-Wandsbek währte bis in die 1990er Jahre. In seinen letzten Lebensjahren, v. a. nach dem Tod seiner Frau, zog er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Popularität aus der Zeit seiner Boxerfolge blieb bis zu seinem Lebensende erhalten, zumal S. ein Symbol des Wirtschaftswunders wurde. Auch in den USA war der für seine höflichen Umgangsformen bekannte S. bis zu seinem Tod ungewöhnlich populär; er wurde 1992 als einziger Deutscher in die „International Boxing Hall of Fame“ aufgenommen. S. engagierte sich für soziale Einrichtungen, wie die Dt. Sporthilfe und die SOS-Kinderdörfer, und gründete 1991 in Hamburg die „Max-Schmeling-Stiftung“ zur Unterstützung von in Not geratenen Sportlern und bedürftigen älteren Menschen (Stiftungsvolumen ca. 10 Mio. DM).

21. Walther Rathenau

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Nach dem Abitur 1885 am Kgl. Wilhelms-Gymnasium in Berlin studierte R. Physik, Chemie und Philosophie in Berlin und Straßburg; 1889 mit einer Dissertation über „Die Absorption des Lichts in Metallen“ promoviert, schloß er ein polytechnisches Studium an der TH München an. Mit einem Industriepraktikum bei der „Aluminium-Industrie-AG“ in Neuhausen (Schweiz) begann R. 1892 seine Laufbahn in der von seinem Vater begründeten AEG, für die er als Fachmann für Elektrochemie 1893 den Aufbau der Elektrochemischen Werke in Bitterfeld übernahm, um dort die Entwicklung elektrolytischer Verfahren zur industriellen Erzeugung von Aluminium, Kalciumkarbid und Acytelengas voranzutreiben. In den Folgejahren mit der Errichtung weiterer elektrochemischer Werke und Versuchen zur elektrischen Kraftübertragung befaßt, wurde R. 1899 in den Vorstand der AEG berufen, in dem er die Verantwortung über die Abteilung für Zentralstationen erhielt. 1902 wechselte er für fünf Jahre als Geschäftsinhaber unter der Direktion Carl Fürstenbergs (1850–1933) zur Berliner Handels-Gesellschaft, der Hausbank der AEG und wurde 1904 in den Aufsichtsrat der AEG berufen (1912 Vors.).

Beim zielstrebigen Aufstieg in die Wirtschaftselite des Kaiserreichs bewahrte R. eine teils gesuchte, teils erzwungene Distanz zur wilhelminischen Gesellschaft und wurde zum kritischen Beobachter seiner Zeit. Jahrzehntelang zwischen geschäftlichen und künstlerischen Neigungen schwankend, trat er als Industrieorganisator und Inhaber einer Vielzahl von Aufsichtsratsmandaten ebenso hervor wie als umfassend gebildeter Intellektueller und vielgelesener Sozialphilosoph, aber auch als begabter Laienmaler und Schöpfer künstlerischer Entwürfe für sein selbstentworfenes Haus in Berlin-Grunewald und ein 1909 in Freienwalde (Mark) erworbenes Hohenzollernschlößchen. R. verband unternehmerisches Handeln, politisches Wollen und kulturelle Reflexion in einer seine Mitwelt oft irritierenden Weise und nicht ohne Rückschläge. Als Jude wurde er nach seiner Militärdienstzeit 1890/91 bei den preuß.Gardekürassieren nicht zum Reserveoffiziersexamen zugelassen und nach dem Rücktritt von Reichskanzler Bernhard v. Bülow 1909 auch in seinem Bemühen um eine politische Karriere im Lager der Nationalliberalen behindert, die er als Begleiter des Staatssekretärs im neugegründeten Reichskolonialamt, Bernhard Dernburg, auf zwei Informationsreisen nach Dt.-Ostfrika und Dt.-Südwestafrika 1907/08 begonnen hatte. Die Doppelrolle eines elitären Außenseiters, der zwar 1895 bei der jüd. Gemeinde Charlottenburg seinen „Austritt aus dem Judenthume“ beantragte, aber nie rechtsgültig vollzog und auch nicht zum christl. Glauben übertrat, führte R. an die Seite von Maximilian Harden (1861–1927), in dessen 1892 gegründeter Wochenzeitschrift „Die Zukunft“ er – zunächst unter Pseudonym – eine Vielzahl feuilletonistischer Betrachtungen besonders zu wirtschaftlichen und ethischen Fragen veröffentlichte. Unter ihnen erregte ein 1897 von antisemitischen Zügen nicht freier Assimilationsaufruf unter dem Titel „Höre, Israel!“ erhebliches Aufsehen, schon bevor R. seine gesammelten „Zukunft“-Essays als „Impressionen“ (1902) und „Reflexionen“ (1908) unter eigenem Namen erscheinen ließ.

In den folgenden Jahren wuchs R. in die Stellung eines der Kultur der Kaiserzeit durch vielfältige Verbindungen und Freundschaften – etwa mit Gerhart Hauptmann, Harry Gf. Kessler, Ernst Troeltsch, Fritz v. Unruh, Frank Wedekind und Stefan Zweig – verbundenen homme de lettres hinein. Seine 1912/13 publizierten Bücher „Kritik der Zeit“ und „Zur Mechanik des Geistes oder Vom Reich der Seele“, die die Gegenwart als Mechanisierungszeitalter deuteten und in spekulativer Weise durch einen Übergang von der materiellen Welt des „Intellekts“ zu einer ideal gerichteten Welt der „Seele“ überwunden wissen wollten, trafen den Ton seiner Zeit, nicht zuletzt auch in ihrer rassisch argumentierenden Scheidung von Furcht- (oder Zweck-) und Mutmensch. Bereits 1911 hatte R. zugleich seinen antijüd. Affront von 1897 mit einem Aufsatz korrigiert, der das Versagen des preuß. Staates bei der politischen Integration der dt. Juden angriff und den Untergang der auf dem Machtausschluß des liberalen Bürgertums beruhenden und im Glauben an „pseudogerman. Ausschließlichkeit“ befangenen Herrschaftsklasse in Deutschland|prophezeite. Der nach nationaler Weltgeltung strebenden Politik des wilhelminischen Zeitalters setzte R. das Programm einer mitteleurop. Zollunion als Kernstück einer „solidarischen Zivilisation“ entgegen, das ihn zum Vordenker einer zivilgesellschaftlichen Alternative zur machtstaatlichen Antwort auf die Krise der klassischen Moderne macht.

Seine geschäftlichen Erfolge als „Konzern-Architekt“, mit denen R. aus Rationalitätsgründen auf eine gemischtwirtschaftliche Kartellisierung der dt.Elektrizitätsindustrie und die Schaffung eines „Reichselektrizitätsmonopols“ hinarbeitete, trugen zum weiteren Aufstieg der AEG bei. Bei Ausbruch des Kriegs 1914 erkannte R. die unzureichende wirtschaftliche Vorbereitung Deutschlands und regte eine zentrale Erfassung und Verwaltung kriegswichtiger Rohstoffe an. Daraufhin zum Abteilungsleiter im preuß. Kriegsministerium ernannt, schuf er binnen kurzem eine Mammutbehörde, die die gesamte dt.Industrie einer an den Bedürfnissen der Kriegführung orientierten Beaufsichtigung unterwarf und damit seinen wirtschaftspolitischen Ordnungsvorstellungen stark entgegenkam, ihm aber auch den Vorwurf der Verquickung von Kriegsdienst und Konzerninteressen eintrug. Im März 1915 schied R. aus dem Kriegsrohstoffamt aus und kehrte zur AEG zurück. Nach dem Tod seines Vaters im selben Jahr scheiterte er in seinem Bemühen, dessen Nachfolge anzutreten, und wurde statt dessen zum „Aufsichtsratspräsidenten“ der AEG mit Sondervollmachten bestellt.

Nach einem Zerwürfnis mit Erich Ludendorff, den er 1915/16 zeitweilig beraten hatte, zog R. sich für die Zeit des Kriegs aus öffentlichen Ämtern zurück. Er versuchte fortan v. a. durch Memoranden und persönliche Kontakte – etwa in der „Dt. Gesellschaft 1914“ und in der „Mittwochsgesellschaft“ – politischen Einfluß zu nehmen und entwickelte 1917 in einer vielbeachteten Schrift „Von kommenden Dingen“ seine Vision eines „Volksstaates“, indem er für eine grundlegende soziale Bewußtseinsveränderung warb und eine Gesellschaft skizzierte, in der Klassenschranken aufgehoben, erblicher Reichtum abgeschafft und die industrielle Produktion zentral organisiert würde. Ungeachtet seines politischen Weitblicks, der ihn schon im Aug. 1914 mit der Sorge vor einer Kriegsniederlage erfüllt hatte, isolierte R. sich bei Kriegsende mit einem Aufruf zur Volkserhebung, der auf eine Verbesserung der dt.Verhandlungsposition bei den Friedensverhandlungen zielte, im kriegserschöpften Deutschland aber als Durchhalteparole eines Kriegsverlängerers aufgenommen wurde. In der Novemberrevolution spielte R. keine Rolle. Er wurde auch nicht in die erste Sozialisierungskommission berufen, der er mit wirtschafts- und gesellschaftstheoretischen Entwürfen vorgearbeitet hatte. Ebenso mißlang der Versuch, mit dem Demokratischen Volksbund eine eigene Partei zu gründen. Die DDP, der er daraufhin beitrat, verweigerte ihm einen Listenplatz zur Nationalversammlung.

R. zog sich erneut auf das Feld der politischen Publizistik zurück und veröffentlichte in rascher Folge eine Reihe von Schriften, die seine wirtschafts- und sozialpolitischen Zukunftsvorstellungen entwickelten. Doch erst als das Erstarken gegenrevolutionärer Strömungen die Schwäche des demokratischen Lagers sichtbar machte, fanden R.s Vorstellungen in politischen Kreisen breiteren Widerhall. 1920 wurde er in die Zweite Sozialisierungskommission berufen und als Sachverständiger in Reparationsfragen hinzugezogen, die nach dem Versailler Friedensvertrag zum Angelpunkt der dt. Außenpolitik wurden, um im Mai 1921 als Wiederaufbauminister in das 1. Kabinett Wirth einzutreten. Mit dem Wiesbadener Abkommen zur Umwandlung dt.Reparationsschulden in Sachlieferungen erreichte R. nach zähen Verhandlungen mit seinem franz. Amtskollegen Loucheur einen ersten Erfolg für seine politische Strategie, Deutschland von den Versailler Kriegsfolgen nicht gegen, sondern gemeinsam mit den alliierten Siegermächten zu entlasten. Der Rückzug der DDP aus der Regierung zwang ihn im Okt. 1921 zum Rücktritt. In den folgenden Monaten wirkte R. im Auftrag Reichskanzler Wirths als Sachverständiger für Wirtschaftsfragen – u. a. als Leiter der dt. Delegation bei den Reparationsverhandlungen in Cannes- und wurde Ende Jan. 1922 zum Außenminister ernannt.

In den knapp sechs Monaten seiner Amtszeit gelang es R. auf der Konferenz von Genua im April/Mai 1922, das Dt. Reich aus der außenpolitischen Isolierung zu lösen. Doch geriet seine Verständigungspolitik schnell in eine Sackgasse. Gerade der von ihm nur zögerlich betriebene Ausgleich mit Sowjetrußland, der am Rande der Genueser Konferenz in Rapallo paraphiert wurde, ließ Deutschland zwar mit einem Überraschungscoup auf die internat.Bühne zurückkehren, isolierte es aber gleichzeitig erneut von den Westmächten und zerstörte so endgültig die Grundlagen einer Verständigungspolitik, die bereits mit der Ablösung des kompromißbereiten franz. Ministerpräsidenten Briand durch Poincaré im Jan. 1922 massiv erschüttert worden war.

Am 24.6.1922 wurde R. auf der Fahrt in das Auswärtige Amt in Berlin-Grunewald von zwei nationalistischen Attentätern aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. Sie gehörten der „Organisation Consul“ (O. C.) an, einem paramilitärischen Wehrverband unter Führung des Marineoffiziers Hermann Ehrhardt (1881–1971). Das Attentat auf R., der während seiner Ministerzeit auf der nationalistischen bzw. völkischen Rechten als Jude und „Erfüllungspolitiker“ stärksten Anfeindungen ausgesetzt war, war Teil einer mit dem Überfall auf Philipp Scheidemann am 4.6.1922 begonnenen Anschlagsserie, mit deren Hilfe die O. C. die Republik destabilisieren wollte. Rasch erlassene Republikschutzvordnungen und schnelle Fahndungserfolge der Polizei zerschlugen die logistische Struktur der O. C. und verhinderten eine weitere Eskalation.

Der die Öffentlichkeit stets polarisierende R. wurde postum als Märtyrer der Republik gewürdigt und in der Weimarer Republik durch zahlreiche Gedenkzeichen geehrt, bevor das NS-Regime das Andenken an ihn zu tilgen suchte. Nach 1945 wurde er geschichtspolitisch in Ost und West vereinnahmt und in der DDR als Vorkämpfer der dt.-sowjet. Verständigung geehrt, während die Bundesrepublik ihn v. a. als Opfer von fanatischem Antisemitismus und politischem Extremismus würdigte. Im Kontext der sozialliberalen Entspannungspolitik kehrte der „Weg von Rapallo“ für kurze Zeit in die öffentliche Aufmerksamkeit zurück, und mehr als R.s gesellschaftspolitische Erwägungen finden seine wirtschaftsethischen Forderungen auch heute noch Aufmerksamkeit. Unabhängig von der konjunkturellen Schwankungen unterworfenen Rezeption seiner Schriften, kommt R. bleibender Rang ebenso als Mittler zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur zu wie als Verkörperung der vielfältigen Verwerfungen und Spannungslinien in der Epoche des krisenhaften Übergangs vom wilhelminischen Kaiserreich zur Weimarer Republik|.

22. Joachim Ringelnatz

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R. besuchte die Volksschule, dann das Staatsgymnasium und nach einem Schulverweis die Tollersche Privatschule in Leipzig, die er mit dem Einjährigen verließ. Seit 1901 fuhr er mit Einwilligung des Vaters weltweit zur See, u. a. bis nach Brit.-Honduras (Was e. Schiffsjungen-Tageb. erzählt, 1911). Nachdem er den Seemannsberuf 1903 wegen mangelnder Sehschärfe aufgeben mußte, begann er eine kaufmännische Lehre in Hamburg, leistete 1904 seinen Marine-Militärdienst und wurde Handlungsgehilfe in Leipzig und Frankfurt/M. 1908 reiste er wegen eines „Abenteuerphantoms“ nach Hull und folgte schließlich einem befreundeten Handlungsgehilfen nach München.

R.s Jugendzeit wurde begleitet von poetischen Versuchen, die 1901-07 in „Auerbach's Dt. Kinderkalender“ erschienen, den sein Vater herausgab. In München wurde R. in Kathi Kobus' Künstler-Kneipe „Simplicissimus“ zum „Hausdichter“, scheiterte jedoch mit seinem „Tabakhaus zum Hausdichter“, das er von März bis Dez. 1909 führte. Er verkehrte in Künstlerzirkeln wie der „Hermetischen Gesellschaft“ des Bibliophilen C. G. v. Maassen und versuchte sich in der Nachfolge Heines, Eichendorffs, Geibels und Dehmels (Gedichte, 1910). Auf zwei Kinderbücher (Kleine Wesen, 1910; Was Topf u. Pfann' erzählen kann, 1910) folgten kleine Novellen und Erzählungen (Ein jeder lebt's, 1913) voller genial-skurriler Details. Seine Gedichte der „Schnupftabaksdose“ (1912) setzten eine Tradition der Unsinnsdichtung des 19. Jh. fort, die heute nur durch R. und die „Galgenlieder“ Christian Morgensterns bekannt ist.

1911 reiste R. zu Freunden nach Riga und betreute 1912 in Klein-Oels die Bibliothek des Grafen Yorck v. Wartenburg, die auch den Nachlaß Diltheys enthielt. Nachdem er wegen einer Prügelei entlassen worden war, arbeitete er im Jahr darauf als Bibliothekar Börnes v. Münchhausens, später als Bibliothekar und Fremdenführer auf Burg Lauenstein (Oberfranken). Im Herbst 1913 kehrte er nach München zurück, wo er wieder im „Simplicissimus“ auftrat.

1914 zog R. begeistert in den Krieg. Meist auf Minensuchbooten in Wilhelmshaven und Cuxhaven eingesetzt, brachte er es 1917 bis zum Leutnant zur See und Bootskommandanten. Auch während des Kriegs schrieb er Gedichte und v. a. Erzählungen, die als eines von Albert Langens „Kriegsbüchern“ erscheinen sollten, von der Zensur jedoch verboten wurden (Die Woge, Marine-Kriegsgesch., 1922). Mit den kleinen erzählerischen Skizzen gelang R. eine Verbindung konventionellen Erzählens mit der leisen Parodie brüchig gewordener bürgerlicher Ideale, die Darstellung der Beziehungslosigkeit von politischem Geschehen und dem Schicksal des einzelnen, von pathetischem Bildungsnationalismus und politischer Ohnmacht. Seine beiden autobiographischen Bücher „Als Mariner im Krieg“ (1928) und „Mein Leben bis zum Kriege“ (1931) sind im wesentlichen zuverlässige, nicht-stilisierte Berichte der Zeit bis 1918, oft mit Tagebuchcharakter.

Nach Kriegsende scheiterten R.s Versuche, in Berlin Fuß zu fassen, daran, daß er keine Arbeitserlaubnis erhielt; er arbeitete in München bei der Postüberwachungsstelle und trat im Sommer 1920 wieder im „Simplicissimus“ auf, jetzt unter dem Pseudonym J. R., das er seit Dez. 1919 führte. Mit den Gedichtsammlungen „Turn-Gedichte“ und „Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid“ (1920; erw. u. v. Karl Arnold ill. 1923) legte er den Grundstein zu seiner Karriere als Kabarettist und reisender Vortragskünstler seiner eigenen Werke. Der Seemann Kuttel Daddeldu, eine Parodie eigener Seemannsträume, kam als kindliche und dennoch verdorbene Gestalt dem Zeitgeschmack ebenso entgegen wie die zahlreichen gesellschaftlich Deklassierten und einsamen Außenseiter in R.s Gedichten der frühen 20er Jahre. „Ich war aus dem Kriege entlassen“ – diese Anfangszeile aus „Von einem, dem alles danebenging“ (1923) - kennzeichnete das Lebensgefühl einer Generation ohne Orientierung.

Nach Auftritten in der Berliner Kleinkunstbühne „Schall und Rauch“ im Sept./Okt. 1920 folgten Engagements in vielen dt. Städten, in der dt.sprachigen Schweiz, in Wien und Prag, die R.s Ruhm festigten. Seine „Reisebriefe eines Artisten“ (1927), die Gedichte in „Allerdings“ (1928), den „Flugzeuggedanken“ (1929) und der Sammlung „Gedichte dreier Jahre“ (1932) sowie die Auswahlausgaben „103 Gedichte“ (1933) und „Gedichte,|Gedichte von Einstmals und Heute“ (1934) haben die einfachen Dinge, die Reduzierung der großen Gefühle auf alltägliche Wirklichkeit, die „Umverwandlung von Schwermut in lyrischen Leichtsinn“ (Peter Rühmkorf) zum Thema. Das gilt ebenso für R.s „Geheimes Kinder-Spiel-Buch (1924) und das „Kinder-Verwirr-Buch“ (1931), beide auch ein Zeugnis bewahrter und bewußt inszenierter Kindlichkeit und Naivität.

Weniger erfolgreich war R. als Dramatiker und Prosaist. Das Zeit- und Selbstbild. … liner Roma …“ (1921, gedr. 1924) nähert sich im Fragmentcharakter mit seinen Momentaufnahmen von der Großstadt Berlin der avangardistischen Collage-Literatur. Die Erzählungen in „Nervosipopel“ (1924) mit ihren unsinnsträchtigen Bildern und Symbolen der Phantasie und der Heimatlosigkeit des Außenseiters gehören in den Kontext expressionistischer grotesker Märchen. Von R.s dramatischen Versuchen hat sich wenig erhalten (Der Flieger 1918; Mannimmond, 1921; Zusammenstoß, 1931), seine Filmpläne sind verloren. Einzig die tragisch-rührende Seemannsballade „Die Flasche“ – im Jan. 1932 im Leipziger Schauspielhaus uraufgeführt – wurde zu Lebzeiten veröffentlicht und ein Erfolg, zumal R. mit ihr selbst in der Rolle des Matrosen Hans Pepper auf Tournee ging (Die Flasche u. mit ihr auf Reisen, 1932).

Schwermut ist auch in seiner Malerei (seit 1905), Landschaften und Seestücken der Einsamkeit, Darstellungen grotesker Szenen, zu spüren. R. fand Anschluß an die Berliner Kunstszene: 1922 hatte er seine erste Ausstellung in der Galerie Flechtheim, 1925 wurden zwei Bilder auf der Ausstellung der Preuß. Akademie der Künste verkauft. 1930 zog R. von München nach Berlin; seit 1933 hatte er Auftrittsverbot, letzte Gastspiele fanden in Zürich und Basel (1933/34) statt. In der Lungenheilstätte Beetz-Sommerfeld führte er ein letztes Tagebuch und schrieb an einem Roman (Krankenhaus-Tageb., Der letzte Roman, 1934).

23. Ernst Toller

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Wegen nervöser Eß-, Schlaf- und Gehstörungen mußte T. seine Schulausbildung zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr unterbrechen. 1907–14 besuchte er das Realgymnasium in Bromberg und immatrikulierte sich im April 1914 an der franz. Ausländeruniversität Grenoble. Bei Beginn des 1. Weltkriegs gelang ihm über die Schweiz die Flucht nach Deutschland, wo er in München als Kriegsfreiwilliger beim 1. bayer. Fußartillerie-Regiment eintrat. Als Unteroffizier (seit März 1916) an der Westfront erlitt T. im Mai 1916 einen psychischen und physischen Zusammenbruch, in dessen Folge er nach Lazarett- und Sanatoriumsaufenthalten 1917 als „dauernd arbeitsverwendungsfähig Heimat“ aus dem Kriegsdienst entlassen wurde. T. studierte Rechtswissenschaften und Nationalökonomie zunächst in München, wo er dem Kreis um den Theaterwissenschaftler Artur Kutscher (1878–1960)angehörte, dann seit Okt. 1917 in Heidelberg, wohin er Max Weber (1864–1920) nach der 2. Lauensteiner Tagung folgte. Während dieser Zeit näherte er sich dem in Europa damals erstarkenden intellektuellen Anarchismus an. T. wurde 1917 Vorsitzender der Heidelberger Ortsgruppe des „Kulturpolitischen Bundes der Jugend in Deutschland“, korrespondierte mit dem anarchistischen Theoretiker Gustav Landauer (1870–1919) und lernte in Berlin, wohin er Ende Dez. 1917 vor den bad. Militärbehörden ausgewichen war, den sozialistischen Publizisten Kurt Eisner (1867–1919) kennen. Ihm folgte er nach München, agitierte dort für den von der USPD angeleiteten Friedensstreik der Munitionsarbeiter und wurde am 3. 2. 1918 verhaftet. Die von T. verfaßten Flugblätter, die auf der Basis literarischer Skizzen entstanden, galten als versuchter Landesverrat, weil sie sich gegen die geplante Frühjahrsoffensive des dt. Heeres richteten und ihr Ton bei den Arbeiterinnen der Rüstungsbetriebe Wirkung zeigte. Am 6. 4. 1918 wurde T. u. a. auf Fürsprache Max Webers aus der Untersuchungshaft entlassen, aber im Juli 1918 nach Gerichtsbeschluß von den Münchner Psychiatern Emil Kraepelin (1856–1926) und Ernst Rüdin (1874–1952) untersucht. Im Sept. 1918 endgültig vom Kriegsdienst befreit, beteiligte er sich an Eisners Seite am Aufbau der Republik in Bayern, zunächst als|Mitglied des Arbeiterrats, nach Eisners Ermordung in der ersten Räterepublik als Vorsitzender des Zentralrats und während der kommunistischen Herrschaft als Abschnittskommandeur der Roten Armee. Anfang Mai 1919 entzog er sich in wechselnden Münchner Verstecken der Verfolgung durch „Weiße“ Truppen, bevor er Anfang Juni aufgespürt und am 16. 7. 1919 in einem Hochverratsprozeß zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt wurde.

Mit den in den Haftanstalten Eichstätt und Niederschönenfeld geschriebenen Gedichten (u. a. Das Schwalbenbuch, 1924) und in rascher Folge entstandenen Dramen (Die Wandlung, 1919; Masse-Mensch, 1921; Die Maschinenstürmer, 1922; Der dt. Hinkemann, 1923) wurde T. zum bekanntesten, in 27 Sprachen übersetzten dt. Bühnenautor der 1920er Jahre. Die Andeutungsbühne, die Entwicklung von Lichtregie und Massenszenarien, die Verwendung von dokumentarischen Filmaufnahmen und technischen Bühnenapparaturen wurden bis in die 1930er Jahre hinein von experimentierfreudigen Regisseuren (Karlheinz Martin, Jürgen Fehling, Erwin Piscator) an seinen Texten erprobt, bei Textänderungen oftmals gegen den Willen des Autors.

Nach der Entlassung aus der Haft 1924 gelangen T. noch kurzlebige Bühnenerfolge (Hoppla, wir leben!, 1927; Feuer aus d. Kesseln, 1930), doch überfielen ihn erneut die durch Krieg und Haft verstärkten Depressionen. Seine justizkritischen Schriften (u. a. Justiz, Erlebnisse, 1927) mündeten in den Plan einer autobiographischen Trilogie, die das Schicksal seiner von Krieg und Nationalismus zerstörten Generation beschreibt (Eine Jugend in Dtld., 1933, neu hg. u. komm. v. W. Frühwald, 2011, P; Briefe aus d. Gefängnis, 1935, Fragmente e. Spanienbuches, 1938/39). Seit Ende Febr. 1933 war T. in wechselnden Staaten im Exil, im Aug. 1933 wurde er ausgebürgert. Seine (zu) groß angelegten politisch-sozialen Projekte scheiterten, zumindest nach T.s eigener Einschätzung, so z. B. die Sammlung des dt.sprachigen Exils oder die humanitäre Aktion für die hungernden Flüchtlinge im Span. Bürgerkrieg, die durch Francos Sieg zeitlich überholt wurde. Am 22. 5. 1939, kurz vor dem Beginn des 2. Weltkriegs, den er vorausgesagt hatte, erhängte sich T. in einem Hotel in New York.

Den Nationalsozialisten gelang es, das Andenken T.s in ihrem Macht- und Einflußgebiet weitgehend zu zerstören. Erst zu Beginn der 1960er Jahre, als das Interesse am Verhältnis von Politik und Literatur wieder zu wachsen begann, wurden in zwei Auswahlausgaben auch Teile seines Werks wieder zugänglich (Ausgew. Schrr., Berlin [Ost] 1961; Prosa, Briefe, Dramen, Gedichte, Reinbek 1961). Die unterschiedlichen Versuche, T.s Dramen auf der Bühne wieder zu etablieren, blieben wegen der Zeitnähe dieser Stücke ohne Erfolg. Gegenwartsautoren wie Tankred Dorst (T., 1968) und Albert Ostermaier (Zw. zwei Feuern, T.topographie, 1993) stellten deshalb die Person T.s in den Mittelpunkt poetisch-dokumentarischer Texte, das Schicksal eines Autors, der am tragischen Zwiespalt zwischen einer gewaltgierigen Welt und der von ihm politisch wie literarisch ersehnten Menschheitsutopie zerbrochen ist.

24. Kurt Eisner

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1867 – 1919

Politiker, Journalist

Nach einer Karriere als profilierter sozialdemokratischer Journalist im späten Kaiserreich führte Kurt Eisner im November 1918 die Revolution in Bayern an, rief den Freistaat Bayern aus und wurde Ministerpräsident sowie Staatsminister des Äußern. In seiner Amtszeit wurden die Ausarbeitung einer neuen bayerischen Verfassung auf den Weg gebracht, das Frauenwahlrecht eingeführt, die geistliche Schulaufsicht beseitigt und wichtige soziale Forderungen der Sozialdemokratie verwirklicht. Die Ermordung Eisners am 21. Februar 1919 führte zur Ausrufung der Bayerischen Räterepublik.

Dem Berliner jüdischen Wirtschaftsbürgertum entstammend, besuchte Eisner seit 1876 das humanistische Ascanische Gymnasium und studierte von 1886 bis 1890 Germanistik und Philosophie an der Universität Berlin, ohne einen Abschluss zu erlangen. 1890 fand er in dem Depeschenbüro „Herold“ eine erste Anstellung, arbeitete von 1891 bis 1893 als Hilfsredakteur bei der „Frankfurter Zeitung“ und übersiedelte anschließend nach Marburg an der Lahn, wo er Redakteur des „General-Anzeigers“ (seit 1894 „Hessische Landeszeitung“) wurde. Seine Aufgabe, das Anzeigenblatt zu einer seriösen Tageszeitung umzubauen, war mit dem – letztlich gescheiterten – Ziel verbunden, eine Wiederwahl des antisemitischen Reichstagsabgeordneten Otto Böckel (1859–1923) im Wahlkreis Marburg-Kirchhain zu verhindern.

Nachdem er in Richard Wredes (1869–1932) Zeitschrift „Die Kritik“ einen ironisch-despektierlichen Artikel über Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) veröffentlicht hatte, wurde Eisner in einem aufsehenerregenden Prozess vor dem Königlichen Landgericht Berlin I am 27. April 1897 wegen Majestätsbeleidigung zu neun Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung aus dem Strafgefängnis Plötzensee erhielt er das Angebot, zu dem von Wilhelm Liebknecht (1826–1900) geleiteten SPD-Zentralorgan „Vorwärts“ zu wechseln, dessen Redaktion er seit Ende 1898 angehörte. Dies führte am 1. Dezember 1898 zum Eintritt Eisners in die SPD. Nach Liebknechts Tod bestimmte Eisner den politischen Kurs des Blatts, obgleich ihm der Posten des Chefredakteurs versagt blieb. Unter seiner Ägide nahm der „Vorwärts“ im Rahmen des von Eduard Bernstein (1850–1932) angestoßenen Revisionismusstreits eine vermittelnde Rolle ein. Als zentraler Vertreter des Neukantianismus innerhalb der SPD versuchte Eisner, die Parteitheorie auf eine neue Grundlage zu stellen, womit er viel Kritik auf sich zog, u. a. die des SPD-Vorsitzenden August Bebel (1840–1913) und des orthodoxen Marxisten Karl Kautsky (1854–1938). Dies hatte zur Folge, dass er im November 1905 den „Vorwärts“ verlassen musste.

Anschließend als freiberuflicher Schriftsteller und Journalist in Berlin tätig, wirkte Eisner u. a. an der von Heinrich Braun (1954–1927) und Lily Braun (1865–1916) herausgegebenen Wochenschrift „Die Neue Gesellschaft“ mit und wurde zum März 1907 der Nachfolger Adolf Brauns (1862–1929) als Chefredakteur der „Fränkischen Tagespost“. Mit seinem Bemühen, die Zeitung zu einem „Organ weltpolitischer Aufklärung“ zu machen, indem er überregionalen Themen und dabei v. a. der Außenpolitik des Deutschen Reichs einen für die Provinzpresse unüblich großen Stellenwert einräumte, zog Eisner erneut innerparteiliche Kritik auf sich. 1910 übersiedelte er nach München, wo er als Landtagsberichterstatter und freier Mitarbeiter der von Adolf Müller (1863–1943) geführten Tageszeitung „Münchener Post“ wirkte.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stimmte Eisner mit seiner Partei für Kriegskredite, da er von einem russischen Angriffskrieg ausging. Diese Annahme revidierte er seit Anfang 1915. Die Auseinandersetzung mit den Kriegsursachen machte ihn seit Ende 1916 zu einem der führenden Köpfe der Münchner Antikriegsbewegung, wodurch er zunehmend in Konflikt mit der bayerischen SPD-Parteiführung um Georg von Vollmar (1850–1922) und Erhard Auer (1874–1945) geriet. Im Mai 1917 schloss sich Eisner der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an, avancierte zu ihrer zentralen Führungsfigur in München und gehörte mit Felix Fechenbach (1894–1933) zu den Hauptorganisatoren der Münchner Januarstreiks 1918. Diese endeten mit der Inhaftierung Eisners und weiterer Streikführer sowie mit der weitgehenden Ausschaltung der Münchner Antikriegsbewegung.

Nach seiner Haftentlassung Mitte Oktober 1918 forderte Eisner weiterhin einen Verständigungsfrieden und agitierte für den Sturz der Monarchie. Am 7. November 1918 wirkte er führend an der mit der (M)SPD und den Gewerkschaften durchgeführten Friedenskundgebung auf der Münchner Theresienwiese mit, die den Ausgangspunkt für den revolutionären Umsturz und die Ausrufung des Freistaats Bayern durch Eisner am selben Tag bildete. Obgleich die Mehrheitssozialdemokraten in der neu gebildeten Regierung ein klares Übergewicht besaßen, wurde Eisner am 8. November 1918 zum Bayerischen Ministerpräsidenten sowie zum Staatsminister des Äußern bestimmt.

In der Regierung, der mit Heinrich von Frauendorfer (1855–1921) und Edgar Jaffé (1866–1921) auch Vertreter des liberalen Bürgertums angehörten, hatte Eisner mit seinen Anliegen einen schweren Stand: Sein Widerstand gegen sofortige Neuwahlen schürte ebenso Misstrauen wie seine enge Verbindung zu den Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten, die seine eigentliche Machtgrundlage bildeten. Stets dem unberechtigten Vorwurf ausgesetzt, auf eine reine Räteherrschaft hinzuarbeiten, fand Eisner auch für seinen föderalistischen Ansatz wenig Unterstützung, der darauf abzielte, das Deutsche Reich von den Ländern aus neu aufzubauen, um zentralistische Strukturen zu verhindern. Gleichwohl gelangen der Regierung Eisner mehrere bleibende Neuerungen und soziale Errungenschaften, darunter die Einführung des Wahlrechts für Frauen, die Abschaffung der kirchlichen Schulaufsicht und die Einführung des Acht-Stunden-Tags. Die Ausarbeitung einer neuen parlamentarisch-demokratischen Verfassung wurde auf den Weg gebracht und mit dem Staatsgrundgesetz eine Übergangsverfassung verabschiedet, die wesentliche Bestimmungen der im August 1919 verabschiedeten Bamberger Verfassung vorwegnahm.

Heftige öffentliche Reaktionen provozierte v. a. Eisners Außenpolitik. Am 23. November 1918 veranlasste er die Veröffentlichung von Akten des bayerischen Staatsministeriums des Äußern aus dem Juli 1914, die die Schuld der deutschen Regierung am Kriegsausbruch belegen sollten, um so das Vertrauen der Siegermächte wiederzugewinnen und möglichst günstige Friedensbedingungen zu erwirken. Dies und sein Eingeständnis der deutschen Kriegsschuld auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Bern Anfang Februar 1919 machten ihn zu einer zentralen Hassfigur der radikalen Rechten. Am 21. Februar 1919 wurde Eisner auf dem Weg zum bayerischen Landtag, wo er den Rücktritt seiner Regierung erklären wollte, durch Anton Graf von Arco auf Valley (1897–1945) ermordet.

25. Paul Klee

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K. wuchs in Bern auf, wohin die Familie 1880 übersiedelte; im April 1897 bezog man ein eigenes Haus am Obstbergweg 6. Erste Anleitung im Zeichnen und Kolorieren erhielt K. von seiner Großmutter mütterlicherseits. 1886-90 besuchte er die Primarschule, während weiterer 4 Jahre das Städtische Progymnasium, dann die Literarschule des Städtischen Gymnasiums am Waisenhausplatz, wo er 1898 das Maturitätsexamen bestand. Aus diesem Anlaß verfaßte K. zusammen mit Hans Bloesch (1878–1945) die Mauleselzeitung „Die Wanze“. Bei Konzertmeister Karl Jahn, einem Schüler Joseph Joachims, erlernte K. das Violinspiel; rasche Fortschritte sollten ihm bald erlauben, als außerordentliches Mitglied im Städtischen Orchester mitzuwirken. Von den frühen literarischen Versuchen sind in Briefen und Tagebüchern – K. führte ein „Journal“ von Oktober 1897 bis Ende 1918 – eine Reihe von Gedichten erhalten. Die Frage, ob er Musiker, Schriftsteller oder Maler werden sollte, entschied er zugunsten der bildenden Kunst.

An der Münchener Akademie fand er wegen fehlender Übung im figürlichen Zeichnen zunächst keine Aufnahme. Zur Vorbereitung besuchte er die Zeichenschule von Heinrich Knirr. Im Oktober 1900 trat er dann an der Akademie in die Klasse Franz von Stucks ein, folgte dem Unterricht indes nur bis März 1901. Als entscheidender Wendepunkt im Studiengang wurde von K. ein Aufenthalt in Burghausen in der ersten Julihälfte 1899 empfunden, wo er von Walter Ziegler in die Technik des Radierens eingeführt wurde. Erste selbständige Radierversuche unternahm K. erst im Mai 1901 (Abenteuerlicher Fisch). In diesen Jahren der Entwicklung spielten Frauen eine wichtige Rolle. 1899 begegnete K. auf einer musikalischen Soiree der Pianistin Lily Stumpf, mit der er in der Folge häufig musizierte sowie Opern- und Konzertaufführungen besuchte. Einem Liebesverhältnis mit einer Verkäuferin „Tini“ entstammte ein Knabe, der jedoch kurz nach der Geburt starb (5.-29.11.1900). Auch eine Liebelei mit dem Aktmodell Cenzi Resthmayer blieb Episode (Jahreswende 1900/01), brachte K. indes seine innige Verbundenheit mit Lily Stumpf um so stärker zum Bewußtsein; kurz vor seiner Rückkehr nach Bern verlobte er sich mit ihr.

Am 30.6.1901 kehrte K. nach Bern zurück, brach aber bereits am 22. Oktober wieder mit dem befreundeten Bildhauer Hermann Haller (1880–1950) zu einem sechsmonatigen Studienaufenthalt nach Italien auf. Von Genua kommend trafen die Freunde am 27. Oktober in Rom ein. Seit Januar 1902 zeichnete K. abends im Deutschen Künstlerverein nach Natur. Vor seiner Rückkehr weilte er einige Tage in Neapel (mit Besuch von Pompeji, Sorrent und Amalfi) und in Florenz. In Italien wurde K. angesichts der Meisterwerke der Antike und der Renaissance die epigonale Haltung der eigenen Zeit schmerzlich bewußt. Der aus dieser Erkenntnis resultierenden Ratlosigkeit suchte er sich in der Folge durch Karikatur und Satire zu erwehren.

Ausschlaggebend für die weitere künstlerische Entwicklung waren die in der Abgeschiedenheit des Elternhauses verbrachten Jahre 1902-06: In dieser Berner Zeit erarbeitete sich K. die Grundlagen seines Schaffens. Seit November 1902 besuchte er die Vorlesung „Plastische Anatomie für Künstler“ von Hans Strasser. Dreimal in der Woche zeichnete er abends Akt im Kunstgewerbemuseum. Gemeinsam mit Louis Moilliet betrieb er private Aktstudien, im Frühjahr 1903 nach einem weiblichen Modell, im Juli nach einem Knaben. Marguerite Frey-Surbek wurde 1904 Privatschülerin von K. Im Winter 1902/03 und 1904/05 spielte K. im Berner Stadtorchester in den Abonnementskonzerten. Oktober 1903-März 1906 rezensierte er Opern- und Konzertaufführungen für das „Berner Fremdenblatt“. Gelegentliche Reisen führten K. auch jetzt ins Ausland. Vom 31.5.-13.7.1905 reiste er mit seinen Freunden Bloesch und Moilliet zum ersten Mal nach|Paris. Mit Bloesch unternahm er auch eine Studienreise nach Berlin (9.-16.4.1906). Im Sommer 1906 wurden erstmals Arbeiten K.s öffentlich ausgestellt: Die Münchener Sezession zeigte seine 11 Radierungs-Inventionen. Nach seiner Heirat ließ sich K. am 1. Oktober 1906 in München nieder, in einer kleinen Wohnung im Gartenhaus Ainmillerstraße 32. 1908 bezog er ein Atelier in der Feilitzschstraße 3. Für die finanzielle Grundlage sorgte seine Frau, die Klavierunterricht gab. Von April bis Juni 1908 erteilte K. Abendakt-Korrektur an der Debschitz-Schule. Im Mai wurde er Mitglied der Vereinigung Schweizerischer Graphiker „Die Walze“.

Eine erste Werkübersicht von 56 Arbeiten fand in der Schweiz im Herbst 1910 statt: im September im Kunstmuseum Bern, im Oktober im Kunsthaus Zürich, im November in der Kunsthandlung zum Hohen Haus in Winterthur und im Januar 1911 in der Kunsthalle Basel. Im Juni 1911 stellte die Moderne Galerie (Thannhauser) im Arcopalais in München 30 Blätter aus.

Im Februar 1911 begann K. einen Werkkatalog seiner bisherigen Arbeiten anzulegen, den er bis kurz vor seinem Tod führte. November 1911-Dezember 1912 berichtete er in der schweizerischen Monatsschrift „Die Alpen“ über Ausstellungen und andere kulturelle Ereignisse in München. 1912 veröffentlichte Hans Bloesch in dieser Zeitschrift (6. Jahrgang, Heft 5) unter dem Titel „Ein moderner Graphiker“ eine erste Würdigung von K.s zeichnerischem Schaffen. Allmählich knüpfte K. Kontakte mit Gleichgesinnten. Im Januar 1911 wurde er von Alfred Kubin aufgesucht, der kurz zuvor eine Zeichnung von ihm erworben hatte. Mit Kubin gehörte er im Herbst des Jahres dann zu den Gründungsmitgliedern einer Vereinigung junger Maler, Bildhauer und Dichter, die sich „Sema“ nannte. K. fühlte sich indes stärker zu den Künstlern des „Blauen Reiter“ hingezogen, zu Kandinsky, Marc und Macke, die er zur selben Zeit kennenlernte. An der 2. Ausstellung der Redaktion „Blauer Reiter“, die 1912 in der Buchhandlung von Hans Goltz stattfand, beteiligte er sich mit 17 Zeichnungen. Ferner stellte K. 1912 mit dem „Modernen Bund“ im Zürcher Kunsthaus und mit dem Sonderbund in Köln aus. 1913 war er im ersten deutschen Herbstsalon der Berliner Galerie „Der Sturm“ mit 8 Aquarellen und 14 Zeichnungen vertreten. 1914 half K. die „Neue Münchener Sezession“ begründen. Wilhelm Hausenstein wies in seinem Buch „Die bildende Kunst der Gegenwart“ (1914) als erster im Rahmen einer Übersicht über die aktuelle Kunst auf K. hin.

Im April 1912 reiste K. ein zweites Mal nach Paris und machte Atelierbesuche bei Robert Delaunay und Henri Le Fauconnier. Delaunays Aufsatz „Über das Licht“ übersetzte K. für die Zeitschrift „Der Sturm“ (3. Jahrgang, Heft 144/145, 1913). Eine mit Moilliet auf Frühjahr 1913 geplante Studienreise nach Tunesien konnte erst über Ostern 1914 durchgeführt werden. Jetzt schloß sich auch Macke an. Am 6. April schifften sie sich in Marseille ein; Reisestationen waren Tunis, Saint-Germain, Sidi-Bou-Said und Karthago, Hammamet, Kairouan und Tunis. Am 20. April trat K. die Rückreise über Italien allein an.

1916-18 war K. eingezogen. Er diente bei der Werftkompagnie der Fliegerersatzabteilung in Schleißheim und seit Januar 1917 in der Bayerischen Fliegerschule V in Gersthofen, wo er als Schreiber in der Kassenverwaltung eingesetzt wurde. Die künstlerische Produktion erfuhr in dieser Zeit kaum eine Unterbrechung. Eine Ausstellung in der „Sturm“-Galerie in Berlin im Februar 1917 verbesserte dank zahlreicher Verkäufe seine materiellen Verhältnisse.

Als 3. Band der „Sturm“-Bilderbücher erschien 1918 eine Auswahl von 24 Zeichnungen. Hausenstein faßte im Juli dieses Jahres den Plan, über K. ein Buch zu schreiben: Es erschien im März 1921 unter dem Titel „Kairuan oder eine Geschichte vom Maler K. und von der Kunst dieses Zeitalters“. Ein von K. im Entwurf „Graphik“ überschriebener, im November 1918 abgeschlossener Text, in dem er das eigene Schaffen zu erläutern sucht, wurde 1920 in der Anthologie „Schöpferische Konfession“ der „Tribüne der Kunst der Zeit“ publiziert. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, lautet ein Leitsatz, der epochale Bedeutung erlangen sollte.

1919 mietete K. einen Atelierraum im Schlößchen „Suresnes“ in der Werneckstraße. Mit dem Kunsthändler Hans Goltz schloß er am 1.10.1919 einen Verkaufsvertrag für 3 Jahre ab, der später bis 1925 verlängert wurde. 1920 veranstaltete Goltz die bisher umfassendste Werkschau (362 Arbeiten). Der Versuch Oskar Schlemmers, des Vorsitzenden des Studentenausschusses, eine Berufung K.s an die Stuttgarter Akademie als Nachfolger Adolf Hölzels zu erwirken, war im Sommer 1919 gescheitert.

1920 wurde K. von Walter Gropius als Lehrer an das Staatliche Bauhaus nach Weimar berufen; er nahm seine Tätigkeit am 10.1.1921 auf. Mitte April übernahm er als Formmeister die Buchbinderwerkstätte; 1922/23 stand er dem Atelier für Glasmalerei vor. Der Unterricht gliederte sich in die theoretische Vorlesung zur Form- und Gestaltungslehre am Vormittag und in die praktischen Übungen am Nachmittag. Die Lehrerschaft des Bauhauses rekrutierte sich vorwiegend aus Malern; neben K. wirkten Lyonel Feininger, Johannes Itten, Wassily Kandinsky, Laszlo Moholy-Nagy, Georg Muche und der Bildhauer Gerhard Marcks. Aus Anlaß der großen Bauhaus-Ausstellung 1923 erschien die Buchpublikation „Staatliches Bauhaus in Weimar 1919–23) “, die K.s Aufsatz „Wege des Naturstudiums“ enthält. Im Herbst suchte K. Erholung auf der Nordseeinsel Baltrum. Im Sommer 1924 verbrachte er 6 Wochen auf Sizilien.

Zur Eröffnung einer Ausstellung seiner Werke im Kunstverein Jena hielt K. am 26.1.1924 einen, 1945 unter dem Titel „Über die moderne Kunst“ veröffentlichten, Vortrag, in dem er die Ergebnisse seiner Kunstlehre zusammenfaßte. 1924 veranstaltete die Société Anonyme New York die erste Ausstellung mit Werken K.s in den USA. Kurz darauf gründete Emmy Galka Scheyer mit Feininger, Jawlensky, Kandinsky und K. die Gruppe „The Blue Four“ mit dem Ziel, das Werk dieser Maler in den USA zu vertreiben.

Ende 1924 mußte das Bauhaus seine Tätigkeit in Weimar einstellen. Das Institut wurde von der Stadt Dessau übernommen. K. begann seinen Unterricht in Dessau am 23.6.1925 und bezog im folgenden Jahr eines der von Gropius erbauten Meisterhäuser an der Burgkühnauer Allee (ab April 1930: Stresemann-Allee). K. und Kandinsky leiteten in Dessau nunmehr auch eine freie Malklasse. 1925 erschien als Band 2 der von Gropius und Moholy-Nagy edierten Bauhausbücher K.s „Pädagogisches Skizzenbuch“, eine Kurzfassung der Vorlesungen für das 1. Semester. 1925 fand in der Galerie Vavin-Raspail K.s erste Pariser Ausstellung statt. Im gleichen Jahr beteiligte er sich an der ersten Gruppenausstellung der „Peinture surréaliste“ in der Pariser Galerie Pierre. Die Nationalgalerie Berlin erwarb 1925 das Gemälde „Der Goldfisch“ (1925). Der Braunschweiger Kaufmann Otto Ralfs gründete in diesem Jahr die K.-Gesellschaft, eine Vereinigung von Sammlern, die durch jährliche Ankäufe dem Künstler ein zusätzliches Einkommen sicherten. Während der Semesterferien unternahm K. in den folgenden Jahren jeweils ausgedehnte Reisen in den Süden, nach Italien (1926), Porquerolles und Korsika (1927), in die Bretagne (1928) und ins Baskenland (1929). Mit einer Ägyptenreise, die ihn vom 20.12.1928 bis 14.1.1929 nach Kairo, Gizeh, Luxor und Assuan führte, erfüllte sich K. ein lang gehegter Wunsch.

In der Galerie Flechtheim in Berlin, die von Goltz die Vertretung K.s übernommen hatte, fand vom 20.10.-15.11.1929 zum 50. Geburtstag eine 150 Arbeiten umfassende Ausstellung statt, die, auf 63 Nummern reduziert, 1930 vom Museum of Modern Art in New York übernommen wurde. Weihnachten 1929 gab Christian Zervos in den Éditions Cahiers d'Art eine Monographie mit einleitendem Text von Will Grohmann heraus. Im April 1930 erschien in der Reihe „Peintres nouveaux“ bei Gallimard in Paris eine kleine Publikation von René Crevel. Die schweren politischen Auseinandersetzungen, in die sich das Bauhaus immer stärker verstrickte, ließen die Last der Lehrtätigkeit zunehmend unerträglicher werden. Im Mai 1930 begann K. das Angebot Walter Kaesbachs zu erwägen, an der Düsseldorfer Akademie eine Professur zu übernehmen. Von einem Erholungsaufenthalt in Sils Baselgia im Engadin und einer Reise nach Genua, Viareggio und Lucca (12.7.-20.8.) zurückgekehrt, löste K. seinen Vertrag mit dem Bauhaus zum 1.4.1931.

Zum Willkommen zeigte der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen 1931 eine Werkübersicht von 252 Nummern. K. kam nach einer zweiten Sizilienreise am 19. Oktober nach Düsseldorf, wo er zunächst bloß 4 Schüler hatte. Im Herbst 1932 fuhr er über die Schweiz – in Zürich sah er die große Picasso-Ausstellung – nach Venedig und Padua. 1933 wurde K. von den Nazis als „galizischer Jude“ diffamiert; er mußte seine arische Herkunft nachweisen. Während seiner Abwesenheit durchsuchte die SA sein Haus in Dessau und beschlagnahmte vorübergehend die Korrespondenz. K. flüchtete sich vom 19. März bis 2. April in die Schweiz. Am 21. April wurde er mit sofortiger Wirkung aus dem Lehramt entlassen; kurz darauf übersiedelte er nach Düsseldorf. Im Oktober ging er einen Vertrag mit D. H. Kahnweiler (Galerie Simon) ein, der das Monopol für sämtliche Verkäufe außerhalb der Schweiz erhielt.

Am 23. Dezember 1933 emigrierte K. nach Bern und suchte 1939 um das schweizerische Bürgerrecht nach; doch er starb, noch ehe es ihm hätte zuerkannt werden können. Zunächst wohnte er im Elternhaus, seit dem Frühjahr 1934 im Kistlerweg 6/II. 1934 fand in der Mayor Galery, London, die erste Ausstellung in Großbritannien statt. 1935 zeigte die Kunsthalle in Bern 273 Werke aus des Künstlers eigenem Besitz. Das Berner Kunstmuseum erwarb das Gemälde „Ad Parnassum“ (1932). Im Sommer 1935 machten sich erste Anzeichen einer Krankheit (Sklerodermie) bemerkbar, die wenige Jahre später zum Tode führen sollte. Zur Linderung waren in der folgenden Zeit Kuraufenthalte notwendig: 1936 in Tarasp und Montana-Vermala, 1937 in Ascona, 1938 auf Beatenberg, 1939 in Faoug am Murtensee. 1937 wurden in der deutschen Ausstellung „Entartete Kunst“ 17 Bilder von K. zur Schau gestellt, 102 weitere Werke aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt. Verzeichnet der Oeuvrekatalog für das Jahr 1936 nur 25 Arbeiten, so erfuhr die künstlerische Produktion in den folgenden Jahren eine gewaltige Steigerung: 1938: 489, 1939: 1 253, 1940: 366 Werke. Am 28.11.1937 empfing K. in seinem Heim den Besuch Pablo Picassos, über Ostern 1939 jenen von Georges Braque. Anläßlich seines 60. Geburtstages veranstaltete das Zürcher Kunsthaus 1940 eine Ausstellung von 213 Werken. Am 10. Mai begab sich K. zur Erholung ins Kurhaus Victoria nach Orselina (Locarno). Im Juni verschlimmerte sich sein Zustand derart, daß er in die Clinica SanťAgnese nach Muralto überführt werden mußte, wo er am 29. Juni starb.

1946 wurde der gesamte Nachlaß als deutsches Eigentum einer Treuhandverwaltung unterstellt, die 1947 aus diesem Besitz die Paul Klee-Stiftung errichtete. Diese wurde 1953 vom Sohn des Künstlers anerkannt und dem Berner Kunstmuseum übergeben. Die Stiftung enthält 40 Tafelbilder, 160 farbige Blätter, 2 256 Zeichnungen, 10 Skizzenbücher, 88 druckgraphische Blätter, 29 Hinterglasmalereien, 11 Skulpturen, den Oeuvrekatalog, die Manuskripte der Tagebücher, der theoretischen Bauhaus-Kurse und des Jenenser Vortrages.

K. selber ließ sein Schaffen erst von 1903 an gelten. 1911 nahm er in seinen Oeuvrekatalog zwar eine Auswahl von 18 zwischen dem 4. und 11. Lebensjahr entstandenen Zeichnungen auf, nicht aber die Arbeiten der Schulzeit: Bereits während der Münchener Studienjahre hatte er sich von den minuziösen Landschaftsdarstellungen, mit denen er als Gymnasiast nicht weniger als 10 Skizzenbücher gefüllt hatte, kritisch distanziert und schätzte nur mehr seine vom Jugendstil geprägten Karikaturen und humoristischen Randglossen, mit denen er seine Schulbücher und -hefte versehen hatte. Im Schaffen K.s lassen sich zwei Kategorien von Arbeiten unterscheiden: Solche die „ohne Natur“ und jene, die „nach der Natur“ entstanden sind. Bis Ende 1913 nahm er diese Differenzierung auch im Oeuvrekatalog mittels der Buchstaben A und B vor. Die von K. am Bauhaus gelehrte Maxime „Die Zwiesprache mit der Natur bleibt für den Künstler conditio sine qua non“ hatte er von früh an befolgt. Erst im Besitze der im Aktzeichnen und beim Sezieren gewonnenen Kenntnisse der menschlichen Anatomie wagte er sich 1903-05 an eine freie, vom direkten Naturvorbild unabhängige Anwendung in jener Folge von 11 Radierungen, die er „Inventionen“ nannte. Mit diesem „Opus eins“, wie K. es nannte, verwirklichte sich die künstlerische Absicht erstmals in gültiger Weise. Die Arbeit der nachfolgenden Jahre wurde von dem Anliegen diktiert, den vor der Natur gewonnenen Eindruck direkt in eine persönliche Bildsprache umzusetzen. 1905 rückte die methodische Erforschung der Lichtwirkungen, des Heil-Dunkels, ins Zentrum seines Interesses. 1908 erproben die Schwarzaquarelle dann die systematische Abstufung der Tonschritte von Licht zu Schatten, ein Verfahren, das K. 1910 auch auf die Farbigkeit übertrug. In den Zeichnungen führte die Entdeckung der dem Licht innewohnenden bildnerischen Energie zur Übersetzung dieser immateriellsten Erscheinung der Natur ins graphisch-lineare Element.

Wie sich K. einst von der akademischen Routine in Karikaturen Luft gemacht hatte, enthob er sich dem Zwang der Naturvorlage auch im Herbst 1908 und gestaltete aus seinem „Urgebiet der psychischen Improvisation“ 6 Illustrationen zum satirischen Epos „Der Musterbürger“ seines Freundes Bloesch. Diese und verwandte Zeichnungen können als direkte Vorstufen zu den 26 Zeichnungen betrachtet werden, die K. 1911-12 zu Voltaires Roman „Candide“ schuf (das Werk erschien erst 1920 im Druck). Aus der 1912 anhebenden Auseinandersetzung mit Kubismus und Orphismus empfing K. wesentliche Grundlagen für sein weiteres Schaffen. Lernte er vom Kubismus die tektonische Straffung der Komposition, so wurde er dank der orphistischen Theorie der farbigen Simultankontraste der dynamischen Beziehungen der Farbwerte gewahr. Doch erst in der Begegnung mit dem Orient erschloß sich K. das beharrlich verfolgte Geheimnis der Farbe: in Kairouan (15-17.4.1914) wußte er sich zum Maler geboren. In den Tunesien-Aquarellen hat K. zu einer autonomen Bildsprache gefunden. 1915 vollzog sich die Loslösung von jeglichem realen Ausgangspunkt: Das Kriegserlebnis ließ den Künstler eine distanzierte Lebenshaltung einnehmen. Er|wurde „abstrakt mit Erinnerungen“, wie er sagte, und seine Hand „ganz Werkzeug eines fernen Willens“. Zeichenhafte und emblematische Elemente bestimmen das Formenvokabular: Zahlen, Buchstaben, Ausrufezeichen, Pfeil, Auge, Gestirne.

Erst nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst wandte sich K. dem Ölgemälde zu; bis zu seinem 40. Lebensjahr hatte er seine Kunst fast ausschließlich in kleinformatigen Graphiken und Aquarellen geübt, kaum je aber im Tafelbild. Zu gleicher Zeit führte die Beschäftigung mit der Lithographie zur Entdeckung der aquarellierten „Ölfarbenzeichnung“: K. verwandte dieses Pausverfahren in der Folge häufig, um eine Zeichnung und Malerei integrierende Ganzheit zu erzielen.

Die Lehrtätigkeit am Bauhaus verlangte die Ausarbeitung eines pädagogischen Systems, dessen Fundament die Lehre von den „ideellen Mitteln“: Linie, Hell-Dunkel, Farbe, bildet. Die Erfahrungen der eigenen Entwicklung und früher in Tagebüchern notierte theoretische Reflexionen konnten zu diesem Zweck nutzbar gemacht werden. K. mußte sich über das klar werden, was er bisher meist unbewußt getan hatte. So führte etwa die Bewußtmachung von Farbgesetzen und -relationen, wie sie die Lehre an Farbkreis und Farbkugel demonstriert, zu den aquarellierten Farbstufungen und zu den Gemälden farbiger Quadrate. Namentlich in der zweiten Hälfte der 20er Jahre erprobte K. in Zeichnungen immer neue schematische Gesetzmäßigkeiten. In der Mathematisierung der Gestaltungsprozesse schlägt sich die technologisch-rationalistische Zielsetzung, wie sie am Bauhaus seit der Übersiedlung nach Dessau immer radikaler verfolgt wurde, sichtbar nieder. Doch behauptete sich den natürlichen und geometrischen Gesetzlichkeiten gegenüber auch jetzt die Intuition, sei es in der phantastischen und märchenhaften Thematik vieler Weimarer Arbeiten, sei es in Zeichnungen der späten 20er und frühen 30er Jahre, wo innere Regungen und Unbewußtes sich spontan der seismographisch registrierenden Hand mitteilen. Diese intuitive Arbeitsweise markiert die Wendung zum Irrationalen und Metaphysischen, welche die letzte Schaffensphase kennzeichnet.

Das Hauptanliegen der Düsseldorfer Zeit bildete das Licht: In den von K. als „divisionistisch“ bezeichneten Bildern überzieht ein dichter Raster aus Farbtupfen den ein- oder vielfarbigen Grund. In der gleichzeitigen Zusammenschau rufen Unterlage und Farbpartikel die Illusion eines schattenlosen Farblichts hervor. 1933 setzte eine Entfaltung zum monumental Großformigen, Lapidaren ein. In den Gemälden und jetzt zahlreichen Pastellen bevorzugte K. als Malgrund trocken anzufühlende Gewebe wie Baumwolle, derbe Jute oder Rupfen. Einfarbige Blätter wurden vielfach mit dem Pinsel pastos in Kleisterfarbe oder mit dem Kohlestift ausgeführt: die Graphik erfuhr eine Angleichung an die Malerei. Kennzeichnend für das Spätwerk ist die Verwendung von Balkenstrichen und -zeichen. Diese „Hieroglyphen“ und „Chiffren“ sind nicht mehr auf die Bildmitte zentriert sondern in lockerer Streuung über die Bildfläche verteilt. Die Bildformate weiten sich jetzt stetig und erreichen in „Insula dulcamara“ (1938) mit den Maßen 88 auf 176 Zentimeter das größte Format des Gesamtwerkes. Der Gehalt dieser Zeichenbilder kreist vielfach um weltanschauliche Fragen, um das eigene Schicksal und das Sterben. 1939 und 1940 fallen im zeichnerischen Werk als Besonderheit mehrere umfangreiche Zyklen auf: „Der Inferner Park“, „Vorbereitung zu einer Fußwaschung“, „Näherungen“. „Eidola“, „Detaillierte Passion“. Neben diese infernalischen Visionen und erschütternden Bekenntnisse des Ringens um Leben und Tod treten als Sinnbilder der Hoffnung und Läuterung Variationenfolgen über das Thema ‚Engeľ. K. selber mag in einem bereits 1939 vollendeten, jedoch weder signierten noch im Werkverzeichnis katalogisierten als letztem Stilleben auf schwarzem Grund bekannt gewordenen Gemälde sein künstlerisches Vermächtnis erblickt haben. Dem Schaffen K.s kommt in der Kunst des 20. Jahrhunderts eine zentrale Stellung zu; was seine technische, formale, ikonographische und inhaltliche Vielfalt und Vielschichtigkeit betrifft, dürfte es gar einzigartig dastehen. K.s Innovationen haben auf seine Zeitgenossen und auf die weitere Entwicklung der Kunst in einem großen, noch immer schwer abzuschätzenden Ausmaß wegweisend und befruchtend gewirkt.

 

26. Walter Benjamin

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1892 – 1940

Schriftsteller, Literaturkritiker, Übersetzer

Zu den Hauptwerken Walter Benjamins zählen der Traktat über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ (1928), die Aphorismen-Sammlung „Einbahnstraße“ (1928) – sowie postum publiziert – die literarisierten Erinnerungen an seine „Berliner Kinderheit um neunzehnhundert“ (1950) sowie das Fragment gebliebene „Passagen-Werk“ (1982). Seit den 1960er Jahren erfahren seine Schriften eine bis heute anhaltende breite, auch internationale Rezeption.

Leben

Benjamin war der älteste Sohn einer vermögenden jüdischen Familie, der sowohl auf väterlicher wie mütterlicher Seite herausragende Persönlichkeiten entstammten. Nach vorschulischem Privatunterricht besuchte er von 1903 bis 1912 die Charlottenburger Kaiser-Friedrich-Schule, unterbrochen nur von einem anderthalbjährigen Aufenthalt im Landerziehungsheim Haubinda (Thüringen), wo er den Schulreformer Gustav Wyneken (1875–1964) und den Musikpädagogen August Halm (1869–1929) kennenlernte. Nach dem Abitur studierte er Philologie und Philosophie an den Universitäten Berlin, Freiburg im Breisgau und München. In Berlin machte er 1915 die Bekanntschaft des Judaisten Gerhard (später: Gershom) Scholem (1897–1982), mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. 1917 setzte er sein Studium in Bern fort, lernte u. a. den Schriftsteller und Mitbegründer des Cabaret Voltaire (der Wiege des Dadaismus) Hugo Ball (1886–1927) sowie den Philosophen Ernst Bloch (1885–1977) kennen und wurde 1919 bei Richard Herbertz (1878–1959) mit einer Arbeit über die deutsche Romantik zum Dr. phil. promoviert.

Als 1925 alle Versuche, sich an einer deutschen Universität (u. a. Frankfurt am Main) zu habilitieren, gescheitert waren, verdiente Benjamin seinen Lebensunterhalt als freier Schriftsteller. Bis 1933/35 publizierte er hauptsächlich in der Berliner Wochenzeitschrift „Die literarische Welt“ und in der „Frankfurter Zeitung“. In den Jahren der Weimarer Republik machte er zahlreiche intellektuelle Bekanntschaften, u. a. des Philosophen Theodor W. Adorno (1903–1969), des Journalisten Siegfried Kracauer (1889–1966) sowie der Schriftsteller Bertolt Brecht (1898–1956) und Wilhelm Speyer (1887–1952). Er arbeitete an Speyers Roman „Gaby, weshalb denn nicht?“ (1930) sowie dessen Schauspielen „Es geht. Aber es ist auch danach“ (1929), „Jeder einmal in Berlin (1930) und „Ein Mantel, ein Hut, ein Handschuh“ (1933) mit und übertrug mit Franz Hessel (1880–1941) zwei Bände aus Marcel Prousts (1871–1922)Romanzyklus „À la recherche du temps perdu“ ins Deutsche (Im Schatten der jungen Mädchen; Die Herzogin von Guermantes). Reisen führten Benjamin zwischen 1924 und 1932 durch Europa.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme floh er im März 1933 aus Berlin und lebte fortan – unterstützt u. a. vom Institut für Sozialforschung – in Paris. In seinen Exiljahren verbrachte er teils mehrmonatige Aufenthalte auf Ibiza (1933), in Sanremo bei seiner geschiedenen Ehefrau (1934/35, 1936 und 1937/38) sowie bei Brecht in Dänemark (1934, 1936, 1938). Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Benjamin nahe der Ortschaft Vernuche interniert und kehrte nach seiner Freilassung im Dezember 1939 nach Paris zurück. Wegen der deutschen Besatzung Frankreichs ging er 1940 mit seiner Schwester Dora in den Süden des Landes und lebte in Lourdes. Im September floh er über die Pyrenäen nach Spanien, um über Lissabon in die USA zu gelangen. Nachdem ihm im spanischen Grenzort Portbou die Weiterreise verweigert wurde, beging er in der Nacht vom 26. auf den 27. September Suizid.

Werk

Benjamins Werk umfasst wissenschaftliche Abhandlungen, Literaturkritiken, philosophische und politische Aufsätze, ästhetisch-theoretische Essays, (literarisierte) Erinnerungen, Städte- und Denkbilder, Reiseimpressionen, (kommentierte) Anthologien, Gedichte und Übersetzungen. Seine frühesten Schriften datieren aus dem Jahr 1910, als der Schüler unter dem Einfluß seines Lehrers Wyneken in der Jugend(kultur)bewegung engagiert war. Bis 1916 publizierte er, mehrheitlich unter Pseudonym, Arbeiten u. a. in den Zeitschriften „Der Anfang“ und „Die freie Schulgemeinde“. Nach der Dissertation „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“ veröffentlichte er erst 1924/25 wieder eine größere, für seine intellektuelle Entwicklung einschneidende Arbeit: „Goethes Wahlverwandtschaften“. Mit diesem in den von Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) herausgegebenen „Neuen Deutschen Beiträgen“ erschienenen kunstphilosopischen Essay begründete er seinen Ruf als einer der herausragenden (Literatur-)Kritiker der Weimarer Republik.

Fortan publizierte Benjamin vornehmlich in linksliberalen Zeitungen und Zeitschriften wie „Frankfurter Zeitung“, „Die Gesellschaft“, „Kölnische Zeitung“, „Die literarische Welt“, „Magdeburgische Zeitung“, „Vossische Zeitung“ sowie in der Amsterdamer Revue „i 10“. Außerdem war er zwischen 1927/29 und 1933 mit Beiträgen zur Kinder- und Jugendstunde sowie literarischen Porträts häufig im Frankfurter und Berliner Rundfunk zu hören. 1928 veröffentlichte er kurz nacheinander zwei seiner Hauptwerke: die Aphorismen-Sammlung „Einbahnstraße“ und den als Habilitationsschrift entstandenden Traktat über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels“, in dem er im Zuge einer Wiederaufwertung der Literatur des deutschen Barock zugleich seine kunstphilosophischen Positionen aus dem Wahlverwandtschaften-Essays vertiefte und präzisierte. In den Folgejahren erschien die Mehrzahl seiner wichtigsten Essays und Porträts, u. a. „Der Sürrealismus“, „Zum Bilde Prousts“ (beide 1929), „Politisierung der Intelligenz“, „Theorien des deutschen Faschismus“ (beide 1930) „Linke Melancholie“, „Karl Kraus“, „Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft“ sowie „Kleine Geschichte der Photographie“ (alle 1931); diese Arbeiten wiesen Benjamin über alle thematische Vielfalt hinaus v. a. als äußerst originellen Kritiker aus. Seit 1924 veröffentlichte er darüber hinaus zahlreiche Städtebilder („Neapel“, „Moskau“, „Marseille“, „San Gimignano“), Reiseimpressionen („Nordische See“, 1930) und „Denkbilder“ („Kurze Schatten“ I und II, „Ibizenkische Folge“). Zwischen 1923 und 1932 erschienen seine wichtigsten Übersetzungen: u. a. die der „Tableaux parisiens“ von Charles Baudelaire (1821–1867).

Kurz vor und nach Benjamins Flucht aus Deutschland wurde das deutsche Publikum mit zahlreichen Stücken aus der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ bekannt, an der er seit 1932 arbeitete und deren letzte von ihm festgelegte Fassung (1938) ihren geplanten (Privat-)Druck nicht erlebte. So blieb die Anthologie „Deutsche Menschen“ – kommentierte Briefe deutscher Geistesgrößen –, die 1931/32 bereits einzeln in der „Frankfurter Zeitung“ erschienen waren, Benjamins einzige Buchpublikation der Exiljahre. Bis 1935 veröffentlichte er noch in reichsdeutschen Zeitungen wie „Frankfurter Zeitung“, „Kölnische Zeitung“ und „Vossische Zeitung“, anschließend war er auf deutsche Exilzeitschriften und fremdsprachige Organe angewiesen. Nur mit der Zürcher Zeitschrift „Der öffentliche Dienst“ (1933/34) sowie v. a. der „Zeitschrift für Sozialforschung“ (1934–1940) stellte er eine dauerhafte Zusammenarbeit her. In dem Organ des ehemaligen Frankfurter Instituts für Sozialforschung erschienen programmatische Aufsätze Benjamins: „Zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Standort des französischen Schriftstellers“ (1934), „Probleme der Sprachsoziologie“ (1935), der zunächst ins Französische übersetzte Kunstwerk-Aufsatz („L’œuvre d’art à l’époque de sa reproduction mécanisée“, 1936) – seiner Überzeugung nach „die erste Kunsttheorie des Materialismus, die diesen Namen verdient“ –, „Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker“ (1937) und zuletzt „Über einige Motive bei Baudelaire“ (1939/40). Letztgenannte Arbeit gehört in den Kontext des bereits 1927 begonnenen und in den Exiljahren intensiv wiederaufgenommenen „Passagen-Werks“, eines der Hauptwerke Benjamins, das jedoch Fragment blieb. Seine letzte Veröffentlichung zu Lebzeiten, „Une lettre de Walter Benjamin au sujet de ‚Le regard‛ de Georges Salles“, erschien im Mai 1940 in der „Gazette des amis des livres“ seiner Freundin Adrienne Monnier (1892–1955).

Vor 1933 bereits einem großen Publikum bekannt, dauerte es nach 1945 lange, ehe Benjamin wiederentdeckt wurde. Die frühen postumen Publikationen – der Goethe-Essay, die Thesen „Über den Begriff der Geschichte“, die erstmals in Buchform veröffentlichte „Berliner Kindheit“, die Neuausgabe der „Einbahnstraße“, die zweibändigen „Schriften“ sowie die wiederaufgelegten „Deutschen Menschen“ – erhielten anerkennende Kritiken, ohne größeres Interesse beim Publikum zu wecken. Das änderte sich mit dem politischen Wandel der Bundesrepublik in den 1960er Jahren und mit der Studentenbewegung. 1967 entfachte die Zeitschrift „Alternative“ eine heftige Debatte um die Herausgabe seiner Werke, bei der es nur vordergründig um Auslassungen seiner Editoren Adorno, Scholem und Rolf Tiedemann (1932–2018) ging. Vielmehr wurde Benjamin im Kontext gesellschaftskritischer und ästhetischer Debatten als Kronzeuge einer marxistischen Theorie reklamiert, die sich sowohl von der des Realsozialismus in der DDR als auch von der negativen Gesellschaftstheorie der „Frankfurter Schule“ (Adorno, Horkheimer) unterschied. Eine unmittelbare Folge dieser politischen Auseinandersetzungen, in denen sich Marxisten (u. a. Hildegard Brenner, geb. 1927, Hans Heinz Holz, 1927–2011, Helmut Lethen, geb. 1939) sowie dem Institut für Sozialforschung nahestehende Intellektuelle (v. a. Adorno, Tiedemann) fast unversöhnlich gegenüberstanden und bei denen es auch um die Deutungshoheit über Benjamins Werk ging, war die Edition seiner „Gesammelten Schriften“ (1972–1999). Mit ihnen wurde die Basis für seine breite, auch internationale Rezeption geschaffen, so dass Benjamin heute zu den meistdiskutierten deutschen Autoren gehört.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

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