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Der Dreißigjährige Krieg

Inhaltsverzeichnis

  1. Der Dreißigjährige Krieg: Um Macht und Glauben
  2. 400 Jahre Prager Fenstersturz. Wie ein Aufstand in Böhmen Europa in Brand setzte
  3. Die ,,Schlacht am Weißen Berg''
  4. Der Dreißigjährige Krieg: Ein Bürgerkrieg, der zugleich ein Hegemonialkrieg war
  5. Westfälischer Frieden. Die Stunde der Diplomaten

1. Der Dreißigjährige Krieg: Um Macht und Glauben

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Drei Jahrzehnte lang verheert das Ringen Mitteleuropa. Und doch steht an Ende des Dreißigjähriges Krieges das Fundament für die Zukunft des Kontinents

Der Dreißigjährige Krieg ist die Summe aller Krisen seiner Zeit. Er ist ein deutscher Krieg, ein europäischer Krieg, ein Krieg um Macht und um Religion. In ihm kulmi­nieren Streitigkeiten, die seit Jahrzehnten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation sowie im rest­lichen Europa gären. 30 Jahre lang kämpfen Protestanten und Katholiken um den rechten Glauben, streiten die Herrscher Dänemarks, Schwedens, der Niederlande und Frankreichs in wechselnden Kon­stellationen gegen den habsburgischen Kaiser des Reiches und dessen spanische Verwandte.

Ehe es Diplomaten 1648 gelingt, das Töten mit dem Westfälischen Frieden zu beenden, kommen wohl vier Millionen Menschen durch Gewalt, Hunger und Seuchen auf deutschem Boden um: Denn die Großmächte Europas tragen ihre Konflikte überwiegend auf dem Territorium des römisch-deutschen Reiches aus.

Der Dreißig­jährige Krieg ist eine Serie von Konflikten

Dieses Reich vereint rund 300 Reichsstädte, Grafschaften und Fürstentümer unter einem Herrscher, dem von sieben Kurfürsten gewählten Kaiser. Er ist der oberste Lehnsherr und Richter, sieht sich als Garant für den Frieden und Beschützer der Christenheit. Allerdings bestehen neben ihm mächtige Institu­tionen wie etwa der Reichstag, in dem die Reichsstände Sitz und Stimme haben: Vertreter des Adels, der Geistlichkeit und des Stadtbürgertums. Der Kaiser ist somit kein Alleinherrscher. Er muss sich mit den Ständen im Reichstag arrangieren.

1517 wird die geistliche und welt­liche Ordnung dieses frühmodernen Staates erschüttert: Der Wittenberger Theologe Martin Luther löst mit seinen Thesen zur Reform der Kirche die Spaltung der abendländischen Christenheit aus. Zwar einigen sich Protestanten und Katholiken 1555 im Augsburger Reli­gionsfrieden auf eine Koexistenz der beiden großen Konfessionen – doch Angst und Misstrauen bleiben. Vor allem die Lutheraner fühlen sich angesichts des wiedererstarkten und immer aggressiver auftretenden Katholizismus bedrängt.

Zudem führt seit etwa 1570 eine „kleine Eiszeit“ mit regnerischen Sommern und kühlen Wintern zu schlechten Ernten. Es kommt zu Hungersnöten und Seuchen. Gott scheint der Christenheit zu zürnen. Zu welcher Konfession sollen sich die Menschen in ihrer Not bekennen? Zum Katholizismus? Zu den Lutheranern? Oder den Calvinisten, die den Lehren des französischen Reformators Johannes Calvin folgen? Die Krise des Glaubens verbindet sich mit Existenzängsten, die Frage nach der Konfession mit der Frage nach der Macht – und diese mit den Herrschaftsstrukturen im Heiligen Römi­schen Reich deutscher Nation. Es sind all diese Nöte, die der Krieg der Kriege verschärfen wird.

Denn noch sind Kirche und Staat keine getrennten Instan­zen, die Religion ist in der Politik allgegenwärtig, im Reich wie in den Nachbarländern. In Frankreich etwa kämpft der katholische König gegen die protestantischen Hugenotten. Die calvinistisch geprägten Vereinigten Niederlande führen einen Unabhängigkeitskrieg gegen das katholische Spanien. Und der protestantische Zweig des Königshauses Wasa in Schweden konkurriert mit den katholischen Wasa in Polen sowie mit dem König von Dänemark um die Vorherrschaft im Ostseeraum.

Der gesamte Kontinent steht unter Spannung.

Und so entfacht eine regionale Revolte – der Aufstand böhmischer Adeliger gegen einen Cousin des Habsburger Kaisers – 1618 den euro­päischen Brand. Damit beginnt eine Serie von vier auf­einanderfolgenden Konflikten, die in der Summe den Dreißig­jährigen Krieg bilden. Diese vier Konflikte benennen Historiker heute nicht nach den betei­ligten Kontrahenten, sondern nach den jeweiligen Gegnern des Kaisers.

GEO Epoche

I. Böhmisch-Pfälzischer Krieg 1618–1623

Protestantische Adelige lehnen sich in Böhmen 1618 gegen ihren katholischen Landesherrn auf – und stürzen dessen Beamte aus einem Fenster der Prager Burg in die Tiefe. Im Jahr nach dem Fenstersturz wählen die böhmischen Stände den calvinistischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz zu ihrem neuen König. Der abgesetzte Landesherr aber, kurze Zeit später als Ferdinand II. zum Kaiser erhoben, mobilisiert daraufhin ein Verteidigungsbündnis, die katholische „Liga“, und schickt eine mächtige Streitmacht gegen die Aufständischen.

Die erste große Schlacht des Krie­ges wird 1620 am Weißen Berg in der Nähe von Prag geschlagen. Fer­dinand gewinnt, lässt die Anführer der Rebellen öffent- lich hinrichten und Böhmen gewaltsam rekatholisieren.Friedrich V. flieht nach Den Haag. Die calvinistischen Vereinigten Niederlande nehmen ihn in Schutz, spanisch-­katholische Truppen aber besetzen Teile der Kurpfalz, Friedrichs Stammlande. Seine Kurwürde erkennt ihm der Kaiser 1623 ab. Noch im gleichen Jahr endet der Böhmisch-Pfälzische Krieg.

Doch die Folgen des Fenstersturzes haben den Graben zwischen den Konfessionen aufbrechen lassen und die Kluft vergrößert zwischen Ferdinand II. und den protestantischen Fürsten – aber auch zwischen dem Kaiser und dessen euro­päi­schen Konkurrenten. Denn Ferdinand II. hat durch seinen brutalen Umgang mit dem Besitz des Pfälzers Friedrich V. die Reichstradition gebrochen – und so fürchten nun auch die anderen protestantischen Stände im Reich um ihre Rechte und Privilegien.

Zudem fühlen sich jetzt viele Nachbarstaaten von dem Kaiser aus dem Hause Habsburg bedroht. Seit fast zwei Jahrhunderten bringt das österreichische Herrschergeschlecht den römisch-­deut­schen Kaiser hervor; ein weiterer Zweig der Familie regiert Spanien mit seinem expandierenden Kolonialreich und herrscht über die Niederlande. Insbesondere die Franzosen fürchten nun die habsburgische Übermacht: fürchten, von Wien und Madrid abhängig zu werden.

Viele Nachbarstaaten Deutschlands mischen sich daher schon bald in den Konflikt zwischen dem katholischen Kaiser und den protestantischen Fürsten und Ständen ein: um eine Herrschaft der Habsburger über ganz Europa zu verhindern; um die ­eigene Existenz zu schützen; aber auch, um Ansprüche auf Land und Handelswege durchzusetzen. Klare konfessionelle Fronten gibt es dabei nicht. Das katholische Spanien etwa fördert die protestantischen Hugenotten in Frankreich, um die Regierung in Paris zu schwächen. Das katholische Frankreich wiederum unterstützt die protestanti­schen Schweden im Kampf gegen den katholischen Kaiser.

II. Niedersächsisch-Dänischer Krieg 1625–1629

Durch ein altes Lehnsverhältnis ist der König von Dänemark zugleich Herzog von Holstein. Christian IV. sieht sich als Beschützer der norddeutschen Protestanten. Als die durch den strengen Katho­li­zismus Ferdinands II. in Bedrängnis geraten, zieht er als gewählter Heerführer der niedersächsischen Protestanten 1625 gegen den Kaiser – finanziell unterstützt von England, den Vereinigten Niederlanden und Frankreich.

Doch die kaiserlich-katholischen Truppen sind dem Dänen und seiner Koa­lition überlegen. Nach vier Jahren muss sich Christian IV. zurückziehen. Ferdinand II. ist nun so mächtig wie nie zuvor. 1629 verfügt er die Rückführung großer Teile des protestantischen Kirchenbesitzes in katholische Hand.

GEO Epoche

III. Schwedischer Krieg 1630–1635

In die von Christian IV. gelassene Lücke stößt dessen ärgster Rivale im Kampf um die Macht im Ostseeraum: Gustav II. Adolf von Schweden. 1630 landet der König mit Truppen in Pommern – als Retter der deutschen Protestanten. Auch diesen Feldzug gegen die katholischen Habsburger ­finanziert Frankreich mit. Der mit den protestantischen Fürsten in Brandenburg und Sachsen verbündete Schwede rückt bis nach Bayern vor, doch sein Tod in der Schlacht bei Lützen 1632 beendet den Siegeszug seiner Allianz. Ein Jahr nach einer vernichtenden Niederlage der Schweden bei Nördlingen 1634 fallen die deutschen Fürsten von den Skandinaviern ab und schließen mit dem Kaiser den Prager Frieden.

Ordnung und Ruhe bringt der Vertrag aber nicht. Denn die Schweden bleiben mit ihren Truppen im Reich und finden einen mächtigen Verbündeten im Kampf gegen den Kaiser: Frankreich, das nun auch militärisch eingreift.

IV. Schwedisch-Französischer Krieg 1635–1648

Schwedische und französische Truppen kämpfen nun gemeinsam auf deutschem Boden. Für die Zivilbevölkerung beginnt die schlimmste Phase des Krieges. Über Jahre verheeren marodierende, durch das Soldatenleben vollkommen verrohte Söldner das Reich. Deutschland blutet aus. Trotz der zunehmenden Kriegsmüdigkeit auf allen Seiten einigen sich die beteiligten Großmächte erst Ende 1641 darauf, einen allgemeinen Friedenskongress abzuhalten, der schließlich 1643 zusammentritt.

Der westfälische Frieden 1648

Jahrelang und streng getrennt nach Konfessionen tagen mehr als 100 Gesandtschaften der europäischen Staaten sowie der deutschen Fürsten und Städte in Münster und Osnabrück. Als 1648 endlich die Verträge des West­fälischen Friedens unterschrieben werden, endet die schwerste Konfessions­krise und der größte Machtkampf im Europa der Frühen Neuzeit.

Fortan sind die Konfessionen einander gleichberechtigt. Nie wieder soll ein deutscher Fürst seinen Untertanen den eigenen Glauben aufzwingen dürfen. Die Vereinigten Niederlande erlangen offi­ziell ihre Unabhängigkeit von Spanien. Auch die Schweizer Eidgenossenschaft wird eigenständig und gehört nicht mehr zum Reich. 1654 erhebt der Reichstag die Verträge von Münster und Osnabrück zum Grundgesetz.

Und noch etwas schreibt der Westfälische Frieden für alle Zeiten fest: ­Keine Universalmacht – etwa der Kaiser – soll mehr in die politische und konfessio­nelle Eigenständigkeit der europäischen Na­tionen eingreifen. Diese wichtige völkerrechtliche Übereinkunft schafft die Grundlage für das zukünftige Gleich­gewicht der Mächte Europas.

2. 400 Jahre Prager Fenstersturz. Wie ein Aufstand in Böhmen Europa in Brand setzte

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Der Prager Fenstersturz im Jahr 1618 entzündet im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation einen Krieg um Konfessionen und politische Privilegien, der bald weite Teile Europas erschüttert: Eine Generation lang währt das Morden - erst dann gelingt es Diplomaten, das Abendland wieder zu ordnen

Der Dreißigjährige Krieg ist die Summe aller Krisen seiner Zeit. Er ist ein deutscher Krieg, ein europäischer Krieg, ein Krieg um Macht und um Religion. In ihm kulminieren Streitigkeiten, die seit Jahrzehnten gären im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und im restlichen Europa.

30 Jahre lang kämpfen Protestanten und Katholiken um den rechten Glauben, streiten die Herrscher Dänemarks, Schwedens, der Niederlande und Frankreichs in wechselnden Konstellationen gegen den habsburgischen Kaiser des Reiches und dessen spanische Verwandte. Bis Diplomaten das Morden 1648 mit dem Westfälischen Frieden beenden, kommen wohl vier Millionen Menschen durch Gewalt, Hunger und Seuchen auf deutschem Boden um. Denn die Großmächte Europas tragen ihre Konflikte überwiegend auf dem Territorium des römischdeutschen Reiches aus.

Dieses Reich vereint rund 300 Reichsstädte, Grafschaften und Fürstentümer unter einem Herrscher: dem von sieben Kurfürsten gewählten Kaiser. Er ist der oberste Lehensherr und Richter, sieht sich als Garant für den Frieden und Beschützer der Christenheit. Allerdings bestehen neben ihm mächtige Institutionen wie etwa der Reichstag, in dem die Reichsstände Sitz und Stimme haben: Vertreter des Adels, der Geistlichkeit und des Stadtbürgertums. Der Kaiser ist somit kein Alleinherrscher. Er muss sich mit den Ständen im Reichstag arrangieren.

1517 wird die geistliche und weltliche Ordnung dieses frühmodernen Staates erschüttert: Der Wittenberger Theologe Martin Luther löst mit seinen Thesen zur Reform der Kirche die Spaltung der abendländischen Christenheit aus. Zwar einigen sich Protestanten und Katholiken 1555 im Augsburger Religionsfrieden auf eine Koexistenz der beiden großen Konfessionen - doch Angst und Misstrauen bleiben. Insbesondere fühlen sich die Lutheraner angesichts des wiedererstarkten und immer aggressiver auftretenden Katholizismus bedrängt.

Krieg um Macht und Glauben

Zudem führt seit etwa 1570 eine "kleine Eiszeit" mit regnerischen Sommern und kühlen Wintern zu schlechten Ernten.

Es kommt zu Hungersnöten und Seuchen. Gott scheint der Christenheit zu zürnen. Zu welcher Konfession sollen sich die Menschen in ihrer Not bekennen? Zum Katholizismus? Zu den Lutheranern? Oder den Calvinisten, die den Lehren des französischen Reformators Johannes Calvin folgen?

Die Krise des Glaubens verbindet sich mit Existenzängsten, die Frage nach der Konfession mit der Frage nach der Macht - und diese mit den Herrschaftsstrukturen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Es sind all diese Nöte, die der Krieg der Kriege verschärfen wird. Denn noch sind Kirche und Staat keine getrennten Instanzen, die Religion ist in der Politik allgegenwärtig - im Reich wie in den Nachbarländern. In Frankreich etwa kämpft der katholische König gegen die protestantischen Hugenotten.

Die calvinistisch geprägten Vereinigten Niederlande führen einen Unabhängigkeitskrieg gegen das katholische Spanien. Und der protestantische Zweig des Königshauses Wasa in Schweden konkurriert mit den katholischen Wasa in Polen sowie mit dem König von Dänemark um die Vorherrschaft in Ostsee und Baltikum. Der gesamte Kontinent steht unter Spannung.

Der Prager Fenstersturz

Und so vermag eine regionale Revolte - der Aufstand böhmischer Adeliger gegen einen Cousin des Habsburger Kaisers -, 1618 den europäischen Brand zu entfachen. Mit dem "Prager Fenstersturz" beginnt eine unheilvolle Serie von vier aufeinanderfolgenden Konflikten, die in der Summe jenen großen, den Dreißigjährigen Krieg bilden (diese vier Konflikte benennen Historiker heute nicht nach den beteiligten Kontrahenten, sondern nach den jeweiligen Gegnern des Kaisers).

Der Böhmisch-Pfälzische Krieg (1618-1623)

Protestantische Adelige lehnen sich in Böhmen 1618 gegen ihren katholischen Landesherrn auf - und stürzen dessen Beamte aus einem Fenster der Prager Burg in die Tiefe.

Im Jahr nach dem Fenstersturz wählen die böhmischen Stände den calvinistischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz zu ihrem neuen König. Der abgesetzte Landesherr aber, kurze Zeit später als Ferdinand II. zum Kaiser erhoben, mobilisiert daraufhin ein Verteidigungsbündnis, die katholische "Liga". Er rüstet auf und schickt eine mächtige Streitmacht gegen die Aufständischen. Die erste große Schlacht des Krieges wird 1620 am Weißen Berg in der Nähe von Prag geschlagen. Ferdinand gewinnt, lässt die Anführer der "hochabscheulichen Rebellen" zur Abschreckung öffentlich hinrichten und Böhmen gewaltsam rekatholisieren.

Friedrich V., wegen seiner kurzen Regierungszeit als "Winterkönig" verspottet, flieht nach Den Haag. Die calvinistischen Vereinigten Niederlande nehmen ihn in Schutz - spanisch-katholische Truppen aber besetzen Teile der Kurpfalz, Friedrichs Stammlande. Seine Kurwürde erkennt ihm der Kaiser 1623 ab. Noch im selben Jahr wird der Böhmisch-Pfälzische Krieg beendet.

Doch die Folgen des Fenstersturzes lassen nicht nur den Graben zwischen den Konfessionen aufbrechen, sie vergrößern auch die Kluft zwischen dem habsburgischen Herrscher und den protestantischen Fürsten und Ständen, zwischen dem Kaiser und dessen europäischen Konkurrenten. Denn Ferdinand II. hat einerseits durch sein respektloses, ja brutales Verfahren mit der Würde und dem Besitz des Pfälzers Friedrich V. die Reichstradition gebrochen - nun fürchten auch die anderen protestantischen Stände im Reich um ihre Rechte und Privilegien.

Von den Habsburgern fühlen sich andererseits auch viele Nachbarstaaten bedroht. Seit fast zwei Jahrhunderten bringt das österreichische Herrschergeschlecht den römisch-deutschen Kaiser hervor. Ein weiterer Zweig der Familie regiert Spanien mit seinem expandierenden Kolonialreich und herrscht zudem über die Niederlande. Insbesondere die Franzosen fürchten nun die habsburgische Übermacht. Fürchten, von Wien und Madrid abhängig zu werden.

Ein Nachbarstaat nach dem anderen mischt sich deshalb schon bald ein in den "Teutschen Krieg". Um eine Universalherrschaft der Habsburger über Europa zu verhindern. Um die eigene Existenz zu schützen. Um Ansprüche auf Land und Handelswege durchzusetzen.

Klare konfessionelle Fronten gibt es dabei nicht: Das katholische Spanien etwa fördert die protestantischen Hugenotten in Frankreich, um die Regierung in Paris zu schwächen. Das katholische Frankreich wiederum unterstützt die protestantischen Schweden im Kampf gegen den katholischen Kaiser.

Der Niedersächsisch-Dänische Krieg (1625-1629)

Durch ein altes Lehensverhältnis ist der König von Dänemark zugleich Herzog von Holstein. Christian IV. sieht sich als Beschützer der norddeutschen Protestanten. Als die durch den strengen Katholizismus Ferdinands II. in Bedrängnis geraten, zieht er als gewählter Heerführer der niedersächsischen Protestanten 1625 gegen den Kaiser - finanziell unterstützt von England, den Vereinigten Niederlanden und Frankreich.

Doch die kaiserlich-katholischen Truppen sind dem Dänen und seiner Koalition überlegen. Nach vier Jahren muss sich Christian IV. im Frieden von Lübeck 1629 zurückziehen. Ferdinand II. ist nun so mächtig wie nie zuvor. Noch im gleichen Jahr verfügt er mit dem "Restitutionsedikt" (siehe Seite 165) die Rückführung großer Teile des protestantischen Kirchenbesitzes in katholische Hand.

Der Schwedische Krieg (1630-1635)

In die von Christian IV. gelassene Lücke stößt jetzt dessen ärgster Rivale im Kampf um die Macht über Ostsee und Baltikum: Gustav II. Adolf von Schweden. 1630 landet der König mit seinen Truppen in Pommern - als Heilsbringer und Retter der deutschen Protestanten. Auch diesen Feldzug gegen die katholischen Habsburger finanziert Frankreich mit.

Der mit den protestantischen Fürsten von Brandenburg und Sachsen verbündete Schwede rückt bis nach Bayern vor, doch sein Tod in der Schlacht bei Lützen 1632 beendet den Siegeszug seiner Allianz. Ein Jahr nach der vernichtenden Niederlage der Schweden bei Nördlingen 1634 fallen die deutschen Fürsten von den Skandinaviern ab und schließen mit dem Kaiser den Prager Frieden.

Ordnung und Ruhe bringt der Vertrag nicht. Denn die Schweden bleiben im Reich und finden einen mächtigen Verbündeten im Kampf gegen den Kaiser: Frankreich, das nun auch militärisch eingreift.

Der Schwedisch-Französische Krieg (1635-1648)

Als die Schweden sich kaum mehr gegen die vereinten Kräfte von spanischen und österreichischen Habsburgern halten können, geben die Franzosen ihre passive Rolle auf. Schwedische und französische Truppen kämpfen nun gemeinsam auf deutschem Boden.

Für die Zivilbevölkerung beginnt die schlimmste Phase des Krieges. Marodierende, durch das Jahrzehnte andauernde Soldatenleben vollkommen verrohte Söldner verheeren das Reich. Deutschland blutet aus. Trotz der zunehmenden Kriegsmüdigkeit auf allen Seiten einigen sich die beteiligten Großmächte erst Ende 1641 darauf, einen allgemeinen Friedenskongress abzuhalten, der schließlich 1643 zusammentritt.

Der Westfälische Frieden Jahrelang und streng getrennt nach Konfessionen tagen mehr als 100 Gesandtschaften der europäischen Staaten sowie der deutschen Fürsten und Städte in Münster und Osnabrück. Als 1648 die Verträge unterschrieben werden, beendet der Westfälische Frieden die schwerste Konfessionskrise und den größten Machtkampf im Europa der Frühen Neuzeit. Fortan sind die Konfessionen einander gleichberechtigt. Nie wieder soll ein deutscher Fürst seinen Untertanen seinen Glauben aufzwingen dürfen. Die Vereinigten Niederlande erlangen offiziell ihre Unabhängigkeit von Spanien. Auch die Schweizer Eidgenossenschaft wird als eigenständig bestätigt und gehört nicht mehr zum Reich. 1654 erhebt der Reichstag die Verträge von Münster und Osnabrück zum Grundgesetz.

Und noch etwas schreibt der Westfälische Frieden für alle Zeiten fest: Keine Universalmacht - etwa der Kaiser - soll mehr in die politische und konfessionelle Eigenständigkeit der europäischen Nationen eingreifen. Diese wichtige völkerrechtliche Übereinkunft schafft die Grundlage für das zukünftige Gleichgewicht der Mächte Europas.

3. Die ,,Schlacht am Weißen Berg''

Am 8. November 1620 trafen am Weißen Berg nahe Prag Truppen des Habsburger Kaisers und des böhmischen Adels aufeinander. Es kam zu einem kurzen, grausamen Gefecht, das als Auftakt des Dreißigjährigen Krieges in die Geschichte einging.

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„In tiefster Finsternis lebten sie, in tiefster Finsternis gingen sie dahin. Keine Spur von Morgenlicht. Finsternis, Finsternis.“
Das schrieb der tschechische Schriftsteller Alois Jirásek über die Zeit, die diesem Schicksalstag für Böhmen folgte: Am 8. November 1620 kämpften die Truppen des Habsburger Kaisers Ferdinand II. gegen die Truppen des böhmischen Königs Friedrich – die kaiserlichen für den Katholizismus, die königlichen für den Protestantismus. Mit 21.000 Mann war das königliche Heer zahlenmäßig unterlegen und durch lange Märsche erschöpft. Das kaiserliche Heer bestand aus 28.000 Mann. Mit ihm hatten sich die gut ausgerüsteten Truppen von Herzog Maximilian von Bayern verbündet. Nach kleineren Gefechten in der Provinz kam es am Weißen Berg zur ersten großen Schlacht des Dreißigjährigen Krieges.
Böhmen religiös polarisiert

„Der Weiße Berg“ erklärt der Prager Publizist Jaroslav Šonka: liegt im Westen Prags und ist nur 379 Meter hoch. Die Farbe „weiß“ leitet sich vom Kalkstein ab, aus dem der ganze Berg besteht. Dort hat man Stein gebrochen für den Bau der Stadt Prag. Heute befindet sich um die historischen Stellen ein Neubaugebiet.“
Böhmen war zu Beginn des 17. Jahrhunderts in zwei religiöse Lager geteilt. Die Katholiken waren in der Minderheit, den Großteil der Gläubigen machten die Protestanten aus, meist Anhänger des Reformators Jan Hus, der 1415 in Konstanz als „Ketzer“ verbrannt worden war. Erst Anfang des 17. Jahrhunderts war das protestantische Bekenntnis durch einen kaiserlichen Majestätsbrief gestattet worden.
Die Adels-Rebellen gegen König Ferdinand
Doch als der katholische Erzherzog von Innerösterreich, Ferdinand, 1617 das Amt des Königs von Böhmen bekam, ging er sofort gegen den Protestantismus vor und rief damit den Widerstand der böhmischen Stände hervor. Die Adels-Rebellen erklärten Ferdinand als König für abgesetzt, ein Jahr später wurde der calvinistische Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz böhmischer König. Fast gleichzeitig wurde der abgesetzte Ferdinand zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt. Das gab ihm die Macht, nun von Wien aus gegen die Aufständischen in Böhmen vorzugehen. Am Weißen Berg kam es schließlich zum entscheidenden Gefecht.
„abgehauene Hände, Füße, Köpfe, Nasen“
Mit dem Schlachtruf „Sancta Maria“ ging das katholische Heer gegen Mittag auf die defensive protestantische Seite los, die in dem blutigen Kampf vernichtend geschlagen wurde. Nach kaum zwei Stunden waren auf beiden Seiten 2.000 Mann gefallen, die meisten davon auf protestantischer Seite:
„Nun sehe ich, wie sie nicht wenige mit abgehauenen Händen, Füßen, Köpfen, Nasen, durchbohrten Körpern, abgefranster Haut, alle von Blut entstellt, vom Schlachtfeld führen oder tragen, auf die ich aus Leid kaum sehen konnte.“
Dies schrieb der protestantische Theologe und Pädagoge Jan Ámos Komenský, bei uns als Comenius bekannt, unter dem Eindruck der Schlacht.
Die Niederlage entschied für die nächsten drei Jahrhunderte über das Schicksal Böhmens und seine Zugehörigkeit zum Hause Habsburg. Böhmen und Mährer konnten fortan keinen politischen Willen mehr im Habsburger Reich kundtun. Das Land lag nun in der Hand von Kaiser Ferdinand II., der seinen Sieg für eine gnadenlose Gegenreformation nutzte, so Jaroslav Šonka:
„Die Anführer des Aufstandes wurden verhaftet und eingekerkert, 27 von ihnen wurden dann später auf dem Altstädter Ring in Prag hingerichtet. Nicht-katholische Gläubige wie die „Böhmischen Brüder“ verließen das Land. Es sind etwa 36.000 Familien mit 150 000 Menschen weggegangen. Auch Comenius musste ins Exil, genauso auch der nicht-katholische Adel, der zum Teil in Brandenburg oder in Schweden blieb.“
Tschechiens nationales Trauma
Die katholische Religion wurde zum einzig erlaubten Bekenntnis erklärt und die tschechische Sprache in den Folgejahren vom Deutschen zurückgedrängt. Tschechische Schriftsteller und Historiker sahen später in der Niederlage den Beginn einer nationalen Katastrophe, der „Finsternis“. Diese wurde erst mit der Staatsgründung der Tschechoslowakei 1918 überwunden.
4. Der Dreißigjährige Krieg: Ein Bürgerkrieg, der zugleich ein Hegemonialkrieg war

Der Dreißigjährige Krieg war kein bloßer Religionskrieg; in ihm verbanden sich vielmehr konfessionelle mit geostrategischen und machtpolitischen Fragen. Es spricht manches dafür, dass Kriege vom Typus "Dreißigjähriger Krieg" auch das 21. Jahrhundert kennzeichnen werden.

Seit jeher hat es die Historiker erstaunt, dass ein zwar spektakuläres, indes unblutiges Ereignis wie der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 einen Krieg ausgelöst haben soll, der 30 Jahre dauerte, in den nahezu alle europäischen Staaten involviert waren und in dessen Verlauf etwa ein Drittel der Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands den Tod fand. Bezieht man die Todesrate des Dreißigjährigen Krieges auf die Bevölkerung der Territorien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, so hat dieser Krieg stärker in die Demografie dieses Gebiets eingegriffen als die beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammen.

Kann der Prager Fenstersturz tatsächlich für einen solchen Krieg ursächlich gewesen sein? Immerhin ist niemand dabei zu Tode gekommen: Die beiden habsburgischen Staathalter überlebten den Sturz aus den Fenstern der Prager Burg ebenso wie ihr Sekretär, den die rebellierenden Adeligen hinterhergeworfen hatten. Nur einer der Dreien trug größere Blessuren davon. Im Prinzip war dieser demonstrative Akt der Auflehnung gegen die habsburgische Herrschaft in Böhmen so etwas wie ein Happening, in dem ein früherer Fenstersturz in Prag, bei dem die "Defenestrierten" freilich zu Tode gekommen waren, reinszeniert wurde. Der böhmische König Ferdinand hätte nach diesem Akt des Widerstands mit den Ständevertretern verhandeln können; vermutlich wäre es ihm dabei gelungen, deren zeitweilige Einheit aufzusprengen, um anschließend einen für beide Seiten tragfähigen Kompromiss zu finden. Seine Vorgänger Rudolf und Matthias hatten das wiederholt getan. Warum ist Ferdinand ihrem Vorbild nicht gefolgt?

Streit um die Machtverteilung in Böhmen

In der Beschäftigung mit den Ursachen des Dreißigjährigen Krieges gibt es verschiedene Wege der historischen Deutung – darunter einen, bei dem die Ereignisse in Prag zum bloßen Anlasszurückgestuft werden, während die Ursachen des Krieges umfassender gewesen seien und obendrein außerhalb Böhmens gelegen hätten. Danach waren die Selbstblockade der Reichsinstitutionen, vom Reichstag bis zum Reichskammergericht, zusammen mit der konfessionellen Spaltung Deutschlands die eigentliche Ursache des Krieges, und der Prager Fenstersturz war nur der Funke, der die in großer Zahl aufgestellten politischen Pulverfässer zur Explosion brachte. Als einer der ersten ist Friedrich Schiller dieser Spur gefolgt, als er in seiner "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" (1792) die Vorgeschichte dieses Krieges mit Luthers Thesenanschlag in Wittenberg beginnen ließ. Die konfessionelle Spaltung und die Paralyse der Reichsinstitutionen haben dieser Sichtweise zufolge den Krieg unvermeidlich gemacht; anstelle des Prager Fenstersturzes hätte auch ein beliebig anderer Anlass zum Kriegsausbruch führen können.Zur Auflösung der Fußnote[1]

Wir sind inzwischen im Umgang mit solchen Determinationstheorien von Kriegen zurückhaltender geworden – erstens, weil sie auf starken Annahmen beruhen, die sich wissenschaftlich kaum überprüfen lassen, und zweitens, weil sie die politischen Akteure letztlich von der Verantwortung für die Folgen ihrer Entscheidungen freisprechen: Wenn die Katastrophe ohnehin unvermeidlich war, muss man sich nicht länger mit einzelnen Entscheidungen im Vorfeld des Krieges auseinandersetzen; sie haben den Weg in den Krieg allenfalls beschleunigt, waren aber nicht ursächlich dafür.

Will man diesem Weg einer Generalexkulpation der Politiker im Fall des Dreißigjährigen Krieges nicht folgen, so muss man sich etwas eingehender mit der Frage beschäftigen, warum sich Ferdinand nicht auf Verhandlungen mit den böhmischen Ständen eingelassen, sondern auf deren gewaltsame Niederwerfung gesetzt hat. Wer diesen Weg beschreitet, muss sich nicht so sehr in die Geschichte der konfessionellen Spaltung und der Paralyse der Reichsinstitutionen einarbeiten, sondern kann sich auf politische Akte und Entscheidungen sowie auf Wahrnehmungsmuster und Reaktionsmodelle der Politik konzentrieren. Statt allgemeiner Rahmenbedingungen untersucht er das Handeln der relevanten Akteure im mehr oder weniger direkten Vorfeld des Krieges.Zur Auflösung der Fußnote[2]

Die Rebellion der böhmischen Stände gegen ihren König war nicht die einzige ihrer Art im frühneuzeitlichen Europa. Ihr war einige Jahrzehnte zuvor der Aufstand der niederländischen Stände gegen die spanische Herrschaft vorangegangen, und auch in den Hugenottenkriegen in Frankreich hatte die Frage der Machtverteilung zwischen König und Adel eine zentrale Rolle gespielt. Später kamen dann bei Beginn der Englischen Revolution ähnliche Motive zum Tragen, denn auch hier stand König Karl I. im Verdacht, die herkömmliche Machtbalance zwischen Herrscher und Ständen verändern und ein absolutistisches Regime installieren zu wollen. Bei allen drei Machtkonflikten, dem in den Niederlanden, dem in Frankreich und dem in England, ging es neben der Verfassungsfrage jedoch zudem um konfessionelle Konflikte, die dafür sorgten, dass die zunächst diffusen Trennlinien zwischen den Parteien schärfere Konturen bekamen und eindeutig wurden. In diesen Kontext einer ebenso verfassungs- wie konfessionspolitischen Auseinandersetzung gehört auch der mit dem Prager Fenstersturz beginnende böhmische Aufstand, und die meisten der an ihm Beteiligten dürften ihre Entscheidungen nicht zuletzt unter dem Einfluss dieses Konfliktmusters getroffen haben. Sie haben sich als Akteure in einer von Werten und Wahrheiten geprägten Auseinandersetzung gesehen, und deshalb haben sie ihren Entschlüssen eine prinzipielle Bedeutung beigemessen. Die Folge war, dass pragmatische Lösungen für die Begrenzung und Einhegung des Konfliktes von Anfang an ins Hintertreffen gerieten.

Im Falle Ferdinands kamen noch zwei Faktoren hinzu, die seinen Entschluss begünstigten, mit dem böhmischen Adel nicht zu verhandeln, sondern ihn mit Waffengewalt niederzuwerfen. Das war zunächst der Umstand, dass auf dem Balkan, wo die habsburgische Militärmacht in den Jahrzehnten zuvor durch osmanische Vorstöße gebunden war, zu dieser Zeit weitgehend Ruhe herrschte, da das Gros der osmanischen Streitkräfte in Mesopotamien gebraucht wurde und nicht zur Expansion in nordwestliche Richtung eingesetzt werden konnte. Es gehört in diesem Fall der Kriegsursachenanalyse zu den Paradoxien, dass relativer Frieden in dem einen geografischen Raum die Bedingung der Möglichkeit für die Führung des Krieges in einem anderen Raum war. Für praktische Friedenspolitik ist das eine zutiefst bittere Beobachtung.

Indes hätte Ferdinand den Balkanfrieden zum Krieg gegen die aufständischen Böhmen nicht nutzen können, wenn ihm die spanischen "Vettern" nicht zu Hilfe gekommen wären. Von seinen finanziellen Möglichkeiten her wäre Ferdinand zur Führung eines solchen Krieges nämlich gar nicht in der Lage gewesen: Er verfügte über kein stehendes Heer, sondern hätte ein solches erst aufstellen oder einen Kriegsunternehmer finden müssen, der ihm ein Heer bereitstellt. Dazu aber brauchte er Geld, und das hatte er nicht, und er hätte es von den Ständen seiner Herrschaftsgebiete auch nicht bekommen, da diese keinerlei Interesse daran hatten, einen Krieg des Landesherrn zu finanzieren, dessen Leidtragende letzten Endes sie selbst sein würden. Von den Böhmen hätte Ferdinand ohnehin kein Geld erwarten dürfen, ebensowenig von den mit den Böhmen verbündeten Ständen Mährens, Schlesiens und der beiden Lausitzen, und auch die überwiegend protestantischen Landstände Ober- und Niederösterreichs hätten keine Mittel bereitgestellt, um gegen ihre Glaubensbrüder in Böhmen Krieg zu führen. Der Krieg wäre mangels finanzieller Mittel ausgefallen, wenn nicht Philipp III. in Madrid Ferdinand mit Geld und Truppen unter die Arme gegriffen hätte.

Warum aber hat Philipp III. in dieser Situation Ferdinand geholfen? Das war nämlich alles andere als selbstverständlich; das spanische Reich war von dem langwierigen und aufwändigen Krieg um die Niederlande erschöpft und brauchte eine Erholungsphase. Obendrein hatte man sich in Madrid schon vor Längerem darauf festgelegt, den augenblicklichen Frieden mit den Holländern zu nutzen und das Schwergewicht der eigenen Anstrengungen in den mediterranen Raum zu verlegen. In Mitteleuropa hingegen hatte Spanien keine unmittelbaren eigenen Interessen. Welche Gründe und Motive waren also dafür ausschlaggebend, dass Philipp III. seinen bisherigen Kurs revidierte und sich mit Subsidien (Hilfsgeldern) und Truppen auf ein politisches Projekt einließ, das außerhalb der Räume spanischer Machtprojektion lag?

Zunächst waren da die bis in die Anfänge des 16. Jahrhunderts zurückreichenden verwandtschaftlichen Verbindungen zwischen der Madrider und der Wiener Linie des Hauses Habsburg, wobei die Ressourcen, über die man in Madrid und Wien jeweils verfügte, sich für eine strategische Kooperation zwecks Behauptung einer imperialen Rolle in Europa geradezu aufdrängten: Madrid verfügte mit dem Silber und Gold aus der "neuen Welt" sowie seinen kriegserfahrenen Truppen über die materiellen Ressourcen für eine europäische Hegemonie, während die Wiener Habsburger seit dem 15. Jahrhundert ununterbrochen die Kaiser des Reiches stellten, also über die Legitimation verfügten, die bei der Ausübung einer imperialen Oberhoheit unverzichtbar war, weil sie Macht in Recht verwandelte. Wenn nun der böhmische Aufstand gegen die Habsburger erfolgreich war, so ließ sich nicht ausschließen, dass bei der nächsten Kaiserwahl das Haus Habsburg den Titel und die Stellung des Kaisers verlieren würde. Das hätte auch die spanische Machtstellung in Europa gravierend beeinträchtigt.Zur Auflösung der Fußnote[3]

Es kam hinzu, dass bereits im 17. Jahrhundert Reputation eine ausschlaggebende Größe der "internationalen Politik" war, also die Rangfolge der Herrscher festlegte. Wer Reputation besaß, durfte davon ausgehen, dass sich die meisten Mächte seinen Vorgaben fügten, ohne mit Zwangsmitteln dazu gebracht werden zu müssen. Reputation war (und ist) ein ausgesprochen kostengünstiges Mittel zur Sicherstellung von Folgebereitschaft. Aber von der Reputation, die Spanien in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts im Ringen mit Frankreich um die Vormachtstellung in Europa auf den Schlachtfeldern Italiens errungen hatte, war einiges dahingeschmolzen, seitdem es der Weltmacht nicht gelungen war, den Aufstand in den Niederlanden mit militärischen Mitteln niederzuschlagen. Trotz der Konzentration einer gewaltigen Heeresmacht hatten es die Spanier nicht geschafft, die nördlichen Provinzen wieder unter ihre Kontrolle zu bringen; man hatte sich mit den südlichen Niederlanden bescheiden müssen. Effektiver Widerstand gegen das spanische Reich war also möglich. Das konnte Schule machen, und in Madrid gab es die Befürchtung, dass ein Erfolg der Böhmen gegen die Habsburger in Wien zum Vorbild für weitere Aufständische werden könne. Zwecks Reputationssicherung sollte an den Böhmen ein Exempel statuiert werden.

Vermutlich hatte man in Madrid aber noch einen weiteren Hintergedanken, und der bezog sich unmittelbar auf die für Spanien missliche Lage in den Niederlanden: Wenn Ferdinand bei der Niederschlagung der Böhmen erfolgreich sein würde, dann konnte man von ihm als Gegenleistung für die dabei geleistete Hilfe die Eröffnung von Kriegsschauplätzen im Westen und Norden der Niederlande erwarten, was den dortigen Krieg wieder in Bewegung bringen und mit großer Wahrscheinlichkeit zur Niederwerfung der rebellischen Holländer führen würde. Die spanische Dominanz über Europa wäre dann für lange Zeit gesichert. So wurde aus dem Verfassungskonflikt in Böhmen eine Auseinandersetzung um Macht und Einfluss in ganz Europa. Und das wiederum hatte zur Folge, dass alle anderen Mächte, die entweder selbst eine europäische Hegemonialstellung anstrebten (Frankreich und England) oder aber von der habsburgischen Vorherrschaft Nachteile für ihre Stellung zu gewärtigen hatten (Holland, Dänemark und Schweden), diesen Krieg nicht ignorieren konnten, sondern aktiv in ihn eingreifen mussten. Der Machtkampf in Böhmen hatte infolgedessen von Anfang an das Potenzial für einen großen europäischen Krieg, zu dem er sich dann auch tatsächlich auswuchs.Zur Auflösung der Fußnote[4]

Geostrategische Imperative, konfessionelle Bindungen und machtpolitische Fragen

Wer den Dreißigjährigen Krieg als einen Religions- beziehungsweise Konfessionskrieg begreift, stellt die konfessionellen Solidaritäten als zwingende Vorgaben für die den Kriegsverlauf prägenden Bündnisse dar. Bei einer solchen Betrachtung ergibt sich freilich das Problem, dass nicht nur die beiden lutheranischen Mächte Skandinaviens, Dänemark und Schweden, in den 1640er Jahren gegeneinander Krieg führten, sondern der sächsische Kurfürst, immerhin das traditionelle Oberhaupt der protestantischen Partei im Reich, zwischen 1618 und 1631 eine prokaiserliche Politik betrieb. Auch Frankreich, für dessen Politik mit Richelieu ein Kardinal der römisch-katholischen Kirche verantwortlich zeichnete, griff notorisch gegen das Wiener Kaiserhaus ein, das die Sache der katholischen Gegenreformation vertrat. Das alles steht einer Deutung des Krieges als einem ausschließlichen Religionskrieg entgegen.

Im Dreißigjährigen Krieg spielten konfessionelle Bindungen ohne Zweifel eine wichtige Rolle, aber sie bildeten keineswegs die einzige Trennlinie und Bündnisvorgabe, die das Kriegsgeschehen prägte. Insofern ist die zusammenfassende Bezeichnung dieses Krieges als Religions- oder Konfessionskrieg allzu vereinfachend und damit letzten Endes falsch. Richtig ist vielmehr, dass dieser Krieg auch ein Religions- beziehungsweise Konfessionskrieg war, daneben aber außerdem ein Krieg um die Machtverteilung im Innern der Herrschaftsgebiete und obendrein ein Krieg um die Frage, wie die politische Ordnung Europas beschaffen sein sollte: als eine eher imperiale Ordnung, an deren Spitze das Haus Habsburg stand, dessen Angehörige in allen großen politischen Fragen den Ausschlag gaben, oder als ein Staatensystem, in dem alle als souverän anerkannten Staaten formell gleich waren, aus dem freilich einige Staaten herausragten, weil sie größer und mächtiger waren als die anderen, weswegen sich eine Reihe kleinerer Staaten unter ihren Schutz stellte.Zur Auflösung der Fußnote[5]

Tatsächlich war ein Ergebnis des Krieges die Formung einer Pentarchie, einer Vorherrschaft von fünf Staaten, die neben ihrem Territorium über Einflussgebiete verfügten, hinsichtlich deren Größe und Reichweite sie mitunter auch Krieg führten. In dieser Pentarchie spielte zunächst Frankreich eine zentrale Rolle, die aber schon bald von England komplementiert wurde. Frankreich nahm eher die Position eines Hegemons für sich in Anspruch, während England die Rolle eines "Züngleins an der Waage" spielte.Zur Auflösung der Fußnote[6] Der Unterschied zwischen Hegemon und Zünglein war geopolitisch begründet, das heißt, er hing an der Nutzung geografischer Gegebenheiten für machtpolitische Zwecke.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es in diesem Krieg keine konfessionellen Vorgaben für den Aufbau von Bündnissystemen gegeben hätte. Die Bündnisse, die von der Kurpfalz als Führungsmacht der Protestantischen Union bereits im Vorfeld des Krieges geschmiedet wurden, orientierten sich überwiegend an der konfessionellen Prägung der Partner, und ebenso war die Achse zwischen Wien und München, den Habsburgern und den bayerischen Wittelsbachern, konfessionell geprägt. Sieht man freilich genauer hin, so war es nicht die konfessionelle Zugehörigkeit im Allgemeinen, die für die politische Ausrichtung eines Herzogtums oder einer Stadt ausschlaggebend war, sondern die jeweilige Positionierung eines politischen Akteurs innerhalb des protestantischen oder katholischen Lagers. Bei den Protestanten etwa neigten die reformierten Mächte dazu, den Krieg gegen die katholische Seite für unvermeidlich zu halten und sich deswegen auf ihn nicht nur vorzubereiten, sondern obendrein auch nach einer günstigen Gelegenheit zu suchen, bei der man den Konflikt präventiv eskalieren konnte. Die Lutheraner hingegen vertraten in dieser Frage eine zurückhaltende Position oder standen auf Seiten des Kaisers, wie Sachsen und Hessen-Darmstadt. Auf katholischer Seite wiederum waren es vor allem die von den jesuitischen Vorstellungen der Gegenreformation beeinflussten Herrscher, die auf eine Eskalation des Konfliktes setzten, während andere eine eher moderate Politik betrieben.

Diese spezifische Positionierung ist schließlich auch der Grund dafür, dass eine noch so ausführliche Analyse der Reichsverfassung beziehungsweise deren Blockade infolge der konfessionellen Spaltung den zwangsläufigen Ausbruch des Krieges nicht zu erklären vermag. Das kann allein eine Herangehensweise, die auf die jeweiligen Wahrnehmungsmuster abhebt, nach deren Vorgabe die Lage von den Mächtigen beurteilt wurde und in deren Bann diese bei ihrem Agieren standen. Das heißt: Nicht die Blockade der Reichsinstitutionen selbst hat in den Krieg geführt, sondern das eskalierende Misstrauen der maßgeblichen Akteure in beiden konfessionellen Lagern, wodurch die auf Gewalt setzenden Akteure schließlich die Oberhand gewannen.

Und doch ging deren Vorstellung, auf dem Weg der Konflikteskalation das jeweilige Lager unter ihre politische Führung zu bringen, nicht ohne Weiteres auf: Die Kurfürstentümer Sachsen und Brandenburg hielten sich von der Protestantischen Union fern, und als der Krieg begonnen hatte, zeigte sich, dass die der Union beigetretenen Reichsstädte in einem offenen Krieg gegen den Kaiser derart verwundbar waren, dass sie sich ein ums andere Mal zu politischer Zurückhaltung gezwungen sahen. Unter Führung Herzog Maximilians von Bayern agierte die Katholische Liga um einiges geschlossener und wurde dadurch – im Gegensatz zur Union – zu einem relevanten Machtfaktor des Krieges. Aber Maximilian hatte auch eigene Interessen, die auf die Erhöhung seines Status’ im Reich und die Vergrößerung seines Territoriums hinausliefen, und die Verfolgung und Durchsetzung dieser Interessen lief immer wieder der konfessionellen Geschlossenheit der katholischen Seite zuwider. Vor allem wollten Maximilian und die in der Liga miteinander verbündeten geistlichen Kurfürsten verhindern, dass der Kaiser die Durchsetzung der Gegenreformation im Reich zur Ausweitung seiner eigenen Macht nutzte. Das wäre auf Kosten der Reichsstände gegangen, und deswegen opponierten diese verschiedentlich gegen den Kaiser. Auch für sie ging es neben konfessionellen stets auch um machtpolitische Fragen. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als in ihren Intrigen gegen den kaiserlichen Generalissimus Albrecht von Wallenstein, die dazu führten, dass dieser 1630 auf dem Kurfürstentag von Regensburg entlassen und Anfang 1634 schließlich durch kaiserliche Offiziere in Eger ermordet wurde.

Für den Verlauf des Krieges waren indes auch geostrategische Imperative ausschlaggebend. Sie traten immer dann in den Vordergrund, wenn eine der beiden unter dem Banner des religiösen Bekenntnisses kämpfenden Parteien im Begriff stand, militärische Siege in politische Macht zu verwandeln, was die Einflusskonstellationen in Europa unumkehrbar verändert hätte. Jede sich abzeichnende Veränderung der Kräfteverhältnisse führte dazu, dass Mächte, die bis dahin noch nicht in den Krieg eingegriffen oder sich auf die indirekte Unterstützung einer Seite beschränkt hatten, offen als Kriegspartei hervortraten und intervenierten, um eine für sie nachteilige Verschiebung der europäischen Kräftekonstellationen zu verhindern. Das zeigte sich bei der spanischen Unterstützung für die Wiener Linie des Hauses Habsburg gleich zu Beginn des Krieges und setzte sich mit der dänischen Intervention in den Krieg 1625 fort. Bei Letzterer spielte neben dem Gegensatz zum Kaiser in Wien die indirekte Konkurrenz mit Schweden eine zentrale Rolle: Christian IV. von Dänemark wollte dem schwedischen König Gustav II. Adolf zuvorkommen, mit dem er seit Längerem um die Hegemonie im Ostseeraum konkurrierte; er ging davon aus, dass er durch das Eingreifen in den Krieg im Reich die südliche Ostseeküste unter seine Kontrolle bringen und so seine Position in der gesamten Region deutlich verbessern würde – ein Projekt, das, weil es in einem völligen Fehlschlag endete, im Ergebnis jedoch die Machtstellung Dänemarks erheblich beeinträchtigte.

Die dänische Niederlage und das Vordringen kaiserlicher Truppen bis nach Jütland hatten zur Folge, dass mit dem kaiserlichen Feldherr Wallenstein eine neue Macht im Ostseeraum auftrat, die von Schweden als bedrohliche Herausforderung angesehen wurde. Wallenstein, dessen Strategie ohnehin eher nach geopolitischen als konfessionellen Vorgaben angelegt war, verfolgte nämlich das Ziel, durch die Kontrolle der Handelswege in Nord- und Ostsee dem niederländischen Widerstand gegen Spanien die ökonomische Grundlage zu entziehen, die protestantischen Mächte des Nordens dadurch zu schwächen und so die europäischen Kräfteverhältnisse von Grund auf zu verändern. Das forderte die schwedische Gegenintervention heraus, die Wallenstein wiederum dadurch zu verhindern suchte, dass er ein Armeekorps nach Polen entsandte, um den dort geführten Krieg zwischen Polen und Schweden am Laufen zu halten.Zur Auflösung der Fußnote[7] In der Forschung ist eine lange Debatte über die Gründe für Gustav Adolfs Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg geführt worden; sicherlich hat dabei auch das Motiv der konfessionellen Solidarität eine Rolle gespielt, aber unübersehbar ging es doch auch um machtpolitische Fragen und die Absicherung der schwedischen Position im Ostseeraum, die der König durch Wallensteins Eingreifen dort gefährdet sah.Zur Auflösung der Fußnote[8]

Allerdings sind die Motive zur Intervention das Eine, die Fähigkeit dazu ist das Andere. Gustav Adolf wäre zu einer langfristigen Kriegführung in Deutschland kaum in der Lage gewesen, wenn er nicht regelmäßige französische Subsidien erhalten hätte, die ihm eine deutliche Vergrößerung seines Heeres über die auf Usedom angelandeten nationalschwedischen Regimenter hinaus erlaubten und ihn so erst in die Lage versetzten, seine Operationen nicht auf die Kontrolle eines schmalen Küstenstreifens beschränken zu müssen, sondern bis zur Donau und darüber hinaus vorstoßen zu können. Die durchschlagenden Erfolge der schwedischen Waffen wiederum veranlassten Spanien, sich in dem im Reich geführten Krieg erneut zu engagieren und größere Truppenverbände aus Norditalien nach Deutschland in Marsch zu setzen. Bei Nördlingen gelang es 1634 einem spanisch-kaiserlichen Heer – Gustav Adolf war im November 1632 bei Lützen gefallen, Wallenstein Anfang 1634 mit Billigung des Kaisers ermordet worden –, die schwedische Machtstellung in Süddeutschland zu brechen. Jetzt stand der Kriegsausgang wieder auf der Kippe, und um ein habsburgisches Übergewicht zu verhindern, griff nun Frankreich offen in den Krieg ein und positionierte sich als selbstständige Partei mit eigenen Interessen. Die französische Intervention war zunächst defensiv angelegt, nahm im weiteren Verlauf des Krieges aber mehr und mehr offensive Züge an.Zur Auflösung der Fußnote[9]

Europäischer Krieg mit offener Kriegsökonomie

Die analytische Betrachtung von Kriegsdynamik und Kriegsmotiven zeigt: Als Religionskrieg war der Dreißigjährige Krieg im Wesentlichen eine Auseinandersetzung innerhalb des Reiches, und ebenso war er das als ein gewaltsam ausgetragener Verfassungskonflikt. Im Hinblick auf geostrategische und machtpolitische Fragen war er jedoch von Anfang an ein europäischer Krieg, an dem alle Mächte teilzunehmen sich genötigt sahen, wenn sie in Europa eine politische Rolle spielen wollten. Es war die Lage des Reiches in der Mitte Europas, die den böhmischen Aufstand von den Revolutionen und Bürgerkriegen in Frankreich, den Niederlanden und England unterschied. Dort behielten die Konflikte um die innere Machtverteilung und die konfessionspolitische Ausrichtung den Charakter eines Bürgerkrieges. Das war im Reich nicht möglich. Wenn hier eine der Parteien die Überhand gewann, sei dies nun eine der beiden Konfessionen oder mit Königtum beziehungsweise Ständevertretung (Parlament) eine der beiden Parteien im verfassungspolitischen Konflikt, hatte dies Auswirkungen auf die machtpolitischen Verhältnisse in ganz Europa. Das führte, nachdem der Krieg erst einmal ausgebrochen war, zu einem strukturellen Interventionszwang, dem sich auf Dauer keine der großen Mächte entziehen konnte.

Mit diesem – der im Übrigen nicht mit der Theorie von der Unvermeidbarkeit des Krieges zu verwechseln ist – kam ein weiterer Grund für die lange Dauer des Krieges ins Spiel: die Entstehung einer offenen Kriegsökonomie. Während bei geschlossenen Kriegsökonomien den konfligierenden Mächten nur eine begrenzte Menge von Ressourcen – Geld, Waffen, Soldaten sowie alles, was zur Führung eines Krieges vonnöten ist – zur Verfügung steht, sodass der Krieg zwangsläufig endet, wenn diese Ressourcen verbraucht sind, zeichnen sich offene Kriegsökonomien dadurch aus, dass permanent neue Ressourcen von außen in das Kriegsgebiet einströmen. Die Folge ist, dass auf der Grundlage offener Ökonomien geführte Kriege nicht "ausbrennen", sondern im Prinzip endlos weitergeführt werden – mit dem Begleiteffekt freilich, dass die Möglichkeiten zur Versorgung der Soldaten mit Nahrung immer schwieriger werden, sodass diese dazu übergehen, die Bauern zu drangsalieren, um sie dazu zu zwingen, noch vorhandene Lebensmittel herauszugeben.

Das war vor allem in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges der Fall, als die Gewaltanwendung sich aus dem Kampf der Heere gegeneinander in ein Schröpfen und Ausplündern der Bevölkerung durch die Soldaten verwandelte. Als schließlich die Zugtiere für die Bestellung der Felder geschlachtet waren, das Saatgut, das im Frühjahr ausgebracht werden sollte, verzehrt war und dann obendrein Seuchenwellen auf eine durch die Hungersnot geschwächte Bevölkerung trafen, stiegen die Todesraten dieses Krieges steil an, oft mit der Folge, dass ganze Landstriche entvölkert wurden. Die Verheerungen dieses Krieges waren nicht nur die Folge unmittelbarer Kriegsgewalt, sondern resultierten nicht zuletzt aus einer Kriegsökonomie, die ständig neue Kriegsressourcen ins Land pumpte, aber nicht in der Lage war, Kombattanten wie Nichtkombattanten mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen.


Friedensschluss von 1648 zwischen Spanien und Niederlanden.

Friedensschluss von 1648 zwischen Spanien und Niederlanden. (© picture-alliance, Heritage images)


Die Diplomaten, die in mehr als vierjährigen Verhandlungen nicht nur den Krieg beendeten, sondern auch eine neue Friedensordnung aushandelten, hatten also mehrere Probleme zu lösen: Zunächst galt es, dafür zu sorgen, dass konfessionelle Konfliktlinien nicht mehr zu Verstärkern und Beschleunigern von Kriegen wurden. Dazu musste das religiöse Bekenntnis neutralisiert und entpolitisiert werden. Weiterhin ging es darum, Staatenkrieg und Bürgerkrieg so zuverlässig voneinander zu trennen, dass sie sich nicht wieder miteinander verbinden konnten. Und schließlich musste eine Ordnung geschaffen werden, in der nicht jeder Krieg um Grenzverschiebungen und Einflussgebiete zu einem um den grundsätzlichen Charakter der politischen Ordnung wurde. Das alles ist in Münster und Osnabrück tatsächlich gelungen, und insofern war das, was man die Westfälische Ordnung nennt, die politisch folgenreiche Antwort auf einen Krieg, der zugleich ein Bürgerkrieg und ein Hegemonialkrieg war.

Der Dreißigjährige Krieg und die Gegenwart

Mit dem Ende der Westfälischen Ordnung und ihres Systems der Kriegsregulation ist der Krieg nicht aus der Geschichte verschwunden. Es spricht manches dafür, dass das 21. Jahrhundert durch Kriege vom Typus "Dreißigjähriger Krieg" gekennzeichnet sein wird. Das heißt nicht, dass alle Kriege der nächsten Jahrzehnte dem Dreißigjährigen Krieg ähnlich sein werden; einige indes schon, und es werden vermutlich diese Kriege sein, die dem globalen Gewaltgeschehen ihren Stempel aufdrücken. Was also kennzeichnet Kriege vom Typus "Dreißigjähriger Krieg" im Unterschied zu den Kriegen der Westfälischen Ordnung, wie wir sie von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein haben beobachten können?

Zunächst ist es die lange Dauer dieser Kriege, ihr zwischenzeitliches Versiegen und dann erneutes Aufflackern, das einige Weltregionen in Räume struktureller Friedlosigkeit verwandelt hat. Der Nahe Osten ist gegenwärtig auf dem Weg dahin, während im Gebiet der Großen Seen im subsaharischen Afrika, im Ostkongo zumal, dieser Zustand seit einigen Jahrzehnten bereits erreicht ist. Mit dem Wiederauftauchen von Söldnern und Kriegsunternehmern wird es in wachsendem Ausmaß zu einer Kommerzialisierung der Gewalt kommen, was heißt, dass nennenswerte Gruppen von Kämpfern buchstäblich vom Krieg leben, also wie im Dreißigjährigen Krieg aus der Gewaltanwendung ihren Lebensunterhalt beziehen. Sie haben deswegen kein Interesse an einer Kriegsbeendigung.

Weiterhin sind solche Kriege dadurch gekennzeichnet, dass sich dem materiellen Kalkül unbedingte Wahrheits- und Wertansprüche zugesellen, insbesondere solche religiös-konfessioneller Art. Diese sorgen dafür, dass über lange Zeit keine Kompromisse zwischen den Konfliktparteien gefunden werden. Das ist neben der offenen Kriegsökonomie, wie wir sie zurzeit vor allem in Syrien beobachten können, eine weitere Ursache dafür, dass diese Kriege so lange dauern und eilends ausgehandelte Waffenstillstände nach kurzer Zeit scheitern. Vor allem das verhängnisvolle Zusammentreffen von Kriegskommerzialisierung und unbedingtem, weil religiös begründetem Wahrheitsanspruch können am Dreißigjährigen Krieg in Mitteleuropa sehr gut studiert werden.

Solche Kriege lassen sich nur durch sorgfältige und langwierige Verhandlungen beenden, in denen nicht bloß Ausgleiche zwischen den Kriegsparteien gefunden werden, sondern auch, wie im Westfälischen Frieden, eine neue politische Ordnung geschaffen wird, die in der Lage ist, die Wahrheits- und Wertansprüche zuverlässig zu neutralisieren sowie Krieg und Frieden klar voneinander zu trennen. Genau das war die große Leistung der Westfälischen Ordnung: die politische Neutralisierung der konfessionellen Streitfragen, deren Separierung von den Fragen der Machtverteilung im Innern der Staaten und sodann die Auflösung des großen Problems der politischen Ordnung Europas, bei der ein System gleichberechtigter Staaten an die Stelle der imperialen Vormacht des Hauses Habsburg getreten ist. Eine solche neue politische Ordnung ist das Ergebnis eines langwierigen Verhandlungsprozesses mit vielen Rückschlägen und gleichzeitig zähen Verhandlungsführern und politischen Architekten, die sich durch einen längeren Stillstand der Gespräche nicht entmutigen lassen.

Die Schnelllebigkeit unserer Gegenwart ist im Vergleich mit dem 17. Jahrhundert freilich nicht geeignet, den Friedensmachern die ihnen aufgetragene Aufgabe zu erleichtern. Es könnte durchaus sein, dass sie dieses Mal scheitern. Die Wahrscheinlichkeit eines Gelingens dürfte sich mit dem Maß eines Lernens aus dem Dreißigjährigen Krieg, seinen Anfängen, seinem Verlauf sowie seiner Beendigung, deutlich erhöhen. Deswegen ist die Auseinandersetzung mit dem Dreißigjährigen Krieg inzwischen politisch sehr viel instruktiver als die mit den Kriegen der Westfälischen Ordnung, mit denen sich nicht nur die Historiker, sondern auch das Gros der Friedens- und Konfliktforscher zuletzt überwiegend beschäftigt haben.

 

5. Westfälischer Frieden. Die Stunde der Diplomaten.

Ab Sommer 1643 treffen verschiedenste Delegationen in Münster und Osnabrück zum größten Friedenskongress der Neuzeit ein. Jahrelang ringen mehr als 100 deutsche und ausländische Gesandtschaften um die Aussöhnung der verfeindeten Kräfte und Konfessionen. Am 24. Oktober 1648 endlich wird das Vertragswerk unterzeichnet – ein komplexes Konvolut, das nicht weniger schaffen soll als eine neue Ordnung für Europa

Mit Brief und Siegel erkennen die am »Westfälischen Frieden« beteiligten Mächte die im Oktober 1648 geschlossenen Verträge an    (Foto: picture-alliance / akg-images / Erich Lessing | Erich Lessing)

 

Münster in Westfalen, Ende September 1648. Die Delegierten des Friedenskongresses sind verärgert. Unruhig warten sie auf Nachricht aus Wien. Kaiser Ferdinand III., seit elf Jahren Herr des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, soll seinen Diplomaten – nun endlich! – den Befehl zur Unterzeichnung des Vertragswerks geben, das den „Teutschen Krieg“ beenden wird. Jenen Konflikt, der 1618 mit dem Prager Fenstersturz begann, der seither Mitteleuropa verwüstet und ganze Landstriche entvölkert hat. Den bis dahin verheerendsten Konflikt der abendländischen Geschichte.

Schon seit Wochen liegen die Verträge unterschriftsreif bereit. Doch der Habsburger Herrscher hat immer wieder Aufschub gefordert, zu verzögern versucht, neue Beratungen angeregt, die ihm vielleicht noch geringfügig bessere Bedingungen verschaffen könnten. Die Abgesandten der Reichsstände, der deutschen Landesherren und Städte, verlieren nun die Geduld; der Kurfürst von Bayern droht: Er werde nicht länger warten und eben ohne den Kaiser unterschreiben. Aber ein Abschluss ohne das Oberhaupt des Reiches – welche Bedeutung hätte der Frieden dann noch? Der doch ein pax universalis et perpetua werden soll, eine allgemeine und ewige Friedensordnung für Europa.

Am 30. September schließlich galoppiert ein Reiter der Thurn-und-Taxis-Post auf die Stadt zu. Der Bote bringt die dringend erwartete Depesche aus Wien in die Königsstraße 9, eines der Häuser, in denen die kaiserlichen Abgeordneten residieren.

Eine geplante erste Friedenskonferenz kommt 1636 nicht zustande

Reichshofrat Isaak Volmar, ein 66-jähriger Jurist aus der Habsburger Gesandtschaft, nimmt die Nachricht entgegen. Hastig öffnet er das Siegel, entfaltet den Brief – und ist entsetzt: Er kann nichts lesen. Der Text ist wie üblich kodiert, jedoch in einer Chiffre, die ihm unbekannt ist. Der harte und oft unbeherrschte Unterhändler ist ratlos: Wie soll er den anderen Delegierten mit dieser peinlichen Nachricht gegenübertreten?

Zwei Tage müht sich Volmar, das Schreiben doch noch zu entziffern; vermutlich wendet er alle Techniken der Dechiffrierung an, die er kennt: einfach und doppelt vertauschte Buchstaben, Silbenschlüssel, versucht es mit älteren, schon einmal benutzten Codes. Vergebens. Es bleibt ihm nichts, als den Kongressteilnehmern von dem Missgeschick zu berichten. Häufig haben sich seine Kollegen über die langen, bildreichen Reden des eitlen und ehrgeizigen Volmar mokiert. Doch jetzt findet der Doktor des kirchlichen sowie des weltlichen Rechtes nur schwer die richtigen Worte. Und kaum jemand will ihm glauben. Viele Gesandte meinen, dies sei nur eine weitere Finte des Kaisers, um abermals Zeit herauszuschlagen. Denn einen Boten nach Österreich zu schicken, um die passende Chiffre von dort zu holen, würde mindestens drei Wochen dauern. Trotz des eigens für den Kongress in Münster eingerichteten Postamtes brauchen Briefe mehr als zehn Tage für die Strecke nach Wien.

Der savoyische Gesandte scherzt, man möge den Papst bemühen, der ja alles binden und auflösen könne, sicher auch diese Geheimschrift. Allerdings ist den wenigsten Delegierten zum Scherzen zumute. Seit fünf Jahren ringen Diplomaten aus Frankreich, Deutschland, Schweden, den Niederlanden, Spanien, Italien in Münster und im nahen Osnabrück um den Frieden; sogar Siebenbürgen ist hier vertreten. Nie zuvor hat es einen vergleichbaren Kongress gegeben. Schwierigste Verhandlungen wurden geführt: um den Ausgleich der miteinander tödlich verfeindeten christlichen Konfessionen, um Entschädigungszahlungen an die fremden Mächte, um Gebietsabtretungen. Jetzt liegt, in 120 Paragrafen gefasst, ein Vertrag bereit zwischen dem römisch-deutschen Kaiser Ferdinand III. und König Ludwig XIV. von Frankreich; es fehlen nur noch die Unterschriften der Bevollmächtigten.

Auch der ähnlich umfangreiche Kontrakt zwischen dem Kaiser und Königin Christine von Schweden ist fertig formuliert. Im Januar schon hat Spanien die Vereinigten Niederlande mit einem Separatvertrag nach 80 Jahren Unabhängigkeitskampf in die Freiheit entlassen. Und selbst die deutschen Katholiken und Protestanten haben ihren Konflikt beigelegt, der – offen blutig oder untergründig – das Land bewegt, seit Martin Luther 1517 seine 95 Thesen zur Reformation veröffentlicht hat.bDie Delegierten haben Frieden vereinbart, ein neues Grundgesetz für das Reich und eine neue Ordnung für Europa geschaffen. Und jetzt: weitere Verzögerungen? Oder droht gar alles noch zu scheitern – weil sich ein Brief nicht entziffern lässt?

DABEI HÄTTE DER KRIEG schon mehr als ein Jahrzehnt früher beendet werden können. 1634 bot sich Papst Urban VIII. als Vermittler für Friedensverhandlungen zwischen den katholischen Dynastien in Frankreich, Spanien und Deutschland an. (Freilich: Die Protestanten sollten nicht einbezogen werden. Die Kurie verbot ihren Diplomaten jedes Gespräch mit den „Ketzern“; nicht einmal deren Anwesenheit bei Verhandlungen war geduldet. Allein die Bekehrung der Protestanten könne Ziel der katholischen Bemühungen sein, schrieb der Pontifex; sei diese nicht zu erreichen, bliebe als Option nur deren Vernichtung.)

Viele katholische Fürsten waren damals bereit, der Einladung des Heiligen Vaters zu folgen. Vor allem die deutschen Herren, deren Länder durch die Feldzüge dem Ruin nahe waren. Aber auch Spanien – wie das Heilige Römische Reich ja von einem Habsburger regiert – brauchte den Frieden dringend. Der Staat war fast bankrott, weil er unter anderem seit Jahrzehnten in einen teuren und zunehmend aussichtslosen Krieg mit den Vereinigten Niederlanden verstrickt war.Eine Macht jedoch war noch lange nicht kriegsmüde: Frankreich, das die Armeen anderer Staaten mit Geld subventionierte, aber bis dahin nicht mit eigenen Söldnern an den Kämpfen beteiligt gewesen war. Kardinal Richelieu, der Erste Minister des französischen Königs, wollte die Macht der zwei Habsburger-Herrscher brechen und die Stellung der französischen Monarchie in Europa stärken. Und hintertrieb deshalb die päpstlichen Friedensbemühungen.

Noch dazu wollte der Pariser Regierungschef keinen Kongress, von dem protestantische Verbündete wie Schweden und die Vereinigten Niederlande ausgeschlossen sein würden. Für diesen Fall fürchtete er, allein dem Druck der beiden Habsburger Herrscherhäuser ausgeliefert zu sein und vom Kaiser und dem König von Spanien zu einem ungünstigen Vertrag gedrängt zu werden. Denn Richelieu war davon überzeugt, dass der Friede nur von Dauer sein konnte, wenn ihn auch die evangelischen Mächte garantierten. Wenn etwa die Schweden den Friedensvertrag nicht unterzeichneten – weshalb sollten sie dann den Kampf einstellen?

Offen entgegentreten konnte Richelieu, ein Kardinal, dem Papst und dessen Friedensinitiative freilich nicht. Deshalb nutzte er jeden Vorwand, um die Verhandlungen zu verhindern. Zwar reiste im Oktober 1636 der Botschafter des Vatikan mit großem Gefolge nach Köln, das als Verhandlungsort auserkoren worden war, und auch kaiserliche und spanische Bevollmächtigte erschienen dort. Paris jedoch entfachte einen Streit über den Inhalt der Geleitschreiben, die die Gesandten mit sich führen sollten. Wie sollte etwa die Funktion des Passinhabers auf dem künftigen Kongress lauten? Im Ergebnis blieben Frankreichs Gesandte dem Kongress fern. Eine Zeitlang warteten die anderen Delegierten noch, dann fuhren sie nach Hause. Der Friedensplan des Papstes war gescheitert. Söldnertruppen, die seit 1635 in französischem Auftrag im Reich operierten, setzten ihren Feldzug fort.

Und so blieb der Krieg, Jahr für Jahr. Die Habsburger gerieten immer mehr in Bedrängnis. Zunächst in Deutschland: Franzosen und Schweden rückten im Januar 1641 bis Regensburg vor und beschossen die Stadt, während dort der Reichstag unter Vorsitz des Kaisers tagte. Aber auch auf der Iberischen Halbinsel, wo Portugiesen und Katalanen gegen die spanische Herrschaft revoltierten. Zudem schlossen Schweden und Franzosen eine noch engere Allianz, die den Separatfrieden einer Macht mit dem Kaiser ausschloss. Darüber hinaus vereinbarten sie, da sich der Krieg günstig für sie entwickelte, einen Friedenskongress einzuberufen, mit allen Verbündeten. Ferdinand III. blieb angesichts der katastrophalen Lage des Krieges (und wegen der immer dringenderen Forderungen seiner Fürsten, mit den ausländischen Mächten zu verhandeln) nichts anderes übrig, als nachzugeben.

Am Weihnachtstag 1641 stimmen seine Gesandten in Hamburg einem Vertrag zu, der die Form der Friedensverhandlungen regelte und weitgehend den Forderungen von Franzosen und Schweden entsprach. Es sollte ein Kongress anberaumt werden, der an zwei Orten tagte. Im rund 10 000 Einwohner zählenden katholischen Münster in Westfalen würden die Katholiken verhandeln, im kleineren, vorwiegend evangelischen Osnabrück die protestantischen Mächte; die kaiserlichen Abgesandten sollten in beiden Orten vertreten sein. Nur durch diese Trennung nach Konfessionen konnte der Vatikan als Vermittler gewonnen werden. Für dessen Gesandten wäre es undenkbar gewesen, in der Öffentlichkeit mit Protestanten zu sprechen – diese hatten ihrerseits wenig Interesse an päpstlicher Einmischung.

Neben der geographischen Lage sprach für Münster, dass es im Krieg nur geringe Schäden erlitten hatte – immerhin wurden mehr als 10 000 Besucher erwartet: neben den Delegierten und deren Gefolgsleuten, Dienern und Leibwachen auch Lebensmittelhändler und Prostituierte, Schausteller, Seiltänzer, Akrobaten und Komödianten. (Osnabrück allerdings war ärmlicher und vom Krieg schwerer heimgesucht.) Ende März 1642 sollten die Konferenzen beginnen. Tatsächlich aber dauerte es bis zum Start noch anderthalb Jahre. Denn eine zentrale Forderung der Alliierten wollte der Kaiser nicht erfüllen: auch die rund 300 Reichsstände einzuladen – also sämtliche geistlichen und weltlichen Fürsten Deutschlands, dazu die Grafen und die freien Reichsstädte.

Insbesondere Frankreich drängte darauf. Denn Kardinal Jules Mazarin, Nachfolger des 1642 verstorbenen Richelieu, war davon überzeugt, dass vor allem die kleineren Landesherren den Frieden unbedingt wollten. Deshalb würden sie die Ansprüche der Großmächte (etwa auf Landgewinn auf Kosten des Kaisers) unterstützen, wenn dadurch der Krieg schneller zu beenden war. Ferdinand III. hingegen bestand darauf, das Reich außenpolitisch allein zu vertreten. Den Krieg zu erklären, Bündnisse zu schmieden, Frieden zu schließen – all das betrachtete er als Vorrecht des Kaisers (nur die sieben Kurfürsten sollten einen begrenzten Einfluss darauf haben). Es würde die Autorität des Kaisers also erheblich schwächen, wenn alle 300 Reichsstände an den Verhandlungen mit den europäischen Mächten beteiligt wären.

Obwohl diese Frage noch ungeklärt war, entband Ferdinand die beiden Tagungsstädte im Mai 1643 von allen Pflichten und Eiden gegenüber dem Reich sowie ihren Landesherren; die habsburgische Garnison zog aus Münster, die schwedische aus Osnabrück ab. Die Städte waren nun de facto neutral und für den Schutz der Konferenzen allein verantwortlich; Münster warb dafür eine Truppe von 1200 Soldaten an.

Während die Delegierten disputieren, kämpfen Europas Heere weiter

Im Verlauf der zweiten Jahreshälfte trafen die ersten Gesandtschaften ein: Kaiserliche, Spanier, Schweden. Der schwedische Hauptvertreter Graf Johan Oxenstierna, 32, wartete dagegen noch in Minden, da er es für unter seiner Würde hielt, vor den Franzosen zu erscheinen. Die kamen im Februar 1644 in Münster an, nach ihnen traf der päpstliche Vermittler ein, Bischof Fabio Chigi. Die eigentlichen Verhandlungen unter den Großmächten hätten nun eröffnet werden können. Doch noch fehlten die Reichsstände, ohne sie wollten Schweden und Franzosen nicht beginnen. Und der Kaiser weigerte sich, sie dazuzubitten.

Das übernahmen die französischen Bevollmächtigten am 6. April 1644. Sie verbanden die Einladung mit einem Angriff auf den Unwillen des Kaisers zum Frieden – und einer Idealisierung der eigenen, vermeintlich selbstlosen Kriegsziele: Die Großmächte hätten nur zu den Waffen gegriffen, hieß es im Aufruf der Franzosen an die Reichsstände, um die Freiheit der Deutschen vor dem Machtwillen des Kaisers zu retten. Folge Deutschland dem Ruf des französischen Königs jetzt nicht, werde es unter die Gewaltherrschaft des Kaisers geraten, der allein Schuld trage an der Verzögerung des Friedens. Aber noch wagten es die Stände nicht, gegen den Willen des Kaisers ihre Vertreter zu schicken. Noch scheuten sie diesen Akt der offenen Auflehnung gegen das Oberhaupt des Reiches. Und so ging der Krieg weiter. Obwohl immer mehr Delegierte nach Münster und Osnabrück reisten – um über den Frieden zu verhandeln.

MÜNSTER, 30. JUNI 1645. Henri II. von Bourbon-Orléans, Herzog von Longueville, der französische Hauptbevollmächtigte bei den Friedensverhandlungen, kommt in Münster an. Zuvor hatten sich die beiden bereits akkreditierten Gesandten Frankreichs über die Vorgehensweise zerstritten und waren selbst in Gegenwart fremder Diplomaten aneinandergeraten. Deshalb musste Paris den weltgewandten 60-jährigen Herzog entsenden, um die zwei zur Ordnung zu zwingen. Seine feierliche Ankunft übertrifft alles zuvor Dagewesene; Zeitungen in ganz Europa berichten darüber. Denn Longueville will die größtmögliche Aufmerksamkeit erregen. Jedermann soll die Pracht seines Einzugs bestaunen – und die Macht Frankreichs, die sich darin spiegelt.

Wegen des Regens hat der Herzog einige Tage vor der Stadt gewartet; nur im Sonnenlicht funkeln die Gold- und Silberdekorationen des Festzuges, leuchten die gelben Lederwämse und scharlachroten Mäntel der Lakaien, strahlen die blauen Samtdecken auf den Rücken der Pferde hell genug. Erst als am 30. Juni der Himmel aufklart, kann das Spektakel beginnen. Gegen 16 Uhr erklingen Trompeten, die Prozession setzt sich in Marsch. Den Auftakt machen 100 Karren mit Wein, von den zahlreichen Zuschauern besonders bejubelt; die Münsteraner hoffen, dass der Herzog ihnen den Inhalt der Fässer schenken wird. Den Karren folgen sechs Gepäckwagen, die gelb und rot gewandeten Diener, Pagen mit grün gefütterten Mänteln, Musikanten sowie die zwölf prächtig geschirrten Reitpferde des Aristokraten. Unmittelbar vor der vergoldeten, sechsspännigen Kutsche des Herzogs, die beschirmt wird von Schweizergardisten mit Hellebarden, reiten in Dreierreihen 25 Kavaliere, in den unterschiedlichsten Farben gekleidet.

Mehr als 200 Personen umfasst der Hofstaat, allein 40 für die Küche, dazu Sekretäre, Dolmetscher, Arzt und Barbier sowie zwei Geistliche. Den Zug schließen die zwei anderen französischen Unterhändler mit ihren Dienerschaften, ebenfalls in prächtiger Livree. Durch das Spalier der Soldaten und Bürger der Stadt passiert die Parade das Tor im Südosten des mächtigen Festungswerks und zieht zum Domplatz, wo der Herzog Quartier nimmt. Was für ein Kontrast zu dem vom Krieg verwüsteten Umland von Münster, zu niedergebrannten westfälischen Städten wie Paderborn, den verlassenen Dörfern, von Unkraut überwucherten Feldern. Zur Schlichtheit auch der Kongressorte: Münster wirkt trotz des Doms, des Rat- und des Krameramthauses ländlich; zahlreiche Bürgerhäuser mit Eichenfachwerk, Tenne und Stall, Küche und offenem Herd gleichen eher Bauernhöfen. Das Vieh zieht morgens und abends über die Straßen, Erntewagen holpern durch die Stadt.

Fabio Chigi, der päpstliche Nuntius, ein feingeistiger Theologe und Dichter, notiert: „An beiden Seiten der Straße liegt oft dicker Schmutz, ja sogar Misthaufen dampfen hier vor sich hin. Denn alle wohnen hier unter einem Dach: Menschen, trächtige Kühe, stinkende Ziegenböcke und Schweine.“ Zudem behagt dem gebürtigen Toskaner das Wetter nicht; andauernd regne es. Und Pumpernickel, das örtliche Brot, sei kaum essbar. In Osnabrück, schreibt ein französischer Besucher, seien gar nur drei Straßen der Rede wert, die anderen nur von armen Leuten bewohnt, unansehnlich bebaut, etliche nicht einmal gepflastert.

Es fällt den Stadtoberen der Verhandlungsorte nicht leicht, die 94 Gesandtschaften aus dem Reich und die 15 ausländischen Delegationen angemessen unterzubringen; allein die Franzosen reisen mit fast 500 Personen, die Österreicher mit rund 170 nach Münster. Dort logieren die bedeutenden Mächte in der Nähe des Doms. Sie wohnen in Stadtpalästen von Adeligen aus dem Umland; wer weniger Geld zur Verfügung hat, mietet Bürgerhäuser an. Die Abordnungen in Osnabrück sind deutlich kleiner; nur die schwedische und die dänische haben mehr als 100 Mann, während sich Johann Graf Lamberg, einer der kaiserlichen Bevollmächtigten, mit 27 Gefolgsleuten begnügt. Das macht die Unterbringung einfacher. Zudem haben viele Patrizier die Stadt im Krieg verlassen. Ihre Häuser stehen nun leer und können leicht requiriert werden.

Wem das Vorgefundene nicht repräsentativ genug erscheint, der baut um: So lässt ein Spanier in der Tenne seines Hauses Bretterwände aufstellen und mit Gobelins behängen, um den Eindruck einer vornehmen Zimmerflucht zu erwecken. Repräsentativ muss das Quartier eines Gesandten sein. Denn es gilt als Wohnung seines fürstlichen Herrn, dessen Person er vertritt: Über der Haustür prangt das Herrscherwappen, im Audienzzimmer deutet oft ein erhöhter Sessel mit einem Baldachin den Thron an.

Vor allem aber dienen die Unterkünfte als Tagungsräume. Der größte Friedenskongress der Neuzeit findet in den Quartieren statt: Es gibt weder eine allgemeine Eröffnungszeremonie noch Vollversammlungen noch eine gemeinsame Abschlussveranstaltung. Die Verhandlungspartner besuchen einander oder einen der beiden Vermittler reihum in ihren Unterkünften. Deren Luxus soll die Botschafter der anderen Staaten beeindrucken und den eigenen Rang unter den Mächten Europas betonen.

Aber der Reigen von Besuchen und Gegenbesuchen kommt auch im Sommer 1645 noch nicht richtig in Gang. Denn weiterhin sperrt sich der Kaiser, alle Reichsstände zum Kongress zuzulassen. Erst zwei schwere Niederlagen seiner Truppen stimmen Ferdinand III. um (die Kämpfe dauern die ganze Zeit an; auf einen Waffenstillstand können sich die Kriegsparteien bis zum Schluss nicht einigen): Am 6. März 1645 unterliegen sie in der Nähe von Prag den Schweden, fünf Monate später im schwäbischen Alerheim einer französischen Armee. Damit geraten die habsburgischen Kernlande Böhmen und Österreich erneut in Gefahr.

Und so beugt sich der Kaiser. Am 29. August 1645 lädt er die Reichsstände nach Münster und Osnabrück. Eine schwere Entscheidung: Denn in Zukunft werden neben dem Kaiser die Stände in ihrer Gesamtheit das Reich völkerrechtlich repräsentieren. De facto sind Kriegserklärungen und Friedensschlüsse ohne ihre Zustimmung nun ausgeschlossen. ENDE NOVEMBER TRIFFT SCHLIESSLICH auch Maximilian Graf von Trauttmansdorff in Münster ein, der engste Vertraute des Kaisers und dessen Chefunterhändler. Im Gegensatz zu Longueville, einige Monate zuvor, nähert sich der 61-Jährige mit seiner Kutsche in der Dunkelheit; trotz eines Gefolges von 100 Mann passiert er kaum bemerkt das Tor.

Trauttmansdorff will die ohnehin gereizte Stimmung in der Kongressstadt nicht noch durch einen prahlerischen Einzug anheizen. Vielleicht aber scheut er auch den Aufwand eines solchen Spektakels. Denn das müsste er – als Vertreter des ranghöchsten weltlichen Fürsten der Christenheit – mit noch größerem Gepränge abhalten als der Franzose, um nicht das Prestige seines kaiserlichen Herrn zu beschädigen. Und diese Ausgaben kann sich der Gesandte, als vierter Sohn einer Adelsfamilie deutlich ärmer als Longueville, nicht leisten. Zumal Gelder aus Wien nur spärlich fließen. So soll Johann Ludwig Graf von Nassau, ebenfalls ein kaiserlicher Gesandter, eine monatliche Aufwandsentschädigung von 1000 Gulden erhalten, doch legt er schon in den ersten zwei Kongressjahren 130 000 Gulden dazu, für die er Familien ländereien und sein silbernes Tafelgeschirr verkaufen und sich verschulden muss.

Die allgemein verbreitete Korruption wird zur wichtigen Einnahmequelle. Reichshofrat Isaak Volmar nutzt sie kräftig; lediglich von den verhassten Franzosen nimmt der Sohn eines einfachen schwäbischen Stadtschreibers nichts. Trotzdem kann er sich nur eine zweispännige Kutsche leisten – sehr zum Spott der ausländischen Gesandten.

Der Kaiser will Land gegen Frieden geben – wenn auch nicht das eigene

Nach vier Jahren Streit um formale Fragen, um Rangfolgen und Quartiere, sind nun im Dezember 1645 alle Botschafter versammelt, mit Pässen ausgestattet, akkreditiert und untergebracht. Die Hauptverhandlungen können beginnen – der erste internationale Friedenskongress in Europa.

GROSSE ERWARTUNGEN knüpfen sich in Münster an den Grafen Trauttmansdorff, den Freunde und Feinde für einen fähigen, verlässlichen Unterhändler halten. Zeitgenossen rühmen seine Großzügigkeit und Ehrenhaftigkeit – auch wenn sie seine wenig stattliche Erscheinung bemängeln: „Er hat eine stumpfe Nase, die Augen liegen ihm tief im Kopf, er sieht sehr mürrisch aus und trägt eine abscheuliche Perücke, die ihm auf den Augen sitzt.“

Vier römisch-deutschen Kaisern hat Trauttmansdorff bereits als Diplomat gedient; jetzt ist er Präsident des Geheimen Rates, des österreichischen Kabinetts, und der einzige Gesandte einer Großmacht, der auf dem Friedenskongress weitgehende Verhandlungsvollmachten hat.

Alle anderen Delegierten müssen stets die Erlaubnis ihrer Regierungen einholen; selbst Johan Oxenstierna, der Sohn des schwedischen Reichskanzlers, darf keine Entscheidung fällen. Was jeden Fortschritt in den Verhandlungen verzögert: Denn die Postboten brauchen lange, von Osnabrück nach Stockholm 20, von Münster nach Paris zehn und nach Madrid gar 30 bis 40 Tage. Bis also die Spanier Antwort erhalten, wie sie sich etwa den Niederländern gegenüber verhalten sollen, vergehen mindestens zwei Monate – wenn die Kuriere nicht überfallen werden: von Straßenräubern oder im Auftrag einer Macht, um Geheiminformationen abzufangen. Was häufig geschieht; deshalb werden die Nachrichten verschlüsselt und meist mehrere Briefe gleichen Inhalts versandt.

Sofort nach seiner Ankunft im November 1645 sucht Trauttmansdorff nach Möglichkeiten der Verständigung mit Frankreich und Schweden. Er weiß: Der Krieg ist für Habsburg nicht mehr zu gewinnen, sogar eine totale Niederlage droht; ein rascher Frieden muss ausgehandelt werden, um die Herrschaft des Kaisers zu sichern. Trauttmansdorff weiß auch, dass die beiden gegnerischen Großmächte als Bedingung für ihren Abzug Kriegsentschädigungen in Form von Territorien fordern werden. Land gegen schnellen Frieden: Das muss die Taktik der Kaiserlichen sein. Dabei sollen die Gebietsverluste aber möglichst andere deutsche Fürsten treffen.

Zunächst bietet Trauttmansdorff den Franzosen einige kleinere Ländereien in Lothringen an. Die Franzosen weisen die Offerte indes als zu gering zurück – Habsburg müsse deutlich weiter reichende Konzessionen machen. Paris verlangt das Elsass, den Breisgau, Teile Vorderösterreichs. Über so große Gebietsabtretungen will der kaiserliche Delegierte freilich nicht diskutieren. In der Hoffnung, in den Schweden nachgiebigere Verhandlungspartner zu finden, reist er am 14. Dezember 1645 nach Osnabrück. Doch er täuscht sich; die schwedischen Kompensationsansprüche sind noch umfangreicher: Die Skandinavier wollen Pommern, Bremen, Magdeburg, Wismar, Verden, Osnabrück sowie ganz Schlesien.

Und die Schweden haben ein schwerwiegendes Druckmittel, um ihre Ziele durchzusetzen: Ihr Heer, das in Deutschland steht, ist fast 64 000 Mann stark. An die Abtretung Schlesiens, der „Pupille in des Kaisers Auge“, sei nicht zu denken, bedeutet Trauttmansdorff den Schweden. Pommern jedoch, darüber ließe sich reden. Da aber gibt es ein Problem: Das Land an der Ostsee gehört nicht zum Territorium der Habsburger, sondern zum Herrschaftsgebiet des Kurfürsten von Brandenburg aus dem Haus der Hohenzollern. Und der will es nicht hergeben. Weder gegen Geld noch gegen andere Ländereien.

Zwingen kann der Kaiser den Kurfürsten nicht. Ebenso wenig wollen die Schweden von ihrer Forderung lassen. Und so kehrt Trauttmansdorff Ende Februar 1646 nach Münster zurück. Der Versuch, einen Sonderfrieden mit den Schweden zu schließen, bleibt erfolglos. Nun nimmt der Habsburger Gesandte wieder Verhandlungen mit den Franzosen auf, im Wissen, dass eine Verständigung das Kaiserhaus schwere Opfer kosten wird; denn Frankreich fordert wertvolle Gebiete der Habsburger. Aber Ferdinand III. ist jetzt zu diesen Opfern bereit. Nichts wäre schlimmer, als den desaströsen Krieg zu verlängern.

Noch im März sendet der Kaiser Instruktionen nach Münster, in denen er Trauttmansdorff anweist, Frankreich das Elsass anzubieten (zumindest die Orte, die ihm gehören; im Elsass herrscht eine höchst komplizierte Rechtslage, die kaum ein Kongressteilnehmer begreift; unzählige Klein- und Kleinstterritorien sowie viele Städte unterstehen dem Kaiser nur in seiner Funktion als Reichsoberhaupt, sind aber nicht sein Besitz und können somit auch nicht abgetreten werden). Im Gegenzug soll Paris seinen schwedischen Verbündeten von unmäßigen Territorialforderungen abbringen. Was die Franzosen aber ablehnen. Demonstrativ lässt Longueville seine schöne junge Frau nach Münster kommen. Die Kaiserlichen sollen sehen, dass sich die französische Gesandtschaft notfalls langfristig einzurichten versteht.

Drei Monate vergehen ohne weitere Fortschritte. Erst als Trauttmansdorff den Franzosen Ende August auch das Recht auf die rechtsrheinische Festung Philippsburg zugesteht, die als militärisches Einfallstor nach Süddeutschland eine hohe strategische Bedeutung hat, willigt Paris ein. Am Nachmittag des 13. September 1646 finden sich die kaiserliche und die französische Delegation in Trauttmansdorffs Quartier in Münster ein: Erstmals treffen beide Gesandtschaften zu einer formellen Sitzung zusammen. Bis dahin haben sie nur per Austausch von Schriftsätzen verhandelt, die an die Vermittler ausgehändigt und von diesen an die Botschafter weitergereicht worden sind.

Fabio Chigi, der päpstliche Nuntius, verliest das Abkommen über die französische Kriegsentschädigung. Jeweils ein Bevollmächtigter hält ebenfalls eine Ausfertigung des Textes in den Händen, um es mit dem Vorgetragenen vergleichen zu können. Graf Trauttmansdorff leidet unter Durchfall, Fieber und einem akuten Gichtanfall; er hat sein Exemplar an Isaak Volmar übergeben. Nachdem Chigi seinen Vortrag beendet hat, stimmen beide Delegationen dem Inhalt zu, formlos mündlich, denn die Abmachung soll nur vorläufig gelten: Einen verbindlichen Vertrag wollen die Franzosen nicht akzeptieren – wohl auch, um nicht gegen den Pakt mit den Schweden zu verstoßen, der einen Separatfrieden verbietet.

Der Ausgleich zwischen den Großmächten gelingt. Wie aber endet der Krieg der Deutschen?

Mit dem Abkommen vom 13. September 1646 übernehmen die Franzosen die Aufgabe, mäßigend auf die Schweden einzuwirken. Keine leichte Aufgabe, auch angesichts der Sturheit des Gesandten Graf Johan Oxenstierna. Schwierig, reizbar und hochfahrend sei der Schwede, notiert ein französischer Delegierter, dabei unentschlossen und ohne Selbstvertrauen, ein „hoch intonirtes, aufgeblasenes Subjectum“, eitel und stolz.

Tatsächlich fährt Oxenstierna täglich mit einer königlichen Karosse aus, umgeben von zwölf Hellebardieren und einer großen Zahl von Edelleuten, Pagen und Lakaien. Wenn er sich vom Bett erhebt, zur Tafel geht oder schlafen legt, lässt der Schwede dieses jedes Mal durch Pauken und Trompetenschall verkünden. Nachmittags ist nicht mehr mit ihm zu verhandeln, er ist dann meist bezecht. Ein Magdeburger Geistlicher isst vor seinen Besuchen bei Oxenstierna stets Bittermandeln, um so länger nüchtern zu bleiben.

Immerhin: Eines können die Franzosen ihrem Partner abtrotzen – die Schweden verzichten auf Schlesien. Aber von Pommern wollen sie nicht abrücken. Doch dessen Herausgabe lehnt der Kurfürst von Brandenburg weiterhin ab. Daraufhin opfert der Kaiser seinen Lehensmann: Er instruiert die Gesandten, sich mit Oxenstierna auch um den Preis eines Konflikts mit dem armen Brandenburg zu einigen – denn der sei leichter zu ertragen als der Krieg mit der Großmacht Schweden.

Trauttmansdorff formuliert einen Kompromiss, den auch die Regierung in Stockholm akzeptiert: Der Kurfürst von Brandenburg soll Hinterpommern behalten dürfen, Vorpommern mit dem wichtigen Hafen Stettin aber abgeben. Kaiserliche, Schweden und Franzosen stellen dem Kurfürsten jetzt ein Ultimatum: Verweigere er sich dieser Lösung, werde er die gesamte Provinz verlieren. Die Antwort des Hohenzollern: Er werde den Vorschlag „in Ewigkeit nicht“ annehmen. Doch im Januar 1647 muss der Kurfürst dem Druck schließlich nachgeben. Einen Monat später unterzeichnen Gesandte des Kaisers und der schwedischen Königin Christine einen Vorvertrag über die Kriegsentschädigung Schwedens.

MIT DEM VORVERTRAG vom 18. Februar 1647 hat der westfälische Friedenskongress seine erste gewaltige Aufgabe vollbracht: den Ausgleich unter den Großmächten. Doch der Dreißigjährige Krieg ist nicht nur ein Konflikt zwischen dem Kaiser und ausländischen Potentaten. Sondern auch ein Bürgerkrieg der Deutschen. Sowie ein Religionskrieg zwischen Protestanten und Katholiken. In der Aussöhnung der beiden Konfessionen aber ist der Kongress bisher kaum vorangekommen.

Obwohl die Voraussetzungen dazu günstig waren: Die Entsendung Trauttmansdorffs, der in der Jugend zur römischen Kirche konvertiert ist und der seit Langem die Verständigung mit den Protestanten betreibt, war ein Zeichen für die Kompromissbereitschaft des Kaisers. Auch Bayern, die zweite katholische Macht im Reich, drängt auf Frieden. Doch die Mehrheit der Reichsstände beider Konfessionen lehnt ein Entgegenkommen ab.

Die Protestanten fordern die völlige Gleichberechtigung ihres Bekenntnisses, was die Katholiken strikt verweigern: Sie bestehen darauf, dass von dem seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 geltenden Grundsatz, nach dem der Landesherr über die Religion seiner Untertanen bestimmte („cuius regio eius religio“), die Reichsritter, ein Teil der Reichsstädte und vor allem die geistlichen Fürsten weiterhin ausgenommen bleiben. Zudem lehnen die katholischen Stände das von den Protestanten beanspruchte Recht auf öffentliche Religionsausübung in ihren Territorien ab.

Und noch weitere Fragen sind offen: Was soll mit den geistlichen Besitztümern geschehen, die während des Krieges von protestantischen Herrschern säkularisiert, was mit den Gebieten, die zwangsweise rekatholisiert worden sind, etwa die Oberpfalz? Erst im Februar 1647 kommen die Gespräche zwischen den Konfessionen wieder in Fluss – als Trauttmansdorff in Osnabrück allein die Verhandlungen für die katholische Seite übernimmt. Für die Protestanten führt der Schwede Johan Adler Salvius das Wort, ein 57-jähriger kühler Diplomat, studierter Mediziner und Jurist von niedriger Herkunft – und persönlicher Feind seines Vorgesetzten Oxenstierna. Schweden ist Fürsprecher der evangelischen Deutschen.

Trauttmansdorff erkennt die Rechtsgleichheit der Protestanten rasch an. Das Verbot öffentlicher evangelischer Gottesdienste in den Habsburger Erblanden jedoch verteidigt er. Dies hat ihm der Kaiser ausdrücklich aufgegeben: Wenn dieses Gesetz falle, sei das der erste Schritt zur Auslöschung des katholischen Glaubens insgesamt. Ehe der Kaiser in dieser Frage nachgebe, sagt Trauttmansdorff zu Salvius, werde er lieber Zepter und Krone, Leib und Leben verlieren und seine eigenen Söhne vor seinen Augen sterben sehen. Worauf der Schwede erwidert, dazu könne es leicht kommen.

Und tatsächlich: Die Soldaten seines Landes stehen an der Donau, und am 14. März 1647 muss Bayern einen Waffenstillstand mit Schweden und Frankreich schließen. Damit verliert der Kaiser seinen wichtigsten deutschen Verbündeten. Der Streit um die evangelischen Gottesdienste behindert die Gespräche nur kurz. Denn Salvius sind andere Punkte wichtiger: So unterstützt Trauttmansdorff den Plan, die Besitzstände der Konfessionen, wie sie zu Beginn des Jahres 1624 existiert hatten, für die Zukunft festzuschreiben.

Dieses „Normaljahr“, auf das sich die Verhandlungspartner geeinigt haben, fordert von den Katholiken den Verzicht vor allem auf die Errungenschaften des „Restitutionsediktes“ von 1629: Mit jenem Gesetz wollte Ferdinand II., der Vater des jetzt amtierenden Kaisers, auf dem Höhepunkt seiner Macht sämtliche einst von protestantischen Fürsten eingezogenen geistlichen Besitztümer der römischen Kirche zurückgeben. Die protestantischen Reichsstände nehmen das Angebot Trauttmansdorffs zum „Normaljahr“ an.

Doch nun ziehen die Katholiken alle schon gemachten Konzessionen zurück, vom päpstlichen Vermittler Chigi darin insgeheim bestärkt. Der Bischof von Osnabrück, dessen Bistum nach der angestrebten Regelung abwechselnd von einem Katholiken und einem Protestanten regiert werden würde, wirft Trauttmansdorff vor, er handle eigenmächtig und gegen den Willen des Kaisers. Diese Blockade können die kaiserlichen und schwedischen Gesandten erst im März 1648 überwinden, indem sie fortan ausschließlich mit den Gemäßigten aus beiden Konfessionen verhandeln.

Die evangelischen und katholischen Radikalen werden einfach übergangen: Der Kaiser, die ausländischen Großmächte und die Kurfürsten haben sich zuvor geeinigt, dass der Religionsfrieden auch ohne deren Einverständnis gültig sein soll. Graf Trauttmansdorff ist an dieser Einigung allerdings nicht mehr beteiligt. Als sein Schlichtungsversuch im Sommer 1647 zu scheitern schien, übergab er die Leitung der kaiserlichen Gesandtschaft an Isaak Volmar, setzte sich am 16. Juli in seine Kutsche und ließ sich nach Hause fahren. Der Westfälische Friedensvertrag, zu dessen Zustandekommen niemand mehr beigetragen hat als der „geduldigste aller Menschen“, wie ein Franzose Trauttmansdorff nennt, wird seine Unterschrift nicht tragen.

Sieben Jahre sind seit Beschluss zur Konferenz vergangen, 30 seit Beginn des Krieges

MÜNSTER, 24. OKTOBER 1648, SAMSTAG. Isaak Volmar hat es schließlich doch noch geschafft und den Brief des Kaisers entschlüsselt; wahrscheinlich hat er nach zahllosen Versuchen erraten, nach welchem Muster die Buchstaben der Nachricht miteinander vertauscht waren. Nun erklärt er den anderen Delegierten, sein Herr habe die Erlaubnis erteilt, die Friedensverträge von Münster und Osnabrück zu unterschreiben.

Fast sieben Jahre sind seit dem ersten Abkommen zur Eröffnung eines Friedenskongresses vergangen. Nun wollen die Vertreter des Kaisers, Frankreichs, Schwedens und 15 ausgesuchte Reichsfürsten und Städte endlich ihre Siegel und Signaturen unter die beiden Verträge setzen. Alle übrigen Reichsstände haben ebenfalls das Recht zu unterzeichen; doch auch ohne ihre Zustimmung wird der Frieden für sie verbindlich sein.

13.00 Uhr. Der französische Gesandte Abel Graf Servien erscheint im Quartier der Kaiserlichen in der alten Domprobstei, wo ihn Graf Nassau und Isaak Volmar erwarten. Etwa zur gleichen Zeit treffen Johan Oxenstierna und Johan Adler Salvius in einem anderen Sitz der Habsburger Abordnung ein. Die langen Vertragstexte werden verlesen, die Besucher überprüfen dabei das Exemplar der Gastgeber auf Übereinstimmung mit ihrem eigenen – und unterschreiben es schließlich.

Das dauert bis etwa 17.30 Uhr. Dann verabschieden sich die Gäste in ihre Unterkünfte; die kaiserlichen Gesandten folgen ihnen wenig später. In den Quartieren der Schweden und Franzosen kontrollieren sie die anderen Vertragsausfertigungen, unterschreiben und besiegeln auch diese.

Am Ende hat das Reich eine Verfassung und sind die Grundfesten für die Zukunft Europas gelegt

Aber was ist der Inhalt der Dokumente, dieses „Weltwunders“, wie es ein Beobachter nennt?

Das komplexe Vertragswerk schafft auf drei Feldern Klarheit: Es gibt dem Reich eine Verfassung. Es regelt das Zusammenleben der Konfessionen in Deutschland. Und es bestimmt, welche Gebiete an die Siegermächte abgetreten werden. Reichsverfassung: Schon mit ihrer Einladung zu den Verhandlungen haben sich die Reichsstände den Anspruch erkämpft, über Kriegserklärungen und Friedensschlüsse mitzubestimmen. Der Friedensvertrag gibt den deutschen Fürsten und Städten überdies das Recht, Bündnisse untereinander oder mit auswärtigen Mächten einzugehen, solange diese sich nicht gegen Kaiser und Reich richten.

Zum großen Teil jedoch schafft der Frieden keine neue Ordnung, sondern stellt die zerrüttete alte wieder her. So erhält der Erbe des 1621 geächteten Kurfürsten von der Pfalz Land und Würde zurück; er verliert aber Ländereien an Bayern, das zudem die neu erworbene Kur behält (sodass das Kolleg der Kurfürsten, die den König wählen, der dann zum römisch-deutschen Kaiser wird, nun aus acht statt sieben Mitgliedern besteht).

Konfessionsordnung: Die Neuregelung der Religionsverhältnisse entspricht ebenfalls weitgehend dem Vorkriegszustand. Denn das Reich bleibt konfessionell vielfältig, wobei Katholiken, Lutheraner und von nun an auch Calvinisten rechtlich gleichgestellt werden. Neu ist zudem, dass in Gremien wie dem Reichstag keine Konfession eine andere überstimmen darf. Die Situation des ausgehandelten „Normaljahres“ 1624 bestimmt darüber, welches Land welcher Glaubensgemeinschaft angehört. (Diese Verteilung wird – wie auch die durch den Frieden geschaffene politische Ordnung – im Großen und Ganzen bis zum Ende des Reiches 1806 unverändert bleiben und diesem einzigartigen Staatswesen in der Mitte Europas eine lange Phase relativer Stabilität bescheren.)

Schließlich die Gebietsabtretungen an die Siegermächte: Frankreich erwirbt die früheren habsburgischen Besitzungen im Elsass, dazu die lothringischen Bistümer Metz, Toul und Verdun und zwei rechtsrheinische Festungen. Schweden gewinnt Vorpommern mit Stettin, die Stadt Wismar und die Stifte Bremen und Verden, kontrolliert somit die Mündungen von Weser, Elbe und Oder. Zudem lassen sich die Skandinavier vom Reich fünf Millionen Taler dafür bezahlen, dass sie ihre Armee entlassen.

MÜNSTER, 24. OKTOBER 1648, 21.00 UHR. Nachdem sie die Friedensverträge geprüft, unterzeichnet und besiegelt haben, bringen die kaiserlichen Gesandten die kostbaren Dokumente in den Bischofshof am Domplatz, wo die reichsständischen Vertreter sie ebenfalls unterschreiben. Alle Kirchenglocken läuten, die 70 Kanonen auf der Stadtmauer feuern je dreimal Salut. Der Dreißigjährige Krieg ist beendet. Es herrscht Frieden in Deutschland. Nicht aber in Europa.

Der Pax universalis et perpetua, die universelle und ewige Waffenruhe, ist von Anfang an Makulatur. Noch elf Jahre werden Spanier und Franzosen weiterkämpfen, werden ihren Krieg erst mit dem „Pyrenäenfrieden“ von 1659 beenden. Und bald wird in Frankreich ein absolutistischer Herrscher glauben, er, Ludwig XIV., der Sonnenkönig von Versailles, müsse das Abendland beherrschen.

Und doch: Der Westfälische Frieden, das Vertragswerk von Münster und Osnabrück, hat Großes geschaffen, es hat nicht weniger gelegt als die völkerrechtlichen Grundfesten für die Zukunft Europas – als einer Gemeinschaft gleichberechtigter Staaten.

Trotz aller Krisen, trotz aller Kriege: Diese Souveränität gilt bis heute lichen in der alten Domprobstei, wo ihn Graf Nassau und Isaak Volmar erwarten. Etwa zur gleichen Zeit treffen Johan Oxenstierna und Johan Adler Salvius in einem anderen Sitz der Habsburger Abordnung ein. Die langen Vertragstexte werden verlesen, die Besucher überprüfen dabei das Exemplar der Gastgeber auf Übereinstimmung mit ihrem eigenen – und unterschreiben es schließlich.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Fries, Anja; Peters, Stefanie: Der Dreißigjährige Krieg: Um Macht und Glauben, in: geo.de, online verfügbar seit 12.12.2018 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/1618-1648-der-dreissigjaehrige-krieg-um-macht-und-glauben-30176762.html, zuletzt geprüft am 02.02.2026.

-> Fries, Anja: 400 JAHRE PRAGER FENSTERSTURZ. Wie ein Aufstand in Böhmen Europa in Brand setzte, in: geo.de, online verfügbar seit 12.12.2018 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/400-jahre-prager-fenstersturz-wie-ein-aufstand-boehmen-europa-brand-30175460.html, zuletzt geprüft am 02.02.2026.

-> Liebermann, Doris: Die „Schlacht am Weißen Berg“, in: Deutschlandfunk.de, online verfügbar seit 08.11.2020 unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-400-jahren-die-schlacht-am-weissen-berg-100.html, zuletzt geprüft am 02.02.2026.

-> Münkler, Herfried: Der Dreißigjährige Krieg: Ein Bürgerkrieg, der zugleich ein Hegemonialkrieg war, in: bpb.de, online verfügbar seit 20.07.2018 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/272824/der-dreissigjaehrige-krieg-ein-buergerkrieg-der-zugleich-ein-hegemonialkrieg-war/, zuletzt geprüft am 02.02.2026.

Sekundärliteratur

-> Otto, Frank: Westfälischer Frieden. Die Stunde der Diplomaten, in: GEO Epoche (Jg. 2008, Heft Nr. 29). 

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