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Persönlichkeiten

Inhaltsverzeichnis

  1. Franciscus Agricola - Gegner der Hexenverfolgung
  2. Johannes Kepler
  3. Ferdinand II.
  4. Maximilian I. (Bayern)
  5. Gustav II. Adolf
  6. Albrecht von Wallenstein
  7. Rudolf II. (HRR)

1. Franciscus Agricola - Gegner der Hexenverfolgung

In­fol­ge der kon­fes­sio­nel­len Spal­tung nach 1555 und vor al­lem auch wäh­rend des Acht­zig­jäh­ri­gen Krie­ges ge­wann die He­xen­leh­re neu­en Zu­lauf und evo­zier­te ge­ra­de zu Be­ginn des 17. Jahr­hun­derts ei­ne Mas­sen­hys­te­rie, die zu zahl­rei­chen Ver­däch­ti­gun­gen, De­nun­zia­tio­nen, Pro­zes­sen und Hin­rich­tun­gen führ­te. Ge­ra­de weil die He­xen­ver­fol­gun­gen da­mit ei­ner fast un­ge­zü­gel­ten Volks­be­we­gung gleich­ka­men, ver­such­te die so­wohl auf ka­tho­li­scher wie auch auf pro­tes­tan­ti­scher Sei­te um Ord­nung be­müh­te kirch­li­che Ob­rig­keit, die­ser Hys­te­rie Ein­halt zu ge­bie­ten. Denn an­ders als im Mit­tel­al­ter wa­ren die He­xen­pro­zes­se der Frü­hen Neu­zeit aus­ge­hend von der im Jahr 1532 ver­öf­fent­lich­ten Pein­li­chen Hals­ge­richts­ord­nung Kai­ser Karls V. (1500-1558) sehr viel stär­ker der welt­li­chen Ge­richts­bar­keit un­ter­wor­fen als der geist­li­chen. Ei­ner der be­kann­te­ren kirch­li­chen Kri­ti­ker in die­ser Zeit war Fran­cis­cus Agri­co­la. 

Agri­co­la wur­de zwi­schen 1545 und 1550 in dem klei­nen Ört­chen Lohn an der In­de ge­bo­ren, das es seit 1982 in Fol­ge des Braun­koh­le­ta­ge­baus nicht mehr gibt und das im heu­ti­gen Ge­mein­de­ge­biet von Al­den­ho­ven lag. Es mag die­se sehr länd­li­che Her­kunft ge­we­sen sein, die ihm den Bei­na­men „Agri­co­la“, Bau­er, ein­brach­te. Zeit­le­bens soll­te er sei­ne Hei­mat­re­gi­on im Ge­biet zwi­schen Jü­lich und Aa­chen kaum ver­las­sen, von hier aus je­doch ei­nen be­acht­li­chen Ein­fluss auf oder viel­mehr ge­gen den sich zum En­de des 16. Jahr­hun­derts hin ver­stär­ken­den He­xen­wahn ge­win­nen. 

Agri­co­las Le­ben spie­gelt sich heu­te ganz über­wie­gend in sei­nen Schrif­ten wi­der, über sei­nen Ver­lauf ist we­nig be­kannt. Sein Stu­di­um ab­sol­vier­te er in Köln und Lö­wen: das phi­lo­so­phi­sche Grund­stu­di­um bei Pe­ter Busa­eus (1540-1587) an der Köl­ner Drei­kö­ni­gen­bur­se, Theo­lo­gie dann spä­ter bei dem schon schwer kran­ken, je­doch  be­rühm­ten Kir­chen­ge­lehr­ten Jo­do­kus Ra­ves­teyn (1506-1570). Busa­eus, der selbst aus Nim­we­gen stamm­te, war ei­ner der füh­ren­den frü­hen Je­sui­ten im Hei­li­gen Rö­mi­schen Reich und lehr­te bis et­wa 1569/1570 am Rhein. Da­nach wur­de er nach Wien be­ru­fen, um das dor­ti­ge Je­sui­ten­kol­leg mit auf­zu­bau­en, des­sen Rek­tor er schlie­ß­lich 1586 wur­de. Man darf da­von aus­ge­hen, dass Agri­co­las spä­te­re Hal­tung zur He­xen­ver­fol­gung in die­ser je­sui­ti­schen, al­so eher wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Prä­gung zu su­chen ist. Er­in­nert sei nur an Fried­rich Spee von Lan­gen­feld, ei­ner der be­kann­tes­ten Kri­ti­ker der He­xen­pro­zes­se und glei­cher­ma­ßen Je­su­it. Glei­cher­ma­ßen wird sei­ne theo­lo­gi­sche Aus­bil­dung bei Ra­ves­teyn, der un­ter an­de­rem als kai­ser­li­cher Ge­sand­ter beim Kon­zil von Tri­ent wirk­te und zahl­rei­che Schrif­ten für die Rei­ner­hal­tung der kirch­li­chen Leh­re ver­fass­te, sei­ne Un­nach­gie­big­keit ge­gen die Neu­gläu­bi­gen be­grün­det ha­ben. Ihn we­gen sei­nes la­tei­ni­schen Bei­na­mens als Hu­ma­nis­ten zu be­zeich­nen, wür­de den Be­griff al­ler­dings all­zu weit fas­sen. 

Zum Ab­schluss sei­nes Stu­di­ums in Lö­wen er­warb Agri­co­la das Li­zen­zi­at der Theo­lo­gie, schlug da­mit aber kei­ne aka­de­mi­sche Lauf­bahn ein, son­dern über­nahm 1569 die Pfarr­stel­le in Rö­din­gen (heu­te Ge­mein­de Titz) in der Nä­he sei­nes Ge­burts­or­tes. Hier ent­stan­den meh­re­re Leit­fä­den zum christ­li­chen Le­ben wie et­wa der „Bib­li­scher Ampts­spie­gel, das ist ein Recht un­ge­felscht evan­ge­lisch hand­büch­lein ei­nes wa­ren auf­frich­ti­gen Chris­ten­bur­gers […]. Und dem­nach ein jeg­li­cher Christ, wes standts oder wur­den er ist, als in ei­nem Spie­gel er­lehr­nen kann, wie er nach Got­tes wort in sei­nem ampt und be­ruff le­ben soll und muß, das er ent­lich se­lig wer­de.“ Ver­se­hen mit ei­nem Re­gis­ter und pas­sen­den Bi­bel­zi­ta­ten zu den ver­schie­de­nen The­men­krei­sen wie Ehe, Fa­mi­lie, Han­del, aber auch öf­fent­li­che Ord­nung soll­te die­ses wie auch die fol­gen­den Bü­cher ein ver­ständ­li­ches Nach­schla­ge­werk im Sin­ne christ­li­cher – al­so alt­gläu­bi­ger – Le­bens­füh­rung sein. 

Dass es ihm nicht nur um Rat­ge­ber ging, son­dern auch mit Lei­den­schaft um die ka­tho­li­sche Sa­che, be­wies Agri­co­la, als er „Fürst­li­che und al­ler­ley an­de­re aus­er­le­se­ne feu­ri­ge ca­tho­li­sche Ge­bet­t“ ver­öf­fent­lich­te. Zu die­sem Zeit­punkt, 1585, hat­te er schon die Pfarr­stel­le im heu­ti­gen lim­bur­gi­schen, da­mals je­doch zum Her­zog­tum Jü­lich ge­hö­ren­den Sit­tard (Bis­tum Ro­er­mond) in­ne, die er 1581 über­nom­men hat­te. Seit 1599 war er Land­de­chant des De­ka­na­tes Süs­te­ren. In Sit­tard be­saß er zu­sätz­lich ein Ka­no­ni­kat am Stift von St. Pe­ter, des­sen Ein­künf­te ihm wohl er­laub­ten, ne­ben sei­ner seel­sor­ge­ri­schen Ar­beit, der er mit gro­ßem Ei­fer nach­kam, sei­ne Ar­beit an den Lehr­wer­ken fort­zu­set­zen. 1597 er­schien sein Haupt­werk „Grundt­li­chen Be­richt, Ob Zau­be­rey die args­te und gre­we­lichs­te sünd auff Er­den sey“. Agri­co­la be­kennt sich dar­in zu­nächst zum Phä­no­men der Zau­be­rei, führt dann aber aus, dass das­sel­be sehr sel­ten sei und kei­nes­wegs zu ver­wech­seln mit an­de­ren Las­tern und Schand­ta­ten wie Dieb­stahl, Ehe­bruch, Un­zucht oder Mord. Zau­be­rer und He­xen sei­en schlim­mer als all die­se Ver­bre­cher, schlim­mer üb­ri­gens auch als Ju­den oder Tür­ken. Den­noch könn­ten selbst Zau­be­rer und He­xen Ver­ge­bung er­lan­gen, denn „Got­tes gnad und barm­her­zig­keit uber­trifft weit un­se­re sün­den, wan­nehe sie gleich hun­dert tau­sent­mal mehr und gros­ser we­ren als sie seynd oder er­dacht wer­den kön­nen.“ Dem­zu­fol­ge könn­ten auch all die Ver­bre­chen, die nur vor­geb­lich von Zau­be­rern und He­xen be­gan­gen wor­den sei­en, in Wahr­heit aber le­dig­lich ei­ne mensch­li­che Sün­de sei­en, ver­ge­ben wer­den. Aus­drück­lich weist Agri­co­la dar­auf hin, dass je­dem tat­säch­lich über­führ­ten Zau­be­rer, der kei­ne Bu­ße tue, der Pro­zess zu ma­chen sei, auch in Form von Ver­bren­nun­gen, führt je­doch auch aus, dass die­se Pra­xis stär­ker im welt­li­chen Recht als im kirch­li­chen wur­zelt und ver­weist hier auch auf die pein­li­che Hals­ge­richts­ord­nung. Schlie­ß­lich warnt er die welt­li­che Ob­rig­keit da­vor, aus un­lau­te­rer Ab­sicht und oh­ne hin­rei­chen­de Be­wei­se He­xen­pro­zes­se zu füh­ren, und emp­fiehlt ih­nen ein gott­ge­fäl­li­ges Le­ben – ei­ne kaum ver­hüll­te Dro­hung, im ge­gen­tei­li­gen Fall von der Gna­de Got­tes aus­ge­schlos­sen zu wer­den. Ins­ge­samt ach­tet Agri­co­la aber sehr dar­auf, nicht den Ein­druck zu er­we­cken, sich ge­gen He­xen­pro­zes­se aus­zu­spre­chen; im Schluss­teil lie­fert er so­gar Ar­gu­men­te ge­gen je­ne, die be­haup­te­ten, es ge­be gar kei­ne Zau­be­rei. Nur so war es ihm wohl mög­lich, das Werk un­ter sei­nem Na­men zu ver­öf­fent­li­chen.  

Mit dem „Grundt­li­chen Be­rich­t“, der ihn glei­cher­ma­ßen po­pu­lär wie um­strit­ten mach­te, emp­fahl Agri­co­la sich für wei­te­re Auf­ga­ben. Zu­min­dest aus­weis­lich sei­ner ei­ge­nen Schrif­ten trug er den Ti­tel ei­nes Hof­ka­plans des Her­zogs von Jü­lich. 1599 konn­te er die De­chanei des Land­ka­pi­tels von Süs­te­ren für sich er­wer­ben und da­mit ei­ne Füh­rungs­po­si­ti­on in­ner­halb der Geist­lich­keit des ge­ra­de erst 1559 ge­grün­de­ten Bis­tums Ro­er­mond über­neh­men. Trotz al­len Mah­nens und Ma­ßhal­tens in Be­zug auf die He­xen­ver­fol­gung blieb Agri­co­la auch da­bei ein Kämp­fer der Ge­gen­re­for­ma­ti­on; mehr­fach muss­te er sich vor Ge­richt ver­ant­wor­ten, weil ihm vor­ge­wor­fen wur­de, Pro­tes­tan­ten ver­leum­det zu ha­ben oder von der Kan­zel her­ab ge­gen sie ge­pre­digt zu ha­ben. Ganz be­son­ders en­ga­gier­te er sich ge­gen das Wie­der­täu­fer­tum und ver­öf­fent­lich­te meh­re­re Pro­pa­gan­da­schrif­ten über die Ana­bap­tis­ten. 

Es mag an die­ser ka­tho­li­schen Ve­he­menz Agri­co­las ge­le­gen ha­ben oder auch dar­an, dass mit der na­he­zu ti­tel­glei­chen Schrift „Gründ­li­cher Be­richt Von Zau­be­rey und Zau­be­rern“ von An­ton Prae­to­ri­us (1560-1613) Agri­co­las Buch nicht lang­fris­tig re­zi­piert, ja so­gar ver­drängt wur­de und die Be­kannt­heit wie Be­liebt­heit des Au­tors sank. Im­mer­hin be­kann­te Prae­to­ri­us sich un­gleich kla­rer ge­gen die He­xen­ver­fol­gung, als Agri­co­la es ge­tan hat­te. 

Fran­cis­cus Agri­co­la, im Al­ter er­schöpft und ab­ge­ma­gert, starb am 4.12.1621 in Sit­tard und wur­de dort in sei­ner Pfarr­kir­che ne­ben dem Al­tar be­gra­ben. 

2. Johannes Kepler

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Kindheit und Studienjahre (1571–94)

K. verbrachte die ersten Lebensjahre in Weil der Stadt im Haus des Großvaters. Unruhe und Mißhelligkeiten verbreiteten in der Großfamilie Kepler eine Atmosphäre, unter der das Kind litt; als die Mutter ihrem Mann ins Kriegslager folgte, blieb K. in der lieblosen und strengen Obhut der Großeltern zurück. Als 25jähriger suchte er in den Geburtskonstellationen seiner Vorfahren und Eltern nach einer gleichsam entschuldigenden Begründung für deren weniger gute Charaktereigenschaften; Argumente für sicher auch vorhandene gute Wesenszüge fehlen. Nach der Heimkehr der Eltern vom Kriegsschauplatz in den Niederlanden (1576) erwarb der Vater ein Haus in Leonberg (Württemberg), übersiedelte mit seiner Familie dorthin, pachtete wenige Jahre später in Ellmendingen (Baden) das Wirtshaus zur Sonne und zog 1584 wieder nach Leonberg zurück. Schließlich verließ er Frau und Kinder, um abermals an einem Kriegszug teilzunehmen, von dem er nicht mehr wiederkam.

K. besaß die zarte Konstitution seiner Mutter. Mit 5 Jahren erkrankte er lebensgefährlich an Pocken, die seine Hände und Füße entstellten, das Augenlicht schwächten (zurückbleibende Polyopie), ihn später oft in wiederkehrende Fieberanfälle stürzten. Er erhielt zunächst deutschen Lese- und Schreibunterricht und absolvierte dann – mit Unterbrechungen – 3 Klassen an der Lateinschule in Leonberg. Zwei Erlebnisse blieben ihm besonders im Gedächtnis: der Anblick des Kometen 1577 und die Beobachtung einer Mondfinsternis 1580. Das 1583 in Stuttgart bestandene Landexamen brachte ihn in den Genuß der württembergischen Begabtenförderung: 1584 Aufnahme in die niedere Klosterschule Adelberg und 1586 in die höhere Klosterschule Maulbronn; von hier aus bereits Immatrikulation (mit Deposition) 1587 und Baccalaureat 1588 an der Universität Tübingen (1589–94), wo K., im September 1589 in das „Stift“ aufgenommen, mit dem Studium der Theologie begann. Er genoß das Ruoffsche Stipendium der Stadt Weil. In den beiden ersten Jahren hörte K.Vorlesungen in der Artistenfakultät über →Aristoteles, Ethik, die griechischen Klassiker, Naturrecht sowie Mathematik und Astronomie. Nach der Magisterpromotion im August 1591|begann das 3jährige Studium der Theologie. Während der Entwicklungs- und Studienjahre in den Schulen und auf der Universität überwand K. häufig wiederkehrende Erkrankungen. Sein Denken prägten neuplatonische Spekulationen; stärkste Impulse erhielt er aus dem auf →Pythagoras bezogenen Ideenkomplex. Es drängte ihn, angeregt von den „Exercitationes exotericae“ des →J. C. Scaliger, nach Universalwissen und nach Erforschung ursächlicher Zusammenhänge in den Erscheinungen. Ebenso wie der Chronologie widmete er auch der Astrologie Zeit und Arbeit. Von →M. Mästlin, einem der angesehensten Astronomen seiner Zeit, erhielt K. Unterricht in Geometrie, dem die Elemente Euklids zugrunde lagen, und in Trigonometrie. Für die astronomischen Vorlesungen benützte →Mästlin sein 1582 erschienenes, auf dem System des →Ptolemäus aufgebautes Lehrbuch „Epitome Astronomiae“. Mit Zurückhaltung nur erwähnte er dabei auch die neue Theorie des →Copernicus über den Weltbau. Begeistert und bereits auf der Suche nach wissenschaftlicher Begründung schloß sich K. seit 1593 dieser kopernikanischen Lehre an. Im gleichen Jahr schrieb er eine Disputation über den Mond und begann mit Wetteraufzeichnungen. Weniger befriedigten ihn dagegen die Vorlesungen in seinem eigentlichen Fach, der Theologie. Im Gegensatz zur Schriftauslegung der Theologen glaubte K. aus evangelischer Sicht den Maßstab eigener Prüfung anlegen zu dürfen. Unbehoben blieben seine schon früher gehegten Bedenken gegenüber den Glaubenssätzen von der Prädestination, vom Abendmahl und von der Allgegenwart des Leibes Christi. Kurz vor Abschluß seines Studiums 1594 ging bei der Universität die Bitte der steirischen Stände um Benennung eines tauglichen Nachfolgers für den Landschaftsmathematiker →Georg Stadius ein. Die Wahl des Senats fiel auf K., dem angesichts der Aussicht auf eine Laufbahn im Kirchendienst seiner Heimat der Abbruch seiner Studien schwer wurde; so behielt er sich auch die Rückkehr vor.

Graz (1594–1600)

K. trat im April 1594 seine Stelle als Professor für Mathematik und Astronomie in der obersten Klasse der evangelischen Stiftsschule in Graz an. Da er nur wenig, dann gar keine Hörer mehr hatte, wurde er auch zum Unterricht in Arithmetik, Vergil, Rhetorik, später in noch anderen Fächern herangezogen. Von ihrem Mathematiker erwartete die Landschaft vor allem die Abfassung des jährlichen Kalenders. Bis zur Aufgabe seiner Stellung in Graz verfaßte K. daher 6 Kalender für die Jahre 1595-1600, von denen bis jetzt nur 3 aufgefunden wurden. Hatte er sich schon während seiner Studienzeit in Tübingen mit Astrologie befaßt, so zwang ihn sein jetziger Auftrag, sich mit ihr noch eingehender zu beschäftigen. Dies betraf vor allem das dem Kalendarium angehängte Prognosticum mit seinen auf der Grundlage der Planetenaspekte gemachten Voraussagen über das im kommenden Jahr zu erwartende Wetter, über Krankheiten und politische Ereignisse. Da gleich im ersten Kalender einige seiner Prognosen zutreffend ausfielen, gewann er an Ansehen und wurde angeregt, auch nach den Ursachen der Naturgeheimnisse zu forschen. Er schreibt Kalender, zwar auftragsgemäß, aber nicht ungern, denn dabei kann er auch Einfluß nehmen auf die verderblichen Begierden der sterngläubigen Menge und ihr, als Heilmittel, geeignete Mahnungen einträufeln.

K. heiratete die Tochter Barbara des Mühlenbesitzers Jobst Müller zu Gössendorf bei Graz. Seine Frau brachte einen dann von K. mit der Familie bezogenen Hausanteil in Graz mit in die Ehe. Aufbesserung erfuhren K.s Einnahmen durch die Honorare für seine der Landschaft vorgelegten Kalender, durch Ehrengaben für das den Ständen von Steiermark gewidmete Werk „Mysterium Cosmographicum“ („Weltgeheimnis“) sowie für Dedikationsexemplare und astrologische Gutachten.

Die Lehrtätigkeit entsprach nicht K.s Veranlagung; beherrscht von einem leidenschaftlichen Erkenntnisdrang, der alles und immer Neues in seinen Bereich zog, schweifte er von seiner vorgeschriebenen Aufgabe ab, so daß er dem Tadel nicht entgangen wäre, hätte seine Gelehrsamkeit ihm nicht erlaubt, jegliche Verpflichtung auch aus dem Stegreif erfüllen zu können. So kam ihm denn auch während einer Unterrichtsstunde die letzte Einsicht in die Zusammenhänge einer himmelskundlichen Untersuchung, die ihn schon während des Sommers 1595 beschäftigt hatte: Es kam ihm wieder in den Sinn, was er in Tübingen von Pythagoras, →Plato und →Nikolaus von Kues, von →Ptolemäus und →Copernicus gehört und gelesen hatte, als er – nun ein begeisterter Anhänger des Copernicus – daran ging, aus dessen Lehre Folgerungen auch für eine neue Betrachtung des Weltalls zu ziehen.

Im Glauben an eine im Sonnenbereich waltende geheime Ordnung suchte er nach einer Begründung für die Zahl der Planeten, nach einem die scheinbar unregelmäßigen Abstände der Planeten von der Sonne regelnden Gesetz (die kopernikanische Lehre hatte den großen Vorzug, erstmals etwas über die relativen Entfernungen der Planeten von der Sonne aussagen zu können), sowie nach der Ursache für die Bewegungen der Wandelsterne um die Sonne. Neben ästhetischen, zweckmäßigen und mystischen Vorstellungen sind es metaphysische und physikalische Prinzipien, die K. in dem göttlichen Schöpfungsplan verwirklicht sieht: Alles in der Welt ist nach den Normen der Quantität begründet, und es ist dem Geist des Menschen gegeben, diese Normen zu erfassen. Die 6 damals bekannten Planeten bilden 5 Zwischenräume; nach der Geometrie von Euklid gibt es gerade 5 reguläre Körper. Für diese findet er Zahlenverhältnisse, die nahezu übereinstimmen mit jenen, die →Copernicus für die Planetenabstände von der Sonne angab. Demnach lassen sich diese Körper so zwischen die Planetensphären einschalten, daß jeweils die Sphäre eines Planeten umbeschriebene, die des nächst niederen Planten einbeschriebene Kugel eines der regulären Körper wird. Bis zu einem gewissen Grad traf es zu, daß zwischen Saturn und Jupiter der Würfel, zwischen Jupiter und Mars das Tetraeder, zwischen Mars und Erde das Dodekaeder, zwischen Erde und Venus das Ikosaeder und zwischen Venus und Merkur das Oktaeder eingeschaltet werden konnte. Das bedeutete für die Praxis, daß sich mit dieser Annahme die Ausmaße der Bahnen errechnen ließen und nicht mehr, wie bisher, aus den Beobachtungen abgeleitet werden mußten. An dieser Begründung seines Weltbildes hielt K. im wesentlichen sein Leben lang fest. Indessen erwies sich als weitaus bedeutsamer für die Weiterentwicklung der Astronomie der völlig neue Weg, auf dem er nach einem ursächlichen Zusammenhang zwischen den Umlaufszeiten der Planeten und ihren Sonnenabständen suchte und ihn in der Vorstellung fand, daß in der Sonne der Sitz einer die Planetenbewegungen bewirkenden Kraft sei, die in ihrer Intensität von der größeren oder geringeren Entfernung der Sonne von den Planetenkörpern abhängt. Er spricht dabei von einer „anima motrix“ der Sonne, gebraucht aber schon gleichzeitig den physikalischen Begriff „vigor“. Während der mühevollen Ausarbeitung dieser Vorstellungen, seines „Inventums“, und der Drucklegung des als „Vorbote Kosmographischer Abhandlungen“ angesehenen Werks „Mysterium Cosmographicum“ („Weltgeheimnis“, 1596) fand K. brieflich und bei seinem Aufenthalt in Tübingen (Februar-August 1596) auch mündlich bei Mästlin selbstlose Unterstützung. Das „Weltgeheimnis“ ist das einzige seiner wichtigeren Werke, von dem er eine Neuauflage (1621) besorgte. Auf Verlangen des Tübinger Senats durfte K. das als Einleitung gedachte Kapitel über die Verträglichkeit der kopernikanischen Lehre mit der Heiligen Schrift nicht aufnehmen. Zur Veranschaulichung seines Weltbauplans betrieb K. zuerst die Herstellung eines Modells in Form eines Kredenzbechers, an dessen Stelle ein kunstvolles Planetarium treten sollte; der Plan blieb dann doch unausgeführt. Das „Weltgeheimnis“ K.s fand Zustimmung wie Ablehnung. →Galilei bestätigte umgehend den Empfang des Büchleins; Er freue sich auf die Lektüre, die viel Schönes verspreche. →Tycho Brahe verteilte in abgewogenem Urteil Anerkennung und Kritik. Ihm schien für seine eigenen wissenschaftlichen Pläne der junge Forscher selbst wichtiger zu sein, weshalb er ihn zu einem Besuch in Benatek bei Prag ermunterte.

Mit der Vollendung seines „Weltgeheimnisses“ war sich K. bewußt geworden, daß seine wahre Berufung nicht in der Übernahme eines kirchlichen Lehramtes liege, sondern darin, sich der Astronomie zu widmen und in ihr Gott zu dienen. Der Versuch, eine, wenn auch nur kleine Professur in Tübingen zu erhalten, blieb erfolglos. In dieser Lage begrüßte er →Brahes Einladung und reiste im Januar 1600 nach Prag. Während seines 5monatigen Aufenthaltes in Benatek nahm er an den laufenden theoretischen Arbeiten teil, mit denen →Brahe die Erneuerung der Astronomie anstrebte. Da →Longomontanus, dessen Hauptmitarbeiter, eben mit der Theorie des Mars beschäftigt, an einer schwierigen Stelle nicht weiterkam, übernahm K. auf eigenen Wunsch die Fortführung dieser Aufgabe. Im ständigen Umgang mit →Brahe kam er bald zu der Einsicht, daß dieser zwar die meisten und besten Beobachtungen besaß, jedoch nicht in der Lage war, nach eigenem Plan aus der in der Vielfalt der Erscheinungen verborgenen Wahrheit ein neues Gebäude der Himmelskunde zu errichten. Gerade dazu nun fühlte sich K. berufen – sofern er sich noch 2 Jahre bei Brahe aufhalten könnte. Außerdem hoffte er, in den Beobachtungen Brahes genauere Unterlagen über die Bahnen und die Einzelbewegungen der Planeten für sein bereits im Grundplan entworfenes Werk „Harmonice Mundi“ finden zu können. Doch →Brahe hütete argwöhnisch seinen Beobachtungsschatz. Im Zusammenleben traten Spannungen auf, verursacht durch die Verschiedenheit der Charaktere, der Arbeitsweise und des Lebensstils, die K. beilegte, um angesichts seiner bedrängten Lage in Graz mit →Brahe Abmachungen über zukünftige gemeinsame Arbeiten treffen zu können.

Schon vor K.s Pragreise hatten mit der Regierungsübernahme durch Erzherzog →Ferdinand II. von Innerösterreich die kirchenpolitischen Verhältnisse im Land eine entscheidende Wendung genommen. Dieser verfügte 1598 die Aufhebung des evangelischen Kirchen- und Schulministeriums in Graz. Mit den Predigern und Stiftslehrern verließ K. Ende September die Stadt, kehrte jedoch nach einem Gnadenakt des Erzherzogs, der an K.s Entdeckungen Gefallen fand, Ende Oktober dorthin zurück. Er lernte, sich mit den Zeitverhältnissen auseinander zu setzen. Helfende Anteilnahme am Leid der von der Gegenreformation betroffenen Glaubensgenossen hinderte ihn gleichwohl nicht, menschliche und wissenschaftliche Beziehungen über Konfessions- und Standesgrenzen hinaus anzuknüpfen: mit Herren und Rittern lutherischer und calvinistischer Richtung, mit hohen Vertretern der katholischen Geistlichkeit sowie mit den Jesuiten. Am 1.8.1600 erfolgte die endgültige Ausweisung derer, die sich weigerten, katholisch zu werden; zu ihnen zählte auch K. Die Not erforderte rasche Entscheidung. Wenn auch mit Bedenken, folgte K. dem – auf eine Audienz beim Kaiser gestützten – Ruf Brahes.

Prag (1600-12)

In Prag kam K. mit seiner Familie am 19.10.1600 an. Ungewohnte Lebensverhältnisse, langwieriges Wechselfieber mit Husten sowie finanzielle Ungewißheit wirkten während des ersten Winters lähmend auf ihn ein. Erst der Ende April in Erbschaftsangelegenheiten seiner Frau erforderlich gewordene mehrmonatige Aufenthalt in Graz entfachte neuen Lebensmut. Brahe freute sich an K.s Mitarbeit, wenn sich jetzt auch, schon beim ersten Zusammentreffen zwischen beiden aufgetretene Unstimmigkeiten wiederholten, die vermuten lassen, daß beider Verbindung nicht von längerer Dauer hätte sein können. Gemeinsam mit Brahe, so wünschte es der Kaiser, sollte K. die von diesem geplanten neuen, den Namen Rudolphs im Titel führenden Planetentafeln bearbeiten. Der überraschende Tod Brahes (24.10.1601) schuf jedoch völlig neue Verhältnisse. In den nächsten Tagen bereits übertrug der →Kaiser K. die Sorge für die kostbaren astronomischen Instrumente und die unvollendeten Arbeiten Brahes. Er wurde kaiserlicher Mathematiker mit einem jährlichen Gehalt von 500 Gulden. Die Stellung, zu der K. aufrückte, wie die neue Verpflichtung, die er damit übernahm, beflügelten seinen Arbeitsdrang, brachten ihn dabei aber in schwere, trotz vertraglicher Klärung (1604) immer wieder neu ausbrechende Konflikte mit den Erben Brahes, die in den hinterlassenen Beobachtungsjournalen, die der Kaiser zwar kaufen wollte, aber nur anzahlte, ihr ganzes Vermögen sahen. Da K. ohne deren freie und ungehinderte Benützung die ihm aufgetragene Abfassung neuer Planetentafeln nicht durchführen konnte, hatte er die Journale an sich genommen. Zudem warfen ihm die Erben vor, daß er, als Anhänger des Copernicus, das Weltsystem Brahes ablehne. Die im Namen Brahes begonnene Verteidigungsschrift gegen →R. Ursus, die in methodologischer Hinsicht insofern bedeutsam ist, als K. darin seinen Begriff der astronomischen Hypothese eindeutig herausstellt, legte er nun unvollendet beiseite und setzte seine, schon während des ersten Besuchs bei Brahe angefangenen Untersuchungen zur Theorie der Marsbewegung fort. Glaubte er, in kurzer Zeit diese Arbeit abschließen zu können, so wurden Jahre daraus, da er bei Brahe nicht, wie er gehofft hatte, fertige Werte für die Bahnelemente vorfand, sondern sie erst auf Grund der Braheschen Beobachtungen errechnen mußte. Im Rückblick nannte es K. eine göttliche Fügung, daß er gerade die Marsbahn bestimmen sollte, die nämlich unter den oberen Planeten die größte Exzentrizität aufweist und sich deshalb den früheren Theorien allein nicht fügte. Deshalb konnte K. auch der Nachweis gelingen, daß in den theoretischen Voraussetzungen, mit denen die Astronomen bis zu jener Zeit an die Bahnbestimmung herantraten, Fehler stecken mußten. Er hielt sich bei seinem ersten Versuch der Marsbahnbestimmung, für den er ausgewählte Oppositionsbeobachtungen heranzog, an das auf →Aristoteles zurückgehende und im Glauben an dessen Autorität immer noch gültige Axiom, die Planetenbahnform müsse ein Kreis sein. Nach Copernicus sollten sich die Planeten darauf gleichförmig bewegen. Durch originelle Abänderung des bisherigen Verfahrens gelang es K., eine Bahn zu berechnen, die alle Oppositionsbeobachtungen zwar gut darstellte, bei der Prüfung seines Ergebnisses an anderen, unbezweifelbaren Beobachtungen aber eine Differenz von 8 Minuten aufwies. K. verwarf nun seine Voraussetzung und ging völlig neue Wege. Mit den Rechenhilfsmitteln, welche die Geometrie Euklids und die Trigonometrie lieferten, der Anwendung induktiver Methoden|und der Einführung physikalischer Vorstellungen in die Astronomie gelang es ihm, das die Zahlen der Braheschen Beobachtungen verbindende, später auf alle anderen Planeten ausgedehnte Gesetz aufzustellen: Der Mars bewegt sich in einer Ellipse, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht (1. Planetengesetz, auch „Ellipsensatz“) und zwar so, daß der Radius Vector (Verbindungslinie Sonne-Planet) in gleichen Zeiten gleiche Flächen bestreicht (2. Planetengesetz). Die Aufgabe, den Ort eines Planeten in seiner Bahn für einen gegebenen Zeitpunkt zu berechnen, konnte K. nur indirekt lösen. Dieses „Keplersche Problem“ gewann für die Weiterentwicklung der Funktionstheorie große Bedeutung.

Die Sonne ist der Sitz einer Kraft, das Planetensystem wird von inneren Gesetzen beherrscht, von physikalischen Kräften regiert – mit diesen neuartigen Gedanken setzte K. als erster an Stelle des formalen Schemas früherer Astronomen ein dynamisches System, statt der mathematischen Regel das Naturgesetz, an Stelle der geometrischen Beschreibung der Planetenbewegung die kausale Erklärung. Er begründete damit eine neue Wissenschaft, die Himmelsmechanik. Wie nahe K. dabei zu der Erkenntnis vordrang, daß sich die Planetengesetze als notwendige Folge aus dem allgemeinen Naturgesetz der Gravitation ergeben, geht aus seiner Feststellung hervor: „Wenn man einen Stein hinter die Erde setzen und den Fall annehmen würde, daß beide von jeder anderen Bewegung frei sind, so würde nicht nur der Stein auf die Erde zueilen, sondern auch die Erde auf den Stein zu; sie würden den dazwischenliegenden Raum im umgekehrten Verhältnis ihrer Gewichte teilen.“ Der tiefere Grund, warum K. bei der Erklärung des planetarischen Bewegungsmechanismus nicht zu der Erkenntnis, die wir →Newton verdanken, durchdringen konnte, liegt offenbar darin, daß ihm die Vorstellung fehlte, daß eine Masse in gleichförmiger geradliniger Bewegung verharrt, wenn keine äußeren Kräfte auf sie einwirken. Nach der Entdeckung des Ellipsensatzes um Ostern 1605 fanden K.s Untersuchungen über die Marsbahn bald ihren Abschluß. Erneute Streitigkeiten mit Brahes Erben sowie die Verzögerung in der Bereitstellung der vom Kaiser bewilligten Druckkosten hinderten ihre baldige Veröffentlichung. 1609 endlich erschien das Buch mit dem Titel: „Astronomia Nova Αιτιολόγητος seu Physica Coelestis, tradita commentariis de motibus stellae Martis“ („Neue Astronomie“). Als das stattlichste aller Bücher K.s entspricht es auch äußerlich der Bedeutung, die der „Neuen Astronomie“ zukommt als einem der größten Werke der Naturwissenschaft.

Neben der Ausarbeitung seiner Marskommentare brachte K. noch ein zweites Werk, seine „Optik“, zum Abschluß, zu der ihm die auf dem Marktplatz in Graz mit einem nach seinen Angaben aus Holz gefertigten, kostspieligen Ekliptikinstrument angestellte Beobachtung der Sonnenfinsternis vom 10.7.1600 erstes Material geliefert hatte. Nicht nur, daß er mit seinem Instrument die Beobachtungstechnik verbesserte; er entdeckte auch mit Hilfe einer neuen Theorie der Lochkammer (camera obscura) die Ursache für die merkwürdige Wahrnehmung der scheinbaren Verkleinerung des Monddurchmessers bei Sonnenfinsternissen. Noch im Juli desselben Jahres verfaßte er „Paralipomena“ zum 2. Buch der „Perspective“ des →Witelo, einem um 1270 entstandenen und noch zu K.s Zeit die Summe optischen Wissens im christlichen Abendland darstellenden Werk. Im Umgang mit Brahe kam K. ferner zur Einsicht, daß dessen vervollkommnete Beobachtungstechnik neuartige und größere Anforderungen auch an die astronomische Optik stelle, als dieser mit seinen 3 Refraktionstabellen, für Sonne, Mond und Fixsterne, dafür bereitstellen konnte. Einmal mit den Schwierigkeiten vertraut, übernahm K. die Darstellung der astronomischen Optik in allen ihren Teilen. Das fertige Manuskript, zusammen mit den „Paralipomena“, überreichte er dem Kaiser als Neujahrsgabe 1604. Das Werk erschien im gleichen Jahr unter dem Titel: „Ad Vitellionem Paralipomena, quibus Astronomiae Pars Optica traditur“ („Optik“). Seine beiden Teile fassen eine große Zahl von Einzelerscheinungen zu einem ganzen zusammen, das „für die Physik die grundlegende Erklärung des optischen Bildes, die in ihren wesentlichen Zügen endgültige Theorie des Sehvorganges und das Grundgesetz der Photometrie als Vorstufe des Gravitationsgesetzes, für die Astronomie die rechnerische Auswertung der Finsternisse sowie eine rein theoretisch gewonnene verbesserte Refraktionstafel, für die Geometrie endlich eine neue Betrachtungsweise der Kegelschnitte gebracht hat“ (F. Hammer). Die Auffindung des Brechungsgesetzes ist K., in physikalischen Vorstellungen seiner Zeit befangen, nicht gelungen; doch stellte er eine überraschend gute Näherungsformel auf. Mit dem Reichtum an neuen Ideen und mit den klaren Formulierungen der aufgezeigten Probleme und gelieferten Beweise übte K.s „Optik“ nachhaltige Impulse auf die Weiterentwicklung dieser Disziplin aus.

Mit Abschluß der Arbeiten an „Astronomia Nova“ und „Optik“ stand K. bereits auf dem Höhenweg seiner wissenschaftlichen Laufbahn, die ihn bis zum Tod Kaiser Rudolphs 1612 von Erfolg zu Erfolg führte. Im Strom des flutenden Lebens der Stadt, die vom Hof her Form und Farbe erhielt, ragte der kaiserliche Mathematiker, selbst ein Teil jener auf künstlerischem, wissenschaftlichem, politischem und religiösem Gebiet nach neuer Gestaltung drängenden Kräfte, unter vielen heraus. Das starke Lebensgefühl seiner Umgebung durchdrang auch K. und machte ihn zum Lobredner seiner Zeit. Er stellte sich so, „wie wenn er nicht dem Kaiser, sondern dem ganzen Menschengeschlecht und der Nachwelt diente“. Ein Glück bedeutete es, daß der Kaiser bei den zahlreichen Gelehrten und Künstlern, die er an seinen Hof zog, nicht nach ihrem Glaubensbekenntnis fragte, so daß K. in seiner Prager Zeit, trotz religiöser Gegensätze, seines Glaubens wegen nie in Bedrängnis geriet, selbst wenn man ihm den Übertritt zum katholischen Glauben nahelegte. Seine Kinder wurden von utraquistischen Geistlichen getauft.

In den Reihen der für Wissenschaft aufgeschlossenen Hofbeamten, von Männern von Adel aller Konfessionen, der Gesandten und Fürsten wie der ansässigen Gelehrten, fand K. viele Freunde und Gönner. Mit der Vielseitigkeit seines Wissens und seiner Interessen sowie dem Gewicht seiner astrologischen Auskünfte machte der lebhafte Mann auf jeden, der ihm näher trat, einen starken Eindruck. Auch dem „gemeinen Pöfel“ stand er Rede und Antwort, wenn der ihm wegen seiner Wetterprognosen oder astrologischen Anschauungen hart zusetzte. In K.s ausgedehntem Briefwechsel kamen alle Gebiete seiner wissenschaftlichen Betätigung neben den wechselvollen Ereignissen seines Lebens zur Sprache. Besondere Bedeutung ist seinem umfangreichen Gedankenaustausch mit →D. Fabricius beizumessen, weil er uns wertvollen Aufschluß über die Entdeckung der beiden ersten Planetengesetze und die Entstehung der „Astronomia Nova“ gibt. Als guter Beobachter und selbständiger Denker opponierte →Fabricius nicht nur gegen K.s neuartige physikalische Vorstellungen, sondern brachte auch eigene Anregungen ins Gespräch; beides zwang K., seine Ansichten zu verteidigen und sich zu größerer Klarheit durchzuringen. Hervorhebung verdient daneben die Korrespondenz mit →J. Brengger über vielerlei Fragen aus dem Bereich der Optik. Weniger die Gedankenschärfe als die Klarheit im Stil dieses Kaufbeurer Arztes bewunderte K. um so mehr, als sie ihm schon wegen der Neuartigkeit seines zu behandelnden Stoffes häufig fehlte. Chronologische Fragen diskutierte K. mit mehreren Jesuitengelehrten. Nach Brahes Tod bezog K. eine Wohnung in der Neustadt nahe dem Emaus-Kloster, übersiedelte dann ins Wenzels-Kolleg und mietete sich 1607 in der Altstadt gegenüber den Jesuiten ein. Seine Ehe war keine sehr glückliche. Stete Kränklichkeit der zu Schwermut neigenden Frau, die sich in ihrer Umgebung nicht wohlfühlte und sich um ihr Vermögen sorgte, führten nicht selten zu heftigen Auftritten. Die Angst um den Besitz stand in Zusammenhang mit der leidigen Geldnot, dem Schatten, der über K.s Prager Jahren lag. Die Zahlung des Gehalts, der außerordentlichen Zuwendungen und Druckbeihilfen geriet in immer größeren Rückstand. Hatte er größere Zahlungen erhalten, dann wußte er rasch die Gunst der Gelegenheit zu nutzen und, mit ökonomischen Talenten begabt, das Geld in sicheren Schuldbriefen anzulegen. Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage als Folge des Krieges verliefen auch die Bemühungen K.s um Ausbezahlung des gesamten, zum Teil zinstragenden Rückstandes bis gegen sein Lebensende ergebnislos.

In welchem Umfang Rudolph II. die Dienste seines Mathematikers in Anspruch nahm und wie häufig er ihn zum Vortrag befahl, wissen wir nicht. K. erwähnt nie etwas über eine persönliche Zusammenkunft mit dem Kaiser. Des öfteren forderte dieser schriftlich Berichte über astrologische Fragen, bei deren Beantwortung K., wie auch anderwärts, stets Vorsicht und Zurückhaltung übte. Zudem schrieb er 1602-05 wieder Kalender, in deren einem („De Fundamentis Astrologiae certioribus“) er die Grundzüge seiner geometrischen Aspektenlehre systematisch darlegte. Mehrere auffallende Himmelserscheinungen dieser Jahre machten ihm zur Aufgabe, in populären wie in größeren lateinischen Schriften darüber zu berichten. So war bei währender „großer“ Konjunktion der Planeten Saturn und Jupiter, die seit 600 Jahren zum erstenmal wieder in einem „feurigen“ Zeichen, dem Schützen, stattfand, vor kurzem auch Mars getreten, als sich im Oktober 1604 zu den 3 oberen Planeten ein sehr heller Stern im Fuß des Schlangenträgers gesellte. K. gab einen kleinen „Gründlichen Bericht“ über diese Nova in deutscher Sprache heraus, der mehrmals nachgedruckt|wurde. Diesem folgte 1606 eine gelehrte Untersuchung über das auffallende Phänomen („De Stella nova in pede Serpentarii“), die auch auf die Frage seines Entstehens und seiner Bedeutung einging. Nach der totalen Sonnenfinsternis vom 12.10.1605 bat K. in einem offenen Brief („De Solis deliquio Epistola“) an Astronomen und Laien um Mitteilung ihrer Beobachtungsergebnisse – erste Anregung zu einer Gemeinschaftsarbeit in der Astronomiegeschichte. 1608 verfaßte er einen „Ausführlichen Bericht über den im September/Oktober 1607 erschienenen Kometen“ (Halleyscher Komet) in deutscher Sprache mit Vorankündigung einer lateinischen Bearbeitung, die dann aber erst nach dem Auftreten dreier weiterer Kometen (1618) unter dem Titel „De Cometis Libelli tres“ 1619 herauskam. Darin knüpfte er an die von Brahe und Mästlin durch Parallaxenbestimmung am Kometen von 1577 gemachte Feststellung an, wonach die Kometen keine sublunaren Gebilde, sondern echte Himmelskörper sind, die sich auf Kreisbahnen bewegen, womit beide nicht nur der aristotelischen Kometenlehre ein Ende bereitet, sondern auch die Theorie fester Planetensphären umgestoßen hatten. Demgegenüber verteidigte K. seine Annahme einer geradlinigen Kometenbewegung; einen physikalischen Ansatz zur Bahnbestimmung unternahm er nicht. Die Entstehung von Kometen führte er, wie seine Vorgänger, auf Verdichtungen im Äther zurück. Gesetzt als Vorboten künftiger Ereignisse, fand ihre Einwirkung auf irdische Vorgänge in den für K.s Naturbetrachtung grundlegenden Gedanken eine Erklärung. Mit dem Auftreten der Kometen von 1618 nahmen einige Gelehrte den Kampf um die Autorität des →Aristoteles gegen Brahes Auffassung von Ort und Bahn der Kometen wieder auf. Als Anwalt Brahes schaltete sich K. in die Kontroverse ein mit der Schrift: „Tychonis Brahei Dani Hyperaspistes, adversus Scipionis Claramontii Anti-Tychonem“ (1625). Zwei weiteren Naturbeobachtungen widmete K. je eine kleine Abhandlung: in dem „Phaenomenon singulare“ (1609) berichtete er über einen am 28.5.1607 beobachteten schwarzen Fleck auf der Sonne, den er für einen Merkurdurchgang hielt; in Wirklichkeit sah er einen Sonnenfleck. Eine gehaltvolle Betrachtung über die Sechseckgestalt der Schneekristalle enthält die „Strena seu de Nive sexangula“ (1611), mit der K. als geistvoller Mathematiker über Probleme der Raumstruktur und Kugelpackungen schon an die Vorstellung vom Kristallaufbau einer späteren Zeit heranreicht.

Gelegenheit, nach Herzenslust zu disputieren, bot sich K. mit dem Arzt →H. Röslin, einem „argen Astrologen“, und mit →Ph. Feselius, einem Gegner der Astrologie. Ersterer, gekränkt über einen, ihm von K. öffentlich erteilten Tadel, rechtfertigte sich mit scharfen Worten, worauf K. in einer spott- und humorvollen „Antwort auf Röslini Diskurs von heutiger Zeit Beschaffenheit“ (1609) die törichten Auswüchse seines Sternglaubens widerlegte, voran Röslins Kometen-Aberglauben. Gleichzeitig trat Feselius mit einer strikten Ablehnung des astrologischen Aberglaubens hervor; K. schaltete sich als Dritter ein mit dem Rat, das Kind nicht mit dem Bad auszuschütten („Tertius interveniens“, 1610), man müsse vielmehr unterscheiden zwischen Aberglauben und der „Physik“, das heißt der auf Erfahrung begründeten reinen Wissenschaft. Da alle Teile des Kosmos aufeinander bezogen und auf höhere Zwecke hin gerichtet seien, halte er, K., an einer gewissen Beeinflussung durch die Erscheinungen am Himmel fest. Die dazu niedergelegten lebhaften Ausführungen physikalischer, meteorologischer, astronomischer, philosophischer und ethischer Natur eignen sich unter den deutschen Schriften K.s am besten zur Einführung in seine Gedankenwelt.

K.s Aufenthalt in Prag näherte sich bereits seinem Ende, als im März 1610 am Kaiserhof die alarmierende Nachricht eintraf, Galilei habe mit einem „Perspicillum“, einem 2 linsigen Fernrohr, 4 neue Planeten gesichtet. Wenig später teilte er in seinem „Sidereus Nuncius“ Einzelheiten dazu mit: Er hatte 4 um den Jupiter kreisende Monde entdeckt, sodann Mondgebirge, und die Milchstraße in einzelne Sterne aufgelöst gesehen. Mit der Aufforderung, dazu Stellung zu nehmen, ließ Galilei K. diese Schrift überreichen. K. war der erste und zunächst fast der einzige, der sofort, obwohl noch nicht im Besitz eines Fernrohrs, die neuen Entdeckungen mit voller Zustimmung in einer als offenen Brief an Galilei stilisierten „Dissertatio cum Nuncio Sidereo“ (1610) begrüßte, erregt in Erwartung weiterer Enthüllungen. Denn, so legte er ausführlich dar, das Fernrohr habe damit eine für die Himmelskunde kaum zu ermessende Bedeutung gewonnen und gebe den Weg für astronomische Perspektiven frei, womit Galilei den Anfang gemacht habe. Ende August beobachtete K. mit einem ihm von Kurfürst Ernst von Köln nur kurz überlassenen Fernrohr Jupitermonde und Mondgebirge, worüber er, um die Zweifler an Galileis Entdeckungen zu überzeugen, die kleine Schrift „Narratio de observatis a se quatuor|Iovis Satellitibus erronibus“ (1611) veröffentlichte; zum erstenmal wird hier das Wort „Satelliten“ gebraucht. Gleichzeitig verfaßte er innerhalb weniger Wochen eines seiner bedeutendsten und klarsten Werke, in dem er eine neue optische Disziplin vorstellte und mit dem er neben dem Praktiker Galilei als Theoretiker den Siegeszug des Fernrohrs in der Astronomie einleitete: die „Dioptrice“ (1611). Das Wort „Dioptrik“ als Bezeichnung für die Optik der brechenden Medien ist K.s Schöpfung. Er untersucht darin, geleitet auch von eigener Erfahrung im Schleifen von Linsen und im Bau von Fernrohren, die Wirkungsweise der einzelnen Linsen wie der Kombinationen von solchen und begründet damit die Theorie des nach ihm benannten astronomischen Fernrohrs. Außerdem entdeckte K. durch geeignete Kombination einer Konvex- und einer Konkavlinse das Prinzip des Teleobjektivs. In der Vorrede zur „Dioptrik“ gab K. die berühmten Briefe Galileis an Julian von Medici wieder, welche die Auflösung der seine späteren Beobachtungen der Venusphasen und der Saturngestalt enthaltenden Buchstabenrätsel mitteilten. Galilei äußerte sich nie zu K.s „Dioptrik“ und suchte auch keinen weiteren Kontakt mehr mit ihm.

Während dieser Jahre, in denen K. noch einmal einen ihn beglückenden Höhepunkt wissenschaftlichen Erfolges erreichte, hatte die politische Entwicklung eine unheilvolle Wendung genommen, die sich selbst durch die von →Rudolph II. im Juli 1609 den Anhängern der evangelischen Lehre in Böhmen gewährte Gewissensfreiheit nicht mehr aufhalten ließ. Mehr denn je operierten Parteigänger wie Gegner Rudolphs unter Zuhilfenahme auch astrologischer Aspekte. Von beiden Seiten um solche Gutachten angegangen, drängte K. mit Entschiedenheit darauf, die Sterndeuterei bei schwerwiegenden Entscheidungen ganz aus dem Spiel zu lassen, auch bei dem leicht beeinflußbaren Monarchen, auf dessen Seite er im Herzen stand und dem er eben seine „Astronomia Nova“ überreicht hatte. Die über K. hereinbrechende Not erreichte im Unglücksjahr 1611 ihren Höhepunkt. Im Januar erkrankten die 3 Kinder an Pocken; der 6jährige Lieblingssohn Friedrich starb daran. Gleichzeitig führten politische Verwicklungen zur Absetzung →Rudolphs durch →Matthias. Unter diesen Umständen hielt es K. für ein Gebot der Klugheit, sich nach einem neuen Wirkungskreis umzusehen. Eine Anfrage beim Herzog von Württemberg nach einer philosophischen Professur oder einem politischen Dienst wurde, bei zustimmungsbereiter Haltung des Kanzlers, jedoch auf Befinden des Konsistoriums, das K. als „verschlagenen Calvinist“ verdächtigte, im April 1611 abgelehnt. Gönner hatten K. schon früher geraten, seinen Wohnsitz nach Linz zu verlegen. So reiste K. Ende Mai dorthin, um den Ständen seine Dienste anzubieten. Seinem Gesuch wurde entsprochen, die Bestallungsurkunde am 14.6.1611 ausgestellt. Als er nach Prag zurückkehrte, fand er seine Frau von einer lebensgefährlichen ansteckenden Krankheit befallen vor, der sie bald darauf erlag. Er widmete ihr und dem verstorbenen Söhnchen eine Erinnerungsschrift (Funera domestica, 1616). Seinen Umzug nach Linz verschob er auf Verlangen Rudolphs; zudem hoffte er, damit die Ausbezahlung seiner Forderungen an den Hof beschleunigen zu können. Nach Rudolphs Tod (20.1.1612) verließ K. Mitte April 1612 Prag endgültig.

Linz (1612-28)

Kaiser →Matthias hatte K. im März 1612 als kaiserlichen Mathematiker mit einem Jahresgehalt von 300 Gulden bestätigt und seine Einwilligung zur Übersiedlung nach Linz erteilt. Er sollte als „Mathematiker von Österreich ob der Enns“ die in Prag begonnenen „Rudolphinischen Tafeln“ vollenden, eine Karte dieser Landschaft anfertigen und ganz allgemein mit seinen Studien den Ständen wie der adeligen Jugend nützlich sein, wofür er ebenfalls ein Jahresgehalt (400 Gulden) erhielt. Diese eigens für ihn geschaffene Stelle brachte es mit sich, daß er an der 1609 wiedereröffneten evangelischen Landschaftsschule keinen Vorgänger hatte; zudem fehlt jeder aktenmäßige Beleg über seinen Unterricht. Um so mehr verdient K.s tatkräftige Mithilfe an der Erweiterung der im Landhaus aufgestellten vortrefflichen Bibliothek sowie bei der Niederlassung des ersten Buchdruckers in Linz, Hans Planck, hervorgehoben zu werden. Geldsorgen drückten K. weniger als in Prag, wenn auch die rückständigen Bezüge aus der Hofkasse bis zum Tod des Kaisers 1619 erheblich anwuchsen.

1613 ging K. eine 2. Ehe ein mit der in selbstquälerischer Gewissenhaftigkeit auserwählten Schreinerstochter Susanna Reuttinger aus Eferding. Es wurde eine glückliche Ehe. K. sorgte für die religiöse Unterweisung seiner Kinder und seines Hausgesindes und ließ dazu einen von ihm verfaßten „Unterricht vom H. Sacrament“ drucken (1617).

Seine Teilnahme am Leben der von württembergischen Geistlichen betreuten Kirchengemeinde in Linz endete, da er die Konkordienformel aus|Gewissensgründen nicht unterzeichnen konnte, mit seinem Ausschluß aus der Gemeinde. Damit blieb ihm nicht nur die Zulassung zum Abendmahl in Linz und im lutherischen Württemberg verwehrt, sondern er wurde auch der Aussicht auf eine Anstellung in der Heimat beraubt. In „Notae ad Epistolam →D. D. Matthiae Hafenrefferi, 1619“ (1625) ging K. letztmals unter Darlegung seines inneren religiösen Werdegangs und des daraus gewonnenen Standpunktes auf die anstehenden Glaubensfragen ein. In der Folgezeit wurde ihm das Abendmahl von den Predigern adliger Gönner und Freunde gereicht. K.s Streit mit den Theologen drang an die Öffentlichkeit, die mit dem Urteil „Ketzer“ nicht zurückhielt. Darüber im Innersten tief betroffen, verwahrte er sich dagegen, indem er seine religiöse Überzeugung zusammenfassend in deutscher Sprache als „Glaubensbekandtnus vnd Ableinung allerhand desthalben entstandener vngütlichen Nachreden“ (1623) veröffentlichte. Verdächtigungen über K.s Rechtgläubigkeit gefährdeten sogar seine Stellung in Linz. Auf einer Landtagssitzung befaßte sich im Herbst 1616 der Ständeausschuß mit dem Vorschlag, K. der hohen Unkosten wegen zu entlassen. Die an Ansehen und Einfluß hervorragenden Mäzene K.s siegten jedoch, und es wurde ihm sogar eine Ehrengabe für 2 überreichte Werke bewilligt. Darunter befand sich eine seiner bedeutsamsten Schriften, die „Nova Stereometria Doliorum Vinariorum“ (1615), zu der ihm eine Beobachtung beim Weinkauf Anlaß gab, als er sah, wie der Verkäufer unterschiedslos alle Fässer nur mit einer einfachen Visierrute und ohne weitere Berechnungen ausmaß. K. ging dieser Inhaltsbestimmung mathematisch nach. Anknüpfend an →Archimedes führt er in seinem Buch neue Volumenberechnungen von solchen Körpern aus, die durch Rotation von Kegelschnitten oder ihren Teilen entstehen, sowie von Fässern, die als aus 2 Kegelstümpfen bestehend angenommen werden. Zu deren Lösung entwickelte er in einfallsreichen Versuchen als schöpferischer Mathematiker eine infinitesimale Betrachtungsweise, mit der er zur Methode des Integralkalküls wertvollste Vorarbeit leistete. Da er das Verfahren der Algebra oder Coss ablehnte, arbeitete er bei der rechnerischen Darstellung seiner Gedanken noch mit Wortgleichungen, was das Verständnis des ohnehin schwer begreiflichen Stoffes zusätzlich erschwerte. Um die in der „Stereometria“ erarbeiteten Ergebnisse für die Praxis nutzbar zu machen, faßte er diese in deutscher Sprache zusammen als einen „Außzug auß der uralten Messekunst Archimedis“ (1616). Zudem behandelte er darin das Problem des unvollständig gefüllten beziehungsweise geleerten Fasses und fand dafür eine Berechnungsmöglichkeit, mit der er seine Doliometrie krönte. Ein längerer Anhang zielte auf eine Systematisierung der Maßeinheiten ab. Damit wandte er sich erneut der früher schon als dringlich erkannten Verbesserung des gesamten Maßwesens zu. Sein eigener Beitrag zur Erreichung dieses Ziels sind Entwurf und Ausführung eines Maßkessels (1627), an dem die Längen-, Gewichts- und Hohlmaße der Stadt Ulm abgenommen werden konnten. Erfolgreich bemühte sich K. auch, für die zahlreichen mathematischen Fachausdrücke deutsche Wörter zu schöpfen. Manche davon, zum Beispiel „Kegelschnitt“, haben Eingang in die deutsche mathematische Fachsprache gefunden.

K.s Dienst bei Hof beschränkte sich auf bestimmte Anlässe, zu denen Kaiser Matthias seinen Mathematiker um Auskunft heranzog. Kurz nach seiner Übersiedlung nach Linz auf den Reichstag nach Regensburg von 1613 gerufen, sollte er zur Gregorianischen Kalenderreform Stellung nehmen. Seit langem beschäftigte sich K. mit dieser an die Berechnung des 1. Frühlingsvollmondes geknüpften Frage mit dem Erfolg, daß er sich, trotz der Mängel, die in astronomischer Hinsicht auch dem neuen Kalender anhafteten, als „Liebhaber der Wahrheit“ dennoch für die astronomische Praxis der neuen Kalenderrechnung wegen ihrer für viele Jahrhunderte allen Bedürfnissen gerecht werdenden Genauigkeit in 3 Schriftstücken aussprach. Ob und in welcher Weise K.s Vorschläge in Regensburg Gehör fanden, ist unbekannt.

Ebenso eingehend widmete sich K. mit Lust und großem Zeitaufwand dem zu seiner Zeit eifrig diskutierten Problem des Geburtsjahrs Christi. In mehreren Schriften legte er die Ergebnisse seiner Untersuchungen vor, unter denen der als 4. Teil seiner „Stella Nova“ eingeschobene Traktat „De Jesu Christi vero anno natalitio“ (zitiert als „Sylva chronologica“, 1606) die Grundlage bildet zur ergänzenden oder verteidigenden Darstellung seiner Thesen in weiteren 4 Abhandlungen. Für die Feststellung des Geburtsjahres Christi ist wichtigster Anhaltspunkt das nach diesem Ereignis liegende Todesjahr von →Herodes dem Großen. Um dieses zu ermitteln, wertete K. die astronomische Notiz bei Flavius Josephus aus, wonach während der letzten Krankheit des Herodes eine Mondfinsternis stattgefunden habe. Unter 2 Möglichkeiten|entschied sich K. für die Finsternis des Jahres 42 julischer Ära (das ist 4 vor Christus). Damit, und gestützt auch auf historische Argumente, liegt nach ihm der Todestag von Herodes eindeutig zwischen dem 13. März und 11. April 4 vor Christus, so daß die Geburt Christi jedenfalls 5 volle Jahre vor dem Beginn unserer Ära anzusetzen ist. K. machte diesen Zeitpunkt auch astronomischer Berechnung zugänglich, indem er den Stern der Weisen mittels der 800jährigen Periode der großen Konjunktionen in Verbindung mit der Nova von 1604 brachte. Jedoch befriedigte ihn das Ergebnis seines verwickelten Gedankenganges nicht. Streitfragen über chronologische Probleme trug K. mit mehreren Gelehrten aus; so mit →H. Röslin in einem „Bericht über das Geburtsjahr Christi“ (1613), den er auch als erweiterte lateinische Schrift herausbrachte („De anno natali Christi“, 1614); →S. Calvisius antwortete er auf die in einem offenen Brief erhobenen Einwände gegen K.s Standpunkt mit einer „Ad Epistolam Sethi Calvisii Chronologi Responsio“ (1614). Aus dem 1606-11 angefallenen Briefwechsel mit →S. Calvisius, →M. Gerstenberger, →J. Deckers und →H. G. Hörwarth von Hohenburg veröffentlichte er die chronologischen Abschnitte in den „Eclogae chronicae“ (1615). Ein kleines Werk widmete K. der Chronologie des Alten Testaments, die „Kanones pueriles“ (1620), eine Kontroversschrift „wider die so den Jüngsten Tag auf unsicheren und fehlerhaften Grundlagen außrechnen“.

Während sich K., vom Kaiser beordert, von März bis Mai 1617 in Prag aufhielt, kam ihm →J. Nepers „Mirifici Logarithmorum Canonis Descriptio“ (1614) zu Gesicht. Er erinnerte sich, Jahre zuvor beim Zusammentreffen mit →J. Bürgi in Prag von dessen schon vor 1610 entwickelter Idee des logarithmischen Rechnens erfahren zu haben; wieweit er in Einzelheiten eingeweiht war, bleibt fraglich. Erst ein späterer genauer Einblick in das Werk Nepers befreite ihn nicht nur von falschen Ansichten über das Wesen des neuen Rechenhilfsmittels, sondern regte ihn auch dazu an, die vorzugsweise für trigonometrische Rechnungen eingerichtete Tafel Nepers in eine vor allem für logistische Rechnungen brauchbare Tafel umzuarbeiten. Neper hatte seine Leser vorerst in Unkenntnis darüber gelassen, wie seine Logarithmen zu berechnen seien. Die ablehnende Haltung Mästlins und anderer gegenüber den Logarithmen ließ K. nicht ruhen, bis er, wie Neper, unter Zuordnung einer geometrischen zu einer arithmetischen Reihe, eine in methodischer Richtung (Infinitesimalbetrachtungen) bedeutsame Begründung des Neperschen Logarithmus vorlegen und zudem, von einer viel kleineren Proportion ausgehend, noch genauere Logarithmen als die Neperschen berechnen konnte. Die Veröffentlichung seiner neuen Theorie verlangte die Beigabe einer Logarithmentafel, die sowohl seinen verbesserten Zahlen als auch den Aufgaben der Rudolphinischen Tafeln Rechnung tragen sollte. Im Winter 1621/22 schloß K. diese Arbeit ab. Die Drucklegung der „Chilias Logarithmorum“ erfolgte erst 1624, dann aber für K. so überraschend, daß er zu ihrem Gebrauch eine Anweisung in einem „Supplementum Chiliadis Logarithmorum“ (1625) nachholen mußte, der er eine Gesamteinleitung in das Werk mit der Darlegung der von ihm darin bewältigten Probleme hinzufügte. K.s Arbeit an den Rudolphinischen Tafeln, die sich um diese Zeit in der Abschlußphase befand, erlaubte gerade noch eine nachträgliche Umstellung von Prosthaphärese auf logarithmische Rechnung. Als jedoch bald darauf die Neperschen Logarithmen durch die dekadischen Logarithmen von →H. Briggs verdrängt wurden, hatte K. keine Neigung mehr, in den Rudolphinischen Tafeln nun noch auf diese neuen Logarithmen überzugehen, schon gar nicht mehr nach 1624, als seine „Chilias“ gedruckt vorlag.

Im Spätherbst 1617 hielt sich K. längere Zeit in Württemberg auf, um seiner in den Verdacht der Hexerei geratenen Mutter zu helfen. Nachdem im Herbst 1620 Oberösterreich als Pfand in bayerische Verwaltung genommen und von bayerischen Truppen besetzt worden war, geriet K. durch die verschärften Rekatholisierungsmaßnahmen und die Lage der jetzt vom Flammentod bedrohten Mutter in zwiefache Bedrängnis. Er verließ deshalb, das Unglück seiner Mutter geheimhaltend, im September eiligst mit seiner Familie Linz unter Mitnahme seines „mathematischen Hausrats“, brachte die Familie in Regensburg unter und eilte in die Heimat. Dort verbesserte er mit Eingaben an den Herzog die Unterkunft der Mutter im Gefängnis; bei ihm lag auch das Gewicht ihrer Verteidigung. Er operierte schlagfertig, warf seine hohe Stellung in die Waagschale und wich bei den Verhandlungen nicht von der Seite seiner Mutter. Der Herzog verlangte ein Gutachten der Juristischen Fakultät in Tübingen; danach zeigte man der Verhafteten zwar die Marterwerkzeuge, entließ sie aber dann im Oktober 1621 durch richterlichen Spruch.

Über K.s fluchtartiges Verlassen von Linz wurden allerlei Mutmaßungen laut. Zu den Verleumdungen als Abtrünniger trug möglicherweise auch das Bekanntwerden seiner ausgesprochenen Sympathie für König →Jakob I. von England bei, den er als Friedensstifter ansah, den Schwiegervater des Winterkönigs →Friedrich von der Pfalz. Der im November 1621 nach Linz zurückgekehrte K. erhielt von →Ferdinand II., der ihn im Dezember 1621, rückwirkend bis zum Tode seines Vorgängers Matthias, als Kaiserlichen Mathematiker bestätigte, einen starken Rückhalt und Schutz vor drohenden Anfeindungen. Im Zug der gegenreformatorischen Maßnahmen in Linz und Oberösterreich wurden prominente evangelische Ständemitglieder, darunter auch Gönner K.s, kaltgestellt, und zur Last der Besatzung kam die Erregung über die Bedrängnis in der Religionsausübung. Dabei mußte sich K. sowohl gegen die ihn lästernden eigenen Glaubensgenossen wie auch gegen die Katholiken zur Wehr setzen, die ihn in dieser Lage für sich zu gewinnen trachteten. Man verlangte auch von ihm, daß seine Kinder den katholischen Gottesdienst besuchten; das jüngste Kind wurde von einem katholischen Geistlichen getauft. Die Versiegelung seiner Bibliothek (Januar 1626) scheint durch die Intervention von →P. Guldin SJ wieder aufgehoben worden zu sein.

Alle diese Schwierigkeiten vermochten K. nicht von wissenschaftlicher Arbeit abzuhalten, der gerade in diesen Jahren mit dem Abschluß einer Reihe bedeutsamer Werke einem Höhepunkt seines Schaffens zustrebte, vergleichbar jenem, den er in Prag mit der „Neuen Astronomie“ und der „Optik“ erreicht hatte. Bald nach der Fertigstellung der „Astronomia Nova“ plante er eine zusammenfassende Darstellung des astronomischen Weltbildes auf dem Fundament der kopernikanischen Lehre und der von ihm entdeckten Planetengesetze. In Linz vollendet, erhielt sie den Titel „Epitome Astronomiae Copernicanae“. Nach Fragen und Antworten in Katechismusform abgefaßt, wurde der „Auszug“ mehr ein Handbuch für Professoren als, wie beabsichtigt, ein Lehrbuch für Studenten. Die Vollendung der in die Bücher I-VII gegliederten, dreiteiligen Schrift ist eng mit dem wechselvollen Leben K.s in den Jahren 1618-21 verbunden. Die Bücher I-III (Teil 1, 1618), enthaltend die „Doctrina Sphaerica“, gipfeln in der Lehre von der Erdbewegung im kopernikanischen Sinn, die K. mit neuen Argumenten nachdrücklich verteidigt. Trotz Index waren sie sogar in Italien den Gelehrten zugänglich. Der mit Buch IV (Teil 2, 1620; Titelneudruck 1622) beginnende Abschnitt der theoretischen Astronomie stellt als Kernstück des ganzen Werks die „Physica coelestis“ vor. Den Abschluß bilden die Bücher V-VII (Teil 3, 1621) als „Doctrina Theorica“. Die „Epitome“ ist dem Umfang nach das größte aller Werke K.s. 1635 erlebte sie eine 2. Auflage. – Als erster hatte K. es unternommen, der Darstellung der Planetenbewegungen die Lehre des Copernicus zugrunde zu legen. Er verhalf ihr damit nicht nur zum Sieg, sondern ließ mit seiner physikalischen Auffassung einer von der Sonne ausgehenden, die Planeten herumführenden Kraft auch Copernicus weit hinter sich. Ihren Platz findet die „Epitome“ neben dem „Almagest“ des Ptolemäus und den „Revolutiones“ des Copernicus als erste systematische Gesamtdarstellung der modernen Astronomie, in der die von K. begründete Himmelsmechanik eingeführt wird.

Zur gleichen Zeit brachte K. ein Werk zum Abschluß, zu dem er bereits 1599 in Graz eine vorläufige Disposition entworfen hatte: die „Harmonice Mundi“ („Weltharmonik“, 1619). Damals schon war er sich bewußt, daß die in seinem „Mysterium Cosmographicum“ mit Hilfe der 5 regulären Körper aufgestellte Formel für das Verhältnis der Umlaufszeiten der Planeten zu deren mittleren Entfernungen von der Sonne (geometrischer Kosmos) noch nicht stimmte. Sein „natürlicher Instinkt“ sagte ihm, daß sich in den Planetenbewegungen Harmonien verbergen müßten. Bei dem K.schen Zentralbegriff der „Harmonie“ geht es in erster Linie um einen mathematischen Begriff, um gewisse ausgezeichnete Zahlenverhältnisse, die ihm, nach bestimmten Postulaten, die mit Zirkel und Lineal ausführbaren Kreisteilungen, die „wißbaren“, regulären Vielecke liefern. In der Musik stimmen die den melodischen Intervallen (Harmonienstammbaum) zugrunde liegenden Zahlenverhältnisse mit jenen aus der Geometrie abgeleiteten überein; der Astronom begegnet den gleichen weltbildenden Zahlenverhältnissen in den Bewegungen der Gestirne. Sowohl die Begründung für diese Annahmen, wie ihre systematische Darstellung machten Fortschritte, wenngleich K. auch zuverlässige Unterlagen noch fehlten. Die ausgearbeiteten Entwürfe zu dem geplanten Werk brachte K. 1600 bereits mit nach Prag, sehnlichst hoffend, in den Braheschen Beobachtungen vor allem genauere Werte für die Abstände der Planeten von der Sonne und für die Exzentrizitäten ihrer Bahnen zu finden. Aber schon nach seinem ersten Besuch bei Brahe mußte er sich eingestehen, daß ihn dessen Astronomie so sehr gefesselt habe, daß darüber seine harmonischen Spekulationen in den Hintergrund traten. Dennoch erfuhren sie starke Impulse durch die Lektüre und die von ihm selbst besorgte, kommentierte Übersetzung der „Harmonik“ des Ptolemäus. Den entscheidenden Schritt zum Erfolg machte K. in Linz während der Jahre 1615/16. Mit unglaublichem Entzücken erfüllte ihn die Einsicht, daß es die von der Sonne aus gesehenen wechselnden Winkelgeschwindigkeiten der einzelnen Planeten sind, die Bezugsglieder für harmonische Verhältnisse liefern. Zur rechnerischen Auswertung seiner Vorstellungen betonte K., wieviele Umwege er dabei machen, „wieviel Wände er in der Finsternis seiner Unwissenheit abtasten mußte, bis er die Türe fand, durch die das Licht der Wahrheit hereindrang“, die er als drittes seiner Planetengesetze verkündete: Die Quadrate der Umlaufszeiten zweier Planeten verhalten sich wie die 3. Potenzen ihrer mittleren Entfernungen von der Sonne. K. fand dieses Ergebnis sicher durch Probieren. Da ihm bei der Auffindung des Gesetzes am 15. Mai 1618 das Manuskript zum IV. Buch seiner „Epitome“ bereits vorlag, konnte er sowohl Teile daraus in das V. Buch der „Harmonik“ übernehmen, als ihr auch die kausal-physikalische Begründung seines 3. Gesetzes sowie die Überlegungen einfügen, die ihn zum Erfolg geführt hatten. Die König Jakob I. von England gewidmete „Harmonice Mundi“ erschien 1619 zur Frankfurter Herbstmesse, aufgeteilt in V Bücher mathematischen, musiktheoretischen, astrologischen und astronomischen Inhalts. Bedeutsam ist vor allem auch der in Buch III erarbeitete, selbständige Beitrag K.s zur Musiktheorie; in Buch II führt er als neue, bis dahin unbekannte Vielecke 2 Sternpolyeder ein. Ursprünglich wollte K. dem Werk als Anhang seine Übersetzung der Ptolemäischen „Harmonik“ mitgeben, begnügte sich dann aber mit der Inhaltsangabe von deren 3. Buch. Um einer Zensur seiner „Harmonik“ zuvorzukommen, richtete K.ein Sendschreiben an die italienischen Buchhändler, in dem er den durch die Lehre von der Erdbewegung entstandenen Schwierigkeiten zu begegnen suchte.

Bald nach Erscheinen der „Astronomia Nova“ (1609) hatte K. damit begonnen, die nach seinen beiden Planetengesetzen angestellte Berechnungsweise der Marsbewegung auf die übrigen Planeten auszudehnen, um diese an der Erfahrung durch Berechnung von astronomischen Jahrbüchern, Ephemeriden, bestätigen zu können. Zuvor jedoch mußte er bis 1616 in mühevoller Arbeit deren Bahnelemente aus den Braheschen Beobachtungen ermitteln, ehe er nach eigener Mitwirkung beim Druck (1617/19) den ersten, die Jahre 1617-20 umfassenden Teil der „Ephemerides novae motuum coelestium“ herausbringen konnte; die Teile 2 und 3 erschienen erst 1630. Zur Finanzierung des Drucks begann K. wieder Kalender zu schreiben; auch dabei ging die Berechnung der Planetenörter erstmals von seinen neuen Gesetzen aus. Es nimmt nicht wunder, daß die bei Beginn des 30jährigen Krieges für die Jahre 1617-20 und 1623-24 auf den Markt gekommenen Kalender mit Zeit- und Wetterprognosen rasch vergriffen waren. Einblick in die inneren und äußeren Entstehungsphasen seiner großen Werke wie in die Lebensverhältnisse nach Ausbruch des Großen Krieges gewährt der ausgedehnte Briefwechsel K.s. K.lehnte es ab, sein Vaterland zu verlassen und ging weder auf die Einladung des englischen Gesandten Sir →Henry Wotton nach England noch auf das Angebot der Nachfolge →J. A. Maginis auf dem Lehrstuhl in Bologna ein.

Nach 1625 war endlich auch die Zeit gekommen, da K. den Druck seines längst erwarteten astronomischen Hauptwerks, der „Tabulae Rudolphinae“ einleiten konnte. Als er den Auftrag Rudolphs II. zur Erneuerung der Astronomie auf der Grundlage der Braheschen Beobachtungen übernahm, sah er weder die in der Sache noch die in den äußeren Umständen liegenden Schwierigkeiten voraus, die sich jener alten Aufgabe der Himmelskunde, der sicheren Darstellung des Planetenlaufs, entgegenstellen würden. Aber erst die Entdeckung der beiden ersten Planetengesetze und die neuen Methoden der Berechnung der Planetenläufe ermöglichten die – von Anfang an angestrebte – Vollkommenheit der „Tabulae“; die „Epitome“ kann als zugehöriges Textbuch gelten. Einen nicht geringen Teil der Vorarbeit widmete K. allein der Mondtheorie und einer kombinierten Tafel für die 2. und 3. Ungleichheit des Mondes. Erneut behindert wurde der Abschluß der schon 1616 „in praxi fertigen“ Arbeit durch die nachträgliche Umstellung auf Nepersche Logarithmen. Mitte 1624 lag das Manuskript druckfertig vor. Der Druck verzögerte sich durch langwierige Verhandlungen mit den Erben Brahes um die ausreichende Würdigung ihres Vaters im Tafelwerk, die umständliche Papierbeschaffung, die schwierige Finanzierung des kaiserlichen Auftrags und die Wahl des Druckorts. Als Linz im Juni 1626 von Aufständischen eingeschlossen wurde, zerstörte ein Brand den zum Druck vorbereiteten Satz. Sobald sich die Belagerung gelockert hatte, erhielt K. die vom Kaiser erbetene Bewilligung, den Druck|in Ulm fortzusetzen. Am 20.11.1626 verließ er mit seiner Familie Linz für immer.

Letzte Jahre (1627-30)

Nach kurzem Aufenthalt in Regensburg, wo K. die Seinigen unterbrachte, reiste er mit einem Wagen, auf dem sich auch sein eigenes Typenmaterial befand, nach Ulm weiter, wo das Papier zum Druck der Tafeln schon bereitlag. Monate verbrachte er nun in der Druckerei des Jonas Sauer, leitete die typographischen Arbeiten, nahm dabei auch noch an seiner Textvorlage Änderungen vor und legte überall mit Hand an, so daß das Anfang September 1627 fertige Druckwerk, die „Tabulae Rudolphinae“, auch hierin von ihm geprägt wurde.

Die „Rudolphinischen Tafeln“ enthalten als 1. Teil die „Praecepta“ oder Anweisungen zur Benützung der eigentlichen astronomischen Tafeln für Sonne, Mond und Planeten, die als 2. Teil das Hauptstück bilden. Dazu gehören ferner ein Fixsternkatalog („Catalogus stellarum fixarum“) sowie ein alphabetisches Verzeichnis von 560 geographischen Orten („Catalogus locorum“) mit ihren auf den Meridian von Hven (Nullmeridian) bezogenen Koordinaten; eine „Mappa mundi“ (Weltkarte, gestochen 1630 von →I. P. Walch, Nürnberg) wurde nachgeliefert. K. überreichte das vollendete Werk, in dem Tycho Brahe als größter Beobachter seiner Zeit und er selbst als genialster Theoretiker ihr Bestes gegeben hatten, Anfang 1628 →Ferdinand II. in Prag. Mit der huldvollen Aufnahme verband sich der Wunsch des Kaisers, den berühmten Mathematiker auch fernerhin in seinen Diensten zu halten, nur sollte K. katholisch werden. Wir wissen nichts Näheres über das glänzende Angebot, das K. ablehnte, obwohl er nicht wußte, wo er nach Erledigung des alten Rudolphinischen Auftrags unterkommen und womit er seine Familie ernähren sollte. Aber aus diesem Dilemma befreite ihn →Wallenstein, dem er bereits 1608 das Horoskop gestellt und 1624 rektifiziert hatte, und der ihm dafür bei gegebener Gelegenheit zu Gefallen sein wollte. Der von konfessionellen Erwägungen freie →Wallenstein wies – auch um sich selbst damit zu ehren – K. einen ruhigen Platz in Sagan an; zudem setzte er ihm ein gutes Jahresgehalt aus und versprach ihm eine Druckpresse. Der mit dieser Lösung zufriedene Kaiser ersuchte →Wallenstein, K. bei der Erlangung des ihm noch von der Hofkasse geschuldeten Guthabens behilflich zu sein. Der Feldherr, hierum bemüht, bot K. das Gut Görlachsheim zum Kauf an, danach auch eine Professur in Rostock. K. lehnte beides ab. Nach K.s Tod nahm sein Sohn Ludwig 1633 eine kaiserliche Obligation über die dem Vater geschuldeten 12 694 Gulden entgegen. Den letzten, ergebnislosen Versuch, diese Gelder einzutreiben, unternahm 1717 der Ehemann einer Enkelin von Ludwig; er wurde damit von der Schuldenliquidationskommission abgewiesen, die vor 1680 entstandene Schulden nicht mehr anerkannte.

Nach Auflösung seines Dienstverhältnisses bei den oberösterreichischen Ständen kam K. am 26.7.1628 mit seiner Familie in Sagan an. Nicht ohne Bedenken hatte er seine Zukunft in die Hände Wallensteins gelegt. Blieb er selbst auch seines religiösen Bekenntnisses wegen unangefochten, so bedrückten ihn die von Wallenstein aus politischen Gründen getroffenen Maßnahmen zur Rekatholisierung seines neu erworbenen Herzogtums. Dennoch richtete K. eine Druckerei ein, für die er Presse, Drucker, Setzer, Lettern und wohlfeiles Papier nach langen Schreibereien und mehreren Reisen bereitstellte. Den als erstes vorgesehenen Druck der Braheschen Beobachtungen verschob K. zu Gunsten der Fortsetzung der Jahrgänge 1617/20 seines Ephemeridenwerks als Teile 2 und 3 für die Jahre 1621-28 und 1629-36 (erschienen 1630). Bei der mühsamen Berechnung der Ephemeriden fand er den ausgezeichneten Gehilfen →Jakob Bartsch. Während der Druckpausen an den Ephemeriden begann K. mit dem Druck einer weiteren Schrift „Somnium seu Astronomia Lunaris“. Angeregt von der begeistert aufgenommenen Lehre des Copernicus hatte K. schon als Student Gedanken darüber festgehalten, wie sich einem Mondbewohner die Bewegung der Erde darstelle. Das Studium von Plutarchs Schrift über das „Mondgesicht“, späterhin die mit dem Fernrohr wahrgenommenen Einzelheiten auf der Mondoberfläche und Dispute mit gelehrten Freunden kamen fördernd hinzu. Die mit den Jahren tiefer eindringende astronomische und physikalische Naturerkenntnis legte für seine im Dienst der Wissenschaft unternommene Mondreise Probleme frei, an deren Lösung er bis an sein Lebensende arbeitete und besserte, so daß zum Schluß ein Manuskript vorlag, in dem die im Lauf der Jahre hinzugefügten Noten dreimal so lang waren wie der ursprüngliche, in einer phantasievollen Einkleidung dargebotene Text. Allein wie K. versuchte, die Anziehung Erde – Mond als eine aus Trägheit (inertia) und Schwere (gravitas) resultierende Kraft darzustellen, bleibt am damaligen Wissen gemessen, eine großartige Leistung. Den Abschluß des Drucks|erlebte K. nicht mehr; sein Sohn Ludwig brachte das „Somnium“ 1634 an die Öffentlichkeit. Die Dienste, die Wallenstein von seinem Mathematiker K. (nicht Hofastrologen) erwartete, bestanden in der astronomischen Berechnung von Planetenörtern, die, wie er rühmte, keiner so genau ausführen konnte wie K.; mit der Auslegung dieser Ergebnisse wandte er sich dann an seine willfährigeren Astrologen. Denn, wie schon früher in Prag, so hielt sich K. auch jetzt, da die politischen Ereignisse nach Erlaß des Restitutionsedikts durch Ferdinand II. große Spannung und Unruhe hervorriefen, mit astrologischen Prognosen zurück.

Da K. seit Herbst 1629 auf die Landschaft Österreich ob der Enns lautende Obligationen über 3500 Gulden Sorgen bereiteten und ihm außerdem auf Martini 1630 nicht unerhebliche Zinszahlungen zugesagt worden waren, begab er sich am 8. Oktober auf die Reise über Leipzig und Regensburg nach Linz. Mit welchen Absichten K. am 2. November in Regensburg eintraf, läßt sich nur vermuten. Begründet ist die Annahme, daß er bei den hier noch anwesenden Teilnehmern des eben zu Ende gegangenen Kurfürstentags Umschau nach einem anderen Wirkungskreis halten wollte, falls er nach der Absetzung Wallensteins und bei weiterem Vordringen der kriegerischen Ereignisse seinen Wohnsitz in Sagan aufgeben müßte. Bald nach seiner Ankunft in Regensburg erfaßte ihn ein hitziges Fieber, dem er am 15. November erlag.

Mit dem Ziel, vom Sein der Dinge zu den Ursachen ihres Seins vorzudringen, war K. schon mit seinem ersten Werk der große Wurf gelungen, in dem bereits Thema und Richtung seiner späteren Erkenntnisse anklingen. In Vorahnung, daß im Universum ein höheres Ordnungsprinzip verwirklicht sein müsse, führte ihn die Polarität seines Denkens auf zwei Wegen zu bahnbrechenden Einsichten in die Struktur des Kosmos. Begabt mit mathematischem Scharfsinn und geometrischem Vorstellungsvermögen, wurde er als strenger Logiker und klarer Methodiker mit der Auffindung der nach ihm benannten, auf physikalische Ursachen zurückgeführten Planetengesetze zum Wegbereiter der modernen Naturwissenschaft. Auf der Suche nach einem einheitlichen Weltbild, der „forma mundi“, betrachtete er als platonisch geschulter Philosoph und als Theologe in der „Harmonice Mundi“ die Schöpfung, in der sich Gott in seinen Werken offenbare, neben der Offenbarung im überlieferten Wort der Bibel. K. steht mit dieser Weltschau am Anfang der sich trennenden Wege von Theologie und Naturwissenschaft. Selbst Theologe von bedeutender Selbständigkeit, strebte er als hervorragende Gestalt im gegenreformatorischen Zeitalter in irenischer Gesinnung die Wiedervereinigung der getrennten Kirchen an. Sein Forscherleben war durch hohes Ethos gekennzeichnet. Während er in Erkenntnisoptimismus wagemutig alte Vorstellungen aufgab, blieb er sich bewußt, daß noch vieles „in pandectis aevi sequentis“ verborgen liege. Er wollte nicht nur dem Kaiser, sondern dem ganzen Menschengeschlecht dienen. Daß er durch göttliche Fügung an die Tychonischen Beobachtungen gesetzt worden war, rechnete er sich als einzige Ehre an.

3. Ferdinand II.

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Die ineinander verschränkten Pflichtenkreise als Landesfürst, deutscher Kaiser und Hauptfigur der europäischen Politik im Zeitalter des absinkenden Reiches und der Schwerterlösung der Konfessionsfrage lassen diese Kaisergestalt in wechselndem Lichte erscheinen, erschweren die Erfassung der Gesamtpersönlichkeit und verhindern ein einhelliges Urteil. Die Stürme der Zeitereignisse machen es manchmal unmöglich, Vorgegebenes und Eigenes auseinanderzuhalten und die Bezüge der auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig sich abspielenden Ereignisse auf F.s Person richtig durchzuführen. Das Tatsachengefüge kann erst unter dem Anhauch ganzheitlicher Auffassung Leben gewinnen.

F. kam 1590 nach Ingolstadt, wo er bei den Jesuiten die entschieden katholische Grundrichtung seines Lebens erhielt. Eine Wallfahrt des 20jährigen Fürsten nach Loreto und Rom im Frühjahr 1598 (Begegnung mit Clemens VIII. in Ferrara) dokumentierte seine religiöse Gesinnung. Unter Mitwirkung des Fürstbischofs →Martin Brenner und des Statthalters von Innerösterreich, des Lavanter Bischofs Georg Stobäus, führte F. 1598/1600 als Landesfürst die Gegenreformation nach den bereits 1579 in der Münchner Konferenz unter seinem Vater festgelegten Grundsätzen durch. Als geistiger Mittelpunkt der Rekatholisierung erwies sich die 1585 gegründete und den Jesuiten übergebene Universität in Graz. Die nach der gescheiterten Aktion gegen Kanisza sich häufenden Einfälle der Türken und später der Ungarn, die Kriegskosten, die Abwanderung protestantischer Bürger und Bauern wie der Rückgang des venetianischeen Handels minderten den Wohlstand Innerösterreichs bedeutend, doch blieben ihm die Schrecken des 30jährigen Krieges erspart. Im habsburg. Bruderzwist trat F. zwar dem Wiener Vertrag (1606) bei, schwankte jedoch zwischen Rudolf und Matthias. Obwohl die Politik Matthias' und seines Erstministers Klesl nicht den Beifall F.s fand, der auf Seite Spaniens stand, gelang F. die Wahl zum König von Böhmen (6.6.1617) und zum König von Ungarn (16.5.1618), wo er sofort die Gegenreformation einleitete. Trotz der böhmischen Rebellion wurde F. am 26.8.1619 zum Kaiser gewählt. Diese Aktion war durch einen Geheimvertrag mit Spanien (1617) und die Verhaftung Klesls, der vermitteln wollte (1618), möglich geworden. Ein Vertrag mit Maximilian von Bayern und der Liga (1619) festigte die Stellung des Kaisers, der einen Vorstoß Thurns auf Wien und die Forderungen der protestantischen Stände Niederösterreichs abgewehrt hatte und sich dem Aufstand in Ungarn unter Bethlen Gabor gegenübersah.

Als auch →Johann Georg I. von Sachsen gewonnen war und der bayerische Herzog die Union von einer Unterstützung Friedrichs abgezogen hatte, rückte Maximilian Ende Juli 1620 in Oberösterreich ein. Am 8.11.1620 schlugen die vereinigten Heere unter Bucquoi und Tilly am Weißen Berg die Truppen des Pfälzers, während der Kurfürst von Sachsen Schlesien und die Lausitzen unterwarf und ein spanisches Heer die Rheinpfalz bis auf einige Festungen besetzte. Rasch unterwarfen sich Mähren, Schlesien und Niederösterreich. Am 21.6.1621 wurden in Prag 28 Rädelsführer hingerichtet, für die Lausitzen und Schlesien hatte der Kurfürst von Sachsen Generalamnestie und die Bestätigung der Rudolfinischen Majestätsbriefe erwirkt. Dagegen wurde die Gegenreformation in Böhmen und Mähren mit aller Schärfe durchgeführt. Sie begann nach der Vertreibung der Prädikanten und der Restauration katholischen Besitzes mit Güterkonfiskationen größten Ausmaßes, die eine starke Abwanderung des Adels und eine soziologische Veränderung der Führungsschicht nach sich zogen. Der Aufstand der Bauern ob der Enns gegen die Gegenreformation und bayerische Pfandherrschaft 1626 brach unter großem Blutvergießen zusammen. Die 1623 an Bayern gekommene Kurwürde weckte jedoch den Argwohn der übrigen Kurfürsten, und die Gewalttaten der Gegenreformation und verschiedene katholische Restaurationsversuche trieben auch konservative protestantische Fürsten der sich bildenden europäischen Front gegen das Haus Habsburg in die Arme. Als Christian IV. von Dänemark zu den Waffen griff und sich der Krieg nach Norddeutschland verlagerte, kam es zum ersten Generalat Wallensteins. Dessen Vorgehen gegen Halberstadt und Magdeburg erregte bei den Protestanten den Anschein der Rekuperation des seit 1555 eingezogenen Kirchengutes und verstimmte auch Bayern.

Als Johann Ernst von Weimar in Böhmen, die Dänen in Schlesien, Bethlen Gabor in Ungarn einfielen, schlugen Tilly und Wallenstein deren Heere. Auf dieser Höhe seiner Macht erließ F. am 6.3.1629 das Restitutionsedikt, formalrechtlich (eine Bestimmung ausgenommen) einwandfrei, politisch aber ein schwerer Fehlgriff, da Absolutismus gegen fürstliche Libertät stand und daher auch Calvinisten und Lutheraner einte. Der Mantuanische Erbfolgekrieg steigerte die Spannung zwischen Kaiser und Papst, diese wiederum vereinigte Richelieu und Gustav Adolf zum Angriff gegen die kaiserliche Gewalt. Am Kurfürstentag von Regensburg (1630) verlangten auch die katholischen Stände die Achtung ihrer Rechte und die Entlassung des verhaßten Wallenstein. F.ernannte den Ligageneral Tilly zum Nachfolger, der jedoch am 17.9.1631 bei Breitenfeld dem Schwedenkönig erlag. Als die Sachsen Prag besetzten und Gustav Adolf siegreich am Mittelrhein kämpfte, griff F. wieder auf Wallenstein zurück. Der Friedländer eroberte Prag und besetzte fast ganz Sachsen. Nach Lützen (16.11.1632) schien Wallenstein Herr der Lage. Seine Passivität 1633 und die verweigerte Zusammenarbeit mit Bayern und den spanischen Truppen – am 14.11.1633 eroberte Bernhard von Weimar sogar Regensburg – weckten am Wiener Hof den Verdacht auf Konspiration mit den Schweden und führten nach längerem Zögern F.s und Ausschaltung Eggenbergs zur Verurteilung Wallensteins und dessen Ermordung zu Eger (25.2.1634). Der Sohn des Kaisers schlug am 6.11.1634 die Schweden entscheidend bei Nördlingen, und im Prager Frieden (30.5.1635) verzichtete der Kaiser für Sachsen und alle dem Frieden beitretenden Reichsstände auf die Durchführung des Restitutionsedikts. Mit der Anerkennung des Vertrages durch die meisten evangelischen Fürsten war für Deutschland das konfessionelle Ringen beendet, und der Kampf galt Schweden und Frankreich, das Schweden 1635beigesprungen war. F. erlebte noch die Wahl seines ältesten Sohnes zum Röm. König. (22.12.1636) trotz der ungünstigen militärischen Lage.

Das Bild F.s schwankt in der Geschichtsschreibung. Von dem Ideal eines katholischen Fürsten und dem eines engstirnigen Fanatikers rückt die neuere Geschichtsschreibung zu einer differenzierenden, auch die positiven Elemente herausstellenden Auffassung. Unbestritten sind Herrscherbewußtsein, Pflichteifer, katholische Religiosität, Zähigkeit in der Verfolgung seiner Ziele. Er war kein rascher Aktivist, doch rechtfertigte die Gefährdung des Reiches von außen und von innen auch Zurückhaltung und Geduld. Jedenfalls haben die großen Umwälzungen der Gegenwart das Verständnis für diesen Kaiser der Katastrophenzeit der deutschen Geschichte wieder geweckt. Die vielberufene Abhängigkeit von seinen Ratgebern hob seine Eigenentschließung nicht auf. Seine jesuitischen Beichtväter (Villery, Becanus, Lamoimaini) bestimmten trotz ihres Einflusses keineswegs seine Politik (Stieve). Ulrich von Eggenberg, später Gundakar von Liechtenstein und Maximilian von Trauttmansdorff hatten zwar das Ohr F.s, aber das letzte Wort sprach der Kaiser, der mit seiner Form des frühen Absolutismus zwischen Gottesgnadentum und Fürstensouveränität steht (Sturmberger).|Nach K. Brandi beginnt mit F.s Eintritt in die Regierung überall eine neue Periode, und deshalb kommt seinem Wirken welthistorische Bedeutung zu.

4. Maximilian I. (Bayern)

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M., der bedeutendste Wittelsbacher neben Kaiser Ludwig d. Bayern und Kg. Ludwig I., wurde in die Welt des Frühabsolutismus, der Gegenreformation und der Kath. Reform geboren, in der bereits seine Vorfahren Wilhelm IV., Albrecht V. und Wilhelm V. dem Herzogtum Bayern einen festumrissenen und bedeutenden Platz zugewiesen hatten. Seine Erziehung übernahm der Jurist J. B. Fickler. Von Herbst 1587 bis Frühjahr 1591 befand sich M. an der von Jesuiten geführten Univ. Ingolstadt, wo er seit 1589 die Rechte studierte. Praktischer Tätigkeit in der Staatsverwaltung folgten 1593 Reisen an den Kaiserhof nach Prag, nach Rom und zur Brautschau nach Nancy, sowie die allmähliche Übernahme der Regierungsgeschäfte für seinen resignierenden Vater bis zum endgültigen Regierungsantritt am 4.2.1598.

Die schwere Verschuldung des bayer. Staates zwang M. im ersten Jahrzehnt seiner Regierung zur strikten Konzentration auf innenpolitische Probleme, doch bot die allgemeine Situation im Reich auch kaum Anlaß zu außenpolitischen Aktivitäten. Es gelang M., das Herzogtum durch Rationalisierung, Kontrolle und wirtschaftliche Entwicklung binnen weniger Jahre auf eine neue finanzielle Basis zu stellen und hierdurch unentbehrliche Grundlagen für größere politische Unabhängigkeit und weiterreichende Aktionen zu gewinnen.

1607 besetzte M. als Exekutor der Reichsacht die Reichsstadt Donauwörth und verleibte sie 1609 als Kostenersatz seinem Herzogtum ein. Die hierdurch hervorgerufene Verschärfung der konfessionspolitischen Gegensätze im Reich führte M. in die große Politik und alsbald an die Spitze der aktivistischen kath. Reichsstände. Die Gründung der prot. Union 1608 beantwortete er 1609 mit dem Zusammenschluß Bayerns und zahlreicher geistlicher Reichsfürsten zur Kath. Liga. Eine erste Konfrontation von Liga und Union in der Jülichschen Erbfolgefrage 1610 endete friedlich, da beide Seiten noch auf Ausgleich bedacht waren. Das intensive politische und finanzielle Engagement M.s im Rahmen der Liga ließ diesen Sonderbund zu einem Instrument der bayer.Politik werden, stieß aber deswegen auf das Mißtrauen und den Widerstand des Hauses Habsburg, so daß sich M. schließlich gezwungen sah, die Liga 1616 praktisch aufzulösen und sich mit einem sehr reduzierten süddeutschen Sonderbund zu begnügen. Seine tiefe Verstimmung über die Politik des Kaisers Matthias und des Kardinals Klesl verleitete ihn zwar nicht, 1618 auf den pfälz. Vorschlag einer bayer. Kaiserkandidatur einzugehen, der ihm zu Recht ganz unrealistisch schien. Jedoch war M. nach dem Prager Fenstersturz 1618 nur dann zur Unterstützung des Hauses Habsburg und zur Neuorganisation der Liga bereif, wenn diese dem habsburgischen Einfluß entzogen blieb und er für seinen Einsatz angemessen entschädigt wurde. Demgemäß gestand der hilfebedürftige Kaiser →Ferdinand II. in dem folgenreichen Münchner Vertrag vom 8.10.1619 die Dispositionsfreiheit M.s für das aufzustellende Ligaheer zu, ferner Ersatz aller Kriegskosten, zunächst durch pfandweise Überlassung eroberter Gebiete, schließlich auch die von den Münchner Wittelsbachern seit langem erstrebte Übertragung der pfälz. Kurwürde. Sowohl diese Aussichten als auch der entschiedene Wille zur Aufrechterhaltung der gefährdeten Reichsverfassung und des Status quo im Reich bewogen M. in den folgenden Jahren zu intensivem Einsatz für die kaiserl.-kath. Sache gegen die böhm. Aufständischen, deren „Winterkönig“ Friedrich V. von der Pfalz und dessen Anhänger im Reich. Nachdem die prot.Union durch Vertrag vom 3.7.1620 neutralisiert und Oberösterreich besetzt worden war, besiegte ein ligistisch-kaiserl. Heer am 8.11.1620 den Winterkönig in der Schlacht|am Weißen Berge; anschließend wurden die Oberpfalz und mit Hilfe der Spanier die Rheinpfalz erobert. Die wertvolle Heidelberger Bibliothek schenkte M. Papst Gregor XV., der ihn diplomatisch und finanziell unterstützt hatte. Beim Regensburger Deputationstag wurde M. am 25.2.1623 auf Lebenszeit mit der pfälz. Kurwürde belehnt; die Oberpfalz und Oberösterreich blieben zunächst bayer. Pfandbesitz. Erst durch Vertrag vom 22.2.1628 wurde auch die Erblichkeit der bayer. Kurwürde zugestanden. Gleichzeitig erhielt M. als Kriegskostenentschädigung die Oberpfalz und die rechtsrhein. Unterpfalz zu erblichem Besitz. Oberösterreich, das ihm durch den Bauernaufstand von 1626 manche Schwierigkeiten bereitet hatte, gab M. dem Kaiser zurück. Die Sicherung von Kurwürde und Oberpfalz für sein Haus blieb künftig ein zentrales Kriegsziel M.s, das allerdings geeignet war, den Weg zum Frieden zu erschweren oder zumindest anderen als Vorwand zur Fortsetzung des Krieges zu dienen.

Die Sorge um Kur und Oberpfalz spielte in den folgenden Jahren auch eine erhebliche Rolle in M.s Beziehungen zu Spanien und Frankreich. Er beschuldigte die Spanier, im Interesse ihres Krieges gegen die Generalstaaten einen Ausgleich in der Pfalzfrage zu betreiben, der auf Kosten Bayerns ging. Gleichzeitig widersetzte er sich allen span. Bemühungen, Reich und Liga in den niederländ. Krieg einzubeziehen. Von Frankreich erhoffte sich M.Unterstützung in der Kurfrage für die Gegenleistung, sich allen antifranz. Werbungen der Spanier zu entziehen. Gleichzeitig war er bemüht, durch positive Kontakte zu Richelieu die Eskalation der antihabsburg. Politik des Kardinals zu reichsfeindlicher Aggression zu verhindern und diesen überhaupt in eine kath. Front gegen den europ. Protestantismus einzubeziehen. Richelieu seinerseits versuchte jahrelang mit dem Argument der reichsständefeindlichen Politik des Hauses Habsburg, M. von der Unterstützung des Kaisers abzuziehen. Weder M. noch Richelieu konnten schließlich ihre diesbezüglichen Pläne verwirklichen.

Zwischen 1623 und 1629 besetzten das Ligaheer unter Tilly und das auch auf Drängen M.s aufgestellte kaiserl. Heer unter Wallenstein ganz Norddeutschland. Der Friede von Lübeck mit Christian IV. von Dänemark am 22.5.1629 und das von M. lebhaft befürwortete Restitutionsedikt vom 6.3.1629 dokumentierten die Machtstellung der kaiserl.-kath. Partei. Jedoch befürchtete M. eine durch Wallenstein ermöglichte Politik des Kaisers, welche die reichsständischen Freiheiten zugunsten kaiserl.-monarchischer Herrschaft bedrohte. Er setzte sich daher an die Spitze einer interkonfessionellen reichsständischen Opposition, der es beim Regensburger Kurfürstentag 1630 gelang, die Absetzung Wallensteins und die Reduzierung der kaiserl. Armee zu erzwingen. Die Übertragung des Oberbefehls auf M. konnte allerdings nicht durchgesetzt werden.

Die Landung Gustav Adolfs in Deutschland brachte auch M. in schwere Bedrängnis, zumal Kursachsen und Kurbrandenburg, die beim Frankfurter Kompositionstag 1631 von M. keine konfessionspolitischen Zugeständnisse erlangt hatten, sich den Schweden anschlossen. Nach der Niederlage des Ligaheeres bei Breitenfeld am 17.9.1631 wurde München am 16.5.1632 von den Schweden besetzt. Franz. Hilfe, die sich M. aufgrund des bayer.-franz.Vertrags von Fontainebleau (30.5.1631) erhoffte, blieb aus. So hatte M., der bis Mai 1635 in Braunau am Inn residierte, die Wiederberufung Wallensteins hinzunehmen, erfuhr von diesem aber in der Folge nur geringe Hilfe gegenüber wiederholten schwed. Einfällen in Bayern. Angesichts dessen betrieb M. die erneute Absetzung Wallensteins, hat dann aber nicht zum Entschluß des Kaisers beigetragen, diesen ermorden zu lassen. Der Tod Wallensteins ermöglichte eine engere Zusammenarbeit der Truppen des Kaisers und der Liga sowie einer span. Armee, die schließlich zu dem wichtigen Sieg von Nördlingen am 6.9.1634 führte. Der Sieg wiederum förderte die von M. begrüßten Friedensverhandlungen des Kaisers mit Kursachsen, die am 30.5.1635 im Frieden von Prag endeten. Der Friedensschluß beließ M. die Kurwürde, die Oberpfalz und die rechtsrhein. Unterpfalz. Andererseits wurde das Restitutionsedikt praktisch preisgegeben; die Liga mußte aufgelöst werden. M. ist dem Frieden dennoch beigetreten, weil ihm dieser seine Erwerbungen bestätigte und er überhaupt die Konsolidierung der Verhältnisse wünschen mußte. Das M. übertragene Kontingent der Reichsarmee wurde in der Folge praktisch zu einer bayer. Armee, die allerdings von M. auch zu finanzieren war.

In der zweiten Kriegshälfte errangen die bayer. Truppen manche Erfolge, doch wurde Bayern auch mehrmals durch franz. und schwed. Truppen verwüstet. Dies war Grund genug für M., fortgesetzt auf Friedensverhandlungen zu drängen, bei denen er allerdings weder Kurwürde und Oberpfalz aufs Spiel setzen, noch weitergehende konfessionspolitische Zugeständnisse machen wollte M. zielte darauf ab, durch Zugeständnisse an Frankreich (Trennung von Spanien und Überlassung des habsburg. Elsaß) dieses und in der Folge auch Schweden zu einem Verhandlungsfrieden zu bewegen. Da der Kaiser zu derartigen Preisgaben zunächst noch nicht bereit war, schloß M. am 14.3.1647 den Ulmer Waffenstillstand mit Frankreich und Schweden, kehrte aber im Vertrag von Passau am 7.9.1647 wieder zum Kaiser zurück. Bei den Friedensverhandlungen in Münster konnte er seine wesentlichen Ziele behaupten. Der Westfäl. Friede vom 24.10.1648 sicherte ihm und seinem Haus die Kurwürde und die Oberpfalz, für die überdies das Konfessions-Normaljahr 1624 keine Geltung hatte, deren Rekatholisierung also nicht rückgängig gemacht wurde. In den folgenden Jahren hat M. noch begonnen, die schweren Schäden zu beseitigen, die Land und Volk durch Krieg und Seuchen erlitten hatten.

M.s Politik seit 1607 hat die im 16. Jh. grundgelegte Bedeutung Bayerns im europ. Kräftefeld befestigt und gesteigert, wenngleich mehrmals deutlich wurde, daß dem Herzogtum wegen seiner schmalen territorialen, demographischen und ökonomischen Basis doch nur eine sekundäre Rolle neben den Großmächten zukam. Diese Begrenzung war M. auch bewußt. In ihrem Rahmen hat er aber in beachtlichem Ausmaß auf die deutschen und in bestimmtem Umfang auch auf die europ. Verhältnisse seiner Zeit eingewirkt. In den säkularen Gegensätzen zwischen Katholizismus und Protestantismus und zwischen den Häusern Habsburg und Bourbon wie auch im Kampf um die künftige Gestaltung der Reichsverfassung hat M. in profilierter Weise Stellung bezogen und zum Ergebnis dieser Kämpfe, wie es in politischer und konfessionspolitischer Hinsicht im Westfäl. Frieden fixiert wurde, beträchtlich beigetragen.

Dies wäre nicht möglich gewesen, wenn M. nicht im Laufe seiner Regierung, vor allem in den beiden Jahrzehnten vor dem Krieg, sein Land einer weitgehenden Reorganisation unterworfen hätte. Es war eine Modernisierung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, die gleichzeitig den Auf- und Ausbau frühabsolutistischer Herrschaft beinhaltete. Durch strikte Überwachung der Beamten, strenge Rechnungskontrolle, Reorganisation des Finanzwesens und Steigerung der Erträgnisse der Staatsdomänen und Monopolien wurden die Staatseinnahmen ebenso gesteigert wie durch die Förderung von Handel und Gewerbe im Sinne des Frühmerkantilismus sowie durch strengste Sparsamkeit auf der Ausgabenseite. M. hat die bayer. Behördenorganisation ausgebaut und verfeinert, eine effektivere Beamtenschaft herangebildet, die Einrichtungen der Rechtspflege und der öffentlichen Ordnung kontinuierlich fortentwickelt (Codex Maximilianeus 1616, Rentmeisterinstruktion 1613). Der politische Einfluß der Landstände, bereits unter M.s Vorgängern beschnitten, wurde weitgehend beseitigt; nach den Landtagen von 1605 und 1612 wurde nur noch ein Ausschuß zur Steuerbewilligung einberufen. Diese weitgehende, wenn auch auf älteren Fundamenten ruhende Staatsreorganisation, die Steigerung staatlicher Leistungsfähigkeit und die Festigung der fürstlichen Position im Gesamtgefüge von Staat und Gesellschaft war möglich, weil M. selbst durch eine ungewöhnliche Arbeits- und Willensleistung die Regierungsgeschäfte persönlich zu leiten verstand. Jedoch bediente er sich stets des Rats befähigter Mitarbeiter, von denen vor allem die Geheimräte Donnersberg, Jocher, Richel und Kurtz v. Senftenau zu nennen sind.

In den unter fürstlicher Leitung modernisierten Staat wurde auch die Kirche eingebunden. M. hielt die Bewegungsfreiheit des bayer. Welt- und Ordensklerus in engen Grenzen und suchte auf die Bischofswahlen in seinem Umkreis mit Nachdruck Einfluß zu nehmen. 1611 scheute er sich nicht, Erzbischof Wolf Dietrich von Salzburg mit Waffengewalt zur Abdankung zu zwingen. Er konnte dies alles, weil sich die Päpste der Verdienste M.s um die Kirche bewußt waren. Diese bestanden nicht nur in den konfessionspolitischen Aktivitäten M.s als führender Gestalt der Gegenreformation im Reich, sondern ebenso in der intensiven Förderung der katholischen Reform innerhalb seines Herzogtums. M. hat in teils engem Zusammenwirken mit der röm. Kurie, besonders unter Gregor XV. (1621–23), und durch Förderung der Reformorden, vor allem der Jesuiten, Kapuziner, Franziskanerreformaten und Englischen Fräulein, der tridentinischen Erneuerung die Tore offengehalten, seinen Staat „in seiner sozialen Substanz, seinem Kultur- und Daseinszweck auf das transzendente Ziel ausgerichtet“ (Hubensteiner). Hinter diesem Einsatz stand die ausgeprägte persönliche Religiosität M.s, die sich in religiös bestimmter Lebensführung und zahlreichen frommen und milden Stiftungen äußerte. Die von ihm besonders betonte Marienverehrung suchte er dem ganzen Lande mitzuteilen. Auch seine Staatsauffassung war von einem starken ideellen Impuls erfüllt. Seine Staatsraison war auf das Gemeinwohl ausgerichtet, das|nach antiken und christlichen Quellen definiert wurde. Seine Beichtväter aus dem Jesuitenorden (Buslidius, Contzen, Vervaux) lieferten hierzu theoretische Grundlagen. M.zielte ebenso auf das geistliche wie das leibliche Wohl seiner Untertanen. Mit den Mitteln des konfessionellen Frühabsolutismus suchte er deren Denken und deren Lebensführung zu formen und zu disziplinieren. Seine Wirtschaftspolitik merkantilistischen Zuschnitts sah im Florieren von Landwirtschaft, gewerblicher Produktion und Handel mit den Interessen der Untertanen auch dasjenige des Staates verwirklicht.

M. stand in der barocken Spannung von christlichem Sündenbewußtsein und herrscherlichem Selbstgefühl. Letzteres äußerte sich in manchen Haltungen und großen Gesten, vor allem aber im Bau einer Residenz von imperialen Ausmaßen. Auch die großzügige Förderung von Kunst und Kunsthandwerk diente sowohl religiösem Ausdrucksverlangen wie fürstlicher Repräsentation. M.s Förderung der bayer. Geschichtsforschung, u. a. zur Ehrenrettung Kaiser Ludwigs des Bayern, hatte dem herrscherlichen Anspruch die historische Grundlage zu liefern. Auch als leidenschaftlicher Sammler von Werken Dürers bezeugte M. seinen Sinn für Qualität und Größe.

M.s Bedeutung als Staatsmann und Politiker lag weniger in der Erfindung neuer Zielsetzungen und Methoden, als in der besonderen Zähigkeit und Geschicklichkeit, mit der er traditionelle Mittel verwendete, um im wesentlichen traditionelle Ziele zu erreichen. M. war vorzüglich ein Mann des Willens und der Ausdauer, nicht zugleich eine schöpferische Natur wie Richelieu oder Gustav Adolf. Aber auch in dieser Begrenzung gelang es ihm, seinen Staat gegenüber neuen Anforderungen zu rüsten und im übrigen die Existenz des Territorialstaates gegenüber dem Reich, dem die Modernisierung nicht gelang, zu rechtfertigen. Gleichzeitig hat M. Staat und Untertanen betont in den Dienst einer allgemeinen Idee und Bewegung gestellt - von Kath. Reform und Gegenreformation - und hierdurch Bayerns Staat und Volk enger als bisher mit dem roman. Kulturkreis verbunden. So ist M. einer der Väter der bayer.Barockkultur. Bayerische und europ. Antriebe und Wirkungen finden sich bei ihm in enger Verknüpfung.

6. Albrecht von Wallenstein 

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W. ist der bekannteste Kriegsunternehmer und Söldnerführer des 30jährigen Kriegs. Seit 1625 befehligte er die ksl. Armee, die er aus eigenen Mitteln aufgestellt hatte und die sich dank eines neuen Systems der Heeresfinanzierung zur stärksten militärischen Kraft in Mitteleuropa entwickelte.

Als Abkömmling eines alten, weitverzweigten Geschlechts des böhm. Herrenstandes bekannte sich W. ursprünglich zur hussit.-utraquist. Richtung der Confessio Bohemica, konvertierte aber nach einem kurzen Studienaufenthalt an der luth. Univ. Altdorf (1599 / 1600) zum Katholizismus (vor 1607). Den Grundstein für sein enormes Vermögen legte er durch die Ehe mit seiner ersten Gemahlin, durch die er zu einem der größten Grundbesitzer der Mgfsch.Mähren aufstieg.

Bereits seit 1607 befand sich W. im Dienste verschiedener habsburg. Erzherzöge. Als besonders bedeutsam erwies sich die enge Verbindung zu Ehzg.→Ferdinand, dem späteren böhm. König und röm.-dt. Kaiser Ferdinand II., den W. 1617 im Krieg gegen Venedig mit einem eigenen Regiment unterstützte. Nach Beginn der böhm. Ständerevolution 1618 ergriff W. militärisch Partei für die habsburg. Landesherrschaft. Entsprechend gehörte W. zu den Hauptgewinnern, als nach der Niederschlagung des Ständeaufstands der umfangreiche Besitz der hochadligen böhm. „Rebellen“ enteignet und neu verteilt wurde. Aus großen Teilen der neu erworbenen Ländereien schuf W. ein geschlossenes Herrschaftsgebiet, für das ihm der Kaiser 1625 den Titel eines Herzogs von Friedland verlieh. Dabei zeigte W. beim Landesausbau ein ausgeprägtes – für Angehörige seines Standes in dieser Zeit untypisches – ökonomisches Interesse und organisatorisches Geschick, das auch seine spätere Tätigkeit als Kriegsunternehmer kennzeichnete.

Gestützt auf seinen großen Besitz, bot W. dem Kaiser seit 1623 / 24 an, auf eigene Kosten eine ganze Armee (und nicht, wie üblich, nur ein einzelnes Regiment) aufzustellen. Nach anfänglichem Zögern ging der Kaiserhof 1625 unter dem Eindruck des Kriegseintritts Dänemarks auf W.s Angebot ein.

Dies erwies sich als tiefgehende Zäsur in der Geschichte des 30jährigen Krieges. Schon in dessen ersten Jahren hatte sich gezeigt, daß die fürstl.Kriegsherren die von ihnen aufgestellten Armeen nicht finanzieren konnten und von der Zivilbevölkerung mehr Abgaben verlangten, als reichskriegsrechtlich zulässig war. W. etablierte ein deutlich darüber hinausgehendes System der Heeresfinanzierung, indem er die von seiner Armee besetzten Territorien zwang, durch Kriegssteuern (Kontributionen) sämtliche Aufwendungen seiner Armee (einschließlich des Soldes) zu bezahlen, unabhängig davon, ob es sich um gegnerische, neutrale oder mit dem Kaiser verbündete Territorien handelte. Dieses Verfahren gab W. die Möglichkeit, die ksl. Armee ohne Rücksicht auf die schwierige Finanzlage des Kaiserhofs zu unterhalten, ständig zu vergrößern und dem Kaiser eine militärische Führungsposition im Reich zu verschaffen. Der Kaiser überwand so die militärische Abhängigkeit von seinen Verbündeten (Bayern, Spanien), war aber nun auf W. angewiesen, von dem aufgrund seiner Vertrauensposition zwischen dem Kaiser und den einzelnen Regimentsobristen das Funktionieren des Finanzierungssystems abhing.

Nach dem ksl.-kath. Sieg im Niedersächs.-Dän. Krieg (1625–29) mußte Dänemark im wesentlich von W. ausgehandelten Frieden von Lübeck (1629) auf jede weitere Einmischung im Reich verzichten. Der Kaiser demonstrierte seine neue Macht, auch in bislang kaiserfernen Gebieten, u. a. durch die Einziehung des Hzgt. Mecklenburg, das W. zur Begleichung von Kriegsschulden übertragen wurde, und in der Erhebung W.s zum „General des Ozeanischen und Baltischen Meeres“.

Maßnahmen wie diese ließen die reichsfürstl. Opposition gegen W. weiter wachsen, nachdem schon das Kontributionssystem konfessionsübergreifend zu massiver reichsständischer Kritik geführt hatte. W. wurde verdächtigt, den Kaiser zur Beseitigung der fürstl. Libertät und zu einer Reichsreform im monarchischen Sinne verleiten zu wollen. Es wirkte sich nachteilig für W. aus, daß er – auch zum Mißfallen des Kaiserhofs – den Eigenheiten der Reichsverfassung nie besondere Beachtung schenkte und sich auch vom Kaiserhof bzw. den ksl. Ratsgremien demonstrativ fernhielt. Unter massivem Druck der Kurfürsten, insbesondere →Maximilians von Bayern, stimmte →Ferdinand II. auf dem Regensburger Kurfürstentag 1630 einer Entlassung W.s zu. Anders als von vielen Zeitgenossen befürchtet, beugte sich dieser ohne Widerstand und zog sich auf seine Güter in Böhmen zurück.

Aufgrund des Siegeszugs →Gustav II. Adolfs und der kompletten Umwälzung der militärischen Kräfteverhältnisse sah sich der Kaiser jedoch rasch gezwungen, diese Entscheidung zu revidieren und W. erneut mit dem Oberbefehl über die ksl. Armee zu betrauen (endgültig am 13. 4. 1632). Auch wenn ungeklärt bleibt, welche Zugeständnisse der Kaiser W. bei Übernahme des Zweiten Generalats konkret gemacht hat, darf als sicher gelten, daß die Abhängigkeit Wiens von seinem Generalissimus nun noch größer war als im ersten Generalat.

Zunächst schien es so, als würde W. die Erwartungen des Kaiserhofs erfüllen. Es gelang, die stark geschwächte ksl. Armee dank des Vertrauens der Regimentsobristen in W.s Kreditwürdigkeit und militärische Führungsfähigkeiten wieder aufzurichten, die feindlichen Truppen aus Böhmen zu vertreiben und den Vormarsch des Schwedenkönigs aufzuhalten. Nach vergeblicher Belagerung von W.s Lager bei Nürnberg im Sommer 1632 versuchte →Gustav II. Adolf im Nov. 1632, W. zur Entscheidungsschlacht bei Lützen in Sachsen zu zwingen. Einen entscheidenden Erfolg über W. erzielten die Schweden allerdings auch hier nicht und hatten überdies mit dem Tod →Gustav Adolfs einen unersetzlichen Verlust zu beklagen.

In der Folgezeit kühlte sich das Verhältnis zwischen dem Kaiserhof und W. merklich ab, weil in Wien das Mißfallen über die nach Lützen rein defensive Kriegsführung W.s wuchs. Zum Zerwürfnis kam es, als W. sich im Herbst 1633 trotz eindeutiger ksl. Weisung weigerte, die strategisch bedeutsame Reichsstadt Regensburg zu entsetzen. Die Motive für W.s Handeln 1633 / 34 bleiben trotz intensiver Forschungen wegen des Fehlens eindeutiger Selbstzeugnisse unklar. Weder die Auffassung, daß W. in dieser letzten Lebensphase konsequent Verrat am Kaiser geübt habe (→Pekař), noch jene, daß es ihm um höhere Ziele wie Reichseinheit und Frieden gegangen sei (→Srbik), konnte sich durchsetzen. Einiges spricht dafür, daß W. als schwerkranker Mann in der letzten Phase seines Zweiten Generalats kein eindeutiges politisches Programm verfolgte (Mann).

Im Jan. und Febr. 1634 vollzog sich der endgültige Bruch zwischen dem Kaiser und W. Ausgangspunkt war W.s Versuch, sich im 1. Pilsener Revers (11. 1. 1634) der bedingungslosen Ergebenheit der Regimentsobristen zu versichern, ohne deren Loyalitätspflicht zum Kaiser, gegen den heftige Vorwürfe erhoben wurden, zu erwähnen. Der Kaiser deutete dies als Verrat und betrieb nun den Sturz W.s, nötigenfalls auch mit Gewalt, zunächst geheim, dann auch öffentlich (Patent v. 18. 2. 1634). Daraufhin fiel die Armee in kürzester Zeit von W. ab, ohne daß es – wie befürchtet – zu einer bewaffneten Konfrontation zwischen dem Kaiser und W. kam. Diesem blieb nur die Flucht aus Böhmen, auf der er als geächteter „Rebell“ in Eger von kaisertreuen Offizieren getötet wurde. Der Kaiser ließ W.s Vermögen konfiszieren, das großenteils an die neue Armeeführung unter →Matthias Gf. Gallas (1584–1647) verteilt wurde.

W.s Persönlichkeit, sein Schicksal und sein Scheitern übten eine besondere Faszination auf die Nachwelt aus, auch weil seine Motive – gerade im Zweiten Generalat – rätselhaft blieben. Im 19. Jh. stieg W. unter dem Einfluß →Friedrich Schillers zu einer der meistbehandelten Gestalten in der dt.sprachigen Historiographie auf, die seinen Sturz mitunter als Wendepunkt der dt. Geschichte deutete. Auch wenn dies heute nicht mehr so gesehen wird, kann W.weiterhin als bedeutendster Repräsentant des frühneuzeitlichen Kriegsunternehmertums sowie seiner Möglichkeiten und Grenzen gelten.

 

7. Rudolf II. (HRR)

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Als ältester Enkel bzw. Sohn wuchs der junge R. in der kosmopolitischen und konfessionell relativ toleranten Atmosphäre der Höfe Ferdinands I. und Maximilians II. auf. 1563-71 lebte er in der strengeren, dezidiert kath. Umgebung seines Onkels Philipp in Spanien. Unter diesen Einflüssen entwickelte sich R.s Persönlichkeit einerseits weitherzig, freundlich, duldsam, humanistisch und künstlerisch, andererseits herrisch, stolz, standesbewußt und einigermaßen orthodox im Sinne des tridentin. Katholizismus. Seit dem Tod Ferdinands 1564 waren die mitteleurop. Länder der Habsburger dreigeteilt. Maximilian blieb zwar die ksl. Oberherrschaft, aber sein Hauptaugenmerk galt dem Reich und den Königreichen Böhmen und Ungarn. R. wurde nach seiner Rückkehr aus Spanien in diesen Territorien durch Krönungen in Preßburg (1572), Prag (1573) und Regensburg (1575), wo sein Vater im Herbst 1576 plötzlich verstarb, allmählich als dessen Nachfolger etabliert.

Die gravierendsten Probleme seit Beginn seiner Regierung waren die wachsenden konfessionellen Konflikte in Deutschland und die anhaltende Bedrohung durch die Türken. R. war bestrebt, den Augsburger Frieden aufrechtzuerhalten und als Vermittler, v. a. in den Niederlanden, aufzutreten. Indessen mußte er eine Verschärfung der Konflikte erfahren, v. a. infolge des Kölner Bistumsstreits, wo durch den gescheiterten Versuch einer prot. Übernahme die Schlagkraft der kath. Kurfürsten von Bayern gestärkt wurde. In den österr. Erblanden bestätigte R. die Konzessionen, welche die ev. Stände seinem Vater abgerungen hatten. Gleichzeitig schränkte er in Städten wie Wien die Tätigkeit der prot. Gemeinden ein und wies radikale Prediger aus. Bald ließ R.s Interesse an Österreich nach, wie er überhaupt in der Tagespolitik wenig Ausdauer zeigte.

Nach einer längeren Krankheit, die Besorgnis um die Nachfolge des unvermählten Kaisers weckte, verlegte R. 1583 seine Residenz und die Verwaltung des Reichs endgültig nach Prag. Diesem Schritt wäre weniger Bedeutung beizumessen, hätte R. – als einziger Habsburger – sich nicht so nachdrücklich mit der böhm. Hauptstadt identifiziert. Führende Politiker des Landes und weite Kreise der Bevölkerung zogen aus R.s Präsenz in Prag großen Nutzen und begrüßten ihn als Reinkarnation Karls IV. Den Hradschin ließ er prunkvoll ausstatten.

In Prag entzog sich R. wohl beabsichtigt dem unmittelbaren Druck der Türken. Zwar herrschte seit 1568 vordergründig Frieden an der ungar. Front, aber die Situation blieb gespannt, nicht zuletzt wegen der ungar. Stände. Obwohl R. die politische Kultur im Osten fremd blieb, versuchte er dort den Einfluß seines Hauses auszudehnen. Die Königskandidatur seines Bruders Maximilian in Polen führte nach 1586 zu einer schmachvollen politischen und militärischen Niederlage. Ein seit 1591 von den Osmanen ausgelöster Krieg|versprach größere Erfolge: R. entwickelte den Plan eines bis Moskau und Persien reichenden christl. Bündnisses und schürte in der öffentlichen Meinung eine Kreuzzugsstimmung. Sogar der Fürst von Siebenbürgen bot sich ihm als Vasall an. Dieser ‚lange' oder ‚fünfzehnjährige' Türkenkrieg brachte der international zusammengesetzten habsburg. Armee erstmals beträchtliche Erfolge. Die Hauptschlacht jedoch gewannen die Osmanen bei Mezkeresztes (1596); das militärische Geschehen, an dem R. selber keinen Anteil nahm, wirkte als Katalysator, um die Situation des Kaisers zu destabilisieren. R.s gebieterisches und argwöhnisches Wesen, das mit einer grundlegenden Unentschlossenheit einherging, entfremdete ihn immer mehr seiner Umwelt, namentlich den Familienangehörigen, welche ihm die anhaltende Unsicherheit in der Nachfolgefrage verübelten. R., der mehrere uneheliche Kinder zeugte, weigerte sich, die vorgeschlagene Heirat mit seiner span. Cousine Isabella einzugehen. Zu seiner Unzufriedenheit trugen auch Forderungen der verschiedenen religiösen Parteien bei. 1599/1600 schien er mit der Entlassung langjähriger gemäßigter Ratgeber wie Wolfgang Siegmund Rumpf (um 1536–1606) und Paul Sixt Gf. Trautson (um 1550–1621) plötzlich einen gegenreformatorischen Kurs einschlagen zu wollen. Damit verstärkte sich der Eindruck, der Kaiser sei geisteskrank.

Die nächsten Jahren waren durch den sog. ‚Bruderzwist' in Habsburg geprägt. Als Vertreter der Dynastie und zugleich aus eigenem Interesse wandte sich Ehzg. Matthias gegen R.s Politik, zuerst in Ungarn, wo Regierungsmaßnahmen gegen prot. verwaltete Städte und leitende prot. Adelige eine Massenempörung unter dem abtrünnigen Feldherrn István Bocskai entfachten. Matthias führte mit der ungar. Opposition eigenmächtig Gespräche, welche in den Wiener Frieden 1606 einmündeten, und schloß in Zsitvatorok im selben Jahr ein Abkommen mit den Osmanen. Als R. die Bestimmungen dieses Vertrags als ungenügend verwarf, rüstete sich Matthias zum Kampf. Mit Unterstützung der ungar., österr. und mähr. Stände nötigte ei dein Kaiser in Schloß Lieben bei Prag den Verzicht auf diese Länder ab. Im unmittelbaren Besitz R.s verblieben nur Böhmen, Schlesien und die Lausitzen.

Auch dort mußte R. Zugeständnisse machen, an erster Stelle durch die erzwungene Gewährung des berühmten ‚Majestätsbriefs', durch den die Freistellung von Protestanten im Sinne der Confessio Bohemica 1575 ihre schriftliche Bestätigung fand. Zugleich sann der kränkliche und verzweifelte Kaiser auf Rache, etwa durch Zuziehung von Verbündeten aus dem Reich. Als aber der wahrscheinlich mit Vorwissen R.s erfolgte militärische Einfall seines Vetters Leopold V. (1586–1632), Bischof von Passau, im Febr. 1611 in Böhmen ohne Erfolg blieb, zerschlugen sich diese Pläne. R. mußte die Krönung Matthias' auch in Prag miterleben. Einige Monate später starb er auf dem Hradschin mit dem leeren Kaisertitel als einzigem Relikt seiner Herrschaftsansprüche.

Im Gegensatz zu seiner politischen Karriere stand das Geistesleben um R. unbestritten auf höchstem Niveau. Er galt als äußerst kultivierter, kenntnisreicher, freigebiger, für alle Wissenschaften und Künste aufgeschlossener Fürst. Er beherrschte mehrere alte und neuere Sprachen. Seine Bildung, gleich derjenigen seines Vaters, gründete auf humanistischen Traditionen, wie sie in der ausgehenden Renaissance neue Orientierung fanden. In seinem Umkreis sammelte sich eine Schar von lat. Dichtern, Historikern und Philologen, wovon manche schon Maximilian gedient hatten. Darüber hinaus förderte R. Naturwissenschaftler aller Art, u. a. Tycho Brahe und Johannes Kepler. Mathematiker, Metallurgen, Mediziner, Botaniker usw. fanden ebenfalls günstige Aufnahme bei Hof.

Noch glänzender war R.s Patronage der bildenden und angewandten Künste. Zwar übernahm er auch hier namhafte Persönlichkeiten aus der Umgebung seines Vaters, darunter den Mailänder Giuseppe Arcimboldo und den jungen Niederländer Bartolomaeus Spranger, der jahrzehntelang als tonangebender Hofmaler äußerst produktiv war. Aus dem Künstlerkreis um R. ragten außer dem Porträtisten Hans von Aachen drei weitere Niederländer hervor: der Bildhauer Adriaen de Vries, der Kupferstecher Aegidius Sadeler, und der frühe Meister der Landschafts-, Tier- und Stillebenmalerei, Roelant Savery. Ebenso kosmopolitisch, wiederum mit niederl. Schwerpunkt, gestaltete sich Prags musikalische Kultur unter R. Lediglich für Architektur erwies sich der Kaiser als weniger empfänglich. Die einmaligen, überaus kostspieligen rudolfinischen Sammlungen nahmen mit Prunkstücken aus Antike und Renaissance. Raritäten aus aller Welt, erlesenen Handschriften, Münzen usw. die erste Stelle im damaligen Europa ein.

Untrennbar verbunden mit diesen geistigen und künstlerischen Anliegen war R.s Umgang mit den Geheimwissenschaften. Sein Hof zog Hunderte von Alchimisten an, unter ihnen prominente Chemiker paracelsischer|Prägung wie international berüchtigte Gaukler. Der Kaiser frönte Weissagern und Astrologen. Zweifelsohne hingen seine okkulten Neigungen mit einer Krise der Spätrenaissance zusammen, mit R.s Mißtrauen gegenüber neuen religiösen Orthodoxien, mit seinem Versagen angesichts der unlösbaren Gegensätze der Reichspolitik und seinen Eroberungsgelüsten im Osten, mit seiner Sammelwut, mit den gekünstelten und emblematischen Figuren seiner manieristischen Hofkunst, mit den sich vertiefenden Erscheinungsformen seines ‚Wahnsinns' überhaupt.

Diese Verbindungen sind noch immer nicht zufriedenstellend aufgeklärt. Insofern bleibt R. der unergründliche ‚Sonderling auf der Prager Burg'. Sein Stellenwert in der politischen Geschichte ist nach wie vor umstritten. Lange Zeit galt er übertrieben entweder als zielstrebiger Gegenreformator oder als unberechenbarer Geistesgestörter, dessen eigensinnige oder fahrlässige Politik das Reich an den Rand des Krieges gebracht habe. Im Verlauf des 20. Jh.wurden seine Leistungen auf anderen Gebieten erheblich höher eingeschätzt, Konjunktur erlebt besonders R.s Rolle als Mäzen und Sammler

 

 

 

 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Bock, Martin, Franciscus Agricola, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franciscus-agricola-/DE-2086/lido/57a9c145c634c6.71616803 (abgerufen am 10.11.2025).

-> List, Martha, "Kep(p)ler, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 494-508 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118561448.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 06.01.2026.

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-> Kampmann, Christoph, "Albrecht Wenzeslaus Eusebius von Wallenstein (Waldstein, Wahlnstein, Valstein, Valdestain, Valdštejn)" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 320-323 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118628755.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 02.02.2026.

-> Evans, Robert J. W., "Rudolf II." in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 169-171 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118603701.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 04.05.2026.

Sekundärliteratur

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