Die Gegenreformation
Inhaltsverzeichnis
1. Jesuitenorden. Die Krieger des Herrn.
1. Jesuitenorden. Die Krieger des Herrn.
1539 gründet der Baske Ignatius von Loyola die »Gesellschaft Jesu«: einen Orden, der auf revolutionäre Weise für den wahren Glauben kämpft. Straff organisiert, intellektuell gebildet, Körper und Geist durch Exerzitien gedrillt, ziehen die Jesuiten in die Welt hinaus – und werden zur wirkungsvollsten Waffe Roms im Kampf gegen die Reformation
Iñigo López de Loyola, Draufgänger und Frauenheld, Raufbold, Ritter und Tunichtgut, kämpft mit seinem Körper. Das ist ein Feind, der nicht mit Lanzen sticht und nicht mit Kanonen schießt. Doch er ist so nah, dass er nicht niederzuringen ist. Eine französische Kugel hat dem baskischen Ritter den rechten Unterschenkel zertrümmert. Das Bein wächst nicht glatt zusammen; man bricht es erneut. Hinterher steht ein Knochen hässlich hervor: Iñigo muss fürchten, nie mehr seine geliebten engen Stiefel tragen zu können. Unter grausamen Qualen lässt er den Auswuchs absägen, doch das Bein bleibt kürzer als das andere. Auch die Streckinstrumente, mit denen er versucht, die Extremität auf die alte Länge zu dehnen, helfen nichts.
Man schreibt das Jahr 1521. Iñigo ist 30. Seine Nase ist noch immer markant, sein Schnurrbärtchen elegant. Doch sein Leib ist nichts mehr wert. Auf dem Krankenbett fällt er eine Entscheidung: Jetzt setzt er auf seinen Geist. Bücher wie das „Leben Christi“ des Kartäusers Ludolf von Sachsen weisen ihm den Weg: Hier findet er den Heldenmut seiner geliebten Ritterromane wieder. Er hat eine Madonnenerscheinung, die ein für alle Mal seinen Geschmack an „Dingen des Fleisches“ abtötet, und eine Erleuchtung am katalonischen Fluss Cardener, die ihm „die Augen seines Verstandes“ öffnet. Fortan unterwirft er die Welt nicht mehr mit Waffen, sondern mit dem Hirn.
„Die Zentralidee, von der sein ganzes Leben beherrscht war“, wird der Kulturhistoriker Egon Friedell später analysieren, war die „Überzeugung, dass der Geist souverän sei und unsere Physis ein bloßes Instrument“. Kurz: „dass die Seele stärker sei als die Materie“. Loyola ersinnt ein spirituelles Trainingsprogramm, das er „Geistliche Übungen“ nennt: mit dem Ziel, „sich selbst zu überwinden und sein Leben zu ordnen“, wie es im Untertitel heißt. „Den Hass ausüben“ will er, „den er gegen sich gefasst“ hat. Und vielleicht ist es tatsächlich nicht zuletzt die Wut auf seinen Körper, die ihm den Willen zur Herrschaft über sich selbst eingibt. Und über die Welt.
Erst einmal aber meißelt er sein Selbst, unerbittlich. Mit 33 kehrt er auf die Schulbank zurück, um Latein zu pauken. Er sitzt neben Kindern, die halb so alt sind wie er. Zwar sind seine Geisteskräfte begrenzt – selbst seine Freunde reden nachsichtig über seine „geringe Bildung und Eloquenz“. Doch seine Pflicht ist es, das Letzte aus sich herauszuholen: Nicht auf Gottes Gnade dürfe sich der Mensch verlassen, sagt Iñigo, sondern er müsse alle „menschlichen Mittel“ ausschöpfen. An der Pariser Sorbonne, wo er schließlich Theologie studiert, findet er Gefährten, denen er seine „Geistlichen Übungen“ verschreibt und mit denen er schließlich in der Marienkirche auf dem Montmartre ein Gelübde ablegt: Sie wollen in Jerusalem für das Gottesreich kämpfen. Doch der Kreuzzug scheitert an der türkischen Flotte, die in der Adria Krieg führt.
Da beschließen die Pilger, sich dem Papst zu schenken – er soll mit ihnen machen, was er will. Am 15. April 1539 zelebriert die „Gesellschaft Jesu“ feierlich ihre Gründungsmesse. Der Pontifex, dem sie fortan als mobile Einsatztruppe dienen, nimmt die neue Bruderschaft im folgenden Jahr offiziell in den Kreis der Orden auf. Und schon bald werden deren Mitglieder von Freund und Feind „Jesuiten“ genannt. Iñigo López de Loyola, der sich jetzt Ignatius nennt, wird ihr erster General. Denn die Jesuiten sind Soldaten. Sie sind eine Elitetruppe, die siegen will – ohne zunächst genau zu wissen, über was. „Unter dem Banner des Kreuzes Gott dem Herrn Heeresdienst leisten“, so lautet ihr vager Marschbefehl.
Und wer siegen will, braucht straffe Disziplin. Das Weltbild des 16. Jahrhunderts mit seinem von oben nach unten gegliederten Universum wird zur Blaupause dieser päpstlichen Armee. Anders als die kollektiv geführten Mönchs- und Bettelorden sind die Jesuiten, wie sie stolz sagen, „monarchisch“ regiert: Alle Gewalt liegt in der Hand des Generals. Die „Satzungen“ der Jesuiten, schärfer als alle Regeln älterer Orden, sind von allerhöchster Stelle beglaubigt: Während der Niederschrift hat ihr Verfasser Ignatius sie regelmäßig, unter Gebet und Tränen, Gottvater persönlich oder Jesus Christus, dem Heiligen Geist oder der Jungfrau Maria zur Absegnung vorgelegt. Und bereitwillig erteilten die Angeflehten per Vision ihre Zustimmung.
Das eigentliche Manifest des Ordens aber sind die Geistlichen Übungen, die Loyola in der Einsamkeit einer Höhle während monatelangen Fastens, Betens und Büßens ersonnen hat. Sie werden zum Hohelied der Selbstoptimierung, des Ich-Managements und des Zugriffs auf die eigenen Ressourcen – ein Vorgriff auf die Coaching-Philosophie des 21. Jahrhunderts. Denn die Gnade Gottes ist eine Anstrengung – kein Geschenk wie für die Protestanten, die mit ihrem Vertrauen auf himmlische Großzügigkeit „die guten Werke ausschließen“ und „den freien Willen zerstören“, wie die Jesuiten ihnen vorwerfen.
Es ist ein moderner, fast tayloristischer Arbeits- und Zeitbegriff, der Loyolas Exerzitien beherrscht. In dem Jahrhundert, in dem die Taschenuhr ihren Siegeszug antritt und Kirchenglocken auch die Viertel zu schlagen beginnen, ersinnt er Soll-Zeiten für die Betrachtung der Sünden wie für die Gewärtigung der Strafen – ähnlich dem Arbeitswissenschaftler Frederick Winslow Taylor, der dreieinhalb Jahrhunderte später Taktvorgaben für die Arbeit in den Fabriken ersinnen wird.
Jeder Moment dient bei den Jesuiten der Planung des nächsten – und bei Bedarf gibt es Gleitzeit: In Zeiten der Anfechtung etwa soll „der sich Übende“, so Loyola, immer „ein wenig mehr als die volle Stunde ausharren, damit er sich daran gewöhne, dem Feind nicht nur zu widerstehen, sondern ihn auch niederzuschlagen“. In einer Epoche, in welcher der Buchdruck den Geist industrialisiert, macht Loyola den Glauben zur Methode. Er mechanisiert ihn mit Wiederholungen, Gedankenkontrolle, Atemtechnik und Lichtregie. Autosuggestion hilft dem Exerzierenden, „mit der Schau der Einbildung die Länge, Weite und Tiefe der Hölle“ zu sehen. Rückfälle ins alte Tun soll er per Punktsystem aufrechnen und mit seriellen Bewegungen im Leib verankern: Für jeden Punkt „schlage er sich mit der Hand auf die Brust, aus Schmerz, gefallen zu sein“.
Dieses Mentaltraining ist keine Willkür, sondern Ergebnis ausgiebiger Versuchsreihen. Wie ein Buchhalter hat Ignatius die Regungen des eigenen Leibes überwacht. Er hat seine Rührungen kategorisiert, hat protokolliert, wie oft und wie er weinte. Hat Tränenergüsse von Tränenströmen und die von Tränenströmen mit Schluchzen unterschieden. Auch seine Visionen und Heimsuchungen haben ihn nie überwältigt, sondern sind unter seiner Kontrolle geblieben; je nach Wunsch kann er sie nun herbeirufen oder abstellen. Denn nicht die Zerstörung des Körpers ist sein Ziel, sondern dessen Ausbeutung – die Nutzbarmachung für das Höhere.
Die brutalen Kasteiungen, die ruinösen Quälereien, denen er seinen Leib in der Einsiedelei aussetzte – die Geißelungen durch strenges Fasten und allerlei Bußübungen –, hat er nun durch effektivere Kontrolle ersetzt: Der Büßer solle darauf achten, empfiehlt er, „dass der Schmerz im Fleisch fühlbar sei und nicht innen in das Gebein eindringe“; und dass beim Fasten „das Subjekt nicht verdorben wird, noch merkliche Schwäche sich zeigt“. Denn schließlich ist das Ziel der Übung die Tat: fit for God.
Noch bevor der Papst der Gemeinschaft seinen Segen gibt, werben Ignatius und seine Mitstreiter neue Rekruten für den Kampf gegen den Unglauben. Und bald schon schickt der General sie auf Plätze und Märkte, in Häfen, Hospitäler und Gasthäuser. Nicht predigen sollen sie dort, sondern die Menschen in Gespräche verwickeln – über die Brotpreise etwa oder die Gefahr durch die Türken – und so ihr Vertrauen gewinnen. Erst dann sollen sie Krämer, Schiffer und Zecher zu einem christlichen Leben ermahnen und sie schließlich zur Beichte schicken. „Fischengehen“ nennen die Jesuiten das.
Denn Ignatius will keine Mönchsgemeinschaft, die in der Abgeschiedenheit eines Klosters den Heilsweg sucht. Seine Jünger sollen sich in der sündigen Welt bewähren. Und sich zugleich in Bescheidenheit üben. So schafft er – genau wie der verhasste Luther – eine Gegenbewegung zum korrupten Klerus, der sich den Laien überlegen und von Gott privilegiert wähnt. Vor allem wegen dieser Kampfansage an die geistliche Arroganz sind beide – Luther und Loyola – erfolgreich.
Martin Luther gilt ihnen als »brünstige Sau«
Die Jesuiten konzentrieren ihr Werben auf die Universitätsstädte. Dort finden sie Mitstreiter, die wie sie selbst sind: Angehörige der akademischen Elite, Bürgersöhne zumeist, denen ihre Väter den Wert der Bildung beigebracht haben und die fasziniert sind von Männern um Ignatius, Absolventen der prestigeträchtigen Pariser Sorbonne. Disziplin, Exerzitien, intellektuelles Flair – schnell verbreitet sich der Ruf des neuen Ordens. Mächtige Förderer unterstützen ihn, darunter Kardinal Gasparo Contarini, der den Papst davon überzeugt, die Statuten der Gesellschaft Jesu zu akzeptieren; und Francisco de Borja, Urenkel des spanischen Königs, der dem Orden sogar beitritt.
Der ritterliche Asket Loyola zieht aber auch Bewunderinnen an. Eine von ihnen, Ehefrau des Vizekönigs von Sizilien, bittet 1547 den Orden, in Messina eine Hochschule zu gründen, die zweite jesuitische Ausbildungsstätte nach einer Universität in Spanien. Was für eine Chance! Sofort entsendet Ignatius zehn seiner talentiertesten Mitbrüder, um Theologie, Grammatik und Rhetorik zu unterrichten. Binnen Kurzem bemühen sich viele Städte in Europa um solche Kollegs. Sie werden neben Ordensrekruten die nächste Generation gebildeter Kaufleute und Adeliger hervorbringen: geschult, indoktriniert und im Glauben gefestigt von Jesuiten. Es ist eine stolze Demut, die die Jesuiten auszeichnet. Und ihre Flexibilität macht sie überall einsatzfähig – auch auf Mission in fernen Ländern. Um jeden nach dessen Geschmack umwerben zu können, verzichtet Loyola unter anderem auf Kleidervorschriften: In Indien ziehen sich jesuitische Missionare, je nach Zielgruppe, wie Parias oder Brahmahnen an, legen rote Gewänder, Stirnzeichen und Ohrringe an, reichen den Unberührbaren die Hostie mit Hilfe von Stäbchen. In Ägypten predigen sie mit Turban, in China mit Mandarin-Robe, Spitzhut und Zopf. Für die Japaner ernähren sie sich vegetarisch, rasieren sich nach Art buddhistischer Mönche die Schädel. Den Indianern lassen sie ihre Verehrung der Mutter Erde – bestehen nur darauf, dass ihr Idol jetzt Maria heißt.
In China verschweigen sie zunächst sogar die Kreuzigung Jesu, die bei zarten Gemütern auf Befremden stoßen könnte; dafür tolerieren sie Ahnen- und Konfuziuskult. Das allerdings geht der päpstlichen Propagandakongregation irgendwann zu weit, und sie verurteilt die Mimikry der wendigen Hirten. Natürlich gehorchen die Jesuiten. Denn Gehorsam ist ihre Kardinaltugend. Dafür, so Ignatius, sei es unerlässlich, „dass ich glaube, das Weiße, das ich sehe, sei schwarz, wenn die hierarchische Kirche es so definiert“. In „blindem Gehorsam“ müsse sich der Jesuit führen und leiten lassen – „als sei er ein toter Körper, der sich wohin auch immer bringen und auf welche Weise auch immer behandeln lässt, oder wie der Stab eines alten Mannes, der dient, wo und wozu auch immer ihn dieser benutzen will“. Ein „toter Körper“ kann nicht mehr sterben – und so ist auch der Tod keine Abschreckung, sondern Gratifikation: Lockmittel für den eifrig zuströmenden Nachwuchs der Gesellschaft Jesu.
„Märtyrertafeln“ führen den Novizen in drastischen Bildern süße Massaker vor. Sie zeigen Missionare, „mit langsamem Feuer verzehret“ oder „von Brasilianern grausam erwürgt“; einen bleichen Jesuitenkopf, von Heiden auf einer Speerspitze aufgespießt, einen Verschwörer in päpstlichen Diensten, „in England wegen des christlichen Glaubens aufgehängt und gevierteilt“. Ein Inspektor stellt nach dem Besuch eines Jesuitenkollegs fest, dass schon die jüngsten Brüder auf den heiligen Kampf brennen: „So begierig sind sie, ihr Blut für Christus zu vergießen, dass dies das ständige Thema ihrer Konversationen ist.“
In ihrem römischen Hauptquartier, nahe der Kirche Santa Maria della Strada, sitzt der General wie eine Spinne im Netz seines spirituellen Weltreichs. Einsam lenkt Ignatius die Geschicke der Gesellschaft. Er sendet unzählige Briefe an seine Trabanten, schickt seine Missionare um die Erde – doch er selbst bleibt ortsfest, zieht sich am liebsten in seine Privatkapelle zurück. Liest Messen nur für sich allein, tränenüberströmt. Hinkt dann und wann durch die Straßen der Ewigen Stadt, keine 1,60 Meter groß, in seinem Talar, dem Umhang und dem breitkrempigen Hut. Am rechten Bein trägt er zwei Socken, um die vermaledeiten Gliedmaßen vor Erschütterungen zu schützen.
Seine Männer aber warten stets „mit einem angehobenen Fuß“, so wie es Ignatius bestimmt hat: „bereit, von einem Ort zum nächsten zu eilen“. Selbst Bischofswürden lehnen sie in der Regel ab, um jederzeit abrufbar zu sein. Denn der Feind steht überall. Und der größte Feind ist die Reformation. So fragen sich die Oberen des Ordens schon bald, ob es denn ein Zufall war, dass der Herr den Ignatius gerade in jenem Jahr 1521 bekehrt hat, in dem Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms den Glauben zerstörte. Sind die Protestanten nicht an Auflösung und Leid, ja sogar an Pestausbrüchen schuld?
Jedenfalls erkennen die Jesuiten immer deutlicher ihren Widersacher – und sich selbst als einzige Kraft, die es mit ihm aufnehmen kann. Doch die Lage bleibt prekär. Ganz Skandinavien steht schon bald unter protestantischer Herrschaft. In Polen, Ungarn und Siebenbürgen dringt die neue Lehre ebenfalls vor. Und auch in der Schweiz, in Frankreich, den Niederlanden fallen Gläubige von der katholischen Kirche ab.
Das wichtigste Schlachtfeld liegt in Deutschland: Dort stehen sich Katholiken und Protestanten etwa gleich stark gegenüber – und selbst Romtreue rechnen mit der Machtübernahme der Ketzer binnen weniger Jahrzehnte. Deshalb schickt der General seine besten Leute in den Norden. Petrus Canisius etwa, 1521 als Peter Kanis in Nimwegen geboren, einen eisernen Arbeiter im Weinberg des Herrn und so kompromisslos, dass man ihn „Hammer der Häretiker“ nennt. Porträts stellen Canisius als bitteren Kämpfer mit asketischem, hohlem Gesicht, eingefallenen Wangen und schweren Tränensäcken dar. Schon mit 17 Jahren hat er sein Schulheft mit lateinischen Durchhalteparolen bemalt („persevera“, hat er sich angespornt, „bleibe standhaft!“) und mit 20 seine Schwester ermahnt: „Lerne, dir in allen unvollkommenen Begierden und Gedanken abzusterben“. Alles Unvollkommene ist ihm verhasst: Canisius ist Perfektionist.
Lange hat ihn das Gefühl des eigenen Ungenügens geplagt – so sehr, dass er bisweilen einen Vorgesetzten anflehte, ihm „eine nicht zu leichte Buße für die vielen Fehler und Nachlässigkeiten“ aufzuerlegen, deren er sich schuldig fühlt. Schon während des Studiums in Köln hat er begonnen, „allmählich mir selbst zu missfallen“. Und so ist er 1543 nach Mainz gereist, um unter Anleitung des Jesuiten Peter Faber die Geistlichen Übungen zu nehmen. Am 8. Mai 1543 tritt Canisius dem Orden bei. Es ist sein Geburtstag – im doppelten Wortsinn: Petrus ist nunmehr zum zweiten Mal auf die Welt gekommen. Wochen härtester Geistesfron liegen hinter ihm, unerbittliche „Arbeit an sich selbst“. Doch „ausdauernde Geduld und geduldige Ausdauer“, schreibt er an einen Mitbruder, „eröffnen uns den Himmel“.
Canisius ist ein Mann, der keine Gefangenen macht. Von den Anhängern Luthers, dieser „brünstigen Sau“, erwartet er keine Kompromisse, sondern Unterwerfung. Als 1557 das Wormser Religionsgespräch scheitert, das eine Verständigung mit „diesen jammervollen Menschen“ versuchen sollte, frohlockt er: „Wir sagen Christus Dank.“ Er reist von Front zu Front, predigt in Niederdeutschland und in Wien, verhandelt in Köln und in München. Es ist, als versuche er, ein zerrissenes Land zusammenzunähen.
Am 24. September 1549 schickt Ignatius seinen treuen Krieger nach Ingolstadt, um die Eroberung der dortigen Universität in Angriff zu nehmen. Aus Sizilien, wo Canisius das Jesuitenkolleg in Messina mitgründet hat, reist der Agent Gottes umgehend nach Empfang des Befehls in den Norden. Unterwegs macht er an der Universität Bologna halt, um dort den Doktorgrad zu erwerben. Im November trifft
Die Hohe Schule, die Universität der Donaustadt, hat sich lange als Bollwerk gegen die Reformation bewährt: Hier hat der brillante Johannes Eck gelehrt, Luthers schärfster Widersacher in Prozessen und Disputationen. Wie eine Festung ragt die Universität zwischen den Häusern der Altstadt empor. Die Nordseite krönt ein Glockenturm. Doch 1543 ist Johannes Eck gestorben – und die Bedeutung der Universität seither zusehends geschwunden. Trotz emsiger Werbung kommen nur wenige Studenten in die Vorlesungen der jesuitischen Professoren. Vielleicht sind die Deutschen, so erklärt es sich Canisius, einfach ein schwer erziehbares Volk. Ihre „Unbeholfenheit im Denken und Urteilen“, ihre „mangelnde Bildung“ ließen alle Mühen versickern.
Vor allem seien sie „in geistlichen Dingen kühl und zurückhaltend; nur wenige scheinen eine natürliche Veranlagung zum betrachtenden Gebet zu haben“ – was man schon daran erkenne, dass sie die Gottesdienste der Jesuiten mieden. „Auch wenn wir Geld gäben“, klagt Canisius nach Rom, „wir würden nicht einmal zwei Menschen in unsere Kapelle bekommen.“ Und so bittet er seine Vorgesetzten, „uns zu schreiben und zu sagen, wie wir Steine in Menschen verwandeln können oder mit anderen Worten Deutsche in Leute, die für das Leben in unserer Gesellschaft geeignet sind“.
Eine einzige Hoffnung hat Canisius noch: die Gründung einer eigenen Lehranstalt. Herzog Wilhelm hat den Jesuiten das Institut auch schon versprochen – doch 1550 stirbt der Fürst und mit ihm vorerst auch das Projekt. Denn sein Nachfolger Albrecht V. zögert, aus den leeren Kassen Bayerns in eine Eliteschule zu investieren. Ignatius lässt sich nicht länger hinhalten: Er zieht seine Streiter aus Ingolstadt ab und schickt sie nach Wien, wo König Ferdinand 1551 das erste deutsche Jesuitenkolleg eröffnet hat. Dort übernimmt Canisius die Leitung. Später gründet er gleich noch ein Institut – in Prag, Ferdinands zweiter Hauptstadt.
Da wird Albrecht V., der „Schrecken der Ketzer“, wie man ihn nennt, eifersüchtig. Er schickt Gesandte nach Wien und Rom, um die Rückkehr der Jesuiten nach Ingolstadt zu erwirken – und ihnen dafür ihren Wunsch zu erfüllen. Tatsächlich nimmt 1556 das neue Jesuitenkolleg in Ingolstadt den Lehrbetrieb auf, nur wenige Meter von der Hohen Schule entfernt. Bald gründet die Gesellschaft noch ein Gymnasium und ein geistliches Konvikt. Binnen Kurzem ist Ingolstadt Loyolas machtvollste Festung im süddeutschen Raum.
Nun sprießen überall, getrieben von Canisius’ rastlosem Eifer, jesuitische Kaderschmieden aus deutschem Boden – in Dillingen, Würzburg und Speyer, in Regensburg und Altötting, in Köln und Innsbruck. Die Jesuiten haben ihre Waffe gefunden – und ihre Bestimmung: Nie zuvor gab es einen Orden, der sich so innig um Bildung bemüht hat. Ganze Provinzen stehen bald unter jesuitischem Lehrmonopol. Der Geist, der die Materie zwingt, kennt viele Disziplinen. Jesuiten brillieren nicht nur in der Theologie, sondern auch in weltlichen Wissenschaften wie Mathematik, Astronomie und Geographie. Die Soldaten Jesu, bestimmt Ignatius, sollen nicht nur den rechten Glauben, sondern auch Wissbegier bei Schülern und Studenten wecken. Auch deshalb ist die Bruderschaft erfolgreich.
Die Jesuiten erobern als Entdecker und Erfinder die Welt
Jesuiten entdecken die Quellen des Blauen Nil, beschreiben das Amazonasgebiet, erforschen die Landroute von Russland nach China. Sie bringen Kamelien und Ginseng nach Europa und das Chinin, das man hier „Jesuitenpulver“ nennt. Der Bamberger Pater Christoph Clavius wirkt federführend bei der Entwicklung des gregorianischen Kalenders mit, der thüringische Bruder Anasthasius Kirchner konstruiert eine der frühesten Rechenmaschinen und untersucht als Erster das menschliche Blut mit einem Mikroskop. Sein Ingolstädter Kollege Christoph Scheiner erspäht vom Turm der Jesuitenkirche zum Heiligen Kreuz aus die Sonnenflecken. Und die Zeit wird kommen, da 35 Mondkrater nach jesuitischen Wissenschaftlern benannt sein werden.
Die kostenlose Ausbildung, ermöglicht durch den Lohnverzicht der Patres und Fratres sowie die Subventionen der Fürsten, lockt sogar Protestanten in die Kollegien. Mitten in die Städte schlägt der Orden seine Brückenköpfe – denn nicht mönchische Kontemplation, sondern tätige Eroberung ist seine Aufgabe. Schon bald werden die Brüder auch Kirchen, Kapellen und Ordensgebäude errichten und so zum größten Bauherrn Deutschlands werden. Um 1750 betreiben sie 800 Gymnasien, Seminare und Universitäten auf der ganzen Welt.
In Augsburg, wo es Canisius gelungen ist, mehrere Damen der Bankierssippe Fugger zum alten Glauben zurückzuführen und sich so langfristig die Unterstützung der Mäzene zu sichern, vermacht der Familienspross Christoph dem Orden das Geld für ein Kolleg mit Gymnasium und Internat. Und in München spendiert Herzog Wilhelm V. dem Orden eine wahrhaftige Stadt in der Stadt: Noch im 21. Jahrhundert wird das Jesuitenkolleg, gleich nach der Residenz, den größten Gebäudekomplex der gesamten Altstadt bilden.
Wer vom westlichen Stadttor auf die Frauenkirche zugeht, durch die Zick-zacklinien der schmalen Giebel, steht überwältigt vor dem Monolithen des Kollegs, der ihn nach wenigen Schritten empfängt. Vierstöckige Fensterreihen laufen die Mauern entlang, gekrönt von hohen roten Dächern. Der Eckpfeiler dieser Burg ist die Kirche, die dem Luzifer-Bezwinger St. Michael geweiht ist. Und so herrlich ist dieser Pfeiler, dass man das Bauwerk schon wenige Jahre nach seiner Errichtung als achtes Weltwunder feiert.
Die Fassade des Gotteshauses ist ein Reigen der Macht, eine Feier der Hierarchie. Ein bronzener Erzengel, etwa drei Meter hoch, rammt dem Satan die Lanze in den Hals: Die Kämpfenden vergegenwärtigen dem Betrachter dessen eigenen unablässigen Widerstreit zwischen Gut und Böse – und zwingen ihn so zur Demut. In zwei Reihen stehen die Fürsten, Hüter des Glaubens mit Schwertern. Und an der Spitze der Fassade, unter dem golden gleißenden Kreuz, regiert der Heiland mit segnend gestreckter Hand.
Hinter den Torbögen öffnet sich ein Innenraum, dessen Weite alles übertrifft, was Deutsche gewohnt sind. Ein mächtiges Tonnengewölbe überspannt einen Kanal aus Sonnenschein – eine lichte Fläche von über 1500 Quadratmetern, größer als die des Kölner Doms. Dieser Raum ist nicht mehr zerklüftet oder mit Säulen bewaldet wie die gotischen Kirchen; er verliert sich auch nicht in deren filigrane, unerreichbare Höhen. Sein Gewölbe, geometrisch gegliedert mit gipsernen Ornamenten, Bändern und Rosetten, lässt keine Abschweifung mehr zu. Dieser Kirchenraum ist ein Förderband der Frömmigkeit, eine Fertigungslinie des neuen Menschen, eine Waschstraße für den Geist. Eine Gussform, welche die Seele des Gläubigen modelliert.
Und die Priester von St. Michael nehmen ihnen regelmäßig die Beichte ab. Denn der Weg zum Licht führt ja ausschließlich über die Durchleuchtung der eigenen Seele. War die Beichte im Mittelalter nur ein Mittel gewesen zum Loskauf von Sünden und – vor allem in der Osterzeit – zum Empfang der Sakramente, mahnen die Jesuiten jetzt zu unablässiger Selbstkontrolle: Nicht mehr nur Todsünden soll der Gläubige bekennen, sondern dem Priester seinen gesamten Seelenzustand offenbaren.
In der Lehre sind sie konservativ – in ihren Mitteln hochmodern
Durchsichtig soll der Beichtende sein: wie die Jesuiten selbst, die im Ordensalltag schon längst an gegenseitige Überwachung gewöhnt sind. Von nun an wird der Beichtstuhl in den Kirchen zum allgegenwärtigen Instrument – so wichtig wie der Altar.
Der Hochaltar von St. Michael in München ist ein dreistöckiges Monument dieser wahren Lehre, 18 Meter hoch und sieben Meter breit. Er ist ein Gesamtkunstwerk aus getürmten Triumphbögen, das die Barockaltäre der folgenden Jahrhunderte vorwegnimmt: im Zentrum wieder der Erzengel Michael, jetzt in Öl, den Feind in den Abgrund stoßend, befehligt von Gott. Und an der Spitze, fast schon unter der Kuppel, das griechische Christus-Monogramm, das Ignatius zum Signet der Jesuiten erwählt hat.
Anders als die manchmal kahlen, weiß gekalkten Renaissancekirchen Italiens ist St. Michael voller Bilder. Denn wenn für das Mittelalter der oberste Sinn das Gehör war, kümmern sich die Jesuiten jetzt vor allem um die Optik. Die Macht des Bildes, von den Protestanten beargwöhnt, wenden sie triumphierend gegen den Feind wie das Weihwasser gegen den Gottseibeiuns – nicht zur Feier der Sinne, sondern zu deren Kontrolle.
Denn die jesuitische Bildwelt will den Blick nicht reizen, sondern zähmen. Ihre Pracht ist kein Götzendienst, sondern Propaganda. Auch Ignatius gibt ja in seinen „Übungen“ Anweisungen an die Fantasie. Der Exerzierende soll sich die Heilige Jungfrau im neunten Monat vor das geistige Auge führen, Christus auf den Wogen des Meeres oder Luzifer auf seinem „großmächtigen Thron aus Feuer und Rauch“. Nun füttern die Jesuiten auch die leibhaftigen Blicke der Gläubigen.
Sie reanimieren vielfach vergessene Traditionen wie Prozessionen, Wallfahrten und Reliquiendienste. Sie möblieren Kirchen mit Krippen und Nachbildungen des Heiligen Grabes, reich geschmückt mit Wasserkugeln und Spiegelgläsern. Die Protestanten missachten die geweihte Hostie? Also präsentieren die Jesuiten das heilige Brot mit verdoppeltem Eifer dem Volk, bisweilen in 40-stündigen Ritual-Spektakeln, erleuchtet von 2300 Lampen und 500 Kerzen. Sie inszenieren nächtliche Bußumzüge mit Darstellern, die als Geißler, Kreuzschlepper und Gekreuzigte agieren. In vorderster Front marschieren dabei die „Fronleichnamsbrüder“ mit einem Porträt des Blut schwitzenden Heilands, beglänzt von Feuerpfannen, umjauchzt von einem Knabenchor. Dann folgt die Statue Christi an der Geißelsäule, begleitet von Trauermusik.
Gemälde vom dornengekrönten Erlöser schwanken durch die Straßen, von der Jungfrau mit dem toten Heiland, schließlich vom heiligen Grab. Ein Jesusdarsteller schleppt das Kreuz, Jünglinge in Engelskostümen spreizen die Flügel. Und immer wieder lassen die Geißler die Peitschen fliegen. Peinigen sich bisweilen „so unmenschlich“, wie ein Augenzeuge berichtet, dass „ehe noch die Hälfte des Weges zurückgelegt war, ihre blutenden Rücken zugedeckt werden mussten“.
Die prächtigste Kanzel jesuitischer Augenpredigt aber ist die Bühne. Das Theater, das die Jesuiten in ihren Schulen und auf öffentlichen Plätzen zelebrieren, nimmt die Blicke der Gläubigen mit allen Mitteln der Technik gefangen: mit künstlichen Stürmen und Gewittern, mit Flugmaschinen und Wolken voller Engel, mit Löwenmenschen und Elefanten – allesamt Effekt-Orgien, die das Auge überrumpeln sollen.
Die Moral der Stücke ist einfach, aber deutlich. Sünder werden durch Bußübungen geläutert, auf Fürsprache Marias gerettet – oder müssen am Himmelstor feststellen, dass, anders als nach der protestantischen Lehre, gute Werke doch zum Einlass verhelfen. In einem der Passionspiele schmoren Luther, Calvin und deren Anhänger gar in einer lebensnah vorgeführten Hölle. Gut 7650 Dramen verfassen jesuitische Dichter zwischen 1555 und 1779 allein im deutschsprachigen Raum. Und so eng sind in der Volksseele Jesuitenmission und Bühnenkunst verknüpft, dass die Kinder auf der Straße schon den Patres entgegenrufen: „Hier kommen die Komödiantenpfaffen.“
Diese Spektakel sind Massenaufmärsche zur Feier des rechten Glaubens. Gleich vier Tage nach der Einweihung von St. Michael stellen 900 Jesuitenschüler auf den Plätzen und Straßen vor dem Gotteshaus acht Stunden lang den Triumph des Erzengels und der „Streitbaren Kirchen“ über Teufel und Ketzer, äußere und innere Feinde nach. Fünf Orchester musizieren, römische Kaiser rollen auf sechsspännigen Wagen durch die Straßen, flankiert von Offizieren und Wachen mit Standarten und Legionsadlern. Ein Drache speit Feuer, Rauch und Funken gegen die apokalyptische Frau, die an einem verborgenen Lastenzug durch die Luft schwebt.
Engel stürzen vom Himmel, künstliche Blitze flammen auf, Feuerströme regnen, und Donnerschläge krachen. Im Schlussakt öffnet sich die Hölle, um Luzifer mit seinem 300-köpfigen Gefolge zu verschlingen – und schließlich sticht Michael, gepanzert im glänzenden Harnisch, seine Lanze in die künst lichen Wolken: Ein Chor jubilierender Heiliger quillt heraus. Immer aufwendiger werden die Inszenierungen: Für die Aufführung von „Constantinus magnus“ treten rund 1000 Darsteller an, darunter 400 Reiter in römischer Rüstung, außerdem Könige, Fürsten, Herolde und Schildknappen in Kostümen voller „Goldund Silberstücken, Samt und Seide“ aus den herzoglichen Kleiderkammern in Landshut.
Bei dem Drama „Hester“ stehen 1577 fast 2000 Akteure auf der Bühne – ein Zehntel der Münchner Bevölkerung. Sie prozessieren vom Jesuitenkolleg aus durch die Innenstadt, geschmückt mit Tapisserien, Gewändern, Geräten und Geschirr aus der Residenz. Das fromme Spektakel dauert drei Tage – eine Schwerstarbeit zum Ruhm des Herrn. Und so verschmilzt das Theater mit seiner Umgebung, mit der Stadt und dem Land, ist von ihr kaum noch zu unterscheiden.
Denn der Gottesstaat, für Kirchenlehrer wie Augustinus noch rein theologisches Idealbild, ist für die Jesuiten jetzt handfeste Agenda. Zwar warnt Ignatius vor allzu direkter Einflussnahme auf die Fürsten – doch zugleich fordert er seine Emissäre auf, bevorzugt zu den Mächtigen, „die mehr Bedeutung für das gemeinsame Wohl besitzen“ als das geistliche Fußvolk, „Bande des Wohlwollens“ zu knüpfen. Viele europäische Fürsten brennen darauf, Jesuiten an ihre Höfe zu holen. Denn mit der ungewöhnlichen Kombination aus akademischer Bildung und adeliger Abstammung mancher Brüder sowie deren offenkundigem Desinteresse an persönlicher Karriere und Komfort scheinen die Gottesstreiter ideale Seelsorger und Berater zu sein.
Bald versprühen die Jesuiten ihr Wohlwollen an vielen Residenzen, sanft begleitend oder fordernd, mild oder streng nach Bedarf. Bis ins 18. Jahrhundert hinein dienen sie sich Monarchen als Erzieher an, nehmen ihnen die Beichte ab, raten ihnen zur Heirat oder zum Krieg. Gewinnen mächtige Könige wie Johann III. von Portugal oder Ferdinand von Habsburg für ihre Sache. Nirgendwo aber finden die Jesuiten so viel Entgegenkommen wie beim bayerischen Herrscherhaus Wittelsbach. Herzog Albrecht V. nimmt seinen gesamten Hofstaat zu ihren Predigten mit, legt ihnen die in der Residenz gelesenen Bücher zur Prüfung vor, konferiert mit ihnen freimütig über Angelegenheiten des Staates.
Auch sein Nachfolger Wilhelm V. hätschelt den Orden, gönnt ihm Zuwendungen, die seinen Haushalt fast sprengen. Die Prinzen machen keinen Schritt ohne jesuitische Begleitung. Der Einfachheit halber, auf besonderen Wunsch seiner Gattin, lässt der Herzog schließlich sogar einen unterirdischen Geheimgang bauen, der die Münchner Residenz direkt mit dem Jesuitenkolleg verbindet. So fürsorglich, mit Exerzitien und Predigt, umhegen die Jesuiten die Macht – und treiben sie dabei umso unerbittlicher zum Kampf gegen die Ketzer.
Im August 1554, aus der Hitze des römischen Sommers, schickt Ignatius einen Brandbrief gen Norden, um seinem treuen Canisius neue Verhaltensregeln für die Mächtigen mitzugeben: Das Reich solle der „Seelenpest“ endlich den offenen Krieg erklären Die Fürsten sollen verdächtige Professoren aus den Universitäten verbannen, protestantische Bücher verbrennen und ihre Händler bestrafen, Irrgläubige aus Beraterstäben und Regierungen entfernen, gegebenenfalls auch durch Hinrichtungen, Enteignungen oder Ausweisungen Exempel statuieren. Schon in den 1540er Jahren hat Petrus Canisius bei Kaiser Karl V. die Absetzung des Kölner Erzbischofs Hermann von Wied betrieben, der sich der Reformation angeschlossen hatte. Und als in den 1580er Jahren die katholischen Fürsten wieder umkämpftes Gelände zurückerobern, als sie die Protestanten aus den Gebieten von Köln und Augsburg vertreiben, aus Trier, Mainz, Paderborn oder Hildesheim – da haben sie all diese Erfolge nicht zuletzt dem Orden zu verdanken.
„Es gibt zur Zeit nicht ein einziges Instrumentarium, welches Gott zur Bekämpfung der Ketzer geschaffen, das größer wäre als Euer heiliger Orden“, lobt denn auch Papst Gregor XIII. im Jahr 1581 die mobile Einsatztruppe. Und so ist es kein Wunder, dass sich zur politischen Macht bald auch die Macht der Zahlen gesellt. Gab es 1544 erst 40 Jesuiten und 1556 an die 1000, wächst der Orden bis 1570 auf rund 3000, bis 1590 auf 6000 und 1640 auf mehr als 15 000 Mitglieder.
So unheimlich wird der Welt dieser Siegeszug werden, dass er nicht nur den Hass der Protestanten auf sich ziehen wird, sondern auch den der Aufklärer. Sie werden Loyolas Armee als habgierig, hinterlistig und intrigant diffamieren, als Verein von Kinderschändern und Erbschleichern, von Verschwörern, Giftmischern und Opportunisten. Selbst katholische Herrscher beginnen im 18. Jahrhundert den Kampf gegen die Soldaten des Papstes. Denn sie wollen die Macht Roms brechen, die Kirche unter ihre Kontrolle bringen. Sie sind es, die schließlich den schwachen Papst Clemens XIV. drängen, die Gesellschaft Jesu 1773 aufzulösen und deren General Laurentius Ricci in der Engelsburg einzukerkern.
Das angebliche Ziel dieser Notbremse, so das Breve des Pontifex: „den wahren und dauernden Frieden der Kirche wiederherzustellen“. Aber so unverwüstlich ist die jesuitische Guerillatruppe, dass sie 41 Jahre später, 1814, von Neuem anerkannt wird. Zwar haben ihre ursprünglichen Aufgaben, die katholische Indoktrination in Schulen etwa, inzwischen andere Orden übernommen. Die Jesuiten sind jetzt eine Bruderschaft neben vielen anderen.
Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden sie wieder in 125 Staaten der globalisierten Welt vertreten sein. Gut die Hälfte der Ordensmänner lebt in den Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und in der Karibik, wo die Jesuiten missionieren und Entwicklungshilfe leisten. Am Morgen des 31. Juli 1556 verliert Ignatius von Loyola endgültig den Kampf gegen seinen rebellischen Körper. Er ist 65 Jahre alt; der Tod kommt gegen Morgen.
Der Beichtvater, der die Letzte Ölung erteilen soll, ist nicht aufzufinden; der Sekretär, der für den Sterbenden Segen und Ablass vom Papst eingeholt hat, kommt zu spät. Der Chirurg, der die Autopsie vornimmt, findet zahlreiche Steine in den Nieren, der Lunge, der Leber und der Pfortader. Loyolas Körper ist ein Wrack. Sein geschundener Leichnam aber wird selbst zum Heilmittel: Seine Reliquien werden, so sagt man, Geburten erleichtern, das Wasser, das sie berührt haben, Raupenplagen beenden. Und bald wird schon der Ausruf seines Namens genügen, um Fieberkranke heilen. Und so wird der Geist noch einmal zum Sieger über die Materie.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Albig, Jörg-Uwe: Jesuitenorden. Die Krieger des Herrn, in: Martin Luther und die Reformation. Europa im Zeitalter der Glaubensspaltung (GEO Epoche Jg. 2009, Heft Nr. 39), Hamburg 2009.
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