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Die Herrscher der Habsburger

Inhaltsverzeichnis

1. Weltmacht Habsburg. Karl V.: Imperator Mundi

1. Weltmacht Habsburg. Karl V.: Imperator Mundi

Er ist der mächtigste Monarch seiner Zeit: Karl V. gebietet über große Teile Europas und ein riesiges Kolonialreich in Amerika. Doch trotz der gewaltigen Ressourcen dieses weltumspannenden Imperiums kann der Kaiser sein wichtigstes Ziel nicht erreichen: die von Deutschland ausgehende Reformation zu unterdrücken und so die Einheit des abendländischen Christentums zu bewahren

Karl V. wird 1530 vom Papst zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt, er ist zudem König von Spanien, Neapel, Sizilien und Sardinien sowie Herzog von Burgund. Kein Habsburger hat je über mehr Völker geherrscht (Porträt des Hofmalers Tizian, 1548)
(Bild: picture-alliance / akg-images)

 

Endlich kommt der Kaiser. Auf einen Stock gestützt, betritt er den Saal des Schlosses. Karl V. ist schwarz gekleidet, denn er trauert um seine Mutter, die kurz zuvor gestorben ist. An diesem Tag wirkt er noch ernster als sonst. Mit 55 Jahren sieht er aus wie ein alter Mann, vor der Zeit zum Greis geworden. Er muss sich stützen auf die Schulter eines Jünglings, Wilhelm von Oranien, der ihn den kurzen Weg zum Thronsessel geleitet, wo Karl unter einem gewaltigen Baldachin Platz nimmt, von Schmerzen geplagt, müde und erschöpft. Der mächtigste Mann des Erdenrunds. Der Herrscher über ein Reich, in dem, wie es heißt, die Sonne nicht untergeht. Stille. Neben ihm sitzen seine Schwester Maria und sein Sohn Philipp. Auch die Ritter seines Ordens sind da. Vor ihm stehen Abgesandte der 17 nie derländi schen Provinzen sowie Herzöge und Grafen, kirchliche Würdenträger und die Magistrate der Städte mit ihren Halskrausen aus gestärktem Leinen.

Dann geschieht das Unerhörte. Ein Staatsrat verkündet den Rücktritt Karls: Er übergibt die Macht seinem Sohn. Zunächst gilt das zwar allein für die burgundischen Niederlande. Doch alle wissen, dass dies nur der Anfang ist. So etwas hat es noch nicht gegeben in der mehr als 500-jährigen Geschichte des Heiligen Römischen Reiches. Bisher hat nur der Tod den Kaiser vom Thron geschieden. Nun dankt zum ersten Mal ein Herrscher freiwillig ab. Karl spricht jetzt selbst. Stockend. Einen Zettel hält er in der zitternden Hand, auf der Nase eine seiner Brillen, ohne die er seine Notizen nicht entziffern könnte. Tränen rinnen ihm über die fahlen, bärtigen Wangen. Er kann sie nicht zurückhalten. Ein anrührender Moment.

Da gebietet kein Imperator mehr, da referiert kein Regent gestanzte Formeln in höfischem Zeremoniell. Da spricht ein Mensch, der Rechenschaft ablegen will: „Ich muss bekennen, dass ich mich zu mannigfachen Irrtümern habe verleiten lassen – sei es durch jugendliche Unerfahrenheit oder durch den Stolz des reiferen Alters oder durch eine andere Schwäche der menschlichen Natur.“ Ein Eingeständnis des eigenen Versagens. Die Lebensbeichte eines großen, aber gescheiterten Kaisers. Es ist der 25. Oktober 1555.

GENAU 40 JAHRE zuvor war Karl schon einmal in diesem Saal. Er spielt in seiner Abdankungsrede darauf an. Ein blasser Jüngling ist er da von nicht ganz 15 Jahren, und das Leben liegt vor ihm. An jenem 5. Januar 1515 erklären ihn die Stände des Herzogtums Burgund vorzeitig für mündig. Als Herzog übernimmt Karl die Herrschaft der Burgunder in den Niederlanden. Der junge Karl ist alles andere als eine stattliche Erscheinung. Und das ist nicht nebensächlich in einer Zeit, da es auf das Äußere eines Fürsten sehr ankommt. Heinrich VIII. von England und vor allem Franz I., der nur fünf Jahre ältere König von Frankreich, der später Karls großer Kontrahent sein wird, gelten als attraktive Männer. Nicht so Karl. Auffallend blass und mager sieht er aus. Seine Augen stechen hervor, der Unterkiefer ist unverhältnismäßig groß. Wenn er sich nicht im Griff hat, steht er mit offenem Mund und hängendem Kinn da. Auf seine Umgebung wirkt der in sich gekehrte Junge ungelenk und hölzern, auf manche sogar geistig etwas schwerfällig. Er spricht nicht viel und wenn, dann eher zögernd und langsam. Oft ist er krank und unpässlich.

Seinem lebenslustigen Großvater Maximilian I. ist bei diesem Erben nicht wohl zumute. Wenn er nicht wüsste, wie sehr seinem Enkel Jagd und Turniere und das Lanzen stechen gefielen, „könnte man ihn für einen Bastard halten“, soll der Kaiser des Reiches geurteilt haben. Dabei macht Maximilians geschickte Hochzeitsdiplomatie Karl schon in jungen Jahren zum Erben eines Weltreichs. Denn der Habsburger hat 1477 Maria geheiratet, die einzige Tochter Karls des Kühnen, des Herzogs von Burgund. Nach Marias Tod sollen die Kinder aus dieser Verbindung das Reich der Burgunder übernehmen.

Maximilian selbst wird die Erblande der Habsburger hinterlassen: das Erzherzogtum Österreich, die Steiermark, Kärnten, Krain und Tirol sowie Besitzungen im Norden der Schweiz und rund um den Breisgau. Nicht erblich sind hingegen die römisch-deutsche Königs- und Kaiserwürde. Sieben Kurfürsten vergeben den Titel. Doch wird Maximilian durch Bestechung versuchen, auch dieses Amt in der Familie zu halten.

Karl der Kühne und seine Vorgänger haben Burgund als eigensinnige Macht zwischen Frankreich und dem Reich etabliert. Zu den Stammlanden westlich des Rheins um Dijon und zu den Erblanden Flandern und der Franche Comté um Besançon erwarben sie nach und nach Brabant mit den Städten Brüssel und Antwerpen sowie die Grafschaften Holland, Seeland, Hennegau und Luxemburg. Der herzogliche Hof in Brüssel galt als der reichste und prächtigste in ganz Europa. Die Ritterkultur mit ihren Festen und Turnieren war ohne Vorbild. Das schafft Feinde. Vor allem den Franzosen war das Herzogtum ein Dorn im Auge, zumal die Burgunder-Herrscher dem König von Frankreich eigentlich lehenspflichtig (und damit untertan) waren. Immer wieder gab es Krieg. 1493 schlossen beide Seiten vorübergehend Frieden. Die Bourgogne, das Stammland der Burgunder, fiel dabei allerdings an Frankreich. Maximilian musste sich mit dem Rest begnügen.

Ihm blieben vor allem die reichen Niederlande. Der Kaiser suchte später seinem Enkel Karl einzuschärfen, dass die Franzosen die „alten und natürlichen Feinde“ des Hauses Habsburg sind – ein Gedanke, den Karl verinnerlichen wird. Die Rivalität mit Frankreich hat Maximilian geleitet, als er 1495 zustimmte, seine beiden Kinder aus der Ehe mit Maria von Burgund in einer strategisch günstigen Doppelhochzeit zu verheiraten: Die Habsburger verbanden sich mit dem spanischen Herrscherhaus. Philipp der Schöne, der einzige Sohn Maximilians (und mittlerweile Herzog von Burgund), heiratete Johanna, die Tochter Ferdinands von Aragón und Isabellas von Kastilien. Und deren Bruder Johann nahm die Habsburger-Prinzessin Margarete zur Frau.

DER KAISER WILL DAS CHRISTLICHE ABENDLAND UNTER SEINER FÜHRUNG VEREINEN

Damit sah sich Frankreich auf einmal im Osten und Süden von einem neuen dynastischen Bündnis bedrängt. Schon bald darauf machten der Zufall und der Tod die Habsburger zu Erben Spaniens mitsamt seinen Besitzungen in Italien und Amerika. Denn schon wenige Monate nach der Hochzeit mit Margarete starb Spaniens Kronprinz Johann, im folgenden Jahr seine ältere Schwester mit ihrem neugeborenen Sohn, und 1504 verschied Königin Isabella von Kastilien. Johanna, die Gattin Philipps des Schönen, würde nun das spanische Königreich erben. Doch da Johanna als geistig verwirrt galt, übernahm Ferdinand von Aragón die Regentschaft für seine Tochter: mit der Maßgabe, dass nach seinem Tod sein Enkel Karl – Johannas am 24. Februar 1500 in Gent geborener Sohn – das Erbe von ganz Spanien antreten sollte.

Es ist ein weitverstreuter Besitz, der nach und nach an Karl gehen wird. Denn 1506 stirbt auch sein Vater, Philipp der Schöne, und hinterlässt ihm die burgundischen Niederlande, die bis zu Karls Volljährigkeit von seiner Tante regiert werden. Nach dem Tod seines Großvaters Maximilian wird er zudem die habsburgischen Erblande bekommen, und nach dem Ableben des anderen Großvaters Ferdinand große Teile Süditaliens sowie ganz Spanien. Doch dort gilt der junge Thronfolger als Fremder. Denn Karl wächst fern von Spanien auf: bei seiner Tante Margarete in der Nähe Brüssels. Von früher Kindheit an erlebt er die burgundische Ritterwelt. Schon als Neunjähriger wird er Oberhaupt des von seinem Ururgroßvater begründeten Ritterordens vom Goldenen Vlies. Karl trägt fortan stets das Ordenszeichen, ein daumengroßes goldenes Widderfell. Auf fast allen Porträts ist es zu erkennen, oft als einziger Ausweis seines Ranges.

Der Männerbund nach dem Vorbild der legendären Tafelrunde König Artus’ muss den künftigen Thronerben tief beeindruckt haben. 31 burgundische Edelleute gehören dem Kreis an. Ein Ritter vom Goldenen Vlies ist ein Kämpfer für das Heil der Christenheit und hat „Großes“ zu vollbringen. Das Streben nach Ehre und Ruhm gilt als höchstes Ziel. Es wird Karls Handeln fortan bestimmen. Sein Leibarzt Luigi Marliano, ein Humanist aus Mailand, wird den Jüngling während einer Sitzung der Brüderschaft in einer Rede auf das außerordentliche Erbe hinweisen, das ihn erwartet: ein Weltreich. Und so wie es einen Gott gebe und eine Sonne, so müsse es einen Regenten für die ganze Erde geben.

Karl habe die einzigartige Gelegenheit, das christliche Abendland unter seiner Führung zu vereinigen – wie es seinen kaiserlichen Vorgängern im Mittelalter einst vorschwebte: als Gebieter über das Reich und als Anführer der Fürsten Europas, als Weltenherrscher. Der Arzt und Ordensritter prägt auch das Lebensmotto Karls: „plus ultra“ – noch weiter. Sinnbild dafür sind die zwei Säulen des Herkules, die sein persönliches Wappen zeigt. Sie symbolisieren die Überwindung der Meerenge von Gibraltar und die Ausdehnung des abendländischen Herrschaftsbereichs: nach Westen über den Ozean, aber auch nach Süden und Osten, nach Afrika und Asien – in die muslimische Welt.

Die Osmanen zurückzudrängen, die 1453 Konstantinopel erobert haben und inzwischen fast den gesamten Balkan beherrschen, sieht Karl fortan als sein Le-bensziel; unbedingt will er einen Kreuzzug gegen die „Ungläubigen“ führen. Im Januar 1516 stirbt Ferdinand von Aragón, und der knapp 16-jährige Karl tritt nun auch in Spanien sein Erbe an. Der junge Herrscher wirkt bei der Ankunft in seinem neuen Reich, das er nie zuvor betreten hat und dessen Sprache er kaum beherrscht, steif und unsicher.

Begleitet wird er zudem von arroganten Edelleuten, die offenkundig nur im Sinn haben, die neuen Pfründe auszubeuten: Als „rohe Anhänger der Venus und des Bacchus“ tadeln spanische Intellektuelle die burgundisch-niederländische Horde. Ausgerechnet der Frau des neuen Oberschatzmeisters Kastiliens, eines aus den Niederlanden mitgebrachten Beraters, erlaubt der junge König, 300 Pferde und 80 Maultiere in die Heimat auszuführen – beladen mit edlen Stoffen, mit Gold und Juwelen.

Zum Erzbischof von Toledo, dem wichtigsten Bischofssitz Spaniens, beruft Karl einen 16-Jährigen aus den Niederlanden, den Neffen seines Ratgebers. So schafft er sich keine neuen Freunde: 1520 erheben sich die Städte vorübergehend gegen den König aus der Fremde, der sich kaum für sie zu interessieren scheint und nur Geld verlangt. Doch da verlässt Karl sein Reich schon wieder.

DENN IM JANUAR 1519 ist sein Großvater Maximilian mit 59 Jahren gestorben. Zum dritten Mal – nach Burgund und Spanien – soll Karl nun erben. Die Herrschaft in den habsburgischen Erblanden geht unbestritten an ihn über. Nicht so eindeutig indes ist die Übergabe der Kaiserwürde. Zwar hat Maxi - milian noch in seinem letzten Lebensjahr versucht, mit Versprechungen und viel Geld seinem Enkel die Nachfolge zu sichern. Doch die Entscheidung hängt allein von den sieben Kurfürsten ab. Sie bestimmen den nächsten römisch-deutschen König, der sich dann vom Papst zum Kaiser krönen lassen kann. Und neben Karl bewirbt sich auch Franz I. von Frankreich um den würdevollsten weltlichen Titel der Christenheit (Englands Heinrich VIII. bringt sich ebenfalls ins Gespräch). Karl reagiert sofort und entschieden. Er weiß, dass Diplomatie allein jetzt nicht ausreicht. Er muss sich die Kö-nigswahl im Reich kaufen – obwohl Habsburger bereits seit 1438 ununterbrochen den Kaisertitel tragen. Seiner Tante Margarete schreibt er, dass er entschlossen sei, „nichts unversucht zu lassen und alles und jedes einzusetzen“, um die Krone zu erringen. Er will Großes vollbringen, ganz so, wie es ihm sein Ordensbruder vom Goldenen Vlies ans Herz gelegt hatte. Karls Emissäre vergeben rund eine Million Gulden im Reich – nicht viel weniger als die Jahreseinkünfte Kastiliens.

Aber auch Franz I. lässt viel Geld verteilen, was die Preise hochtreibt. Allein der Erzbischof von Mainz erhält von Karl 103 000 Gulden. Nur der Kurfürst von Brandenburg wird mit 100 Gulden abgespeist; er hat sich als hartnäckiger Franzosenfreund zu erkennen gegeben. So viel kurzfristig verfügbares Kapital besitzt Karl indessen nicht – er muss sich Geld borgen. Der Augsburger Bankier Jakob Fugger leiht ihm mehr als eine halbe Million Gulden, den Rest besorgt sich Karl bei einer Kaufmannsfamilie und weiteren Bankhäusern.

Der Einsatz zahlt sich aus: Die Kurfürsten wählen den Habsburger am 28. Juni 1519 in Frankfurt einstimmig zum neuen römisch-deutschen König. Der Kurfürst von Brandenburg beugt sich dem Druck der anderen, lässt sich allerdings notariell bestätigen, dass er nur „aus rechter Furcht“ und nicht aus Überzeugung für Karl gestimmt habe. Doch die teure Wahl ist auch ein Menetekel: Karl lebt fortan auf Pump. Mehr als 500 Kreditverträge muss er im Lauf seiner Regierungszeit unterzeichnen. Trotz der enormen Gold- und Silberlieferungen, die bald aus Amerika eintreffen, bleibt er immer hoch verschuldet. Und Fugger zögert nicht, den Kaiser daran zu erinnern. „Es liegt am Tage, dass Eure Majestät die Römische Krone ohne meine Mithilfe nicht hätten erlangen können“, schreibt er ihm wenige Jahre nach der Wahl unverblümt.

Am 22. Oktober 1520 zieht Karl in Aachen ein. Im gesamten Reich wird er mit Jubel und Freudenfeuern empfangen – ganz im Gegensatz zu seiner Ankunft ein paar Jahre zuvor in Spanien. Die Propaganda, die noch sein Großvater Maximilian zugunsten seines Enkels in Gang gesetzt hatte, zeigt nun ihre Wirkung im Reich. Auch wenn er kaum ein Wort Deutsch spricht, wird Karl als Patriot gefeiert, der die Franzosen und den Papst in die Schranken weisen werde. Tags darauf nimmt er im Dom Platz auf dem Thron Karls des Großen, gekleidet in einen Purpurmantel, die Prunkpantoffeln an den Füßen und die alte Krone auf dem Haupt, die angeblich schon Otto der Große getragen hat. Er ist nun gesalbter römisch-deutscher König und „Erwählter Römischer Kaiser“, wie er sich bis zur Krönung durch den Papst 1530 nennen wird.

MEHR ALS 70 HERRSCHERTITEL hat Karl geerbt: ein rundes Dutzend Königswürden – die deutsche und mehrere spanische (darunter Kastilien, Aragón, Granada, Sizilien, Sardinien, Neapel) – dazu diverse Herzogs- und Grafentitel und ein paar einfache Herrschaften. Fiktive Ränge sind darunter, ganz Anspruch und ohne Wirklichkeit, wie König von Jerusalem oder Herzog zu Athen, die seit Kreuzfahrerzeiten zum Erbe der Herrscher in Aragón und Neapel zählen. Doch die anderen zeigen die unglaubliche Ausdehnung des habsburgischen Machtbereichs, von Amsterdam bis Palermo, von Wien bis Cádiz, von Mallorca bis zu den „Indianischen Inseln“.

So gewaltig ist dieses Herrschaftsgebiet, dass Karl allein es gar nicht regieren kann. Er tritt seinem drei Jahre jüngeren Bruder Ferdinand die österreichischen Herzogtümer ab. Zudem soll Ferdinand den Kaiser im Reich vertreten, wann immer Karl nicht selbst dort ist. Und er ist meist nicht vor Ort. Seiner Tante Margarete übergibt er die Regentschaft in den Niederlanden. In Spanien wird er später seine Frau und nach deren Tod seine Kinder mit den Regierungsgeschäften beauftragen. Karl versteht es, Aufgaben zu delegieren, ohne je die Fäden aus der Hand zu geben. Allen schreibt er unablässig Briefe, gibt Direktiven, verteilt Rat. Die Familienmitglieder berichten ihm aus den Teilen des Reiches, die sie in seinem Auftrag verwalten.

Doch er sieht seine Autorität von Beginn an herausgefordert – nicht von seinen Verwandten, auf die kann er sich verlassen. Aber seine Konkurrenten spüren, dass seine Stärke zugleich seine Schwäche ist: die schiere Größe seines Reiches. Der Kaiser kann nicht überall sein, um mit der Autorität seines Amtes oder mit Soldaten seinen Willen durchzusetzen. Etliche Rivalen machen ihm Territorien streitig: Frankreichs Franz I., der Papst, die Türken. Der Kaiser selbst hetzt stets dorthin, wo seine Anwesenheit gerade am dringendsten erforderlich ist. Auch das wird eine Konstante bleiben im Leben dieses Herrschers: Ständig reist Karl V. umher. So wie seine kaiserlichen Vor fahren im Mittelalter besitzt er keine Hauptstadt, er kennt keine Residenz. Sein Hof ist dort, wo er sich gerade aufhält.

Nur dass seine Reisewege deutlich länger sind als die der Vorgänger. Neunmal hält er sich im Reich auf. Sechsmal reist er nach Spanien. Siebenmal ist er in Italien, viermal in Frank reich, je zweimal in England und in Nordafrika. Die längste Zeit, 28 Jahre, verbringt er in den burgundischen Niederlanden. 18 Jahre hält er sich in Spanien auf, und in dem Reich, dessen Kaiser er ist, insgesamt acht Jahre. Aber von überall aus muss er regieren können. Deshalb reist er mit einem gewaltigen Tross umher. Mitunter umfasst sein Gefolge 4000 Menschen. Sein Staatsrat begleitet ihn, die wichtigsten Dokumente hat er ständig dabei. Denn Karl liest tatsächlich Akten, beruft sich darauf. Auch wenn er „von Natur hartnäckig“ auf seinen Meinungen beharrt, wie er selbstkritisch einräumt, trifft er Entscheidungen nie, ohne Ratschlag einzuholen und die Aktenlage zu prüfen.

Nach seiner Wahl ist Karls Anwesenheit am dringlichsten in Worms vonnöten. Dorthin hat er den ersten Reichstag unter seiner Herrschaft einberufen: die Versammlung der deutschen Reichsfürsten und der Abgesandten der Städte. Karl will über die Neuordnung der Reichsregierung beraten und eine Frage klären, die die Deutschen seit drei Jahren erregt: Martin Luthers Thesen zur Kirchenreform. Am 17. April 1521 treffen Kaiser und Mönch aufeinander. Eine denkwürdige Begegnung: der wohl wortgewaltigste Deutsche seiner Zeit und der Herrscher, der die Sprache seiner Untertanen kaum versteht. Luther, der bereits unter Kirchenbann steht, könnte unter dem schweren Verdacht der Ketzerei jederzeit in Haft genommen werden. Aber Karl hat ihm freies Geleit zugesichert, damit er seine Thesen in der Gegenwart des Kaisers widerrufen möge.

Doch am folgenden Tag weigert sich Luther abzuschwören. Karl fühlt sich von dem Mönch persönlich herausgefordert. Über Nacht setzt er eine Entgegnung auf, eigenhändig, auf Französisch, das beherrscht er. Karl schreibt, er sei „entschlossen, meine Königreiche und Herrschaften, Freunde, Leib und Blut, Leben und Seele einzusetzen“, um den katholischen Glauben zu verteidigen. Wie ernst er es damit meint, wird sich bald herausstellen: Zwei Jahre später brennen die ersten Lutheraner in seinen niederländischen Provinzen als Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Hinter Karls Unbeugsamkeit steht die Kaiseridee, die sich ihm als Ordensmeister vom Goldenen Vlies tief eingeprägt hat: Wenn er die Einheit des Abendlandes wiederherstellen will, muss er die Einheit des Glaubens verteidigen.

KARL IST EIN KONSERVATIVER HERRSCHER – KEIN VISIONÄR EINES NEUEN ZEITALTERS

Trotz des erbitterten Streits lässt er Luther ziehen. Ehrenwort ist Ehrenwort – so, wie er es als Ritter gelernt hat. Ohnehin verliert er die deutschen Probleme erst einmal aus den Augen. Anderes erscheint dringlicher. Er muss in die Niederlande, denn noch während des Reichstags erfährt er, dass die Franzosen Flandern angegriffen haben. Franz I. wirft ihm den Fehdehandschuh hin. Und Karl nimmt ihn auf. Nun schlägt ihre Konkurrenz in einen lebenslangen Zweikampf um, in ein Wechselspiel blutiger Auseinandersetzungen und kurzzeitiger Versöhnungen, das von den Zeitgenossen aufmerksam verfolgt wird wie Episoden in einem mittelalterlichen Ritterepos. Vor allem streiten sie um die Vorherrschaft in Italien. Der Krieg endet zunächst mit einer Sensation: Kaiserliche Truppen nehmen Franz I. am 24. Februar 1525 in der Schlacht von Pavia gefangen. Gedemütigt wird der französische Monarch nach Spanien verschleppt.

Erst nach einer persönlichen Begegnung mit Karl kommt Franz ein Jahr später wieder frei – gegen sein Ehrenwort, dass er die Bourgogne, das Stammland der Burgunder, zurückgeben wird. Zudem muss er seine beiden Söhne als Geiseln bei Karl abliefern. Doch Franz lässt sich notariell beglaubigen, dass ihm die Zugeständnisse unter Druck abgepresst wurden, und verbündet sich, kaum wieder frei, mit Papst Clemens VII. gegen den Kaiser. Der erboste Karl fordert ihn daraufhin zum Duell. „Besser wäre es, diesen Streit zwischen uns persönlich auszufechten, als so viel Christenblut zu vergießen“, erklärt er dem französischen Gesandten. In Norditalien flammen die Kämpfe wieder auf. Als der versprochene Sold ausbleibt, machen sich Karls Landsknechte selbstständig und marschieren gegen Rom. Im Frühjahr 1527 plündern die Soldaten die Heilige Stadt und setzen den Papst in der Engelsburg gefangen. Ein spanischer Augenzeuge notiert: „In der Hauptstadt der Christenheit wird keine Glocke geläutet, keine Kirche geöffnet, keine Messe gelesen. Es gibt weder Sonntag noch Feiertag. Die herrlichsten Paläste sind verwüstet, die Straßen in Misthaufen verwandelt, der Gestank der Leichen ist entsetzlich.“

Karl reagiert kühl: Zwar drückt er dem Papst sein Bedauern aus und entlässt ihn aus der Haft, doch fordert er Gegenleistungen: Der Heilige Vater soll ihn zum Kaiser krönen und muss 400 000 Dukaten zahlen. Clemens unterwirft sich. Kurz darauf gelingt ein Friedensschluss mit Frankreich; für den Rückzug der Franzosen aus Italien verzichtet Karl bis auf Weiteres auf die Herausgabe der Bourgogne. Und gibt gegen eine Million Dukaten die beiden französischen Prinzen wieder frei. Die Vorherrschaft Habsburgs in Italien ist damit gesichert.

Am 24. Februar 1530, Karls 30. Geburtstag, krönt Papst Clemens VII. ihn offiziell zum Kaiser – in Bologna, nicht in der Heiligen Stadt, denn Karl hat keine Zeit für einen Romzug. Er muss zum Reichstag nach Augsburg und kündigt an, „die Zwietrachten hinzulegen und eine einige und wahre Religion zu halten“. In Augsburg lässt er lutherische Predigten kurzerhand verbieten. Doch als ihn der protestantische Markgraf von Brandenburg-Ansbach auf dem Reichstag zur Rede stellt, zuckt Karl zurück. Er wolle sich eher auf der Stelle den Kopf abschlagen lassen, als Gott und sein Evangelium zu verleugnen, donnert der Markgraf. Karl wehrt erschrocken – und in gebrochenem Deutsch – ab: „Nicht Kopf abhauen, nicht Kopf ab.“

Trotz aller Entschlossenheit bleibt er Realpolitiker. Ständig sieht er sich gezwungen, zwischen widerstreitenden Interessen zu vermitteln. Zwar verlangt er weiterhin, dass die Lutheraner ihrem Glauben abschwören. Doch tatsächlich lässt er sie gewähren: Er braucht die protestantischen Fürsten. Denn Karl will die Wahl seines Bruders Ferdinand zum römisch-deutschen König durchsetzen und damit zu seinem designierten Nachfolger als Kaiser. Die Kaiserkrone soll schließlich in der Familie bleiben. 1531 stimmen die Kurfürsten dieser Regelung zu, einige zwar widerstrebend, aber Karl bekommt seinen Willen (wieder hat er mit Geld nachgeholfen).

Vor allem aber braucht er dringend Soldaten gegen die Türken. Denn die Os- manen sind in Ungarn eingefallen und belagern 1529 kurzzeitig sogar Wien. Als sie erneut vorrücken, sichert der Kaiser den Protestanten als Gegenleistung für deren Truppenhilfe vorläufig Toleranz zu. Mit einem Heer von 100 000 Mann marschiert er nach Wien. Doch die Türken ziehen sich überraschend zurück. Umso mehr drängt es Karl nun, sich selbst als Kriegsherr zu beweisen. Bisher hat er Schlachten nur in der Ferne schlagen lassen. Er will endlich mit eigenen Siegen Ehre und Reputation erwerben.

1535 bietet sich ihm eine Gelegenheit: gegen die Türken, die von Nordafrikas Küste aus das östliche Mittelmeer beherrschen. Unter der Fahne des Kreuzes erobert eine Streitmacht das von den Osmanen gehaltene Tunis. Karl ist selbst dabei – ein strategischer und propagandistischer Coup, der erste persönliche militärische Erfolg des Kaisers. Nun kann er sich als Sieger in einem Kreuzzug gegen die Ungläubigen zeigen. Doch währt die Genugtuung nicht lange. Noch während Karl als Triumphator durch seine Königreiche Sizilien und Neapel nach Rom zieht, bedroht Franz I. 1536 wieder einmal Norditalien.

Rastlose Jahre folgen nun mit ständigen Auseinandersetzungen, die Karl immer härter werden lassen: erst wieder und wieder gegen die Franzosen, dann erneut gegen die Türken, dann gegen die Protestanten im Reich, die sich verbündet haben und einen altgläubigen Herzog bekriegen. Selbst die Kolonien in Amerika bereiten Probleme. Als Karl die Versklavung der Indios verbietet, erheben sich die dortigen spanischen Großgrundbesitzer. Die Aufstände können nur mühsam niedergerungen werden. Dazu kommt ein Schicksalsschlag: 1539 stirbt seine Frau Isabella, die Mutter seines Sohnes Philipp, des spanischen Kronprinzen. Zwar begegnete Karl seiner Frau zeitlebens recht unterkühlt, zeigte ihr gegenüber eher Anerkennung und Respekt als Zuneigung. Doch ihr Tod im Kindbett trifft ihn tief. Karl trägt fortan schwarz und heiratet nicht mehr.

Nur in einer Hinsicht lässt der so auf Selbstbeherrschung bedachte Monarch sich gehen: Er ist maßlos bei Speis und Trank. Schon morgens trinkt er kaltes Bier, isst Unmengen an Fleisch. Bei Tisch schlingt er ohne zu kauen die Speisen hinunter und blickt ernst drein. Einem Greifswalder Juristen, der den Kaiser über Jahre bei Reichstagen beobachtet, fällt auf, dass er sich zwar Schalksnarren hält, die bei den Mahlzeiten „allerlei Possen reißen konnten, er aber kehrte sich nicht darum“, mochte allenfalls „mit einem halben Lächeln den Mund verziehen“.

Bereits seit seinem 27. Lebensjahr leidet er an der Gicht – wohl eine Folge seiner schlechten Ernährung. Ein väterlicher Beichtvater ermahnt ihn, Maß zu halten: „Ich verstehe nicht, warum Ihre Majestät für die fragwürdigen Freuden des Trinkens im Übermaß, des Verzehrs ungesunder Speisen und all der anderen Versäumnisse das Leben gefährdet.“ Karl hört nicht darauf. Und so häufen sich die Gichtanfälle und verlaufen schmerzhafter – und der Kaiser wird unduldsamer und hartherziger.

1546 RÜSTET ER gegen die Lutheraner, ist zum Ketzerkrieg entschlossen. Aus seinem ganzen Reich zieht er Trup pen zusammen: 20 000 Deutsche und ebenso viele Spanier, 12 000 Italiener und 10 000 Niederländer. Neun miteinander verbündete protestantische Fürsten stellen eine noch stärkere Armee auf. Am 24. April 1547 kommt es bei Mühlberg an der Elbe zur Entscheidungsschlacht. Es wird Karls größter militärischer Triumph: Sachsens Kurfürst Johann Friedrich und der Landgraf von Hessen geraten in Gefangenschaft. Monate später führt der Kaiser die Gefangenen als „geschlagene Häupter“ auf dem Reichstag in Augsburg vor. Das bringt die Protestanten nur noch mehr gegen ihn auf; auch katholische Fürsten empfinden es als Unrecht.

Doch Karl glaubt sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms: Er hat die türkischen Ungläubigen geschlagen, die Franzosen und nun die evangelischen Ketzer. Den Krieg hat er gewonnen, den Frieden aber verliert er ganz schnell. Karl will die Reformation per Befehl beenden: Die Protestanten sollen mit wenigen Ausnahmen zu den katholischen Ritualen zurückkehren. In Süddeutschland, wo seine Soldaten stehen, kann er das auch durchsetzen. Weiter im Norden aber leisten die Lutheraner Widerstand. Zudem verstärkt er den Unmut gegen sich durch seine dynastische Politik. Um der Familie auf Dauer die Macht im Reich zu sichern, ersinnt er eine komplizierte Nachfolgeregelung.

Als Erstes verheiratet er seine Tochter Maria mit Ferdinands Sohn Maximilian – zur Verschränkung der beiden Zweige der Dynastie. Dann muss sich Ferdinand verpflichten, sobald er selbst Kaiser geworden ist, anstelle seines eigenen Sohnes Karls Sohn Philipp zum römischen König (und damit zum designierten Kaiser) zu machen. Philipp wiederum soll, wenn er auf den Kaiserthron gelangt, seinen Cousin Maximilian zum Nachfolger bestimmen.

Ferdinand unterwirft sich nur grollend dem Willen seines Bruders. Die Reichsfürsten aber bringt Karl vollends gegen sich auf mit diesem Versuch, entgegen der Tradition der Wahlmonarchie „das Reich erblich zu machen“: So wettern sie in ihrer Beschwerdeschrift wider den Kaiser. Die Protestanten nutzen die Stimmung gegen Karl. Sie haben sich erneut verbündet, haben Frankreichs König als Alliierten gewonnen und zielen nun erstmals ganz direkt auf des Kaisers Person. Im April 1552 rücken ihre Truppen auf Innsbruck vor, wo Karl den Winter verbringt, gichtkrank, ohne Geld und ohne Soldaten.

Trotz Warnungen will er nicht an einen Angriff glauben, zu spät sucht er deshalb nach Unterstützern. Doch der Kaiser ist isoliert und durch das gegnerische Heer von seinen Machtbasen abgeschnitten. „Ich habe keinen Pfennig und niemanden, der mir einen leiht“, klagt er seiner Schwester Maria, „und kein Mensch in ganz Deutschland ist bereit, für mich einzutreten.“ Er erwägt, sich mit drei Begleitern und schwarz gefärbtem Bart tollkühn in die Niederlande durchzuschlagen. Doch der Fluchtweg ist versperrt. Karl muss sich über die Berge nach Villach davonmachen. Weil er wegen seiner schmerzenden Glieder nicht reiten kann, wird er in einer Sänfte getragen: Was für eine Demütigung für den Triumphator von Mühlberg, den Herrscher der Welten!

EHER WILL ER DAS REICH FÜR IMMER VERLASSEN, ALS FRIEDEN MIT DEN PROTESTANTEN ZU SCHLIESSEN

Die protestantischen Fürsten bestehen nun auf einer dauerhaften Anerkennung ihrer Konfession. Der Monarch lehnt das brüsk ab. „Für nichts auf der Welt“, schreibt er an seinen Bruder Ferdinand, werde er sich „mit etwas einverstanden erklären, was gegen meine Pflicht und mein Gewissen verstößt“. Selbst als ihn Ferdinand unter Tränen zur Annahme der Bedingungen mahnt, weil sonst kein Frieden im Reich einkehre, gibt der Kaiser nicht nach. Doch Karl muss Zeit gewinnen. Er einigt sich mit den rebellierenden Fürsten darauf, die Konfessionsfreiheit vorläufig wieder zuzulassen, bis zu einem Reichstag. Dort soll auch die Nachfolgeregelung beraten werden.

Noch einmal sammelt er ein Heer um sich, belagert Metz, das Frankreichs neuer König, Heinrich II., als Bundesgenosse der Protestanten eingenommen hat und nicht wieder herausgibt. Doch nichts will mehr glücken. Im Januar 1553 muss Karl abziehen. Wieder eine Schmach. Und das gegen den Erbfeind des Hauses Habsburg. Bleich, abgemagert, niedergeschlagen zieht Karl sich dorthin zurück, wo er groß geworden ist, in die burgundischen Niederlande. In einer Sänfte mit vorgezogenen Vorhängen trifft er in Brüssel ein – alles andere als ein triumphaler Einzug. Langsam reift in dem kranken Mann die Einsicht, dass ihm die körperliche Kraft und die politische Macht feh-len, sein Riesenreich zusammenzuhalten, geschweige denn, ihm seinen Willen aufzuzwingen.

Tatsächlich hat er die Vision eines Kaisertums nicht umsetzen können, wie sie ihm als Jüngling so einleuchtete – in jener festlichen Sitzung des Ordens vom Goldenen Vlies. Die Vorstellung eines unter seiner Führung vereinten Abendlandes ist ein Traumgebilde geblieben. Kein einziger seiner vielen Kriegszüge in all den Jahren, keine diplomatische Rochade, kein Machtwort auf einem der Reichstage hat ihn diesem Ziel auch nur einen Schritt näher gebracht. Zu gewaltig war diese Aufgabe, als dass er sie hätte bewältigen können, zu groß war die Zahl seiner Gegner, zu weit gespannt war sein Reich.

Hat er „Großes“ geleistet? So lautete doch sein ritterlicher Auftrag von einst. Natürlich kann er Siege nennen, manche waren sogar triumphal. Aber statt das Reich zu befrieden, hat er es am Ende in Aufruhr versetzt. Den Ausgleich mit den Protestanten kann er nicht mehr bewerkstel ligen. Nur seinem Bruder könnte dies noch gelingen. Die politische Initiative im Reich ist längst an Ferdinand übergegangen. Karl selbst muss sein Scheitern erkennen. Langsam, aber systematisch zieht er sich nun zurück. Er überlässt seinem Bruder 1555 die Leitung des Reichstags in Augsburg, denn er selbst will nicht über das Unvermeidliche präsidieren: die Anerkennung der protestantischen Konfes sion in Deutschland. Dann sendet er Ferdinand kurz vor Ende des Reichstags seinen Sekretär, um dem Bruder mitzuteilen, dass er abdankt. Doch der will den in zähem Ringen gefundenen Ausgleich mit den Protestanten nicht mit einem Streit darüber gefährden, in wessen Namen die Friedensregelung beschlossen wird. Kurzerhand schickt Ferdinand den kaiserlichen Kurier zurück: Sein Bruder möge sich den Schritt noch einmal über- legen. Und unterzeichnet den Augsburger Religionsfrieden im Namen Karls V.

Doch der Kaiser hat sich alles bereits genau überlegt. Am 25. Oktober 1555 übergibt er seinem Sohn im Brüsseler Schloss die burgundische Herzogswürde und damit die Herrschaft über die Niederlande. Kurz darauf erhält Philipp auch Spa nien, Sizilien und die amerikanischen Kolonien. Als er ihm das königliche Siegel reicht, sagt Karl: „Führet es, lieber Sohn, als ob ich schon tot wäre.“ Als Kaiser dankt er am 3. August 1556 noch einmal ausdrücklich ab, beauftragt auch seinen Bruder, zu regieren, „als ob Sie allein im Leben und Regiment und Wir allbereit mit Tod abgegangen wären“. Weil das Reichsrecht den Rücktritt eines Kaisers nicht kennt, wird der offiziell erst im März 1558 wirksam, nachdem die Kurfürsten in einem komplizierten Verfahren Ferdinand zum neuen Erwählten Römischen Kaiser proklamiert haben.

Da hat sich Karl V. längst in sein Exil zurückgezogen: in eine neu erbaute Villa neben einem Kloster in der spanischen Estremadura. Dort widmet er sich religiösen und historischen Studien, schreibt seinem Sohn Memoranden, schaut einem eigens angestellten italienischen Mechaniker und Uhrmacher fasziniert bei der Arbeit zu oder angelt von seinem Erkerzimmer aus. Doch gesundheitlich verfällt er rasch. Nach tagelangem Todeskampf stirbt Karl V. in den frühen Morgenstunden des 21. September 1558, vermutlich an Malaria. Mit ihm vergeht das Reich, in dem die Sonne nie unterging. Sein Bruder Ferdinand ist römisch-deutscher Kaiser und regiert die habsburgischen Erblande. Sein Sohn Philipp herrscht in Spanien, den italienischen Königreichen und den nun Spanischen Niederlanden. Vereint werden die Linien des Hauses Habsburg nie wieder.

 

 

 

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Klüver, Reymer: Weltmacht Habsburg. Karl V.: Imperator Mundi, in: Die Macht der Habsburger (GEO Epoche, Jg. 2010, Heft Nr. 46), Hamburg 2010.

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