Geschichte des Bauernkrieges
Inhaltsverzeichnis
- Bauernkrieg vor 500 Jahren: 5 Dinge, die Sie wissen müssen
- Bauernkrieg 1524 - 1526 (Allgemein und Fokus Bayern)
- Die Geschichte des Bauernkrieges
1. Bauernkrieg vor 500 Jahren: 5 Dinge, die Sie wissen müssen
1. Bauernkrieg – Lehren für heute
2. Bauernkrieg 1524-1526
Als Bauernkrieg werden überregionale Aufstände in Teilen des Heiligen Römischen Reichs bezeichnet, die nach erstem Aufflammen 1524 im Jahr 1525 voll ausbrachen. Sie wurden maßgeblich getragen von der ländlichen Bevölkerung und hatten in erster Linie eine Verbesserung ihrer Rechtsstellung gegenüber der Obrigkeit sowie der wirtschaftlichen Lebensbedingungen zum Ziel. Unter dem Eindruck der Reformation sollte die Gesellschaftsordnung nach einem aus der Bibel abgeleiteten "Göttlichen Recht" ausgerichtet werden. Trotz anfänglicher Versuche gütlicher Verhandlungen leiteten Landesherren betroffener Gebiete, maßgeblich der Schwäbische Bund als Zusammenschluss süddeutscher Reichsstände, gegen die vielerorts in Haufen zusammengeschlossenen Aufständischen militärische Maßnahmen in die Wege. Binnen weniger Monate wurden die Erhebungen niedergeschlagen, Tausende der daran Beteiligten kamen dabei ums Leben.
Begriffsbestimmung
Zeitgenössisch bildete sich keine feste Begrifflichkeit heraus, um die Erhebungen 1524 bis 1526 zu bezeichnen. Im Schrifttum dieser Jahre finden sich unterschiedliche Termini wie aufrur, empörung und ungehorsam. Auch die später gängige Bezeichnung 'Bauernkrieg' (bawrenkrieg, tumultus agricolarum u.ä.) ist bereits 1525 vereinzelt belegt. Diese ist allerdings nicht unproblematisch, weil sie die soziale Schicht der Akteure auf die Bauern beschränkt und kriegerisches Handeln als wesentliches Charakteristikum benennt. Beide Merkmale vermögen die Vielschichtigkeit der Ereignisse nicht ausreichend abzubilden. Bemühungen, die Konflikte gütlich und friedlich zu lösen, bleiben dabei ebenso ausgeblendet wie die Beteiligung anderer Teile der Bevölkerung an den Aufständen: Zu nennen sind etwa Handwerker, Bergknappen, in Städten wohnhafte Ackerbürger, daneben die Mitwirkung oder zumindest Unterstützung durch einzelne Protagonisten aus (Nieder-)Adel und Ritterschaft.
In den 1970er Jahren versuchte Peter Blickle (1938-2017) als Alternative den Begriff der Empörung bzw. Revolution "des Gemeinen Mannes", zu etablieren, der terminologisch alle nicht an der Herrschaft beteiligten Bevölkerungsteile in die Vorgänge einbindet und ebenfalls an zeitgenössische Auffassungen vom "Gemeinen Mann" als dem Verursacher der Unruhen anknüpft. Diese Perspektive sollte sich jedoch nicht vollends durchsetzen; als Verständigungsbegriff ist 'Bauernkrieg' bislang unersetzt.
Ursachen, zeitgenössischer Kontext und Ziele der Aufständischen
Vielfältige politisch-herrschaftliche, rechtliche, wirtschaftliche, religiöse und soziale Umstände des frühen 16. Jahrhunderts bildeten ein Konglomerat, das die insgesamt von 1524 bis 1526 währenden Aufstände entfachte. Mit Gerd Schwerhoff (geb. 1957) lässt sich von einem breitgefächerten "Krisenpanorama" sprechen, das die bisherige Forschung skizzierte. Regional sind unterschiedliche Faktoren auszumachen, deren Wirkungen zudem je nach Forschungsposition verschieden gewichtet werden. Grundsätzlich dürfte weniger wirtschaftliche Not, als eine Verschlechterung der rechtlichen Situation großer Teile der Bevölkerung die Aufstände entscheidend mitbedingt haben. Die Vorstellung vom "armen Bauern" in dieser Zeit im Generellen gilt als überholt. Allerdings war insbesondere in kleinteiligen Herrschaftsgebieten aufgrund der komplexen Agrarverfassung die ökonomische Gesamtbelastung der Bevölkerung gestiegen: Zwar wurden die mittlerweile nicht mehr anlassbezogenen Steuern nunmehr regelmäßig einbezogen. In Territorien, in denen der Landesherrzugleich Grundherr war, erhöhte die Kumulation von Herrschaftsrechten jedoch den Druck auf die bäuerliche Bevölkerung und beförderte ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Obrigkeit.
Bereits im Spätmittelalter und in den Jahren vor dem Bauernkrieg war es regional zu kleineren Aufständen gekommen. Dabei handelte es sich um Reaktionen auf die seit dem 15. Jahrhundert intensiv vorangetriebene Verdichtung der Herrschaftsrechte von landbesitzendem Adel, Klerus und Städten, die den Beginn der frühmodernen "Territorialisierung" markieren. Althergebrachte Rechte, wie die Nutzung der Allmende, waren zunehmend eingeschränkt worden. Die Wahrung alter Rechte, nicht die Einforderung neuer Rechte, bildete dementsprechend im Bauernkrieg einen wesentlichen Kern der Forderungen der Aufständischen. Durch die beginnende Staatsbildung war es zudem innerhalb des Adels zu Abstiegsprozessen gekommen, da Grafen, Herren und Ritter daran nur erschwert Anteil nehmen konnten. Zur Sicherung ihres Platzes im Herrschaftsgefüge wie ihres Lebensstandards reagierten Niederadlige mit Maßnahmen, die die wirtschaftliche bzw. rechtliche Stellung ihrer Hintersassen schwächten, indem sie etwa ihre Eigenwirtschaft ausbauten und damit in Konkurrenz zu diesen traten.
Gleichzeitig wuchs überregional der Wunsch von Bauern nach Partizipation; Formen der Repräsentation, wie die Teilnahme von Angehörigen des Bauernstands an Landtagen, waren im Spätmittelalter nur in wenigen Gebieten eingeführt worden (Salzburg, Tirol). In begrenztem Maße dürften vor allem im alemannischen Raum die von Bauern getragenen Gemeinwesen der Schweizer Urkantone eine Vorbildwirkung entfaltet haben.
Nur regional von Bedeutung war dagegen die Forderung nach Abschaffung der Leibeigenschaft. Dieses Zugriffsrecht auf Personen, das unterschiedlich streng ausgeprägt sein konnte (teils etwa nur eine spezielle Abgabe, wie in Form der symbolischen "Leibhenne", zur Folge hatte), existierte vielerorts nicht mehr. Vor allem in Teilen Schwabens bestand die Leibeigenschaft jedoch fort und bildete dort auch teilweise einen wesentlichen Beschwerdepunkt der Bauern, insbesondere aufgrund ihrer Verbindung mit dem "Todfall" (einer Sachleistung, die bei Todesfall von den Nachkommen an den Grundherrn abzugeben war).
Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Aufstandsbewegungen war die starke religiös-theologische Konnotation des wenige Jahre nach der Reformation ausgebrochenen Bauernkriegs. Die Aufrührer stützten sich zentral auf das Evangelium. Anstelle theologischer Auslegungen sollte dieses als reine Lehre verbreitet werden, womit eine reformatorische Forderung aufgegriffen wurde. Die soziale Ordnung sollte mittels einer an der Bibel ausgerichteten Rechtsordnung ("Göttliches Recht") verändert werden. Von den Aufständischen teils unter Mitwirkung von (Laien-)theologen formulierte Vorstellungen wurden auch von Martin Luthers (1483-1546) Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" (1520) beeinflusst. Die wichtigste programmatische Publikation auf Seiten der Aufständischen sind die in Memmingen verabschiedeten "Zwölf Artikel", die ihre Argumentation aus der Heiligen Schrift ableiten. Sie bieten eine Synthese der wichtigsten Forderungen der Aufständischen in Schwaben (u. a. nach freier Pfarrerwahl zur Sicherung der Seelsorge auf dem Land, vollständiger Abschaffung der Leibeigenschaft, Reduzierung von Frondiensten und Abgaben sowie Rückgabe entzogener Allmende). Der Buchdruckermöglichte eine rasche überregionale Verbreitung dieses Textes während der Hochphase der Aufstände ab dem Frühjahr 1525, in der Folge bildete er auch in anderen Regionen die Basis der Forderungen.
Verlauf des Bauernkrieges in Grundzügen
Seinen Anfang nahm der Bauernkrieg im Südwesten des Reichs. Bereits Mitte 1524 erhoben sich in der Landgrafschaft Stühlingen im Schwarzwald Bauern aufgrund zunehmender Belastungen gegen ihren Herrn und brachten ihre Beschwerden vor das Reichskammergericht.
Um den Jahreswechsel 1524 auf 1525 schlossen sich bei Baltringen in Oberschwaben mehrere Tausend Bauern zu einem "Haufen" zusammen. Als Haufen sind im Kontext des Bauernkrieges paramilitärische Vereinigungen der Aufständischen zu verstehen, die sich im Laufe des Konfliktes konsolidierten, was sich beispielsweise an der Vergabe von Ämtern (Feldhauptmann, -schreiber) ablesen lässt.
Im März und April 1525 weiteten sich die Unruhen aus auf Gebiete in Thüringen, Franken, der Pfalz, dem Elsass, dem Mittelrheingebiet, Tirol, Salzburg, darüber hinaus auf Teile der Eidgenossenschaft. In dieser Phase kam es auch zu ersten Gewalthandlungen. Überregional plünderten und brandschatzten Bauernhaufen Klöster und Adelssitze, an lokalen Plünderungsaktionen wirkten immer wieder Frauen und Kinder mit. Derlei anti-feudale und anti-klerikale Agitationen waren teils auf die erfolglos gebliebenen Verhandlungsbestrebungen der Aufständischen zurückzuführen. Nach mehrtägigen Raubzügen in Klöstern und Burgen in der Umgebung geriet am 4. April 1525 ein schwäbischer Bauernhaufen bei Leipheim in eine erste größere militärische Konfrontation mit dem Schwäbischen Bund und wurde vernichtend geschlagen. In der Kriegsführung konnten es die Haufen insgesamt nur schwer mit gegnerischen Fürstenheeren aufnehmen, auch wenn manche der Aufständischen über militärische Erfahrung verfügten und vereinzelt Niederadlige auf ihren Seiten wirkten, wie beispielsweise der Reichsritter Florian Geyer (ca. 1490-1525) in Franken.
Am Ostersonntag, den 16. April 1525 erstürmte ein Bauernhaufen, der sich im Raum von Neckartal und Odenwald gesammelt hatte, das im Herzogtum Württemberg gelegene Weinsberg. Der dortige Amtmann, Graf Ludwig von Helfenstein (1493-1525), und 16 weitere Adlige wurden von den Aufständischen am nächsten Tag durch Spießrutenlauf getötet. Diese Tat wurde seitens der Obrigkeit als besondere Niederträchtigkeit empfunden und wirkte als Katalysator für ein entschlosseneres militärisches Vorgehen des Schwäbischen Bundes. Dass das Aufbegehren der Bauern nicht zwangsläufig eskalieren musste, zeigt der zeitgleiche Vorgang in Weingarten: Georg Truchsess von Waldburg hatte mit dem Seehaufen eine vertragliche Vereinbarung getroffen, die eine militärische Konfrontation abwendete. Der "Weingartener Vertrag" vom 17. April verlangte die Auflösung der Christlichen Vereinigung und stellte dafür gerichtliche Verhandlungen über deren Beschwerden in Aussicht. Trotz solcher Tendenzen der Verrechtlichung verfolgte das Bundesheer unter Truchsess von Waldburg in der Konfliktführung 1525 insgesamt eine kriegerische, auf die Tötung anstelle der Gefangennahme von Aufständischen und die Zermürbung der Bevölkerung zielende Linie, die durchaus Kritik hervorrief, etwa seitens der Städte im Bund.
Die württembergischen Bauern wurden am 12. Mai bei Böblingen von Bundestruppen besiegt. Kurz darauf ließ der Herzog Franz von Lothringen bei Zabern tausende Bauern töten – es war das wohl opferreichste Gefecht des Bauernkriegs. In der Kurpfalz wurden die Bauern bei Pfeddersheim am 23./24. Juni geschlagen. Nachdem schließlich im Juli 1525 die Aufstände im Allgäu durch den Schwäbischen Bund niedergeworfen worden waren, entließen dessen Kriegsräte einen Großteil des Heeres. In der thüringischen Reichsstadt Mühlhausen hatte indes der reformatorische Prediger Thomas Müntzer (1489-1525) Unruhen befeuert und dem Aufstand mit der Zuschreibung, das auserwählte Volk Gottes zu sein, radikal-apokalyptische Züge verliehen. Im Mai 1525 kam es zur militärischen Konfrontation gegen ein hessisch-braunschweigisch-sächsisches Heer, die bei Frankenhausen mit einer vernichtenden Niederlage der Aufständischen und der Hinrichtung Müntzers endete.
Aufstände von Bauern und Bergknappen in Nord- und Südtirol führten am 12. Juni 1525 zur Eröffnung eines Sonderlandtages durch Erzherzog Ferdinand (reg. 1521-1564, ab 1558 Kaiser), auf dem Abgesandte der Bauern zentrale Forderungen vorbrachten, die zum Teil in eine im Jahr darauf festgesetzte Landesordnung übergingen. Im Erzstift Salzburg lehnten sich im Mai 1525 ebenfalls Bergleute und Bauern gegen die fürstbischöfliche Landesherrschaft auf und zogen am 6. Juni in die Bischofsstadt ein. Am 3. Juli 1525 besiegten salzburgische Aufständische bei Schladming Truppen unter dem steiermärkischen Landeshauptmann Sigmund von Dietrichstein (1484-1533). Vermittelt durch Herzog Ludwig X. von Bayern (reg. 1516-1545) kam es am 31. August 1525 zu einem Waffenstillstand in Salzburg. Angestrebte Verhandlungen zur Schaffung einer Landesordnung wurden, anders als in Tirol, allerdings verschleppt. Dies bedingte ein erneutes Aufflammen von Unruhen; erst im Juli 1526 konnte ein letzter Aufstand militärisch beendet werden.
Die räumliche Ausbreitung des Bauernkriegs, in dessen Verlauf bis zu 300.000 Aufständische unter Waffen gestanden haben mögen, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der größere Teil des Heiligen Römischen Reiches davon nicht oder nur peripher betroffen war. Dies gilt für viele weltliche ebenso wie für einige geistliche Territorien. Hierzu zählen das bayerische Herzogtum, aber auch Pfalz-Neuburg und die Oberpfalz.
Betroffenheit der verschiedenen Landesteile im Bereich des heutigen Bayerns
Schwaben
Eines der Kerngebiete der Aufstände lag im Allgäu, das politisch-administrativ unterschiedliche Territorien umfasste: neben den großen geistlichen Herrschaften des Fürststifts Kempten und des Hochstifts Augsburg sind vor allem Reichsstädte (Kaufbeuren, Memmingen, Isny, Leutkirch, Wangen, Kempten) und kleinere weltliche wie geistliche Herrschaften zu nennen. Eine regionale Besonderheit war die vor allem im Fürststift Kempten noch übliche Rechtsstellung der Untertanen als Leibeigene ("Allgäuischer Gebrauch"). Sie wurde von den Fürstäbten im Zuge der Territorialisierung ihres Herrschaftsbereichs als drückendes Instrument eingesetzt und beförderte die Unzufriedenheit der Untertanen massiv.
Im Februar 1525 hatten sich im Allgäu mehrere tausend Aufständische zu einem Haufen zusammengeschlossen und waren Anfang März der "Christlichen Vereinigung" beigetreten. Während sich die Aufständischen in Schwaben konsolidierten, kam es zunächst noch zu Versuchen der gütlichen Einigung. Es wurden Forderungskataloge an die jeweiligen Herren gesandt. Die Allgäuer Bauern trugen an Erzherzog Ferdinand als Statthalter des Kaisers die Erwartung nach der Durchsetzung des göttlichen Rechts heran.
Verhandlungen mit dem Schwäbischen Bund scheiterten im Laufe des März, unter anderem aufgrund einer von diesem angewandten Verzögerungs- und Separierungstaktik. Auch im Allgäu schlugen die Aufstände in Gewalt um, ein großer Kloster- und Burgensturm trieb die Geistlichen und Adligen zur Flucht in die Reichsstädte. Der Annahme des Weingartner Vertrags vom 17. April verweigerten sich die Allgäuer Bauern. Sie hatten sich zur Vorbereitung auf erwartete militärische Aktionen des Schwäbischen Bundes in zwei Haufen mit Stützpunkten im Westen und Osten des Allgäu aufgeteilt.
Zwischenzeitlich befanden sie sich in einer vielversprechenden Lage: im Allgäu gab es nach dem Kloster-und Burgensturm kaum mehr Gegner der Bauern und die Reichsstädte verhielten sich neutral bis sympathisierend. Eine längerfristige Festigung ihrer Position gelang jedoch nicht. Nach der Niederwerfung der Aufstände in Franken waren die Truppen des Schwäbischen Bundes bereit für einen Zug ins Allgäu. Am 14. Juli trafen die Bundestruppen mit den Bauernhaufen beim Fluss Leubas zusammen, eine offene Schlacht wurde durch eine Zermürbungstaktik Georg von Waldburgs verzögert. Indessen wandten sich nach Ankunft des Landknechtsführers Georg von Frundsberg(1473-1528) Teile der Bauern zur Flucht, wurden aber von Bundestruppen eingeholt und vernichtend geschlagen, wobei ganze Dörfer in Brand gesteckt wurden. Um die 3.000 Mann, die sich noch auf den Kohlenberg bei Sulzberg zurückgezogen hatten, ergaben sich eine Woche später. Im Rahmen der Kapitulation wurden 18 Personen hingerichtet.
Im Ergebnis brachte der Bauernkrieg im Allgäu vor allem für die Untertanen im Fürststift Kempten eine Verbesserung ihrer Lage: Unter Vermittlung des Schwäbischen Bundes schloss Abt Sebastian von Breitenstein (reg. 1522-1535) mit Ihnen am 20. Januar 1526 den "Memminger Vertrag", der nach einer bereits längeren Phase von Konflikten um die rechtliche Stellung der stiftischen Bauern deren Rechtssicherheit erhöhte und zu ihrer wirtschaftlichen Entlastung beitrug; später sollten sie den Rang der Landstandschaft erhalten.
Franken
Zahlreiche Herrschaftsgebiete in Franken gerieten in einer kurzen, heftigen Phase von März bis Juni 1525 in den Sog des Bauernkriegs. Ende März kam es, wohl beeinflusst durch Unruhen in der Herrschaft Hohenlohe und den Gebieten des Deutschen Ordens, zu Aufständen im Territorium der Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber, wo mit Unterstützung von Teilen der Bürgerschaft der Rat entmachtet wurde. Bauern aus dem Markgraftum Brandenburg-Ansbach und umliegender Herrschaften aus dem Nördlinger Ries schlossen sich zu einem Haufen zusammen. Es formierten sich ferner drei große fränkische Bauernhaufen, der Taubertaler, der Neckar-Odenwäder und der Bildhäuser Haufen, letzterer benannt nach dem geplünderten und zerstörten Zisterzienserkloster Maria Bildhausen nahe Münnerstadt.
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Siegel der Rothenburger Landwehr: Dreizack und Dreschflegel überkreuzt, darüber aufliegend eine Pflugschar, die in einen Stiefel mündet. Abbildung aus: Lorenz Fries, Siegel der fränkischen Bauern: Geschichte, Namen, Geschlecht, Leben, Thaten und Absterben der Bischöfe von Würzburg und Herzoge von Franken, auch was während der Regierung jedes Einzelnen derselben Merkwürdiges sich ereignet hat. 2/2, Würzburg 1849, 32. (Bamberg, Staatsbibliothek, HV.H.Franc.16(2)
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Siegel eines vor Bildhausen gelegenen Bauernhaufens: auf einem Hügel aufgerichtetes Kreuz umgeben von Pflanzen. Abbildung aus: Lorenz Fries, Siegel der fränkischen Bauern: Geschichte, Namen, Geschlecht, Leben, Thaten und Absterben der Bischöfe von Würzburg und Herzoge von Franken, auch was während der Regierung jedes Einzelnen derselben Merkwürdiges sich ereignet hat. 2/2, Würzburg 1849, 33. (Bamberg, Staatsbibliothek, HV.H.Franc.16(2)
Im April 1525 erreichten die Aufstände die Hochstifte Würzburg und Bamberg. In Bamberg richteten sich diese stark gegen die adlig-klerikale Mitregentschaft des Domkapitels. In kurzer Zeit wurden im Hochstift 200 Burgen zerstört oder mussten geöffnet werden. In Würzburg flohen am 5. Mai 1525 Fürstbischof Konrad von Thüngen (reg. 1519-1540) und Mitglieder des Domkapitels aus der Stadt, der teils mit ihnen sympathisierende Stadtrat schloss sich wenige Tage später den Aufständischen an. Im Hochstift wurden zahlreiche Klöster geplündert und Forderungen nach deren Aufhebung verlautbart. Vergleichsweise ruhig blieb es dagegen im Gebiet der Reichsstadt Nürnberg, deren Rat ein Ausgreifen der Unruhen durch gewisses Entgegenkommen, etwa die Aufgabe von Zehntrechten, verhindern konnte. Zwischen ihren Verpflichtungen als Mitglied des Schwäbischem Bundes und den gleichzeitigen Hoffnungen der Aufständischen auf militärische Unterstützung bemühte sich die Reichsstadt um eine neutrale bis ausgleichende Haltung.
Markgraf Kasimir von Brandenburg-Ansbach (reg. 1515–1527) ging konsequent gegen die Unruhen in seinem Territorium vor: am 7./8. Mai 1525 besiegte er den zahlenmäßig überlegenen Rieshaufen in der Schlacht bei Ostheim, am 9. Juni 1525 ließ er in Kitzingenzahlreiche aufständische Bürger hinrichten bzw. blenden, was eine im Vergleich herausragend harte Vergeltungsmaßnahme darstellte. Vor den Toren Würzburgs trafen am 8. Mai 1525 die großen fränkischen Haufen zusammen mit dem Ziel, die Landesfestung Marienberg zu erstürmen. Trotz schwerer Beschädigungen wurde sie von den Bauern letztlich nicht eingenommen. Als Truppen des Schwäbischen Bundes mit Bischof Konrad das Würzburger Umland erreicht hatten, stellten sich die Haufen der militärischen Konfrontation, die mit schweren Niederlagen endete (2. Juni bei Königshofen; 4. Juni bei Ingolstadt in Unterfranken) und tausenden Bauern das Leben kostete.
Am 7. Juni ergaben sich die verbliebenen Würzburger Aufständischen, womit der Bauernkrieg in Franken endete. Hinrichtungen von Rädelsführern durch den Bund wie die Landesherren, eine Wiedereinsetzung der Stadträte und allgemein verhängte Strafzahlungen waren unmittelbare Folgen in der Region.
Herzogtum Bayern
Obgleich es von mehreren Territorien umgeben war, in denen Aufstände tobten, zählt das Herzogtum Bayern zu jenen Gebieten, die vom Bauernkrieg kaum betroffen waren. Zwar lässt sich auch für Bayern in diesen Jahren eine erhöhte Unzufriedenheit der Bevölkerung erkennen, die sich in Beschwerden an die Herzöge über hohe Abgaben, zu leistende Dienste und Wildschäden manifestierte. Es kam jedoch weder zu Zusammenschlüssen von Bauern noch zu größer angelegten aufrührerischen Aktionen oder zum Aufbegehren gegen die herzogliche Landesherrschaft.
Die Unruhen strahlten 1525 nur leicht in die Randgebiete Bayerns aus. Nahe der Grenze zum Erzstift Salzburg zogen bayerische Bauern bewaffnet in Traunstein ein. Intention und Organisationsform dieser kleinräumigen Erhebung sind nicht mehr zu rekonstruieren. Gesichert ist, dass die herzogliche Zusage der Abstellung ihrer Beschwerden ausreichte, um die Aufständischen zu besänftigen. Drei Rädelsführer wurden im Nachgang am 30. Januar 1526 hingerichtet. An der Grenze zum Hochstift Eichstätt sind einzelne Überläufer aus Bayern zum Mässinger Haufen belegt. In einer kurzen Phase von Einfällen schwäbischer Bauern über den Lech nach Bayern im Mai 1525, bei denen unter anderem Kloster Steingaden geplündert und in Brand gesetzt wurde, kam es nicht zu einer Vereinigung mit bayerischen Bauern. Diese flohen oder schlossen sich, wie am Peißenberg und in Eglfing am Staffelsee, sogar zur Abwehr der schwäbischen Bauern zusammen und warteten auf herzogliche Anweisungen.
Für das Ausbleiben des Bauernkriegs im Herzogtum Bayern lassen sich mehrere Gründe benennen. So trafen die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. (reg. 1508-1550) und Ludwig X. Vorkehrungen, um ein unmittelbares Eindringen der Aufstände von außen abzuwehren. Im Westen wurden zum Schutz vor den schwäbischen Bauern jenseits des Lech im Frühling 1525 die Grenzüberwachung durch herzogliche Beamte intensiviert, Geschütze in Stellung gebracht und die Stimmung in der Bevölkerung durch die Pfleger sondiert. Die Anwerbung böhmischer Söldner, frühzeitige Hilfsforderungen an Landsassen und Städte für den Bedarfsfall und Heranziehung der Klöster zu finanzieller Unterstützung bildeten weitere Maßnahmen. Insbesondere Kanzler Leonhard von Eck (1480-1550) sprach sich für ein hartes Vorgehen gegenüber den Aufständischen aus und setzte diese Politik als einer der Kriegsräte beim Tag des Schwäbischen Bundes überregional um. Bereits nach dem kaiserlichen Edikt des Wormser Reichstages 1521 war im Herzogtum erfolgreich das Verbot der Verbreitung lutherischer Schriften durchgesetzt worden, das erste herzogliche Religionsmandat vom 5. März 1522 untersagte auch die mündliche Auseinandersetzung mit den neuen Lehren.
Allein mit obrigkeitlichen Maßnahmen lässt sich die Ruhe im Herzogtum Bayern unter den im frühen 16. Jahrhundert gegebenen Möglichkeiten herrschaftlicher Durchdringung des Landes jedoch nicht erklären. Mit ausschlaggebend war ein fehlendes Bedürfnis der Untertanen, sich gegen ihre Landesherrschaft zu stellen, um alte oder neue Rechte einzufordern. Bereits im 15. Jahrhundert waren im Herzogtum Regelungen getroffen worden, die die rechtliche Stellung der Bauern im Vergleich zu anderen Regionen besser und langfristiger absicherten. Bei Klagen der herzoglichen Bauern ist ein gewisses obrigkeitliches Entgegenkommen, auch in den Jahren des Bauernkriegs, fassbar; so wurden lokal etwa Maßnahmen gegen Wildverbiss gestattet. Ferner konnten Untertanen Beschwerden über adlige und kirchliche Grundherren bei der übergeordneten herzoglichen Verwaltung einreichen und erwirkten häufig für sie positive Urteile. Der Herzog fungierte damit als schützende Instanz gegenüber grundherrlichen Zugriffen, was die Rechtssicherheit der Bauern erhöhte und eine positive Haltung gegenüber dem Landesherrn beförderte.
Rezeption und Forschungsgeschichte
Die Deutung des Bauernkriegs setzte bereits während seines Verlaufs ein. Als einer von mehreren Reformatoren verurteilte Luther in Reaktion auf die Ereignisse in Weinsberg und bemüht um Demonstration seiner Loyalität zu reformatorischen Landesherren die Aufstände. In seiner Schrift Wider die mordischen vnd reubischen Rotten der Pawren befürwortete er ihre gewaltsame Niederschlagung. Nicht die eigene Lehre an sich, sondern deren Missbrauch und speziell das Wirken des von ihm dämonisierten Thomas Müntzer fungierte aus Luthers Perspektive als Katalysator der Unruhen. Von altgläubiger Seite, etwa durch Johannes Cochläus (1479-1552), wurde dagegen eine Ursache in den reformatorischen Lehren jedweder Prägung gesehen.
Nach der ersten monographischen Abhandlung von Petrus Gnodalius im Jahr 1570 wurden im konfessionellen Zeitalter und im 18. Jahrhundert von katholischer wie reformatorischer Seite verschiedene größere Werke über den Bauernkrieg publiziert, so 1795 der Versuch einer Geschichte des Deutschen Bauernkriegs oder der Empörung in Deutschland zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts des evangelischen Historikers Georg Sartorius (1765-1828). Mit seiner im Angesicht der Französischen Revolution getroffenen Interpretation setzten (Um-)Deutungen des Bauernkriegs vor dem eigenen Zeithintergrund der Interpreten ein.
Ein Grundlagenwerk bildete die 1841 bis 1843 erschienene Allgemeine Geschichte des großen Bauernkrieges des Pastors und späteren linken Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung, Wilhelm Zimmermann (1807-1878), die erstmals die Aufständischen dezidiert positiv darstellte. Beeinflusst durch die Deutungen Zimmermanns und die Ereignisse der Revolution von 1848/49 wurde der Bauernkrieg von sozialistischen Vordenkern aufgegriffen und zum frühen Vorläufer ihrer eigenen gesellschaftspolitischen Bewegungen etikettiert, z.B. Friedrich Engels(1820-1895) und August Bebel (1840-1913).
In der DDR nahm der Bauernkrieg unter der Bezeichnung "frühbürgerliche Revolution" als vermeintlich kommunistische Ziele verfolgende Aufstandsbewegung einen festen Platz in der Geschichtskultur ein. Insbesondere Thomas Müntzer erfuhr eine Stilisierung als ruhmreicher Anführer des Kampfes unterdrückter Unterschichten.
Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Impulse und eine stärkere Aufmerksamkeit für Unterschichten als Forschungsthema wurden in dieser Zeit auch in der westdeutschen Forschung gesetzt (v. a. Peter Blickle). Kennzeichnend ist ferner die lange Nachwirkung der Agrargeschichtsforschung, speziell der Studien von Günther Franz (1902-1992). Durch landes- und regionalgeschichtliche Zugriffe konnten erst die Vielschichtigkeit und je nach Aufstandsregion die unterschiedlichen Ausprägungen der Ereignisse aufgezeigt werden.
Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde in der Bauernkriegsforschung verstärkt ein frühes Aufglimmen der Forderung nach Menschenrechten und Demokratie hervorgehoben, das sich aus programmatischen Forderungen, wie in den Zwölf Artikeln formuliert, erkennen lasse. Im Jahr 2025 jährt sich das Gedenken an zentrale Ereignisse des Bauernkrieges zum 500. Mal, was durch neue Gesamtdarstellungen sowie zahlreiche Tagungen und Ausstellungen gewürdigt wird.
3. Die Geschichte des Bauernkrieges
Im Sommer 1524 entbrennt am Südostrand des Schwarzwaldes ein Kampf, der bald weite Teile des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation erfasst: Landleute und ihre städtischen Verbündeten erheben sich gegen die Mächtigen der Zeit – für mehr Freiheit und Gerechtigkeit
1513
Bauern und andere Unzufriedene schließen im Breisgau ein geheimes Bündnis. Angeführt von einem Mann namens Joß Fritz, selbst Sohn von Leibeigenen, planen sie einen bewaffneten Aufstand. Zu ihren Zielen zählen unter anderem die Beschränkung des Zugriffs geistlicher und herrschaftlicher Gerichte, der Erlass übermäßiger Schuldzinsen sowie die Freiheit von Jagd, Fischfang und Waldnutzung. Doch bevor sie losschlagen können, wird die nach der einfachen Fußbekleidung der Bauern „Bundschuh“ benannte Verschwörung verraten. Schon 1493 im Elsass und 1502 im Bistum Speyer (hier bereits unter Führung von Joß Fritz) waren ähnliche, ebenfalls als Bundschuh bezeichnete Konspirationen aufgeflogen, etliche Teilnehmer wurden bestraft, einige mit dem Tod. Auch 1513 können die Herren das Aufbegehren niederschlagen und lassen mehrere Beteiligte hinrichten, Joß Fritz gelingt es jedoch, zu fliehen (möglicherweise steht er 1517 einer weiteren, abermals aufgedeckten Verschwörung vor). Zwar bleibt die Bundschuh-Bewegung mit ihrem Bestreben, die zunehmende Beschneidung von Rechten und Freiheiten durch die Herrschenden und Besitzenden in Schlössern, Klöstern und Städten zu stoppen, letztlich wirkungslos, doch erzeugt sie bei den Obrigkeiten in weiten Teilen der betroffenen Region – dem Südwesten des heutigen Deutschlands und benachbarten Gebieten wie dem Elsass – eine nervöse Furcht vor Aufruhr.
1514
In Württemberg erheben sich Angehörige des Bauernstandes und weiterer unterprivilegierter Gruppen unter dem Schlagwort vom „Armen Konrad“ (eine zeitgenössische Bezeichnung für einen mittellosen Mann) gegen Herzog Ulrich, der seine kostspielige Hofhaltung und den Aufbau eines Verwaltungsapparats durch neue Verbrauchssteuern zu finanzieren sucht. Die Abgaben etwa auf Fleisch und Wein, aber auch auf Getreide treffen Bauern, kleine Handwerker und andere Städter mit geringen Mitteln besonders stark – und das in ohnehin schwerer Zeit, denn mehrfach sind die Sommer nass und die Ernten schlecht ausgefallen. So entwickelt sich der Arme Konrad zu einer ausgedehnten Revolte im gesamten Herzogtum. Zwar bietet der Herrscher durchaus Verhandlungen an, doch ist er kaum zu Zugeständnissen bereit. Unter der Androhung, den Aufstand mithilfe von zwischenzeitlich zusammengezogenen Truppen militärisch niederzuschlagen, geben die Bauern schließlich auf.
1517
Der Wittenberger Theologe Martin Luther veröffentlicht 95 Thesen über Missstände in der römischen Kirche, insbesondere deren Praxis, Gläubigen gegen Geldzahlungen einen sogenannten Ablass zu erteilen, eine Reduzierung der Sündenstrafen im Fegefeuer. Tausende gedruckte Flugschriften verkünden bald im ganzen Reich seine Botschaft von einem gewandelten christlichen Glauben, orientiert allein am Inhalt der Heiligen Schrift und nicht an einer überkommenen, vom Papst geführten Institution. Als Luther sich weigert, seine Kritik an der Kirche zu widerrufen, leitet dies den Bruch mit der römischen Geistlichkeit ein. Es ist der Beginn der Reformation in den deutschen Landen.
1519
28. Juni. Der Enkel des einige Monate zuvor verstorbenen Kaisers Maximilian aus dem Hause Habsburg wird in Frankfurt als Karl V. zum römisch-deutschen König gewählt (im Folgejahr nimmt er zudem den Titel „erwählter römischer Kaiser“ an). Er ist damit Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, eines Verbands von Hunderten Territorien, darunter große Fürstentümer mit teils mächtigen Landesherren, aber auch Gebiete unter geistlichen Fürsten, kleine und kleinste weltliche Herrschaften sowie Reichsstädte. Die Stimmen der Kurfürsten kann sich Karl nur durch gewaltige Bestechungssummen sichern, die vor allem vom Handelskonzern der Fugger aus Augsburg finanziert werden. Der neue Herrscher, der neben der Reichskrone auch über das spanische Königreich samt der Kolonien in Amerika, die reichen Niederlande und die österreichischen Erblande der Habsburger verfügt, ist als strenger Katholik ein erbitterter Gegner Luthers und der reformatorischen Bewegung.
1520
Martin Luther veröffentlicht seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. In 30 oft mit Gegensätzen operierenden Thesen legt er die Grundprinzipien seines theologischen Freiheitsgedankens dar. Bei den unter politischen Missständen und wirtschaftlicher Ausbeutung leidenden Menschen in den deutschen Landen verfängt vor allem dieser Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Er wird zu einem tragenden Teil der Legitimation all jener, die sich bald gegen die andauernde Entrechtung durch die Obrigkeit zur Wehr setzen werden. Luther selbst aber hat damit laut eigener Aussage nur die geistige Freiheit gemeint, nicht die fleischliche.
1521
Auf dem Reichstag in Worms muss sich Martin Luther vor Karl V. und den deutschen Fürsten für seine Kirchenkritik verantworten. Da der Theologe seine Thesen nicht verwerfen will, verhängt der Kaiser kurz darauf die Reichsacht über ihn. Doch die Ausbreitung der Reformation in weiten Teilen des Reiches kann der Herrscher, der sich als Bewahrer der kirchlichen Einheit und Verteidiger des rechten Glaubens sieht, nicht verhindern. So nehmen bald zahlreiche deutsche Städte den neuen Glauben an, darunter Nürnberg, Bremen, Magdeburg, Frankfurt, Goslar, Lübeck und Hamburg. Auch einzelne Reichsfürsten treten in den folgenden Jahren zum Protestantismus über, etwa Kurfürst Johann von Sachsen.
1523
Der Rat von Zürich führt im Einklang mit dem Prediger Ulrich Zwingli die Reformation ein und ordnet das Leben in der Stadt und dem ihr untertanen Gebiet neu. Die zur Eidgenossenschaft zählende Stadtrepublik beherrscht ein ausgedehntes Territorium, das im Norden bis an den Hochrhein reicht. Zwinglis Lehre (die sich in manchen Punkten von der Theologie der Wittenberger Reformatoren um Luther unterscheidet) breitet sich bald auch auf der anderen Seite des Flusses aus. So predigt etwa in der unter habsburgischer Herrschaft stehenden Stadt Waldshut der Pfarrer Balthasar Hubmaier im Sinne dieses neuen Glaubens und findet viele Anhänger unter den Bewohnern des Ortes und der Umgebung.
1524
24. März. Aufgebrachte Bürger zerstören die Wallfahrtskapelle von Mallerbach, in der ein wundertätiges Marienbild verehrt wird. Zuvor hat der im nahen Allstedt wirkende Reformator Thomas Müntzer – anfangs ein glühender Verehrer Luthers, nun aber deutlich radikaler als dieser – die Kapelle als „Spelunke“ bezeichnet und damit vermutlich den Gewaltausbruch heraufbeschworen.
Mai. Einwohner der Ackerbürgerstadt Forchheim im Hochstift Bamberg und Bauern aus der Umgebung erheben sich gegen ihren Landesherrn, den Fürstbischof von Bamberg. Sie fordern freie Jagd und Fischerei, wenden sich, beeinflusst durch einen in Forchheim tätigen reformatorischen Prediger, aber auch gegen Teile der an die Kirche zu leistenden Abgaben sowie bestimmte Privilegien von Geistlichen.
Der Bischof lässt die Stadt bereits wenig später von Söldnern besetzen und beendet so den Aufstand. Doch in weiten Teilen Frankens, darunter auch auf dem großen Territorialbesitz der Reichsstadt Nürnberg, gärt es unter den Untertanen, kommt es, nicht zuletzt beflügelt durch die neue Glaubenslehre, die hier schnell Anhänger findet, zu Protesten und Abgabenverweigerungen.
Pfingsten. Auf einem Landtag in Breisach am Oberrhein warnt Erzherzog Ferdinand von Österreich vor der Ausbreitung des Luthertums und droht dessen Anhängern mit Krieg. Der jüngere Bruder von Kaiser Karl V. hat 1522 von diesem die Landesherrschaft über die gesamten Erblande der Habsburger übertragen bekommen, zu denen neben dem Erzherzogtum selbst die Steiermark und weitere bis an die Adria reichende Territorien sowie die Grafschaft Tirol zählen. Zudem herrscht Ferdinand auch über eine Vielzahl von verstreuten Gebieten im Elsass und im Südwesten des heutigen Deutschlands, unter anderem den Breisgau mit der Stadt Freiburg. Darüber hinaus fungiert er im Reich als Stellvertreter seines kaiserlichen Bruders (dem er 1558 als Ferdinand I. nachfolgen wird).
23. Juni. Die Bauern in der Landgrafschaft Stühlingen am Südostrand des Schwarzwaldes ziehen bewaffnet vor das Schloss des Landesherrn. Traditionell gilt der Aufruhr am Johannisabend als Beginn des Bauernkrieges, obwohl es im Laufe des Jahres 1524 bereits zuvor vereinzelte Unmutsbekundungen von Landleuten an anderen Orten gegeben hat. Wie einige Wochen zuvor schon die Untertanen des nahe gelegenen Klosters Sankt Blasien verlangen die Stühlinger wahrscheinlich die Aufhebung bestimmter Abgaben und Dienste, zudem wohl die Wiederherstellung traditioneller Rechte, etwa auf Jagd und Fischfang. Die Herrschaft in Stühlingen versucht das Landvolk zu beschwichtigen, Verhandlungen über die Einsetzung eines Schiedsgerichts bleiben aber ergebnislos. Die Bauern organisieren sich derweil militärisch und wählen den früheren Landsknecht Hans Müller aus dem Stühlinger Weiler Bulgenbach zu ihrem Hauptmann. Unterstützung finden sie unter den reformatorisch gesinnten Bürgern der nahen Stadt Waldshut, möglicherweise lassen sie sich auch selbst von der dort von Balthasar Hubmaier verkündeten neuen Glaubenslehre inspirieren.
13. Juli. Vor dem kursächsischen Herzog Johann und dessen Sohn hält Thomas Müntzer im Schloss von Allstedt eine Predigt, deren Inhalt zeigt, wie weit er sich von seinem einstigen Lehrer Martin Luther entfernt hat. Den weltlichen Herren, so Müntzer, obliege die Pflicht, gegen die „Gottlosen“ zu kämpfen und so den göttlichen Willen im Sinne der Reformation durchzusetzen. Kämen sie dem aber nicht nach, so sei ihre Herrschaft nicht länger legitimiert, die Untertanen nicht mehr zum Gehorsam verpflichtet. Nicht zuletzt aufgrund des Ausbleibens einer Antwort der Herren auf seine „Fürstenpredigt“ wendet sich Müntzer einige Monate später der Sache der aufständischen Bauern zu, von der er sich nun die Umsetzung seiner religiösen Vision erhofft.
18. Juli. In der Eidgenossenschaft kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen bäuerlichen Anhängern der Reformation und Altgläubigen. Unter dem Eindruck der Lehre Zwinglis stürmen und plündern Landleute das Kartäuserkloster Ittingen.
Sommer. Die in Stühlingen ausgebrochenen Unruhen weiten sich aus, erfassen bald benachbarte Gegenden im Schwarzwald sowie den Klettgau südlich der Landgrafschaft und den Hegau nordwestlich des Bodensees. Regierende und ihre Vertreter warnen sich gegenseitig vor der Formierung eines neuen „Bundschuhs“. Die Angst geht um unter den Herrschenden, zumal aufseiten der Habsburger, die neben dem eigenen Besitz auch als Schutzmacht vieler kleinerer Herrschaften in der Region auftreten. Doch für konkrete Maßnahmen gegen die rebellierenden Landleute fehlt es der lokalen Regierung der Habsburger an Geld, auch weil Erzherzog Ferdinand seine österreichischen Kernlande durch die Expansion des Osmanischen Reiches bedroht sieht und daher andere Prioritäten setzt. Zugleich laufen allerorten Verhandlungen zwischen Obrigkeit und Untertanen, Zugeständnisse an die Protestierenden aber gibt es kaum. Die Herrschenden spielen auf Zeit, um aufzurüsten.
2. Oktober. Es ist Kirchweih in Hilzingen. Doch strömen in diesem Jahr nicht nur tanzfreudige Menschen zur Feier des Weihtages des Gotteshauses in das Dorf im Hegau: Wie zuvor verabredet, versammeln sich auf das Läuten der Sturmglocken hin rund 800 bewaffnete Bauern auf dem Festplatz, um eine Allianz zu gründen.
LANG IST DIE LISTE DER BAUERN ÜBER DIE MISSSTÄNDE
1525
Januar. Weitere Bauerngruppen im Südwesten folgen dem Beispiel der Aufständischen in der Schwarzwaldgegend und dem Hegau. In Oberschwaben bilden sich im Ort Baltringen unweit von Ulm, im Allgäu und am Bodensee nach dem Vorbild von Söldnerheeren organisierte „Haufen“ – mehr oder minder gut bewaffnete Kampfeinheiten des Landvolks. Bald gerät die gesamte im Norden von der Donau, im Osten vom Lech begrenzte Region in Aufruhr.
2. Februar. Georg Truchsess von Waldburg, der bereits im Dienst von Herzog Ulrich von Württemberg 1514 den Aufstand des „Armen Konrad“ beendet hatte, wird zum obersten Feldherrn des Schwäbischen Bundes ernannt, einer Vereinigung von Fürsten, Rittern und Reichsstädten im Gebiet des ehemaligen Herzogtums Schwaben (etwa vom Elsass bis zum Lech); mächtigstes Mitglied ist Erzherzog Ferdinand als Landesherr der habsburgischen Besitzungen in der Region. Zwei Wochen nach seiner Ernennung erklärt der Truchsess die Aufständischen im Hegau zu Landfriedensbrechern und droht ihnen mit massiver Gewalt.
Der zwischenzeitlich aus Württemberg vertriebene Herzog Ulrich verfolgt derweil von einer Burg im Hegau aus die Situation. Nach mehreren Verstößen gegen die Landfriedensordnung war er mit der Reichsacht belegt und schließlich nach einem Überfall auf die Reichsstadt Reutlingen 1519 von den Truppen des Schwäbischen Bundes aus dem Herzogtum gejagt worden, das seither unter habsburgischer Herrschaft steht. Ulrich, einst für seine harsche Steuerpolitik und Willkür berüchtigt, sinnt nun darauf, den Aufruhr zu nutzen, um Württemberg zurückzuerobern. Dafür wirbt er nicht nur eidgenössische Söldner an, sondern versucht auch Kontakte zu den aufständischen Bauern zu knüpfen – deren Vorgänger er einst hatte bekämpfen lassen.
14. Februar. Im Bergbaurevier von Schwaz, Tirol, einem bedeutenden Abbaugebiet für Silber und Kupfer, sperren Tausende bewaffnete Bergknappen die Zufahrtswege ab und ziehen, unterstützt von Bauern aus der Gegend, Richtung Landeshauptstadt Innsbruck. Sie fordern etwa die Wiedereinführung kürzlich gestrichener Feiertage, die Abschaffung verschiedener Abgaben sowie gerechtere Preise für Leder und andere Waren, aber auch Maßnahmen gegen die Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger: Die hatte im Gegenzug für Kredite die Einnahmen aus dem landesherrlichen Hüttenbetrieb überschrieben bekommen und nutzt dies, um die Erzpreise zu drücken. Erzherzog Ferdinand als Regent von Tirol hatte bereits im Vormonat persönlich mit den Aufständischen verhandelt, nun trifft er erneut mit einer großen Menge zusammen und sagt zu, den meisten ihrer Forderungen nachzukommen. Aber den Einfluss der Fugger – der wichtigsten Kreditgeber seiner Dynastie – kann und will der Habsburger nicht beschränken. Die Unruhen gelten als Vorboten des Bauernkrieges im Alpenraum.
24. Februar. Bei Pavia in der Lombardei gelingt den Truppen von Kaiser Karl V. ein spektakulärer Sieg über die Armee des französischen Königs Franz I. Die Schlacht ist Teil des seit Jahren andauernden Ringens zwischen Habsburgern und Frankreich um die Vorherrschaft in Italien, das das Geschehen des Bauernkriegs in mehrfacher Weise beeinflusst: Zum einen bindet es die Aufmerksamkeit und die Mittel des Kaisers außerhalb des Reiches, zum anderen aber auch einen großen Teil der in Europa verfügbaren Söldner. So gelingt es dem Schwäbischen Bund erst nach dem habsburgischen Sieg bei Pavia, aus den nun frei werdenden Söldnern schlagkräftige Truppen mit erfahrenen Kämpfern aufzustellen.
7. März. In der Kramerzunftstube der Reichsstadt Memmingen gründen rund 50 Abgesandte der drei großen oberschwäbischen Bauernhaufen am zweiten Tag ihrer Beratungen die „Christliche Vereinigung“. Die Interessenvertretung ist zugleich Kampf- und Schutzbündnis des Landvolks gegen die Herrschenden. Zudem erarbeiten die Vertreter der Bauernhaufen eine Liste von Theologen, die „göttliches Recht“ sprechen, also schlichten sollen, bei Streitigkeiten zwischen Obrigkeit und Untertanen. Kurz zuvor sind unter der Federführung des Memminger Handwerkers Sebastian Lotzer, vermutlich mit Hilfe des reformierten Predigers Christoph Schappeler, die „Zwölf Artikel“ entstanden, ein mit vielen Verweisen auf die Bibel versehener Forderungskatalog der Bauern, der neben der Abschaffung der Leibeigenschaft und drückender Frondienste auch die freie Wahl von Pfarrern umfasst. Das Manifest erscheint in 25 Druckausgaben mit insgesamt wohl 25 000 Exemplaren und verbreitet sich schnell in den gesamten deutschen Landen.
9. März Herzog Ulrich steht mit eidgenössischen Söldnern und aufständischen Bauern, die sich ihm im Hegau angeschlossen haben, vor Stuttgart. Doch die Einnahme der württembergischen Hauptstadt misslingt, und binnen weniger Tage lösen sich die Truppen auf, wohl auch, weil Ulrich nicht den versprochenen Sold zahlen kann. Hatten vor allem die habsburgischen Regierungsvertreter in der Region lange die Rückeroberungspläne des Herzogs als größte Gefahr in der instabilen Lage angesehen und in ihm sogar den heimlichen Drahtzieher der Bauernaufstände vermutet, ist dessen Vorhaben nun gescheitert, ohne dass es zu größeren Kämpfen gekommen wäre. Ulrich wird bis Ende des Bauernkriegs keine Rolle mehr spielen (1534 gelingt es ihm tatsächlich, Württemberg zurückzugewinnen).
15. März. Im Feldlager der Truppen des Schwäbischen Bundes erklären große Teile der Söldner im Heer, dass sie nicht gegen die aufrührerischen Bauern ins Feld ziehen würden, weil es sich dabei um ihre Freunde handele. Georg Truchsess von Waldburg stellt daraufhin jedem der Landsknechte frei, mit ihm zu kämpfen oder nicht – der jeweilige Söldner müsse sich aber darüber klar sein, dass er dann kaum noch von einer Herrschaft angeworben werden würde. Die Mehrheit der Kämpfer bleibt daraufhin bei dem Heerführer.
Etwa um die gleiche Zeit erheben sich Bauern und ihre Verbündeten in Rothenburg ob der Tauber, im Neckartal und im Odenwald.
4. April. Bei Leipheim an der Donau versucht der bewaffnete örtliche Bauernhaufen das heranziehende Heer des Schwäbischen Bundes durch Beschuss und eine Straßensperre zu stoppen und den Bund, dessen Rat seinen Hauptsitz im nahen Ulm hat, zu Verhandlungen zu bewegen. Doch die von Georg Truchsess von Waldburg angeführte Armee lässt sich nicht beirren und überwältigt die schlecht ausgestatteten Aufständischen. Die erste Schlacht des Bauernkrieges endet für das Landvolk mit einer desaströsen Niederlage: Vermutlich mehrere Tausend Männer fallen im Kampf, werden auf der Flucht von den Söldnern der Fürstenallianz getötet oder ertrinken. Die aufseiten der Aufständischen stehende Stadt Leipheim muss sich ergeben, die Anführer der Bauern werden hingerichtet.
6. April. Die Aufständischen der Landgrafschaft Stühlingen und Bauern aus einigen benachbarten Gebieten legen ihre Beschwerden beim kaiserlichen Reichskammergericht in Esslingen vor, die betroffenen Landesherren hatten ihre Klagen zwei Tage zuvor eingereicht. Nachdem mehrere Versuche, einen Ausgleich zu erreichen, in den vorangegangenen Monaten gescheitert waren, hatten sich beide Seiten schließlich auf dieses Verfahren einigen können. Viele der Aufständischen hatten sich aber, enttäuscht vom zurückhaltenden Vorgehen der gemäßigten Stühlinger Bauern, von diesen getrennt und sich den auf militärischen Kampf eingestellten Bauerngruppen in der Region zugewandt, darunter auch deren einstiger Feldhauptmann Hans Müller von Bulgenbach.
DIE AUTORITÄTEN BLEIBEN HART
16. April. Am Ostermorgen erstürmt der etwa 6000 Mann zählende „lichte Haufen“, ein Verband bewaffneter Bauern vor allem aus dem Neckartal und dem Odenwald, Stadt und Schloss Weinsberg unweit der Reichsstadt Heilbronn. Binnen einer Stunde sind die Kämpfe beendet, der Verteidiger Graf Ludwig von Helfenstein, dessen Frau und Sohn sowie weitere adelige Kämpfer werden gefangen genommen. Die Bauern lassen keine Gnade walten. Sie zwingen die Männer, sich zu entkleiden und bis zum Tod durch Reihen von mit Spießen zustechenden Kämpfern zu laufen. Die Gräfin, eine Tante Kaiser Karls V., und ihr Sohn werden nach der Zahlung eines hohen Lösegeldes auf einem Mistkarren nach Heilbronn gebracht. Der beispiellose Vorfall wird als „Weinsberger Bluttat“ bekannt und dient den Fürsten und ihren Heerführern als Legitimation für eine gnadenlose Niederschlagung der Bauernaufstände und die Exekution Tausender Rebellen.
17. April. Da sich Georg Truchsess von Waldburg beim Kloster Weingarten nördlich der oberschwäbischen Stadt Ravensburg einer gewaltigen Allianz von Aufständischen, vor allem Angehörigen des Seehaufens, gegenübersieht, verzichtet er auf einen Kampf und schließt einen Vertrag mit dem Landvolk. Die Bauern werden nicht belangt, dürfen ihre Waffen behalten und fortan bei Streitigkeiten mit den Herrschenden ein Schiedsgericht anrufen. Allerdings müssen sie weiterhin Abgaben leisten. Mit dem Abkommen sind die Kampfhandlungen in Oberschwaben weitgehend beendet. Der Allgäuer Haufen tritt dem Weingartener Vertrag jedoch nicht bei und kämpft weiter.

18. April. Heilbronn wird von den vereinten Neckartaler und Odenwalder Bauern unter der Bedingung verschont, dass sie die Klöster der Stadt plündern dürfen. Im Verlauf des Monats schreitet die Ausbreitung des Bauernkriegs in den deutschen Landen – von Goslar am Harz im Norden bis zum eidgenössischen Sankt Gallen im Süden – rasant fort, in etlichen Regionen lodern Unruhen auf: in Württemberg etwa, wo Landleute am 25. April die Hauptstadt Stuttgart besetzen, im Elsass, in der Eidgenossenschaft, in den fränkischen Hochstiften Bamberg und Würzburg.
24. April. Erzherzog Ferdinand, alarmiert durch den Aufruhr im Allgäu, ordnet alle obrigkeitlichen Amtsträger in Tirol an, verdächtige Personen zu überwachen, vor allem Menschen, die zu Unruhen aufrufen oder Luthers Ideen verbreiten. Waren bislang nur die habsburgischen Besitzungen im Südwesten von den Bauernaufständen betroffen, befürchtet Ferdinand nun aufgrund der massiven Umtriebe im direkt benachbarten Allgäu ein Übergreifen auf Tirol und damit auf die Kernlande seiner Dynastie. Tatsächlich treffen sich am selben Tag in Sterzing (im heute italienischen Südtirol) 200 Bauern zu einer Versammlung, darunter wohl auch ein Emissär aus dem Allgäu. Die Aufständischen stehen in Verbindung mit Unzufriedenen im Alpenraum, verbreiten dort auch die „Zwölf Artikel“ und andere Druckschriften.
25. April. Georg von Waldburg erhält die Anweisung, mit dem Heer des Schwäbischen Bundes direkt nach Württemberg zu ziehen, um dort gegen die Aufständischen zu kämpfen. Sein eigener Plan, von Oberschwaben zunächst in den Hegau zu ziehen, wo der örtliche Bauernhaufen und der Schwarzwälder Haufen (angeführt von Hans Müller) ihre Kräfte vereint haben und sich anschicken, die gesamte Region unter ihre Kontrolle zu bringen, wird von den Räten des Bundes verworfen.
27. April. Der für sein eigenmächtiges Handeln berüchtigte Adelige Götz von Berlichingen (der „Ritter mit der eisernen Hand“) übernimmt die Führung des Neckartal-Odenwälder Haufens (von dem er sich bereits Ende Mai wieder absetzt). Ob der erfahrene Militärführer sich aus freien Stücken oder aber, wie von ihm später behauptet, unter Zwang und allein mit der Absicht, Schlimmeres zu verhindern, auf das Bündnis einlässt, ist unklar.
Anfang Mai. Mit der „Amorbacher Erklärung“, abgefasst unter anderem von Götz’ Schreiber, erarbeiten einige Hauptleute der Odenwälder und Neckartaler Bauern ein an die „Zwölf Artikel“ angelehntes Papier. Darin werden allerdings nur die Hälfte der Memminger Paragrafen übernommen (unter anderem die freie Pfarrerwahl und die Aufhebung der Leibeigenschaft), die anderen (etwa der Erlass von Frondiensten) werden bis auf Weiteres ausgesetzt. Das von vielen als unterwürfig empfundene Papier entzweit die Bauern des Haufens, wird aber zeitweilig von etlichen fränkischen Adeligen, Städten sowie dem Erzstift Mainz anerkannt. Tatsächlich sind die Obrigkeiten jedoch seit der „Weinsberger Bluttat“ entschlossen, den Aufruhr mit aller Härte zu beenden.
Etwa zeitgleich veröffentlicht Martin Luther seine Flugschrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“. Darin stellt sich der Wittenberger Reformator, der sich spätestens nach der „Weinsberger Bluttat“ von den Aufständischen distanziert hat, klar auf die Seite der Herrschenden – während sich sein einstiger Anhänger Thomas Müntzer im thüringischen Mühlhausen zum radikalen Verfechter der Sache der Bauern aufschwingt.
9. Mai. Eine Gruppe von Landleuten befreit in Brixen einen zum Tode verurteilten Gewalttäter, als der Mann, der vielen in der Gegend als Rebell gegen die Obrigkeit gilt, von Knechten des Fürstbischofs in Ketten über den Domplatz zu seiner Hinrichtung geführt wird. Am Tag darauf verbünden sich Brixener Bürger und Bauern aus dem Umland. Zahlreiche Aufständische ziehen daraufhin in die Stadt, vertreiben die bischöflichen Amtsträger aus der dortigen Burg und plündern Häuser von Klerikern und Edelleuten. Der Bauernkrieg in Tirol hat damit begonnen. Angeführt wird er bald von Michael Gaismair, einem abtrünnigen Schreiber des Fürstbischofs. Gaismair verschafft damit auch einer Mehrheit der Brixener Bürger Stimme und Gewicht im Kampf gegen das fürstbischöfliche Regiment, das den Städtern essenzielle Mitspracherechte verweigert hat. Auch in anderen Teilen Tirols – in der direkt von Erzherzog Ferdinand regierten Grafschaft wie in den darin gelegenen, unter habsburgischer Schirmherrschaft stehenden geistlichen Territorien – kommt es nun zu Aufständen, vor allem im Süden des Gebietes. Im Bergbaurevier von Schwaz bleibt es dagegen ruhig, teilweise bieten dortige Bergleute nun sogar dem Erzherzog ihre Unterstützung an.
12. Mai. In Württemberg besiegt Georg Truchsess von Waldburg bei Böblingen mit einem Heer von 8000 Kämpfern drei vereinte Bauernhaufen in der Gesamtstärke von etwa 12 000 Mann. Auch Böblingen selbst wird erobert. Die verlorene Schlacht ist der Auftakt eines ganzen Reigens von verlustreichen Rückschlägen, die die Aufständischen in den kommenden Wochen gegen den Schwäbischen Bund und andere Fürstenkoalitionen erleiden werden – und die Niederlagen werden in der Folge nicht wenige Haufen dazu bringen, sich aufzulösen.
15. Mai. Nahe dem thüringischen Frankenhausen unterliegen die vom Prediger Thomas Müntzer aufgestachelten Mühlhäuser Bauern und Verbündete in einer großen Schlacht dem Heer einer Fürstenkoalition unter dem Befehl des Landgrafen Philipp von Hessen. Dem ungleichen Kampf, in dem die Bauern kaum eine Chance haben, ist wie so oft in diesem Konflikt eine Phase der Verhandlungen vorangegangen, die aber zu keiner Einigung geführt hat.
Gewalt. Die Stadt hatte den Aufständischen am 5. Mai aus Sympathie mit deren Sache die Tore geöffnet und war zum Sammelplatz elsässischer Landleute geworden. Bei Kämpfen am 15./16. Mai konnten sich die Bauernhaufen anfangs behaupten und sogar ihren unbewaffneten Abzug aus Zabern aushandeln. Als die Landleute aber am Morgen des 17. Mai an den Söldnern vorbeimarschieren, Thomas Müntzer sowie einige Anführer des Aufstandes überleben die Schlacht, geraten aber in Gefangenschaft. Müntzer wird gefoltert und am 27. Mai 1525 hingerichtet. Sein abgetrennter Kopf steht noch Jahre aufgespießt unweit der einstigen Rebellenhochburg Mühlhausen.
ALLERORTEN WÜTET BALD DIE GEWALT
17. Mai. Zabern, die Residenzstadt des Fürstbischofs von Straßburg, wird Schauplatz einer weiteren Eskalation der fallen diese über die Wehrlosen her, dringen in die Stadt ein und verüben ein Massaker unter Rebellen und Einwohnern, das nur ein kleiner Teil der Bevölkerung überlebt.
20. Mai. Im Erzgebirge versammeln sich die Bergleute von Sankt Joachimsthal (heute Jáchymov in Tschechien), um unter anderem gegen die um sich greifende Korruption der Bergbeamten zu protestieren. Die Unruhen, denen sich hier – wie schon zuvor im Bergbaurevier von Schwaz in Tirol – zeitweise Landleute anschließen, können durch einen Vergleich beendet werden, der auf einen Großteil der Forderungen der Knappen eingeht. Auch auf der sächsischen Seite des Erzgebirges kommt es in dieser Zeit zu Aufständen von Bergleuten, dauerhafte Kampfbündnisse mit Bauern in der Region entstehen jedoch nicht.
23. Mai. Freiburg muss vor den Schwarzwälder Bauern unter Hans Müller und mehreren weiteren Haufen aus dem Breisgau und dem Markgräflerland kapitulieren, die die habsburgische Stadt in den vorangegangenen Tagen belagert haben. Müller erzwingt einen Beistandspakt, der unter anderem Zahlungen an die Bauern vorsieht und die Stellung von Söldnern und Geschützen (woran sich die Stadt später nicht halten wird). Auch die Hegauer Bauern nutzen die Abwesenheit größerer gegnerischer Kontingente und dringen bis in die Nähe von Konstanz vor.
24. Mai. Die Bergknappen von Gastein im Erzstift Salzburg erklären den Aufstand gegen ihren geistlichen Landesherrn und rufen auch die Bauern der Gegend dazu auf. Die Erhebung, die durch die Kampferfahrung vieler Knappen von Anfang an eine bisher nicht gesehene Wucht erreicht, gipfelt Anfang Juni in der Einnahme der erzbischöflichen Residenzstadt Salzburg.
25. Mai. Im „Vertrag von Renchen“ einigen sich Markgraf Philipp von Baden, lokale Fürsten und Aufständische gütlich. Im Gegenzug dafür, dass das Landvolk ihnen erneut huldigt und ihre Herrschaft anerkennt, kommen die Adeligen den Bauern in Punkten wie Pfarrerwahl, Abgaben und Lockerung der Leibeigenschaft sehr weit entgegen. Noch im 18. Jahrhundert werden sich Bauern auf dieses Abkommen berufen.
2. Juni. Verschanzt in einer Wagenburg bei Königshofen in Franken, erwarten auf der Flucht befindliche Aufständische das heranziehende Heer des Schwäbischen Bundes unter Georg Truchsess von Waldburg. Zunächst können die Rebellen die Söldner auf Distanz halten, dann aber lockern sich ihre Linien – warum, ist unklar –, und der gegnerischen Reiterei gelingt es, die Reihen der Bauern aufzubrechen. Der Blutzoll unter den Aufständischen ist erneut immens. Mindestens 3000 Landleute fallen, das Bundesheer hat nur etwa 50 Tote zu beklagen. Zwei Tage später erleidet ein weiteres Kontingent der Bauern, das eigentlich den Verbündeten in Königshofen zu Hilfe eilen wollte, bei Giebelstadt nahe Würzburg eine vernichtende Niederlage. Bis zur Monatsmitte werden auch alle abtrünnigen Städte des Erzbistums Mainz von der Obrigkeit zurückerobert.
6. Juni. Die Truppen des Schwäbischen Bundes ziehen vor die Tore Würzburgs und stellen der aufseiten der Bauern stehenden Stadt ein Ultimatum und harte Bedingungen, etwa Strafzahlungen und eine vollständige Entwaffnung. Die Übergabe der Stadt erfolgt am Tag darauf. Noch am 7. Juni müssen alle Würzburger, Bürger anderer Stiftsstädte und Bauern getrennt nach Herkunft antreten, Namen werden aufgerufen und viele der so Benannten umgehend hingerichtet. Andere Städter, die mit den Bauern sympathisiert hatten, werden eingekerkert, teils gefoltert und als gebrochene Männer entlassen – darunter der berühmte Holzbildhauer und einstige Würzburger Bürgermeister Tilman Riemenschneider.
12. Juni. In Innsbruck tritt der Tiroler Landtag zusammen – unter Beteiligung der Aufständischen, die hier ihre zuvor ausgearbeiteten Forderungen zur Beratung bringen können. Auch muss es Landesherr Erzherzog Ferdinand hinnehmen, dass auf Drängen der Landleute die Geistlichkeit von den Verhandlungen ausgeschlossen wird. Beeinflusst von der Reformation, zählen zu den Kernforderungen der Aufständischen die Auflösung aller Klöster, die Verstaatlichung des gesamten Kirchenbesitzes, das Gebot, dass Kleriker nicht gleichzeitig weltliche Macht ausüben dürfen, und die freie Pfarrerwahl. Die Religionsfrage steht für den altgläubigen Ferdinand allerdings nie wirklich zur Diskussion, diesbezügliche Beschlüsse des Landtags werden zu keiner Zeit umsetzt. Die im Jahr darauf veröffentlichte Tiroler Landesordnung (eine Art erste Verfassung) berücksichtigt gleichwohl etwa 60 der insgesamt 96 von Bauern und Bürgern eingereichten Beschwerden, doch kommt sie vor allem den reicheren Landleuten und betuchten Städtern entgegen, bringt der ärmeren Bevölkerung hingegen kaum Erleichterung oder größere Freiheiten. Michael Gaismair, der als Anführer des Aufstands in Brixen viel zum Zustandekommen des „Bauernlandtags“ beigetragen hatte, tritt dort selbst kaum in Erscheinung.
19./20. Juni. Der Schwarzwälder Haufen trifft vor Radolfzell ein und unterstützt die Hegauer Bauern, die seit Anfang des Monats die habsburgische Stadt am Bodensee belagern. Viele aufständische Gruppen in der Region versuchen derweil, für sie relativ günstige Abkommen ähnlich dem Renchener Vertrag mit der Obrigkeit auszuhandeln oder zumindest Kapitulationsbedingungen ohne starke Repressionen. Nachrichten über die Niederlage in Franken machen die Runde, die Ankunft gegnerischer Truppen rückt näher.
23. Juni. Ein Heer des pfälzischen Kurfürsten, das an der Niederschlagung der aufständischen Bauern in Franken beteiligt war und anschließend nach Westen gezogen ist, besiegt einen Bauernhaufen, der sich in der Stadt Pfeddersheim bei Worms verschanzt hat. In der Schlacht, dem letzten großen Gefecht im nördlichen Aufstandsgebiet, und bei den sich anschließenden Massakern kommen rund 4000 Bauern und Stadtbewohner ums Leben.
27. Juni. Im vormaligen Augustinerkloster in Wittenberg feiern Martin Luther und Katharina von Bora ihre zwei Wochen zuvor begangene Hochzeit. Unter den Gästen sind der kursächsische Hofmaler Lucas Cranach und die Reformatoren Johannes Bugenhagen und Philipp Melanchthon; der Kurfürst selbst und der Rat der Stadt senden Geschenke. Die Eheschließung des ehemaligen Mönchs Luther und der einstigen Nonne Katharina von Bora, die zwei Jahre zuvor aus dem Kloster entlaufen war, stößt bei Altgläubigen auf heftige Ablehnung sowie Hohn und Spott. Der Termin auf dem Höhepunkt des Bauernkrieges wird aber auch von protestantischen Zeitgenossen kritisiert. Doch der Zeitpunkt ist von Luther bewusst gewählt: Von der einen Seite als der eigentliche Schuldige an den Aufständen angesehen, von der anderen Seite als Verräter an der von reformatorischen Gedanken beflügelten Sache der Bauern angefeindet, will er ein Zeichen setzen, dass er sich nicht unterkriegen lässt.
Ende Juni. Während das Bundesheer von Franken Richtung Allgäu zieht, erreichen von Erzherzog Ferdinand im Namen des Schwäbischen Bundes entsandte Truppen Radolfzell und sprengen die Belagerung durch die Bauern. Am 1. Juli verlassen die Schwarzwälder den Bodensee, wenige Tage später ziehen auch die Hegauer ab, beide Haufen lösen sich auf (Müller wird später gefangen genommen und am 12. August hingerichtet). Gnadenlos löschen die Bundestruppen den letzten Widerstand in der Gegend aus, Dutzende Dörfer gehen in Flammen auf. Neben anderen Aufständischen suchen nun
Aufständischen im Allgäu, wo große Kontingente des Allgäuer Landvolks Stellung bezogen haben. Es kommt zu einigen Scharmützeln. Doch als das Bundesheer am Morgen des 15. Juli die anstehende Schlacht eröffnen will, sind nahezu alle Bauern abgezogen. Die Gründe dafür sind bis heute unklar; möglicherweise haben die Hauptleute der Bauern angesichts der Stärke des Bundesheeres beschlossen, dass ein auch die Stühlinger Bauern die Kapitulation und huldigen am 12. Juli ihrem Landesherrn.
ZEHNTAUSENDE FALLEN IM KRIEG
3. Juli. Unter der Führung des Bergbauunternehmers Michael Gruber gelingt einem Heer aus aufständischen Salzburger Bauern und Bergknappen bei Schladming, unweit der Grenze zum Erzstift in der habsburgischen Steiermark, ein herausragender militärischer Erfolg: der Sieg über eine von Erzherzog Ferdinand entsandte Söldnerarmee. Gleichwohl kann dieser in der Folge ein weiteres Ausgreifen der Aufstände in der Steiermark und im eigentlichen Erzherzogtum Österreich unterbinden. Die Stadt Schladming lässt er zerstören und niederbrennen.
13. Juli. Die Armee des Schwäbischen Bundes unter Georg von Waldburg rückt auf Leubas vor, den unweit von Kempten gelegenen wichtigsten Versammlungsplatz der Kampf aussichtslos ist. Dennoch kommt es zu Gewalt und Verwüstung. Denn Georg von Waldburg lässt die Aufständischen mit aller Härte verfolgen und deren Dörfer niederbrennen.
16. August. An der Salzach langen die Truppen des Schwäbischen Bundes an, mittlerweile unter dem Kommando von Georg von Frundsberg, ihnen gegenüber stehen die Salzburger Aufständischen unter Michael Gruber, dem Sieger von Schladming. Doch eine große militärische Konfrontation bleibt aus, die Parteien schließen am 31. August einen Waffenstillstand. Die Untertanen müssen dem Erzbischof zwar als Landesherrn huldigen, Reparationen zahlen und alle Geiseln in die Freiheit entlassen, werden aber ansonsten nicht belangt. Bei künftigen Beschwerden gegen ihren Herrn sollen die Fürsten von Österreich und von Bayern (dessen Herzöge ebenfalls Mitglieder des Schwäbischen Bundes sind) sowie weitere Angehörige des Bundes als Schlichter fungieren. Frieden für das Salzburger Land bedeutet dies aber noch nicht: Ein im Oktober abgehaltener Landtag, bei dem die Forderungen nochmals vorgetragen, aber größtenteils abgewiesen werden, sorgt bei vielen für Enttäuschung, ein Teil der Bauern und Bergleute setzt den Aufstand fort.
Oktober. Michael Gaismair, zwei Monate zuvor wegen seiner Beteiligung an der Plünderung eines Klosters während des Brixener Aufstands verhaftet, gelingt die Flucht aus dem Gefängnis in Innsbruck. Nach dem Ende des Tiroler Landtags im Juli war unter jenen, die mit den dort gefassten Beschlüssen unzufrieden waren, erneut Widerstand aufgebrandet, den Erzherzog Ferdinand nun aber konsequent niederschlagen ließ. So sieht Gaismair bald nach seinem Ausbruch keine Möglichkeit, etwas in Tirol zu erreichen, und verlässt das Land. Den Winter über hält er sich im mit der Eidgenossenschaft assoziierten Graubünden auf, wo er vermutlich eine Art radikalen Gegenentwurf zur Tiroler Landesordnung verfasst. Das ihm zugeschriebene Werk propagiert von der Reformation beeinflusste egalitäre und frühdemokratische Überzeugungen, ist jedoch nicht mehr als eine Utopie ohne Chance auf Umsetzung.
4. November. Bei Grießen im Klettgau trifft ein Aufgebot von lokalen Adeligen auf den Bauernhaufen der Gegend und schlägt diesen vernichtend. Die letzte Schlacht des Bauernkrieges nördlich der Alpen endet wie so viele Auseinandersetzungen zuvor mit Hunderten Toten unter den Bauern, der Zerstörung des Dorfes und der grausamen Bestrafung der Anführer.
Anfang Dezember. Die Stadt Waldshut, die mit der frühen Hinwendung ihrer Bürger zur Reformation und dem anhaltenden Widerstand gegen ihren habsburgischen Herrn wichtigen Anteil an den Bauern aufständen der Region hatte, kapituliert. Der dort wirkende Theologe Balthasar Hubmaier – mittlerweile ein glühender Vertreter der Täuferbewegung, deren Mitglieder unter anderem die Kindstaufe ablehnen – sowie viele seiner Anhänger verlassen die Stadt.
1526
20. Januar. Im „Memminger Vertrag“ regeln der Fürstabt des Fürststifts Kempten und seine Untertanen ihr weiteres Zusammenleben: Das Landvolk soll fortan vor herrscherlicher Willkür beschützt werden und mehr Rechtssicherheit erhalten. Schon im Vorjahr haben die Bürger der Reichsstadt Kempten, in die sich der Fürstabt vor den Aufständischen geflüchtet hatte, die Lage des bedrängten Geistlichen zudem geschickt für ihre Belange genutzt. Sie kauften ihm für 30 000 Gulden alle Rechte ab, die das Fürststift bis dahin noch in und an der Stadt besaß.
Frühjahr. Das Salzburger Land wird zu einem Sammelbecken all jener Landleute, die den Kampf noch nicht aufgegeben haben. Lokale Aufständische verbünden sich mit Flüchtlingen aus den benachbarten habsburgischen Territorien Steiermark und Tirol, aber auch aus dem Allgäu und weiter entfernten Gebieten. Die Reaktion der Obrigkeiten lässt nicht lange auf sich warten, doch gelingen den Rebellen einige militärische Erfolge. Im Mai stößt auch Michael Gaismair zu ihnen und wird umgehend neuer Anführer der verbliebenen Kämpfer. Auf der Flucht vor Truppen des Schwäbischen Bundes (dem der Erzbischof von Salzburg inzwischen beigetreten ist) ziehen sie im Juli in Gaismairs Südtiroler Heimat und, als sie auch dort keine Unterstützung finden können, über die Grenze zur Republik Venedig. Der Bauernkrieg in den deutschen Landen ist damit endgültig beendet.
27. August. Mit einem Reichsabschied endet der seit Juni unter dem Vorsitz von Erzherzog Ferdinand als Stellvertreter seines Bruders Kaiser Karl V. tagende Reichstag zu Speyer. Die Reichsstände setzen sich in dem Dokument auch mit dem zurückliegenden Bauernkrieg auseinander. Der Abschied wertet jede Form des Aufruhrs als Landfriedensbruch, der hart bestraft werden muss. Zugleich eröffnet er aber auch allen Untertanen den Rechtsweg, gesteht ihnen also das Recht zu, ihre Forderungen gerichtlich prüfen zu lassen. Mehr als 70 000 Menschen sind in dem rund zwei Jahre währenden Konflikt im Kampf gefallen, in Gefangenschaft gestorben, hingerichtet oder auf der Flucht erschlagen worden. Der Blutzoll der ersten großen sozialen Erhebung der deutschen Geschichte ist hoch, die Zerstörungen von Dörfern, Klöstern, Burgen, Schlössern und Städten immens. Konkrete Erfolge, etwa die Verringerung der Abgabenlast oder die Zurückerlangung angestammter Rechte, haben die Bauern nur regional erreichen können, in vielen Gegenden erlangen sie allenfalls marginale Verbesserungen. Die Abschaffung der Leibeigenschaft aber, eine der zentralen Forderungen der „Zwölf Artikel“ von Memmingen, wird in weiten Teilen der deutschen Lande noch weitere Jahrhunderte auf sich warten lassen.
Quellen:
-> Barbara Schratzenstaller, Bauernkrieg, 1524-1526, publiziert am 07.05.2025; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bauernkrieg,_1524-1526> (31.01.2026)
