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Militär und Gesellschaft im Bauernkrieg

Inhaltsverzeichnis

  1. Truppen und Waffen. Wie die Aufständischen im Bauernkrieg kämpften.
  2. Schlacht von Hemmingstedt. Kampf um die Bauernrepublik.

1. Truppen und Waffen. Wie die Aufständischen im Bauernkrieg kämpften

Auch wenn ihre vernichtenden Niederlagen in den Schlachten bei Frankenhausen, Leipheim oder Königshofen etwas anderes suggerieren. Die Aufständischen des Bauernkriegs waren keineswegs nur schlecht bewaffnete und im Kampf unerfahrene Bauern-Haufen. Dass sie ihren adligen Gegnern dennoch unterlagen, hatte andere Gründe. Wie und mit welchen Waffen die Rebellen im Bauernkrieg 1524-1526 kämpften.

Es ist ein furchtbares Gemetzel, das sich am 15. Mai 1525 bei Frankenhausen abspielt. Auf dem Hausberg der nordthüringischen Stadt verheißt der Prediger Thomas Müntzer den bis zu 8.000 versammelten Rebellen gerade den Sieg über das aufmarschierte Fürstenheer, als plötzlich von überallher Kanonenkugeln einschlagen. Von allen Seiten greifen Reiter und Landsknechte die Wagenburg der Aufständischen an. Die Attacke trifft die Bauern und Bürger des Frankenhäuser Haufens überraschend. Fast ohne Gegenwehr geben sie ihre Stellung auf. In Panik fliehen sie bergab nach Frankenhausen. Doch den 4.000 Landsknechten und 2.000 Reitern des gegnerischen Fürstenheeres entgehen sie nicht. In einem Hohlweg, der heute den Namen "Blutrinne" trägt, werden die Aufständischen massenweise abgeschlachtet. Auch in Frankenhausen selbst werden alle Männer getötet. "An die 6.000 sind tot verblieben und 600 gefangen genommen", bilanziert Landgraf Philipp von Hessen das Blutbad.

Das "Schlachten" von Frankenhausen

Schädel eines verwundeten Mannes in der Ausstellung in der Kornmarktkirche mit der Gedenkstätte zum Deutschen Bauernkrieg
Schädel eines verwundeten Mannes in der Ausstellung zum Bauernkrieg in der Kornmarktkirche Mühlhausen.Bildrechte: IMAGO / Funke Foto Services

Frankenhausen gilt bis heute als eine der bedeutendsten Schlachten des Bauernkriegs, wobei "Schlacht" nicht selten in Anführungszeichen gesetzt wird. In der Tat kann von einer echten Schlacht im Sinne von zwei sich in intensiven Gefechten bekämpfenden Heeren keine Rede sein. Die Bauern und Bürger des Frankenhäuser Haufens werden am Nachmittag des 15. Mai 1525 fast ohne Gegenwehr abgeschlachtet. Das 6.000 Mann zählende Fürstenheer unter Landgraf Philipp von Hessen, Herzog Heinrich von Braunschweig und Herzog Georg von Sachsen soll dabei nur sechs Kämpfer verloren haben. Das "Schlachten" von Frankenhausen scheint das Stereotyp zu bestätigen, wonach es sich bei den Aufständischen des Bauernkriegs durchweg um kampfunerfahrene, mit Sensen, Dreschflegeln und Mistgabeln bewaffnete Bauern gehandelt habe. Doch dem ist nicht so.

Mehr als Sensen und Sicheln

Fahnenträger und Trommler im Bauernkrieg 1525 Gravur von Hans Sebald Beham 1544
Fahnenträger und Trommler im Bauernkrieg 1525, Gravur von Hans Sebald Beham 1544.Bildrechte: IMAGO/piemags

Zwar sind selbstgefertigte Waffen wie gestreckte Sensen oder Sicheln mit Schaft zu Beginn des Aufstands 1524/25 durchaus nicht selten. Doch mit der Einnahme von Burgen und Städten gelangen die Rebellen zunehmend in den Besitz modernerer und effektiverer Waffen. Aber auch zuvor sind zahlreiche Untertanen im römisch-deutschen Reich weder waffen- noch wehrlos. Vor allem im Südwesten Deutschlands sorgt die sogenannte Landfolgepflicht, eine Wehrpflicht im Verteidigungsfall, dafür, dass Bauern und Bürger mit "Wehr und Harnisch" ausgestattet sind. Nicht wenige Bauern sammeln als "Reisläufer" (als Fußsoldaten dienende Söldner) militärische Erfahrungen. Nach dem Vorbild der Landsknechtsheere versammeln sich auch die Aufständischen des Bauernkriegs in "Haufe" oder "Haufen". Allerdings sind diese Heerhaufen nicht auf eine bestimmte Zahl, sondern auf ein bestimmtes Herkunftsgebiet festgelegt, weshalb Größenordnungen von 4.000 bis 18.000 Mann überliefert sind.

Nach dem Vorbild der Landsknechte

Bewaffnete Bauern während des Bauernkrieges Holzschnitt-Titelblatt zur Bundersordnung der Bauern 1525
Bewaffnete Bauern während des Bauernkrieges, Holzschnitt-Titelblatt zur Bundersordnung der Bauern 1525.Bildrechte: IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive

Von den Landsknechten übernehmen die Haufen des Bauernkriegs auch ihre Unterteilung in Fähnlein (500 Mann) und Rotten (10 bis 15 Mann). Es gibt regelmäßige militärische Übungen und die Aufstellung in quadratischer Schlachtordnung entspricht der damaligen Kriegskunst. Auch die militärischen Ämter wie der Oberste Feldhauptmann des Haufens, die Hauptmänner über die Fähnlein, die Leutinger zur Unterstützung des Obersten Feldhauptmanns, die Fähndriche, Feldwaibel, Rottmeister usw. gehen auf das Vorbild der Landsknechtsheere zurück. Vor allem die mittleren Ämter werden von militärisch erfahrenen Männern besetzt, von denen es nicht wenige gibt. Bei den zu wählenden Obersten Feldhauptleuten und Hauptleuten ist das oft nicht so. Aber auch hier gelangen immer wieder erfahrene Kriegsleute an die Spitze schlagkräftiger Haufen. Zu nennen sind etwa die Reichsritter Bernhard Schenk von Winterstetten, Götz von Berlichingen, Florian Geyer von Giebelstadt oder der ehemalige kaiserliche Landsknecht Hans Müller von Bulgenbach, der am 23. Mai 1525 mit einem Rebellenheer Freiburg einnimmt – immerhin der größte Sieg von Aufständischen im Bauernkrieg.

Söldner, Hakenbüchsen und Kanonen

Ritter Florian Geyer von Giebelstadt, Darstellung vermutlich Ende 19. Jahrhundert
Der Ritter Florian Geyer von Giebelstadt ist einer der bekanntesten adligen Hauptleute im Bauernkrieg, Darstellung vermutlich Ende 19. Jahrhundert.Bildrechte: IMAGO/piemags

Nach den Plünderungen von Klöstern und Burgen und der Einnahme von Städten verfügt mancher große Rebellen-Haufen auch über genügend Geldmittel, um Söldner zu Fuß und zu Pferde anzuwerben. So soll der bis zu 15.000 Mann starke Seehaufen aus dem Gebiet nördlich des Bodensees in Oberschwaben im April 1525 rund 5.500 professionelle Soldaten in seinen Reihen haben. Zudem verfügt er über mehr als 4.000 Hakenbüchsen (frühe Vorderlader), was eine beachtliche Feuerkraft darstellt. Auch bei der Anzahl der Artilleriestücke sind zumindest die großen Haufen Südwestdeutschlands ihren Gegnern durchaus ebenbürtig oder zuweilen sogar überlegen. Und dennoch enden alle großen Feldschlachten des Bauernkriegs für die Aufständischen in einer Katastrophe. Trotz numerischer Überlegenheit sind die "Bauernhaufen" den professionellen Söldnerheeren des Schwäbischen Bundes und anderer Reichsstände unterlegen.

Zahlenmäßig überlegen aber zerstritten

Reichsritter Götz von Berlichingen zu Hornberg
Götz von Berlichingen wird zum Hauptmann des Neckartal-Odenwälder Haufens bestimmt, setzt sich aber fünf Tage vor dessen Vernichtung am 2. Juni 1525 bei Königshofen ab. Bildrechte: IMAGO / Zoonar

Die Gründe sind vielschichtig. Obwohl schätzungsweise 200.000 Aufständische (ohne Tirol und Salzburg) 1525 am Bauernkrieg beteiligt sind, bleiben ihre Aktionen regional voneinander getrennt. Zu einem reichsweiten koordinierten Vorgehen kommt es nicht. Die Anführer der verschiedenen regionalen Haufen kennen sich oft gar nicht. Ihre adligen Gegner sind hingegen gut vernetzt. Dort, wo mehrere Haufen gemeinsam agieren, sind Konflikte unter den Anführern vorprogrammiert. Aber auch innerhalb der Haufen herrscht häufig Misstrauen gegenüber den Hauptleuten. Die Absetzung auch von befähigten Anführern oder deren Rückzug sind Folgen dieses ständigen inneren Zwists. Für den Dresdner Historiker Gerd Schwerhoff sind das die Ursachen dafür, "dass viele Bauernhaufen bereits im Angesicht der feindlichen Heere ihre Ordnung nicht aufrecht erhalten konnten und in eine Massenpanik gerieten". Auch bei den Gegnern der Aufständischen sind Konflikte an der Tagesordnung. Doch im Kampf bewährt sich die Professionalität der feudalen Söldnerheere mit ihren klaren Kommandostrukturen und klaren militärischen Regeln.

Fehlen einer Reiterei kriegsentscheidend

Aber selbst dort, wo sich die Haufen der Aufständischen im Kampf zunächst als ebenbürtig erweisen, sind sie nicht in der Lage, taktische Erfolge in komplette Siege umzumünzen. Der Grund ist das weitgehende Fehlen einer Kavallerie, die einen fliehenden Feind verfolgen und vernichten kann.

Schlacht bei Pavia am 24. Februar 1525,  Öl auf Holz, gemalt 1525-1530 von einem unbekannten Künstler
Schwere deutsche Reiterei in der Schlacht bei Pavia am 24. Februar 1525, Unbekannter Künstler, Öl auf Holz, 1525-1530.Bildrechte: imago/United Archives International

Für den Leipziger Historiker Manfred Bensing ist das "Fehlen einer Reiterei kriegsentscheidend". Ohne sie hätten die Rebellen-Haufen dem Zusammenspiel von Fußvolk, Artillerie und Reiterei der Fürstenheere nichts entgegenzusetzen vermocht. Ihre Taktik habe deshalb "vorwiegend defensiv" sein müssen. Bensing macht "ideologische Gründe" für diesen Missstand verantwortlich. So hätten verschiedene Feldordnungen das Mitführen "reisiger Pferde" (Kriegsrösser) verboten. Abgesehen von wenigen berittenen Söldnern, hätten nur die gewählten Hauptleute den Haufen voranreiten dürfen. "Niemand sollte sich über den anderen erheben, ausgenommen die vom Volk eingesetzte Obrigkeit." Dem Fehlen einer Reiterei in den Haufen der Aufständischen stehen die flexibel operierenden Kavallerieverbände der Fürstenheere gegenüber. Sie verschaffen diesen einen entscheidenden Vorteil bei der Aufklärung, im Gefecht und in der Verfolgung. Tatsächlich sind es vor allem die Reiter der Fürstenheere, die bei Massenpaniken unter den Bauern für die größten Blutbäder sorgen.

Wagenburgen und defensives Operieren

Wagenburg der Bauern bei Königshofen 1525, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert
Wagenburg der Bauern bei Königshofen 1525, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.Bildrechte: IMAGO / H. Tschanz-Hofmann

Neben dem "Fehlen einer Reiterei" steht für Gerd Schwerhoff die Wagenburg als Sinnbild für das "defensive Operieren" der Aufständischen im Bauernkrieg. Die in den Schlachten bei Königshofen und Frankenhausen eingesetzten Wagenburgen der Rebellen haben allerdings nichts mit den einst gefürchteten Wagenburgen der Hussiten gemein, wie Schwerhoff erklärt: "Der Umgang mit dieser 'beweglichen Festung' erforderte große Disziplin und strikte Kommandostrukturen, die den Bauernhaufen abgingen." Auch die am 15. Mai 1525 auf dem Hausberg von Frankenhausen stehende Wagenburg bietet den 8.000 Bauern und Bürgern des Frankenhäuser Haufens keinen Schutz.

Frankenhausen offenbart Schwächen

Panoramamuseum auf einer Anhöhe vor Bad Frankenhausen
Auf dem Schlachtberg von Bad Frankenhausen erinnert seit 1989 das Panorama-Museum mit dem Bauernkriegspanorama von Werner Tübke an die Schlacht von 1525.Bildrechte: imago/photo2000

Die "Schlacht" bei Frankenhausen steht symbolhaft für vieles, was die Unterlegenheit der Aufständischen im Bauernkrieg ausmacht. Ihren kampferprobten Gegnern ist die Mehrzahl von ihnen hinsichtlich militärischer Professionalität und Tötungsroutine unterlegen. Hinzu kommt der permanente Zwist innerhalb der Rebellen-Haufen, der überlebenswichtige Entscheidungen in schwierigen Situationen verzögert. Auch bei Frankenhausen diskutieren die Aufständischen kurz vor ihrer Vernichtung, ob sie sich den Fürsten ergeben und ihre Anführer ausliefern oder weiterkämpfen sollen. Sie lassen sich von Thomas Müntzers flammender Siegespredigt von letzterem überzeugen. Doch da ist es bereits zu spät. Kurz darauf werden fast alle von ihnen in einer einzigen Orgie der Gewalt abgeschlachtet.

 

2. Schlacht von Hemmingstedt. Kampf um die Bauernrepublik.

Jahrzehntelang leben die Dithmarscher Landleute unabhängig von ihrem Adelsherrn. Doch im Jahr 1500 versucht Dänemarks mächtiger König, sie niederzuzwingen – und schickt eine gefürchtete Söldnertruppe

 
MEHR ALS 10000 Mann bietet der Dänenkönig gegen 6000 Bauernkrieger auf. Am 17. Februar 1500 kommt es zur Schlacht

 

Knietief versinken die beiden Späher im Schlamm, als sie gegen Mittag des 17. Februar 1500 auf der schmalen Straße Richtung Norden stapfen. Eisiger Regen prasselt auf sie ein, durchnässt ihre Kleider, raubt ihnen die Sicht auf ihrem Weg durch das Marschland. Eine braune, morastige Fläche umgibt sie, durchzogen von Entwässerungsgräben. Irgendwo zu ihrer Linken wogt die Nordsee im Sturm gegen Deiche. Vor ihnen führt der aufgeweichte Weg in konturloses Grau.

Die beiden Kundschafter, die hier nahe dem Dorf Hemmingstedt durch Dithmarschen ziehen, knapp 100 Kilometer nordwestlich von Hamburg, gehören zur Schwarzen Garde, einer gefürchteten Söldnertruppe, deren Kämpfer sich oft in dunkle Wämser kleiden. Greise, Frauen, Kinder, Soldaten, Ritter – alle machen sie nieder. Ihr Anführer Thomas Slentz kommt wohl aus Köln, unter seinem Befehl stehen Tausende Deutsche, Niederländer, Spanier, Schotten, Schweizer.

Jetzt hat einer der mächtigsten Könige Europas die Kämpfer angeheuert: Johann von Dänemark, Herrscher auch über Schleswig und Holstein, Norwegen und Schweden. Den etwa 3500 Gardisten hat er eigene Ritter, Fußsoldaten sowie knapp 30 Kanonen zur Seite gestellt. Insgesamt marschieren hinter den zwei Kundschaftern mehr als 10000 Kämpfer durch die flache Ebene.

Und diese Soldaten sind nicht an die Nordseeküste gezogen, um gegen das Heer eines anderen Fürsten zu kämpfen, ja nicht einmal gegen Soldaten. Es geht gegen Landleute, die sich weigern, die Autorität des dänischen Königs anzuerkennen und in einem autonomen Staat zusammenleben: der Bauernrepublik Dithmarschen.

Bislang konnte das Heer des Dänenkönigs fast ohne Widerstand vorrücken, hat weitgehend ungestört die Stadt Meldorf geplündert. Jetzt zieht es weiter Richtung Hemmingstedt, um auch Dithmarschens Norden zu erobern. Da zeichnen sich vor den Augen der Kundschafter dunkel die Umrisse eines Hindernisses ab.

Wie eine Wand zieht es sich über die Straße. Plötzlich hallt Kanonendonner über die Marsch; ein Geschoss zerreißt einen der Späher. Die Bauern greifen an!

So beginnt an diesem Februartag des Jahres 1500 die Schlacht zweier ungleicher Armeen: ein zu weiten Teilen hochgerüsteter Militärapparat gegen eine Schar meist untrainierter Landleute. Doch die Bauern verfügen über eine Waffe, von der die Soldaten nichts ahnen und die mächtiger ist als jedes Schwert: die Nordsee.

DITHMARSCHEN IST EINE 50 Kilometer lange und bis zu 35 Kilometer breite Region an der Westküste des heutigen Schleswig-Holstein. Begrenzt wird der Landstrich im Norden von der Eider, im Süden von der Elbe und im Osten von Sümpfen und Mooren. Der Großteil des Gebiets ist so flach, dass Stürme die Fluten der Nordsee oft weit ins Landesinnere tragen.

Im 12. Jahrhundert haben die Menschen vielerorts begonnen, Deiche aufzuschütten und Entwässerungskanäle zu graben, um dem Meer so Boden abzuringen. Der Aufwand lohnte sich, denn die Äcker sind sehr fruchtbar. Ihren Weizen verkaufen die Einheimischen bis nach Spanien, England und ins Baltikum; manche Großbauern unterhalten dafür sogar eigene Hochseeschiffe. Nebenbei plündern sie Schiffe, die bei Niedrigwasser im Watt stecken bleiben. So werden die Dithmarscher reich – und selbstbewusst.

Rechtlich gehört die Gegend seit 1227 dem Bremer Erzbischof. Dessen Territorien sind wiederum Teil des Heiligen Römischen Reiches. Doch der Kaiser ist weit und der Erzbischof von Bremen schwach. Und so stellen die Dithmarscher seine Vertreter vor Ort bereits um 1300 vor die Wahl, ihren Adelsrechten abzuschwören oder die Region zu verlassen. Offiziell sagen sich die Bauern zwar nie von ihrem Herrn los – faktisch aber bestimmen sie ihre Geschicke nun selbst (und die Obrigkeit kann wohl nichts dagegen unternehmen).

OFFIZIER einer Söldnertruppe. Landsknechte aus ganz Europa kämpfen im dänischen Heer

 

Mitte des 15. Jahrhunderts schreiben die Bauern sogar eine Art Verfassung nieder. Jeweils zwölf gewählte Vertreter aus vier Bezirken Dithmarschens bilden einen Rat, der sich jeden Samstag im Wirtshaus von Heide versammelt, das so zu ihrem Hauptort wird. Dort sprechen sie Recht und entscheiden auch darüber, mit wem die Republik Handel treibt oder ob sie in den Krieg zieht und sich gegen Feinde verteidigt. Eine echte Volksvertretung ist dieser Rat der 48 aber nicht: Wer erst einmal zu dem Gremium gehört, behält das Amt auf Lebenszeit. Stirbt ein Ratsherr, wählen vermutlich die restlichen Mitglieder des Rats seinen Nachfolger – meist aus der Familie des Verstorbenen. So sichern sich einige reiche Bauernsippen die Macht im Land.

Auch in anderen norddeutschen Küstenregionen leben die Bauern zu jener Zeit in Freistaaten zusammen, etwa auf der friesischen Insel Butjadingen, im benachbarten Stadland oder im nördlich davon liegenden Wursten.

Im 15. Jahrhundert erwachsen den Bauernrepubliken mit den erstarkenden Fürsten jedoch mächtige Gegner. Viele Landesherren modernisieren ihre Staaten: Sie professionalisieren die Verwaltung, um besser Steuern eintreiben zu können, und nehmen dem niederen Adel angestammte Rechte. Zudem arrondieren sie auf Kosten schwächerer Nachbarn ihre Gebiete. Bald versuchen norddeutsche Fürsten, auch die Territorien der Bauernrepubliken zu annektieren, und setzen sie unter Druck.

Dithmarschen bleibt vorerst weitgehend unbehelligt, denn der Bremer Erzbischof zeigt weiterhin kein Interesse an der abgeschiedenen Gegend. Auch von anderen Herrschern droht der Republik zunächst kaum Gefahr: Durch Flüsse und Meer ist der Landstrich gut von Feinden abgeschirmt und nur vom östlich gelegenen Holstein ernsthaft angreifbar. Das dort seit Langem regierende Adelsgeschlecht aber ist zu schwach für einen effektiven Schlag gegen die Bauern.

Aber als 1459 der letzte Graf dieser Linie stirbt, fällt Holstein an den Dänenkönig. Der kann den Kaiser davon überzeugen, ihm auch das Recht auf Dithmarschen zu übertragen. Dass das Land eigentlich dem Bremer Erzbischof untersteht, ist dem Kaiser offenbar unbekannt. Und obwohl er seine Zusage nach Bremer Protesten schon bald wieder zurückzieht, rückt die dänische Krone nicht mehr von ihrem Anspruch ab. Sie verlangt von den Dithmarschern Anerkennung der neuen Herrschaft sowie hohe Steuern und den Bau von drei Zwingburgen.

Die stolzen Bauern verweigern alles drei. Daher entschließt sich Dänemarks König Johann, seinen Anspruch zu Beginn des Jahres 1500 mit Gewalt durchzusetzen. Er heuert die Schwarze Garde an, zieht Artillerie und Ritter zusammen.

Der Dithmarscher Rat sendet Hilfsgesuche an die Hansestädte der Region, die den Machthunger des dänischen Monarchen argwöhnisch verfolgen. Es geht um die Hegemonie über die Handelswege: Hamburg etwa fürchtet, der König könnte die Elbmündung kontrollieren und die Stadt von ihren Warenströmen abschneiden. Und doch schicken die Hanseaten nur wenig Verstärkung: 25 Armbrüste, vier Geschütze und 500 Gulden. Auch sonst kommt kaum Hilfe. Dithmarschen ist auf sich allein gestellt.

Die Bauern diskutieren, wie mehrere Chronisten berichten, ob sie kapitulieren, auf die nahe gelegene Insel Büsum fliehen oder kämpfen sollen. Am Ende ist es wohl ein Einwanderer aus Holland, der Schwiegersohn eines Dithmarscher Bauern, der die Einheimischen vom Widerstand überzeugt: Wulf Isebrand.

Nach der Dithmarscher Verfassung muss jeder Mann in den Krieg ziehen, der mindestens 14 Jahre alt ist und ohne Krückstock zur Kirche gehen kann. 6000 wehrfähige Kämpfer kommen so etwa zusammen – gegen mehr als 10000 größtenteils kriegserprobte Feinde.

Eine militärische Ausbildung haben nur wenige der Dithmarscher. Immerhin sind sie unter anderem mit Armbrüsten, Spießen, Wurfbeilen und leichten Kanonen bewaffnet. Ihr größter Vorteil aber ist: Sie kennen die Gegend, wissen, wo der durchnässte Grund trägt, wo man selbst bei Überschwemmungen laufen kann – aber auch, wo durch einen falschen Tritt der Tod durch Ertrinken droht.

Als das dänische Heer unter König Johann am 11. Februar einfällt, ziehen sich die Bauern aus den höher gelegenen Landesteilen zurück. Selbst Meldorf, ihre einzige Stadt, geben sie auf. Nur einige angeworbene Söldner bleiben – und mit ihnen Alte, Kranke und Kinder. Ein Fehler. Denn die Schwarze Garde metzelt die Zivilisten nieder. „Die Kinder an der Mutterbrust haben sie mit Spießen durchstochen, in die Höhe gehalten und Wohlgefallen daran gehabt“, so ein Lübecker Chronist. Am Vormittag des 17. Februar 1500 zieht der größte Teil des dänischen Heeres weiter nach Norden – bis die zwei Späher auf die Bauern treffen.

ALS DIE ERSTEN KANONENSCHÜSSE verhallt sind, hastet einer der Kundschafter zur Schwarzen Garde zurück, die ein paar Dutzend Meter hinter ihm durch den Regen marschiert. Da treffen die ersten Geschosse bereits die dänische Armee, durchschlagen Harnische, reißen Söldnern Arme, Beine und Köpfe ab.

Die Soldaten reagieren sofort, einige ziehen ihre Feldgeschütze nach vorn und zielen auf die Erdschanze, die die Bauern in der Nacht aufgeschüttet haben. Währenddessen formieren sich die anderen Söldner zu einer Phalanx, recken ihre bis zu fünf Meter langen Piken nach vorn.

Wulf Isebrand, der die Verteidiger auf der Schanze kommandiert, stellt eine Gruppe Bauern für einen Ausfall auf. Sie sollen die gegnerischen Geschütze umkippen. Die Männer stürzen die Schanze hinab, werden aber meist von Landsknechten aufgespießt oder von Kanonenkugeln zerschmettert. Beim zweiten Vorstoß jedoch gelingt es ihnen, die Geschütze auszuschalten – auch, weil Sturm und Regen manche Lunten löschen und deshalb nicht alle Kanonen feuern.

Der Garde bleibt nun nur noch ein direkter Angriff der Fußsoldaten auf die Schanze. Unter dem Kanonenfeuer der Dithmarscher rückt die Phalanx der Landsknechte vor, die Offiziere marschieren in der ersten Reihe.

Die Dithmarscher verteidigen ihre Schanze nur mit vielleicht 400 Mann – alle anderen stehen im Hinterland. Die Bauern wissen: Kurz hinter der Schanze wird das Land trockener und fester. Dort könnte das dänische Heer seine Kampfkraft voll ausspielen. Fällt die Schanze, ist die Republik verloren. Wulf Isebrand befiehlt den Gegenangriff.

Die Kämpfer ziehen ihre Helme, Panzer und Stiefel aus, um so leicht wie möglich zu sein und nicht im Schlamm zu versinken. Einer trägt ein Kruzifix heran. „Hilf Maria, milde“, rufen die Bauern und stürmen an der Schanze vorbei.

So tollkühn der Vorstoß der Dithmarscher auch ist, so klein sind die Chancen gegen die Phalanx der Söldner. Die Bauern rennen in die gegnerischen Piken, manche werden aufgespießt, die anderen zurückgedrängt. Gleichwohl wagen die Bauern wenig später noch einen zweiten Ausfall, der ebenfalls scheitert. Doch die Attacken verschaffen den Dithmarschern Zeit. Schon treffen mehr als 2000 Mann Verstärkung aus dem Hinterland ein. Und dann entfaltet das Meer seine Macht.

Denn schon am Morgen haben die Bauern die Schleusen an den Deichen geöffnet. Stetig treiben Sturm und Flut seither die Wassermassen ins Land, füllen erst die Gräben und überschwemmen nun auch das Gelände. Die Söldner stehen bald auf einem schmalen Damm inmitten einer scheinbar nicht endenden Wasserfläche. Vorn donnern feindliche Kanonen, von hinten drängt das eigene Heer.

Nun kommen die Bauern erneut angestürmt. Bei Johanns Kämpfern bricht Panik aus, ihre Formation löst sich auf. Die Dithmarscher stechen sie nieder. Offiziere fallen zu Boden. Da verlässt die Soldaten der Mut. Sie wenden sich zur Flucht und schlagen sich den Weg für den Rückzug durch den Rest des Heeres frei. Wer sich nicht auf der Straße halten kann, droht ein Opfer der Nordsee zu werden, deren Fluten links und rechts des Wegdammes wogen. Viele Männer ertrinken.

IN OFFENER Schlacht hätten die Bauern keine Chance. Doch sie locken die Feinde in einen Hinterhalt

Die Einheimischen setzen nach. Anders als ihre Gegner wissen sie, wo sich tiefe Gräben befinden und an welchen Stellen das Wasser flach ist; daher können sie sich auch abseits der verstopften Straße durch die Marsch bewegen. Um über Tiefen zu setzen, nutzen sie ihre Spieße als Sprungstöcke.

Und als sie auf die Ritter des dänischen Heeres stoßen, attackieren sie deren Pferde und bringen die schwer gepanzerten Gegner so zu Fall. Bewegungsunfähig versinken viele Panzerreiter in Schlamm und Wasser. Nach und nach metzeln die Dithmarscher die verhassten Adeligen nieder. Wohl mindestens 3500 Angreifer sterben; die Dithmarscher verlieren ein paar Hundert Bauern.

Die Flüchtenden lassen Kanonen, Kriegskasse und sogar die den Dänen heilige Staatsflagge zurück. König Johann schließt sich dem hektischen Rückzug an. Da es bereits zu dunkeln beginnt, lassen die Bauern ihn ziehen.

DER TRIUMPH ÜBER DIE Schwarze Garde ist so unerwartet, dass ihn sich die Geschichtsschreiber nur durch göttlichen Beistand erklären können – und so überliefern sie, dass eine Jungfrau auf der Schanze erschienen sei und die Bauern in die Schlacht geführt habe.

Der Sieg bleibt nicht ohne Folgen: Die Nachricht, dass der König von Dänemark besiegt und die Schwarze Garde aufgerieben ist, dringt bis nach Schweden. Dort erheben sich Separatisten und erkämpfen die Unabhängigkeit.

Diese zeitweilige Schwäche des dänischen Großreichs ändert aber nichts daran, dass in Europa endgültig die Epoche der fürstlichen Territorialstaaten angebrochen ist. Nach und nach werden fast alle Bauernrepubliken an der Nordsee von weltlichen oder geistlichen Landesherren unterworfen: Stadland und Budjadingen fallen 1514, Wursten wird 1525 erobert.

Dithmarschen hingegen bleibt nach der Schlacht von Hemmingstedt zwei Generationen lang unabhängig. Die Händler der Bauernrepublik umgehen Monopole der Hanse, ihre Fischer greifen fürstliche Schiffe an, und ihre Kämpfer starten sogar Plünderzüge nach Holstein.

Erst im Sommer 1559 wird Dithmarschen unterworfen. Ein neues dänisches Heer marschiert ins Land, und kein himmlischer Beistand hilft den Bauern. Sie unterliegen und müssen ihrem Landesherrn huldigen. Der Triumph bei Hemmingstedt jedoch bleibt unvergessen. In den folgenden Jahrhunderten inspiriert er zahllose Künstler, wird der Mythos allerdings auch von Nationalisten und später den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht. Heute aber feiern die Dithmarscher die Schlacht von Hemmingstedt als das, was sie wirklich war: der Kampf einer frühen Republik – und der Sieg der Freiheit.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Niemetz, Daniel: Truppen und Waffen. Wie die Aufständischen im Bauernkrieg kämpften, in: mdr.de, online verfügbar seit 19.05.2025 unter: https://www.mdr.de/geschichte/weitere-epochen/neuzeit/bauernkrieg-soeldner-anfuehrer-frankenhausen-schlacht-100.html, zuletzt geprüft am 07.12.2025.

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Sekundärliteratur

-> Pfaffenzeller, Martin: Schlacht von Hemmingstedt. Kampf um die Bauernrepublik, in: GEO Epoche (Jg. 2019, Heft Nr. 100).

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