Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Clemens August von Bayern
- Gotthold Ephraim Lessing
- Louise Henriette von Oranien-Nassau
- Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich
-
Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel
- Johann Sebastian Bach
- Friedrich August I. (August der Starke)
- Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg
1. Clemens August von Bayern
Clemens August von Bayern (aus dem Hause Wittelsbach) wurde von seinen Zeitgenossen als ‚Monsieur des cinq églises’ (Herr der fünf Kirchen) bezeichnet, denn er war nicht nur Kurfürst und Erzbischof von Köln, sondern auch Fürstbischof von Paderborn, Münster, Hildesheim und Osnabrück und damit einer der wichtigsten geistlichen Fürsten seiner Zeit.
Er wurde am 18.8.1700 in Brüssel geboren. Sein Vater, Maximilian II. Emanuel (1662-1714, Regierungszeit 1679-1706 und 1714-1726), war bayerischer Kurfürst, seine Mutter, Theresia Kunigunde (1676-1730), eine Tochter des polnischen Königs Johann III. Sobieski (1624-1696, Regierungszeit 1674-1696). Große Teile seiner Kindheit und Jugend verbrachte Clemens August mit seinen Geschwistern unter kaiserlicher Aufsicht in Klagenfurt und Graz (1706-1715), wo die jungen Wittelsbacher eine standesgemäße Ausbildung genossen. Die Eltern lebten in dieser Zeit aufgrund des Scheiterns Maximilian Emanuels im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) und der damit im Zusammenhang stehenden Verhängung der Reichsacht im Exil.
Nach Rückkehr der Familie nach München wurde Clemens August wie seine Brüder Philipp Moritz (1698-1719) und Johann Theodor (1703-1763) für den geistlichen Stand bestimmt. Neben dem Versorgungsaspekt war hierfür ausschlaggebend, dass Clemens August als Fürst eines geistlichen Territoriums die wittelsbachische Hausmacht stärken sollte. Noch 1715 erhielt er die erste Tonsur (symbolische Rasur des Hinterkopfes) und wurde Koadjutor seines Onkels Joseph Clemens (1671-1723) in Regensburg. Nach dessen Resignation(Amtsverzicht) wurde er 1716 Fürstbischof von Regensburg (bis 1719). Mit seinem Bruder Philipp Moritz reiste Clemens August Ende 1716 nach Rom, um dort zu studieren. Er verließ Rom 1719, nachdem er anstelle seines plötzlich verstorbenen Bruders Philipp Moritz zum Fürstbischof von Münster und Paderborn gewählt worden war. Schon 1718 hatte er die Probstei von Altötting (bis 1721) erhalten, 1719 kamen Domkanonikate in Köln (bis 1723) und Lüttich (bis 1757) hinzu. In Köln wurde er 1722 Koadjutor und im November 1723 Nachfolger seines Onkels Joseph Clemens im Amt des Kurfürsten und Erzbischofs. Zum fünften Mal in Folge wurde damit ein Wittelsbacher mit dieser wichtigen geistlichen Kur betraut.
In den folgenden Jahren baute Clemens August seine Position im Nordwesten des Reiches noch weiter aus: 1724 wurde er Bischof von Hildesheim und 1728 Bischof von Osnabrück; lediglich in Lüttich konnte er sich nicht durchsetzen. 1732 fiel ihm schließlich noch das Amt des Hoch- und Deutschmeisters des Deutschen Ordens zu, eine traditionell von den Habsburgern und deren Parteigängern besetzte Position. Bis zur Priesterweihe 1725 standen Clemens August zur Verwaltung der Spiritualien (geistliche Aufgaben) Koadministratoren zur Seite; die Bischofsweihe erfolgte 1727.
Clemens Augusts Position in der Reichskirche sowie die Lage und Größe des von ihm beherrschten Territorienkomplexes machten ihn für die europäischen Großmächte der damaligen Zeit – Frankreich, England, Österreich und das aufstrebende Preußen – zu einem umworbenen Bündnispartner. Er ging mit diesen Mächten wechselnde Koalitionen ein, stets lavierend zwischen Paris und Wien: Mal arbeitete er mit Frankreich zusammen und folgte damit der gegen Österreich gerichteten wittelsbachischen Tradition und seinem Bruder Kurfürst Karl Albrecht von Bayern (1697-1745; Regierungszeit als bayerischer Kurfürst Karl I. 1726-1745, als Kaiser Karl VII. 1742-1745).
Dann näherte er sich wieder dem habsburgischen Kaiser, dem Garanten des Reiches und seiner eigenen geistlichen Herrschaft an – eine Politik, die insbesondere von seinem Ersten Minister Ferdinand von Plettenberg und Wittem (1690-1737) favorisiert wurde. Neben politischen Erwägungen spielten dabei nicht zuletzt Subsidienzahlungen (‚Hilfsgelder’) eine entscheidende Rolle, die Kurköln zwischenzeitlich auch zum Partner der mit Österreich verbündeten Seemächte England und Holland machten. Nach dem „renversement des alliances" (Umkehrung der Allianzen durch Beendigung des habsburgisch-französischen Gegensatzes) stand Clemens August im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) wie andere geistliche Fürsten auf der Seite der katholischen Mächte Frankreich und Österreich gegen Preußen und England-Hannover.
Die Forschung ist mit Clemens August aufgrund seiner wechselhaften Außenpolitik hart ins Gericht gegangen. Er habe eine „charakterlose Politik" betrieben (Leonard Ennen), sei „ein schwacher Mensch" und „politisch ohne festen Willen" (Max Braubach), „labil und schwankend" (Erwin Gatz), „ohne klares Konzept" (Alois Schröer) gewesen. Auch wenn Clemens August vielfach unsicher in seinen politischen Entscheidungen gewesen sein mag und sich stark von seinen Beratern und den ihn umgebenden Personen beeinflussen ließ, ist diese Kritik zu relativieren. Seine Politik zeigt nur zu deutlich die Zwänge eines geistlichen Fürsten des 18. Jahrhunderts: Zwar versammelte Clemens August fünf Fürstbistümer in seiner Hand. Diese bildeten aber keinen einheitlichen, zentral regierten Territorialkomplex, sondern bewahrten jeweils ihre Eigenständigkeit.
Der Einfluss der Landstände, insbesondere der Domkapitel, war hoch. Clemens August hatte daher trotz seiner zahlreichen Ämter und Herrschaftstitel keine umfangreiche Machtbasis. Schließlich fehlte ihm eines der wichtigsten Machtmittel des absolutistischen Staates – ein schlagkräftiges Heer. Seine Truppen reichten nicht einmal zur Verteidigung. Clemens August war dementsprechend in Kriegszeiten gezwungen, Verbündete zu suchen, um den Fortbestand seiner geistlichen Herrschaft zu sichern und seine Länder so weit wie möglich aus Kriegshandlungen herauszuhalten.
Ein häufiger Wechsel der Koalitionen, wie von Clemens August praktiziert, war nicht bloßer Ausdruck von Charakterschwäche, sondern kann auch als Versuch interpretiert werden, sich den wandelnden Machtverhältnissen auf dem europäischen Kontinent anzupassen und für die eigenen Territorien die politisch und mit Blick auf die reichlichen Subsidienzahlungen auch finanziell jeweils günstigste Verbindung einzugehen. Die viel gescholtene „Wetterfahne des Reiches" – so Maria Theresias Gatte Franz Stephan von Lothringen (1708-1765, Regierungszeit als Kaiser Franz I. 1745-1765) – handelte politisch durchaus rational und im Rahmen seiner Möglichkeiten erfolgreich. Dass für Clemens August nicht nur Reichsfürsten, sondern auch auswärtige Mächte als Partner in Frage kamen, war zumindest für die national denkenden Historiker des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht akzeptabel. Im außenpolitischen Kalkül der Reichsfürsten des 18. Jahrhunderts spielte das Reich freilich kaum eine Rolle. Koalitionen wurden mit Blick auf die eigenen Vorteile geschlossen und nicht mit Rücksicht auf das Reich – und schon gar nicht die Nation. Clemens August bildet hier keine Ausnahme.
In scheinbarem Gegensatz zu seiner Mindermächtigkeit steht die höfische Pracht, die Clemens August in seinen verschiedenen Schlössern und Residenzen inszenierte. Den baulichen Rahmen schufen namhafte Architekten und Künstler, unter anderem Johann Balthasar Neumann, François de Cuvilliés der Ältere (1695-1768), Johann Conrad Schlaun und Georg Desmarées (1697-1776). Der von seinem Vorgänger begonnene Neubau der Bonner Residenz wurde ebenso fortgesetzt wie die Arbeiten am Schloss Clemensruhe in Poppelsdorf. Daneben errichtete der Kurfürst das Jagdschloss Herzogsfreude im Kottenforst.
Seine besondere Aufmerksamkeit galt aber dem Bau von Schloss Augustusburg in Brühl mit dem berühmten Treppenhaus Neumanns sowie der Errichtung des nahe gelegenen Jagdschlosses Falkenlust. Auch in seinen Nebenländern entfaltete Clemens August eine vielfältige Bautätigkeit (unter anderem Residenzschlösser in Paderborn und Arnsberg, Jagdschloss Clemenswerth in Sögel/Hümmling).
An diesen Orten und insbesondere an den Höfen in Bonn und Brühl inszenierte der Kurfürst Bezeichnung eines zur Wahl des deutschen Königs berechtigten geistlichen oder weltlichen Reichsfürsten. -Erzbischof ein barockes Hofleben, das zu den prachtvollsten im Reich zählte. Bälle und Feste der unterschiedlichsten Art mit Musik, Tanz, Theater und Feuerwerk sowie aufwändige Jagden (insbesondere Parforce- und Falkenjagd) wurden in großem Stil begangen. Teilnehmer dieser Festivitäten war weniger der landsässige als vielmehr der landfremde Adel – aus Bayern und Süddeutschland, dem Rheinland und Westfalen, dem übrigen Reich sowie aus Italien, Frankreich und den Niederlanden. Die Prachtentfaltung zielte also nicht auf diejenigen Kreise, die im Rahmen der Ständeordnung an der politischen Macht im Lande teilhatten. Es ging nicht darum, diese Konkurrenz durch Bindung an den Hof politisch zu ‚zähmen’, wie dies der Soziologe Norbert Elias (1897-1990) in seiner klassischen Studie zur höfischen Gesellschaft (1969) für den französischen Hof Ludwigs XIV. (1638-1715, Regierungszeit 1643/1661-1715) festgestellt hat.
Stattdessen repräsentierte der Kurfürst auf der überregionalen und gelegentlich internationalen Bühne. Hier versuchte Clemens August seine Bedeutung als wichtiger Reichsfürst symbolisch zur Geltung zu bringen beziehungsweise noch zu erhöhen und mit Fürsten zu konkurrieren, denen er hinsichtlich seiner realen politischen Machtmittel weit unterlegen war.
Das aufwändige und kostspielige Hofleben in Bonn, Brühl und anderswo stand also nicht im Gegensatz zur Mindermächtigkeit Clemens Augusts, sondern diente dem in seinen Machtmitteln beschränkten Kurfürsten als Instrument der Politik. In diesen Zusammenhang gehört auch die Krönung seines Bruders Karl Albrecht zum Kaiser (Karl VII.) im Jahre 1742, die Clemens August mit großem Pomp und unter enormen Kosten in Frankfurt inszenierte. Er selbst zog mit einem Gefolge von 1.600 Personen in die Reichsstadt ein und übertraf dabei nicht nur zahlenmäßig, sondern auch in der Pracht alle anderen Kurfürsten. Johann Michael von Loen (1694-1776), ein mit den Höfen in Berlin und Dresden vertrauter Schriftsteller, stellte daher fest: „Dieser Einzug dünket mich das non plus ultra in der Art dieser Ceremonien zu seyn." (Zitat nach Winterling 1986, S. 145)
Clemens August liebte das höfische Leben und insbesondere die Jagd. Zugleich war er aber ein zutiefst religiöser, von der barocken Volksfrömmigkeit geprägter Mensch. Dies zeigt sich insbesondere an der von ihm praktizierten Marienverehrung und dem intensiven Kontakt mit der Kaufbeurener Franziskanerin Crescentia Höß (1682-1744). Darüber hinaus trat er als Stifter und Wohltäter zahlreicher Klöster auf, wiedererrichtete das Kölner Priesterseminar (Seminarium Clementinum, 1736) und machte dessen Besuch für die Priesteramtskandidaten seiner Diözese verpflichtend (1749), initiierte den Bau der Hl. Stiege und des Hl. Grabes auf dem Kreuzberg in Bonn und stiftete in Münster ein Krankenhaus (St. Clemens-Hospital, 1735).
Den Versuch einer stärkeren Integration seiner verschiedenen Territorien unternahm Clemens August nicht. Der Schwerpunkt seiner Politik lag im Kurstaat, während die westfälischen Stifte weitgehend der Verwaltung der dortigen Stände überlassen wurden. Die nach Plettenbergs Sturz (1733) eingerichtete Geheime Konferenz zur Unterstützung seiner Regierung konnte sich nicht dauerhaft etablieren. Innenpolitisch wichtig, wenngleich ebenfalls nur bedingt erfolgreich, waren Clemens Augusts Bemühungen, die Verkehrswege seiner Lande zwecks wirtschaftlicher Belebung auszubauen (unter anderem Max-Clemens-Kanal, seit 1724). Richtungsweisend hingegen war die Intensivierung der Strafverfolgung, unter anderem durch die Gründung von Zuchthäusern in Kaiserswerth (1736) und Münster (1732/1738) und die Einsetzung einer Polizeitruppe (1751).
Clemens August starb am 6.2.1761 auf der Feste Ehrenbreitstein bei Koblenz an Herzversagen. Sein Leichnam wurde am 31. März vor der Dreikönigenkapelle im Kölner Dom beigesetzt. Nach seinem Tod zerfiel der wittelsbachische Territorialkomplex im Nordwesten. Regionale Kräfte setzten sich durch und leiteten eine Politik der inneren Konsolidierung jenseits dynastischer Ambitionen und europäischer Allianzen ein.
2. Gotthold Ephraim Lessing
L. besuchte 1653-61 die Nikolai-Schule in Leipzig. Mit 8 Jahren bekam der frühreife Knabe, der die →Livius-Lektüre dem Spielen vorzog, Zugang zur Bibliothek seines verstorbenen Vaters, mit 13 verfaßte er an einem Morgen 300 elisionsfreie Hexameter, mit 14 begann er seine logischen Studien und „lebte“ seitdem, nach eigener Aussage, im →Suarez und →Fonseca, im →Rubius und →Zabarella. Nachdem er einige Schriften von →Kepler, →Galilei und →Descartes gelesen hatte, entschied er sich noch vor Beginn seines Studiums in Leipzig 1661 für die mechanistische Naturphilosophie, ohne die Bedeutung der aristotelischen Tradition zu verkennen. So wurde →J. Thomasius, sieht man ab von →E. Weigel, bei dem er im Sommer 1663 in Jena studierte, sein bedeutendster Lehrer, unter dessen Vorsitz er auch im Mai 1663 „De principio individui“ disputierte. Anschließend begann er das Studium der Jurisprudenz, wurde 1664 zum magister artium und nach Vortrag eines „Specimen quaestionum philosophicarum ex jure collectarum“ und zweier gehaltvoller juristischer Disputationen „De conditionibus“ 1665 zum baccalaureus juris promoviert. Mit der „Disp. arithmetica de complexionibus“, die er noch im selben Jahr zur „Diss. de arte combinatoria“ ausbaute und publizierte, disputierte er 1666 „pro loco“ an der philosophischen Fakultät. Im Winter 1666/67 wechselte er nach Altdorf über, disputierte dort „De casibus perplexis in jure“ und wurde im Febr. 1667 glanzvoll zum Doktor beider Rechte promoviert. Er schlug eine Professur aus und ging nach Nürnberg, um dort bis zum Antritt einer Bildungsreise in die Niederlande im Herbst alchimistische Studien zu treiben. Eine Pestepidemie veranlaßte ihn zum Abbruch der Reise. Er kam nur bis Mainz, nutzte den Verzug, um „ohne Bücher“ seine Gedanken zur Reform der Jurisprudenz niederzuschreiben und mit dieser eilig in Druck gegebenen, Kf. →Joh. Philipp v. Schönborn gewidmeten Schrift (Nova methodus discendae docendaeque iurisprudentiae, 1667) dessen Gunst zu gewinnen. Durch Vermittlung →Joh. Christian v. Boineburgs wurde er sogleich zur Mitarbeit an der von H. A. Lasser begonnenen Neukodifikation des Corpus Juris aufgefordert. 1670 wurde er von →Schönborn, ungeachtet seiner Jugend und luth. Konfession, zum Revisionsrat am Oberappellationsgericht in Mainz bestellt und im März 1672 in diplomatischer Mission nach Paris gesandt. L.sollte →Ludwig XIV. seinen „Ägyptischen Plan“ vortragen, →Boineburgs private Pensionsansprüche und zusammen mit →Melchior Friedrich v. Schönborn das Mainzer Interesse an allgemeinen Friedensverhandlungen in Köln vertreten. Als dieser Auftrag in Paris scheiterte, reiste →Schönborn mit ihm von Januar bis März 1673 in gleicher Mission nach London. Inzwischen war →Boineburg verstorben, und L. hatte die Erziehung des →jungen Boineburg in Paris übertragen bekommen. Kurz darauf starb auch Kf. →Johann Philipp. Dessen Nachfolger erlaubte L., „für eine Weile“ in Paris zu bleiben. Dort lernte er die bedeutendsten Gelehrten kennen, vor allem →Antoine Arnauld und dessen Freund →Pierre Nicole, die Verfasser der Logik von Port Royal, dann die Mathematiker und Physiker →Christiaan Huygens und →Edme Mariotte, ferner →Buot, →Deschales, →Gallois, →Ozanam, Mathion, →Pardies, →Prestet, →Roberval und den Duc de Rohan, die Astronomen →Cassini und →Römer, die Philosophen →Huet, →Cordemoy, →Foucher und →Malebranche, nicht zu vergessen den jungen →Ehrenfried Walther v. Tschirnhaus, mit dem er sich befreundete. Bei seinen Besuchen in London traf er auf →Heinrich Oldenburg, →Robert Boyle, →Robert Hooke, →John Collins und andere Mitglieder der Royal Society, deren Mitglied er 1673 wurde.Als sich die Hoffnung, Nachfolger des Mathematikers →Roberval in der Académie des Sciences zu werden, zerschlagen hatte, folgte L. einem Ruf des Hzg.→Johann Friedrich als Bibliothekar nach Hannover, wohin er über London (im September und Oktober), Amsterdam, Haarlem, Delft und Den Haag reiste, um im Dez. 1676 seinen Dienst aufzunehmen. 1677 wurde er auch als juristischer Hofrat eingeführt. Hzg. →Ernst August bestätigte ihn 1685 als Hofrat auf Lebenszeit, entlastete ihn von Kanzleiarbeiten und den Aufgaben im Harzbergbau und verpflichtete ihn, die Geschichte des Welfenhauses zu erforschen und darzustellen. Dieses Vorhabens wegen reiste er 1687-90 durch Süddeutschland über Wien, wo er fast 10 Monate verweilte, nach Italien. Er blieb dort von März 1689 bis März 1690, mehr als die Hälfte dieser Zeit in Rom, und besuchte auf dem Rückweg nochmals Wien. 1691 willigte Hzg. →Ernst August auch in L.s zusätzliche Bestallung als Historiograph durch die Herzöge →Anton Ulrich und →Rudolf August von Wolfenbüttel ein und ernannte ihn, nachdem er mit L.s diplomatischer Unterstützung 1692 für Braunschweig-Lüneburg die Kurwürde erworben hatte, 1696 zum Geheimen Justizrat. Diesen Titel verliehen L. auch Kf. →Friedrich von Brandenburg (1700) und Zar →Peter der Große (1712), der viele seiner gründlich ausgearbeiteten Pläne, insbesondere noch 1723 den einer Akademie in Petersburg, realisierte. Er wurde ferner zum Präsidenten bzw. Direktor der von ihm geplanten und organisierten Akademien (Sozietäten) der Wissenschaften zu Berlin (1700) sowie zu Dresden (1704) und Wien (1713) ernannt, wo er sich nach zwei weiteren Besuchen (1700 und 1708) nochmals von Dez. 1712 bis Sept. 1714 aufhielt. Kaiser| →Karl VI. berief ihn 1713 (rückwirkend ab Anfang 1712) in den Reichshofrat. – Nach einem ersten Aufenthalt in Berlin 1698 zog es L. zwischen 1700 und 1707 immer wieder an den Ort seiner Sozietät, später, nach dem Tod der Kgn. →Sophie Charlotte (1705), nur noch zweimal (1709 und 1711). – Abgelehnt hat L. Angebote, Bibliothekar des Vatikans (1689), →Ludwigs XIV. (1692) und des Kaisers (1701) zu werden. Ohne Erfolg bemühte sich L., 1704 Nachfolger des Vizekanzlers Hugo in Hannover und 1713 Kanzler von Siebenbürgen zu werden, wie auch später darum, mit dem Hof nach England zu gehen.L.s selbstverfaßte akademische Schriften bestätigen seine wiederholten Hinweise auf seine frühe autodidaktische Bildung. Sie lassen nicht nur eine ungewöhnliche Belesenheit, sondern auch ein sicheres Urteil und ein außerordentliches logisches Genie erkennen, so, wenn er scholastische Lösungen kritisch klassifiziert (De principio individui, 1663), wenn er den philosophischen Kern juristischer Fragen herausarbeitet (Specimen quaestionum philosophicarum, 1664) oder aus dem röm. Recht und aus unentscheidbaren juristischen Fällen Ansätze zu einer formalisierten, seinen Zeitgenossen unverständlich gebliebenen Rechtslogik konstruiert (De conditionibus, 1665; De casibus perplexis, 1666) sowie endlich, wenn er bekannte und neue verschiedenartige Anwendungen der Kombinatorik systematisch auf eine logisch-mathematische Grundlage stellt und daraus weitreichende, seine späteren Arbeiten determinierende Perspektiven entwickelt (Dissertatio de arte combinatoria, 1666). Von der Neukodifikation des Corpus Juris kam lediglich der Plan, die „Ratio Corporis Juris reconcinnandi“, 1668 zum Druck. Beabsichtigt war zunächst die Reduktion des röm. Rechts auf einige wenige elementare, an einer Wandtafel verzeichenbare Rechtssätze, aus denen in der Praxis alle Fragen entschieden werden könnten; ein „Antinomicus minor“ sollte zudem die Lösungen sich widersprechender Gesetze sowie die unlösbaren Antinomien zusammenfassen. Von größter Bedeutung war der Einfluß, den →Joh.Christian v. Boineburg, der ehemalige Minister des Kurfürsten, auf L. gewann. Dieser schärfte dem jungen Gelehrten den Blick für die großen Themen der säkularen und der konfessionellen Politik zur Sicherung des Friedens in Europa und gab ihm diplomatische und publizistische Aufgaben, so zur Unterstützung seines Kandidaten für die poln. Königswahl von 1669 – eine Aufgabe, die L. originellerweise mit einer die Rechtsgelehrten damals verblüffenden Beweisführung more geometrico löste (acht Jahre vor Spinozas „Ethica more geometrico demonstrata“) – oder zur Formulierung seiner Friedensdiplomatie gegenüber Ludwig XIV. Genannt seien das „Bedencken welchergestalt securitas publica interna et externa und Status praesens im Reich iezigen Umständen nach auf festen Fuß zu stellen“ (1670) und die Schrift, die er persönlich in Paris Ludwig XIV. vortragen wollte, der „Ägyptische Plan“ (1672), der den Expansionsdrang Frankreichs vom Rhein an den Nil lenken sollte, dessen Vorlage aber durch den inzwischen begonnenen Krieg gegen Holland überholt wurde, gleichwohl später noch →Napoleon beeindruckte. Darüber hinaus regte der Konvertit Boineburg ihn insbesondere an, eine rationale Basis für das Gespräch zwischen den Konfessionen und gegen den aufkommenden Atheismus und die sozinianischen Häresien auszuarbeiten, daneben aber auch seinen juristischen Ambitionen zu folgen und die Elemente des Natur- wie des Zivilrechts darzustellen. L. katalogisierte auch mit neuen Erschließungsmethoden die umfangreiche Boineburgische Bibliothek (heute in Erfurt). Bis auf die, ohne L.s Wissen 1669 anonym publizierte, „Confessio naturae contra atheistas“ und das ebenfalls 1669 erschienene „Specimen demonstrationum politicarum pro eligendo rege Polonorum“ sowie noch 1672 eine vielbeachtete Auslegung des Paragraphen „Et ut eo sincerior“ aus dem Vertrag zum Westfäl. Frieden blieben diese Schriften Konzept oder nur wenigen zugänglich. Anders die ebenfalls von Boineburg angeregte Neuausgabe des humanistischen Nominalisten Marius Nizolius („De veris principiis et vera ratione philosophandi“), die L. 1671 mit kritischen Anmerkungen, einer bedeutenden Vorrede über den philosophischen Stil und einem Brief an seinen Leipziger Lehrer →Jakob Thomasius über das Verhältnis der neueren Philosophie zu →Aristoteles herausbrachte. L.s eigenen Intentionen dürften mehr die Projekte zu einer „Societas Conferentium conciliatrix“ und zu einer konfessionsübergreifenden „Societas philadelphica“ entsprochen haben, sowie das „Bedenken von Aufrichtung einer Akademie oder Societät in Teutschland zu Auffnehmen der Künste und Wissenschafften“ (wohl 1671), ferner auch die von ihm geplanten Maßnahmen zur Organisation des Bücherwesens, u. a. ein von ihm zu verfassendes Rezensionsorgan („Nucleus librarius semestralis“), für das er beim Kaiser vergeblich ein Privileg beantragte.Seine philosophischen Interessen richteten sich damals, von einigen fragmentarischen Ansätzen zu seinen „Elements de mente et corpore“ als Teil seiner geplanten, groß angelegten „Demonstrationes catholicae“ und von einigen methodologischen Entwürfen abgesehen, auf die Theorie der Bewegung. Daraus resultierten 1671 zunächst zwei Druckschriften, die „Theoria motus abstracti“ und die „Hypothesis physica nova“ (oder „Theoria motus concreti“), die L. den Akademien in Paris und London widmete. Er baute seine Theorie in einer Reihe weiterer Konzepte aus, bis er 1672 in Paris durch →Chr. Huygens davon abgebracht und der modernen Mathematik zugeführt wurde, von der er bis dahin nach eigener Aussage so viel wie nichts verstand – ein Mangel, den er schnell und gründlich beheben sollte. Erst Ende 1676 nahm er in einem fertiggestellten, gleichwohl zurückgehaltenen Dialog „Pacidius Philalethi“ das Thema „de motu“ wieder auf. Wie in der Logik der Satz vom Widerspruch, so bildet in den realen Wissenschaften der Satz vom Grunde „Nihil est sine ratione“ nach L. das fundamentale Prinzip unserer Erkenntnis. Das bewegende Prinzip ist einzig der Geist, und der Körper ist nichts als eine „mens momentanea“, ein Geist, dem das Gedächtnis, die Bedingung dauernder substantieller Identität, fehlt. Ruhe ist Nichtsein. Bewegung selbst ist obensowenig wie Raum und Zeit etwas Absolutes und nur zu verstehen als eine fortwährende Neuschöpfung. An den Brechungsgesetzen erkennt L., daß Optimierungsprinzipien nicht kausal, sondern nur final zu erklären sind und daß deshalb die Physik eine metaphysische Begründung braucht.Im Dialog „Confessio philosophi“ stellte er 1673 das Problem der Theodizee dar, mit dem er sich ansatzweise bereits in Mainz beschäftigt hatte. Der Jansenist →A. Arnauld in Paris und der Konvertit →N. Stensen in Hannover, dessen Randbemerkungen mit L.s Erwiderung dazu erhalten sind, waren wohl die einzigen, die ihn zu lesen bekamen. Seine damaligen metaphysischen Aufzeichnungen („De summa rerum“) sind tagebuchähnliche Notizen. In Paris gewann er die Anerkennung der bedeutendsten Gelehrten, bekam Zugang zu den Nachlässen von →Pascal und →Descartes, weckte →Tschirnhaus erneut sein Interesse für →Spinoza, den er in Den Haag ein Vierteljahr vor dessen Tod noch besuchen sollte. Vieles, was er aus den heute verschollenen Papieren Descartes' exzerpierte, stellt für uns die einzige Quelle dafür dar. Einiges davon ist wiederum verlorengegangen. →Platons „Phaedon“ und „Theäthet“ hat er in lateinische Kurzfassungen gebracht und „ad usum Delphini“ eine Ausgabe des →Martianus Capella vorbereitet, nichts davon jedoch veröffentlicht.Ein wenig später als →Newton, gleichwohl, wie aus dem Nachlaß zu belegen, eindeutig unabhängig von ihm, hat L. 1675 die Infinitesimalrechnung erfunden und seitdem erfolgreich zur Lösung verschiedenartigster Probleme herangezogen; insbesondere geht die heute allgemein übliche, transparente Symbolik für die Differentiation und das Integral auf L. zurück. Die erste Veröffentlichung „De nova methodo de maximis et minimis“ erfolgte erst 1684 in den „Acta Eruditorum“. Der in den 90er Jahren von Newton-Anhängern angezettelte Prioritätsstreit, der schließlich von der Royal Society, nicht ohne politische Motivationen und die Mitwirkung von →Newton selbst, zu L.s Ungunsten entschieden wurde, verzerrte sein Bild bis in unsere Tage. Daran änderte auch nichts die erst 1846 edierte „Historie et Origo calculi differentialis“, die L. noch 1714 verfaßte. Unzählige algebraische und zahlentheoretische Studien, die arithmetische Quadratur des Kreises (erstmals publiziert in Acta Erud. 1682), die Berechnung von Potenzreihen und die Anfänge der dyadischen Arithmetik, die er um 1679 ausbaute, gehören bereits in die Pariser Zeit. Von späteren Errungenschaften seien hervorgehoben: seine ebenfalls 1679 ersonnene „Analysis situs“, eine neuartige Topologie als Gegenstück zur analytischen Geometrie von Descartes, die weitere Entwicklung seiner Kombinatorik, die Technik, Indizes als Koeffizienten zu behandeln, die Theorie der Determinanten und die Ableitung der Exponential-Funktion. Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend, stellte und löste er mathematische Probleme in einem regen, halb öffentlichen Briefwechsel, so in den 90er Jahren das der catenaria, der isochrona paracentrica und der brachystochrona. Insgesamt übertrifft der weitgehend noch zu erschließende mathematische Teil des Nachlasses dem Umfang nach um ein Vielfaches das, was zur Philosophie, Theologie und Jurisprudenz gehört.L. erfand wohl um 1670 die erste Vierspezies-Rechenmaschine. Sie funktionierte nach dem Prinzip der Staffelwalze. Bereits 1673 konnte er sie in Paris und London an einem hölzernen Modell vorführen. Ein Prototyp in Messing wurde später in Paris von dem Mechaniker Olivier hergestellt und|sollte 1694 in die Serienanfertigung gehen. Um 1700 in Helmstedt und zwischen 1711 und 1716 in Zeitz beschäftigte L., unter Einsatz bedeutender eigener Geldmittel, weitere Feinmechaniker zur Herstellung vollkommenerer Modelle, ohne dadurch die technischen Probleme der Zehnerübertragung endgültig zu meistern, was erst 1774 →P. M. Hahn gelang. Das funktionierende, heute in der Niedersächsischen Landesbibliothek aufbewahrte Exemplar blieb ohne praktische Verwendung. Wenig bekannt ist daneben L.s früher, genialer Entwurf einer dyadischen Rechenmaschine (1679), den er technisch gar nicht erst auszuführen versuchte.Die Philosophie begriff L. im Vertrauen auf die Macht der durch eine geschulte, aufgeklärte Vernunft erkannten Wahrheit als ein Instrument des Friedens und der Versöhnung. Es lag ihm daran, die rationalen Grundlagen zu schaffen, um die sich bekämpfenden Sekten der Philosophen wieder auf die eine philosophia perennis zu verweisen, die auseinandergetretenen Konfessionen in einer katholisch-ökumenischen Kirche zu vereinen, die verfeindeten Staaten unter das römische Reich und dieses unter ein christlich geeintes Europa zu bringen, um schließlich die Christianisierung über die Kontinente nach Asien, Afrika und Amerika zu verbreiten. Ein solches Instrument des Friedens sollte seine „demonstrative Enzyklopädie“ werden, zunächst in Mainz noch unter dem Titel „Demonstrationes catholicae“, dann in Hannover als „Scientia generalis“ und in seinen letzten Lebensjahren als „Éléments de la philosophie générale et de la théologie naturelle“ konzipiert. Es war ein Werk, das mit Hilfe einer zu erstellenden universellen Charakteristik, einer „ars inveniendi et judicandi“, und eines dazu zu konstruierenden logischen Kalküls die Philosophie sicher und alle Probleme berechenbar machen sollte. L. erachtete zu seiner Erarbeitung von vornherein die Hilfe einer Gruppe fähiger Mitarbeiter für nötig. Diese und einen fördernden Mäzen glaubte er jedoch erst nach Vorlage einiger Probestücke gewinnen zu können. Eine Fülle von zurückgehaltenen Konzepten dazu liegt vor, keines davon schien ihm angemessen und überzeugend genug. Das gleiche gilt für seine zahlreichen Arbeiten zur Logik, die letztlich auch auf die formale Begründung der „Scientia generalis“ ausgerichtet waren. Als großen Schritt voran wertete L. seine „Generales inquisitiones de analysi notionum et veritatum“ von 1686 (Erstdruck v. →L. Couturat, in: Opuscules et fragments inédits, 1903). Wenn auch das Programm nicht vollendet wurde, so sind doch die dazu geleisteten Vorarbeiten von so ungewöhnlicher Qualität, daß die moderne mathematische Logik in L. ihren Vater sehen kann. Die Leitidee seiner „Characteristica universalis“ setzt voraus, daß es gelingt – worum L. sich intensiv bemüht hat –, die primitiven Begriffe zu finden, aus denen alle übrigen zusammengesetzt werden können. Man braucht ihnen dann nur noch geeignete Charaktere so zuzuordnen, daß dem Charakter eines jeden Begriffs, wie heute einer chemischen Formel, anzusehen ist, welche primitiven Begriffe in ihm enthalten sind. Versuchsweise wählte L. Primzahlen als Charaktere der primitiven Begriffe, wodurch beliebige Begriffe eindeutig als Primzahlprodukte darstellbar und die Prüfung der Wahrheit von Sätzen sowie der Richtigkeit von Schlüssen arithmetische Teilbarkeitsprobleme werden, eine Vorwegnahme der Gödelschen Arithmetisierung. L. erfand noch weitere logische Kalküle, um dem angestrebten „Alphabetum cogitationum humanarum“ und der aufzubauenden „lingua philosophica“ angemessene Methoden der Algorithmisierung des wissenschaftlichen Denkens an die Seite zu stellen. Statt über Meinungen zu streiten, sollte es künftig heißen: „Calculemus!“.Einer der bekanntesten philosophischen Aufsätze, die besonders im 18. Jh. in der Erkenntnistheorie und der neuen Ästhetik einflußreichen „Meditationes de cognitione, veritate et ideis“, erschien 1684 in den seit 1682 von O. Mencke herausgegebenen „Acta Eruditorum“, für die L. noch über 60 weitere Aufsätze zumeist mathematischen Inhalts und ebensoviele Rezensionen verfaßte. Weitere 50 kleine Abhandlungen publizierte er im „Journal des Savants“ und anderen Gelehrtenzeitschriften. Im Jan. 1686 faßte L. seine Gedanken in einer von ihrem ersten Herausgeber 1846 „Discours de métaphysique“ betitelten Schrift zusammen, in der Absicht, ihre Verträglichkeit mit den kath. Dogmen von dem inzwischen nach Holland geflohenen →A. Arnauld bestätigen zu lassen. Der vorsichtige L. legte diesem jedoch nur einen „Sommaire“, 37 zusammenfassende Kapitelüberschriften, vor und löste in der sich daran anschließenden Korrespondenz den scheinbaren Widerspruch zwischen vollständiger Bestimmtheit des Begriffs jeder individuellen Substanz und der Freiheit des Menschen. Da, wie der scholastische Lehrsatz besagt, in jeder wahren Aussage das Prädikat im Subjekt enthalten ist, begreift L. die individuelle Substanz als durch ihre notio completa vollständig bestimmt. Ihre Handlungen sind frei, wenn auch gewiß ist, daß sie der göttlichen Voraussicht entsprechen. Wir erkennen notwendige Vemunftwahrheiten vollkommen dadurch, daß wir sie in endlich vielen Schritten auf primitive Begriffe oder wenigstens auf Identitäten reduzieren können, während wir für die Analyse kontingenter Tatsachenwahrheiten unendlich viele Schritte benötigen würden, also höchstens approximative Erkenntnis von ihnen erlangen können und daher auch nicht Gottes Motive für die Erschaffung dieser und keiner anderen Welt begreifen.In Rom konzipierte L. 1689 den ersten Teil seiner „Dynamik“ im Gegenzug zur Mechanik Newtons, dessen „Principia“ (1687) er gerade kennengelernt hatte. (Den zweiten Teil schrieb er erst nach 1698 nieder.) Sie erwuchs aus seiner 1686 veröffentlichten Polemik gegen den „außerordentlichen Irrtum“ des Cartesischen Prinzips der Erhaltung der Bewegungsgröße, definiert als Produkt aus Masse und Geschwindigkeit (mv), dem L. sein Prinzip von der Erhaltung der Energie als der vis viva, die er als Produkt aus Masse und Beschleunigung, d. h. dem Quadrat der Geschwindigkeit, bestimmte (mv²), gegenüberstellte. Dieses Prinzip hatte er aus seinem „Grundaxiom“ der Äquipollenz von Ursache und Wirkung hergeleitet und bereits 1678 in „De concursu corporum“ (noch nicht ediert) formuliert. Die später ergänzte und revidierte, jedoch nicht gänzlich abgeschlossene Fassung seiner „Dynamica de potentia et legibus naturae corporeae“ wurde erst 1860 ediert. Eine von verschiedenen kürzeren Fassungen überließ er Pellisson zum Vortrag in der Pariser Akademie; nur den ersten Teil einer anderen hat er 1695 in den „Acta Eruditorum“ veröffentlicht, wo er 1698 auch eine Anwendung seiner Dynamik gab (De ipsa natura). Er verfaßte Schriften über die Bewegung der Himmelskörper (1689 „Acta Eruditorum“) und über die Kopernikanische Hypothese, um ihre Anerkennung bei der röm. Kurie zu bewirken. Die prinzipielle Auseinandersetzung mit den metaphysischen Grundlagen der Physik Newtons führte er in seinem letzten Lebensjahr in einem Briefwechsel mit →S. Clarke, der zur Publikation bestimmt war und 1717 auch erschienen ist. Gegen das Leere und die physikalischen Atome Newtons setzte L. seine ausdehnungslosen und einfachen Substanzen, die Monaden. Raum, Zeit und Bewegung ließ er nicht als Absolutes, nicht als Attribute der Gottheit gelten, sie sind für ihn nichts als Relationen, in denen Monaden körperliche Phänomene neben-, nach- und auseinander vorstellen. Auch weigerte sich L., Newtons Gravitationskraft anzuerkennen.Die aufbrechende Kluft zwischen Glaube und Vernunft, Theologie und Naturwissenschaften überbrückte L. mit einer doppelten Erklärung des Geschehens: Im Reiche der Natur oder der Wirkursachen, im Bereich des Phänomenalen, stellt seine physikalische „Dynamik“ die Theorie bereit; im Reiche der Gnade oder der Zwecke, im Bereich des eigentlich Wirklichen dagegen, die Metaphysik, genauer, die Lehre von den Monaden. Wie die Natur niemals anders wirkt als durch eine unendliche Vielheit konkurrierender Ursachen – ein Gedanke, den schon der junge L. aus dem Hippokratischen σύμπνοια πάντα entwickelt –, so repräsentiert jede Monade in sich selbsttätig das ganze Universum, jede von ihrem Standpunkt aus unterschiedlich, jedoch in einer von Gott prästabilierten Harmonie. Damit wird die für ihn unannehmbare Forderung eines physischen Einflusses von Substanzen aufeinander zur Erklärung der Kausalität überflüssig – Monaden sind gleichsam fensterlos –, und das löst vor allem das Descartes’sche Dilemma der Einwirkung der Seele auf den Körper. Körper sind keine einfachen Substanzen, sie sind Phänomene in Monaden, wenn auch gut fundierte. Nicht einmal die höheren Geister sind ohne solche Körper, die aus dem prästabilierten Zusammenwirken der einfachen Substanzen und ihrer Subordination unter jeweils herrschende Monaden resultieren. Nur Einheiten haben wahre Existenz, nur Monaden sind einfache, unzerstörbare Substanzen. Zusammengesetzte Substanzen, Körper, sind nichts als Phänomene. L.s Phänomenalismus ist jedoch weder ein objektiver Idealismus: Monaden erscheinen nicht als Körper, sind auch selbst keine Erscheinungen; noch ein subjektiver Idealismus: den einfacheren Monaden fehlt das Selbstbewußtsein, sie sind keine Subjekte; und auch kein Spiritualismus: nicht alle Monaden sind Geister; schließlich auch kein Solipsismus: es gibt Gott und andere von Gott geschaffene Monaden, wenn auch der Gedanke der Theresa von Avila „nur Gott und ich“ L. faszinierte. Körper und überhaupt die ganze Welt mit ihrer Geschichte sind Phänomene nicht von, sondern in den sie in prästabilierter Harmonie wie in einem „lebenden Spiegel“ produzierenden Monaden. Ihre Perzeptionen sind nichts als Darstellungen des Vielen in der Einheit, ihre Appetitionen nichts als das Streben nach neuen Perzeptionen. Eine kontinuierliche, in jedem Augenblick unendliche Folge größtenteils unmerklicher „petites perceptions“, verknüpft das Individuum mit dem ganzen Universum und zugleich mit seiner eigenen Vergangenheit und Zukunft, Keine mit Selbstbewußtsein begabte Substanz (mens) verliert jemals die ihr auferlegte Person, deren unzerstörbare Identität durch Erinnerung gegeben ist und sie für Belohnung und Strafe zurechnungsfähig macht. Mit seiner Theorie der „petites perceptions“ wurde er der Entdecker des Unbewußten. Überraschend modern gegenüber den mechanistischen Erklärungen seiner Zeit muten auch L.s Vorstellungen von der Organisation des Lebendigen an: Organismen sind natürliche Maschinen, solche, die selbst in ihren kleinsten Teilen noch Maschinen sind. Zwischen den natürlichen Gattungen gibt es nur kontinuierliche Übergänge, die Natur macht keine Sprünge, duldet kein vacuum formarum (principium continuitatis). Auch gibt es keine zwei vollkommen gleiche, nur numerisch unterscheidbare Individuen (principium identitatis indiscernibilium). Im strengen metaphysischen Sinn gibt es weder Geburt noch Tod, sondern nur Transformationen der unzerstörbaren Substanz. Die Zustände der Monaden folgen nicht ohne göttliche Mitwirkung aufeinander, ihre Erhaltung ist als eine fortwährende Schöpfung zu begreifen.Wie mit einem Brennglas brachte L. in seiner Metaphysik verschiedenste Traditionen in ein kohärentes System: einen konfessionsübergreifenden christlichen Glauben, gerich tet auf einen allmächtigen, aber guten, frei von Willkür handelnden Gott, den er nicht als Weltseele, sondern als eine extramundane Intelligenz begriffen wissen wollte; die aristotelische Substanzenlehre und den auf sie gegründeten metaphysischen Individualismus der deutschen Schulphilosophen, verbunden mit der rabbinischen Lehre vom unzerstörbaren Kern der Substanz; die Präformation aller Individuen in ihren Protoplasten, den ersten Exemplaren jeder Spezies; das hippokratische Zusammenwirken aller Dinge und den neuplatonischen Harmoniebegriff, expliziert durch die cusanische Vollkommenheit als maximale Mannigfaltigkeit in der Einheit; die platonische Selbstbewegtheit und wahre, unteilbare Einheit des Geistes und damit die Irrealität des rein Körperlichen; die augustinisch-cartesische Selbstgewißheit des denkenden Ich und den platonisch-stoischen Glauben an eingeborene Ideen und Prinzipien, an ewige Wahrheiten, die unsere Vernunft konstituieren.Die erste Publikation seiner Metaphysik, das „Système nouveau de la nature“, erschien 1695 im „Journal des Savants“. Ihr folgten Erklärungen zu den kritischen Einwänden von →S. Foucher, →P. Bayle und →Fr. Lamy. 1695 prägt L. im Briefwechsel mit →F. G. de L'Hôpital die Begriffe Monade und prästabilierte Harmonie. Seine gewichtige Auseinandersetzung mit →John Lockes berühmtem „Essay“ (1690), die L. seit 1695 in kürzeren Schriften vorbereitet hatte, kleidete er 1703-05 in die Form eines Dialogs „Nouveaux essais sur l'entendement humain“, den er aber aus Pietät gegen den 1704 verstorbenen Gegner druckreif zurückhielt. Die Wirkung dieser erst 1765 durch →R. E. Raspe veröffentlichten Widerlegung des engl. Empirismus war und blieb trotz ihrer Verspätung doch bedeutend.Die Grundkonzeption seines berühmtesten Werkes, der aus Gesprächen mit der Kgn. →Sophie Charlotte am preuß. Hof hervorgegangenen „Essais de théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal“ (1710), beruht auf der schon in der „Confessio philosophi“ (1673) ausgesprochenen Idee einer Vielheit von möglichen Welten, unter denen Gott, der diese Vielheit in seinem Geist erschaffen hat, eine, und zwar aufgrund seiner Allwissenheit und seiner Güte die beste, zur Existenz bringt, die beste alles in allem besehen. Eine mögliche Welt besteht aus der Gesamtheit miteinander verträglicher individueller Substanzen, von denen jede durch ihren vollständigen Begriff festgelegt ist, mit allem, was ihr je zugestoßen ist und zustoßen wird. Der vollständige Begriff einer möglichen Einzelsubstanz bestimmt, mit welchen anderen Substanzen sie kompatibel ist, und dann wiederum, welchen Grad an Vollkommenheit die miteinander kompatiblen Substanzen zu realisieren imstande sind. Daß Gott, der nicht willkürlich handelt, sondern den zureichenden Grund seiner Wahl im Prinzip des Besten sieht, dieser und keiner anderen Welt zur Existenz verholfen hat, bedeutet für L., daß keine bessere Welt möglich ist. Dies ist eine Konzeption, die eher Resignation als den von Voltaire im „Candide“ verhöhnten Optimismus ausdrückt. Die neben der „Theodizee“ bekannteste Schrift L.s, die sog. „Monadologie“, ist ebensowenig wie die im selben Jahr 1714 in Wien für den Prinzen →Eugen von Savoyen verfaßten „Principes de la nature et de la grâce“ eine Vermächtnisschrift. Beide verschweigen den Phänomenalismus, geben aber gleichwohl die dichteste Darstellung dessen, was L. damals einer elitären Öffentlichkeit handschriftlich zugänglich zu machen bereit war. So hatte er schon|früher einigen Vertrauten brieflich Zusammenfassungen seines Systems mitgeteilt, insbesondere der Kfn. →Sophie in Hannover und ihrer Tochter →Sophie Charlotte, der ersten Königin in Preußen, die beide beständig und verständig seine vielfältigen Vorhaben förderten. L. hat sich aber auch ihnen gegenüber gescheut, die letzte Konsequenz seiner Metaphysik, die bloße Phänomenalität unserer raum-zeitlichen Erfahrungswelt, in einer Zeit, die er noch nicht gereift sah für seine Gedanken, öffentlich zu vertreten. Die Stücke, selbst die zur Absendung fertigen Briefe, in denen er seine Ansicht zu deutlich formulierte, hat er zurückgehalten – wohl aus Furcht, seine zur Verwirklichung seiner großen Projekte nötige Reputation bei den dafür maßgebenden Persönlichkeiten an den Höfen Europas zu verlieren.Nach dem Mißlingen der Versuche, die Entwässerung der Gruben im Harzbergbau mit seiner neuartigen Windkunst zu leisten, verpflichtete sich L. im Sommer 1685 gegenüber Hzg. →Ernst August, die Geschichte des Welfenhauses aus authentischen Quellen darzustellen: eine Aufgabe, die noch schwer auf ihm lasten sollte, besonders als Kf. →Georg Ludwig nach 1698 mit Nachdruck auf ihrer Erfüllung bestand. Für seine Annahme eines gemeinsamen Ursprunges der Welfen und der Este fand L. 1688 in Augsburg den ersten urkundlichen Beleg. 1690 stellte er in Modena und der Abtei Vangadizza das Ergebnis sicher. Gleichsam als Parerga dieser Sammel- und Sichtungsarbeit besorgte L. zunächst eine Reihe umfänglicher Quellenveröffentlichungen, so den „Codex juris gentium diplomaticus“ (1693) mit ergänzender „Mantissa“ (1700), die „Accessiones historicae“ (1698-1700) und in drei Bänden die „Scriptores rerum Brunsvicensium“ (1707-11), alles Quellen, die zum Teil bis heute in keiner anderen Ausgabe vorliegen. Diesen Ausgaben stellte er einleitend bemerkenswerte Äußerungen zur Theorie und Methode der Geschichtsschreibung und Quelleneditorik sowie zur Systematik des Natur- und Völkerrechtes voran. Seine genealogischen Forschungen („Origines Guelficae“) brachten erst →Scheidt 1751-54 in vier Bänden und Jung 1780 in einem fünften heraus. Die Welfengeschichte selbst, die L. für die Zeit von 768 bis 1005 dargestellt hatte, wurde, da nach L.s Tod seine Auftraggeber jegliches Interesse an ihr verloren, erst von →G. H. Pertz aus dem hinterlassenen Manuskript herausgegeben (Annales Imperii occidentis Brunsvicenses, 3 Bde., 1843–46). Sollten diese Annalen vorrangig dem Ansehen des Hauses Braunschweig dienen, so begründete L. mit weiteren historischen Arbeiten die politischen Ansprüche der Welfen; so bereits 1677 mit dem wiederholt gedruckten „Caesarini Fürstenerii de jure suprematus ac legationis principum Germaniae“, der den Hannoveranern eine den Kurfürsten gleichrangige Souveränität und die Beteiligung an der europ. Politik und den Friedensverhandlungen sichern sollte, sowie mit Schriften, die wesentlich zur Erlangung der 9. Kurwürde beigetragen haben. Weiterreichende historische Interessen und methodische Innovationen verband L. mit Arbeiten zur Frühgeschichte der Erde anhand von im Harz gefundenen Fossilien, der „Protogaea“ (im Auszug 1693 in den „Acta Eruditorum“, vollständig erst 1749 erschienen), die er zusammen mit Schriften über den Ursprung der Germanen (1697) und der Franken (1715) seinen „Annales“ voranstellen wollte, sowie in der „Brevis designatio meditationum de originibus gentium ductis potissimum ex indicio linguarum“ (1710), in denen er vergleichende Sprachgeschichte und Etymologie als historische Hilfswissenschaften einsetzte. Überhaupt widmete L. den Sprachen als „Spiegel des Verstandes“ auch neben seinen erwähnten Intentionen zur Schaffung einer berechnenden und berechenbaren „lingua philosophica“ großes Interesse. Seine Studien zur Sprachenvergleichung gipfelten in Hypothesen über Ursprung und Verwandtschaft der Sprachen, die heutigen Auffassungen über die indogerman. Sprachfamilien nahekommen. Besonderes Gewicht legte er auf die Wortbildung und die Namenforschung, sah er doch in den Eigennamen, besonders in den geographischen, die ältesten Zeugnisse einer ursprünglichen Namengebung. Nach franz. Vorbild empfahl er die Anlage dreier Wörterbücher, eines für die Hochsprache, in doppelter (alphabetischer und sachlicher) Anordnung, eines für die Fachterminologien und schließlich eines für die Etymologie, entweder nach den heutigen Wortgestalten oder nach ihren Wurzeln angeordnet. Vier Bände Material für ein solches „Glossarium etymologicum“ liegen noch im Nachlaß. Obgleich sein Interesse auf die Pflege der deutschen Hochsprache gerichtet war und darauf, ihren Wortschatz ohne puristische Ambitionen zu reinigen und durch Wiedereinsetzung versunkener Wörter zu erweitern, legte er großen Wert auf die Erforschung der Mundarten. Hervorgehoben seien die heute noch unveröffentlichte „Epistolaris de historia etymologica dissertatio“ (um 1712) und die von J. G. Eckhart 1717 herausgegebenen „Collectanea|Elymologica“, die auch L.s „Unvorgreifliche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache“ enthalten, mit denen er um die Jahrhundertwende den alten Plan zur Einrichtung einer „teutschgesinnten Gesellschaft“ wiederaufgriff.L. teilte früh das Interesse seiner Zeit für China. Als er 1689 in Rom →C. F. Grimaldi begegnete, einem Angehörigen der Jesuiten-Mission in China, faßte er in 30 Fragen zusammen, was er von der chines. Sprache, Kultur, Wissenschaft und Technik zu erfahren hoffte, angefangen bei der Schrift, über die Seidenraupen und den Ginseng bis zur Chirurgie, zur Kriegskunst und zum Bergbau. Mit weiteren Mitgliedern dieser Mission blieb er in regem Briefwechsel. Ungeduldig erwartete er die „Clavis Sinica“, die ihr Autor →A. Müller jedoch unvollendet vernichtete. 1697 und erweitert 1699 gab er als „Novissima Sinica“ eine informative Sammlung aktueller Briefe und Berichte heraus. Noch 1713 äußert er sich brieflich ausführlich über die natürliche Theologie der Chinesen.Im Auftrage des Hzg. →Ernst August hat L. zusammen mit Gerhard Molanus, dem Abt von Loccum, seit 1683 an Verhandlungen zur Reunion der christlichen Konfessionen teilgenommen. Auf kath. und kaiserl. Seite waren daran der Bischof von Wiener-Neustadt →Christóbal Rojas y Spinola und später dessen Nachfolger Franz Anton Gf. v. Buchhaim beteiligt. L. empfahl, die Disputationen zu beenden und sich der Autorität eines einzuberufenden, wirklich ökumenischen Weltkonzils zu unterwerfen. Unermüdlich verfaßte er Denkschriften und wechselte Briefe, so mit dem konvertierten Landgf. →Ernst von Hessen-Rheinfels, mit dem einflußreichen Bischof von Meaux, →J.-B. Bossuet, und mit →P. Pellisson-Fontanier. Letzterer ließ seinen Briefwechsel mit L. unter dem Titel „De la tolérance de la religion“ 1691 erscheinen und wiederholt auflegen. Insgesamt blieben diese Bemühungen ohne Ergebnis, sie paßten letztlich nicht in das Konzept der großen Politik. Resignierend hielt L. sein wohl 1686 vom Standpunkt eines Katholiken verfaßtes „Examen religionis christianae“, das seit 1820 in deutscher Übersetzung als „System der Theologie“ bekannt wurde, zurück. Erfolgreicher waren, wenn auch nicht mehr zu seinen Lebzeiten, die mit dem Berliner Prediger →D. E. Jablonski seit 1698 geführten Gespräche zur Union der luth. und ref. Kirchen in Preußen.L.s politisches und diplomatisches Wirken blieb überhaupt durch Stand und Stellung beschränkt auf Beratung und Publizistik. Trotz großem Einsatz und selbstlosen Ambitionen blieb es weit hinter seinen wissenschaftlichen Leistungen zurück, bedingt nicht zuletzt durch die politischen Kräfteverhältnisse und divergierenden Partikularinteressen. L. stellte immer wieder die Situation des Reiches dar und erwog, wie die Politik Ludwigs XIV. durch Allianzen zu schwächen sei, wie aber auch durch Frieden mit Frankreich die Kräfte gegen die anstürmenden Türken freigesetzt werden könnten. Der 1684 anonym erschienene „Mars Christianissimus“ ist eine leidenschaftliche Satire gegen die Aggressionspolitik des Sonnenkönigs. Weitere Denkschriften galten dem span. Erbfolgestreit und der Anwartschaft seiner Gönnerin, der Kfn. →Sophie auf die engl. Thronfolge, die ihr Sohn →Georg Ludwig 1714 auch antrat. L.s Gedanken zur Prinzenerziehung, die er direkt am preuß. und sächs. Hof geltend zu machen versuchte, blieben ohne Wirkung. In zahllosen Entwürfen ließ er im Sinne seiner Definition des Staates als einer „großen Vergesellschaftung mit dem Zwecke der allgemeinen Sicherheit“ kaum etwas unberücksichtigt, was sein erfinderischer Geist als dem „allgemeinen Besten“ dienlich ansehen mußte, angefangen bei der Staatsverwaltung, dem Münz-, Währungs-, und Besoldungswesen, der Einrichtung einer Medizinalbehörde und eines statistischen Amtes, insbesondere auch der Einführung von öffentlichen Lebensversicherungen. Hinterbliebenenrenten und Armenkassen, sowie der Besteuerung oder Verstaatlichung bestimmter Handelszweige und Manufakturen und der Förderung gemeinnütziger Institutionen durch Lotterien bis hin zur Erörterung von Arbeitsplatzproblemen, die bereits damals die fortschreitende Ersetzung der Handarbeit durch Maschinen aufwarf. Er machte Vorschläge zur Einrichtung eines zentralen Reichsarchivs, und zum Abschluß eines Reichskonkordates zur Wahl der Bischöfe, aber auch solche praktischer Art, etwa zur Beleuchtung der Stadt Wien mit Rübsamenöl und zur Seidenraupenzucht als Finanzquelle für die Berliner Akademie In Italien stellte er 1689 unterwegs aus dem Gedächtnis eine umfassende Liste der zur Einrichtung einer Universalbibliothek benötigten Bücher zusammen. Er entwarf Fragebögen für die Missionare in China und später für Peter den Großen zur Erkundung fremder Sprachen und Kulturen, begriff als erster 1690 den Zusammenhang von Luftdruck und Wetter, entwarf auch 1702 das erste Aneroid-Barometer und sammelte Daten für ein magnetisches Modell der Erdkugel mit Eintragung der Abweichungen der Magnetnadel zur Bestimmung der Breitengrade auf See. Hier kann nur einiges genannt werden. Der Tag war ihm, wie er klagte, oft nicht lang genug, das, was ihm beim Aufwachen einfiel, auch nur aufzuschreiben.L. verstand sich als Autodidakt, als ein Vielleser mit Vorliebe für Lektüre, die den eigenen Gedanken genügend Raum läßt, stets mehr darauf bedacht, zu verwerten als zu verwerfen. Er war wohl die vielseitigste Gestalt der deutschen Geistesgeschichte im 17. Jh.; ein Gelehrter, dem nichts Wissenswertes fremd blieb, der aber nicht als Polyhistor das Wissen um des Wissens willen ansammelte, sondern es stets mit der Praxis verbinden wollte. Der Preis dieser Vielseitigkeit war Unruhe, wenn nicht Verzettelung, die ihren Grund in seinem Streben nach Positionen hatte, die ihm angemessene Möglichkeiten zur Verwirklichung seiner großen Pläne einräumten; denn trotz seines Ansehens in der Gelehrtenwelt blieb er stets in Abhängigkeiten, die ihn zur Rücksichtnahme, wenn nicht gar zur Untätigkeit zwangen, aus Angst, etwas zur Unzeit angegangen zu haben.Dennoch hat L. entscheidend in die Neuzeit hineingewirkt und hätte, wäre er nicht so sehr seiner Zeit voraus gewesen, das noch stärker tun können. Die wesentlichen Grundlagen der Computertechnik beispielsweise, so die Rechenmaschine – sogar die dyadische –, die Dyadik selbst, der infinitesimale und der logische Kalkül (Schaltalgebra), die Kombinatorik und die Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Umgang mit Näherungswerten und nicht zuletzt die Charakteristik und Begriffsanalyse sind von ihm entdeckt oder entscheidend weiterentwickelt worden. Was L. zur Analyse der Sätze erfand, braucht man heute, um sie zu verschlüsseln (Gödelisierung). Bei aller Modernität vertrat L. noch – derartig umfassend wohl als Letzter – die Ideale der Scholastik, wenn er den Versuch machte, den Glauben, die Theologie in den Mittelpunkt zu stellen –, selbst die Mathematik will er nur um ihretwegen betrieben haben – einen Versuch, alles Wissen, alle Betätigung letztlich auf das Ziel der ewigen Glückseligkeit auszurichten. Wenn er auch das irdische Wohl darüber nicht geringschätzte, so sah er den Menschen doch stets als homo viator (Hochstetter), und er hat unermüdlich versucht, dieses Bewußtsein in seiner Zeit wach zu halten.L. verbreitete seine Gedanken mehr durch eine umfangreiche Korrespondenz – sie umfaßt über 15 000 Briefe an und von mehr als 1 000 über ganz Europa bis hin nach China verteilten Adressaten – als durch die gut 300 Schriften, die er oder seine Zeitgenossen größtenteils in Form von Aufsätzen und Rezensionen herausgaben. Diese vergleichsweise wenigen Publikationen machen nur einen Bruchteil dessen aus, was L., zumeist als Fragment, in die Schubladen verbannte. So wurde sein Werk zum größten Teil erst postum in einem immer wieder abgebrochenen und bis heute nicht abgeschlossenen Prozeß im Druck zugänglich gemacht, obgleich sein Nachlaß, der heute in der Niedersächs. Landesbibliothek in Hannover liegt, vorzügliche Aufschlüsse geben kann über die Werkstattarbeit eines großen Geistes. „Wenn es nach mir ginge“, hat →Lessing gesagt, „müßte L. nicht eine Zeile vergebens geschrieben haben“. Dennoch liegt eine Gesamtausgabe seiner Schriften und Briefe bis heute nicht vor. Ansätze dazu unternahmen →G. H. Pertz zusammen mit →C. L. Grotefend u. →C. I. Gerhardt (12 Bde., 1843–63, davon 4 Geschichte, 1 Philosophie u. 7 Mathematik), →O. Klopp (11 Bde., 1864–84, Hist.-polit. u. staatswiss. Schriften) und →A. Foucher de Careil (7 Bde., 1859–75). →L. Dutens faßte in seiner Ausgabe (Opera omnia, 6 Bde., 1768) das damals bereits Gedruckte, wenn auch nicht vollständig, so doch angereichert durch einige Briefwechsel aus den Originalen systematisch geordnet zusammen. Auch →J. E. Erdmann (Opera philosophica omnia, 1 Bd., 1840) erfüllte, trotz der Aufnahme von Inedita, diesen Anspruch bei weitem nicht. Erheblich darüber hinaus ging erst →C. I. Gerhardt (Die phil. Schriften, 7 Bde., 1875–90). Hinzu kamen vor allem →L. Couturat (Opusc. et fragm. inédits, 1903) und G. Grua (Textes inédits, 2 Bde., 1948), deren Schwerpunkte in der Logik bzw. in der Theologie und Jurisprudenz liegen. Die erste vollständige historisch-kritische Ausgabe ist die der Preuß. Akademie der Wissenschaften, heute Akademie der Wissenschaften der DDR, die von ihrer Arbeitsstelle in Berlin (Ost) zusammen mit dem Leibniz-Archiv der Niedersächs. Landesbibliothek Hannover und der Leibniz-Forschungsstelle der Univ. Münster, beide neuerdings unter Aufsicht der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, bearbeitet wird („Sämtliche Schriften und Briefe“, 1923 ff., bisher erschienen 19 Bde. in 7 Reihen, etwa ein Viertel des Gesamtumfangs). Die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft e. V. fördert mit internationalen Kongressen und Symposien und mit den „Studia Leibnitiana nebst „Supplementa“ die Erforschung seines Werks und seiner Wirkung.
3. Louise Henriette von Oranien-Nassau
Louise Henriette von Oranien-Nassau war die erste Frau des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688, Regierungszeit 1640-1688). Sie zeichnete sich durch Frömmigkeit und Wohltätigkeit aus. Auch wirkte sie als Kulturmittlerin zwischen den Niederlanden und Brandenburg-Preußen. In ihrem von Reisen geprägten Leben machte sie auch für einige Jahre im Herzogtum Kleve Station, das zu Brandenburg-Preußen gehörte.
Geboren wurde sie am 7.12.1627 in Den Haag als Tochter des niederländischen Generalstatthalters Friedrich Heinrich von Oranien-Nassau (1584-1647) und seiner Gattin Amalia zu Solms-Braunfels (1602-1675). Louise Henriette war nach ihrem Bruder Wilhelm II. (1626-1650) das zweite Kind der Statthalterfamilie. Ihre Schwestern Albertine Agnes (1634-1696), Henriette Katharina (1637-1708) und Maria (1642-1688) erreichten als einzige der sieben weiteren Geschwister das Erwachsenenalter. Louise Henriette wurde in einer Phase geboren, in der die Oranier-Dynastie auf eine enge Verflechtung mit deutschen Fürstentümern setzte. So wurden alle vier Töchter mit deutschen Fürsten verheiratet. Das Haus Oranien-Nassau, welches seit dem späteren 16. Jahrhundert einen Bedeutungs- und Machtzuwachs erlebt hatte, wollte seinen Einfluss weiter steigern und betrieb daher eine offensive Heiratspolitik. Dabei erwies sich Amalia zu Solms-Braunfels in den Heiratsverhandlungen ihrer Kinder als geschickte Diplomatin.
Auch bei der Verheiratung von Louise Henriette verfolgte Amalia ambitionierte Ziele. Zunächst war keine Verbindung mit den Hohenzollern angestrebt worden, sondern der Heirat Louise Henriettes mit dem jungen Kurfürsten Friedrich Wilhelm gingen gescheiterte Versuche voraus, sie hochrangig zu verheiraten. Ihre erste Verlobung mit Heinrich Casimir I. von Nassau-Diez (1612-1640) wurde geschlossen, als Louise Henriette 13 Jahre alt war. Heinrich fiel jedoch 1640 in der Schlacht bei Hulst, und Louise Henriette machte sich Hoffnungen, den französischen Prinzen Henri Charles de La Trémoille (1620-1672) zu ehelichen, in den sie sich verliebt hatte. Das wurde ihr jedoch von ihrer Mutter deutlich untersagt. Auch Verhandlungen, Louise Henriette mit dem englischen Thronfolger Charles II. (1630-1685) zu verheiraten, schlugen fehl, da eine solche Verbindung eine dauerhafte Verpflichtung der Oranier gegenüber England bedeutet hätte, wovor diese jedoch zurückschreckten. Die langen Verhandlungen mit England verliefen schließlich im Sande, wohingegen sich die verhandelnden Parteien schnell einigen konnten, als es um die Eheschließung zwischen dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und der jungen Oranierin ging. Bereits im September 1646 – man verhandelte erst seit rund zwei Monaten − wurde die anstehende Hochzeit bekannt gegeben. Nicht nur die englischen Verhandlungsteilnehmer waren über diese Wendung wenig erfreut, auch Louise Henriette soll der Verbindung wenig glücklich entgegengesehen haben.
Die Hochzeit zwischen Louise Henriette und dem Kurfürsten fand am 7.12.1646 statt, vorgezogen wegen der ernsthaften Erkrankung des Vaters der Braut. Louise Henriette blieb bis zum Ableben des Vaters am 14.3.1647 in Den Haag. Anschließend zog das junge Paar nicht direkt nach Berlin, sondern nach Kleve und residierte dort bis 1650.
Der Aufenthalt in Kleve hatte politische Gründe, die die Präsenz des Kurfürstenpaares in ihrem rheinischen Territorium erforderten. Zum einen liefen Bündnisverhandlungen mit der Republik der Vereinigten Niederlande. Der Kurfürst erhoffte sich durch ein Bündnis mit den Generalstaaten eine bessere Verhandlungsposition beim Westfälischen Friedenskongress, um seine Ansprüche auf Pommern gelten zu machen. Zum anderen musste auch das Verhältnis zwischen den klevisch-märkischen Ständen und dem brandenburgischen Landesherrn ausgelotet werden. Nach dessen Klärung durch einen Landtagsabschied vom 9.10.1648 brach der Kurfürst nach Berlin auf. Louise Henriette folgte ihm kurze Zeit später mit dem im Mai des Jahres geborenen Thronfolger Wilhelm Heinrich. Auf dem Weg nach Berlin erfuhr Louise Henriette jedoch einen schweren Schicksalsschlag: Der einjährige Wilhelm Heinrich starb am 24.10.1648 in Wesel nach einer kurzen Krankheit. Louise Henriette reiste zurück nach Den Haag, um bei ihrer Mutter Trost zu finden. Erst 1650 zog die Kurfürstin in das renovierte Schloss in Cölln an der Spree.
Louise Henriettes Leben war von Umbrüchen und vielen Reisen geprägt. Die Eheschließung mit Friedrich Wilhelm entwickelte sich für die Oranierin zu einer glücklichen Partnerschaft. Die Kurfürstin war Zeit ihres Lebens eine wichtige Beraterin und Stütze ihres Mannes und verbrachte viel Zeit damit, ihn auf seinen Reisen zu begleiten. Sie folgte Friedrich Wilhelm sogar bis zu den Kriegsschauplätzen des Nordischen Krieges (1655-1660).
In der Forschung wurde lange die politische Rolle und beratende Funktion Louise Henriettes unterschätzt. So ist ihre Leitungsfunktion am kurfürstlichen Hof in der herrscherlichen Repräsentation und höfischen Kommunikation als besonders erfolgreich hervorzuheben. Otto von Schwerin (1616-1679), später Oberpräsident der kurfürstlichen Regierung, war beispielsweise zuerst als Hofmeister für Louise tätig. Der Briefwechsel mit Schwerin bietet den wichtigsten Quellenbestand über den kurbrandenburgischen Hof in dieser Zeit und die Ansichten der Kurfürstin. In ihren Briefen berichtet sie über ihre Bauvorhaben für das Amt Bützow und die Gestaltung des Schlosses Oranienburg, welches ihr der Kurfürst 1650 geschenkt hatte, aber auch über die Liebe zum Kurfürsten und zu ihren Kindern sowie ihren großen Wunsch, möglichst viel Zeit mit der Familie verbringen zu dürfen und ihre Kinder aufwachsen zu sehen.
Louise Henriette gebar Friedrich Wilhelm sechs Kinder, von denen drei das Kindesalter überlebten. Nach dem Tod des ersten Sohnes und einer folgenden Fehlgeburt blieb die Thronfolge für kurze Zeit, bis zur Geburt Karl Emils (1655-1674) und endgültigen Absicherung der Nachfolge mit der Geburt Friedrichs (1657-1713, Regierungszeit 1688-1713), offen. Die Kurfürstin tat sich als liebende Mutter hervor, und besonders der spätere erste preußische König, Friedrich I., schätzte seine Mutter sehr. So berichtet bereits der Erzieher der Prinzen, Otto von Schwerin, von der engen Bindung zwischen Mutter und Sohn. Friedrich unterstrich diese besondere Beziehung lange nach dem Tod seiner Mutter nachhaltig dadurch, dass er das Schloss Oranienburg zum Gedenken an die Mutter neu herrichten ließ.
Louise Henriettes Verbindung zu ihrer niederländischen Heimat und zum Niederrhein war eine Konstante in ihrem Leben. So trieb sie den Kulturtransfer zwischen Brandenburg-Preußen und den Niederlanden maßgeblich voran. Sie ließ ab 1651 das Schloss Oranienburg in Namen und Stil zum Andenken an ihre oranische Herkunft errichten. So erhielt das Schloss 1663 das für die Niederlande zeitgenössisch typische Porzellankabinett, welches das erste seiner Art in Brandenburg war. Auch in den Bereichen Gartenbau, Landwirtschaft, Architektur und Kunstpolitik nutzte Louise Henriette die Verflechtungen ihrer Dynastie und bereicherte die Heimat ihres Ehemannes entscheidend. Der von ihr angeregte Austausch war sowohl nachhaltig als auch hochwertig, wie sich an den Veränderungen und Innovationen beispielsweise des Amtes Bötzow und den von Louise Henriette nach niederländischem Vorbild initiierten landwirtschaftlichen Neuerungen zeigt.
Über ihre Vermittlertätigkeit hinaus konzentrierte Louise Henriette sich vor allen Dingen auf ihr religiöses Leben. Sie war eine fromme reformierte Christin. Wie auch in den Niederlanden und anderen reformierten Gebieten üblich, stiftete Louise Henriette ein Waisenhaus in Oranienburg, das 1665 im Wesentlichen fertiggestellt war. Sie setzte sich auch für die Rechte der Reformierten in den brandenburgischen Territorien ein. Dies hängt unter anderem mit der Prädestinationslehre des reformierten Glaubens und den daraus resultierenden Ansprüchen an das irdische Leben der Gläubigen zusammen. Nicht zu bestätigten ist jedoch die lange gehegte Vermutung, Louise Henriette sei die Autorin einiger calvinistischer Kirchenlieder gewesen.
Louise Henriette folgte ihrem Mann 1665 ein weiteres Mal in das Rheinland, abermals hatte der Aufenthalt des Kurfürstenpaares politische Gründe. Die geographische Lage der Besitzungen und die militärischen Kapazitäten des Kurfürsten waren für den Niederländisch-Englischen Seekrieg (1665-1667) mit Beteiligung des Fürstbistums Münster auf der Seite Englands von Bedeutung. Die jeweiligen Konfliktparteien versuchten in Kleve, den Kurfürsten für ihre Seite zu gewinnen. Doch dieser führte durch sein vermittelndes Eingreifen den Frieden herbei, der am 18.4.1666 in Kleve geschlossen wurde. Während der Verhandlungszeit in der niederrheinischen Residenzstadt war Louise Henriette vor allem in das repräsentative und kommunikative Geschehen mit ausländischen Gesandtschaften eingebunden, welche zu den Bündnis- und Friedensverhandlungen aus ganz Europa in das Rheinland gekommen waren.
Louise Henriettes Wunsch, ihre Kinder weiter aufwachsen zu sehen, ging nicht in Erfüllung. Tief betrauert von ihrem Gatten, ihren Kindern und dem Hofstaat, starb sie am 18.6.1667 in (Berlin-)Cölln im Alter von nur 39 Jahren an Schwindsucht (Tuberkulose). Ihr Grab befindet sich in der Hohenzollern-Gruft im Berliner Dom.
Die Oranierin blieb weit über ihren Tod hinaus nicht nur als Mutter des ersten preußischen Königs im kollektiven Gedächtnis lebendig. Besonders in Stadt und Schloss Oranienburg, wo auf dem Schlossvorplatz seit 1858 ihr lebensgroßes Standbild, geschaffen von Wilhelm Wolff (1816-1887), steht, wird die Erinnerung an ihre Gründerin und „Namenspatronin“ intensiv gepflegt. Im niederrheinischen Moers, das 1701/1702 aus ihrem Erbe an Preußen fiel, ist Louise Henriette seit 1904 durch ihre markant vor dem Schloss errichtete Statue – ein Werk des Bildhauers Heinrich Baucke (1875-1915) – präsent. Louise Henriette ist allerdings nie in Stadt und Grafschaft Moers gewesen.
Seit der Jahrtausendwende rückte die Kurfürstin auch als eigenständige Person in das Blickfeld der interessierten Öffentlichkeit und gewann im Rahmen der Gender- und Frauenforschung wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Die Oranierin blieb zeit ihres Lebens stets mit ihren niederländischen Wurzeln verknüpft; es gelang ihr durch eben diese Verbindung, die sich nicht zuletzt auch auf den niederrheinischen Raum erstreckte, nachhaltig emotionalen und politischen Einfluss auf ihren Ehemann zu nehmen.
4. Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich
Als M. 1717 geboren wurde, war noch nicht vorauszusehen, daß sie einmal Erbin der Monarchie des Hauses Österreich werden würde. Daher ist sie keineswegs zur künftigen Herrscherin erzogen worden. Bemerkenswert ist, daß sie und ihre Schwester →Maria Anna – der Unterricht erfolgte wegen des geringen Altersunterschieds gemeinsam – in Mathematik von dem bedeutenden Geometer und Astronomen →Joh. Jakob Marinoni, in Geschichte und Latein von dem gelehrten Reichs- und Hofhistoriographen →Gottfried Wilhelm Spannagl unterrichtet wurden. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die erhaltenen Unterrichtshefte eine stark „ghibellinische“, antikuriale Tendenz zeigen. Außer Latein und Deutsch – das M. zeitlebens mit starker wienerischer Färbung sprach und schrieb – lernten die Prinzessinen Spanisch, Italienisch und Französisch. Großer Wert wurde am Wiener Hof auf die Musik gelegt. Die Texte der Opern und Arien, aber auch der von den Erzherzoginnen wie dann von den Kindern M.s bei Festen, Namens- und Geburtstagen der Eltern vorzutragenden Gedichte lieferte der „Poeta Cesareo“ →Pietro Metastasio, der angesehenste ital. Dichter seiner Zeit, der insgesamt 52 Jahre, darunter die gesamte Regierungszeit M.s, in Wien lebte. Im Sommer 1735 wurde sein Werk „Le grazie vendicate“ von M., →Maria Anna und der Erzieherin der Erzherzoginnen, der von M. „Mami“ oder „Fuchsin“ genannten Karoline Gfn. Fuchs (die M. als einzige nicht zur kaiserl. Familie gehörende Person in der Kaisergruft beisetzen ließ), aufgeführt. Bei ihrer eigenen großen Kinderschar hat M. dann diese Tradition fortgeführt und darauf bestanden, daß die Söhne alle mindestens Violine und Klavier, die Töchter Klavier und Gesang lernten. Für das Spiel entwickelte M. als junge Frau eine starke Leidenschaft, verbrachte viele Abend- und Nachtstunden am Spieltisch und verspielte gelegentlich auch höhere Geldsummen.
Am 19.4.1713, schon vier Jahre vor M.s Geburt, hatte →Karl VI. das Hausgesetz der „Pragmatischen Sanktion“ erlassen, durch das für immer „indivisibiliter ac inseparabiliter“ die Vereinigung aller Länder und Herrschaften des Hauses Österreich konstituiert wurde. Die Töchter →Karls VI. gingen demnach in der Erbfolge denen des Bruders Kaiser →Joseph I. vor. Dadurch erhielt die Frage der Vermählung der künftigen Erbin der österr. Monarchie eine entscheidende Bedeutung für die europ. Politik. Während einer Annäherung der Höfe Wien und Madrid wurde zunächst die Eheschließung mit dem zweiten Sohn →Philipps V. von Spanien, dem späteren Kg. →Karl III. von Spanien, in Erwägung gezogen. Gegen eine Verbindung mit dem dadurch übermächtig werdenden Haus Bourbon wandten sich die „Seemächte“ Großbritannien und die niederländ. Generalstaaten, denen gegenüber sich →Karl VI. gegen die Anerkennung der „Pragmatischen Sanktion“ 1730 verpflichtete, die Hand seiner erstgeborenen Tochter nur einem Prinzen von geringerer Macht zu geben. Damit stiegen die Aussichten eines anderen Prätendenten, der zudem bereits das Herz M.s und als Jagdgefährte die Sympathie ihres Vaters errungen hatte: →Franz Stephan, Sohn und Erbe des Herzogs →Leopold von Lothringen. Allerdings mußte nach dem für Österreich unglücklichen Ausgang des „Poln. Thronfolgekriegs“ (1733-35) und gemäß den Bestimmungen des diesen Krieg beendigenden Wiener Präliminarfriedens der junge Herzog von Lothringen, gleichsam als Gegenleistung für die Hand der Erbin der österr. Monarchie, auf sein eigenes Stammland verzichten und sich mit dem Versprechen der Großmächte begnügen, daß er als Ersatz nach dem Tod des letzten Medici (→Gian Gastone) das Großherzogtum Toskana erhalten würde. Am 7.7.1737 starb →Gian Gastone. →Franz Stephan weilte nur ein einziges Mal und nur für etwas mehr als drei Monate – vom 19.1. bis zum 28.4.1739 – mit M. in der Toskana.
Der unerwartete Tod →Karls VI. am 20.10.1740 machte seine erst 23jährige älteste Tochter zur Erbin der Monarchie und stürzte sie in einen Kampf auf Leben und Tod um die Erhaltung ihres Erbes gegen eine übermächtig erscheinende Koalition ihrer Gegner Preußen, Bayern, Sachsen, Frankreich und Spanien. In diesem acht Jahre – mit zwei Sonderfriedensschlüssen mit Preußen – währenden Österr. Erbfolgekrieg hat die junge „Königin von Ungarn“ eine ganz Europa in Staunen versetzende Energie und Standhaftigkeit bewiesen und ihr väterliches Erbe bewahrt – mit Ausnahme von Schlesien, das sie an ihren großen Gegenspieler Kg. →Friedrich II. von Preußen abtreten mußte. Außerdem erreichte sie das ihr so wichtige Ziel, daß ihr Gemahl nach dem Tod des wittelsbach. Schattenkaisers →Karl VII. mit den Stimmen der Mehrheit der Kurfürsten gewählt und am 4.10.1745 als →Franz I. zum Kaiser des Hl.Röm. Reiches gekrönt wurde. Man hat diese Erfolge in der österr. Geschichtsschreibung zu einer Art Gegenstück zum „friderizianischen Mythos“ aufgebaut und dabei vielfach übersehen, daß auch für die junge M. die Politik schon die Kunst des Möglichen war: Dreimal war sie während des Österr. Erbfolgekriegs – gewiß gedrängt von ihren brit. Verbündeten – zu einem Sonder-Arrangement mit ihrem gefährlichsten Gegner, dem Preußenkönig, bereit – in der Konvention von Klein-Schnellendorf (9.10.1741), im Frieden von Breslau (11.6.1742) und Berlin (28.7.1742), der den „Ersten Schles. Krieg“ beendete, und schließlich – nun endgültig für diesen Krieg – im Dresdener Frieden vom 25.12.1745, während der Erbfolgekrieg gegen Frankreich und dessen Verbündete noch fast drei Jahre in Italien und den Niederlanden fortdauerte (bis zum Frieden von Aachen vom 18.10.1748).
Schon nach dem Dresdener Frieden, bis zu dem M., wie sie selbst im Rückblick schrieb, „herzhaft agieret, alles hazardieret und alle Kräfte angespannt“ hatte, wandte sie ihre „Gedenkensart … allein auf das Innerliche deren Länder“. Damit begann, nach einigen schon vorher unter dem Druck der zwingenden Not durchgeführten, vor allem das Heerwesen betreffenden Reformen, das große Werk der „Theresianischen Staatsreform“. Ihr entscheidender Helfer war dabei →Friedrich Wilhelm Gf. Haugwitz, eine Entdeckung ihres Gemahls, der überhaupt in der Auswahl ihrer und seiner Mitarbeiter – vielleicht, weil er selbst wenig Ehrgeiz und Arbeitseifer besaß – eine besonders glückliche Hand hatte. Der Anteil, den →Franz Stephan selbst an dem Zustandekommen und der Durchsetzung der großen Staatsreform hatte, ist bei dem innigen Einvernehmen der Ehegatten und dem bewußten Zurücktreten des Kaisers gegenüber seiner Gemahlin in allen ihre Erbländer betreffenden Angelegenheiten sehr schwer abzuschätzen, dürfte aber vermutlich größer gewesen sein, als man gemeinhin annimmt. Die Staatskanzlei wurde verselbständigt, der Reichshofrat gestrafft, eine umfassende Neuordnung der allgemeinen Besteuerung angebahnt. Durch die Reform des Staatsapparats wurde in den Erblanden das landständische Element zurückgedrängt; Mittel- und Kreisinstanzen wurden geschaffen, das Justizwesen wurde reformiert, die Erstellung eines allgemeinen Katasters diente einer effektiveren Wirtschafts- und Finanzpolitik. Um die Heeresreform machten sich besonders →Leopold v. Daun, →Karl v. Lothringen und →Joseph Wenzel v.Liechtenstein verdient.
M.s religiöse Überzeugungen und ihre Kirchenpolitik waren hauptsächlich bestimmt von einem starken Gottvertrauen, wurzelnd in Tradition und Praxis des österr. „Barockkatholizismus“ in der durch die Gegenreformation erfolgten Prägung. Daneben wirkten bei der Tochter einer ev. Konvertitin die seit dem Span. Erbfolgekrieg am Wiener Hof verstärkten antikurialen Tendenzen, „reformkatholische“ Strömungen im Sinne →Muratoris und der kath. Aufklärung (die ihr durch ihren Gemahl, durch ihren Leibarzt, den „christlichen Philosophen“ →Gerard van Swieten, und durch →Kaunitz vermittelt wurden), merkantilistische und utilitaristische Überlegungen (Einschränkung der Zahl der Feiertage, der Wallfahrten und des kirchlichen Prunks, Pläne der Heranziehung des reichen Klostervermögens zur Einrichtung neuer Pfarren usw.), schließlich, besonders nach dem Tod ihres Gemahls, der Einfluß ihres geistlichen Gewissensrates Propst →Ignaz Müller, des „jansenistischen Sauertopfs“ (→J. B. Alxinger). Der mit den Jahren zunehmende jansenistische Rigorismus kam etwa in der Forderung an ihre Kinder zum Ausdruck, in ihren Residenzen keine Darstellungen von „Nuditäten“ zu dulden, in der Schaffung einer „Keuschheitskommission“ und der unerbittlichen Strenge gegenüber wirklicher oder angeblicher „Unsittlichkeit“. Ihre schweren Herzens aus Rücksicht auf die Familienbande mit den bourbon. Höfen gegebene Zustimmung zur Aufhebung des Jesuitenordens offenbart ihre Gewissensqualen in einer sich ändernden Welt ebenso wie dann am Ende ihres Lebens ihre beharrliche Weigerung, in den böhm.-österr. Erblanden den Nicht-Katholiken bürgerliche Toleranz zu gewähren, was den letzten schweren Konflikt mit ihrem Sohn und Mitregenten →Joseph verursachte.
Standhaftigkeit und Zähigkeit hat M. auch in ihrem Festhalten an dem von ihrem Staatskanzler →Wenzel Anton Graf (später Fürst) Kaunitz-Rietberg aufgebauten neuen System des Wechsels der Allianzen, der „diplomatischen Revolution“ des Jahrhunderts, des gegen Preußen gerichteten Bündnisses mit Frankreich und Rußland (1757), bewiesen. Allerdings brachte diese Politik im Siebenjährigen Krieg (1756–63) trotz aller Opfer und Anstrengungen dann doch nicht die ersehnte Rückgewinnung Schlesiens und eine Zurückdrängung des verhaßten Preußenkönigs auf den Rang eines „Markgrafen von Brandenburg“. Doch hat die im Sinne des Rationalismus des Aufklärungszeitalters von →Kaunitz meisterhaft gehandhabte Außenpolitik das seit dem letzten unglücklichen Regierungsjahrzehnt →Karls VI. tief gesunkene Ansehen Österreichs im europ. Staatensystem wieder auf jene Höhe gehoben, die es nach den glänzenden militärischen und staatsmännischen Erfolgen des Prinzen Eugen von Savoyen eingenommen hatte, wie M. überhaupt als die konsequente Fortsetzerin jener Politik der staatlichen Festigung und inneren Konsolidierung gelten kann, die Prinzen →Eugen eingeleitet und deren Weiterführung er empfohlen hatte.
Ein Vergleich der staatlichen Entwicklung in Österreich und in Preußen läßt die Unterschiede wie die Parallelen erkennen, wobei die Parallelen in den geschichtlichen und sozialen Voraussetzungen in beiden Staatswesen immer deutlicher erkennbar werden. Sie legt aber auch den Blick frei für die anderen Elemente und Einflüsse, die das theresianische Österreich und seine Kultur geformt haben, so vor allem jene aus Lothringen. Frankreich und Italien, die man früher im Zeichen der einseitigen Fixierung auf den preuß.-österr. Gegensatz wohl zu gering bewertet hat. Unstrittig ist, welche Rolle das preuß.Beispiel bei der großen theresianischen Behörden- und Staatsreform gespielt hat, zumal →Friedrich aus dem vom Krieg heimgesuchten eroberten Schlesien mit dem von seinem Vater ererbten Verwaltungssystem weit mehr an Steuern herausholte, als bisher die schwerfällige ständische Verwaltung. Diese Feststellung schmälert weder das Verdienst des Grafen →Haugwitz, der das preuß. Vorbild durchaus schöpferisch und eigenständig auf die viel komplizierteren österr. Verhältnisse übertrug, noch die Bedeutung der großen theresianischen Staatsreform. Zuerst erprobte →Haugwitz das neue Verwaltungs- und Steuersystem in dem österr. gebliebenen Teil Schlesiens und führte es dann 1747 in Krain und Kärnten ein. Unter Verwendung der dabei gemachten Erfahrungen wurde das neue System dann im Laufe des Jahres 1748|ausgearbeitet, von Haugwitz in Verhandlungen mit den Ständen der einzelnen Länder durchgesetzt und im folgenden Jahr mit dem Handschreiben vom 2.5.1749 in den deutschen Erbländern, also in dem zum Hl. Röm. Reich gehörigen Teil der österr. Monarchie eingeführt.
Die Bedeutung dieser theresianischen Staatsreform von 1749 ist auch dadurch nicht geschmälert worden, daß in der großen Krise des Siebenjährigen Krieges das zu einer Art „Superministerium“ übermäßig angeschwollene „Directorium in publicis et cameralibus“ (das Gegenstück zum preuß.„Generaldirektorium“), das mit Ausnahme von Justiz, Außenpolitik und Heerwesen für alle Gebiete des öffentlichen Lebens zuständig war, also die Funktionen eines Innen-, Finanz-, Wirtschafts-, Unterrichts-, Bauten- und Gesundheitsministeriums erfüllte, wieder in die Böhm.-Österr. Hofkanzlei als oberste Verwaltungsbehörde und die Hofkammer als oberste Finanzbehörde geteilt wurde und im „Staatsrat“ eine neue, zur Beratung und Entlastung des Herrschers bestimmte Ratsbehörde entstand. Die beiden entscheidenden Neuerungen der großen Staatsreform, die Verschmelzung der böhm.-österr.Ländergruppe zu einem zentralistisch-bürokratischen Einheitsstaat und die Ausschaltung der Landstände aus der politischen wie aus der Finanzverwaltung, blieben erhalten. Auf diesem für das Staatsleben zentralen Gebiet ebenso wie auf vielen anderen sind unter M. Grundlagen geschaffen worden, die für Österreich bis zum Zerfall der Monarchie – ja in mancher Hinsicht noch darüber hinaus in allen „Nachfolgestaaten“ bis zur Gegenwart – maßgeblich geblieben sind. Denn mit welchem Lebensgebiet auch immer man sich in der neueren Geschichte Österreichs beschäftigt – mit der Verwaltung, der Finanz- und der Wirtschaftspolitik, dem Schul- und dem Heerwesen, der Rechtspflege und dem Gesundheitswesen –, immer kommt man zu dem Ergebnis, daß die entscheidenden Reformen und Einrichtungen auf die Regierungszeit der großen Herrscherin zurückgehen.
Um so bemerkenswerter ist es, daß M. neben dieser gewaltigen, gegen die Beharrungskraft und Widerstände jahrhundertealter Traditionen und geheiligter Privilegien durchgeführten Reformarbeit, neben dem Kampf um die Erhaltung ihres Erbes und den Sorgen um den Lauf der europ. Politik noch Zeit fand, ihrem Gatten eine vorbildliche liebende Gemahlin zu sein, sechzehn Kinder zur Welt zu bringen und sich auch noch um deren Erziehung zu kümmern. Drei von ihnen – →Joseph II., →Leopold II. und →Maximilian Franz, der letzte Kurfürst von Köln – wurden hervorragende, vielfach ihrer Zeit vorauseilende Herrscher. Aber auch von ihren Töchtern haben sich zumindest zwei – die energische Königin von Neapel-Sizilien, →Maria Karolina, sowie ihre Lieblingstochter →Marie Christine als Generalstatthalterin der Österr. Niederlande – durchaus bewährt, und selbst die unglückliche →Marie Antoinette hat vor ihrem Tod unter der Guillotine gezeigt, daß sie in Haltung und Tapferkeit eine würdige Tochter der großen Kaiserin war. Gewiß war die schon in so jungen Jahren zum Tragen schwerer Verantwortung berufene M. gewohnt, zu herrschen und zu befehlen. Mit zunehmendem Alter und nach dem Tod ihres Gemahls wurde sie bis zu einem gewissen Grad auch herrschsüchtig. Den gewinnenden Eindruck, den sie 1745 bei der Kaiserkrönung ihres Gemahls gemacht hat, schildert →Goethe nach Augenzeugenberichten der älteren Generation in „Dichtung und Wahrheit“, und neben den zahlreichen Anekdoten enthüllen M.s Briefe, voran jene an ihre an fremde Höfe verheirateten Töchter, eine solche Unmittelbarkeit, Herzlichkeit und Klarheit und einen so natürlichen, praktischen Hausverstand, daß man eine Ahnung bekommt von dem Zauber, der zeitlebens von dieser Frau ausging. Allerdings darf man sich von den vielen Zeugnissen für das glückliche, fast bürgerliche Familienleben des Kaiserpaares, von den reizenden Brautbriefen der jungen Erzherzogin an den mit Koseworten überhäuften Bräutigam nicht den Blick verstellen lassen für M.s starkes, religiös verankertes Pflichtbewußtsein. Sie hat nicht nur während des Frühstücks Akten erledigt, sondern sie ist auch, besonders in den letzten Lebensjahren, oft mitten in der Nacht aufgestanden und hat sich an ihren Schreibtisch zur Arbeit gesetzt, als genügte der randvoll ausgefüllte Arbeitstag nicht, um ihr Gewissen, ihr Pflichtgefühl und Verantwortungsbewußtsein gegenüber Gott und ihren Untertanen zu beruhigen, und in ihren Briefen und Schriften findet sich manche überraschende Klage über die eigene Unzulänglichkeit, über Fehler und Versäumnisse und ganz allgemein über „die unglückliche Zeit meiner Herrschaft“. Sie hat sich das Leben und das Herrschen nicht leicht gemacht und schwer unter der Last ihrer Verantwortung getragen; in ihrem stark ausgeprägten Pflichtbewußtsein war sie ihren Söhnen Vorbild.
Pflichtbewußtsein und Verantwortungsgefühl waren wesentliche Antriebe für ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik, für die Reformen auf dem Gebiet des Justiz-, Sanitäts- und Schulwesens, besonders auch für ihre vielfach zu Unrecht kritisierte Kirchenpolitik, aber etwa auch für den – wenn auch schließlich vergeblichen – Widerstand, mit dem sich ihr Rechtsgefühl und ihre politische Weitsicht dem Drängen ihres Sohnes →Joseph und ihres Staatskanzlers →Kaunitz zur Ersten Teilung Polens 1772 widersetzten. In seelischer Not und Gewissensqual ließ sich die alt und schwach gewordene Frau von ihrem Sohn und ihrem Staatskanzler auch die Zustimmung zu einem vierten Waffengang mit dem Preußenkönig, zum Kampf um das bayer. Erbe 1778/79, abringen und bemühte sich dann, den ohne große Schlachtentscheidung sich hinschleppenden, im Volksmund „Kartoffelkrieg“ oder „Zwetschgenrummel“ genannten Bayer. Erbfolgekrieg sogar dadurch abzukürzen, daß sie hinter dem Rücken ihres bei der Armee in Böhmen weilenden Sohnes mit dem preuß.Gegner in Verbindung trat. Die ständigen Konflikte mit →Joseph, die Selbstvorwürfe und Gewissenszweifel haben – zusammen mit den zunehmenden Altersbeschwerden – im letzten Lebensabschnitt auch die in ihrer Jugend so bewundernswerte Energie und Entschlußfreudigkeit beeinträchtigt, obwohl die herrschgewohnte „Kaiserin-Wittib“ ihre oftmals geäußerte Absicht, →Joseph die Alleinherrschaft zu überlassen und sich nach Tirol zurückzuziehen, bis zuletzt nicht verwirklicht hat.
5. Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel
Biografie:
Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel wirkt als Regentin, Mäzenin und Komponistin. Die kunstliebende Musikerin wird durch ihre Heirat mit Ernst August II. Konstantin Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach zur Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach.
Anna Amalia wird am 24. Oktober 1739 in Wolfenbüttel geboren. In ihrer Kindheit bekommt Anna Amalia schon früh Instrumentalunterricht und lernt Cembalo, Klavier, Flöte, Gitarre und Harfe. Ihre Biographie ist in drei große Abschnitte zu unterteilen, in denen sie Einfluss auf das intellektuelle Leben ihres Landes nimmt: als Regentin (1759-1775), als Begründerin des Weimarer »Musenhofes« (bis zur italienischen Reise 1788) und später als Erhalterin ihres Lebenswerkes.
Während ihrer Regentschaft finden neben den repräsentativen öffentlichen Konzerten am Hof auch private Musikabende im kleinen Kreis statt. Zwar gibt es Einschränkungen durch finanzielle Sparmaßnahmen, beispielsweise die Verkleinerung der Hofkapelle, jedoch ist Musik immer Bestandteil am Hof in Weimar. Nach dem ihr Sohn Carl August 1775 die Regentschaft des Herzogtums übernimmt, kann sich Anna Amalia ihren privaten Interessen widmen. So versammelt sie in dieser Zeit einen Kreis aus Künstlern, Schriftstellern und Gelehrten verschiedener Bereiche der Kunst und Wissenschaft um sich, mit denen sie sich regelmäßig zum Austausch trifft. Obwohl sie zwar nicht beteiligt ist an der Berufung von Schiller, Goethe und Herder nach Weimar, ist die kulturelle und musikalische Blütezeit Weimars im späten 18. Jahrhundert auf Anna Amalia zurückzuführen.
Neben der Komposition von verschiedenen Instrumental- und Vokalwerken, wobei hier die Vertonung von Goethes »Erwin und Elmire« aus dem Jahr 1776 sowie »Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern« (1778) hervorzuheben sind, widmet sie sich auch theoretischen Schriften über Musik. So sind zwei Abhandlungen Anna Amalias überliefert, zum einen die musiktheoretische Schrift und zum anderen eine musikästhetische Überlegung mit dem Titel »Gedanken über Musik«. Auch ist die Verbreitung der Gitarre im deutschen Raum teilweise auf Anna Amalia zurückzuführen, da diese eine Gitarre aus Italien mitbringt, Kopien vom Gitarrenbauer Johann Jacob Otto anfertigen liest, um sie wiederum anderen Adligen zu überlassen, welche die Gitarre in Dresden, Berlin und Leipzig einführen. Nach 1790 verzichtet Anna Amalia auf öffentliche Auftritte am Hof und tritt lediglich im privaten Kreis auf.
6. Johann Sebastian Bach
B. besuchte die Lateinschule seiner Vaterstadt unter dem Kantor A. Ch. Dedekind. Hier erhielt er traditionsgemäß in der Kantorei und Kurrende - wie an derselben Schule einst →Martin Luther - die erste Unterweisung im Kirchengesang und in den Elementen der Musik. In der väterlichen Stadtpfeiferei erlernte er, wiederum traditionsgemäß, die ersten Griffe der Bläser- und Geigerkunst. Vom →Oheim Johann Christoph B. (s. 2), der Organist an der Georgenkirche und ein namhafter Komponist war, empfing er nachhaltige Eindrücke von Orgel- und Kirchenmusik.
Nach dem frühen Tod der Eltern kam B. nach Ohrdruf zu seinem Bruder Johann Christoph (1671–1721), der eine dreijährige Lehre bei dem hervorragenden fränkischen Meister der Orgel J. Pachelbel (1653–1706) in Erfurt durchgemacht hatte, bevor er 1689 Organist in Erfurt, Arnstadt und Ohrdruf wurde. In der Ohrdrufer Lateinschule wurde B. in der Reihe der älteren „Novitii“ als Primus aufgenommen und trug in der Kantorei und Kurrende, wie schon in Eisenach, zu seinem Lebensunterhalt bei. Der Bruder vermittelte ihm die bedeutende Kunst Pachelbels im Orgel- und Klavierspiel und in der Komposition. Wegen der Enge des Raumes im Hause des Bruders wurde B. durch den Ohrdrufer Kantor E. Herda, einen ehemaligen Schüler der St. Michaelisschule in Lüneburg, an den dortigen Kantor empfohlen. So kam er, zusammen mit seinem Ohrdrufer Mitschüler G. Erdmann aus Leina, 1700 nach Lüneburg als Alumnus des Michaelisklosters¶. In Lüneburg wirkten die beiden Thüringer Meister G. Böhm und J. J. Löwe als Organisten. Eine Reise nach Hamburg brachte B. die hanseatische Orgelmusik und Orgelbaukunst nahe. Der greise Hamburger Orgelmeister J. A. Reinken, dem er vorspielte, bezeugte ihm die Beherrschung der alten niederländischen Orgelkünste. An der Lüneburger Ritterakademie lag der Musikunterricht des jungen Adels in den Händen eines französischen Tanzmeisters, der zugleich Geiger an der Hofkapelle im nahen Celle war. Durch ihn lernte B. die zeitgenössische Instrumental-, Ballett- und Opernkunst Frankreichs kennen. 1703 wurde er an die Privatkapelle Herzog Johann Ernsts von Weimar, im gleichen Jahr als Organist nach Arnstadt verpflichtet. Von hier aus unternahm der Lernbegierige eine Fußreise nach Lübeck zu D. Buxtehude, dem Meister der Orgel von St. Marien. Von Arnstadt kam B. als Organist nach Mühlhausen, von wo er 1708 nach Weimar zurückkehrte, um die Stelle eines Hoforganisten und Kammermusikers zu bekleiden. Es waren die Jahre seiner ersten Meisterschaft mit dem Schwerpunkt des Schaffens in der Orgelmusik neben geistlichen Konzerten (Kirchenkantaten) und einer ausgebreiteten Lehrtätigkeit im Orgelspiel und in der Komposition. Besonders fruchtbar wirkte sich die Zusammenarbeit mit dem Weimarer Stadtorganisten und Komponisten →J. G. Walther (1684–1748) aus, B.s Vetter zweiten Grades - Walthers und B.s Mütter waren Cousinen -, seinem Freund und Altersgenossen, Verfasser des ersten deutschen Musiklexikons (1732) und einer Kompositionslehre. Am Weimarer Hof wurde B., nachdem er eine Berufung zum Organisten der Marktkirche St. Marien in Halle abgelehnt hatte, zum Konzertmeister bestellt.
Im Jahr 1717 ging er als Hofkapellmeister nach Cöthen. Hier fühlte B. sich auf dem Gipfel seines Lebens und Wirkens. Sein Schaffen wendete sich vor allem zur Orchester-, Kammer- und Klaviermusik. Nach höfischem Brauch, Bedürfnis und Auftrag entstanden Ouvertüren, Konzerte und Triosonaten, die das Glück und die Daseinsfreude des jungen Hofkapellmeisters atmen. Die für den Cöthener Hof geschriebenen sechs „Brandenburgische Konzerte“, die zu den verhältnismäßig wenigen erhaltenen Instrumentalkonzerten gehören, widmete B. in einer sorgfältigen|Reinschrift der Partitur 1721 dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg-Ansbach. Im gleichen Jahr verheiratete er sich, nachdem seine erste Frau im Jahr zuvor gestorben war, in zweiter Ehe mit Anna Magdalena Wilcken. Drei Notenbücher, eines für den ältesten Sohn Friedemann (1720), zwei für Anna Magdalena (1722, 1725) zeugen vom Geist der Musikpflege im Hause B.s. In Cöthen entstanden weiterhin Schöpfungen, die er als „Anleitungen“ (zum Nachformen von Werkvorlagen) schrieb, durch die der Lernbegierige „einen starken Vorgeschmack von der Komposition überkommen soll“, indem er angeleitet wird, „anbei auch zugleich gute Inventiones nicht alleine zu bekommen, sondern auch selbige wohl durchzuführen“. Zu diesen Lehrwerken zählen ebenso das „Orgelbüchlein“, die zweistimmigen Inventionen und die dreistimmigen Sinfonien, wie der 1. Teil des „Wohltemperierten Klaviers“ und die Englischen und Französischen Suiten.
Als durch J. Kuhnaus Tod (1722) das Amt des Kantors an der Schule St. Thomae und des Director musices der Stadt Leipzig frei geworden war und vier der in ihrer Zeit angesehensten Hofkapellmeister und Komponisten, G. Ph. Telemann, J. F. Fasch, K. H. Graun, Ch. Graupner, nicht zu gewinnen waren, fiel die Wahl 1723 auf B.. Angesichts des Aufstiegs des höfischen Musikwesens mit seinen freien Entfaltungsmöglichkeiten für den Musiker mußte B. den Wechsel vom Hofkapellmeisteramt zum bürgerlichen Schulkantor als einen sozialen Abstieg empfinden. Und doch sollte im Blick auf den allgemeinen Niedergang des Kantoren- und Organistentums dieser Wechsel zu einer existenziellen Entscheidung für B. und sein Lebenswerk werden, die alle Zeichen einer folgenschweren Wendung der europäischen Musikkultur an sich trägt. Als gar ein Schulmann vom Rang eines J. M. Gesner, dem B. von Weimar her befreundet war, das Rektoramt der Thomasschule übernahm (1730-34) und an eine Erneuerung des alten lutherischen Lateinschulgedankens mit der Kirchenmusik im Mittelpunkt von Erziehung und Bildung dachte, lockte B. ein letzter Versuch, Musik und Musizieren unter religiös-kirchlichen Gesichtspunkt zu fassen. Aber schon Gesners Nachfolger, J. A. Ernesti, verkörperte das humanistische Bildungsziel einer neuen Zeit mit ihren musikfeindlichen, rationalistisch-aufgeklärten Schulzwecken und ihrer musikfremden Erziehung zur Vernunft und Moral. Die aus der kirchlichen Form entwachsende Bildungsidee des deutschen Klassizismus, seiner Dichter und Denker, bot keinen Raum mehr für die Musik in der Schule. Seit dem kursächsisch-brandenburgischen Gegensatz nach dem Tod Augusts des Starken (1733) und der sich anbahnenden politischen Überflügelung Kursachsens, des alten patriarchalischen Kirchenstaates des Luthertums, durch den werdenden weltlichen Machtstaat Brandenburg erlahmten B.s künstlerische Beziehungen zum kursächsischen Hofadel in Dresden. Zwar brachten sie ihm, nachdem er für die Erbhuldigung des neuen Kurfürsten seine h-moll Messe geschrieben hatte, noch den erstrebten Titel eines „Hof-Compositeurs“ und vermittelten ihm seinen berühmten Besuch bei Friedrich dem Großen in Potsdam.
Indessen zog B. sich mehr und mehr auf sein Kantoramt und seine „Komponierstube“ in der Thomaskirche zurück. Wie er als Hofkapellmeister einst in seinen Schöpfungen eine weite Zukunft vorausgenommen hat, so schloß er als Thomaskantor das Vermächtnis einer langen Vergangenheit ab. Sein Schaffen wandte sich zur Choralkantate mit ihrem Choraltext durch alle Strophen, einer weiträumigen Choralphantasie als Eingangschor, Rezitativen und Arien und einem vierstimmigen Schlußchoral. Dazu treten die großen Zyklen kontrapunktischer Variationsformen. Musik als gültige Lehre, als ars musica, d. h. Musiklehre im weitesten und ursprünglichsten Sinn der spätmittelalterlichen Gestalt ihrer Überlieferung, war das Hochziel der letzten Schöpfungen B.s: „Dem höchsten Gott allein zu Ehren, dem Nächsten, draus sich zu belehren“, wie es schon im Titel des „Orgelbüchleins“ hieß. Für B., der im musikalischen Kunstwerk zugleich die gültige Form des Lehrgutes erblickte, stand die handwerklich-künstlerische Lehr- und Lernbarkeit der Musik über allem Zweifel. Das „Musikalische Opfer“ ist von ihm selbst als ars canonica, d. h. „Lehre vom Kanon“, bezeichnet worden. So darf auch die sog. „Kunst der Fuge“, deren Titel nicht von B. stammt, eine ars fugandi, eine Fugenlehre, heißen. Die kontrapunktischen Formen des Kanons, der Fuge und der Variation waren längst dem Untergang verfallen. Indem man der „Kunst“ die „Natur“ gegenüberstellte, eiferte man gegen die „künstlichen Fugen und ausgeklaubten Partiten“ (J. Mattheson 1740), um die menschlich „sprechende“, herzbewegende Melodie um so mehr zu loben. Der neuen künstlerischen und pädagogischen Richtung, die dem „Natürlichen“ einer gefühlsbetonten Empfindsamkeit in Musik und Musizieren huldigte, stellte B. sein spekulatives Musikdenken und kontrapunktisches Musikschaffen entgegen. Deshalb ließ er sich in die „Sozietät der musikalischen Wissenschaften“ aufnehmen, die sein Schüler L. Ch. Mizler 1738 ins Leben gerufen hatte. Zur Aufnahme in diese gelehrte Gesellschaft in der Art der Akademien ihrer Zeit schrieb B. seinen kunstreichen Variationszyklus über den Choral „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ (1746/47) und überreichte den Mitgliedern der Sozietät einen Rätselkanon in der Form eines sechsstimmigen Canon triplex, der auf dem Bildnis B.s wiedergegeben ist, das der Hofmaler E. G. Hausmann für die Sozietät gemalt hat.
B. wurde am 31.7.1750 an der Südmauer der Johanniskirche in Leipzig beigesetzt. Die Grabstätte war bald vergessen. Am 28.7.1949 wurde der Sarg mit B.s Gebeinen in den Chorraum der Thomaskirche überführt. Anna Magdalena überlebte B. zehn Jahre und starb in dürftigen Verhältnissen als „Almosenfrau“ in Leipzig. Ein Nachruf-Sonett von Telemann hebt die für seine Zeit entscheidenden Züge im Bild des Thomaskantors hervor: den Meister des Kontrapunkts und der Orgelkunst, den Improvisator, den Lehrer bedeutender Söhne und Schüler, weniger den Schöpfer unsterblicher Meisterwerke.
Ein Überblick über die Hauptwerke B.s gliedert sich in fünf Perioden, die den beruflichen Stationen seines Lebensweges entsprechen: 1695-1708. Der junge Organist erprobt sich an dem überkommenen Formenschatz der Instrumental- und Vokalmusik: Choralbearbeitung (Orgelchoral), Präludium und Fuge, Toccata, Canzone, Fantasie, Ouvertüre, Suite, Partita (Choralpartita), Capriccio, Kirchen- und Kammersonate, Geistliches Konzert (Kirchenkantate), Rezitativ, Arioso und Arie. Auf dem Weg von der Motette zur Kantate begegnet B. der Textsammlung des lutherischen Hofgeistlichen E. Neumeister, wonach „eine Kantate nicht anders aussieht als ein Stück aus einer Opera, vom Stilo recitativo und Arien zusammengesetzt“ (1704). - 1708 bis 1717. Der junge Meister findet den eigenen Stil seines Schaffens zunächst auf dem Gebiet der Orgelmusik in der gegenseitigen Durchdringung der drei Grundprinzipien ihrer Kompositionsweise: des Cantus firmus-Prinzips, des fugierenden und des konzertierenden Prinzips. Die Orgelkompositionen, z. B.Passacaglia und Fuge (1716/17), die 46 Choralbearbeitungen des „Orgelbüchleins“ (begonnen 1708), gehören ebenso wie die Kirchenkantaten dieser Periode zu den zukunftsträchtigsten Schöpfungen B.s. - 1717 bis 1723. Neben die Orgel- und die Kantatenkomposition treten Sonate und Suite sowie Concerto (ohne strenge Trennung zwischen orchestraler und kammermusikalischer Besetzung): Inventionen und Sinfonien für Klavier (1720–23), Sonaten für Violine, für Querflöte, für Gambe mit obligatem Cembalo (1720), Sonaten und Partiten für Violine allein, Suiten für Cello allein (1720), Klavier- und Violinkonzerte, die sechs (Brandenburgischen) Concerti grossi (1721), Englische und Französische Suiten für Klavier (1720–22), Wohltemperiertes Klavier I (1722). - 1723-45. Entstehungszeit der großen Chorwerke, der zyklischen Orgel- und Klavierkompositionen und der letzten Kirchenkantaten (Choralkantaten): Klavier-Übung I (1723), II (1735), III (1739), IV (1742, „Goldberg-Variationen“), Magnificat (1723), Motette „Jesu, meine Freude“ (1723), Johannes-Passion (1723), Matthäus-Passion (1729), h-moll Messe (1733), Italienisches Konzert (1734), Geistliche Lieder (1736), Wohltemperiertes Klavier II (abgeschlossen 1744). 1745 bis 1750. Das Stilbild der letzten Schöpfungen B.s durchwaltet ein Äußerstes an kontrapunktischer Kunst und tiefsinniger Kombination von Cantus firmus-, Kanon-, Fugen- und Variations-Prinzip: Einige kanonische Veränderungen über „Vom Himmel hoch“ für Orgel (1746/47), Musikalisches Opfer (1747), die letzten Kanons und Orgelchoräle „von verschiedener Art“, die Kunst der Fuge (1749/50). - Von B.s Gesamtschaffen ist nicht viel mehr als die Hälfte der ehemals vorhandenen Werke auf uns gekommen. So besitzen wir von den fünf Jahrgängen Kirchenkantaten noch etwa 190 kirchliche Kantaten, von den fünf Passionen zwei, die Johannes- und die Matthäus-Passion. Der Verlust an nichtkirchlichen Vokal- und Instrumentalwerken B.s muß als noch sehr viel größer angenommen werden. Das noch Vorhandene des Gesamtwerks hat die alte B.-Gesellschaft (1850–1900) in einer „Vollständigen kritischen Ausgabe aller Werke B.s“ in 46 umfangreichen Foliobänden herausgegeben. Eine neue Gesamtausgabe der Werke B.s wird durch das 1951 gegründete „→Johann Sebastian B.-Institut“ in Göttingen vorbereitet. In Leipzig (Gohliser Schlößchen) besteht ein B.-Archiv, das sich die Sammlung aller B. betreffenden Handschriften und Dokumente zur Aufgabe gemacht hat.
7. Friedrich August I. (August der Starke)
F. war, namentlich in jüngeren Jahren, von eindrucksvoller Gesamterscheinung, wenn auch nur von mittlerer Körpergröße; aber er besaß erhebliche Körperkräfte. Diesem Umstand verdankt er schon bald den vieldeutigen Zunahmen „der Starke“ in der europäischen Öffentlichkeit. Seine Laufbahn als Kurfürst und bald als Bewerber um den polnischen Thron begann mit stürmischen militärischen Unternehmungen, die sich zunächst nicht ungünstig anließen. Die polnische Krone war allerdings mehr erheblichen Bestechungsgeldern und den Auswirkungen eines verwirrenden Ringens der großen europäischen Mächte zu verdanken als militärischen Erfolgen. Der Tod seines Bruders, des Kurfürsten Johann Georg IV., 1694 brachte den erst 24jährigen F. unerwartet rasch auf den Thron. Er war auf die Aufgaben eines Landesherrn, Reichsfürsten und, wie seine Neigungen bald ergeben sollten, europäischen Politikers nur sehr flüchtig vorbereitet. Die Angleichung der Staatsgebilde Sachsen und Polen, die in so wesentlichen Punkten völlig verschieden waren, stellte eine äußerst schwierige Aufgabe für ihn dar. Dabei zeigten sich seine außenpolitischen Neigungen als erheblich von der Phantasie und romanhaft-romantischen Vorstellungen beeinflußt. Die politische Welt Europas, in die er nun mit Nachdruck und Leidenschaft eintrat, war von Spannungen erfüllt. Der machtpolitische Aufstieg Rußlands unter Peter I., mit dem er rasch in Beziehungen trat, und der militärisch politische Genius Karls XII. von Schweden, dessen Kräfteentfaltung noch gar nicht abzusehen war, bestimmten Osteuropa so sehr, daß sich F. bei seinen vergleichsweise geringeren Kräften und Mitteln nur mit großer Anstrengung zu behaupten bestrebt sein konnte. Im Hintergrunde spielte sich das ganz Mitteleuropa erschütternde Ringen der Dynastien Bourbon und Habsburg um die Vormacht ab. Langsam wichen die Türken aus Mitteleuropa zurück, während im Ostseeraum der diesen dann so lange beherrschende englisch-russische Gegensatz heraufdämmerte. Ruhmsucht und Kraftbewußtsein des jungen Wettiners suchten sich stürmisch auszuleben, wie er als Kurfürst seit 1694 und als polnischer König seit 1697 auch auf persönlichem Gebiete Idealen zustrebte, die seinen Ruf an den Fürstenhöfen und durch die Lande verbreiteten. Livland war das erste Ziel seines Expansionsstrebens, aber seine leichtfertigen kriegerischen Unternehmungen zogen ihm bald die ersten Niederlagen im Felde durch die schwedischen Waffen zu. An der unteren Düna, bei Riga, blieben die erhofften Erfolge aus, und nur zu rasch folgte die schwedische Armee seinen nach Sachsen zurückweichenden Truppen. Karl XII. besetzte Sachsen, und es kam schließlich zu den lange sich hinziehenden Friedensverhandlungen von Altranstädt, die mit dem schimpflichen Verzicht F.s auf die polnische Krone 1706 endeten. In der Folgezeit wurden F.s diplomatische Planungen zwar im ganzen vorsichtiger, aber in der Praxis und den Zielen nicht gehemmt. Der Altranstädter Verzicht wurde aufgekündigt, und der Sachse behauptete sich in Polen, insbesondere nach der entscheidenden Niederlage Karls XII. durch Peter I. bei Pultawa 1709. Die Bedeutung des russischen Einflusses auf die Entwicklung in Polen wurde auch bei dem Sachsen nicht verkannt, aber er erreichte doch in den folgenden Jahren eine gewisse Stabilität für sein Königtum im Lande. Gleichzeitig festigten sich die weniger von Rivalität als von gleichlaufenden Interessen bestimmten nachbarlichen Beziehungen zwischen Kursachsen und Brandenburg-Preußen. Im Stile der Zeit wechselten oft die Kombinationen der Staaten und der Staatengruppen, aber von der Politik F.s in seiner Spätzeit läßt sich sagen, daß in den Wandlungen eine gewisse Ernüchterung, aber auch Beruhigung eingetreten ist. Sein Übertritt zum Katholizismus und noch mehr die von ihm veranlaßte Konversion seines Sohnes waren natürlich Sensation für die Öffentlichkeit, beeinträchtigten aber den protestantischen Charakter seines Stammlandes kaum. Ebenso sind seine Anläufe zur Zentralisierung der staatlichen Verwaltung in Kursachsen und sein Bemühen um eine Ausschaltung der entscheidenden Macht der Landstände nicht zu nennenswerten Erfolgen gediehen. Aber es spricht doch für den Erfolg seiner Politik, daß ihm durch die Verheiratung seines Sohnes mit der Tochter Kaiser Josephs I. der Zugang zur höchsten Aristokratie Europas eröffnet wurde, daß ihm ferner die Vererbung der polnischen Krone auf seinen Sohn gelang und daß endlich eine für Sachsen wohl erträgliche Liquidation des Nordischen Krieges eintrat. Wenn unterdessen über das weite polnische Land der Schatten Rußlands immer drohender heraufstieg und wenn sein Verhältnis zur Rivalität Frankreichs und Österreichs immer mehr die habsburgische Komponente auch in der sächsischen Politik überwiegen sah, so zeigte sich beim Eintritt seines verhältnismäßig frühen Todes 1733 die Situation Sachsens als keineswegs hoffnungslos und so ungünstig, wie das die spätere historische Kritik des Liberalismus im 19. Jahrhundert zu beobachten vermeinte.
Aber wesentlich bedeutsamer ist die Regierungszeit F.s durch das Ausmaß der künstlerischen und kulturellen Erfolge. Im Dienste seiner Feste und Stimmungen hat die Kunst in Sachsen, zumal in Dresden und der Umgebung, Werke geschaffen, die unvergänglich sind. Diese haben den Charakter der Hauptstadt bleibend bestimmt und sie für immer in die Reihe der großen Kunststädte eingereiht. Andere Plätze des Landes stehen naturgemäß hinter Dresden zurück, aber die Rückwirkung der landesherrlichen Anregungen auf die öffentliche und private Bautätigkeit und auf die allgemeine Geschmackskultur sind doch nirgends zu verkennen. Bauwerke, allen voran der Dresdener Zwinger, das Japanische Palais, die Neumarkt-Anlage, die Anlagen in Pillnitz und Moritzburg künden den Ruhm der Pöppelmann, de Bodt, Longuelune nicht weniger als den der Bildhauer, unter denen Permoser einen besonderen Platz einnimmt. Gleichzeitig schmückte F. aber auch seine polnische Hauptstadt Warschau mit dem Sächsischen Palais und großartigen Park- und Straßenanlagen. Nicht auf gleicher Höhe stand die Malerei. Sie hielt sich in den Bahnen des konventionellen Geschmacks und Könnens. Aus den Bildnissen der beiden Mengs spricht lebensvoll das sächsische Volk der augusteischen Zeit. Die Feste und exotischen Aufzüge schuf Dinglingers Kunst in der Kleinplastik nach. Die berühmten Dresdener Sammlungen (vor allem das Grüne Gewölbe) gehen wesentlich, wenn auch nicht in ihren Anfängen so doch in ihrem weiteren Ausbau, auf F. zurück. Des Orgelbauers Silbermann ist ebenso zu gedenken wie der die ruhmvolle Überlieferung des 17. Jahrhunderts bewahrenden, wenn auch kaum mehr führenden Dresdener Oper. Ferner wurden von großer Bedeutung die Erfindung des Porzellans durch Böttger und die Errichtung der Meißner Manufaktur. Das repräsentative Bauwesen und die einer verständnisvollen eigenen Initiative nicht entbehrende Förderung der Künste sind biographisch gesehen zwar nur Parallelen seines Bemühens um die Gunst schöner Frauen, ohne daß diese jedoch je einen bestimmenden Einfluß in politischer Hinsicht auf F. zu gewinnen vermocht hätten. Aber es trägt doch zur Abrundung des Bildes dieses Mannes, seines Wollens und seiner Leistung in vielbewegter Zeit ohne Zweifel bei. – Die maßvolle Toleranzpolitik auf konfessionellem Gebiete hat Beachtung und Resonanz in Deutschland gefunden.
8. Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg
Da die Vermögensverhältnisse der Familie noch immer zerrüttet waren, erlangte der Vater 1727 zur besseren Versorgung für K. die Anwartschaft auf ein Kanonikat in Münster, ohne die Absicht zu haben, ihn dem geistlichen Stand zu weihen. Nach einer ungewöhnlich sorgfältigen Ausbildung, die nach dem Studium des Reichsrechts in Leipzig bei J. J. Maskov 1731 mit einer glänzend bestandenen Disputation endete, begab sich K. auf eine Studienreise, die ihn über Berlin und die Niederlande nach Rom, Neapel und zurück über die norditalienischen Höfe nach Paris führte. Im Februar 1734 war er wieder in Wien. Seit 1730 besaß er die Anwartschaft auf eine Reichshofratsstelle. 1734 niederösterreichischer Regimentsrat, 1735 Reichshofrat, wurde er in seiner Laufbahn jedoch durch die beengten finanziellen Verhältnisse behindert, so daß er nach dem Tode Karls VI. die Mission nach Kopenhagen und die wichtige Stelle eines Botschafters in London ausschlagen mußte. Lediglich die wenig befriedigende Mission, den italienischen Höfen die Geburt des ältesten Sohnes Maria Theresias mitzuteilen, konnte er übernehmen. Er geriet bereits in den Verdacht, sich nicht für die von allen Seiten bedrängte Königin von Ungarn engagieren zu wollen, als er gegen den Rat des Vaters, der ihn viel lieber am Reichstag in Regensburg gesehen hätte, im Juni 1742 als Gesandter nach Turin ging. Es gelang ihm, das schwankende Bündnis mit Sardinien zu festigen. 1744 wurde K. österreichischer Minister am Hofe des Generalgouverneurs der österreichischen Niederlande in Brüssel und 1745 dort wirklicher bevollmächtigter Minister. Nach dem Tode der Schwester Maria Theresias und in Abwesenheit ihres Gemahls Karl von Lothringen führte er dort allein die Geschäfte und erkannte die Unhaltbarkeit dieser österreichischen Außenposition gegen Frankreich. 1746 mußte er vor den Franzosen kapitulieren, ging nach Antwerpen, von wo ihn Maria Theresia wegen seiner geschwächten Gesundheit zurückberief. 1748 legte K. als österreichischer Unterhändler im Frieden von Aachen den Grundstein zu seinem Ruf als Staatsmann und Diplomat. Trotz großer diplomatischer Geschicklichkeit mußte er sich aber dem geheimen Einverständnis Frankreichs und der Seemächte beugen, die nicht gewillt waren, auf Österreichs Wünsche Rücksicht zu nehmen. K. war von da an überzeugt, daß die Seemächte für die Rückeroberung Schlesiens nicht zu interessieren waren. In den Niederlanden aber sah er das eigentliche Hindernis für eine Verständigung mit Frankreich. Ihm schien dieses Land daher als ideales Tauschobjekt. Nach seiner Überzeugung würde Österreich mit einem Abstoßen dieses exponierten Landes sowohl gegen Frankreich wie gegen die Seemächte an Unabhängigkeit gewinnen.
In der geheimen Konferenz vom 5.5.1749 legte K. zum erstenmal seine innen- und außenpolitischen Vorstellungen dar. Kompromißlos erklärte er die Rückgewinnung Schlesiens als das eigentliche Ziel jeder österreichischen Außenpolitik. Da nach seiner Überzeugung die Seemächte nicht zu gewinnen waren, mußte ein Bündnis mit Frankreich angestrebt werden. Die Konferenz folgte K. nur zögernd, doch gelang es ihm, die Rückeroberung Schlesiens als außenpolitisches Ziel durchzusetzen. Auch wurde eine allgemeine Reform der inneren Verwaltung nach K.s Vorstellungen beschlossen, er selbst zum bevollmächtigten Minister in Paris ernannt. Es war keine leichte Aufgabe, die dort vorhandenen Vorurteile abzubauen und Österreich als eine eigenständige Großmacht darzustellen, die mit dem schwerfälligen Apparat des Reiches nur noch lose verbunden war. Es gelang ihm, Vertrauen zu finden. Seinem eigentlichen Ziel, einem Bündnis, kam er aber nicht näher, so daß er nach einem Jahr geneigt war, den Plan aufzugeben. K. gewann engen Kontakt mit den aufgeklärten Geistern Frankreichs. Er hielt selbst einen offenen Salon und verkehrte in vielen aufgeklärten Zirkeln. Allerdings scheint er Voltaire nicht und von den Enzyklopädisten nur wenige kennengelernt zu haben. Auch war Rousseau in Paris nicht sein Sekretär. Der schon damals sehr selbstsicher auftretende und auf Repräsentation bedachte K. beobachtete sorgfältig die Situation, ließ sich aber keineswegs von der Begeisterung für aufklärerische Ideen forttragen. Ihm wurde bewußt, wie weit Österreich in seiner äußeren|und inneren Verwaltung von einem modernen Staat enfernt war, und wie kompliziert und wenig zweckmäßig in Wien die Entscheidungsprozesse abliefen.
Bereits im Dezember 1751 bot ihm →Maria Theresia über Mittelsmänner das 1740 geschaffene und von dem unbedeutenden A. Graf Ulfeld geleitete Amt des Staatskanzlers an. In einem Brief vom Dezember 1751 erklärte er sich aus gesundheitlichen Gründen für unfähig, dieses schwere Amt auf lange Zeit zu übernehmen, hielt es aber für möglich, es in kurzer Zeit, wenn man ihm freie Hand ließ, so zu organisieren, daß es wie ein Uhrwerk funktionieren und es auch ein anderer, weniger tüchtiger, übernehmen könne. Der Staat als eine kunstvolle, sich selbst tragende Maschine war von da an eine Lieblingsvorstellung in seinem Denken. In langen und zähen Verhandlungen erreichte er, daß ihm am 13.5.1753 das Amt, das er dann 41 Jahre innehatte, in einer solchen Machtfülle übergeben wurde, wie es vor ihm kein österreichischer Minister je besessen hatte. →Maria Theresia hatte sich gegen den Rat ihres Gemahls und eines Teils ihrer Mitarbeiter für ihn und seine Politik entschieden, wobei sie sein wunderliches, ebenso hypochondrisches wie selbstherrliches Wesen keinesfalls ohne Bedenken sah. Sie sollte es nie bereuen, K. ist neben dem Prinzen Eugen und Metternich der eigentliche Schöpfer der Großmacht Österreich geworden.
K. reorganisierte die österreichische Staatskanzlei und schuf eine modern aufgebaute Behörde. In seiner Absicht, ein Bündnis mit Frankreich herbeizuführen, kam er jedoch nicht weiter. Erst der Ausbruch des englisch-französischen Kolonialkrieges 1754 und die damit im Zusammenhang stehende Annäherung Englands an Preußen schuf neue Voraussetzungen. Am 29.8.1755 erließ K. zum erstenmal an Starhemberg in Paris die Weisung, die englisch-preußische Annäherung zum Angebot eines österreichisch-französischen Bündnisses zu nutzen, doch brachte erst der Abschluß der preußisch-englischen Konvention am 16.1.1756 die Entscheidung. Der als Westminsterkonvention in die Geschichte eingegangene Vertrag leitete eine grundlegende Änderung des Allianzsystems ein. Über Friedrich verärgert, willigte Ludwig XV. in das ihm von Wien gemachte Angebot ein und schloß am 1.5.1756 mit Österreich ein Verteidigungsbündnis. Da auch Rußland von England nicht gewonnen werden konnte, zeichnete sich das von K. erstrebte österreichisch-russisch-französische Bündnis ab. Um Frankreich für ein Offensivbündnis zu gewinnen, war K. bereit, die Niederlande gegen Schlesien an Frankreich abzutreten, als Friedrich den Krieg eröffnete und K. an das Ziel seiner Wünsche brachte. Es gelang ihm, im Mai 1757 ein Offensivbündnis mit Frankreich, Rußland und Schweden mit dem Ziel zustande zu bringen, Schlesien für Österreich zurückzugewinnen. Das „reversement des alliances“, wie es genannt wurde, brachte mit der Verbindung der Häuser Bourbon und Habsburg eine grundlegende Veränderung der politischen Situation, die sich auf ganz Europa, insbesondere auf Italien, auswirkte. Die 1757 beschlossenen Ehen dreier Töchter Maria Theresias mit den Erben von Frankreich, Neapel und Parma sollten eine Ära enger Zusammenarbeit der beiden Häuser heraufführen. Es war einer der Wendepunkte der europäischen Politik.
K. war sich bewußt, daß die Koalition in erster Linie den österreichischen Interessen diente, und daß die Voraussetzung für den Erfolg seines diplomatischen Meisterstücks ein schneller militärischer Sieg war. Vier Tage nach Abschluß der Offensivallianz mit Frankreich begab er sich daher ins Feld. Gleichzeitig mit ihm traf im Hauptquartier Dauns die Nachricht von der schweren Niederlage der österreichischen Hauptarmee bei Prag am 6.5. ein. K.stimmte Dauns Entschluß zu, sich nach Kolin zurückzuziehen, ging selber aber nach Wien zurück, um die dortige Stimmung zu heben. Der Sieg von Kolin (18.6.1757) stellte die Ausgangslage wieder her. In den folgenden Jahren war K. die Seele der militärischen Operationen. Die Weisungen an die Armee gingen von der Staatskanzlei aus, doch mußte K. erleben, daß sich die meisten seiner Weisungen als undurchführbar erwiesen. Insbesondere ist es nicht gelungen, die militärischen Operationen der Verbündeten, an denen sich Frankreich nach der Niederlage bei Roßbach (5.11.1757) nur noch zögernd beteiligte, aufeinander abzustimmen. K. erkannte, daß der vorsichtig zögernde Daun nicht geeignet war, dem militärischen Genie Friedrichs eine entscheidende Niederlage beizubringen und protegierte daher den draufgängerischen Laudon, dem er auch nach der Niederlage von Liegnitz (15.8.1760) weiter die Stange hielt. K.s Hoffnungen auf den finanziellen Zusammenbruch Preußens erfüllten sich nicht. Als sich 1760 die Erschöpfung Österreichs abzeichnete, versuchte K., durch eine Finanzreform die Krise zu meistern. In überscharfer und in dieser Form auch ungerechtfertigter Kritik der Haugwitzschen Verwaltungsreform von 1749 strebte er durch die Schaffung eines Staatsrats und in Durchsetzung der modernen Ressorteinteilung eine|Reorganisation und eine Anspannung aller Kräfte an. Die Hoffnungen erfüllten sich nicht. Die von K. erstrebten Reformen ließen sich im Krieg nicht durchführen. Nach dem Ausscheiden Rußlands aus dem Krieg war er sich klar, daß das Ziel, Preußen durch eine übermächtige Koalition zu besiegen, nicht verwirklicht werden konnte. Er wurde nun zum Befürworter des Friedens, der am 15.2.1763 in Hubertusburg geschlossen wurde und den endgültigen Verzicht Österreichs auf Schlesien brachte.
Nach dem Frieden nahm K. seine 1760 zum erstenmal vorgetragenen Pläne einer grundsätzlichen Reform, eines „neuen Systems“, wie er es nannte, wieder auf. Dieses neue System, das später unter dem Namen Josephinismus in erster Linie als eine Neuregelung des Verhältnisses von Staat und Kirche angesehen wurde, sollte „ein auch die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen und die Mentalität der gesamten Bevölkerung verändernder Prozeß“ (G. Klingenstein) sein. Erste Vorschläge erprobte K. in den der Staatskanzlei direkt unterstehenden norditalienischen Besitzungen der Monarchie, wo seit 1759 sein enger Vertrauter Karl Graf Firmian als österreichischer Minister amtierte. K. ging davon aus, daß die Effektivität eines katholischen Staates bei der Steuerfreiheit des Klerus und der Größe des Besitzes der toten Hand (über 50 % des anbaufähigen Bodens) derjenigen eines protestantischen unterlegen sein mußte, wo während der Reformation der Kirchenbesitz säkularisiert worden war. Er entwarf daher eine allgemeine Reform des Staates, deren Kernstück eine grundlegende Veränderung des Verhältnisses von Staat und Kirche als wichtigstes Problem eines katholischen Landes auf dem Weg zum modernen Staat war. Er bediente sich dabei jansenistischer Ideen von der Oberhoheit des Staates über die Kirche, wie sie in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts auch in anderen vom aufgeklärten Absolutismus erfaßten katholischen Staaten bestimmend wurden. Seine Gedanken über die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse legte er in einer großen Denkschrift vom 23.6.1768 nieder, in der er die Säkularisation des Kirchenbesitzes und die Steuerfreiheit des Klerus als Voraussetzung für eine Erneuerung des Staates forderte. De facto wurde 1768 in ganz Österreich die Steuerfreiheit des Klerus abgeschafft. In langwierigen Auseinandersetzungen, die praktisch schon mit der Berufung K.s zum Staatskanzler 1753 einsetzten, ist es K. gelungen, die Bedenken Maria Theresias zu überwinden und sie auf seine „staatskirchlichen Prinzipien“ (F. Maaß) festzulegen. Wie er in einer weiteren Denkschrift vom 12.4.1770 aus führte, sah er die ökonomische Überlegenheit protestantischer Länder in dem „Nichtvorhandensein eines organisierten Klerus“ und der dadurch möglichen „Ausbeutung aller existierenden materiellen Quellen“ begründet. Die Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche war für ihn nur die Voraussetzung für weitergreifende Reformen. Im Frühjosephinismus war K.s innenpolitisches Konzept voll ausgebildet, das später unter Joseph II. verändert und erweitert wurde. Die an K. häufig geübte Kritik, er habe 1760 die eigentlichen Ursachen des österreichischen Zusammenbruchs, die durch die Steuerprivilegien des Klerus und des Adels bedingte geringe wirtschaftliche Leistungskraft des Staates, nicht erkannt, ist daher unhaltbar.
Der Friede von Hubertusburg und das Scheitern der Hoffnungen, Schlesien zurückerobern zu können, hat das Vertrauen Maria Theresias in K. nicht erschüttert. 1765, nach dem Tode von Franz I., der K. mit Reserve gegenübergestanden war, erlangte er bei ihr einen kaum noch zu überbietenden Einfluß. Gleichzeitig aber begannen die Konflikte mit Joseph II., die bis zu dessen Tod anhielten und schon 1766 zum ersten Rücktrittsgesuch K.s führten. So sehr beide in der Überzeugung von der Notwendigkeit der Ausdehnung der Staatsgewalt und des Staatsgebietes, der Beschränkung des Einflusses des Adels und der Geistlichkeit und der Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche sowie der Wichtigkeit geordneter Staatsfinanzen übereinstimmten, so waren Konflikte doch in ihrer grundverschiedenen Anschauung von der Wahl der Mittel und der Wege dazu angelegt. Während K. bei seinen Plänen die historischen Gegebenheiten in sein Kalkül einbezog und seine Entscheidungen nach Abwägen aller Gegebenheiten traf, war Josephs II. hervorstechendste Eigenschaft seine Ungeduld. Mit seinen langatmigen Vorträgen und Denkschriften langweilte K. den Kaiser und reizte ihn. So gab es zwar immer wieder Berührungspunkte, doch mußte K. es erleben, daß der Kaiser über ihn hinwegging und die meisten der von ihm sorgfältig eingeleiteten Projekte verdarb.
1766 regte K. trotz seiner gegen Preußen gerichteten Politik ein Treffen zwischen Friedrich und Joseph an, das Ende August 1769 in Neiße zustande kam. Beim Gegenbesuch Friedrichs Anfang September des nächsten Jahres in Neustadt in Mähren begleitete er den Kaiser. In langen Gesprächen, die K. mit dem König führte, begegneten sich beide mit größter Achtung, ohne jedoch ihre Standpunkte zu ändern. Die erste Frucht der von →Maria Theresia argwöhnisch betrachteten preußisch-österreichischen Zusammenarbeit war die Erste polnische Teilung 1772. K. vertrat dabei des Kaisers Pläne gegenüber der Kaiserin mit allem Nachdruck.
Das nächste ausgreifende Projekt war der Plan, Bayern beim Aussterben der bayerischen Wittelsbacher auf irgendeine Art Österreich einzuverleiben. K.befand sich mit dem Pfälzer Erben in aussichtsreichen Verhandlungen, als der Kurfürst von Bayern überraschend am 30.12.1777 starb. K. zwang darauf den pfälzischen Vertreter zu einem Vertrag, in dem der neue Kurfürst →Karl Theodor in der Hoffnung, die österreichischen Niederlande gegen Bayern eintauschen zu können, das Herzogtum Straubing abtrat. Der von Joseph II. inszenierte militärische Einmarsch in dieses Gebiet erregte ungeheures Aufsehen. In letzter Minute versuchte K., den von →Karl Theodor angestrebten Tausch ganz Bayerns gegen die österreichischen Niederlande durchzusetzen, doch versagte sich der Kaiser diesen Plänen. Joseph II wollte das bayerische Erbe möglichst verkleinern, um den Kurfürsten mit einem Tausch gegen Luxemburg und die habsburgischen Besitzungen in Vorderösterreich abzufinden. Angesichts des vollständigen politischen und militärischen Versagens des Kaisers leitete K. über dessen Kopf hinweg Friedensverhandlungen ein, die in Teschen 1779 mit der Abtretung des Innviertels an Österreich noch glimpflich für Bayern abliefen.
Es war in erster Linie das Vertrauen in die Redlichkeit der Kaiserin, das K. eingesetzt hatte, um den, wie er dem Kaiser im Juni in brutaler Offenheit geschrieben hatte, „vollkommen überflüssigen Krieg“ zu beenden. Mit Sorge sah er, daß Josephs unüberlegte Politik im Reich allgemein Mißtrauen erregte. K., der es für einen schweren Fehler hielt, das Reich dem preußischen Einfluß zu überlassen, leitete eine behutsame Reichspolitik ein, die in der Wahl des Erzherzog Max Franz zum Koadjutor in Köln und Münster 1780 noch zu Lebzeiten Maria Theresias einen ersten sichtbaren Erfolg davontrug. Auch am Reichstag in Regensburg gelang es K., eine starke kaiserliche Partei aufzubauen.
Nach dem Tode Maria Theresias (26.11.1780) mußte K. erleben, daß alle Ansätze einer behutsam auf Ausgleich bedachten Politik über den Haufen geworfen wurden. 1784 erregte der Kaiser durch zwei unüberlegte außenpolitische Schritte erneut das Mißtrauen der Öffentlichkeit: durch den diplomatisch nicht vorbereiteten, vergeblichen Versuch, die Scheide für den österreichischen Handel zu öffnen und den Plan, die Niederlande gegen Bayern zu vertauschen. Mit der Absicht, Salzburg in den Tausch einzubeziehen, die nur dank K.s energischer Vorstellungen geheim blieb, eröffnete der Kaiser im Mai 1784 ohne diplomatische Absicherung die Diskussion um das Tauschobjekt. K., der an sich den Tausch bejahte, gelang es, Katharina für das Projekt zu gewinnen. Trotz der diplomatischen Hilfestellung der russischen Kaiserin scheiterte es überraschend am Widerstand des Herzogs von Zweibrücken. Diese beiden Fehlschläge genügten, um in wenigen Monaten Österreich vollständig zu isolieren. Der 1785 von Preußen gegründete Fürstenbund, der durch Josephs II. willkürliche Diözesanveränderungen herbeigeführte Abfall der geistlichen Fürsten vom Kaiser und eine wachsende Entfremdung Frankreichs waren die Folgen dieser von K. mit vielen Denkschriften bekämpften Politik. Das von Joseph II. geknüpfte Bündnis mit Rußland, von K. anfangs mit Skepsis betrachtet, war in diesen Jahren der einzige Aktivposten der österreichischen Außenpolitik. Um ihn nicht zu gefährden, gab K. 1787 dem Kaiser den verhängnisvollen Rat, an der Seite Rußlands in den Krieg gegen das Osmanische Reich einzutreten. Auch war es sein Rat, der Joseph II. abhielt, sich Preußen und England zu nähern. In den letzten Jahren der Regierung Josephs II. versuchte K. vergeblich, in den Niederlanden, der Lombardei und Ungarn die Reformen des Kaisers durch größere Schonung der nationalen Besonderheiten erträglicher zu gestalten. K. resignierte in der Erkenntnis, daß Widerspruch den Kaiser nur zu noch unüberlegteren Maßnahmen reizte. Als Joseph II. am 20.2.1790 starb, befanden sich Ungarn und die Niederlande im Aufstand, war der Krieg gegen die Türkei verloren und schien ein Krieg mit Preußen unvermeidbar. Beim Eintreffen der Todesnachricht gestand K., der den Kaiser zwei Jahre nicht gesehen hatte, einem Vertrauten seine große Erleichterung. Für Leopold II. hinterlegte er eine vernichtende Kritik an dem Regierungsstil Josephs II., den er darin „sonst einen großen Mann“ nennt.
K. wollte damit den neuen Herrscher vor ähnlich unüberlegten Schritten warnen. Leopold war jedoch nicht bereit, K. von einer Mitschuld an den Regierungsmaßnahmen seines Bruders freizusprechen. Er beließ ihn im Amt, beschränkte aber seinen Einfluß auf die Außenpolitik auf ein Minimum. Die von Leopold in Angriff genommene Annäherung an Preußen lehnte K. nach wie vor ab. Vergeblich stellte er dem Kaiser vor, daß die, wie er sich ausdrückte, „überzogene preußische Kriegsmaschinerie“ nur unter der eisernen Sparsamkeit Friedrichs erhalten werden konnte. Unter seinem verschwenderischen Nachfolger werde Preußen von selbst unfähig werden, seine Großmachtstellung zu behaupten. Jedes Bündnis mit diesem Land werde daher im entscheidenden Augenblick zur Gefährdung seiner Verbündeten. Diese Ansicht erwies sich 1795 als richtig, als Österreich im Bündnis mit Preußen im Krieg gegen das revolutionäre Frankreich stand und Preußen den Sonderfrieden von Basel schließen mußte. Trotzdem blieb K., der nach der preußisch-österreichischen Konvention von Reichenbach (1790) um seine Entlassung gebeten hatte, im Amt. In der Französischen Revolution, deren Berechtigung er durchaus anerkannte, sah er eine von Österreich wohl zu nutzende Schwächung Frankreichs. K. warnte dringend vor einem Eingreifen, da dies die Nation gegen ihre Gegner einigen und die Krise Frankreichs beendigen werde. Auch hier wurden seine Mahnungen nicht gehört. Sein Einfluß auf die Außenpolitik Kaiser Franz’ II. war gering. Insbesondere das erneute Einverständnis mit Preußen wurde hinter seinem Rücken geknüpft, wobei Preußen sich für sein Eingreifen in Frankreich große Teile Polens versprechen und Rußland sich die Ukraine überschreiben ließ, während Österreich mit dem unverbindlichen Versprechen abgespeist wurde, Preußen werde den Tausch Bayerns gegen die Niederlande dulden. Als K. davon Kenntnis erhielt, erbat er am 19.8.1792 seinen Abschied. Über die Politik des jungen Kaisers urteilte er mit schonungsloser Schärfe. „Ich ersehe daher bei diesem Betragen nichts als Habsucht und politische Grundsätze, welche für die künftigen Zeiten sehr wenig Vertrauen einflößen und damit wenig Gutes versprechen.“ Er blieb bis zu seinem Tode ein galliger Kritiker der Politik seiner Nachfolger.
Ein abschließendes Urteil über K. ist schwer zu fällen. Unter →Maria Theresia hat er Österreich 1757 in eine mächtige Koalition geführt. Der Erfolg, die Rückeroberung Schlesiens, blieb ihm aber versagt. Das aus den Gründen dieses Versagens hergeleitete neue innenpolitische System, aus dem der Josephinismus hervorging, zielte weit über eine vordergründige Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche hinaus und schuf in Österreich die Voraussetzungen für einen modernen Staat. K., der bei allem Reformeifer seine Innen- und Außenpolitik darauf abgestellt hatte, das Vertrauen in die Rechtlichkeit der österreichischen Politik zu erhalten, mußte unter Joseph II. erleben, daß seine Pläne in teilweise maßloser Übersteigerung in ihr Gegenteil verkehrt wurden, so daß der Kaiser, wie K. in seiner rückblickenden Beurteilung 1792 schrieb, „das Unglück des allgemeinen Hasses und Mißtrauens nicht nur seiner Untertanen, sondern auch aller Mächte von ganz Europa sich zugezogen hat“. Trotzdem kann K. von einer Mitschuld an den Fehlentscheidungen des Kaisers nicht ganz freigesprochen werden. In der Außenpolitik ließ er sich zeitweise von den Erfolgen des Kaisers blenden. Manche Fehlentscheidung, wie der Kriegseintritt 1777, ging auf ihn zurück und manche Mahnung erfolgte zu spät. In der Ausbildung des Josephinismus schlug auch er zunehmend einen verletzend kirchenfeindlichen Ton an.
So, wie K. im Verhältnis von Staat und Kirche eine grundlegende Veränderung einleitete, hat er in Österreich auch der Aufklärung den Weg bereitet. Es gibt in den Jahren 1753-90 kaum eine Maßnahme auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet, die nicht direkt oder indirekt auf K., einen Grandseigneur mit wachen künstlerischen Interessen, zurückgeht. Sowohl an der Gründung der Akademie der Wissenschaften in Brüssel 1772 als auch an der wenig später nach seinen Vorstellungen vorgenommenen Zusammenfassung der Akademie für Malerei, Bildhauerei, Baukunst und Kupferstechen zu einer Akademie der Bildenden Künste in Wien hat K. entscheidenden Anteil genommen. Sein Bestreben war es, den künstlerischen wie den wissenschaftlichen Einrichtungen ein möglichst großes Maß an Freiheit zu gewähren. Gegenüber den verschiedenen Geistesströmungen seiner Zeit bewies er größte Toleranz. Trotz seiner Bevorzugung der Aufklärung und seiner kirchenfeindlichen Grundhaltung war er bereit, ehemalige Jesuiten wie die Patres Franz, Nekrep und Höck zu fördern, die unter ihm nacheinander Direktoren der orientalischen Akademie waren. Die Universitätsreform wurde zwar von G. van Swieten durchgeführt, jedoch bemühte sich auch K., berühmte Gelehrte wie J. von Sonnenfels nach Wien zu ziehen. Seine Idee, in einer Akademie der Wissenschaften die hervorragendsten Geister seiner Zeit zu versammeln, konnte er jedoch nicht verwirklichen. So sehr er auch die französische Kultur bevorzugte – er förderte insbesondere das französische Theater in Wien –, befleißigte er sich doch in seinen Denkschriften, die sprachlich von ausgefeilter Brillanz waren, bevorzugt|der deutschen Sprache. Als Joseph II. ihn 1783 aufforderte, auch in deutschen Angelegenheiten französisch zu schreiben, lehnte er dies mit allem Nachdruck ab. Im persönlichen Umgang war K. voller Wunderlichkeiten. Kein Luftzug durfte ihn berühren und vom Tod durfte in seiner Umgebung nicht gesprochen werden. Von seiner ganz auf seine Person abgestellten Tageseinteilung ließ er sich durch nichts, auch nicht durch die Monarchen, denen er diente, abbringen. Mit Maria Theresia und ihren Nachfolgern verkehrte er wie mit seinesgleichen und konnte in seinen Äußerungen direkt bis zur Grobheit sein. In seinen Denkschriften nahm er prinzipiell kein Blatt vor den Mund. – K. gehört wie Pombal, Tanucci oder Ormea zu den großen Staatsmännern des aufgeklärten Absolutismus katholischer Länder, die einerseits noch ganz dem Ancien régime angehörten, andererseits sich aber neuen Ideen öffneten und in einem großangelegten Modernisierungsprozeß die Voraussetzungen für den Staat des 19. Jahrhunderts schufen.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Rutz, Andreas, Clemens August von Bayern, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/clemens-august-von-bayern/DE-2086/lido/57c68cffb4d684.72106626 (abgerufen am 19.10.2025)
-> Schepers, Heinrich, "Leibniz, Gottfried Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 121-131 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118571249.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 19.10.2025.
-> Ovesiek, Rahel, Louise Henriette von Oranien-Nassau, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/louise-henriette-von-oranien-nassau/DE-2086/lido/5f2001ca6f1711.51635451 (abgerufen am 19.10.2025)
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Sekundärliteratur
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