Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Clemens August von Bayern
- Gotthold Ephraim Lessing
- Louise Henriette von Oranien-Nassau
- Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich
-
Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel
- Johann Sebastian Bach
- Friedrich August I. (August der Starke)
- Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg
- Karl Albrecht von Bayern
- Friedrich II. der Große
- Friedrich Wilhelm I. (Preußen)
1. Clemens August von Bayern
Clemens August von Bayern (aus dem Hause Wittelsbach) wurde von seinen Zeitgenossen als ‚Monsieur des cinq églises’ (Herr der fünf Kirchen) bezeichnet, denn er war nicht nur Kurfürst und Erzbischof von Köln, sondern auch Fürstbischof von Paderborn, Münster, Hildesheim und Osnabrück und damit einer der wichtigsten geistlichen Fürsten seiner Zeit.
Er wurde am 18.8.1700 in Brüssel geboren. Sein Vater, Maximilian II. Emanuel (1662-1714, Regierungszeit 1679-1706 und 1714-1726), war bayerischer Kurfürst, seine Mutter, Theresia Kunigunde (1676-1730), eine Tochter des polnischen Königs Johann III. Sobieski (1624-1696, Regierungszeit 1674-1696). Große Teile seiner Kindheit und Jugend verbrachte Clemens August mit seinen Geschwistern unter kaiserlicher Aufsicht in Klagenfurt und Graz (1706-1715), wo die jungen Wittelsbacher eine standesgemäße Ausbildung genossen. Die Eltern lebten in dieser Zeit aufgrund des Scheiterns Maximilian Emanuels im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) und der damit im Zusammenhang stehenden Verhängung der Reichsacht im Exil.
Nach Rückkehr der Familie nach München wurde Clemens August wie seine Brüder Philipp Moritz (1698-1719) und Johann Theodor (1703-1763) für den geistlichen Stand bestimmt. Neben dem Versorgungsaspekt war hierfür ausschlaggebend, dass Clemens August als Fürst eines geistlichen Territoriums die wittelsbachische Hausmacht stärken sollte. Noch 1715 erhielt er die erste Tonsur (symbolische Rasur des Hinterkopfes) und wurde Koadjutor seines Onkels Joseph Clemens (1671-1723) in Regensburg. Nach dessen Resignation(Amtsverzicht) wurde er 1716 Fürstbischof von Regensburg (bis 1719). Mit seinem Bruder Philipp Moritz reiste Clemens August Ende 1716 nach Rom, um dort zu studieren. Er verließ Rom 1719, nachdem er anstelle seines plötzlich verstorbenen Bruders Philipp Moritz zum Fürstbischof von Münster und Paderborn gewählt worden war. Schon 1718 hatte er die Probstei von Altötting (bis 1721) erhalten, 1719 kamen Domkanonikate in Köln (bis 1723) und Lüttich (bis 1757) hinzu. In Köln wurde er 1722 Koadjutor und im November 1723 Nachfolger seines Onkels Joseph Clemens im Amt des Kurfürsten und Erzbischofs. Zum fünften Mal in Folge wurde damit ein Wittelsbacher mit dieser wichtigen geistlichen Kur betraut.
In den folgenden Jahren baute Clemens August seine Position im Nordwesten des Reiches noch weiter aus: 1724 wurde er Bischof von Hildesheim und 1728 Bischof von Osnabrück; lediglich in Lüttich konnte er sich nicht durchsetzen. 1732 fiel ihm schließlich noch das Amt des Hoch- und Deutschmeisters des Deutschen Ordens zu, eine traditionell von den Habsburgern und deren Parteigängern besetzte Position. Bis zur Priesterweihe 1725 standen Clemens August zur Verwaltung der Spiritualien (geistliche Aufgaben) Koadministratoren zur Seite; die Bischofsweihe erfolgte 1727.
Clemens Augusts Position in der Reichskirche sowie die Lage und Größe des von ihm beherrschten Territorienkomplexes machten ihn für die europäischen Großmächte der damaligen Zeit – Frankreich, England, Österreich und das aufstrebende Preußen – zu einem umworbenen Bündnispartner. Er ging mit diesen Mächten wechselnde Koalitionen ein, stets lavierend zwischen Paris und Wien: Mal arbeitete er mit Frankreich zusammen und folgte damit der gegen Österreich gerichteten wittelsbachischen Tradition und seinem Bruder Kurfürst Karl Albrecht von Bayern (1697-1745; Regierungszeit als bayerischer Kurfürst Karl I. 1726-1745, als Kaiser Karl VII. 1742-1745).
Dann näherte er sich wieder dem habsburgischen Kaiser, dem Garanten des Reiches und seiner eigenen geistlichen Herrschaft an – eine Politik, die insbesondere von seinem Ersten Minister Ferdinand von Plettenberg und Wittem (1690-1737) favorisiert wurde. Neben politischen Erwägungen spielten dabei nicht zuletzt Subsidienzahlungen (‚Hilfsgelder’) eine entscheidende Rolle, die Kurköln zwischenzeitlich auch zum Partner der mit Österreich verbündeten Seemächte England und Holland machten. Nach dem „renversement des alliances" (Umkehrung der Allianzen durch Beendigung des habsburgisch-französischen Gegensatzes) stand Clemens August im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) wie andere geistliche Fürsten auf der Seite der katholischen Mächte Frankreich und Österreich gegen Preußen und England-Hannover.
Die Forschung ist mit Clemens August aufgrund seiner wechselhaften Außenpolitik hart ins Gericht gegangen. Er habe eine „charakterlose Politik" betrieben (Leonard Ennen), sei „ein schwacher Mensch" und „politisch ohne festen Willen" (Max Braubach), „labil und schwankend" (Erwin Gatz), „ohne klares Konzept" (Alois Schröer) gewesen. Auch wenn Clemens August vielfach unsicher in seinen politischen Entscheidungen gewesen sein mag und sich stark von seinen Beratern und den ihn umgebenden Personen beeinflussen ließ, ist diese Kritik zu relativieren. Seine Politik zeigt nur zu deutlich die Zwänge eines geistlichen Fürsten des 18. Jahrhunderts: Zwar versammelte Clemens August fünf Fürstbistümer in seiner Hand. Diese bildeten aber keinen einheitlichen, zentral regierten Territorialkomplex, sondern bewahrten jeweils ihre Eigenständigkeit.
Der Einfluss der Landstände, insbesondere der Domkapitel, war hoch. Clemens August hatte daher trotz seiner zahlreichen Ämter und Herrschaftstitel keine umfangreiche Machtbasis. Schließlich fehlte ihm eines der wichtigsten Machtmittel des absolutistischen Staates – ein schlagkräftiges Heer. Seine Truppen reichten nicht einmal zur Verteidigung. Clemens August war dementsprechend in Kriegszeiten gezwungen, Verbündete zu suchen, um den Fortbestand seiner geistlichen Herrschaft zu sichern und seine Länder so weit wie möglich aus Kriegshandlungen herauszuhalten.
Ein häufiger Wechsel der Koalitionen, wie von Clemens August praktiziert, war nicht bloßer Ausdruck von Charakterschwäche, sondern kann auch als Versuch interpretiert werden, sich den wandelnden Machtverhältnissen auf dem europäischen Kontinent anzupassen und für die eigenen Territorien die politisch und mit Blick auf die reichlichen Subsidienzahlungen auch finanziell jeweils günstigste Verbindung einzugehen. Die viel gescholtene „Wetterfahne des Reiches" – so Maria Theresias Gatte Franz Stephan von Lothringen (1708-1765, Regierungszeit als Kaiser Franz I. 1745-1765) – handelte politisch durchaus rational und im Rahmen seiner Möglichkeiten erfolgreich. Dass für Clemens August nicht nur Reichsfürsten, sondern auch auswärtige Mächte als Partner in Frage kamen, war zumindest für die national denkenden Historiker des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht akzeptabel. Im außenpolitischen Kalkül der Reichsfürsten des 18. Jahrhunderts spielte das Reich freilich kaum eine Rolle. Koalitionen wurden mit Blick auf die eigenen Vorteile geschlossen und nicht mit Rücksicht auf das Reich – und schon gar nicht die Nation. Clemens August bildet hier keine Ausnahme.
In scheinbarem Gegensatz zu seiner Mindermächtigkeit steht die höfische Pracht, die Clemens August in seinen verschiedenen Schlössern und Residenzen inszenierte. Den baulichen Rahmen schufen namhafte Architekten und Künstler, unter anderem Johann Balthasar Neumann, François de Cuvilliés der Ältere (1695-1768), Johann Conrad Schlaun und Georg Desmarées (1697-1776). Der von seinem Vorgänger begonnene Neubau der Bonner Residenz wurde ebenso fortgesetzt wie die Arbeiten am Schloss Clemensruhe in Poppelsdorf. Daneben errichtete der Kurfürst das Jagdschloss Herzogsfreude im Kottenforst.
Seine besondere Aufmerksamkeit galt aber dem Bau von Schloss Augustusburg in Brühl mit dem berühmten Treppenhaus Neumanns sowie der Errichtung des nahe gelegenen Jagdschlosses Falkenlust. Auch in seinen Nebenländern entfaltete Clemens August eine vielfältige Bautätigkeit (unter anderem Residenzschlösser in Paderborn und Arnsberg, Jagdschloss Clemenswerth in Sögel/Hümmling).
An diesen Orten und insbesondere an den Höfen in Bonn und Brühl inszenierte der Kurfürst Bezeichnung eines zur Wahl des deutschen Königs berechtigten geistlichen oder weltlichen Reichsfürsten. -Erzbischof ein barockes Hofleben, das zu den prachtvollsten im Reich zählte. Bälle und Feste der unterschiedlichsten Art mit Musik, Tanz, Theater und Feuerwerk sowie aufwändige Jagden (insbesondere Parforce- und Falkenjagd) wurden in großem Stil begangen. Teilnehmer dieser Festivitäten war weniger der landsässige als vielmehr der landfremde Adel – aus Bayern und Süddeutschland, dem Rheinland und Westfalen, dem übrigen Reich sowie aus Italien, Frankreich und den Niederlanden. Die Prachtentfaltung zielte also nicht auf diejenigen Kreise, die im Rahmen der Ständeordnung an der politischen Macht im Lande teilhatten. Es ging nicht darum, diese Konkurrenz durch Bindung an den Hof politisch zu ‚zähmen’, wie dies der Soziologe Norbert Elias (1897-1990) in seiner klassischen Studie zur höfischen Gesellschaft (1969) für den französischen Hof Ludwigs XIV. (1638-1715, Regierungszeit 1643/1661-1715) festgestellt hat.
Stattdessen repräsentierte der Kurfürst auf der überregionalen und gelegentlich internationalen Bühne. Hier versuchte Clemens August seine Bedeutung als wichtiger Reichsfürst symbolisch zur Geltung zu bringen beziehungsweise noch zu erhöhen und mit Fürsten zu konkurrieren, denen er hinsichtlich seiner realen politischen Machtmittel weit unterlegen war.
Das aufwändige und kostspielige Hofleben in Bonn, Brühl und anderswo stand also nicht im Gegensatz zur Mindermächtigkeit Clemens Augusts, sondern diente dem in seinen Machtmitteln beschränkten Kurfürsten als Instrument der Politik. In diesen Zusammenhang gehört auch die Krönung seines Bruders Karl Albrecht zum Kaiser (Karl VII.) im Jahre 1742, die Clemens August mit großem Pomp und unter enormen Kosten in Frankfurt inszenierte. Er selbst zog mit einem Gefolge von 1.600 Personen in die Reichsstadt ein und übertraf dabei nicht nur zahlenmäßig, sondern auch in der Pracht alle anderen Kurfürsten. Johann Michael von Loen (1694-1776), ein mit den Höfen in Berlin und Dresden vertrauter Schriftsteller, stellte daher fest: „Dieser Einzug dünket mich das non plus ultra in der Art dieser Ceremonien zu seyn." (Zitat nach Winterling 1986, S. 145)
Clemens August liebte das höfische Leben und insbesondere die Jagd. Zugleich war er aber ein zutiefst religiöser, von der barocken Volksfrömmigkeit geprägter Mensch. Dies zeigt sich insbesondere an der von ihm praktizierten Marienverehrung und dem intensiven Kontakt mit der Kaufbeurener Franziskanerin Crescentia Höß (1682-1744). Darüber hinaus trat er als Stifter und Wohltäter zahlreicher Klöster auf, wiedererrichtete das Kölner Priesterseminar (Seminarium Clementinum, 1736) und machte dessen Besuch für die Priesteramtskandidaten seiner Diözese verpflichtend (1749), initiierte den Bau der Hl. Stiege und des Hl. Grabes auf dem Kreuzberg in Bonn und stiftete in Münster ein Krankenhaus (St. Clemens-Hospital, 1735).
Den Versuch einer stärkeren Integration seiner verschiedenen Territorien unternahm Clemens August nicht. Der Schwerpunkt seiner Politik lag im Kurstaat, während die westfälischen Stifte weitgehend der Verwaltung der dortigen Stände überlassen wurden. Die nach Plettenbergs Sturz (1733) eingerichtete Geheime Konferenz zur Unterstützung seiner Regierung konnte sich nicht dauerhaft etablieren. Innenpolitisch wichtig, wenngleich ebenfalls nur bedingt erfolgreich, waren Clemens Augusts Bemühungen, die Verkehrswege seiner Lande zwecks wirtschaftlicher Belebung auszubauen (unter anderem Max-Clemens-Kanal, seit 1724). Richtungsweisend hingegen war die Intensivierung der Strafverfolgung, unter anderem durch die Gründung von Zuchthäusern in Kaiserswerth (1736) und Münster (1732/1738) und die Einsetzung einer Polizeitruppe (1751).
Clemens August starb am 6.2.1761 auf der Feste Ehrenbreitstein bei Koblenz an Herzversagen. Sein Leichnam wurde am 31. März vor der Dreikönigenkapelle im Kölner Dom beigesetzt. Nach seinem Tod zerfiel der wittelsbachische Territorialkomplex im Nordwesten. Regionale Kräfte setzten sich durch und leiteten eine Politik der inneren Konsolidierung jenseits dynastischer Ambitionen und europäischer Allianzen ein.
2. Gotthold Ephraim Lessing
L. besuchte 1653-61 die Nikolai-Schule in Leipzig. Mit 8 Jahren bekam der frühreife Knabe, der die →Livius-Lektüre dem Spielen vorzog, Zugang zur Bibliothek seines verstorbenen Vaters, mit 13 verfaßte er an einem Morgen 300 elisionsfreie Hexameter, mit 14 begann er seine logischen Studien und „lebte“ seitdem, nach eigener Aussage, im →Suarez und →Fonseca, im →Rubius und →Zabarella. Nachdem er einige Schriften von →Kepler, →Galilei und →Descartes gelesen hatte, entschied er sich noch vor Beginn seines Studiums in Leipzig 1661 für die mechanistische Naturphilosophie, ohne die Bedeutung der aristotelischen Tradition zu verkennen. So wurde →J. Thomasius, sieht man ab von →E. Weigel, bei dem er im Sommer 1663 in Jena studierte, sein bedeutendster Lehrer, unter dessen Vorsitz er auch im Mai 1663 „De principio individui“ disputierte. Anschließend begann er das Studium der Jurisprudenz, wurde 1664 zum magister artium und nach Vortrag eines „Specimen quaestionum philosophicarum ex jure collectarum“ und zweier gehaltvoller juristischer Disputationen „De conditionibus“ 1665 zum baccalaureus juris promoviert. Mit der „Disp. arithmetica de complexionibus“, die er noch im selben Jahr zur „Diss. de arte combinatoria“ ausbaute und publizierte, disputierte er 1666 „pro loco“ an der philosophischen Fakultät. Im Winter 1666/67 wechselte er nach Altdorf über, disputierte dort „De casibus perplexis in jure“ und wurde im Febr. 1667 glanzvoll zum Doktor beider Rechte promoviert. Er schlug eine Professur aus und ging nach Nürnberg, um dort bis zum Antritt einer Bildungsreise in die Niederlande im Herbst alchimistische Studien zu treiben. Eine Pestepidemie veranlaßte ihn zum Abbruch der Reise. Er kam nur bis Mainz, nutzte den Verzug, um „ohne Bücher“ seine Gedanken zur Reform der Jurisprudenz niederzuschreiben und mit dieser eilig in Druck gegebenen, Kf. →Joh. Philipp v. Schönborn gewidmeten Schrift (Nova methodus discendae docendaeque iurisprudentiae, 1667) dessen Gunst zu gewinnen. Durch Vermittlung →Joh. Christian v. Boineburgs wurde er sogleich zur Mitarbeit an der von H. A. Lasser begonnenen Neukodifikation des Corpus Juris aufgefordert. 1670 wurde er von →Schönborn, ungeachtet seiner Jugend und luth. Konfession, zum Revisionsrat am Oberappellationsgericht in Mainz bestellt und im März 1672 in diplomatischer Mission nach Paris gesandt. L.sollte →Ludwig XIV. seinen „Ägyptischen Plan“ vortragen, →Boineburgs private Pensionsansprüche und zusammen mit →Melchior Friedrich v. Schönborn das Mainzer Interesse an allgemeinen Friedensverhandlungen in Köln vertreten. Als dieser Auftrag in Paris scheiterte, reiste →Schönborn mit ihm von Januar bis März 1673 in gleicher Mission nach London. Inzwischen war →Boineburg verstorben, und L. hatte die Erziehung des →jungen Boineburg in Paris übertragen bekommen. Kurz darauf starb auch Kf. →Johann Philipp. Dessen Nachfolger erlaubte L., „für eine Weile“ in Paris zu bleiben. Dort lernte er die bedeutendsten Gelehrten kennen, vor allem →Antoine Arnauld und dessen Freund →Pierre Nicole, die Verfasser der Logik von Port Royal, dann die Mathematiker und Physiker →Christiaan Huygens und →Edme Mariotte, ferner →Buot, →Deschales, →Gallois, →Ozanam, Mathion, →Pardies, →Prestet, →Roberval und den Duc de Rohan, die Astronomen →Cassini und →Römer, die Philosophen →Huet, →Cordemoy, →Foucher und →Malebranche, nicht zu vergessen den jungen →Ehrenfried Walther v. Tschirnhaus, mit dem er sich befreundete. Bei seinen Besuchen in London traf er auf →Heinrich Oldenburg, →Robert Boyle, →Robert Hooke, →John Collins und andere Mitglieder der Royal Society, deren Mitglied er 1673 wurde.Als sich die Hoffnung, Nachfolger des Mathematikers →Roberval in der Académie des Sciences zu werden, zerschlagen hatte, folgte L. einem Ruf des Hzg.→Johann Friedrich als Bibliothekar nach Hannover, wohin er über London (im September und Oktober), Amsterdam, Haarlem, Delft und Den Haag reiste, um im Dez. 1676 seinen Dienst aufzunehmen. 1677 wurde er auch als juristischer Hofrat eingeführt. Hzg. →Ernst August bestätigte ihn 1685 als Hofrat auf Lebenszeit, entlastete ihn von Kanzleiarbeiten und den Aufgaben im Harzbergbau und verpflichtete ihn, die Geschichte des Welfenhauses zu erforschen und darzustellen. Dieses Vorhabens wegen reiste er 1687-90 durch Süddeutschland über Wien, wo er fast 10 Monate verweilte, nach Italien. Er blieb dort von März 1689 bis März 1690, mehr als die Hälfte dieser Zeit in Rom, und besuchte auf dem Rückweg nochmals Wien. 1691 willigte Hzg. →Ernst August auch in L.s zusätzliche Bestallung als Historiograph durch die Herzöge →Anton Ulrich und →Rudolf August von Wolfenbüttel ein und ernannte ihn, nachdem er mit L.s diplomatischer Unterstützung 1692 für Braunschweig-Lüneburg die Kurwürde erworben hatte, 1696 zum Geheimen Justizrat. Diesen Titel verliehen L. auch Kf. →Friedrich von Brandenburg (1700) und Zar →Peter der Große (1712), der viele seiner gründlich ausgearbeiteten Pläne, insbesondere noch 1723 den einer Akademie in Petersburg, realisierte. Er wurde ferner zum Präsidenten bzw. Direktor der von ihm geplanten und organisierten Akademien (Sozietäten) der Wissenschaften zu Berlin (1700) sowie zu Dresden (1704) und Wien (1713) ernannt, wo er sich nach zwei weiteren Besuchen (1700 und 1708) nochmals von Dez. 1712 bis Sept. 1714 aufhielt. Kaiser| →Karl VI. berief ihn 1713 (rückwirkend ab Anfang 1712) in den Reichshofrat. – Nach einem ersten Aufenthalt in Berlin 1698 zog es L. zwischen 1700 und 1707 immer wieder an den Ort seiner Sozietät, später, nach dem Tod der Kgn. →Sophie Charlotte (1705), nur noch zweimal (1709 und 1711). – Abgelehnt hat L. Angebote, Bibliothekar des Vatikans (1689), →Ludwigs XIV. (1692) und des Kaisers (1701) zu werden. Ohne Erfolg bemühte sich L., 1704 Nachfolger des Vizekanzlers Hugo in Hannover und 1713 Kanzler von Siebenbürgen zu werden, wie auch später darum, mit dem Hof nach England zu gehen.L.s selbstverfaßte akademische Schriften bestätigen seine wiederholten Hinweise auf seine frühe autodidaktische Bildung. Sie lassen nicht nur eine ungewöhnliche Belesenheit, sondern auch ein sicheres Urteil und ein außerordentliches logisches Genie erkennen, so, wenn er scholastische Lösungen kritisch klassifiziert (De principio individui, 1663), wenn er den philosophischen Kern juristischer Fragen herausarbeitet (Specimen quaestionum philosophicarum, 1664) oder aus dem röm. Recht und aus unentscheidbaren juristischen Fällen Ansätze zu einer formalisierten, seinen Zeitgenossen unverständlich gebliebenen Rechtslogik konstruiert (De conditionibus, 1665; De casibus perplexis, 1666) sowie endlich, wenn er bekannte und neue verschiedenartige Anwendungen der Kombinatorik systematisch auf eine logisch-mathematische Grundlage stellt und daraus weitreichende, seine späteren Arbeiten determinierende Perspektiven entwickelt (Dissertatio de arte combinatoria, 1666). Von der Neukodifikation des Corpus Juris kam lediglich der Plan, die „Ratio Corporis Juris reconcinnandi“, 1668 zum Druck. Beabsichtigt war zunächst die Reduktion des röm. Rechts auf einige wenige elementare, an einer Wandtafel verzeichenbare Rechtssätze, aus denen in der Praxis alle Fragen entschieden werden könnten; ein „Antinomicus minor“ sollte zudem die Lösungen sich widersprechender Gesetze sowie die unlösbaren Antinomien zusammenfassen. Von größter Bedeutung war der Einfluß, den →Joh.Christian v. Boineburg, der ehemalige Minister des Kurfürsten, auf L. gewann. Dieser schärfte dem jungen Gelehrten den Blick für die großen Themen der säkularen und der konfessionellen Politik zur Sicherung des Friedens in Europa und gab ihm diplomatische und publizistische Aufgaben, so zur Unterstützung seines Kandidaten für die poln. Königswahl von 1669 – eine Aufgabe, die L. originellerweise mit einer die Rechtsgelehrten damals verblüffenden Beweisführung more geometrico löste (acht Jahre vor Spinozas „Ethica more geometrico demonstrata“) – oder zur Formulierung seiner Friedensdiplomatie gegenüber Ludwig XIV. Genannt seien das „Bedencken welchergestalt securitas publica interna et externa und Status praesens im Reich iezigen Umständen nach auf festen Fuß zu stellen“ (1670) und die Schrift, die er persönlich in Paris Ludwig XIV. vortragen wollte, der „Ägyptische Plan“ (1672), der den Expansionsdrang Frankreichs vom Rhein an den Nil lenken sollte, dessen Vorlage aber durch den inzwischen begonnenen Krieg gegen Holland überholt wurde, gleichwohl später noch →Napoleon beeindruckte. Darüber hinaus regte der Konvertit Boineburg ihn insbesondere an, eine rationale Basis für das Gespräch zwischen den Konfessionen und gegen den aufkommenden Atheismus und die sozinianischen Häresien auszuarbeiten, daneben aber auch seinen juristischen Ambitionen zu folgen und die Elemente des Natur- wie des Zivilrechts darzustellen. L. katalogisierte auch mit neuen Erschließungsmethoden die umfangreiche Boineburgische Bibliothek (heute in Erfurt). Bis auf die, ohne L.s Wissen 1669 anonym publizierte, „Confessio naturae contra atheistas“ und das ebenfalls 1669 erschienene „Specimen demonstrationum politicarum pro eligendo rege Polonorum“ sowie noch 1672 eine vielbeachtete Auslegung des Paragraphen „Et ut eo sincerior“ aus dem Vertrag zum Westfäl. Frieden blieben diese Schriften Konzept oder nur wenigen zugänglich. Anders die ebenfalls von Boineburg angeregte Neuausgabe des humanistischen Nominalisten Marius Nizolius („De veris principiis et vera ratione philosophandi“), die L. 1671 mit kritischen Anmerkungen, einer bedeutenden Vorrede über den philosophischen Stil und einem Brief an seinen Leipziger Lehrer →Jakob Thomasius über das Verhältnis der neueren Philosophie zu →Aristoteles herausbrachte. L.s eigenen Intentionen dürften mehr die Projekte zu einer „Societas Conferentium conciliatrix“ und zu einer konfessionsübergreifenden „Societas philadelphica“ entsprochen haben, sowie das „Bedenken von Aufrichtung einer Akademie oder Societät in Teutschland zu Auffnehmen der Künste und Wissenschafften“ (wohl 1671), ferner auch die von ihm geplanten Maßnahmen zur Organisation des Bücherwesens, u. a. ein von ihm zu verfassendes Rezensionsorgan („Nucleus librarius semestralis“), für das er beim Kaiser vergeblich ein Privileg beantragte.Seine philosophischen Interessen richteten sich damals, von einigen fragmentarischen Ansätzen zu seinen „Elements de mente et corpore“ als Teil seiner geplanten, groß angelegten „Demonstrationes catholicae“ und von einigen methodologischen Entwürfen abgesehen, auf die Theorie der Bewegung. Daraus resultierten 1671 zunächst zwei Druckschriften, die „Theoria motus abstracti“ und die „Hypothesis physica nova“ (oder „Theoria motus concreti“), die L. den Akademien in Paris und London widmete. Er baute seine Theorie in einer Reihe weiterer Konzepte aus, bis er 1672 in Paris durch →Chr. Huygens davon abgebracht und der modernen Mathematik zugeführt wurde, von der er bis dahin nach eigener Aussage so viel wie nichts verstand – ein Mangel, den er schnell und gründlich beheben sollte. Erst Ende 1676 nahm er in einem fertiggestellten, gleichwohl zurückgehaltenen Dialog „Pacidius Philalethi“ das Thema „de motu“ wieder auf. Wie in der Logik der Satz vom Widerspruch, so bildet in den realen Wissenschaften der Satz vom Grunde „Nihil est sine ratione“ nach L. das fundamentale Prinzip unserer Erkenntnis. Das bewegende Prinzip ist einzig der Geist, und der Körper ist nichts als eine „mens momentanea“, ein Geist, dem das Gedächtnis, die Bedingung dauernder substantieller Identität, fehlt. Ruhe ist Nichtsein. Bewegung selbst ist obensowenig wie Raum und Zeit etwas Absolutes und nur zu verstehen als eine fortwährende Neuschöpfung. An den Brechungsgesetzen erkennt L., daß Optimierungsprinzipien nicht kausal, sondern nur final zu erklären sind und daß deshalb die Physik eine metaphysische Begründung braucht.Im Dialog „Confessio philosophi“ stellte er 1673 das Problem der Theodizee dar, mit dem er sich ansatzweise bereits in Mainz beschäftigt hatte. Der Jansenist →A. Arnauld in Paris und der Konvertit →N. Stensen in Hannover, dessen Randbemerkungen mit L.s Erwiderung dazu erhalten sind, waren wohl die einzigen, die ihn zu lesen bekamen. Seine damaligen metaphysischen Aufzeichnungen („De summa rerum“) sind tagebuchähnliche Notizen. In Paris gewann er die Anerkennung der bedeutendsten Gelehrten, bekam Zugang zu den Nachlässen von →Pascal und →Descartes, weckte →Tschirnhaus erneut sein Interesse für →Spinoza, den er in Den Haag ein Vierteljahr vor dessen Tod noch besuchen sollte. Vieles, was er aus den heute verschollenen Papieren Descartes' exzerpierte, stellt für uns die einzige Quelle dafür dar. Einiges davon ist wiederum verlorengegangen. →Platons „Phaedon“ und „Theäthet“ hat er in lateinische Kurzfassungen gebracht und „ad usum Delphini“ eine Ausgabe des →Martianus Capella vorbereitet, nichts davon jedoch veröffentlicht.Ein wenig später als →Newton, gleichwohl, wie aus dem Nachlaß zu belegen, eindeutig unabhängig von ihm, hat L. 1675 die Infinitesimalrechnung erfunden und seitdem erfolgreich zur Lösung verschiedenartigster Probleme herangezogen; insbesondere geht die heute allgemein übliche, transparente Symbolik für die Differentiation und das Integral auf L. zurück. Die erste Veröffentlichung „De nova methodo de maximis et minimis“ erfolgte erst 1684 in den „Acta Eruditorum“. Der in den 90er Jahren von Newton-Anhängern angezettelte Prioritätsstreit, der schließlich von der Royal Society, nicht ohne politische Motivationen und die Mitwirkung von →Newton selbst, zu L.s Ungunsten entschieden wurde, verzerrte sein Bild bis in unsere Tage. Daran änderte auch nichts die erst 1846 edierte „Historie et Origo calculi differentialis“, die L. noch 1714 verfaßte. Unzählige algebraische und zahlentheoretische Studien, die arithmetische Quadratur des Kreises (erstmals publiziert in Acta Erud. 1682), die Berechnung von Potenzreihen und die Anfänge der dyadischen Arithmetik, die er um 1679 ausbaute, gehören bereits in die Pariser Zeit. Von späteren Errungenschaften seien hervorgehoben: seine ebenfalls 1679 ersonnene „Analysis situs“, eine neuartige Topologie als Gegenstück zur analytischen Geometrie von Descartes, die weitere Entwicklung seiner Kombinatorik, die Technik, Indizes als Koeffizienten zu behandeln, die Theorie der Determinanten und die Ableitung der Exponential-Funktion. Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend, stellte und löste er mathematische Probleme in einem regen, halb öffentlichen Briefwechsel, so in den 90er Jahren das der catenaria, der isochrona paracentrica und der brachystochrona. Insgesamt übertrifft der weitgehend noch zu erschließende mathematische Teil des Nachlasses dem Umfang nach um ein Vielfaches das, was zur Philosophie, Theologie und Jurisprudenz gehört.L. erfand wohl um 1670 die erste Vierspezies-Rechenmaschine. Sie funktionierte nach dem Prinzip der Staffelwalze. Bereits 1673 konnte er sie in Paris und London an einem hölzernen Modell vorführen. Ein Prototyp in Messing wurde später in Paris von dem Mechaniker Olivier hergestellt und|sollte 1694 in die Serienanfertigung gehen. Um 1700 in Helmstedt und zwischen 1711 und 1716 in Zeitz beschäftigte L., unter Einsatz bedeutender eigener Geldmittel, weitere Feinmechaniker zur Herstellung vollkommenerer Modelle, ohne dadurch die technischen Probleme der Zehnerübertragung endgültig zu meistern, was erst 1774 →P. M. Hahn gelang. Das funktionierende, heute in der Niedersächsischen Landesbibliothek aufbewahrte Exemplar blieb ohne praktische Verwendung. Wenig bekannt ist daneben L.s früher, genialer Entwurf einer dyadischen Rechenmaschine (1679), den er technisch gar nicht erst auszuführen versuchte.Die Philosophie begriff L. im Vertrauen auf die Macht der durch eine geschulte, aufgeklärte Vernunft erkannten Wahrheit als ein Instrument des Friedens und der Versöhnung. Es lag ihm daran, die rationalen Grundlagen zu schaffen, um die sich bekämpfenden Sekten der Philosophen wieder auf die eine philosophia perennis zu verweisen, die auseinandergetretenen Konfessionen in einer katholisch-ökumenischen Kirche zu vereinen, die verfeindeten Staaten unter das römische Reich und dieses unter ein christlich geeintes Europa zu bringen, um schließlich die Christianisierung über die Kontinente nach Asien, Afrika und Amerika zu verbreiten. Ein solches Instrument des Friedens sollte seine „demonstrative Enzyklopädie“ werden, zunächst in Mainz noch unter dem Titel „Demonstrationes catholicae“, dann in Hannover als „Scientia generalis“ und in seinen letzten Lebensjahren als „Éléments de la philosophie générale et de la théologie naturelle“ konzipiert. Es war ein Werk, das mit Hilfe einer zu erstellenden universellen Charakteristik, einer „ars inveniendi et judicandi“, und eines dazu zu konstruierenden logischen Kalküls die Philosophie sicher und alle Probleme berechenbar machen sollte. L. erachtete zu seiner Erarbeitung von vornherein die Hilfe einer Gruppe fähiger Mitarbeiter für nötig. Diese und einen fördernden Mäzen glaubte er jedoch erst nach Vorlage einiger Probestücke gewinnen zu können. Eine Fülle von zurückgehaltenen Konzepten dazu liegt vor, keines davon schien ihm angemessen und überzeugend genug. Das gleiche gilt für seine zahlreichen Arbeiten zur Logik, die letztlich auch auf die formale Begründung der „Scientia generalis“ ausgerichtet waren. Als großen Schritt voran wertete L. seine „Generales inquisitiones de analysi notionum et veritatum“ von 1686 (Erstdruck v. →L. Couturat, in: Opuscules et fragments inédits, 1903). Wenn auch das Programm nicht vollendet wurde, so sind doch die dazu geleisteten Vorarbeiten von so ungewöhnlicher Qualität, daß die moderne mathematische Logik in L. ihren Vater sehen kann. Die Leitidee seiner „Characteristica universalis“ setzt voraus, daß es gelingt – worum L. sich intensiv bemüht hat –, die primitiven Begriffe zu finden, aus denen alle übrigen zusammengesetzt werden können. Man braucht ihnen dann nur noch geeignete Charaktere so zuzuordnen, daß dem Charakter eines jeden Begriffs, wie heute einer chemischen Formel, anzusehen ist, welche primitiven Begriffe in ihm enthalten sind. Versuchsweise wählte L. Primzahlen als Charaktere der primitiven Begriffe, wodurch beliebige Begriffe eindeutig als Primzahlprodukte darstellbar und die Prüfung der Wahrheit von Sätzen sowie der Richtigkeit von Schlüssen arithmetische Teilbarkeitsprobleme werden, eine Vorwegnahme der Gödelschen Arithmetisierung. L. erfand noch weitere logische Kalküle, um dem angestrebten „Alphabetum cogitationum humanarum“ und der aufzubauenden „lingua philosophica“ angemessene Methoden der Algorithmisierung des wissenschaftlichen Denkens an die Seite zu stellen. Statt über Meinungen zu streiten, sollte es künftig heißen: „Calculemus!“.Einer der bekanntesten philosophischen Aufsätze, die besonders im 18. Jh. in der Erkenntnistheorie und der neuen Ästhetik einflußreichen „Meditationes de cognitione, veritate et ideis“, erschien 1684 in den seit 1682 von O. Mencke herausgegebenen „Acta Eruditorum“, für die L. noch über 60 weitere Aufsätze zumeist mathematischen Inhalts und ebensoviele Rezensionen verfaßte. Weitere 50 kleine Abhandlungen publizierte er im „Journal des Savants“ und anderen Gelehrtenzeitschriften. Im Jan. 1686 faßte L. seine Gedanken in einer von ihrem ersten Herausgeber 1846 „Discours de métaphysique“ betitelten Schrift zusammen, in der Absicht, ihre Verträglichkeit mit den kath. Dogmen von dem inzwischen nach Holland geflohenen →A. Arnauld bestätigen zu lassen. Der vorsichtige L. legte diesem jedoch nur einen „Sommaire“, 37 zusammenfassende Kapitelüberschriften, vor und löste in der sich daran anschließenden Korrespondenz den scheinbaren Widerspruch zwischen vollständiger Bestimmtheit des Begriffs jeder individuellen Substanz und der Freiheit des Menschen. Da, wie der scholastische Lehrsatz besagt, in jeder wahren Aussage das Prädikat im Subjekt enthalten ist, begreift L. die individuelle Substanz als durch ihre notio completa vollständig bestimmt. Ihre Handlungen sind frei, wenn auch gewiß ist, daß sie der göttlichen Voraussicht entsprechen. Wir erkennen notwendige Vemunftwahrheiten vollkommen dadurch, daß wir sie in endlich vielen Schritten auf primitive Begriffe oder wenigstens auf Identitäten reduzieren können, während wir für die Analyse kontingenter Tatsachenwahrheiten unendlich viele Schritte benötigen würden, also höchstens approximative Erkenntnis von ihnen erlangen können und daher auch nicht Gottes Motive für die Erschaffung dieser und keiner anderen Welt begreifen.In Rom konzipierte L. 1689 den ersten Teil seiner „Dynamik“ im Gegenzug zur Mechanik Newtons, dessen „Principia“ (1687) er gerade kennengelernt hatte. (Den zweiten Teil schrieb er erst nach 1698 nieder.) Sie erwuchs aus seiner 1686 veröffentlichten Polemik gegen den „außerordentlichen Irrtum“ des Cartesischen Prinzips der Erhaltung der Bewegungsgröße, definiert als Produkt aus Masse und Geschwindigkeit (mv), dem L. sein Prinzip von der Erhaltung der Energie als der vis viva, die er als Produkt aus Masse und Beschleunigung, d. h. dem Quadrat der Geschwindigkeit, bestimmte (mv²), gegenüberstellte. Dieses Prinzip hatte er aus seinem „Grundaxiom“ der Äquipollenz von Ursache und Wirkung hergeleitet und bereits 1678 in „De concursu corporum“ (noch nicht ediert) formuliert. Die später ergänzte und revidierte, jedoch nicht gänzlich abgeschlossene Fassung seiner „Dynamica de potentia et legibus naturae corporeae“ wurde erst 1860 ediert. Eine von verschiedenen kürzeren Fassungen überließ er Pellisson zum Vortrag in der Pariser Akademie; nur den ersten Teil einer anderen hat er 1695 in den „Acta Eruditorum“ veröffentlicht, wo er 1698 auch eine Anwendung seiner Dynamik gab (De ipsa natura). Er verfaßte Schriften über die Bewegung der Himmelskörper (1689 „Acta Eruditorum“) und über die Kopernikanische Hypothese, um ihre Anerkennung bei der röm. Kurie zu bewirken. Die prinzipielle Auseinandersetzung mit den metaphysischen Grundlagen der Physik Newtons führte er in seinem letzten Lebensjahr in einem Briefwechsel mit →S. Clarke, der zur Publikation bestimmt war und 1717 auch erschienen ist. Gegen das Leere und die physikalischen Atome Newtons setzte L. seine ausdehnungslosen und einfachen Substanzen, die Monaden. Raum, Zeit und Bewegung ließ er nicht als Absolutes, nicht als Attribute der Gottheit gelten, sie sind für ihn nichts als Relationen, in denen Monaden körperliche Phänomene neben-, nach- und auseinander vorstellen. Auch weigerte sich L., Newtons Gravitationskraft anzuerkennen.Die aufbrechende Kluft zwischen Glaube und Vernunft, Theologie und Naturwissenschaften überbrückte L. mit einer doppelten Erklärung des Geschehens: Im Reiche der Natur oder der Wirkursachen, im Bereich des Phänomenalen, stellt seine physikalische „Dynamik“ die Theorie bereit; im Reiche der Gnade oder der Zwecke, im Bereich des eigentlich Wirklichen dagegen, die Metaphysik, genauer, die Lehre von den Monaden. Wie die Natur niemals anders wirkt als durch eine unendliche Vielheit konkurrierender Ursachen – ein Gedanke, den schon der junge L. aus dem Hippokratischen σύμπνοια πάντα entwickelt –, so repräsentiert jede Monade in sich selbsttätig das ganze Universum, jede von ihrem Standpunkt aus unterschiedlich, jedoch in einer von Gott prästabilierten Harmonie. Damit wird die für ihn unannehmbare Forderung eines physischen Einflusses von Substanzen aufeinander zur Erklärung der Kausalität überflüssig – Monaden sind gleichsam fensterlos –, und das löst vor allem das Descartes’sche Dilemma der Einwirkung der Seele auf den Körper. Körper sind keine einfachen Substanzen, sie sind Phänomene in Monaden, wenn auch gut fundierte. Nicht einmal die höheren Geister sind ohne solche Körper, die aus dem prästabilierten Zusammenwirken der einfachen Substanzen und ihrer Subordination unter jeweils herrschende Monaden resultieren. Nur Einheiten haben wahre Existenz, nur Monaden sind einfache, unzerstörbare Substanzen. Zusammengesetzte Substanzen, Körper, sind nichts als Phänomene. L.s Phänomenalismus ist jedoch weder ein objektiver Idealismus: Monaden erscheinen nicht als Körper, sind auch selbst keine Erscheinungen; noch ein subjektiver Idealismus: den einfacheren Monaden fehlt das Selbstbewußtsein, sie sind keine Subjekte; und auch kein Spiritualismus: nicht alle Monaden sind Geister; schließlich auch kein Solipsismus: es gibt Gott und andere von Gott geschaffene Monaden, wenn auch der Gedanke der Theresa von Avila „nur Gott und ich“ L. faszinierte. Körper und überhaupt die ganze Welt mit ihrer Geschichte sind Phänomene nicht von, sondern in den sie in prästabilierter Harmonie wie in einem „lebenden Spiegel“ produzierenden Monaden. Ihre Perzeptionen sind nichts als Darstellungen des Vielen in der Einheit, ihre Appetitionen nichts als das Streben nach neuen Perzeptionen. Eine kontinuierliche, in jedem Augenblick unendliche Folge größtenteils unmerklicher „petites perceptions“, verknüpft das Individuum mit dem ganzen Universum und zugleich mit seiner eigenen Vergangenheit und Zukunft, Keine mit Selbstbewußtsein begabte Substanz (mens) verliert jemals die ihr auferlegte Person, deren unzerstörbare Identität durch Erinnerung gegeben ist und sie für Belohnung und Strafe zurechnungsfähig macht. Mit seiner Theorie der „petites perceptions“ wurde er der Entdecker des Unbewußten. Überraschend modern gegenüber den mechanistischen Erklärungen seiner Zeit muten auch L.s Vorstellungen von der Organisation des Lebendigen an: Organismen sind natürliche Maschinen, solche, die selbst in ihren kleinsten Teilen noch Maschinen sind. Zwischen den natürlichen Gattungen gibt es nur kontinuierliche Übergänge, die Natur macht keine Sprünge, duldet kein vacuum formarum (principium continuitatis). Auch gibt es keine zwei vollkommen gleiche, nur numerisch unterscheidbare Individuen (principium identitatis indiscernibilium). Im strengen metaphysischen Sinn gibt es weder Geburt noch Tod, sondern nur Transformationen der unzerstörbaren Substanz. Die Zustände der Monaden folgen nicht ohne göttliche Mitwirkung aufeinander, ihre Erhaltung ist als eine fortwährende Schöpfung zu begreifen.Wie mit einem Brennglas brachte L. in seiner Metaphysik verschiedenste Traditionen in ein kohärentes System: einen konfessionsübergreifenden christlichen Glauben, gerich tet auf einen allmächtigen, aber guten, frei von Willkür handelnden Gott, den er nicht als Weltseele, sondern als eine extramundane Intelligenz begriffen wissen wollte; die aristotelische Substanzenlehre und den auf sie gegründeten metaphysischen Individualismus der deutschen Schulphilosophen, verbunden mit der rabbinischen Lehre vom unzerstörbaren Kern der Substanz; die Präformation aller Individuen in ihren Protoplasten, den ersten Exemplaren jeder Spezies; das hippokratische Zusammenwirken aller Dinge und den neuplatonischen Harmoniebegriff, expliziert durch die cusanische Vollkommenheit als maximale Mannigfaltigkeit in der Einheit; die platonische Selbstbewegtheit und wahre, unteilbare Einheit des Geistes und damit die Irrealität des rein Körperlichen; die augustinisch-cartesische Selbstgewißheit des denkenden Ich und den platonisch-stoischen Glauben an eingeborene Ideen und Prinzipien, an ewige Wahrheiten, die unsere Vernunft konstituieren.Die erste Publikation seiner Metaphysik, das „Système nouveau de la nature“, erschien 1695 im „Journal des Savants“. Ihr folgten Erklärungen zu den kritischen Einwänden von →S. Foucher, →P. Bayle und →Fr. Lamy. 1695 prägt L. im Briefwechsel mit →F. G. de L'Hôpital die Begriffe Monade und prästabilierte Harmonie. Seine gewichtige Auseinandersetzung mit →John Lockes berühmtem „Essay“ (1690), die L. seit 1695 in kürzeren Schriften vorbereitet hatte, kleidete er 1703-05 in die Form eines Dialogs „Nouveaux essais sur l'entendement humain“, den er aber aus Pietät gegen den 1704 verstorbenen Gegner druckreif zurückhielt. Die Wirkung dieser erst 1765 durch →R. E. Raspe veröffentlichten Widerlegung des engl. Empirismus war und blieb trotz ihrer Verspätung doch bedeutend.Die Grundkonzeption seines berühmtesten Werkes, der aus Gesprächen mit der Kgn. →Sophie Charlotte am preuß. Hof hervorgegangenen „Essais de théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal“ (1710), beruht auf der schon in der „Confessio philosophi“ (1673) ausgesprochenen Idee einer Vielheit von möglichen Welten, unter denen Gott, der diese Vielheit in seinem Geist erschaffen hat, eine, und zwar aufgrund seiner Allwissenheit und seiner Güte die beste, zur Existenz bringt, die beste alles in allem besehen. Eine mögliche Welt besteht aus der Gesamtheit miteinander verträglicher individueller Substanzen, von denen jede durch ihren vollständigen Begriff festgelegt ist, mit allem, was ihr je zugestoßen ist und zustoßen wird. Der vollständige Begriff einer möglichen Einzelsubstanz bestimmt, mit welchen anderen Substanzen sie kompatibel ist, und dann wiederum, welchen Grad an Vollkommenheit die miteinander kompatiblen Substanzen zu realisieren imstande sind. Daß Gott, der nicht willkürlich handelt, sondern den zureichenden Grund seiner Wahl im Prinzip des Besten sieht, dieser und keiner anderen Welt zur Existenz verholfen hat, bedeutet für L., daß keine bessere Welt möglich ist. Dies ist eine Konzeption, die eher Resignation als den von Voltaire im „Candide“ verhöhnten Optimismus ausdrückt. Die neben der „Theodizee“ bekannteste Schrift L.s, die sog. „Monadologie“, ist ebensowenig wie die im selben Jahr 1714 in Wien für den Prinzen →Eugen von Savoyen verfaßten „Principes de la nature et de la grâce“ eine Vermächtnisschrift. Beide verschweigen den Phänomenalismus, geben aber gleichwohl die dichteste Darstellung dessen, was L. damals einer elitären Öffentlichkeit handschriftlich zugänglich zu machen bereit war. So hatte er schon|früher einigen Vertrauten brieflich Zusammenfassungen seines Systems mitgeteilt, insbesondere der Kfn. →Sophie in Hannover und ihrer Tochter →Sophie Charlotte, der ersten Königin in Preußen, die beide beständig und verständig seine vielfältigen Vorhaben förderten. L. hat sich aber auch ihnen gegenüber gescheut, die letzte Konsequenz seiner Metaphysik, die bloße Phänomenalität unserer raum-zeitlichen Erfahrungswelt, in einer Zeit, die er noch nicht gereift sah für seine Gedanken, öffentlich zu vertreten. Die Stücke, selbst die zur Absendung fertigen Briefe, in denen er seine Ansicht zu deutlich formulierte, hat er zurückgehalten – wohl aus Furcht, seine zur Verwirklichung seiner großen Projekte nötige Reputation bei den dafür maßgebenden Persönlichkeiten an den Höfen Europas zu verlieren.Nach dem Mißlingen der Versuche, die Entwässerung der Gruben im Harzbergbau mit seiner neuartigen Windkunst zu leisten, verpflichtete sich L. im Sommer 1685 gegenüber Hzg. →Ernst August, die Geschichte des Welfenhauses aus authentischen Quellen darzustellen: eine Aufgabe, die noch schwer auf ihm lasten sollte, besonders als Kf. →Georg Ludwig nach 1698 mit Nachdruck auf ihrer Erfüllung bestand. Für seine Annahme eines gemeinsamen Ursprunges der Welfen und der Este fand L. 1688 in Augsburg den ersten urkundlichen Beleg. 1690 stellte er in Modena und der Abtei Vangadizza das Ergebnis sicher. Gleichsam als Parerga dieser Sammel- und Sichtungsarbeit besorgte L. zunächst eine Reihe umfänglicher Quellenveröffentlichungen, so den „Codex juris gentium diplomaticus“ (1693) mit ergänzender „Mantissa“ (1700), die „Accessiones historicae“ (1698-1700) und in drei Bänden die „Scriptores rerum Brunsvicensium“ (1707-11), alles Quellen, die zum Teil bis heute in keiner anderen Ausgabe vorliegen. Diesen Ausgaben stellte er einleitend bemerkenswerte Äußerungen zur Theorie und Methode der Geschichtsschreibung und Quelleneditorik sowie zur Systematik des Natur- und Völkerrechtes voran. Seine genealogischen Forschungen („Origines Guelficae“) brachten erst →Scheidt 1751-54 in vier Bänden und Jung 1780 in einem fünften heraus. Die Welfengeschichte selbst, die L. für die Zeit von 768 bis 1005 dargestellt hatte, wurde, da nach L.s Tod seine Auftraggeber jegliches Interesse an ihr verloren, erst von →G. H. Pertz aus dem hinterlassenen Manuskript herausgegeben (Annales Imperii occidentis Brunsvicenses, 3 Bde., 1843–46). Sollten diese Annalen vorrangig dem Ansehen des Hauses Braunschweig dienen, so begründete L. mit weiteren historischen Arbeiten die politischen Ansprüche der Welfen; so bereits 1677 mit dem wiederholt gedruckten „Caesarini Fürstenerii de jure suprematus ac legationis principum Germaniae“, der den Hannoveranern eine den Kurfürsten gleichrangige Souveränität und die Beteiligung an der europ. Politik und den Friedensverhandlungen sichern sollte, sowie mit Schriften, die wesentlich zur Erlangung der 9. Kurwürde beigetragen haben. Weiterreichende historische Interessen und methodische Innovationen verband L. mit Arbeiten zur Frühgeschichte der Erde anhand von im Harz gefundenen Fossilien, der „Protogaea“ (im Auszug 1693 in den „Acta Eruditorum“, vollständig erst 1749 erschienen), die er zusammen mit Schriften über den Ursprung der Germanen (1697) und der Franken (1715) seinen „Annales“ voranstellen wollte, sowie in der „Brevis designatio meditationum de originibus gentium ductis potissimum ex indicio linguarum“ (1710), in denen er vergleichende Sprachgeschichte und Etymologie als historische Hilfswissenschaften einsetzte. Überhaupt widmete L. den Sprachen als „Spiegel des Verstandes“ auch neben seinen erwähnten Intentionen zur Schaffung einer berechnenden und berechenbaren „lingua philosophica“ großes Interesse. Seine Studien zur Sprachenvergleichung gipfelten in Hypothesen über Ursprung und Verwandtschaft der Sprachen, die heutigen Auffassungen über die indogerman. Sprachfamilien nahekommen. Besonderes Gewicht legte er auf die Wortbildung und die Namenforschung, sah er doch in den Eigennamen, besonders in den geographischen, die ältesten Zeugnisse einer ursprünglichen Namengebung. Nach franz. Vorbild empfahl er die Anlage dreier Wörterbücher, eines für die Hochsprache, in doppelter (alphabetischer und sachlicher) Anordnung, eines für die Fachterminologien und schließlich eines für die Etymologie, entweder nach den heutigen Wortgestalten oder nach ihren Wurzeln angeordnet. Vier Bände Material für ein solches „Glossarium etymologicum“ liegen noch im Nachlaß. Obgleich sein Interesse auf die Pflege der deutschen Hochsprache gerichtet war und darauf, ihren Wortschatz ohne puristische Ambitionen zu reinigen und durch Wiedereinsetzung versunkener Wörter zu erweitern, legte er großen Wert auf die Erforschung der Mundarten. Hervorgehoben seien die heute noch unveröffentlichte „Epistolaris de historia etymologica dissertatio“ (um 1712) und die von J. G. Eckhart 1717 herausgegebenen „Collectanea|Elymologica“, die auch L.s „Unvorgreifliche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache“ enthalten, mit denen er um die Jahrhundertwende den alten Plan zur Einrichtung einer „teutschgesinnten Gesellschaft“ wiederaufgriff.L. teilte früh das Interesse seiner Zeit für China. Als er 1689 in Rom →C. F. Grimaldi begegnete, einem Angehörigen der Jesuiten-Mission in China, faßte er in 30 Fragen zusammen, was er von der chines. Sprache, Kultur, Wissenschaft und Technik zu erfahren hoffte, angefangen bei der Schrift, über die Seidenraupen und den Ginseng bis zur Chirurgie, zur Kriegskunst und zum Bergbau. Mit weiteren Mitgliedern dieser Mission blieb er in regem Briefwechsel. Ungeduldig erwartete er die „Clavis Sinica“, die ihr Autor →A. Müller jedoch unvollendet vernichtete. 1697 und erweitert 1699 gab er als „Novissima Sinica“ eine informative Sammlung aktueller Briefe und Berichte heraus. Noch 1713 äußert er sich brieflich ausführlich über die natürliche Theologie der Chinesen.Im Auftrage des Hzg. →Ernst August hat L. zusammen mit Gerhard Molanus, dem Abt von Loccum, seit 1683 an Verhandlungen zur Reunion der christlichen Konfessionen teilgenommen. Auf kath. und kaiserl. Seite waren daran der Bischof von Wiener-Neustadt →Christóbal Rojas y Spinola und später dessen Nachfolger Franz Anton Gf. v. Buchhaim beteiligt. L. empfahl, die Disputationen zu beenden und sich der Autorität eines einzuberufenden, wirklich ökumenischen Weltkonzils zu unterwerfen. Unermüdlich verfaßte er Denkschriften und wechselte Briefe, so mit dem konvertierten Landgf. →Ernst von Hessen-Rheinfels, mit dem einflußreichen Bischof von Meaux, →J.-B. Bossuet, und mit →P. Pellisson-Fontanier. Letzterer ließ seinen Briefwechsel mit L. unter dem Titel „De la tolérance de la religion“ 1691 erscheinen und wiederholt auflegen. Insgesamt blieben diese Bemühungen ohne Ergebnis, sie paßten letztlich nicht in das Konzept der großen Politik. Resignierend hielt L. sein wohl 1686 vom Standpunkt eines Katholiken verfaßtes „Examen religionis christianae“, das seit 1820 in deutscher Übersetzung als „System der Theologie“ bekannt wurde, zurück. Erfolgreicher waren, wenn auch nicht mehr zu seinen Lebzeiten, die mit dem Berliner Prediger →D. E. Jablonski seit 1698 geführten Gespräche zur Union der luth. und ref. Kirchen in Preußen.L.s politisches und diplomatisches Wirken blieb überhaupt durch Stand und Stellung beschränkt auf Beratung und Publizistik. Trotz großem Einsatz und selbstlosen Ambitionen blieb es weit hinter seinen wissenschaftlichen Leistungen zurück, bedingt nicht zuletzt durch die politischen Kräfteverhältnisse und divergierenden Partikularinteressen. L. stellte immer wieder die Situation des Reiches dar und erwog, wie die Politik Ludwigs XIV. durch Allianzen zu schwächen sei, wie aber auch durch Frieden mit Frankreich die Kräfte gegen die anstürmenden Türken freigesetzt werden könnten. Der 1684 anonym erschienene „Mars Christianissimus“ ist eine leidenschaftliche Satire gegen die Aggressionspolitik des Sonnenkönigs. Weitere Denkschriften galten dem span. Erbfolgestreit und der Anwartschaft seiner Gönnerin, der Kfn. →Sophie auf die engl. Thronfolge, die ihr Sohn →Georg Ludwig 1714 auch antrat. L.s Gedanken zur Prinzenerziehung, die er direkt am preuß. und sächs. Hof geltend zu machen versuchte, blieben ohne Wirkung. In zahllosen Entwürfen ließ er im Sinne seiner Definition des Staates als einer „großen Vergesellschaftung mit dem Zwecke der allgemeinen Sicherheit“ kaum etwas unberücksichtigt, was sein erfinderischer Geist als dem „allgemeinen Besten“ dienlich ansehen mußte, angefangen bei der Staatsverwaltung, dem Münz-, Währungs-, und Besoldungswesen, der Einrichtung einer Medizinalbehörde und eines statistischen Amtes, insbesondere auch der Einführung von öffentlichen Lebensversicherungen. Hinterbliebenenrenten und Armenkassen, sowie der Besteuerung oder Verstaatlichung bestimmter Handelszweige und Manufakturen und der Förderung gemeinnütziger Institutionen durch Lotterien bis hin zur Erörterung von Arbeitsplatzproblemen, die bereits damals die fortschreitende Ersetzung der Handarbeit durch Maschinen aufwarf. Er machte Vorschläge zur Einrichtung eines zentralen Reichsarchivs, und zum Abschluß eines Reichskonkordates zur Wahl der Bischöfe, aber auch solche praktischer Art, etwa zur Beleuchtung der Stadt Wien mit Rübsamenöl und zur Seidenraupenzucht als Finanzquelle für die Berliner Akademie In Italien stellte er 1689 unterwegs aus dem Gedächtnis eine umfassende Liste der zur Einrichtung einer Universalbibliothek benötigten Bücher zusammen. Er entwarf Fragebögen für die Missionare in China und später für Peter den Großen zur Erkundung fremder Sprachen und Kulturen, begriff als erster 1690 den Zusammenhang von Luftdruck und Wetter, entwarf auch 1702 das erste Aneroid-Barometer und sammelte Daten für ein magnetisches Modell der Erdkugel mit Eintragung der Abweichungen der Magnetnadel zur Bestimmung der Breitengrade auf See. Hier kann nur einiges genannt werden. Der Tag war ihm, wie er klagte, oft nicht lang genug, das, was ihm beim Aufwachen einfiel, auch nur aufzuschreiben.L. verstand sich als Autodidakt, als ein Vielleser mit Vorliebe für Lektüre, die den eigenen Gedanken genügend Raum läßt, stets mehr darauf bedacht, zu verwerten als zu verwerfen. Er war wohl die vielseitigste Gestalt der deutschen Geistesgeschichte im 17. Jh.; ein Gelehrter, dem nichts Wissenswertes fremd blieb, der aber nicht als Polyhistor das Wissen um des Wissens willen ansammelte, sondern es stets mit der Praxis verbinden wollte. Der Preis dieser Vielseitigkeit war Unruhe, wenn nicht Verzettelung, die ihren Grund in seinem Streben nach Positionen hatte, die ihm angemessene Möglichkeiten zur Verwirklichung seiner großen Pläne einräumten; denn trotz seines Ansehens in der Gelehrtenwelt blieb er stets in Abhängigkeiten, die ihn zur Rücksichtnahme, wenn nicht gar zur Untätigkeit zwangen, aus Angst, etwas zur Unzeit angegangen zu haben.Dennoch hat L. entscheidend in die Neuzeit hineingewirkt und hätte, wäre er nicht so sehr seiner Zeit voraus gewesen, das noch stärker tun können. Die wesentlichen Grundlagen der Computertechnik beispielsweise, so die Rechenmaschine – sogar die dyadische –, die Dyadik selbst, der infinitesimale und der logische Kalkül (Schaltalgebra), die Kombinatorik und die Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Umgang mit Näherungswerten und nicht zuletzt die Charakteristik und Begriffsanalyse sind von ihm entdeckt oder entscheidend weiterentwickelt worden. Was L. zur Analyse der Sätze erfand, braucht man heute, um sie zu verschlüsseln (Gödelisierung). Bei aller Modernität vertrat L. noch – derartig umfassend wohl als Letzter – die Ideale der Scholastik, wenn er den Versuch machte, den Glauben, die Theologie in den Mittelpunkt zu stellen –, selbst die Mathematik will er nur um ihretwegen betrieben haben – einen Versuch, alles Wissen, alle Betätigung letztlich auf das Ziel der ewigen Glückseligkeit auszurichten. Wenn er auch das irdische Wohl darüber nicht geringschätzte, so sah er den Menschen doch stets als homo viator (Hochstetter), und er hat unermüdlich versucht, dieses Bewußtsein in seiner Zeit wach zu halten.L. verbreitete seine Gedanken mehr durch eine umfangreiche Korrespondenz – sie umfaßt über 15 000 Briefe an und von mehr als 1 000 über ganz Europa bis hin nach China verteilten Adressaten – als durch die gut 300 Schriften, die er oder seine Zeitgenossen größtenteils in Form von Aufsätzen und Rezensionen herausgaben. Diese vergleichsweise wenigen Publikationen machen nur einen Bruchteil dessen aus, was L., zumeist als Fragment, in die Schubladen verbannte. So wurde sein Werk zum größten Teil erst postum in einem immer wieder abgebrochenen und bis heute nicht abgeschlossenen Prozeß im Druck zugänglich gemacht, obgleich sein Nachlaß, der heute in der Niedersächs. Landesbibliothek in Hannover liegt, vorzügliche Aufschlüsse geben kann über die Werkstattarbeit eines großen Geistes. „Wenn es nach mir ginge“, hat →Lessing gesagt, „müßte L. nicht eine Zeile vergebens geschrieben haben“. Dennoch liegt eine Gesamtausgabe seiner Schriften und Briefe bis heute nicht vor. Ansätze dazu unternahmen →G. H. Pertz zusammen mit →C. L. Grotefend u. →C. I. Gerhardt (12 Bde., 1843–63, davon 4 Geschichte, 1 Philosophie u. 7 Mathematik), →O. Klopp (11 Bde., 1864–84, Hist.-polit. u. staatswiss. Schriften) und →A. Foucher de Careil (7 Bde., 1859–75). →L. Dutens faßte in seiner Ausgabe (Opera omnia, 6 Bde., 1768) das damals bereits Gedruckte, wenn auch nicht vollständig, so doch angereichert durch einige Briefwechsel aus den Originalen systematisch geordnet zusammen. Auch →J. E. Erdmann (Opera philosophica omnia, 1 Bd., 1840) erfüllte, trotz der Aufnahme von Inedita, diesen Anspruch bei weitem nicht. Erheblich darüber hinaus ging erst →C. I. Gerhardt (Die phil. Schriften, 7 Bde., 1875–90). Hinzu kamen vor allem →L. Couturat (Opusc. et fragm. inédits, 1903) und G. Grua (Textes inédits, 2 Bde., 1948), deren Schwerpunkte in der Logik bzw. in der Theologie und Jurisprudenz liegen. Die erste vollständige historisch-kritische Ausgabe ist die der Preuß. Akademie der Wissenschaften, heute Akademie der Wissenschaften der DDR, die von ihrer Arbeitsstelle in Berlin (Ost) zusammen mit dem Leibniz-Archiv der Niedersächs. Landesbibliothek Hannover und der Leibniz-Forschungsstelle der Univ. Münster, beide neuerdings unter Aufsicht der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, bearbeitet wird („Sämtliche Schriften und Briefe“, 1923 ff., bisher erschienen 19 Bde. in 7 Reihen, etwa ein Viertel des Gesamtumfangs). Die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft e. V. fördert mit internationalen Kongressen und Symposien und mit den „Studia Leibnitiana nebst „Supplementa“ die Erforschung seines Werks und seiner Wirkung.
3. Louise Henriette von Oranien-Nassau
Louise Henriette von Oranien-Nassau war die erste Frau des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688, Regierungszeit 1640-1688). Sie zeichnete sich durch Frömmigkeit und Wohltätigkeit aus. Auch wirkte sie als Kulturmittlerin zwischen den Niederlanden und Brandenburg-Preußen. In ihrem von Reisen geprägten Leben machte sie auch für einige Jahre im Herzogtum Kleve Station, das zu Brandenburg-Preußen gehörte.
Geboren wurde sie am 7.12.1627 in Den Haag als Tochter des niederländischen Generalstatthalters Friedrich Heinrich von Oranien-Nassau (1584-1647) und seiner Gattin Amalia zu Solms-Braunfels (1602-1675). Louise Henriette war nach ihrem Bruder Wilhelm II. (1626-1650) das zweite Kind der Statthalterfamilie. Ihre Schwestern Albertine Agnes (1634-1696), Henriette Katharina (1637-1708) und Maria (1642-1688) erreichten als einzige der sieben weiteren Geschwister das Erwachsenenalter. Louise Henriette wurde in einer Phase geboren, in der die Oranier-Dynastie auf eine enge Verflechtung mit deutschen Fürstentümern setzte. So wurden alle vier Töchter mit deutschen Fürsten verheiratet. Das Haus Oranien-Nassau, welches seit dem späteren 16. Jahrhundert einen Bedeutungs- und Machtzuwachs erlebt hatte, wollte seinen Einfluss weiter steigern und betrieb daher eine offensive Heiratspolitik. Dabei erwies sich Amalia zu Solms-Braunfels in den Heiratsverhandlungen ihrer Kinder als geschickte Diplomatin.
Auch bei der Verheiratung von Louise Henriette verfolgte Amalia ambitionierte Ziele. Zunächst war keine Verbindung mit den Hohenzollern angestrebt worden, sondern der Heirat Louise Henriettes mit dem jungen Kurfürsten Friedrich Wilhelm gingen gescheiterte Versuche voraus, sie hochrangig zu verheiraten. Ihre erste Verlobung mit Heinrich Casimir I. von Nassau-Diez (1612-1640) wurde geschlossen, als Louise Henriette 13 Jahre alt war. Heinrich fiel jedoch 1640 in der Schlacht bei Hulst, und Louise Henriette machte sich Hoffnungen, den französischen Prinzen Henri Charles de La Trémoille (1620-1672) zu ehelichen, in den sie sich verliebt hatte. Das wurde ihr jedoch von ihrer Mutter deutlich untersagt. Auch Verhandlungen, Louise Henriette mit dem englischen Thronfolger Charles II. (1630-1685) zu verheiraten, schlugen fehl, da eine solche Verbindung eine dauerhafte Verpflichtung der Oranier gegenüber England bedeutet hätte, wovor diese jedoch zurückschreckten. Die langen Verhandlungen mit England verliefen schließlich im Sande, wohingegen sich die verhandelnden Parteien schnell einigen konnten, als es um die Eheschließung zwischen dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und der jungen Oranierin ging. Bereits im September 1646 – man verhandelte erst seit rund zwei Monaten − wurde die anstehende Hochzeit bekannt gegeben. Nicht nur die englischen Verhandlungsteilnehmer waren über diese Wendung wenig erfreut, auch Louise Henriette soll der Verbindung wenig glücklich entgegengesehen haben.
Die Hochzeit zwischen Louise Henriette und dem Kurfürsten fand am 7.12.1646 statt, vorgezogen wegen der ernsthaften Erkrankung des Vaters der Braut. Louise Henriette blieb bis zum Ableben des Vaters am 14.3.1647 in Den Haag. Anschließend zog das junge Paar nicht direkt nach Berlin, sondern nach Kleve und residierte dort bis 1650.
Der Aufenthalt in Kleve hatte politische Gründe, die die Präsenz des Kurfürstenpaares in ihrem rheinischen Territorium erforderten. Zum einen liefen Bündnisverhandlungen mit der Republik der Vereinigten Niederlande. Der Kurfürst erhoffte sich durch ein Bündnis mit den Generalstaaten eine bessere Verhandlungsposition beim Westfälischen Friedenskongress, um seine Ansprüche auf Pommern gelten zu machen. Zum anderen musste auch das Verhältnis zwischen den klevisch-märkischen Ständen und dem brandenburgischen Landesherrn ausgelotet werden. Nach dessen Klärung durch einen Landtagsabschied vom 9.10.1648 brach der Kurfürst nach Berlin auf. Louise Henriette folgte ihm kurze Zeit später mit dem im Mai des Jahres geborenen Thronfolger Wilhelm Heinrich. Auf dem Weg nach Berlin erfuhr Louise Henriette jedoch einen schweren Schicksalsschlag: Der einjährige Wilhelm Heinrich starb am 24.10.1648 in Wesel nach einer kurzen Krankheit. Louise Henriette reiste zurück nach Den Haag, um bei ihrer Mutter Trost zu finden. Erst 1650 zog die Kurfürstin in das renovierte Schloss in Cölln an der Spree.
Louise Henriettes Leben war von Umbrüchen und vielen Reisen geprägt. Die Eheschließung mit Friedrich Wilhelm entwickelte sich für die Oranierin zu einer glücklichen Partnerschaft. Die Kurfürstin war Zeit ihres Lebens eine wichtige Beraterin und Stütze ihres Mannes und verbrachte viel Zeit damit, ihn auf seinen Reisen zu begleiten. Sie folgte Friedrich Wilhelm sogar bis zu den Kriegsschauplätzen des Nordischen Krieges (1655-1660).
In der Forschung wurde lange die politische Rolle und beratende Funktion Louise Henriettes unterschätzt. So ist ihre Leitungsfunktion am kurfürstlichen Hof in der herrscherlichen Repräsentation und höfischen Kommunikation als besonders erfolgreich hervorzuheben. Otto von Schwerin (1616-1679), später Oberpräsident der kurfürstlichen Regierung, war beispielsweise zuerst als Hofmeister für Louise tätig. Der Briefwechsel mit Schwerin bietet den wichtigsten Quellenbestand über den kurbrandenburgischen Hof in dieser Zeit und die Ansichten der Kurfürstin. In ihren Briefen berichtet sie über ihre Bauvorhaben für das Amt Bützow und die Gestaltung des Schlosses Oranienburg, welches ihr der Kurfürst 1650 geschenkt hatte, aber auch über die Liebe zum Kurfürsten und zu ihren Kindern sowie ihren großen Wunsch, möglichst viel Zeit mit der Familie verbringen zu dürfen und ihre Kinder aufwachsen zu sehen.
Louise Henriette gebar Friedrich Wilhelm sechs Kinder, von denen drei das Kindesalter überlebten. Nach dem Tod des ersten Sohnes und einer folgenden Fehlgeburt blieb die Thronfolge für kurze Zeit, bis zur Geburt Karl Emils (1655-1674) und endgültigen Absicherung der Nachfolge mit der Geburt Friedrichs (1657-1713, Regierungszeit 1688-1713), offen. Die Kurfürstin tat sich als liebende Mutter hervor, und besonders der spätere erste preußische König, Friedrich I., schätzte seine Mutter sehr. So berichtet bereits der Erzieher der Prinzen, Otto von Schwerin, von der engen Bindung zwischen Mutter und Sohn. Friedrich unterstrich diese besondere Beziehung lange nach dem Tod seiner Mutter nachhaltig dadurch, dass er das Schloss Oranienburg zum Gedenken an die Mutter neu herrichten ließ.
Louise Henriettes Verbindung zu ihrer niederländischen Heimat und zum Niederrhein war eine Konstante in ihrem Leben. So trieb sie den Kulturtransfer zwischen Brandenburg-Preußen und den Niederlanden maßgeblich voran. Sie ließ ab 1651 das Schloss Oranienburg in Namen und Stil zum Andenken an ihre oranische Herkunft errichten. So erhielt das Schloss 1663 das für die Niederlande zeitgenössisch typische Porzellankabinett, welches das erste seiner Art in Brandenburg war. Auch in den Bereichen Gartenbau, Landwirtschaft, Architektur und Kunstpolitik nutzte Louise Henriette die Verflechtungen ihrer Dynastie und bereicherte die Heimat ihres Ehemannes entscheidend. Der von ihr angeregte Austausch war sowohl nachhaltig als auch hochwertig, wie sich an den Veränderungen und Innovationen beispielsweise des Amtes Bötzow und den von Louise Henriette nach niederländischem Vorbild initiierten landwirtschaftlichen Neuerungen zeigt.
Über ihre Vermittlertätigkeit hinaus konzentrierte Louise Henriette sich vor allen Dingen auf ihr religiöses Leben. Sie war eine fromme reformierte Christin. Wie auch in den Niederlanden und anderen reformierten Gebieten üblich, stiftete Louise Henriette ein Waisenhaus in Oranienburg, das 1665 im Wesentlichen fertiggestellt war. Sie setzte sich auch für die Rechte der Reformierten in den brandenburgischen Territorien ein. Dies hängt unter anderem mit der Prädestinationslehre des reformierten Glaubens und den daraus resultierenden Ansprüchen an das irdische Leben der Gläubigen zusammen. Nicht zu bestätigten ist jedoch die lange gehegte Vermutung, Louise Henriette sei die Autorin einiger calvinistischer Kirchenlieder gewesen.
Louise Henriette folgte ihrem Mann 1665 ein weiteres Mal in das Rheinland, abermals hatte der Aufenthalt des Kurfürstenpaares politische Gründe. Die geographische Lage der Besitzungen und die militärischen Kapazitäten des Kurfürsten waren für den Niederländisch-Englischen Seekrieg (1665-1667) mit Beteiligung des Fürstbistums Münster auf der Seite Englands von Bedeutung. Die jeweiligen Konfliktparteien versuchten in Kleve, den Kurfürsten für ihre Seite zu gewinnen. Doch dieser führte durch sein vermittelndes Eingreifen den Frieden herbei, der am 18.4.1666 in Kleve geschlossen wurde. Während der Verhandlungszeit in der niederrheinischen Residenzstadt war Louise Henriette vor allem in das repräsentative und kommunikative Geschehen mit ausländischen Gesandtschaften eingebunden, welche zu den Bündnis- und Friedensverhandlungen aus ganz Europa in das Rheinland gekommen waren.
Louise Henriettes Wunsch, ihre Kinder weiter aufwachsen zu sehen, ging nicht in Erfüllung. Tief betrauert von ihrem Gatten, ihren Kindern und dem Hofstaat, starb sie am 18.6.1667 in (Berlin-)Cölln im Alter von nur 39 Jahren an Schwindsucht (Tuberkulose). Ihr Grab befindet sich in der Hohenzollern-Gruft im Berliner Dom.
Die Oranierin blieb weit über ihren Tod hinaus nicht nur als Mutter des ersten preußischen Königs im kollektiven Gedächtnis lebendig. Besonders in Stadt und Schloss Oranienburg, wo auf dem Schlossvorplatz seit 1858 ihr lebensgroßes Standbild, geschaffen von Wilhelm Wolff (1816-1887), steht, wird die Erinnerung an ihre Gründerin und „Namenspatronin“ intensiv gepflegt. Im niederrheinischen Moers, das 1701/1702 aus ihrem Erbe an Preußen fiel, ist Louise Henriette seit 1904 durch ihre markant vor dem Schloss errichtete Statue – ein Werk des Bildhauers Heinrich Baucke (1875-1915) – präsent. Louise Henriette ist allerdings nie in Stadt und Grafschaft Moers gewesen.
Seit der Jahrtausendwende rückte die Kurfürstin auch als eigenständige Person in das Blickfeld der interessierten Öffentlichkeit und gewann im Rahmen der Gender- und Frauenforschung wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Die Oranierin blieb zeit ihres Lebens stets mit ihren niederländischen Wurzeln verknüpft; es gelang ihr durch eben diese Verbindung, die sich nicht zuletzt auch auf den niederrheinischen Raum erstreckte, nachhaltig emotionalen und politischen Einfluss auf ihren Ehemann zu nehmen.
4. Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich
Als M. 1717 geboren wurde, war noch nicht vorauszusehen, daß sie einmal Erbin der Monarchie des Hauses Österreich werden würde. Daher ist sie keineswegs zur künftigen Herrscherin erzogen worden. Bemerkenswert ist, daß sie und ihre Schwester →Maria Anna – der Unterricht erfolgte wegen des geringen Altersunterschieds gemeinsam – in Mathematik von dem bedeutenden Geometer und Astronomen →Joh. Jakob Marinoni, in Geschichte und Latein von dem gelehrten Reichs- und Hofhistoriographen →Gottfried Wilhelm Spannagl unterrichtet wurden. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die erhaltenen Unterrichtshefte eine stark „ghibellinische“, antikuriale Tendenz zeigen. Außer Latein und Deutsch – das M. zeitlebens mit starker wienerischer Färbung sprach und schrieb – lernten die Prinzessinen Spanisch, Italienisch und Französisch. Großer Wert wurde am Wiener Hof auf die Musik gelegt. Die Texte der Opern und Arien, aber auch der von den Erzherzoginnen wie dann von den Kindern M.s bei Festen, Namens- und Geburtstagen der Eltern vorzutragenden Gedichte lieferte der „Poeta Cesareo“ →Pietro Metastasio, der angesehenste ital. Dichter seiner Zeit, der insgesamt 52 Jahre, darunter die gesamte Regierungszeit M.s, in Wien lebte. Im Sommer 1735 wurde sein Werk „Le grazie vendicate“ von M., →Maria Anna und der Erzieherin der Erzherzoginnen, der von M. „Mami“ oder „Fuchsin“ genannten Karoline Gfn. Fuchs (die M. als einzige nicht zur kaiserl. Familie gehörende Person in der Kaisergruft beisetzen ließ), aufgeführt. Bei ihrer eigenen großen Kinderschar hat M. dann diese Tradition fortgeführt und darauf bestanden, daß die Söhne alle mindestens Violine und Klavier, die Töchter Klavier und Gesang lernten. Für das Spiel entwickelte M. als junge Frau eine starke Leidenschaft, verbrachte viele Abend- und Nachtstunden am Spieltisch und verspielte gelegentlich auch höhere Geldsummen.
Am 19.4.1713, schon vier Jahre vor M.s Geburt, hatte →Karl VI. das Hausgesetz der „Pragmatischen Sanktion“ erlassen, durch das für immer „indivisibiliter ac inseparabiliter“ die Vereinigung aller Länder und Herrschaften des Hauses Österreich konstituiert wurde. Die Töchter →Karls VI. gingen demnach in der Erbfolge denen des Bruders Kaiser →Joseph I. vor. Dadurch erhielt die Frage der Vermählung der künftigen Erbin der österr. Monarchie eine entscheidende Bedeutung für die europ. Politik. Während einer Annäherung der Höfe Wien und Madrid wurde zunächst die Eheschließung mit dem zweiten Sohn →Philipps V. von Spanien, dem späteren Kg. →Karl III. von Spanien, in Erwägung gezogen. Gegen eine Verbindung mit dem dadurch übermächtig werdenden Haus Bourbon wandten sich die „Seemächte“ Großbritannien und die niederländ. Generalstaaten, denen gegenüber sich →Karl VI. gegen die Anerkennung der „Pragmatischen Sanktion“ 1730 verpflichtete, die Hand seiner erstgeborenen Tochter nur einem Prinzen von geringerer Macht zu geben. Damit stiegen die Aussichten eines anderen Prätendenten, der zudem bereits das Herz M.s und als Jagdgefährte die Sympathie ihres Vaters errungen hatte: →Franz Stephan, Sohn und Erbe des Herzogs →Leopold von Lothringen. Allerdings mußte nach dem für Österreich unglücklichen Ausgang des „Poln. Thronfolgekriegs“ (1733-35) und gemäß den Bestimmungen des diesen Krieg beendigenden Wiener Präliminarfriedens der junge Herzog von Lothringen, gleichsam als Gegenleistung für die Hand der Erbin der österr. Monarchie, auf sein eigenes Stammland verzichten und sich mit dem Versprechen der Großmächte begnügen, daß er als Ersatz nach dem Tod des letzten Medici (→Gian Gastone) das Großherzogtum Toskana erhalten würde. Am 7.7.1737 starb →Gian Gastone. →Franz Stephan weilte nur ein einziges Mal und nur für etwas mehr als drei Monate – vom 19.1. bis zum 28.4.1739 – mit M. in der Toskana.
Der unerwartete Tod →Karls VI. am 20.10.1740 machte seine erst 23jährige älteste Tochter zur Erbin der Monarchie und stürzte sie in einen Kampf auf Leben und Tod um die Erhaltung ihres Erbes gegen eine übermächtig erscheinende Koalition ihrer Gegner Preußen, Bayern, Sachsen, Frankreich und Spanien. In diesem acht Jahre – mit zwei Sonderfriedensschlüssen mit Preußen – währenden Österr. Erbfolgekrieg hat die junge „Königin von Ungarn“ eine ganz Europa in Staunen versetzende Energie und Standhaftigkeit bewiesen und ihr väterliches Erbe bewahrt – mit Ausnahme von Schlesien, das sie an ihren großen Gegenspieler Kg. →Friedrich II. von Preußen abtreten mußte. Außerdem erreichte sie das ihr so wichtige Ziel, daß ihr Gemahl nach dem Tod des wittelsbach. Schattenkaisers →Karl VII. mit den Stimmen der Mehrheit der Kurfürsten gewählt und am 4.10.1745 als →Franz I. zum Kaiser des Hl.Röm. Reiches gekrönt wurde. Man hat diese Erfolge in der österr. Geschichtsschreibung zu einer Art Gegenstück zum „friderizianischen Mythos“ aufgebaut und dabei vielfach übersehen, daß auch für die junge M. die Politik schon die Kunst des Möglichen war: Dreimal war sie während des Österr. Erbfolgekriegs – gewiß gedrängt von ihren brit. Verbündeten – zu einem Sonder-Arrangement mit ihrem gefährlichsten Gegner, dem Preußenkönig, bereit – in der Konvention von Klein-Schnellendorf (9.10.1741), im Frieden von Breslau (11.6.1742) und Berlin (28.7.1742), der den „Ersten Schles. Krieg“ beendete, und schließlich – nun endgültig für diesen Krieg – im Dresdener Frieden vom 25.12.1745, während der Erbfolgekrieg gegen Frankreich und dessen Verbündete noch fast drei Jahre in Italien und den Niederlanden fortdauerte (bis zum Frieden von Aachen vom 18.10.1748).
Schon nach dem Dresdener Frieden, bis zu dem M., wie sie selbst im Rückblick schrieb, „herzhaft agieret, alles hazardieret und alle Kräfte angespannt“ hatte, wandte sie ihre „Gedenkensart … allein auf das Innerliche deren Länder“. Damit begann, nach einigen schon vorher unter dem Druck der zwingenden Not durchgeführten, vor allem das Heerwesen betreffenden Reformen, das große Werk der „Theresianischen Staatsreform“. Ihr entscheidender Helfer war dabei →Friedrich Wilhelm Gf. Haugwitz, eine Entdeckung ihres Gemahls, der überhaupt in der Auswahl ihrer und seiner Mitarbeiter – vielleicht, weil er selbst wenig Ehrgeiz und Arbeitseifer besaß – eine besonders glückliche Hand hatte. Der Anteil, den →Franz Stephan selbst an dem Zustandekommen und der Durchsetzung der großen Staatsreform hatte, ist bei dem innigen Einvernehmen der Ehegatten und dem bewußten Zurücktreten des Kaisers gegenüber seiner Gemahlin in allen ihre Erbländer betreffenden Angelegenheiten sehr schwer abzuschätzen, dürfte aber vermutlich größer gewesen sein, als man gemeinhin annimmt. Die Staatskanzlei wurde verselbständigt, der Reichshofrat gestrafft, eine umfassende Neuordnung der allgemeinen Besteuerung angebahnt. Durch die Reform des Staatsapparats wurde in den Erblanden das landständische Element zurückgedrängt; Mittel- und Kreisinstanzen wurden geschaffen, das Justizwesen wurde reformiert, die Erstellung eines allgemeinen Katasters diente einer effektiveren Wirtschafts- und Finanzpolitik. Um die Heeresreform machten sich besonders →Leopold v. Daun, →Karl v. Lothringen und →Joseph Wenzel v.Liechtenstein verdient.
M.s religiöse Überzeugungen und ihre Kirchenpolitik waren hauptsächlich bestimmt von einem starken Gottvertrauen, wurzelnd in Tradition und Praxis des österr. „Barockkatholizismus“ in der durch die Gegenreformation erfolgten Prägung. Daneben wirkten bei der Tochter einer ev. Konvertitin die seit dem Span. Erbfolgekrieg am Wiener Hof verstärkten antikurialen Tendenzen, „reformkatholische“ Strömungen im Sinne →Muratoris und der kath. Aufklärung (die ihr durch ihren Gemahl, durch ihren Leibarzt, den „christlichen Philosophen“ →Gerard van Swieten, und durch →Kaunitz vermittelt wurden), merkantilistische und utilitaristische Überlegungen (Einschränkung der Zahl der Feiertage, der Wallfahrten und des kirchlichen Prunks, Pläne der Heranziehung des reichen Klostervermögens zur Einrichtung neuer Pfarren usw.), schließlich, besonders nach dem Tod ihres Gemahls, der Einfluß ihres geistlichen Gewissensrates Propst →Ignaz Müller, des „jansenistischen Sauertopfs“ (→J. B. Alxinger). Der mit den Jahren zunehmende jansenistische Rigorismus kam etwa in der Forderung an ihre Kinder zum Ausdruck, in ihren Residenzen keine Darstellungen von „Nuditäten“ zu dulden, in der Schaffung einer „Keuschheitskommission“ und der unerbittlichen Strenge gegenüber wirklicher oder angeblicher „Unsittlichkeit“. Ihre schweren Herzens aus Rücksicht auf die Familienbande mit den bourbon. Höfen gegebene Zustimmung zur Aufhebung des Jesuitenordens offenbart ihre Gewissensqualen in einer sich ändernden Welt ebenso wie dann am Ende ihres Lebens ihre beharrliche Weigerung, in den böhm.-österr. Erblanden den Nicht-Katholiken bürgerliche Toleranz zu gewähren, was den letzten schweren Konflikt mit ihrem Sohn und Mitregenten →Joseph verursachte.
Standhaftigkeit und Zähigkeit hat M. auch in ihrem Festhalten an dem von ihrem Staatskanzler →Wenzel Anton Graf (später Fürst) Kaunitz-Rietberg aufgebauten neuen System des Wechsels der Allianzen, der „diplomatischen Revolution“ des Jahrhunderts, des gegen Preußen gerichteten Bündnisses mit Frankreich und Rußland (1757), bewiesen. Allerdings brachte diese Politik im Siebenjährigen Krieg (1756–63) trotz aller Opfer und Anstrengungen dann doch nicht die ersehnte Rückgewinnung Schlesiens und eine Zurückdrängung des verhaßten Preußenkönigs auf den Rang eines „Markgrafen von Brandenburg“. Doch hat die im Sinne des Rationalismus des Aufklärungszeitalters von →Kaunitz meisterhaft gehandhabte Außenpolitik das seit dem letzten unglücklichen Regierungsjahrzehnt →Karls VI. tief gesunkene Ansehen Österreichs im europ. Staatensystem wieder auf jene Höhe gehoben, die es nach den glänzenden militärischen und staatsmännischen Erfolgen des Prinzen Eugen von Savoyen eingenommen hatte, wie M. überhaupt als die konsequente Fortsetzerin jener Politik der staatlichen Festigung und inneren Konsolidierung gelten kann, die Prinzen →Eugen eingeleitet und deren Weiterführung er empfohlen hatte.
Ein Vergleich der staatlichen Entwicklung in Österreich und in Preußen läßt die Unterschiede wie die Parallelen erkennen, wobei die Parallelen in den geschichtlichen und sozialen Voraussetzungen in beiden Staatswesen immer deutlicher erkennbar werden. Sie legt aber auch den Blick frei für die anderen Elemente und Einflüsse, die das theresianische Österreich und seine Kultur geformt haben, so vor allem jene aus Lothringen. Frankreich und Italien, die man früher im Zeichen der einseitigen Fixierung auf den preuß.-österr. Gegensatz wohl zu gering bewertet hat. Unstrittig ist, welche Rolle das preuß.Beispiel bei der großen theresianischen Behörden- und Staatsreform gespielt hat, zumal →Friedrich aus dem vom Krieg heimgesuchten eroberten Schlesien mit dem von seinem Vater ererbten Verwaltungssystem weit mehr an Steuern herausholte, als bisher die schwerfällige ständische Verwaltung. Diese Feststellung schmälert weder das Verdienst des Grafen →Haugwitz, der das preuß. Vorbild durchaus schöpferisch und eigenständig auf die viel komplizierteren österr. Verhältnisse übertrug, noch die Bedeutung der großen theresianischen Staatsreform. Zuerst erprobte →Haugwitz das neue Verwaltungs- und Steuersystem in dem österr. gebliebenen Teil Schlesiens und führte es dann 1747 in Krain und Kärnten ein. Unter Verwendung der dabei gemachten Erfahrungen wurde das neue System dann im Laufe des Jahres 1748|ausgearbeitet, von Haugwitz in Verhandlungen mit den Ständen der einzelnen Länder durchgesetzt und im folgenden Jahr mit dem Handschreiben vom 2.5.1749 in den deutschen Erbländern, also in dem zum Hl. Röm. Reich gehörigen Teil der österr. Monarchie eingeführt.
Die Bedeutung dieser theresianischen Staatsreform von 1749 ist auch dadurch nicht geschmälert worden, daß in der großen Krise des Siebenjährigen Krieges das zu einer Art „Superministerium“ übermäßig angeschwollene „Directorium in publicis et cameralibus“ (das Gegenstück zum preuß.„Generaldirektorium“), das mit Ausnahme von Justiz, Außenpolitik und Heerwesen für alle Gebiete des öffentlichen Lebens zuständig war, also die Funktionen eines Innen-, Finanz-, Wirtschafts-, Unterrichts-, Bauten- und Gesundheitsministeriums erfüllte, wieder in die Böhm.-Österr. Hofkanzlei als oberste Verwaltungsbehörde und die Hofkammer als oberste Finanzbehörde geteilt wurde und im „Staatsrat“ eine neue, zur Beratung und Entlastung des Herrschers bestimmte Ratsbehörde entstand. Die beiden entscheidenden Neuerungen der großen Staatsreform, die Verschmelzung der böhm.-österr.Ländergruppe zu einem zentralistisch-bürokratischen Einheitsstaat und die Ausschaltung der Landstände aus der politischen wie aus der Finanzverwaltung, blieben erhalten. Auf diesem für das Staatsleben zentralen Gebiet ebenso wie auf vielen anderen sind unter M. Grundlagen geschaffen worden, die für Österreich bis zum Zerfall der Monarchie – ja in mancher Hinsicht noch darüber hinaus in allen „Nachfolgestaaten“ bis zur Gegenwart – maßgeblich geblieben sind. Denn mit welchem Lebensgebiet auch immer man sich in der neueren Geschichte Österreichs beschäftigt – mit der Verwaltung, der Finanz- und der Wirtschaftspolitik, dem Schul- und dem Heerwesen, der Rechtspflege und dem Gesundheitswesen –, immer kommt man zu dem Ergebnis, daß die entscheidenden Reformen und Einrichtungen auf die Regierungszeit der großen Herrscherin zurückgehen.
Um so bemerkenswerter ist es, daß M. neben dieser gewaltigen, gegen die Beharrungskraft und Widerstände jahrhundertealter Traditionen und geheiligter Privilegien durchgeführten Reformarbeit, neben dem Kampf um die Erhaltung ihres Erbes und den Sorgen um den Lauf der europ. Politik noch Zeit fand, ihrem Gatten eine vorbildliche liebende Gemahlin zu sein, sechzehn Kinder zur Welt zu bringen und sich auch noch um deren Erziehung zu kümmern. Drei von ihnen – →Joseph II., →Leopold II. und →Maximilian Franz, der letzte Kurfürst von Köln – wurden hervorragende, vielfach ihrer Zeit vorauseilende Herrscher. Aber auch von ihren Töchtern haben sich zumindest zwei – die energische Königin von Neapel-Sizilien, →Maria Karolina, sowie ihre Lieblingstochter →Marie Christine als Generalstatthalterin der Österr. Niederlande – durchaus bewährt, und selbst die unglückliche →Marie Antoinette hat vor ihrem Tod unter der Guillotine gezeigt, daß sie in Haltung und Tapferkeit eine würdige Tochter der großen Kaiserin war. Gewiß war die schon in so jungen Jahren zum Tragen schwerer Verantwortung berufene M. gewohnt, zu herrschen und zu befehlen. Mit zunehmendem Alter und nach dem Tod ihres Gemahls wurde sie bis zu einem gewissen Grad auch herrschsüchtig. Den gewinnenden Eindruck, den sie 1745 bei der Kaiserkrönung ihres Gemahls gemacht hat, schildert →Goethe nach Augenzeugenberichten der älteren Generation in „Dichtung und Wahrheit“, und neben den zahlreichen Anekdoten enthüllen M.s Briefe, voran jene an ihre an fremde Höfe verheirateten Töchter, eine solche Unmittelbarkeit, Herzlichkeit und Klarheit und einen so natürlichen, praktischen Hausverstand, daß man eine Ahnung bekommt von dem Zauber, der zeitlebens von dieser Frau ausging. Allerdings darf man sich von den vielen Zeugnissen für das glückliche, fast bürgerliche Familienleben des Kaiserpaares, von den reizenden Brautbriefen der jungen Erzherzogin an den mit Koseworten überhäuften Bräutigam nicht den Blick verstellen lassen für M.s starkes, religiös verankertes Pflichtbewußtsein. Sie hat nicht nur während des Frühstücks Akten erledigt, sondern sie ist auch, besonders in den letzten Lebensjahren, oft mitten in der Nacht aufgestanden und hat sich an ihren Schreibtisch zur Arbeit gesetzt, als genügte der randvoll ausgefüllte Arbeitstag nicht, um ihr Gewissen, ihr Pflichtgefühl und Verantwortungsbewußtsein gegenüber Gott und ihren Untertanen zu beruhigen, und in ihren Briefen und Schriften findet sich manche überraschende Klage über die eigene Unzulänglichkeit, über Fehler und Versäumnisse und ganz allgemein über „die unglückliche Zeit meiner Herrschaft“. Sie hat sich das Leben und das Herrschen nicht leicht gemacht und schwer unter der Last ihrer Verantwortung getragen; in ihrem stark ausgeprägten Pflichtbewußtsein war sie ihren Söhnen Vorbild.
Pflichtbewußtsein und Verantwortungsgefühl waren wesentliche Antriebe für ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik, für die Reformen auf dem Gebiet des Justiz-, Sanitäts- und Schulwesens, besonders auch für ihre vielfach zu Unrecht kritisierte Kirchenpolitik, aber etwa auch für den – wenn auch schließlich vergeblichen – Widerstand, mit dem sich ihr Rechtsgefühl und ihre politische Weitsicht dem Drängen ihres Sohnes →Joseph und ihres Staatskanzlers →Kaunitz zur Ersten Teilung Polens 1772 widersetzten. In seelischer Not und Gewissensqual ließ sich die alt und schwach gewordene Frau von ihrem Sohn und ihrem Staatskanzler auch die Zustimmung zu einem vierten Waffengang mit dem Preußenkönig, zum Kampf um das bayer. Erbe 1778/79, abringen und bemühte sich dann, den ohne große Schlachtentscheidung sich hinschleppenden, im Volksmund „Kartoffelkrieg“ oder „Zwetschgenrummel“ genannten Bayer. Erbfolgekrieg sogar dadurch abzukürzen, daß sie hinter dem Rücken ihres bei der Armee in Böhmen weilenden Sohnes mit dem preuß.Gegner in Verbindung trat. Die ständigen Konflikte mit →Joseph, die Selbstvorwürfe und Gewissenszweifel haben – zusammen mit den zunehmenden Altersbeschwerden – im letzten Lebensabschnitt auch die in ihrer Jugend so bewundernswerte Energie und Entschlußfreudigkeit beeinträchtigt, obwohl die herrschgewohnte „Kaiserin-Wittib“ ihre oftmals geäußerte Absicht, →Joseph die Alleinherrschaft zu überlassen und sich nach Tirol zurückzuziehen, bis zuletzt nicht verwirklicht hat.
5. Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel
Biografie:
Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel wirkt als Regentin, Mäzenin und Komponistin. Die kunstliebende Musikerin wird durch ihre Heirat mit Ernst August II. Konstantin Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach zur Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach.
Anna Amalia wird am 24. Oktober 1739 in Wolfenbüttel geboren. In ihrer Kindheit bekommt Anna Amalia schon früh Instrumentalunterricht und lernt Cembalo, Klavier, Flöte, Gitarre und Harfe. Ihre Biographie ist in drei große Abschnitte zu unterteilen, in denen sie Einfluss auf das intellektuelle Leben ihres Landes nimmt: als Regentin (1759-1775), als Begründerin des Weimarer »Musenhofes« (bis zur italienischen Reise 1788) und später als Erhalterin ihres Lebenswerkes.
Während ihrer Regentschaft finden neben den repräsentativen öffentlichen Konzerten am Hof auch private Musikabende im kleinen Kreis statt. Zwar gibt es Einschränkungen durch finanzielle Sparmaßnahmen, beispielsweise die Verkleinerung der Hofkapelle, jedoch ist Musik immer Bestandteil am Hof in Weimar. Nach dem ihr Sohn Carl August 1775 die Regentschaft des Herzogtums übernimmt, kann sich Anna Amalia ihren privaten Interessen widmen. So versammelt sie in dieser Zeit einen Kreis aus Künstlern, Schriftstellern und Gelehrten verschiedener Bereiche der Kunst und Wissenschaft um sich, mit denen sie sich regelmäßig zum Austausch trifft. Obwohl sie zwar nicht beteiligt ist an der Berufung von Schiller, Goethe und Herder nach Weimar, ist die kulturelle und musikalische Blütezeit Weimars im späten 18. Jahrhundert auf Anna Amalia zurückzuführen.
Neben der Komposition von verschiedenen Instrumental- und Vokalwerken, wobei hier die Vertonung von Goethes »Erwin und Elmire« aus dem Jahr 1776 sowie »Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern« (1778) hervorzuheben sind, widmet sie sich auch theoretischen Schriften über Musik. So sind zwei Abhandlungen Anna Amalias überliefert, zum einen die musiktheoretische Schrift und zum anderen eine musikästhetische Überlegung mit dem Titel »Gedanken über Musik«. Auch ist die Verbreitung der Gitarre im deutschen Raum teilweise auf Anna Amalia zurückzuführen, da diese eine Gitarre aus Italien mitbringt, Kopien vom Gitarrenbauer Johann Jacob Otto anfertigen liest, um sie wiederum anderen Adligen zu überlassen, welche die Gitarre in Dresden, Berlin und Leipzig einführen. Nach 1790 verzichtet Anna Amalia auf öffentliche Auftritte am Hof und tritt lediglich im privaten Kreis auf.
6. Johann Sebastian Bach
B. besuchte die Lateinschule seiner Vaterstadt unter dem Kantor A. Ch. Dedekind. Hier erhielt er traditionsgemäß in der Kantorei und Kurrende - wie an derselben Schule einst →Martin Luther - die erste Unterweisung im Kirchengesang und in den Elementen der Musik. In der väterlichen Stadtpfeiferei erlernte er, wiederum traditionsgemäß, die ersten Griffe der Bläser- und Geigerkunst. Vom →Oheim Johann Christoph B. (s. 2), der Organist an der Georgenkirche und ein namhafter Komponist war, empfing er nachhaltige Eindrücke von Orgel- und Kirchenmusik.
Nach dem frühen Tod der Eltern kam B. nach Ohrdruf zu seinem Bruder Johann Christoph (1671–1721), der eine dreijährige Lehre bei dem hervorragenden fränkischen Meister der Orgel J. Pachelbel (1653–1706) in Erfurt durchgemacht hatte, bevor er 1689 Organist in Erfurt, Arnstadt und Ohrdruf wurde. In der Ohrdrufer Lateinschule wurde B. in der Reihe der älteren „Novitii“ als Primus aufgenommen und trug in der Kantorei und Kurrende, wie schon in Eisenach, zu seinem Lebensunterhalt bei. Der Bruder vermittelte ihm die bedeutende Kunst Pachelbels im Orgel- und Klavierspiel und in der Komposition. Wegen der Enge des Raumes im Hause des Bruders wurde B. durch den Ohrdrufer Kantor E. Herda, einen ehemaligen Schüler der St. Michaelisschule in Lüneburg, an den dortigen Kantor empfohlen. So kam er, zusammen mit seinem Ohrdrufer Mitschüler G. Erdmann aus Leina, 1700 nach Lüneburg als Alumnus des Michaelisklosters¶. In Lüneburg wirkten die beiden Thüringer Meister G. Böhm und J. J. Löwe als Organisten. Eine Reise nach Hamburg brachte B. die hanseatische Orgelmusik und Orgelbaukunst nahe. Der greise Hamburger Orgelmeister J. A. Reinken, dem er vorspielte, bezeugte ihm die Beherrschung der alten niederländischen Orgelkünste. An der Lüneburger Ritterakademie lag der Musikunterricht des jungen Adels in den Händen eines französischen Tanzmeisters, der zugleich Geiger an der Hofkapelle im nahen Celle war. Durch ihn lernte B. die zeitgenössische Instrumental-, Ballett- und Opernkunst Frankreichs kennen. 1703 wurde er an die Privatkapelle Herzog Johann Ernsts von Weimar, im gleichen Jahr als Organist nach Arnstadt verpflichtet. Von hier aus unternahm der Lernbegierige eine Fußreise nach Lübeck zu D. Buxtehude, dem Meister der Orgel von St. Marien. Von Arnstadt kam B. als Organist nach Mühlhausen, von wo er 1708 nach Weimar zurückkehrte, um die Stelle eines Hoforganisten und Kammermusikers zu bekleiden. Es waren die Jahre seiner ersten Meisterschaft mit dem Schwerpunkt des Schaffens in der Orgelmusik neben geistlichen Konzerten (Kirchenkantaten) und einer ausgebreiteten Lehrtätigkeit im Orgelspiel und in der Komposition. Besonders fruchtbar wirkte sich die Zusammenarbeit mit dem Weimarer Stadtorganisten und Komponisten →J. G. Walther (1684–1748) aus, B.s Vetter zweiten Grades - Walthers und B.s Mütter waren Cousinen -, seinem Freund und Altersgenossen, Verfasser des ersten deutschen Musiklexikons (1732) und einer Kompositionslehre. Am Weimarer Hof wurde B., nachdem er eine Berufung zum Organisten der Marktkirche St. Marien in Halle abgelehnt hatte, zum Konzertmeister bestellt.
Im Jahr 1717 ging er als Hofkapellmeister nach Cöthen. Hier fühlte B. sich auf dem Gipfel seines Lebens und Wirkens. Sein Schaffen wendete sich vor allem zur Orchester-, Kammer- und Klaviermusik. Nach höfischem Brauch, Bedürfnis und Auftrag entstanden Ouvertüren, Konzerte und Triosonaten, die das Glück und die Daseinsfreude des jungen Hofkapellmeisters atmen. Die für den Cöthener Hof geschriebenen sechs „Brandenburgische Konzerte“, die zu den verhältnismäßig wenigen erhaltenen Instrumentalkonzerten gehören, widmete B. in einer sorgfältigen|Reinschrift der Partitur 1721 dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg-Ansbach. Im gleichen Jahr verheiratete er sich, nachdem seine erste Frau im Jahr zuvor gestorben war, in zweiter Ehe mit Anna Magdalena Wilcken. Drei Notenbücher, eines für den ältesten Sohn Friedemann (1720), zwei für Anna Magdalena (1722, 1725) zeugen vom Geist der Musikpflege im Hause B.s. In Cöthen entstanden weiterhin Schöpfungen, die er als „Anleitungen“ (zum Nachformen von Werkvorlagen) schrieb, durch die der Lernbegierige „einen starken Vorgeschmack von der Komposition überkommen soll“, indem er angeleitet wird, „anbei auch zugleich gute Inventiones nicht alleine zu bekommen, sondern auch selbige wohl durchzuführen“. Zu diesen Lehrwerken zählen ebenso das „Orgelbüchlein“, die zweistimmigen Inventionen und die dreistimmigen Sinfonien, wie der 1. Teil des „Wohltemperierten Klaviers“ und die Englischen und Französischen Suiten.
Als durch J. Kuhnaus Tod (1722) das Amt des Kantors an der Schule St. Thomae und des Director musices der Stadt Leipzig frei geworden war und vier der in ihrer Zeit angesehensten Hofkapellmeister und Komponisten, G. Ph. Telemann, J. F. Fasch, K. H. Graun, Ch. Graupner, nicht zu gewinnen waren, fiel die Wahl 1723 auf B.. Angesichts des Aufstiegs des höfischen Musikwesens mit seinen freien Entfaltungsmöglichkeiten für den Musiker mußte B. den Wechsel vom Hofkapellmeisteramt zum bürgerlichen Schulkantor als einen sozialen Abstieg empfinden. Und doch sollte im Blick auf den allgemeinen Niedergang des Kantoren- und Organistentums dieser Wechsel zu einer existenziellen Entscheidung für B. und sein Lebenswerk werden, die alle Zeichen einer folgenschweren Wendung der europäischen Musikkultur an sich trägt. Als gar ein Schulmann vom Rang eines J. M. Gesner, dem B. von Weimar her befreundet war, das Rektoramt der Thomasschule übernahm (1730-34) und an eine Erneuerung des alten lutherischen Lateinschulgedankens mit der Kirchenmusik im Mittelpunkt von Erziehung und Bildung dachte, lockte B. ein letzter Versuch, Musik und Musizieren unter religiös-kirchlichen Gesichtspunkt zu fassen. Aber schon Gesners Nachfolger, J. A. Ernesti, verkörperte das humanistische Bildungsziel einer neuen Zeit mit ihren musikfeindlichen, rationalistisch-aufgeklärten Schulzwecken und ihrer musikfremden Erziehung zur Vernunft und Moral. Die aus der kirchlichen Form entwachsende Bildungsidee des deutschen Klassizismus, seiner Dichter und Denker, bot keinen Raum mehr für die Musik in der Schule. Seit dem kursächsisch-brandenburgischen Gegensatz nach dem Tod Augusts des Starken (1733) und der sich anbahnenden politischen Überflügelung Kursachsens, des alten patriarchalischen Kirchenstaates des Luthertums, durch den werdenden weltlichen Machtstaat Brandenburg erlahmten B.s künstlerische Beziehungen zum kursächsischen Hofadel in Dresden. Zwar brachten sie ihm, nachdem er für die Erbhuldigung des neuen Kurfürsten seine h-moll Messe geschrieben hatte, noch den erstrebten Titel eines „Hof-Compositeurs“ und vermittelten ihm seinen berühmten Besuch bei Friedrich dem Großen in Potsdam.
Indessen zog B. sich mehr und mehr auf sein Kantoramt und seine „Komponierstube“ in der Thomaskirche zurück. Wie er als Hofkapellmeister einst in seinen Schöpfungen eine weite Zukunft vorausgenommen hat, so schloß er als Thomaskantor das Vermächtnis einer langen Vergangenheit ab. Sein Schaffen wandte sich zur Choralkantate mit ihrem Choraltext durch alle Strophen, einer weiträumigen Choralphantasie als Eingangschor, Rezitativen und Arien und einem vierstimmigen Schlußchoral. Dazu treten die großen Zyklen kontrapunktischer Variationsformen. Musik als gültige Lehre, als ars musica, d. h. Musiklehre im weitesten und ursprünglichsten Sinn der spätmittelalterlichen Gestalt ihrer Überlieferung, war das Hochziel der letzten Schöpfungen B.s: „Dem höchsten Gott allein zu Ehren, dem Nächsten, draus sich zu belehren“, wie es schon im Titel des „Orgelbüchleins“ hieß. Für B., der im musikalischen Kunstwerk zugleich die gültige Form des Lehrgutes erblickte, stand die handwerklich-künstlerische Lehr- und Lernbarkeit der Musik über allem Zweifel. Das „Musikalische Opfer“ ist von ihm selbst als ars canonica, d. h. „Lehre vom Kanon“, bezeichnet worden. So darf auch die sog. „Kunst der Fuge“, deren Titel nicht von B. stammt, eine ars fugandi, eine Fugenlehre, heißen. Die kontrapunktischen Formen des Kanons, der Fuge und der Variation waren längst dem Untergang verfallen. Indem man der „Kunst“ die „Natur“ gegenüberstellte, eiferte man gegen die „künstlichen Fugen und ausgeklaubten Partiten“ (J. Mattheson 1740), um die menschlich „sprechende“, herzbewegende Melodie um so mehr zu loben. Der neuen künstlerischen und pädagogischen Richtung, die dem „Natürlichen“ einer gefühlsbetonten Empfindsamkeit in Musik und Musizieren huldigte, stellte B. sein spekulatives Musikdenken und kontrapunktisches Musikschaffen entgegen. Deshalb ließ er sich in die „Sozietät der musikalischen Wissenschaften“ aufnehmen, die sein Schüler L. Ch. Mizler 1738 ins Leben gerufen hatte. Zur Aufnahme in diese gelehrte Gesellschaft in der Art der Akademien ihrer Zeit schrieb B. seinen kunstreichen Variationszyklus über den Choral „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ (1746/47) und überreichte den Mitgliedern der Sozietät einen Rätselkanon in der Form eines sechsstimmigen Canon triplex, der auf dem Bildnis B.s wiedergegeben ist, das der Hofmaler E. G. Hausmann für die Sozietät gemalt hat.
B. wurde am 31.7.1750 an der Südmauer der Johanniskirche in Leipzig beigesetzt. Die Grabstätte war bald vergessen. Am 28.7.1949 wurde der Sarg mit B.s Gebeinen in den Chorraum der Thomaskirche überführt. Anna Magdalena überlebte B. zehn Jahre und starb in dürftigen Verhältnissen als „Almosenfrau“ in Leipzig. Ein Nachruf-Sonett von Telemann hebt die für seine Zeit entscheidenden Züge im Bild des Thomaskantors hervor: den Meister des Kontrapunkts und der Orgelkunst, den Improvisator, den Lehrer bedeutender Söhne und Schüler, weniger den Schöpfer unsterblicher Meisterwerke.
Ein Überblick über die Hauptwerke B.s gliedert sich in fünf Perioden, die den beruflichen Stationen seines Lebensweges entsprechen: 1695-1708. Der junge Organist erprobt sich an dem überkommenen Formenschatz der Instrumental- und Vokalmusik: Choralbearbeitung (Orgelchoral), Präludium und Fuge, Toccata, Canzone, Fantasie, Ouvertüre, Suite, Partita (Choralpartita), Capriccio, Kirchen- und Kammersonate, Geistliches Konzert (Kirchenkantate), Rezitativ, Arioso und Arie. Auf dem Weg von der Motette zur Kantate begegnet B. der Textsammlung des lutherischen Hofgeistlichen E. Neumeister, wonach „eine Kantate nicht anders aussieht als ein Stück aus einer Opera, vom Stilo recitativo und Arien zusammengesetzt“ (1704). - 1708 bis 1717. Der junge Meister findet den eigenen Stil seines Schaffens zunächst auf dem Gebiet der Orgelmusik in der gegenseitigen Durchdringung der drei Grundprinzipien ihrer Kompositionsweise: des Cantus firmus-Prinzips, des fugierenden und des konzertierenden Prinzips. Die Orgelkompositionen, z. B.Passacaglia und Fuge (1716/17), die 46 Choralbearbeitungen des „Orgelbüchleins“ (begonnen 1708), gehören ebenso wie die Kirchenkantaten dieser Periode zu den zukunftsträchtigsten Schöpfungen B.s. - 1717 bis 1723. Neben die Orgel- und die Kantatenkomposition treten Sonate und Suite sowie Concerto (ohne strenge Trennung zwischen orchestraler und kammermusikalischer Besetzung): Inventionen und Sinfonien für Klavier (1720–23), Sonaten für Violine, für Querflöte, für Gambe mit obligatem Cembalo (1720), Sonaten und Partiten für Violine allein, Suiten für Cello allein (1720), Klavier- und Violinkonzerte, die sechs (Brandenburgischen) Concerti grossi (1721), Englische und Französische Suiten für Klavier (1720–22), Wohltemperiertes Klavier I (1722). - 1723-45. Entstehungszeit der großen Chorwerke, der zyklischen Orgel- und Klavierkompositionen und der letzten Kirchenkantaten (Choralkantaten): Klavier-Übung I (1723), II (1735), III (1739), IV (1742, „Goldberg-Variationen“), Magnificat (1723), Motette „Jesu, meine Freude“ (1723), Johannes-Passion (1723), Matthäus-Passion (1729), h-moll Messe (1733), Italienisches Konzert (1734), Geistliche Lieder (1736), Wohltemperiertes Klavier II (abgeschlossen 1744). 1745 bis 1750. Das Stilbild der letzten Schöpfungen B.s durchwaltet ein Äußerstes an kontrapunktischer Kunst und tiefsinniger Kombination von Cantus firmus-, Kanon-, Fugen- und Variations-Prinzip: Einige kanonische Veränderungen über „Vom Himmel hoch“ für Orgel (1746/47), Musikalisches Opfer (1747), die letzten Kanons und Orgelchoräle „von verschiedener Art“, die Kunst der Fuge (1749/50). - Von B.s Gesamtschaffen ist nicht viel mehr als die Hälfte der ehemals vorhandenen Werke auf uns gekommen. So besitzen wir von den fünf Jahrgängen Kirchenkantaten noch etwa 190 kirchliche Kantaten, von den fünf Passionen zwei, die Johannes- und die Matthäus-Passion. Der Verlust an nichtkirchlichen Vokal- und Instrumentalwerken B.s muß als noch sehr viel größer angenommen werden. Das noch Vorhandene des Gesamtwerks hat die alte B.-Gesellschaft (1850–1900) in einer „Vollständigen kritischen Ausgabe aller Werke B.s“ in 46 umfangreichen Foliobänden herausgegeben. Eine neue Gesamtausgabe der Werke B.s wird durch das 1951 gegründete „→Johann Sebastian B.-Institut“ in Göttingen vorbereitet. In Leipzig (Gohliser Schlößchen) besteht ein B.-Archiv, das sich die Sammlung aller B. betreffenden Handschriften und Dokumente zur Aufgabe gemacht hat.
7. Friedrich August I. (August der Starke)
F. war, namentlich in jüngeren Jahren, von eindrucksvoller Gesamterscheinung, wenn auch nur von mittlerer Körpergröße; aber er besaß erhebliche Körperkräfte. Diesem Umstand verdankt er schon bald den vieldeutigen Zunahmen „der Starke“ in der europäischen Öffentlichkeit. Seine Laufbahn als Kurfürst und bald als Bewerber um den polnischen Thron begann mit stürmischen militärischen Unternehmungen, die sich zunächst nicht ungünstig anließen. Die polnische Krone war allerdings mehr erheblichen Bestechungsgeldern und den Auswirkungen eines verwirrenden Ringens der großen europäischen Mächte zu verdanken als militärischen Erfolgen. Der Tod seines Bruders, des Kurfürsten Johann Georg IV., 1694 brachte den erst 24jährigen F. unerwartet rasch auf den Thron. Er war auf die Aufgaben eines Landesherrn, Reichsfürsten und, wie seine Neigungen bald ergeben sollten, europäischen Politikers nur sehr flüchtig vorbereitet. Die Angleichung der Staatsgebilde Sachsen und Polen, die in so wesentlichen Punkten völlig verschieden waren, stellte eine äußerst schwierige Aufgabe für ihn dar. Dabei zeigten sich seine außenpolitischen Neigungen als erheblich von der Phantasie und romanhaft-romantischen Vorstellungen beeinflußt. Die politische Welt Europas, in die er nun mit Nachdruck und Leidenschaft eintrat, war von Spannungen erfüllt. Der machtpolitische Aufstieg Rußlands unter Peter I., mit dem er rasch in Beziehungen trat, und der militärisch politische Genius Karls XII. von Schweden, dessen Kräfteentfaltung noch gar nicht abzusehen war, bestimmten Osteuropa so sehr, daß sich F. bei seinen vergleichsweise geringeren Kräften und Mitteln nur mit großer Anstrengung zu behaupten bestrebt sein konnte. Im Hintergrunde spielte sich das ganz Mitteleuropa erschütternde Ringen der Dynastien Bourbon und Habsburg um die Vormacht ab. Langsam wichen die Türken aus Mitteleuropa zurück, während im Ostseeraum der diesen dann so lange beherrschende englisch-russische Gegensatz heraufdämmerte. Ruhmsucht und Kraftbewußtsein des jungen Wettiners suchten sich stürmisch auszuleben, wie er als Kurfürst seit 1694 und als polnischer König seit 1697 auch auf persönlichem Gebiete Idealen zustrebte, die seinen Ruf an den Fürstenhöfen und durch die Lande verbreiteten. Livland war das erste Ziel seines Expansionsstrebens, aber seine leichtfertigen kriegerischen Unternehmungen zogen ihm bald die ersten Niederlagen im Felde durch die schwedischen Waffen zu. An der unteren Düna, bei Riga, blieben die erhofften Erfolge aus, und nur zu rasch folgte die schwedische Armee seinen nach Sachsen zurückweichenden Truppen. Karl XII. besetzte Sachsen, und es kam schließlich zu den lange sich hinziehenden Friedensverhandlungen von Altranstädt, die mit dem schimpflichen Verzicht F.s auf die polnische Krone 1706 endeten. In der Folgezeit wurden F.s diplomatische Planungen zwar im ganzen vorsichtiger, aber in der Praxis und den Zielen nicht gehemmt. Der Altranstädter Verzicht wurde aufgekündigt, und der Sachse behauptete sich in Polen, insbesondere nach der entscheidenden Niederlage Karls XII. durch Peter I. bei Pultawa 1709. Die Bedeutung des russischen Einflusses auf die Entwicklung in Polen wurde auch bei dem Sachsen nicht verkannt, aber er erreichte doch in den folgenden Jahren eine gewisse Stabilität für sein Königtum im Lande. Gleichzeitig festigten sich die weniger von Rivalität als von gleichlaufenden Interessen bestimmten nachbarlichen Beziehungen zwischen Kursachsen und Brandenburg-Preußen. Im Stile der Zeit wechselten oft die Kombinationen der Staaten und der Staatengruppen, aber von der Politik F.s in seiner Spätzeit läßt sich sagen, daß in den Wandlungen eine gewisse Ernüchterung, aber auch Beruhigung eingetreten ist. Sein Übertritt zum Katholizismus und noch mehr die von ihm veranlaßte Konversion seines Sohnes waren natürlich Sensation für die Öffentlichkeit, beeinträchtigten aber den protestantischen Charakter seines Stammlandes kaum. Ebenso sind seine Anläufe zur Zentralisierung der staatlichen Verwaltung in Kursachsen und sein Bemühen um eine Ausschaltung der entscheidenden Macht der Landstände nicht zu nennenswerten Erfolgen gediehen. Aber es spricht doch für den Erfolg seiner Politik, daß ihm durch die Verheiratung seines Sohnes mit der Tochter Kaiser Josephs I. der Zugang zur höchsten Aristokratie Europas eröffnet wurde, daß ihm ferner die Vererbung der polnischen Krone auf seinen Sohn gelang und daß endlich eine für Sachsen wohl erträgliche Liquidation des Nordischen Krieges eintrat. Wenn unterdessen über das weite polnische Land der Schatten Rußlands immer drohender heraufstieg und wenn sein Verhältnis zur Rivalität Frankreichs und Österreichs immer mehr die habsburgische Komponente auch in der sächsischen Politik überwiegen sah, so zeigte sich beim Eintritt seines verhältnismäßig frühen Todes 1733 die Situation Sachsens als keineswegs hoffnungslos und so ungünstig, wie das die spätere historische Kritik des Liberalismus im 19. Jahrhundert zu beobachten vermeinte.
Aber wesentlich bedeutsamer ist die Regierungszeit F.s durch das Ausmaß der künstlerischen und kulturellen Erfolge. Im Dienste seiner Feste und Stimmungen hat die Kunst in Sachsen, zumal in Dresden und der Umgebung, Werke geschaffen, die unvergänglich sind. Diese haben den Charakter der Hauptstadt bleibend bestimmt und sie für immer in die Reihe der großen Kunststädte eingereiht. Andere Plätze des Landes stehen naturgemäß hinter Dresden zurück, aber die Rückwirkung der landesherrlichen Anregungen auf die öffentliche und private Bautätigkeit und auf die allgemeine Geschmackskultur sind doch nirgends zu verkennen. Bauwerke, allen voran der Dresdener Zwinger, das Japanische Palais, die Neumarkt-Anlage, die Anlagen in Pillnitz und Moritzburg künden den Ruhm der Pöppelmann, de Bodt, Longuelune nicht weniger als den der Bildhauer, unter denen Permoser einen besonderen Platz einnimmt. Gleichzeitig schmückte F. aber auch seine polnische Hauptstadt Warschau mit dem Sächsischen Palais und großartigen Park- und Straßenanlagen. Nicht auf gleicher Höhe stand die Malerei. Sie hielt sich in den Bahnen des konventionellen Geschmacks und Könnens. Aus den Bildnissen der beiden Mengs spricht lebensvoll das sächsische Volk der augusteischen Zeit. Die Feste und exotischen Aufzüge schuf Dinglingers Kunst in der Kleinplastik nach. Die berühmten Dresdener Sammlungen (vor allem das Grüne Gewölbe) gehen wesentlich, wenn auch nicht in ihren Anfängen so doch in ihrem weiteren Ausbau, auf F. zurück. Des Orgelbauers Silbermann ist ebenso zu gedenken wie der die ruhmvolle Überlieferung des 17. Jahrhunderts bewahrenden, wenn auch kaum mehr führenden Dresdener Oper. Ferner wurden von großer Bedeutung die Erfindung des Porzellans durch Böttger und die Errichtung der Meißner Manufaktur. Das repräsentative Bauwesen und die einer verständnisvollen eigenen Initiative nicht entbehrende Förderung der Künste sind biographisch gesehen zwar nur Parallelen seines Bemühens um die Gunst schöner Frauen, ohne daß diese jedoch je einen bestimmenden Einfluß in politischer Hinsicht auf F. zu gewinnen vermocht hätten. Aber es trägt doch zur Abrundung des Bildes dieses Mannes, seines Wollens und seiner Leistung in vielbewegter Zeit ohne Zweifel bei. – Die maßvolle Toleranzpolitik auf konfessionellem Gebiete hat Beachtung und Resonanz in Deutschland gefunden.
8. Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg
Da die Vermögensverhältnisse der Familie noch immer zerrüttet waren, erlangte der Vater 1727 zur besseren Versorgung für K. die Anwartschaft auf ein Kanonikat in Münster, ohne die Absicht zu haben, ihn dem geistlichen Stand zu weihen. Nach einer ungewöhnlich sorgfältigen Ausbildung, die nach dem Studium des Reichsrechts in Leipzig bei J. J. Maskov 1731 mit einer glänzend bestandenen Disputation endete, begab sich K. auf eine Studienreise, die ihn über Berlin und die Niederlande nach Rom, Neapel und zurück über die norditalienischen Höfe nach Paris führte. Im Februar 1734 war er wieder in Wien. Seit 1730 besaß er die Anwartschaft auf eine Reichshofratsstelle. 1734 niederösterreichischer Regimentsrat, 1735 Reichshofrat, wurde er in seiner Laufbahn jedoch durch die beengten finanziellen Verhältnisse behindert, so daß er nach dem Tode Karls VI. die Mission nach Kopenhagen und die wichtige Stelle eines Botschafters in London ausschlagen mußte. Lediglich die wenig befriedigende Mission, den italienischen Höfen die Geburt des ältesten Sohnes Maria Theresias mitzuteilen, konnte er übernehmen. Er geriet bereits in den Verdacht, sich nicht für die von allen Seiten bedrängte Königin von Ungarn engagieren zu wollen, als er gegen den Rat des Vaters, der ihn viel lieber am Reichstag in Regensburg gesehen hätte, im Juni 1742 als Gesandter nach Turin ging. Es gelang ihm, das schwankende Bündnis mit Sardinien zu festigen. 1744 wurde K. österreichischer Minister am Hofe des Generalgouverneurs der österreichischen Niederlande in Brüssel und 1745 dort wirklicher bevollmächtigter Minister. Nach dem Tode der Schwester Maria Theresias und in Abwesenheit ihres Gemahls Karl von Lothringen führte er dort allein die Geschäfte und erkannte die Unhaltbarkeit dieser österreichischen Außenposition gegen Frankreich. 1746 mußte er vor den Franzosen kapitulieren, ging nach Antwerpen, von wo ihn Maria Theresia wegen seiner geschwächten Gesundheit zurückberief. 1748 legte K. als österreichischer Unterhändler im Frieden von Aachen den Grundstein zu seinem Ruf als Staatsmann und Diplomat. Trotz großer diplomatischer Geschicklichkeit mußte er sich aber dem geheimen Einverständnis Frankreichs und der Seemächte beugen, die nicht gewillt waren, auf Österreichs Wünsche Rücksicht zu nehmen. K. war von da an überzeugt, daß die Seemächte für die Rückeroberung Schlesiens nicht zu interessieren waren. In den Niederlanden aber sah er das eigentliche Hindernis für eine Verständigung mit Frankreich. Ihm schien dieses Land daher als ideales Tauschobjekt. Nach seiner Überzeugung würde Österreich mit einem Abstoßen dieses exponierten Landes sowohl gegen Frankreich wie gegen die Seemächte an Unabhängigkeit gewinnen.
In der geheimen Konferenz vom 5.5.1749 legte K. zum erstenmal seine innen- und außenpolitischen Vorstellungen dar. Kompromißlos erklärte er die Rückgewinnung Schlesiens als das eigentliche Ziel jeder österreichischen Außenpolitik. Da nach seiner Überzeugung die Seemächte nicht zu gewinnen waren, mußte ein Bündnis mit Frankreich angestrebt werden. Die Konferenz folgte K. nur zögernd, doch gelang es ihm, die Rückeroberung Schlesiens als außenpolitisches Ziel durchzusetzen. Auch wurde eine allgemeine Reform der inneren Verwaltung nach K.s Vorstellungen beschlossen, er selbst zum bevollmächtigten Minister in Paris ernannt. Es war keine leichte Aufgabe, die dort vorhandenen Vorurteile abzubauen und Österreich als eine eigenständige Großmacht darzustellen, die mit dem schwerfälligen Apparat des Reiches nur noch lose verbunden war. Es gelang ihm, Vertrauen zu finden. Seinem eigentlichen Ziel, einem Bündnis, kam er aber nicht näher, so daß er nach einem Jahr geneigt war, den Plan aufzugeben. K. gewann engen Kontakt mit den aufgeklärten Geistern Frankreichs. Er hielt selbst einen offenen Salon und verkehrte in vielen aufgeklärten Zirkeln. Allerdings scheint er Voltaire nicht und von den Enzyklopädisten nur wenige kennengelernt zu haben. Auch war Rousseau in Paris nicht sein Sekretär. Der schon damals sehr selbstsicher auftretende und auf Repräsentation bedachte K. beobachtete sorgfältig die Situation, ließ sich aber keineswegs von der Begeisterung für aufklärerische Ideen forttragen. Ihm wurde bewußt, wie weit Österreich in seiner äußeren|und inneren Verwaltung von einem modernen Staat enfernt war, und wie kompliziert und wenig zweckmäßig in Wien die Entscheidungsprozesse abliefen.
Bereits im Dezember 1751 bot ihm →Maria Theresia über Mittelsmänner das 1740 geschaffene und von dem unbedeutenden A. Graf Ulfeld geleitete Amt des Staatskanzlers an. In einem Brief vom Dezember 1751 erklärte er sich aus gesundheitlichen Gründen für unfähig, dieses schwere Amt auf lange Zeit zu übernehmen, hielt es aber für möglich, es in kurzer Zeit, wenn man ihm freie Hand ließ, so zu organisieren, daß es wie ein Uhrwerk funktionieren und es auch ein anderer, weniger tüchtiger, übernehmen könne. Der Staat als eine kunstvolle, sich selbst tragende Maschine war von da an eine Lieblingsvorstellung in seinem Denken. In langen und zähen Verhandlungen erreichte er, daß ihm am 13.5.1753 das Amt, das er dann 41 Jahre innehatte, in einer solchen Machtfülle übergeben wurde, wie es vor ihm kein österreichischer Minister je besessen hatte. →Maria Theresia hatte sich gegen den Rat ihres Gemahls und eines Teils ihrer Mitarbeiter für ihn und seine Politik entschieden, wobei sie sein wunderliches, ebenso hypochondrisches wie selbstherrliches Wesen keinesfalls ohne Bedenken sah. Sie sollte es nie bereuen, K. ist neben dem Prinzen Eugen und Metternich der eigentliche Schöpfer der Großmacht Österreich geworden.
K. reorganisierte die österreichische Staatskanzlei und schuf eine modern aufgebaute Behörde. In seiner Absicht, ein Bündnis mit Frankreich herbeizuführen, kam er jedoch nicht weiter. Erst der Ausbruch des englisch-französischen Kolonialkrieges 1754 und die damit im Zusammenhang stehende Annäherung Englands an Preußen schuf neue Voraussetzungen. Am 29.8.1755 erließ K. zum erstenmal an Starhemberg in Paris die Weisung, die englisch-preußische Annäherung zum Angebot eines österreichisch-französischen Bündnisses zu nutzen, doch brachte erst der Abschluß der preußisch-englischen Konvention am 16.1.1756 die Entscheidung. Der als Westminsterkonvention in die Geschichte eingegangene Vertrag leitete eine grundlegende Änderung des Allianzsystems ein. Über Friedrich verärgert, willigte Ludwig XV. in das ihm von Wien gemachte Angebot ein und schloß am 1.5.1756 mit Österreich ein Verteidigungsbündnis. Da auch Rußland von England nicht gewonnen werden konnte, zeichnete sich das von K. erstrebte österreichisch-russisch-französische Bündnis ab. Um Frankreich für ein Offensivbündnis zu gewinnen, war K. bereit, die Niederlande gegen Schlesien an Frankreich abzutreten, als Friedrich den Krieg eröffnete und K. an das Ziel seiner Wünsche brachte. Es gelang ihm, im Mai 1757 ein Offensivbündnis mit Frankreich, Rußland und Schweden mit dem Ziel zustande zu bringen, Schlesien für Österreich zurückzugewinnen. Das „reversement des alliances“, wie es genannt wurde, brachte mit der Verbindung der Häuser Bourbon und Habsburg eine grundlegende Veränderung der politischen Situation, die sich auf ganz Europa, insbesondere auf Italien, auswirkte. Die 1757 beschlossenen Ehen dreier Töchter Maria Theresias mit den Erben von Frankreich, Neapel und Parma sollten eine Ära enger Zusammenarbeit der beiden Häuser heraufführen. Es war einer der Wendepunkte der europäischen Politik.
K. war sich bewußt, daß die Koalition in erster Linie den österreichischen Interessen diente, und daß die Voraussetzung für den Erfolg seines diplomatischen Meisterstücks ein schneller militärischer Sieg war. Vier Tage nach Abschluß der Offensivallianz mit Frankreich begab er sich daher ins Feld. Gleichzeitig mit ihm traf im Hauptquartier Dauns die Nachricht von der schweren Niederlage der österreichischen Hauptarmee bei Prag am 6.5. ein. K.stimmte Dauns Entschluß zu, sich nach Kolin zurückzuziehen, ging selber aber nach Wien zurück, um die dortige Stimmung zu heben. Der Sieg von Kolin (18.6.1757) stellte die Ausgangslage wieder her. In den folgenden Jahren war K. die Seele der militärischen Operationen. Die Weisungen an die Armee gingen von der Staatskanzlei aus, doch mußte K. erleben, daß sich die meisten seiner Weisungen als undurchführbar erwiesen. Insbesondere ist es nicht gelungen, die militärischen Operationen der Verbündeten, an denen sich Frankreich nach der Niederlage bei Roßbach (5.11.1757) nur noch zögernd beteiligte, aufeinander abzustimmen. K. erkannte, daß der vorsichtig zögernde Daun nicht geeignet war, dem militärischen Genie Friedrichs eine entscheidende Niederlage beizubringen und protegierte daher den draufgängerischen Laudon, dem er auch nach der Niederlage von Liegnitz (15.8.1760) weiter die Stange hielt. K.s Hoffnungen auf den finanziellen Zusammenbruch Preußens erfüllten sich nicht. Als sich 1760 die Erschöpfung Österreichs abzeichnete, versuchte K., durch eine Finanzreform die Krise zu meistern. In überscharfer und in dieser Form auch ungerechtfertigter Kritik der Haugwitzschen Verwaltungsreform von 1749 strebte er durch die Schaffung eines Staatsrats und in Durchsetzung der modernen Ressorteinteilung eine|Reorganisation und eine Anspannung aller Kräfte an. Die Hoffnungen erfüllten sich nicht. Die von K. erstrebten Reformen ließen sich im Krieg nicht durchführen. Nach dem Ausscheiden Rußlands aus dem Krieg war er sich klar, daß das Ziel, Preußen durch eine übermächtige Koalition zu besiegen, nicht verwirklicht werden konnte. Er wurde nun zum Befürworter des Friedens, der am 15.2.1763 in Hubertusburg geschlossen wurde und den endgültigen Verzicht Österreichs auf Schlesien brachte.
Nach dem Frieden nahm K. seine 1760 zum erstenmal vorgetragenen Pläne einer grundsätzlichen Reform, eines „neuen Systems“, wie er es nannte, wieder auf. Dieses neue System, das später unter dem Namen Josephinismus in erster Linie als eine Neuregelung des Verhältnisses von Staat und Kirche angesehen wurde, sollte „ein auch die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen und die Mentalität der gesamten Bevölkerung verändernder Prozeß“ (G. Klingenstein) sein. Erste Vorschläge erprobte K. in den der Staatskanzlei direkt unterstehenden norditalienischen Besitzungen der Monarchie, wo seit 1759 sein enger Vertrauter Karl Graf Firmian als österreichischer Minister amtierte. K. ging davon aus, daß die Effektivität eines katholischen Staates bei der Steuerfreiheit des Klerus und der Größe des Besitzes der toten Hand (über 50 % des anbaufähigen Bodens) derjenigen eines protestantischen unterlegen sein mußte, wo während der Reformation der Kirchenbesitz säkularisiert worden war. Er entwarf daher eine allgemeine Reform des Staates, deren Kernstück eine grundlegende Veränderung des Verhältnisses von Staat und Kirche als wichtigstes Problem eines katholischen Landes auf dem Weg zum modernen Staat war. Er bediente sich dabei jansenistischer Ideen von der Oberhoheit des Staates über die Kirche, wie sie in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts auch in anderen vom aufgeklärten Absolutismus erfaßten katholischen Staaten bestimmend wurden. Seine Gedanken über die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse legte er in einer großen Denkschrift vom 23.6.1768 nieder, in der er die Säkularisation des Kirchenbesitzes und die Steuerfreiheit des Klerus als Voraussetzung für eine Erneuerung des Staates forderte. De facto wurde 1768 in ganz Österreich die Steuerfreiheit des Klerus abgeschafft. In langwierigen Auseinandersetzungen, die praktisch schon mit der Berufung K.s zum Staatskanzler 1753 einsetzten, ist es K. gelungen, die Bedenken Maria Theresias zu überwinden und sie auf seine „staatskirchlichen Prinzipien“ (F. Maaß) festzulegen. Wie er in einer weiteren Denkschrift vom 12.4.1770 aus führte, sah er die ökonomische Überlegenheit protestantischer Länder in dem „Nichtvorhandensein eines organisierten Klerus“ und der dadurch möglichen „Ausbeutung aller existierenden materiellen Quellen“ begründet. Die Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche war für ihn nur die Voraussetzung für weitergreifende Reformen. Im Frühjosephinismus war K.s innenpolitisches Konzept voll ausgebildet, das später unter Joseph II. verändert und erweitert wurde. Die an K. häufig geübte Kritik, er habe 1760 die eigentlichen Ursachen des österreichischen Zusammenbruchs, die durch die Steuerprivilegien des Klerus und des Adels bedingte geringe wirtschaftliche Leistungskraft des Staates, nicht erkannt, ist daher unhaltbar.
Der Friede von Hubertusburg und das Scheitern der Hoffnungen, Schlesien zurückerobern zu können, hat das Vertrauen Maria Theresias in K. nicht erschüttert. 1765, nach dem Tode von Franz I., der K. mit Reserve gegenübergestanden war, erlangte er bei ihr einen kaum noch zu überbietenden Einfluß. Gleichzeitig aber begannen die Konflikte mit Joseph II., die bis zu dessen Tod anhielten und schon 1766 zum ersten Rücktrittsgesuch K.s führten. So sehr beide in der Überzeugung von der Notwendigkeit der Ausdehnung der Staatsgewalt und des Staatsgebietes, der Beschränkung des Einflusses des Adels und der Geistlichkeit und der Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche sowie der Wichtigkeit geordneter Staatsfinanzen übereinstimmten, so waren Konflikte doch in ihrer grundverschiedenen Anschauung von der Wahl der Mittel und der Wege dazu angelegt. Während K. bei seinen Plänen die historischen Gegebenheiten in sein Kalkül einbezog und seine Entscheidungen nach Abwägen aller Gegebenheiten traf, war Josephs II. hervorstechendste Eigenschaft seine Ungeduld. Mit seinen langatmigen Vorträgen und Denkschriften langweilte K. den Kaiser und reizte ihn. So gab es zwar immer wieder Berührungspunkte, doch mußte K. es erleben, daß der Kaiser über ihn hinwegging und die meisten der von ihm sorgfältig eingeleiteten Projekte verdarb.
1766 regte K. trotz seiner gegen Preußen gerichteten Politik ein Treffen zwischen Friedrich und Joseph an, das Ende August 1769 in Neiße zustande kam. Beim Gegenbesuch Friedrichs Anfang September des nächsten Jahres in Neustadt in Mähren begleitete er den Kaiser. In langen Gesprächen, die K. mit dem König führte, begegneten sich beide mit größter Achtung, ohne jedoch ihre Standpunkte zu ändern. Die erste Frucht der von →Maria Theresia argwöhnisch betrachteten preußisch-österreichischen Zusammenarbeit war die Erste polnische Teilung 1772. K. vertrat dabei des Kaisers Pläne gegenüber der Kaiserin mit allem Nachdruck.
Das nächste ausgreifende Projekt war der Plan, Bayern beim Aussterben der bayerischen Wittelsbacher auf irgendeine Art Österreich einzuverleiben. K.befand sich mit dem Pfälzer Erben in aussichtsreichen Verhandlungen, als der Kurfürst von Bayern überraschend am 30.12.1777 starb. K. zwang darauf den pfälzischen Vertreter zu einem Vertrag, in dem der neue Kurfürst →Karl Theodor in der Hoffnung, die österreichischen Niederlande gegen Bayern eintauschen zu können, das Herzogtum Straubing abtrat. Der von Joseph II. inszenierte militärische Einmarsch in dieses Gebiet erregte ungeheures Aufsehen. In letzter Minute versuchte K., den von →Karl Theodor angestrebten Tausch ganz Bayerns gegen die österreichischen Niederlande durchzusetzen, doch versagte sich der Kaiser diesen Plänen. Joseph II wollte das bayerische Erbe möglichst verkleinern, um den Kurfürsten mit einem Tausch gegen Luxemburg und die habsburgischen Besitzungen in Vorderösterreich abzufinden. Angesichts des vollständigen politischen und militärischen Versagens des Kaisers leitete K. über dessen Kopf hinweg Friedensverhandlungen ein, die in Teschen 1779 mit der Abtretung des Innviertels an Österreich noch glimpflich für Bayern abliefen.
Es war in erster Linie das Vertrauen in die Redlichkeit der Kaiserin, das K. eingesetzt hatte, um den, wie er dem Kaiser im Juni in brutaler Offenheit geschrieben hatte, „vollkommen überflüssigen Krieg“ zu beenden. Mit Sorge sah er, daß Josephs unüberlegte Politik im Reich allgemein Mißtrauen erregte. K., der es für einen schweren Fehler hielt, das Reich dem preußischen Einfluß zu überlassen, leitete eine behutsame Reichspolitik ein, die in der Wahl des Erzherzog Max Franz zum Koadjutor in Köln und Münster 1780 noch zu Lebzeiten Maria Theresias einen ersten sichtbaren Erfolg davontrug. Auch am Reichstag in Regensburg gelang es K., eine starke kaiserliche Partei aufzubauen.
Nach dem Tode Maria Theresias (26.11.1780) mußte K. erleben, daß alle Ansätze einer behutsam auf Ausgleich bedachten Politik über den Haufen geworfen wurden. 1784 erregte der Kaiser durch zwei unüberlegte außenpolitische Schritte erneut das Mißtrauen der Öffentlichkeit: durch den diplomatisch nicht vorbereiteten, vergeblichen Versuch, die Scheide für den österreichischen Handel zu öffnen und den Plan, die Niederlande gegen Bayern zu vertauschen. Mit der Absicht, Salzburg in den Tausch einzubeziehen, die nur dank K.s energischer Vorstellungen geheim blieb, eröffnete der Kaiser im Mai 1784 ohne diplomatische Absicherung die Diskussion um das Tauschobjekt. K., der an sich den Tausch bejahte, gelang es, Katharina für das Projekt zu gewinnen. Trotz der diplomatischen Hilfestellung der russischen Kaiserin scheiterte es überraschend am Widerstand des Herzogs von Zweibrücken. Diese beiden Fehlschläge genügten, um in wenigen Monaten Österreich vollständig zu isolieren. Der 1785 von Preußen gegründete Fürstenbund, der durch Josephs II. willkürliche Diözesanveränderungen herbeigeführte Abfall der geistlichen Fürsten vom Kaiser und eine wachsende Entfremdung Frankreichs waren die Folgen dieser von K. mit vielen Denkschriften bekämpften Politik. Das von Joseph II. geknüpfte Bündnis mit Rußland, von K. anfangs mit Skepsis betrachtet, war in diesen Jahren der einzige Aktivposten der österreichischen Außenpolitik. Um ihn nicht zu gefährden, gab K. 1787 dem Kaiser den verhängnisvollen Rat, an der Seite Rußlands in den Krieg gegen das Osmanische Reich einzutreten. Auch war es sein Rat, der Joseph II. abhielt, sich Preußen und England zu nähern. In den letzten Jahren der Regierung Josephs II. versuchte K. vergeblich, in den Niederlanden, der Lombardei und Ungarn die Reformen des Kaisers durch größere Schonung der nationalen Besonderheiten erträglicher zu gestalten. K. resignierte in der Erkenntnis, daß Widerspruch den Kaiser nur zu noch unüberlegteren Maßnahmen reizte. Als Joseph II. am 20.2.1790 starb, befanden sich Ungarn und die Niederlande im Aufstand, war der Krieg gegen die Türkei verloren und schien ein Krieg mit Preußen unvermeidbar. Beim Eintreffen der Todesnachricht gestand K., der den Kaiser zwei Jahre nicht gesehen hatte, einem Vertrauten seine große Erleichterung. Für Leopold II. hinterlegte er eine vernichtende Kritik an dem Regierungsstil Josephs II., den er darin „sonst einen großen Mann“ nennt.
K. wollte damit den neuen Herrscher vor ähnlich unüberlegten Schritten warnen. Leopold war jedoch nicht bereit, K. von einer Mitschuld an den Regierungsmaßnahmen seines Bruders freizusprechen. Er beließ ihn im Amt, beschränkte aber seinen Einfluß auf die Außenpolitik auf ein Minimum. Die von Leopold in Angriff genommene Annäherung an Preußen lehnte K. nach wie vor ab. Vergeblich stellte er dem Kaiser vor, daß die, wie er sich ausdrückte, „überzogene preußische Kriegsmaschinerie“ nur unter der eisernen Sparsamkeit Friedrichs erhalten werden konnte. Unter seinem verschwenderischen Nachfolger werde Preußen von selbst unfähig werden, seine Großmachtstellung zu behaupten. Jedes Bündnis mit diesem Land werde daher im entscheidenden Augenblick zur Gefährdung seiner Verbündeten. Diese Ansicht erwies sich 1795 als richtig, als Österreich im Bündnis mit Preußen im Krieg gegen das revolutionäre Frankreich stand und Preußen den Sonderfrieden von Basel schließen mußte. Trotzdem blieb K., der nach der preußisch-österreichischen Konvention von Reichenbach (1790) um seine Entlassung gebeten hatte, im Amt. In der Französischen Revolution, deren Berechtigung er durchaus anerkannte, sah er eine von Österreich wohl zu nutzende Schwächung Frankreichs. K. warnte dringend vor einem Eingreifen, da dies die Nation gegen ihre Gegner einigen und die Krise Frankreichs beendigen werde. Auch hier wurden seine Mahnungen nicht gehört. Sein Einfluß auf die Außenpolitik Kaiser Franz’ II. war gering. Insbesondere das erneute Einverständnis mit Preußen wurde hinter seinem Rücken geknüpft, wobei Preußen sich für sein Eingreifen in Frankreich große Teile Polens versprechen und Rußland sich die Ukraine überschreiben ließ, während Österreich mit dem unverbindlichen Versprechen abgespeist wurde, Preußen werde den Tausch Bayerns gegen die Niederlande dulden. Als K. davon Kenntnis erhielt, erbat er am 19.8.1792 seinen Abschied. Über die Politik des jungen Kaisers urteilte er mit schonungsloser Schärfe. „Ich ersehe daher bei diesem Betragen nichts als Habsucht und politische Grundsätze, welche für die künftigen Zeiten sehr wenig Vertrauen einflößen und damit wenig Gutes versprechen.“ Er blieb bis zu seinem Tode ein galliger Kritiker der Politik seiner Nachfolger.
Ein abschließendes Urteil über K. ist schwer zu fällen. Unter →Maria Theresia hat er Österreich 1757 in eine mächtige Koalition geführt. Der Erfolg, die Rückeroberung Schlesiens, blieb ihm aber versagt. Das aus den Gründen dieses Versagens hergeleitete neue innenpolitische System, aus dem der Josephinismus hervorging, zielte weit über eine vordergründige Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche hinaus und schuf in Österreich die Voraussetzungen für einen modernen Staat. K., der bei allem Reformeifer seine Innen- und Außenpolitik darauf abgestellt hatte, das Vertrauen in die Rechtlichkeit der österreichischen Politik zu erhalten, mußte unter Joseph II. erleben, daß seine Pläne in teilweise maßloser Übersteigerung in ihr Gegenteil verkehrt wurden, so daß der Kaiser, wie K. in seiner rückblickenden Beurteilung 1792 schrieb, „das Unglück des allgemeinen Hasses und Mißtrauens nicht nur seiner Untertanen, sondern auch aller Mächte von ganz Europa sich zugezogen hat“. Trotzdem kann K. von einer Mitschuld an den Fehlentscheidungen des Kaisers nicht ganz freigesprochen werden. In der Außenpolitik ließ er sich zeitweise von den Erfolgen des Kaisers blenden. Manche Fehlentscheidung, wie der Kriegseintritt 1777, ging auf ihn zurück und manche Mahnung erfolgte zu spät. In der Ausbildung des Josephinismus schlug auch er zunehmend einen verletzend kirchenfeindlichen Ton an.
So, wie K. im Verhältnis von Staat und Kirche eine grundlegende Veränderung einleitete, hat er in Österreich auch der Aufklärung den Weg bereitet. Es gibt in den Jahren 1753-90 kaum eine Maßnahme auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet, die nicht direkt oder indirekt auf K., einen Grandseigneur mit wachen künstlerischen Interessen, zurückgeht. Sowohl an der Gründung der Akademie der Wissenschaften in Brüssel 1772 als auch an der wenig später nach seinen Vorstellungen vorgenommenen Zusammenfassung der Akademie für Malerei, Bildhauerei, Baukunst und Kupferstechen zu einer Akademie der Bildenden Künste in Wien hat K. entscheidenden Anteil genommen. Sein Bestreben war es, den künstlerischen wie den wissenschaftlichen Einrichtungen ein möglichst großes Maß an Freiheit zu gewähren. Gegenüber den verschiedenen Geistesströmungen seiner Zeit bewies er größte Toleranz. Trotz seiner Bevorzugung der Aufklärung und seiner kirchenfeindlichen Grundhaltung war er bereit, ehemalige Jesuiten wie die Patres Franz, Nekrep und Höck zu fördern, die unter ihm nacheinander Direktoren der orientalischen Akademie waren. Die Universitätsreform wurde zwar von G. van Swieten durchgeführt, jedoch bemühte sich auch K., berühmte Gelehrte wie J. von Sonnenfels nach Wien zu ziehen. Seine Idee, in einer Akademie der Wissenschaften die hervorragendsten Geister seiner Zeit zu versammeln, konnte er jedoch nicht verwirklichen. So sehr er auch die französische Kultur bevorzugte – er förderte insbesondere das französische Theater in Wien –, befleißigte er sich doch in seinen Denkschriften, die sprachlich von ausgefeilter Brillanz waren, bevorzugt|der deutschen Sprache. Als Joseph II. ihn 1783 aufforderte, auch in deutschen Angelegenheiten französisch zu schreiben, lehnte er dies mit allem Nachdruck ab. Im persönlichen Umgang war K. voller Wunderlichkeiten. Kein Luftzug durfte ihn berühren und vom Tod durfte in seiner Umgebung nicht gesprochen werden. Von seiner ganz auf seine Person abgestellten Tageseinteilung ließ er sich durch nichts, auch nicht durch die Monarchen, denen er diente, abbringen. Mit Maria Theresia und ihren Nachfolgern verkehrte er wie mit seinesgleichen und konnte in seinen Äußerungen direkt bis zur Grobheit sein. In seinen Denkschriften nahm er prinzipiell kein Blatt vor den Mund. – K. gehört wie Pombal, Tanucci oder Ormea zu den großen Staatsmännern des aufgeklärten Absolutismus katholischer Länder, die einerseits noch ganz dem Ancien régime angehörten, andererseits sich aber neuen Ideen öffneten und in einem großangelegten Modernisierungsprozeß die Voraussetzungen für den Staat des 19. Jahrhunderts schufen.
9. Karl Albrecht von Bayern
Wie sein Vater kannte K. nur ein großes Ziel: Bayern zur Großmacht zu erheben. Außenpolitik und luxuriöser höfischer Lebensstil bestimmten daher seine Tätigkeit, während innere Reformen, wirtschaftliche Gesichtspunkte und soziale Verantwortung völlig zurücktraten. Er gilt, im Unterschied zur barocken Willensnatur seines Vaters, als typischer Rokokofürst: eleganter, liebenswürdiger Kavalier, leicht bestimmbar, früh in Liebesaffären verstrickt, Mäzen der bildenden Künste und der Musik, der Jagdleidenschaft verfallen.
Die Jugendjahre sind vom Spanischen Erbfolgekrieg geprägt; mit der Niederlage von Höchstädt (1704) ging Bayern an Österreich verloren, der Kurprinz wuchs in österreichische Gefangenschaft heran und kehrte erst nach dem Friedensschluß 1715 in die Heimat zurück. Dem Jesuitenunterricht in Österreich folgten nun Kavaliersreisen nach Italien und Frankreich, 1717 die Teilnahme an der Rückeroberung Belgrads durch Prinz →Eugen. Die Heirat (1722) mit der Erzherzogin →Maria Amalia, jüngeren Tochter Kaiser →Josephs I., bezeichnet trotz der damit verbundenen Anerkennung der österreichischen Erbfolgeordnung (Pragmatische Sanktion 1713) das Wiederaufleben bayerischer, seit 1546 genährter Erbansprüche auf österreichische Länder. Mit dem Regierungsantritt (1726) wurde neben der Anlehnung an Österreich die andere machtpolitische Tradition aufgeboten: 1727 Erneuerung des Bündnisses von 1714 mit Frankreich, in dem auch der Erwerb der Kaiserkrone vorgesehen war. Die Schaukelpolitik Bayerns zwischen West und Ost führte einerseits zur franzosenfreundlichen Neutralität während des Polnischen Thronfolgekrieges (1732–35), andererseits zur Waffenhilfe im Türkenkrieg des Kaisers (1738/39). Die Erbfolgefrage blieb offen, mit Kurpfalz und Kursachsen protestierte K. 1732/33 gegen die Bestätigung der Pragmatischen Sanktion durch das Reich und ließ gleichzeitig durch seinen Kanzler →Joseph Unertl eine „Deductio jurium“ ausarbeiten, in der nunmehr das gesamte österreichische Erbe beansprucht wurde. Finanziell und militärisch traf man jedoch keinerlei Vorbereitungen für den Erbfall; die hohen vom Vorgänger hinterlassenen Schulden wurden nicht abgetragen. Frankreich, seit 1739 in einen kolonialen Seekrieg mit England verwickelt, zögerte, auch als der österreichische Mannesstamm mit Kaiser →Karls VI. Tod am 20.10.1740 erlosch.
Erst nach dem Einmarsch →Friedrichs II. von Preußen in Schlesien (Dezember 1740) gewann eine Kriegspartei am französischen Hof die Oberhand; im Mai/Juni 1741 schloß K. mit Spanien und Preußen, dann auch mit Frankreich das Kriegsbündnis, dem im Herbst Sachsen beitrat. Der Verlauf des Österreichischen Erbfolgekrieges hing von dem Zusammenwirken französisch/bayerischer und preußischer Armeen ab; es kam nie zu wirklicher Übereinstimmung. Im September unterstellte sich die französische Rheinarmee dem bis Linz vorgedrungenen →Kurfürsten; statt des Vormarsches auf Wien, den →Friedrich erwartete, erzwang Frankreich, dem es auf eine Aufteilung des österreichischen Erbes ankam, das Abschwenken gegen Prag. Dort wurde dem Kurfürsten am 19.12.1741 als böhmischem König gehuldigt. Am 24.1.1742 folgte in Frankfurt/Main die einstimmige Wahl zum Kaiser, nachdem →Georg II., der englische König, zur Abschirmung seines Stammlandes Hannover seine Kurstimme eingebracht hatte. Am 14.2. jedoch besetzte eine inzwischen aufgestellte zweite österreichische Armee München: K. war und blieb ein Kaiser ohne Land. Aus der Abhängigkeit von Frankreich konnte und wollte er sich um so weniger lösen, als →Friedrich II. angesichts der Untätigkeit der französischen Armee in Böhmen den Sonderfrieden von Breslau abschloß, der ihm Schlesien eintrug (11.6.1742). Einen Frontwechsel auf die Seite Englands und Österreichs im Kampf gegen Frankreich lehnte K.wiederholt ab. Säkularisationsvorschläge auf Reichsboden, die von Preußen und England ausgingen, um ihn mit einer bescheidenen Hausmacht auszustatten, blieben utopisch. Er stellte unentwegt die Mindestforderung einer Erhebung Bayerns zum Königreich mit Abrundungen und angemessener Vermehrung seines Einkommens. Immerhin gelang die Rückeroberung Bayerns für einige Monate, so daß er im April 1743 wieder in München einzog, während die Franzosen Prag aufgaben und sich nach der Niederlage bei Dettingen a. Main (27.6.1743) gegen die „Pragmatische Armee“ unter →Georgs II. Oberbefehl auf die Rheinfront zurückzogen. Wie nach der Niederlage bei Höchstädt ging auch diesmal Bayern verloren. Erst die Bedrohung, der sich Preußen durch das wachsende Übergewicht Österreichs ausgesetzt sah, brachte für den wieder nach Frankfurt geflohenen Kaiser, dem man keine neutrale Position im Reich schaffen konnte, neue Aussichten mit sich. Das preußisch-französische Bündnis vom 5.6.1744 eröffnete den 2. Schlesischen Krieg. Wegen des preußischen Vorstoßes nach Böhmen mußte die ins Elsaß eingedrungene österreichische Armee zurückgeholt werden. So konnte K. im Oktober 1744 nochmals in München einziehen. Die französischen Truppen blieben jedoch am Oberrhein, →Friedrich II. mußte noch im Winter Böhmen räumen. Wiederum stand K. vor der Flucht, vor der ihn ein rascher Tod bewahrte. Im Frieden von Füssen (22.4.1745) erhielt sein Sohn Bayern zurück, wofür er seine Kurstimme an den Gemahl →Maria Theresias verpfändete; nachträglich wurde im Friedensinstrument das Kaisertum K. anerkannt.
Das Versagen K. beruht wesentlich auf der Überheblichkeit seiner Vorstellungen und Forderungen, obwohl das Schicksal seines Vaters ihm ein warnendes Beispiel hätte sein können. Glücklicher hat sich seine künstlerische Vorliebe ausgewirkt: die Amalienburg im Nymphenburger Park, die „Reichen Zimmer“ in der Münchener Residenz und andere Schöpfungen →Cuvilliés' und →Effners sind Höhepunkte des bayerischen Rokoko von internationalem Rang.
Sarkophag in der Münchener Theatinerkirche¶, das Herz wurde 1745 in einem großen von →Johann Baptist Straub gestalteten Epitaph mit Bleiguß-Urne in Altötting beigesetzt.
10. Friedrich II. der Große
F.s Jugend war vom Gegensatz zum Vater überschattet. →Friedrich Wilhelm I., der im Grunde seine Familie liebte, ging mit der äußersten Strenge gegen seinen ältesten Sohn vor, als er zu sehen glaubte, daß sich dieser seinen künftigen Pflichten entzog. Nach dem eigenen Vorbild wollte er den Thronfolger zu einem guten Soldaten und Christen erziehen. F. setzte den Bemühungen, der freien Entwicklung seiner Individualität Fesseln anzulegen, Widerstand entgegen. Er hatte kaum Veranlassung, im Vater schon den bedeutenden Verwalter des Staates zu bewundern. Die Familie hatte unter dessen unberechenbaren Launen zu leiden. Am verhängnisvollsten war es wohl, daß er den Vater, dessen Lebensart er ablehnte, nicht einmal genügend achtete und daß dieser das fühlte. →Friedrich Wilhelm hat sich daher nicht selten von seinem Jähzorn hinreißen lassen; es haben sich unwürdige Szenen abgespielt, die das Ehrgefühl des sensiblen Knaben tief verletzten. Die Mutter war zur Vermittlung ungeeignet. Ähnlich wie später die →Kaiserin Friedrich empfand die stolze Welfin den preußischen Hof als untergeordnet. Sie verfolgte ehrgeizige Pläne für ihre Kinder; mit allen Mitteln betrieb sie die Doppelheirat ihrer ältesten Kinder mit Mitgliedern des englischen Königshauses. Die offiziellen und geheimen Verhandlungen führten zu keinem Ergebnis. F., der 1728 ein weit reicheres Hofleben in Dresden kennengelernt hatte, entschloß sich zur Flucht nach England, um sich dem von ihm als unerträglich empfundenen Druck durch den Vater zu entziehen. Der Plan war durchaus unüberlegt und unreif; er scheiterte im August 1730 während einer Reise an den Oberrhein schon an der Wachsamkeit der kronprinzlichen Begleitung. Die Beichte eines Pagen enthüllte dem König alles. Als sich Vater und Sohn zum erstenmal wieder in Wesel gegenüberstanden, scheint F.s Leben einen Augenblick bedroht gewesen zu sein. Der Kommandant von Wesel, General von der Mosel, mußte sich schützend vor den Kronprinzen stellen. F. wurde auf der Festung Küstrin unter strengste Bewachung gestellt. →Friedrich Wilhelm nahm als König und als Vater den Fluchtversuch außerordentlich schwer. Er sah darin nicht nur die Desertion eines Offiziers, sondern Hoch- und Landesverrat, nicht ohne Grund, da sich unabsehbare Konsequenzen für das schon an und für sich gespannte Verhältnis Preußens zu England-Hannover hätten ergeben können. Als Vater fühlte er sich vor ganz Europa bloßgestellt. Er wollte nicht den Tod des Kronprinzen, wie es die Legende behauptet, sondern dessen Thronverzicht, da er ihn des Königsamtes nicht mehr für würdig hielt. F. war aber nicht der „effeminierte Kerl“, für den ihn sein Vater gehalten hatte. Von der Außenwelt abgeschnitten, bewies er in langen zermürbenden Verhören eine erstaunliche Geistesgegenwart. Er nahm die Verantwortung für den Fluchtversuch auf sich; auf alle Fragen jedoch, ob er sich noch für würdig halte, König zu werden, antwortete er ausweichend: er übergebe sich der Gnade des Königs. F. mußte die Hinrichtung seines Freundes, des Leutnant →von Katte, der in den Fluchtplan eingeweiht war, vom Gefängnis aus mitansehen. Vergeblich bot er sein eigenes Leben an; vor dem Anblick des zum Tode Geführten brach er ohnmächtig zusammen (6.11.). Als ihn der Feldprediger Johann Ernst Müller in der Zelle aufsuchte, glaubte der Kronprinz sogar, daß er auf den eigenen Tod vorbereitet werden sollte. Doch hatte dieser nur den Auftrag, F. seinen Glauben an Vorausbestimmung auszureden.
Die Katastrophe bedeutete einen Wendepunkt in F.s Leben. Fortan wird er auf offenen Widerstand gegen den König verzichten, allerdings auch darauf bedacht sein, sich soweit wie möglich von ihm fernzuhalten. Verstellung, Berechnung und Taktik bestimmen künftig das Verhältnis vom Sohn zum Vater, wenn es auch an gelegentlichen sentimentalen Regungen nicht fehlt. Es ist oft behauptet worden, F. sei erst durch die bitteren Erfahrungen seiner Jugend zur notwendigen Härte erzogen worden, er habe auch viel für seine spätere Politik lernen können. Mit größerem Recht kann man sagen, daß die ständige Notwendigkeit, das Recht der eigenen Persönlichkeit gegen einen mächtigen Willen zu behaupten, zu einer Verkümmerung seelischer Kräfte führen und die bei F. schon angeborene Neigung zum Zynismus verstärken mußte. Seit Dezember 1730 durfte F. als jüngster Kriegsrat bei der Kriegs- und Domänenkammer in Küstrin arbeiten. 1731 kam es zu weiteren Erleichterungen, im November anläßlich der Hochzeit der Schwester →Wilhelmine zu einer äußerlichen Aussöhnung. Die praktische Tätigkeit, vor allem der Anschauungsunterricht auf gemeinsam mit dem König unternommenen Besichtigungsreisen, haben dann F. deutlich die großartige organisatorische Tätigkeit des Königs vor Augen geführt, Verdienste, die er später uneingeschränkt anerkannt hat und die ihm selbst zum Vorbild dienten. In diese Zeit fällt auch die harmlose Schwärmerei für die Schloßherrin von Tamsel, →Frau von Wreech. 1732 durfte F. als Chef das Infanterieregiment in Ruppin übernehmen; er hat seine militärischen Pflichten zur vollen Zufriedenheit des Königs erfüllt. Aber im gleichen Jahre lehnte sich sein Unabhängigkeitsgefühl in leidenschaftlichen Briefen an den →General von Grumbkow auf, als ihm der Vater eine Gemahlin bestimmte, für die vor allem die Verwandtschaft mit dem österreichischen Kaiserhaus sprach. Offenen Widerstand wagte F. jedoch nicht mehr. Die Ehe gab ihm eine gewisse Unabhängigkeit, er konnte in Ruppin einen eigenen Haushalt begründen, Freunde um sich sammeln und seinen musikalischen Neigungen nachgehen. 1734 nahm er in der Umgebung des →Prinzen Eugen am Polnischen Thronfolgekrieg teil, vermochte aber von dem alternden Feldherrn nicht mehr viel zu lernen. Im Herbst erkrankte der König so schwer, daß F. mit Bestimmtheit auf die Regierungsübernahme rechnete; er gab seiner Enttäuschung einen recht drastischen Ausdruck, als der Vater wider Erwarten im Frühjahr 1735 gesundete. Der Zeitgewinn war jedoch für seine innere Entwicklung sehr wichtig. Im Herbst 1736 siedelte F. nach Rheinsberg über; er ließ das Schloß nach eigenem Geschmack durch seinen Freund →G. W. von Knobelsdorff ausbauen und einrichten. Rheinsberg war wohl die glücklichste und menschlich entspannteste Periode seines Lebens. In einem Kreise von gleichgesinnten Freunden und von jungen Frauen wurde viel musiziert und Theater gespielt. Auch in seiner Ehe fühlte sich F. noch leidlich zufrieden. →Elisabeth Christine fehlte es nicht an Gemüt und Klugheit, ihr Geist besaß aber nicht genügend Tiefe und Anmut, um den Gatten dauernd zu fesseln. Nach den schlesischen Kriegen vollzog F. die Trennung, legte jedoch Wert darauf, daß sie als Königin respektiert wurde. →Elisabeth hat unter dem Bruch sehr gelitten, ihre Liebe blieb bis an ihr Lebensende unerschüttert. Sie war als Übersetzerin tätig und schrieb|ein kleines Buch „Gedanken und Betrachtungen zum Neuen Jahr“ (1777). Von einer grundsätzlichen Frauenfeindlichkeit darf man bei F. nicht sprechen. Im Briefwechsel mit geistig hochstehenden Frauen, wie mit der Kurfürstin →Maria Antonia von Sachsen oder der →Landgräfin Karoline von Hessen-Darmstadt, zeigte F. sich durchaus fähig, die galante und graziöse Sprache des Rokoko zu führen.
Während der Rheinsberger Zeit hat sich F. mit einer beispiellosen Intensität darum bemüht, ein umfassendes Wissen zu erwerben. Es fehlten ihm manche Grundlagen für das Selbststudium. F. beherrschte keine Sprache außer der französischen, selbst in dieser war seine Orthographie mehr als dürftig. Er sprach nach seinem eigenen Ausdruck Deutsch wie ein Kutscher, er verstand kein Latein, so daß er die Klassiker des Altertums häufig nur in schlechten Übersetzungen lesen konnte. Da ihm planmäßige Anleitung in seiner Jugend gefehlt hatte, war seine Lektüre, die sich vornehmlich auf philosophische, literarische und historische Werke bezog, etwas wahllos. Das Autodidaktische blieb immer spürbar. Aber F. studierte doch gründlich, „lesen heißt denken“ wird er später einmal sagen. F. hat sich gerne als Philosophen von Sanssouci bezeichnet. Er war jedoch kein origineller Denker. Er wurde zum überzeugten Anhänger der Aufklärungsphilosophie. Das Gedankengut übernahm er von anderen, vor allem von →Voltaire. Er hat sich nie einem bestimmten System verschrieben, es ist charakteristisch für ihn, daß er dasjenige in sich verarbeitete, was seiner eigenen Veranlagung und Denkrichtung entsprach. Schon als Kronprinz, vollends aber als König ist er sich stets bewußt gewesen, daß ihm vom Schicksal eine bestimmte Aufgabe zugewiesen sei und daß er sich über deren Sinn und Zweck Klarheit verschaffen müsse. Er fühlte sich zunächst stark von →Ch. Wolff angezogen, der das System von →Leibniz weiter entwickelt hatte, vor allem die Lehre vom einfachen Wesen, das heißt von der unzerstörbaren Substanz, so daß ihm damals der Glaube an eine unsterbliche Seele gerechtfertigt zu sein schien. Sehr bald geriet er jedoch unter den Einfluß von →Voltaire; fortan wird er dem englisch-französischen Skeptizismus, im besonderen Locke zuneigen. Die Verbindung mit →Voltaire ist für F. von größter Bedeutung geworden. Er entschied sich damit für die Welt des französischen Geistes, ohne daß diese Orientierung jemals einen Einfluß auf die Unabhängigkeit seiner Politik ausgeübt hätte. F. sah den Höhepunkt der europäischen Zivilisation im Zeitalter →Ludwigs XIV. Er empfand diese Epoche als die vollkommene Einheit von Macht des Staates, Glanz und Würde des Königtums und einer auf der strengen Form des Cartesianismus beruhenden Gesellschaftskultur. →Voltaire war für F. die schönste Blüte dieser Kultur, der letzte Vertreter einer großen Tradition. Er bewunderte in Voltaire nicht nur den Philosophen, sondern den universal gerichteten Menschen, der auch gleichermaßen in der Literatur, in der Geschichte wie in den Naturwissenschaften zu Hause war. Er achtete in ihm aber auch den Weltmann, der in politischen Geschäften zu gebrauchen war, den mutigen Kämpfer gegen religiösen Fanatismus und Aberglauben, den praktischen Landwirt. Bei dem merkwürdigen Verhältnis zwischen F. und →Voltaire darf eine Art von geistiger Verwandtschaft nicht übersehen werden; sie waren trotz der Verschiedenheit der Charaktere gewissermaßen aufeinander angewiesen, aristokratische Naturen, zur Spottsucht neigend, Verächter der Masse, so daß auch der schroffe Bruch der fünfziger Jahre den Meinungsaustausch nicht beendete.
Wie →Voltaire wurde F. Deist. An dem Dasein eines Gottes hat er nie gezweifelt und damit eine gesetzmäßige Weltordnung anerkannt. Nur über das Wesen dieser Gottheit vermochte er keine Klarheit zu gewinnen, vor allem nicht über ihr Verhältnis zu den Menschen. Letzten Endes neigte aber F. zu der Annahme, daß dieser Gott sich gegenüber den menschlichen Angelegenheiten vollkommen gleichgültig verhalte. F. hat im Unterschied zu →Voltaire die Willensfreiheit zunächst schroff abgelehnt, schon aus physiologischen Gründen. Später neigte er dazu, wenigstens die Entscheidungsfreiheit zwischen Vernunft und Leidenschaften für möglich zu halten, er blieb jedoch davon überzeugt, daß die meisten Menschen zum vernünftigen Handeln unfähig seien. Dem Zufall maß er eine große Bedeutung zu, er war für ihn aber kausal begründet in einer Kette menschlicher Irrtümer und Leidenschaften. Die Unsterblichkeit der menschlichen Seele gab er preis. Trotz der Geringschätzung aller kirchlichen Dogmen scheint F. niemals ganz sein religiöses Erbe überwunden zu haben. Sein Vorleser →H. de Catt hat wohl richtig beobachtet, daß schon in der aggressiven Art, wie F. über Religion zu sprechen pflegte, der unbewußte Wunsch nach einer Widerlegung zum Ausdruck gekommen sei. Nach der Katastrophe von Hochkirch (1758) muß F. für eine kurze Zeit durch eine religiöse Krise durchgegangen sein. Es war eine der schwersten Stunden seines Lebens. Er erhielt die Nachricht vom|Tode der Lieblingsschwester →Wilhelmine und verlor gleichzeitig einen seiner letzten Freunde, den Feldmarschall →J. Keith. Die Religion vermochte ihm jedoch keinen dauernden Trost zu spenden, von der Metaphysik wandte er sich ganz ab. Er hielt sich für seine Moral an das Beispiel großer Persönlichkeiten aus dem Altertum und der Neuzeit sowie an die Morallehren der Philosophie.
In Rheinsberg haben sich auch bereits die Hauptzüge seiner Staatsanschauung gebildet. Im Sinne der Aufklärung wollte er von dem göttlichen Ursprung der Herrschergewalt nichts mehr wissen. Er setzte einen ursprünglichen Vertrag voraus, der dem Herrscher die unkündbare Gewalt übertragen hatte. Er vertrat den aufgeklärten Absolutismus, wie →Hobbes davon überzeugt, daß die Souveränität unbeschränkt sein müsse, um ihre Aufgabe erfüllen zu können. Er folgte also weder der Staatslehre →Lockes noch →Montesquieus. Von letzterem übernahm er aber die Auffassung, daß die Verschiedenheit der Volkscharaktere und der Regierungsformen sich aus Klima, Bodenbeschaffenheit und den Gewohnheiten erklären lasse. Anders wie Hobbes stellte F. den Fürsten unter das Gesetz, er sollte ebenso wie seine Untertanen zum Dienst am Staat verpflichtet sein. F. erwartete von den staatstragenden Schichten Vaterlandsliebe, die über das reine Pflichtgefühl hinausgehen sollte. Er besaß kein eigentliches dynastisches Solidaritätsgefühl; aus seinen Prosaschriften und Dichtungen können mit Leichtigkeit zahlreiche Äußerungen zusammengestellt werden, die sich mit ihrem beißenden Spott über die fürstlichen Zeitgenossen kaum von späteren antimonarchischen Pamphleten unterscheiden. Doch heißt das nicht, daß für F. die hohe Geburt gar nichts bedeutet hat. Er verachtete die Fürsten, die sich ihren Verpflichtungen entzogen, er schätzte die meisten Regenten kleiner Staaten gering ein, weil sie keine großen Aufgaben zu erfüllen hatten. Aber im Grunde besaß F. einen sehr ausgeprägten, beinahe überheblichen Stolz auf seine Königswürde. Gerade deshalb verlangte er von einem König außerordentlich viel; er wollte kein bloßer Schein- oder Bettelkönig sein. Er hielt deshalb – wenigstens in jüngeren Jahren – auch die Ruhmsucht nicht für verwerflich, soweit sie den Herrscher zu mutigen und edlen Taten für das Wohl des Staates anspornte. Der Fürst, das war seine Forderung, mußte die Verantwortung allein tragen und zu jedem persönlichen Opfer bereit sein. Er sollte alle Fähigkeiten zur Regierung besitzen, denn F. sah den Staat als eine Maschine oder als einen Organismus an. Nur einer konnte diese Maschine bedienen, nur einer der Kopf sein. Er legte daher auf die Prinzenerziehung besonderen Wert; in den politischen Testamenten wird sie ausführlich behandelt. Aber er war schon deshalb davon überzeugt, daß die Erbmonarchie die beste Regierungsform sei, weil er von der Aristokratie mehr Führungsbegabung, mehr Sinn für hohe Gedanken und Taten erwartete. „Trotzen muß ich dem Verderben, muß als König denken, leben, sterben“, rief er Voltaire 1757 zu. Gerade das Beispiel des republikanischen Roms bedeutete ihm viel; von einem König mußte erst recht die gleiche Haltung erwartet werden. F. hat der monarchischen Idee eine neue Bedeutung gegeben, aber er hat gleichzeitig auch die Erbmonarchie überfordert, es war ein gefährliches Unterfangen, ihr das metaphysische Fundament zu entziehen.
F. hat in der Rheinsberger Zeit schon mit großer Aufmerksamkeit die Politik beobachtet. Die Ansichten des aufgeklärten Philosophen und werdenden Staatsmannes durchdringen sich gegenseitig in eigentümlicher Weise. Er litt unter der gesunkenen Reputation Preußens, wie sein Vater sehr erbittert über österreichische Machenschaften. Schon in einem Brief an den Kammerjunker →von Natzmer (1731) hatte er sich offen für die Notwendigkeit einer Machterweiterung ausgesprochen. 1738 schrieb er die „Considérations sur l'état présent du corps politique de l'Europe“, die zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht worden sind. Der Blick ist noch ganz nach Westen gerichtet, wo es um das jülich-bergische Erbe ging. In versteckter Form wirbt F. um ein Bündnis mit Frankreich. Von den Großmächten verlangt er eine maßvolle von der Staatsräson bestimmte Politik. Viel wichtiger als Bekenntnis des werdenden Staatsmannes war die „Réfutation du prince de Machiavel“ (erst von Voltaire der Titel „l'Antimachiavel“ eingeführt). F. verfaßte diese Schrift 1739, angeregt durch die Henriade von Voltaire, der die Absicht des Kronprinzen lebhaft unterstützte. Dieser kannte nur den „Fürsten“, und zwar in einer schlechten französischen Übersetzung. Die Widerlegung von →Machiavelli ist F. durchaus mißglückt. Die Vertretung humanitärer Ideale im ersten Teil geht an dessen Grundkonzeption vorbei. Im zweiten Teil nähert sich F. zusehends, ihm selbst wohl kaum klar bewußt, →Machiavellis Ansichten, besonders in den Abschnitten, in denen er von den zwischenstaatlichen Beziehungen und militärischen Angelegenheiten spricht. Doch darf die von F. zum Ausdruck gebrachte Empörung nicht nur als literarische Stilübung abgetan werden; die Ablehnung der von →Machiavelli vorgeschlagenen Mittel im Kampf um die Macht war aufrichtig gemeint, F. kannte die ungünstige Wirkung auf die Fürsten kleiner Staaten. In dieser Schrift hat F. auch bereits die Grundsätze niedergelegt, nach denen er zu regieren beabsichtigte: Das Wohl und das Glück der Untertanen müßten das eigentliche Ziel sein, die Gerechtigkeitsliebe wird stark betont, schon hier wird von F. der Ausdruck gebraucht, daß der Fürst der erste Diener des Staates zu sein habe. Voltaire hat das Manuskript des Kronprinzen überarbeitet, nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich, so daß sich charakteristische Unterschiede der Auffassung ergeben. F. war mit der Bearbeitung nicht zufrieden, wünschte nach dem Regierungsantritt die Veröffentlichung auch deshalb nicht mehr, weil er fremde Staatsmänner wenig schmeichelhaft gezeichnet hatte. Trotzdem erschienen noch 1740 zwei Ausgaben in Holland. Rasch folgten weitere Nachdrucke, da der anonyme Verfasser unschwer erraten wurde.
F. hat sich als König und Staatsmann in Widerspruch zu den humanitären Forderungen gesetzt, die er als Philosoph und Schriftsteller vertreten hatte. Er richtete sich ausschließlich nach dem Staatsinteresse, verschmähte auch die bedenklichsten Mittel zur Erreichung seiner Ziele nicht. Auch seine Urteile über die menschliche Natur werden immer pessimistischer. Die Menschenverachtung der späteren Jahre hatte er in seinen Jugendschriften noch durchaus abgelehnt. Der Vorteil lag darin, daß er gegen einen philosophischen Fanatismus immun war und in seiner Innenpolitik weit stärker als sein Nachahmer, →Josef II., die geschichtlich gegebenen Realitäten beachtete. F. war sich stets bewußt, daß er als Staatsmann im Widerstreit zur Privatmoral stand. Man darf jedoch den sich daraus ergebenden Konflikt nicht überschätzen. Er war überzeugt, daß er, gebunden an eine höhere, wenn auch unbegreifliche Ordnung, in erster Linie die Verpflichtung habe, für den ihm anvertrauten Staat zu sorgen und für diesen zu jedem persönlichen Opfer (auch in moralischer Hinsicht) bereit zu sein. Das Bewußtsein, diese Forderung zu erfüllen, rechtfertigte ihn einigermaßen vor seinem Gewissen. Seine Problematik lag in einer anderen Richtung. Genau wie →Bismarck hat sich F. in der Selbsttäuschung befunden, daß er in einem stillen und beschaulichen Leben viel glücklicher geworden wäre. Sein überschäumendes Temperament, sein dämonischer Machtinstinkt waren immer die stärkste Triebkraft. Aber die Welt der Kunst und des Geistes hatte für ihn ihren eigenen Wert, er konnte ohne sie nicht auskommen. Seiner Veranlagung nach war er für die Schönheit und den heiteren Lebensgenuß sehr empfänglich. Er wäre gern ein →Marc Aurel gewesen und mußte stattdessen einen Staat regieren, den er noch für barbarisch hielt. Angesichts seiner Sensibilität war er ungewöhnlichen Stimmungsschwankungen ausgesetzt; stoische Haltung war für ihn nicht selbstverständlich, er mußte sie ständig seiner Natur abringen. Erschwerend kam noch hinzu, daß F. einen hellwachen, äußerst kritischen Verstand besaß. Es war ihm deshalb nur möglich, sich wohl vorübergehend, aber nicht auf die Dauer in Illusionen und Selbsttäuschungen zu bewegen. Die Reflexion stand in einer unablässigen Auseinandersetzung mit der Aktion. Hierin lag das Einmalige: F. mußte sich gewissermaßen in einem Spiegel sehen, der ihm die Gefahren seiner Leidenschaften, seiner Fehler und Irrtümer, ja die Fragwürdigkeit des menschlichen Daseins entgegenhielt. Die Belastung, unter der F. stand, darf bei seiner Beurteilung nicht außer acht gelassen werden.
Als F. am 31.5.1740 die Regierung antrat, war sein politischer Blick noch dem Westen zugewandt. Mit einer unter der vorigen Regierung nicht üblichen Energie ging er gegen den Bischof von Lüttich vor, als ihm dieser die Herrschaft Hersdal streitig machen wollte. Am 20. Oktober 1740 starb der letzte habsburgische Kaiser →Karl VI. F. sah eine einzigartige Gelegenheit gekommen, Preußen mit einem Schlage in das Spiel der Großmächte einzuführen und das Ansehen seines Staates zu heben. Er vollzog die grundsätzliche Schwenkung von der West- zur Ostorientierung. Durch den Einfall in Schlesien zog er sich die Todfeindschaft der Donaumonarchie zu. Die Art seines Vorgehens ist weder vom Standpunkt der Staatsräson noch von dem der Moral aus zu rechtfertigen. Es hätte nahe gelegen, Gewehr bei Fuß abzuwarten, bis eine für Preußen günstige Situation entstand. Auf ganz Schlesien konnte kein Rechtsanspruch geltend gemacht werden, obwohl es nachträglich versucht wurde. Frühere Ansprüche auf einige schlesische Herzogtümer waren zum mindesten umstritten. F. stürzte sich mit der ganzen Unbesonnenheit der Jugend in ein Unternehmen, das ein großes Risiko in sich schloß und den König zum Friedens- und Vertragsbrecher stempelte. Er hat stets offen zugegeben, daß ihn das Ungestüm seiner Jugend, Ruhmsucht, ja|bloße Neugierde zu seinem Schritt veranlaßt hätten. Doch ist es zum mindesten eine Übertreibung, wenn die Eroberung Schlesiens und die spätere Teilung Polens als die „sensationellsten Verbrechen der Neuzeit“ bezeichnet worden sind (→G. P. Gooch). F. stand unter dem Zwang des geschichtlichen Auftrages. Preußen befand sich noch immer nach einem Ausdruck von F. in einer Zwitterstellung zwischen Kurfürstentum und Königtum, der Staat war nach allen Seiten hin infolge seiner unzusammenhängenden Gestalt und der ungünstigen Grenzen gefährdet. Es wäre auf jeden Fall schwierig gewesen, für Preußen die Unabhängigkeit einer Großmacht zu erreichen, ohne in einen Gegensatz zu den Interessen Österreichs oder einzelner Reichsstände zu geraten. Schon der Kronprinz hatte sich mit der schädlichen Rivalität des schlesischen Handels näher befaßt. Eine so reiche Provinz wie Schlesien verhalf Preußen zu einer erweiterten Wirtschaftbasis, ohne die es keine große Politik zu treiben vermochte. Schlesien war auch ein gegebenes Aufmarschgebiet für Operationen in Böhmen, es trennte überdies Sachsen von Polen. F. hat daher auch niemals die Entscheidung von 1740 bereut; noch im 7jährigen Krieg setzte er die Lebensfähigkeit seines Staates mit der Behauptung des schlesischen Besitzes gleich. Bestand ein grundsätzlicher Unterschied zu den Kriegen Ludwigs XIV.?
F. täuschte sich in seinen Berechnungen. Obwohl er für die Abtretung Schlesiens die Garantie des österreichischen Gesamtstaates und die Zustimmung zur Nachfolge →Maria Theresias anbot, entschloß sich die junge Königin fast allein zum äußersten Widerstand. Die Eroberung von Schlesien gelang; der protestantische Teil der Einwohnerschaft begrüßte F. als Befreier. Im übrigen aber entstand eine sehr ernste internationale Situation. →Georg II. bemühte sich um eine große Koalition gegen Preußen; Frankreich unter →Fleury versagte sich einem Bündnis. Erst die Schlacht von Mollwitz (10.4.1741) brachte den Umschwung. F. verfügte als Feldherr noch nicht über ausreichende Erfahrungen, seine Dispositionen stifteten Verwirrung an; auf Anraten des Feldmarschalls →von Schwerin verließ er das Schlachtfeld in einer wenig rühmlichen Flucht. Mollwitz wurde in seiner Abwesenheit →von Schwerin gewonnen. Der Eindruck auf Europa war groß. Am 5.6. kam es in Breslau zum preußisch-französischen Bündnis. Da jedoch die französische Kriegführung wenig energisch war und F. keine Lust hatte, für fremde Interessen zu kämpfen, schloß er mit Österreich das vielumstrittene Abkommen von Klein-Schnellendorf (9.10.). Schlesien blieb vorläufig bei Preußen. F. kam in den Ruf eines unzuverlässigen Verbündeten. Für Österreich bedeutete es die dringend benötigte Atempause, um seine Kräfte erneut zu sammeln. Nach kurzer Zeit trat daher F. wieder in den Krieg ein, diesmal im Bunde mit Bayern, dessen Kurfürst →Karl Albrecht in Frankfurt zum Kaiser (→Karl VII.) gewählt worden war (24.1.1742). F.s Sieg bei Chotusitz in Böhmen (17.5.) ermöglichte den Friedensschluß in Berlin (28.7.). Preußen erhielt Schlesien mit Einschluß der Grafschaft Glatz. Der Kampf ging in den Österreichischen Erbfolgekrieg über, Bayern wurde von den österreichischen Truppen erobert. Die sogenannte pragmatische Armee (Engländer, Holländer, Österreicher und deutsche Miettruppen) errangen den großen Sieg bei Dettingen über die Franzosen (27.6.1743). In diesem kritischen Stadium unternahm F. den Versuch, mit Hilfe des Reiches das österreichische Übergewicht zu brechen. Schon 1742 hatte er in München die Säkularisation geistlicher Gebiete angeregt. Nunmehr schlug er eine Assoziation von Reichsständen und Reichskreisen vor; eine Neutralitätsarmee sollte gebildet werden. Für sich verlangte F. die Stellung eines ständigen Generalleutnants. Von Reichspatriotismus läßt sich kaum sprechen, F. hatte nur das Interesse seines Staates im Auge. Der Plan scheiterte völlig, das Mißtrauen vieler kleinerer Reichsstände gegenüber Preußen war damals weit größer als gegenüber Österreich. Auch das vorgesehene französische Protektorat erregte Mißfallen. F. unternahm den 2. Schlesischen Krieg, nachdem ein neues Bündnis mit Frankreich zustandegekommen war (5.6.1744). Ohne genügende Sicherung der Verbindungswege fiel der König in Böhmen ein. Die Eroberung von Prag gelang ihm wohl; die österreichische Armee unter dem Prinzen →Karl von Lothringen drängte jedoch F. von seinen Magazinen in Prag und an der oberen Elbe ab. F. war genötigt, nach Schlesien zurückzugehen, die Armee war demoralisiert; vorübergehend kam es sogar zu einer Vertrauenskrise des Offizierkorps. Am 26.1.1745 starb →Karl VII., Bayern schloß eilig mit Österreich Frieden. Es war daher ein Glück, daß F. bei Hohenfriedberg ein glänzender Sieg gelang (4.6.). Hier hat er zum erstenmal sein Feldherrntalent voll unter Beweis stellen können. Österreich wurde erst durch weitere Mißerfolge friedensreif. Nach Siegen F.s bei Soor (30.9.) und des Alten Dessauers bei Kesselsdorf über die Sachsen (15.12.) kam in Dresden der Frieden zustande (25.12.). F. behielt Schlesien, Sachsen mußte eine Million Taler|Kriegsentschädigung zahlen. Seine Reichspläne waren allerdings völlig gescheitert; er erkannte den Gemahl der →Maria Theresia, →Franz I., als Kaiser an.
F. hat einen neuen Krieg für unvermeidlich gehalten. Er war sich der gefährdeten Lage Preußens sehr bewußt. Im Politischen Testament von 1752 betonte er vor allem die unregelmäßige Gestalt seines Staates, die ungeschützten Grenzen angesichts feindlicher Nachbarn. In den „Politischen Träumereien“ dieses Testaments bezeichnete er die Erwerbung von Sachsen, Westpreußen und auch Mecklenburg in hohem Grade für erwünscht. – F. hat unermüdlich an der Vervollkommnung der Armee gearbeitet; die in den Schlesischen Kriegen gewonnenen Erfahrungen wurden nutzbar gemacht. Er stellte allgemeine Richtlinien und Instruktionen auf, vor allem in den Generalprinzipien des Krieges (1748) und in einem Lehrgedicht über die Kriegskunst. Bei der Ausbildung legte er großen Wert auf kühnen Angriffsgeist, vornehmlich bei der Kavallerie, die überdies stark vermehrt wurde. Die Offiziersstellen waren so gut wie ausschließlich dem Adel vorbehalten. F. war der Meinung, daß der Adel als Stand mehr Ehrgefühl und mehr Führungstalent besitzen müsse als das Bürgertum. Er hielt den Adel für den ersten Stand, infolgedessen wurde dieser auch in seiner wirtschaftlichen Stellung begünstigt. Nur der Adlige durfte ein Rittergut erwerben, da damit Privilegien verbunden waren. Trotzdem kann man kaum sagen, daß F. die ständische Ordnung in ihrer ursprünglichen hierarchischen Bedeutung erhalten hat. Der erste Stand wurde so weitgehend in den Staat integriert, sein Ansehen so ausschließlich auf Leistung und Verdienst begründet, daß geradezu von einer gesellschaftlichen Umbildung gesprochen werden darf.
F. steuerte nicht bewußt auf einen Offensivkrieg hin, den er nur unter bestimmten Voraussetzungen für möglich hielt. Der Krieg wurde erst durch die großen Verschiebungen ausgelöst, die sich im europäischen Staatensystem vollzogen. Das „renversement des alliances“ hat sich schon seit langem vorbereitet. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts war aus der Rivalität zwischen Frankreich und England ein säkularer Gegensatz entstanden. Auch die anderen Gruppierungen waren in Fluß geraten. Mit allem Nachdruck betrieb Österreich unter →Kaunitz die Annäherung an Frankreich. Der Hauptfeind war Preußen geworden. In Frankreich waren die Meinungen gespalten. Während noch viele an der antihabsburgischen Tradition festhielten, gab es eine einflußreiche Partei, die Österreich schon deshalb Preußen vorzog, weil die Donaumonarchie als ein wertvollerer Bundesgenosse angesehen wurde. Nicht nur die →Marquise de Pompadour, sondern auch →Ludwig XV. und andere Politiker waren von der Notwendigkeit des Frontwechsels überzeugt; das Erstarken Preußens wurde mit Argwohn beobachtet. Auch die Haltung Rußlands, schon seit 1740 mit Österreich verbündet, ist nicht hauptsächlich aus dem persönlichen Haß zu erklären, den die →Kaiserin Elisabeth gegenüber F. empfand. Die zunehmende Handelsrivalität zwischen England und Rußland, der russische Ausdehnungsdrang nach dem Westen seit →Peter dem Großen, vor allem die polnische Frage, für deren rein russische Lösung Preußen im Wege stand, gaben den Ausschlag. Die Beziehungen zwischen England und Österreich waren mehr und mehr erkaltet. Die Gefahr einer sich herausbildenden antipreußischen Koalition wurde F. erst seit 1755 bewußt. Am 16.1.1756 schloß er die Westminster-Konvention mit England, in der sich England und Preußen zur gemeinsamen Abwehr jeden Angriffes einer fremden Macht verpflichteten. F. befürchtete eine Bedrohung Hannovers durch die Russen, er hoffte auf diese Weise diese an England zu binden und Österreich zu isolieren. Umgekehrt erwartete London von der Konvention, daß die große Auseinandersetzung mit Frankreich, die in Nordamerika bereits 1754 begonnen hatte, sich nicht zu einem europäischen Krieg erweitern würde. Die Erwartungen erfüllten sich nicht. Die französische Regierung betrachtete die Konvention als Verrat des preußischen Verbündeten. Sie entschloß sich zu einem Neutralitäts- und Verteidigungsbündnis mit Österreich (1.5.1756). Auch in Petersburg bestand Bereitschaft zum Kriege. Auf das äußerste beunruhigt über russische und österreichische Rüstungen und angebliche Truppenbewegungen entschloß sich F. zum Präventivkrieg, in der Überzeugung, daß es ihm noch durch rasche Siege gelingen werde, die sich bildende Koalition zu sprengen. Im August 1756 fiel er in Kursachsen ein; der Versuch, aus Dresdener Archiven Sachsens preußenfeindliche Haltung und die Kriegsabsichten seiner Gegner zu beweisen, verfehlte seine Wirkung. Bei den meisten Reichsständen herrschte helle Empörung über F.s Vorgehen. Die brutalen Maßnahmen, die er militärisch und wirtschaftlich in dem eroberten Lande traf, gaben diesen Gefühlen ständig neue Nahrung. Auch in Frankreich schlug die Stimmung zu F.s Ungunsten um. Aus dem Defensivvertrag wurde der Offensivvertrag vom 1.5.1757. Rußland und Schweden traten in den Krieg ein. Der Sieg von Prag (6.5.) über →Karl von Lothringen war durch große Opfer und den Tod von Schwerin teuer bezahlt. Die Niederlage von Kolin (18.6.) wirkte sich militärisch, politisch und psychologisch gleich verhängnisvoll aus. Sie zerschlug alle Friedenshoffnungen, nahm F. den Nimbus der Unbesiegbarkeit und brachte den Reichskrieg in Gang. Böhmen mußte sofort geräumt werden. Prinz →August Wilhelm ließ sich bis Bautzen zurückdrängen, so daß Schlesien bedroht war. F. behandelte seinen Bruder mit unnachsichtiger Härte, er enthob ihn des Kommandos. In der nächsten Zeit häuften sich die Unglücksbotschaften. Die Österreicher drangen bis Berlin, die Russen in Ostpreußen, die Schweden in Pommern vor. Durch die Konvention von Kloster Zeven¶ (8.9.) zog sich England-Hannover zeitweilig aus dem kontinentalen Krieg zurück. F., der noch mit einer gewissen Unbekümmertheit und Überheblichkeit in den Krieg eingetreten war und seinen Minister →von Podewils, der ihn gewarnt hatte, spöttisch „Monsieur de la politique timide“ nannte, kämpfte fortan um den Bestand seines Staates. Er sollte merkwürdigerweise seinen Ruhm auf schweren diplomatischen und militärischen Fehlern begründen. Denn erst jetzt konnte er unter Beweis stellen, daß er ein Feldherr von hohem Range war. Im Unglück entwickelte er jene erstaunliche moralische Energie, die allein die Selbstbehauptung gegenüber der feindlichen Übermacht ermöglicht hat.
F. kann als Feldherr nur dann zutreffend gewürdigt werden, wenn davon ausgegangen wird, daß Politik und Strategie bei ihm eine vollkommene Einheit bildeten. Seine strategischen Pläne waren weitgehend von politischen Erwägungen abhängig. Da er häufig vor der Notwendigkeit stand, sich gegenüber zahlenmäßig überlegenen Gegnern zu behaupten, mußte er darauf bedacht sein, das Zusammenwirken mehrerer feindlicher Armeen zu vereiteln beziehungsweise mit durchschlagenden Erfolgen Friedenschancen zu eröffnen. Der Mut zum Wagnis, aber auch die nüchterne Erfassung aller sich ergebenden Möglichkeiten bestimmten die Art seiner Kriegführung. F. darf nicht auf ein starres System festgelegt werden, da er sich durch Erfahrungen belehren ließ. Der Streit, ob F.s Kriegführung mehr der Ermattungsstrategie oder der Vernichtungsstrategie zuzurechnen ist, darf daher als erledigt gelten. Angesichts der beschränkten Mittel, der ungünstigen Verkehrsverhältnisse, mit einer Armee, die sich zum Teil aus Ausländern und unzuverlässigen Elementen zusammensetzte, konnte F. nicht daran denken, den Feind in offenen Feldschlachten vernichtend zu schlagen. Aber er war auch nicht mehr ein Anhänger der bisherigen Manövriertaktik, er nahm das Risiko der Schlacht auch unter ungünstigen Bedingungen auf sich. Fehlschläge waren unvermeidlich. Durch diese offensive Kriegführung hat F. jedoch die Gegner demoralisiert, die lähmende Wirkung, die von seinen manchmal gänzlich unerwarteten Erfolgen ausging, läßt sich kaum überschätzen. – Im November 1757 faßte F. einen überaus kühnen Entschluß. Ohne Rücksicht auf die akute Gefährdung Schlesiens wandte er sich gegen die von Westen vordringenden Franzosen und Reichstruppen und schlug sie bei Roßbach (5.11.). Die Wirkung war außerordentlich. In London verwarf →W. Pitt die Konvention von Kloster Zeven¶; Preußen erhielt Subsidien, ein Hilfskorps unter der ausgezeichneten Führung →Ferdinands von Braunschweig operierte seitdem im nordwestlichen Raum erfolgreich gegen die Franzosen. Roßbach wurde aber auch in Deutschland als nationales Ereignis gefeiert. In Eilmärschen wandte sich F. nach Schlesien zurück, das inzwischen fast ganz verlorengegangen war. Bei Parchwitz vereinigte er sich mit der schlesischen Armee. Hier hat F. seine berühmte Ansprache an seine Offiziere gehalten. Sie war ein psychologisches Meisterstück. Er verheimlicht den verzweifelten Ernst der Lage nicht, appelliert an das Ehrgefühl, droht aber auch zugleich schwere Strafen für etwa versagende Regimenter an. Unter Anwendung der schiefen Schlachtordnung, das heißt bei anfänglicher Zurückhaltung des linken Flügels, errang er bei Leuthen einen großen Sieg über die an Zahl weit überlegenen Österreicher (5.12). Ganz Schlesien fiel wieder in seine Hand. Niemals war F. seiner Armee, die an diesem Tage überwiegend aus Landeskindern bestand, die für den König und ihren Glauben kämpften, so nahe, wie am Abend von Leuthen, als der Choral „Nun danket alle Gott“ über das Lager hinweg erklang. Hoffnungen auf den Frieden zerrannen jedoch bald, das österreichisch-französische Bündnis wurde Anfang 1758 erneuert. F. schlug zwar die Russen bei Zorndorf (25.8.); aber die Verluste waren außerordentlich schwer. Er lernte die Tapferkeit und Disziplin der russischen Soldaten fürchten. Bei dem nächtlichen Überfall von Hochkirch (14.10.) durch die Österreicher büßte F.einen großen Teil seiner Artillerie ein. Seit 1759 befand sich F. bereits in der strategischen Defensive. Er wagte den Angriff auf die vereinigten Russen und Österreicher, die sich rechts der Oder bei Kunersdorf in|günstigen Stellungen befanden, er erlitt eine vernichtende Niederlage (12.8.). F. hat in der Schlacht den Tod gesucht, er gab hinterher alles verloren, es kam vorübergehend zu einer schweren physischen und psychischen Krise. Er übergab den Befehl über die Trümmer der Armee dem General →F. A. von Finck und trug sich ernstlich mit Selbstmordgedanken. Als der Gegner infolge von Meinungsverschiedenheiten und aus Furcht vor dem Genie des Königs den Sieg nicht ausnutzte (das Mirakel des Hauses Brandenburg!), fing sich F. nach wenigen Tagen wieder. Er konnte jedoch die Kapitulation von →Finck bei Maxen (20.11.) nicht verhindern. Er hatte diesem eine undurchführbare Aufgabe übertragen. Die Siege bei Liegnitz (15.8.1760) und bei Torgau (3.11.) konnten nur eine zeitweilige Entlastung bringen; Schlappen von Unterführern hielten die Waage; trotz vielfacher Bemühungen gelang es F. nicht, mit einer der feindlichen Mächte einen Sonderfrieden zu schließen. Die Russen wurden durch die Aussicht auf Ostpreußen festgehalten. Allerdings war F. keinen Augenblick zur Preisgabe auch nur eines Teils von Schlesien bereit.
Seine Kräfte waren erschöpft. Fortan mußte er sich auf die reine Defensive beschränken. Das Ersatzproblem wurde immer ernster. In zunehmendem Maße wurde auf Landeskinder zurückgegriffen. Freibataillone wurden aufgestellt, blutjunge Kadetten und auch Bürgerliche rückten in die Offiziersstellungen ein. Die Wirtschaft lag schwer danieder, selbst vor einer Münzverschlechterung schreckte der König nicht zurück. Gewiß darf bei F. die Neigung zur Schauspielerei, die Vorliebe für eine antike Pose nicht übersehen werden. Er ließ sich manchmal mehr gehen, als notwendig war. Auch klammerte er sich immer wieder an die Hoffnung auf eine Hilfe von den Türken und Tataren. Aber letzten Endes hat der König doch ganz illusionslos sich die furchtbare Lage seines Staates klargemacht. Die Last der Verantwortung drückte ihn schwer, gegen die Schrecken des Krieges war er durchaus nicht unempfindlich. Zum erstenmal bezogen Österreicher und Russen 1761 auf preußischem Boden Winterquartiere. In England wurde →Pitt gestürzt, der das preußische Bündnis sehr hoch eingeschätzt hatte; ein englisch-französischer Sonderfriede stand vor der Tür. Nur der Tod der Kaiserin Elisabeth am 5.1.1762 hat F. vor dem Schlimmsten bewahrt. Ihr Nachfolger, der Holsteiner →Peter III., ein infantiler Narr, aber ein glühender Bewunderer des preußischen Königs, schloß mit diesem sofort ein Bündnis. Nach →Peters baldigem Sturz kündigte →Katharina II. wohl das Bündnis, trat aber nicht wieder in den Krieg ein. Nachdem F. bei Burkersdorf (21.7.), →Prinz Heinrich bei Freiberg (29.10.) Erfolge davongetragen hatten, konnte angesichts der allgemeinen Kriegsmüdigkeit der Friede von Hubertusburg zustandekommen (15.2.1763). Der territoriale Besitzstand blieb unverändert, F. gab die Zusage, einer künftigen Wahl des Erzherzogs →Josef zum Kaiser zuzustimmen. Der 7jährige Krieg war ein Weltkrieg gewesen, den Hauptgewinn trug England davon, zu dessen Gunsten war die Entscheidung in Amerika und Indien gefallen.
Europa und Nordamerika blickten bewundernd auf F., der Nimbus der preußischen Armee wirkte lange nach. In den Augen vieler Engländer und Amerikaner hat F. bis in das 19. Jahrhundert hinein als Vorkämpfer der protestantischen Freiheit gegolten. Er kehrte jedoch enttäuscht zurück. Er hatte auf territorialen Gewinn, besonders auf Sachsen gehofft. Im politischen Testament von 1768 sprach F. Preußen noch immer den Charakter einer Großmacht ab, er wußte, daß die Außenposten Ostpreußen und die westlichen Besitzungen im Kriege nicht zu halten waren. F. war weiterhin bemüht, die Schlagkraft der Armee zu erhalten beziehungsweise zu mehren – zu den damals schon notwendigen umfassenden Reformen kam es allerdings nicht –, einen neuen Krieg wünschte er nicht. Er fürchtete die russische Macht und war deshalb bereit, mit →Katharina ein Verteidigungsbündnis zu schließen (11.4.1764). F. hat es beklagt, daß der preußisch-österreichische Dualismus ein Zusammengehen mit dem Kaiserstaat zur Abwehr des russischen Druckes unmöglich machte. Seine Zusammenkünfte mit →Josef II. in Neiße (25.8.1769) und Mährisch-Neustadt (3.-7.9.1770) führten nur zu einer vorübergehenden Entspannung. F.hatte die Erwerbung Westpreußens stets als erstrebenswertes Ziel angesehen. Die Verhandlungen mit →Katharina II. über Polen kamen unter Vermittlung des Prinzen →Heinrich in Gang. →Katharina hat Preußen zunächst nur Ermland zugedacht. Infolge der drohenden Haltung Österreichs, das über die russischen Erfolge im Kriege gegen die Türkei sehr beunruhigt war und die Festsetzung der Russen in den Donaufürstentümern um keinen Preis zulassen wollte, gab sie nach. So kam am 5.8.1772 der endgültige Vertrag über die sogenannte 1. Teilung Polens zustande, die Preußen den Gewinn von Ermland und Westpreußen ohne Danzig und Thorn eintrug, also nur polnische Eroberungen nach dem Zusammenbruch des Ordensstaates. Gegen schwere Gewissensbedenken →Maria Theresias setzte →Josef Österreichs Beteiligung durch, es erhielt Galizien. Der Unwille über die Teilung war im übrigen Europa schon damals groß. Frankreich sah sich außerstande, Polen zu helfen. In England waren die Meinungen geteilt. Es gab sehr scharfe Kritik, man sorgte sich auch um den Handel mit Danzig; es fehlte jedoch nicht an Stimmen, die schon aus konfessionellen Gründen und aus Verachtung der polnischen Zustände der Regierung strikte Neutralität anempfahlen. F. beobachtete nach wie vor die österreichische Politik voller Mißtrauen. Als →Josef II. den Übergang Bayerns an die kurpfälzische Linie mit österreichischen Erbansprüchen auf Niederbayern beantwortete, kam es 1778 zum Bayerischen Erbfolgekrieg, da F. unter keinen Umständen eine derartige Verstärkung der österreichischen Machtstellung im Reich zulassen wollte. Sachsen stand ihm zur Seite. Es kam jedoch zu keinen größeren Kriegshandlungen (Kartoffelkrieg), F. und auch →Maria Theresia wollten den Frieden; die Haltung der Großmächte war Österreich wenig günstig. So begnügte sich dieses im Teschener Frieden mit dem Innviertel (13.5.1779). Aber →Josef II. gab nach dem Tode seiner Mutter (1780) seine Pläne nicht auf. Im Kurfürstentum Köln und im Fürstbistum Münster war durch die Wahl eines Sohnes →Maria Theresias zum Koadjutor der österreichische Einfluß sehr verstärkt worden. Es war →Josef gelungen, Rußland auf seine Seite zu ziehen. Da er auf französische Unterstützung rechnete, wollte er den bayerischen Kurfürsten zu einem Tausch gegen die Niederlande bewegen. F. fand sich in Europa isoliert, so übernahm er dieses Mal die Rolle des Protektors der ständischen Freiheiten. Es gelang ihm, eine Anzahl der über die österreichischen Pläne beunruhigten deutschen Fürsten 1785 im Fürstenbund zu einigen. Den Kern bildeten zunächst Preußen, Hannover und Sachsen, andere Reichsstände, sowohl protestantisch wie katholisch, schlossen sich an. Wieder waren für F. reichspatriotische Erwägungen nicht bestimmend. Das Ziel wurde erreicht, Österreich wich zurück, Bayern blieb selbständig. Immerhin wies der Fürstenbund schon deutlich in die Zukunft. Das Reich war keine machtpolitische Realität mehr. Die deutschen Staaten waren daher genötigt, sich je nach der Konstellation um die beiden Kraftfelder Österreich und Preußen zu gruppieren.
Seit dem Ende der ersten Schlesischen Kriege war F. in rastloser Fürsorge für seine Länder tätig. Die Selbstregierung aus dem Kabinett wurde von ihm auf die Spitze getrieben. Bis ins kleinste hinein wünschte er alles selbst zu regeln. Es lag hierin eine Überspannung des Systems, zumindest gilt dies für die späteren Jahre. Notwendig ergaben sich Schwierigkeiten mit den Provinzen, da deren Bedürfnisse sehr verschieden gelagert waren. Als Organisator war F.seinem Vater nicht ebenbürtig. Im allgemeinen ließ er die von diesem eingerichtete Verwaltungsordnung bestehen. Im Generaldirektorium wurden zwei neue Departements eingeführt, für Kommerzien- und Manufakturwesen sowie für die Militär- und Proviantverwaltung. Sie waren für den ganzen Staat zuständig. Für Schlesien wurde ein Provinzialminister ernannt, der dem König direkt verantwortlich war. Das Landratsamt, eine ständische Einrichtung, wurde auf alle Provinzen ausgedehnt, auf dem Lande konnte sich daher eine kräftige Selbstverwaltung entfalten, während in den Städten hiervon noch nicht die Rede sein konnte. 1744 kam Ostfriesland durch Erbfall an Preußen. Die alte ständische Verfassung wurde zunächst beibehalten, Widerstand gegen die Staatsgewalt freilich rasch gebrochen. Die Stände verzichteten freiwillig auf wesentliche Rechte. Sehr bedeutsam waren die Reformen im Zivilrecht. Sie verfolgten zwei Hauptziele: Die Verbesserung beziehungsweise Vereinfachung der Gerichtsverfassung und Prozeßordnung sowie die Schaffung eines allgemeinen Landrechtes. F. fand in den beiden Großkanzlern →S. von Cocceji und →C. von Carmer für das große Werk vorzüglich geeignete Helfer. Die Reformen in der Gerichtsverfassung gewährleisteten größere Sicherheit für jeden einzelnen; die Voraussetzungen für einen unabhängigen und tüchtigen Richter- und Anwaltsstand wurden geschaffen. Die Kodifizierung des allgemeinen Landrechts begann →Carmer mit Unterstützung von →G. Svarez nach dem 7jährigen Krieg. Es ist erst 1794 in Kraft getreten, und es war eine wichtige Etappe auf dem Wege zum Rechtsstaat. F. wollte im Prinzip die Unabhängigkeit der Zivilgerichte. Im Prozeß des Müllers Arnold (1779) hob er jedoch das Urteil willkürlich auf und bestrafte die Mitglieder des Kammergerichts hart. Er war des irrigen Glaubens, daß das Recht zu Ungunsten der schwächeren Prozeßpartei gebeugt worden war. Gerade dieser Mißgriff erwarb F. im In- und Auslande den Ruf unbestechlicher Gerechtigkeit und eines Beschützers der Schwachen. Gleich nach dem Regierungsantritt beseitigte er die Tortur und sorgte für Milderung der Strafen im zivilen Bereich. In der Armee behielt er die barbarischen Strafen ohne Einschränkung bei, von der|Überzeugung ausgehend, daß ohne Furcht des gemeinen Mannes vor den Offizieren die Disziplin nicht aufrechterhalten werden könne. – In seiner Toleranz gegenüber den Kirchen ging F. sehr weit. Auch die katholische Kirche wurde von ihm geschützt. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens hat er diesem eine Freistatt in seinen Landen angeboten. Konflikte mit dem fürstbischöflichen Stuhl in Breslau waren allerdings trotzdem nicht zu vermeiden. Die – ohnehin beschränkte – Pressefreiheit wurde bald wieder aufgehoben, aber „raisonnieren“ war durchaus gestattet, da F.das für ungefährlich hielt. Den Ausländern fiel die freimütige Kritik in preußischen Landen besonders auf. – Obwohl sich F. in der Spätzeit für pädagogische Probleme besonders interessierte – auch die Schrift über die deutsche Literatur verfolgte einen pädagogischen Zweck –, blieben die Reformen im Erziehungswesen nur Stückwerk. F. begünstigte das humanistische Gymnasium, er wünschte auch eine Verbesserung des Deutschunterrichts in den höheren Schulen, für die breiten Volksschichten hielt er nur elementarste Kenntnisse für erforderlich.
Seine Wirtschaftspolitik wurde von den merkantilistischen beziehungsweise kameralistischen Zeitanschauungen bestimmt. In der Landwirtschaft richtete sich das Hauptstreben auf Melioration und „Peuplierung“, da F. in der menschlichen Arbeit die Quelle des Reichtums eines Landes erblickte. Zahlreiche Kolonistenfamilien wurden angesiedelt, vorwiegend im Oder- und Warthebruch, später auch im Netzebruch. Auf den königlichen Domänen wurde die Erbuntertänigkeit der Bauern aufgehoben. Der König scheute jedoch davor zurück, seinem Landadel ähnliche Reformen aufzuzwingen, da er ihm für den Dienst in der Armee und in der Zivilverwaltung unentbehrlich war. Man fürchtete auch, daß die Bauern nach der Aufhebung der Gutsuntertänigkeit in die Städte abwandern würden. Wie bereits seine Vorgänger verbot jedoch F. im fiskalischen Interesse das Bauernlegen.
Handel und Gewerbe wurden von ihm mit allen Mitteln gefördert. Sie standen gänzlich unter der Kontrolle des Staates; von Freizügigkeit und Privatinitiative konnte noch nicht die Rede sein. Die Folgen des 30jährigen Krieges waren durchaus noch nicht völlig überwunden; ein von Vorurteilen freier und selbstbewußter Bürgerstand mußte sich erst bilden. Es war allerdings schon ein gewisser Anachronismus, wenn F. auch nach dem 7jährigen Krieg noch an den starren merkantilistischen Methoden mit Zollsperren festhielt. Den zukunftsweisenden Gedanken der Physiokratie, die Freiheit des Handels, übernahm er nicht. Besondere Aufmerksamkeit wandte F. der Textil- und Seidenindustrie zu. Später begann der große Aufschwung der schlesischen Montanindustrie, die Berliner Porzellanmanufaktur wurde berühmt. Sehr viel ist für die Verbesserung der Verkehrswege, insbesondere der Wasserstraßen geschehen. Westpreußen hat von der Verwaltung, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, bedeutenden Nutzen gezogen. Nach dem 7jährigen Krieg mußte F. auf das „Rétablissement“, auf den Wiederaufbau, mit dem verwaltungsmäßige Maßnahmen verbunden waren, bedacht sein. Die Heilung der Kriegsschäden ging verhältnismäßig rasch vonstatten, obwohl zahlreiche Dörfer zerstört worden waren. F. scheute in dieser Periode nicht vor Experimenten zurück. Das Tabak- und Kaffeemonopol machten in weiten Kreisen böses Blut. Sehr umstritten war auch die sogenannte Regie, die einheitliche Verwaltung der Akzise, das heißt der indirekten Steuern. Für die leitenden Kontrollstellen zog er Franzosen heran, da er sie für besser vorgebildet hielt. Die staatliche Planwirtschaft wirkte sich günstig auf die Getreidehandelspolitik aus, da vermittels Anlage von Getreidemagazinen und der Regelung von Ein- und Verkauf der Preis in einer für Produzenten und Konsumenten annehmbaren Höhe erhalten wurde. Nur durch eine solche Vorratssammlung konnte die furchtbare Hungersnot der Jahre 1771/72 aufgefangen werden. Im großen und ganzen läßt sich doch von F.s Wirtschaftspolitik sagen, daß sie beträchtliche Erfolge erzielte. Seine Regierung schloß mit einer aktiven Handelsbilanz ab.
Der Kunst, der Literatur und den Wissenschaften wandte F. vor allem vor dem 7jährigen Krieg das lebhafteste Interesse zu Schloß Sanssouci ließ er sich fast ganz nach eigenen Entwürfen erbauen (1745-47). Der Ausbau des Potsdamer Stadtschlosses und das Berliner Opernhaus waren unter anderem Schöpfungen von →Knobelsdorff. Das Rokoko erhielt durch diesen ein eigentümlich preußisches Gepräge. Als Bildersammler begünstigte F. zunächst die Franzosen (→Watteau), später Niederländer und Italiener. Die in Verfall geratene Akademie empfing einen ganz neuen Geist; sie wurde repräsentativ für alle Zweige der Wissenschaft und schönen Künste. F. zog die Franzosen auffällig vor, nicht nur weil er von deutschen Gelehrten nicht allzuviel hielt, sondern weil er bei ihnen das weltgewandte Auftreten der Franzosen vermißte. Erster Präsident wurde der berühmte Mathematiker →Maupertuis. Bedeutend waren zum Teil die der Akademie angehörenden Naturforscher. Zu den exakten Wissenschaften gewann F. nie das rechte innere Verhältnis. F.gab aber schon dadurch der Akademie ein ungewöhnliches Ansehen, daß er sich selbst als Mitglied betrachtete und seine Arbeiten in diesem Kreise verlesen ließ. Er war, soweit es ihm die Zeit erlaubte, literarisch tätig. Er schrieb Schriften politischen, militärischen, philosophischen Inhalts, zahllose Oden, Episteln, Satiren. Von seinen Gedichten haben nur sehr wenige einen künstlerischen Wert, aber gerade sie verraten viel vom Denken des Menschen und Königs. 1746-51 entstanden die „Memoires pour servir à l'histoire de la maison de Brandebourg“ und die „Histoire de mon temps“, die F. dann nach dem 7jährigen Krieg fortsetzte. F. konnte selbstverständlich kein objektiver Geschichtsschreiber sein. Die Handlungen einzelner Persönlichkeiten stehen im Vordergrund. Aber das Bemühen um Distanz von der eigenen Person ist auffallend, eigene Fehler und Irrtümer werden nicht verschwiegen. Diese Geschichtsschreibung sollte nicht nur Rechtfertigung seiner Politik, sondern auch Kontrolle der von ihm gewonnenen Erfahrungen durch die Geschichte sein.
In Sanssouci sammelte F. eine Tafelrunde um sich, zu der 1750-53 auch →Voltaire gehörte. Dieser schied dann unter unerfreulichen Umständen im Zorn und verfaßte ein überaus gehässiges Pamphlet über den Berliner Hof. Der Briefwechsel wurde jedoch im 7jährigen Krieg wieder aufgenommen. In den späteren Jahren wurde es immer schwieriger, einen festen Kreis zusammenzuhalten. F. verdarb sich durch verletzende Spottsucht vieles; manche Ausländer fühlten sich auf die Dauer in der Berliner und Potsdamer Atmosphäre nicht wohl. Einen überragenden Platz nahm in F.s Leben die Musik ein. 1742 wurde das neue Opernhaus eröffnet, zusätzlich hat der König das sogenannte „Intermezzo“ im Potsdamer Stadtschloß errichtet. Sein musikalischer Geschmack war einseitig, er neigte vornehmlich der älteren Neapolitanischen Schule zu. 1747 kam es zu einer Begegnung mit →Bach. F. bewunderte sein Spiel auf Silbermannschen Hammerklavieren, wahrscheinlich hat er jedoch für die Widmung des „Musikalischen Opfers“, dessen Thema er selbst angegeben hatte, nicht einmal gedankt. →Bachs geistliche Musik stand ihm fern. Bachs Sohn →Philipp Emanuel war seit 1740 erster Cembalist in Berlin, ging aber 1767 nach Hamburg, weil er sich wie auch andere vernachlässigt fühlte. Während und nach den ersten beiden Schlesischen Kriegen hat F. viel komponiert. Es werden ihm unter anderem etwa 121 Sonaten für Flöte und Cembalo und 4 Konzerte für Flöte und Streichorchester zugeschrieben. F. hat auch einzelne Stücke zu Opern von →C. H. Graun und →J. A. Hasse in Musik gesetzt und Opernlibretti geschrieben. Der Hohenfriedberger Marsch stammt vermutlich nicht von ihm. Musikkenner rühmen den Schwung und die Eleganz der melodischen Erfindung und beanstanden eine gewisse Unsicherheit in der Ausführung. Das Flötenspiel (Ausbildung hauptsächlich von →J. Quantz) war für F. gleichzeitig Anregung und Erholung; er griff zeitweilig tagsüber vier- bis fünfmal zur Flöte. Er spielte, soweit bekannt ist, ausschließlich eigene Kompositionen und diejenigen von →Quantz. Die Zeitgenossen fanden sein Adagio bemerkenswert. Nach dem 7jährigen Krieg ließ F.s Interesse an der Musik merklich nach. Die Oper geriet allmählich in Verfall. Nach dem Bayerischen Erbfolgekrieg hat der König die Flöte nicht mehr in die Hand genommen. F. war in seinem Alter für Neues nicht mehr aufnahmefähig. Selbst von der jüngeren italienischen Musik wollte er nichts wissen.
Der geistigen Bewegung der späteren Jahre stand F. mit geringerem Verständnis gegenüber. Das galt auch für die jüngere französische Generation, deren Gesellschaftskritik er überheblich fand, deren formloser Subjektivismus seinen Spott herausforderte. Nur für Einen aus dem Umkreis der Enzyklopädisten, für →d'Alembert, brachte er Zuneigung auf. →Rousseau hielt er im Grunde für einen Narren, wenn er ihm auch vorübergehend in Neuchâtel Asyl gewährt hat. F. hat die große Revolution nicht vorausgeahnt. Aber sein aristokratischer Instinkt verriet ihm, daß durch die neuere Literatur und Philosophie die Ordnung, wie er sie verstand, gefährdet wurde. Den Aufflug des deutschen Geistes hat er nicht mehr zu erkennen vermocht. →Lessing, →Herder, →Winckelmann hätte er nach Berlin ziehen können. 1780 verfaßte er seine Schrift „De la littérature allemande“. Die Beispiele, die er für die deutsche Rückständigkeit anführte, waren willkürlich und wenig überzeugend, sie verrieten geringe Sachkenntnis. In seiner Ablehnung des „Götz“ und →Shakespeares stand er allerdings nicht allein. Als Voraussetzung für Ebenbürtigkeit mit französischer Kultur forderte F. die Erziehung zum Geschmack, die Reinigung und Veredelung der deutschen Sprache. Er kündete jedoch bereits die Morgenröte einer besseren Zeit an. Die Schrift rief in der deutschen Bildungswelt Entrüstung und Ablehnung hervor. →Justus Möser schrieb eine Gegenschrift (1781). Trotzdem wird F.s indirekter Einfluß auf die deutsche geistige Bewegung nicht zu unterschätzen sein. →Goethes bekannte Bemerkung in „Dichtung und Wahrheit“, daß erst durch F. und die Taten des 7jährigen Krieges der erste und höhere eigentliche Lebensgehalt in die deutsche Poesie gekommen sei, mag vielleicht etwas übertrieben sein. Aber schon sein Dasein wirkte anregend und aufreizend, gleichgültig wie man zu ihm stand. Die deutsche Aufklärung konnte ihn vollends nicht übersehen. In Berlin begann sich ein reges geistiges Leben zu entwickeln, das allerdings erst nach seinem Tode zur vollen Entfaltung kam.
F. galt in den Augen des Volkes nach dem 7jährigen Krieg als der „Alte Fritz“. Die seelischen Belastungen des Krieges hatten ihm hart zugesetzt, die Schroffheit seines Wesens hatte merklich zugenommen, er hatte keine Freunde mehr; seine Menschenverachtung stand in einem eigentümlichen Widerspruch zu der unablässigen Fürsorge für sein Volk. Fehlte es ihm, wie oft behauptet worden ist, durchaus an Güte und Gemüt? F. konnte sehr hart, ja ungerecht gegen alle diejenigen sein, denen er irgendein Amt aufgetragen hatte. Er glaubte von den anderen Menschen das gleiche wie von sich selbst verlangen zu müssen. Aber für den kleinen Mann empfand er zum mindesten Mitleid. Solchen Menschen konnte er freundlich, ja warmherzig begegnen, die Briefe an seinen Kammerdiener →Fredersdorff bezeugen das eindrucksvoll. Seine Maßnahmen waren durchaus nicht ausschließlich dem Staatszweck unterworfen; der König war auch dann hilfsbereit, wenn es echte Not zu lindern galt. Man könnte meinen, daß er geradezu darauf ausging, zwischen sich und den Mitmenschen eine Schranke zu errichten und sich mehr zu isolieren, als nötig war. F. hätte geliebt werden können. Wenn er wollte, konnte seine Persönlichkeit einen unwiderstehlichen Zauber ausstrahlen. Wieviele haben auf ein einziges freundliches Wort von ihm gewartet. Hat er sich bewußt gegen die weicheren Seiten seines Wesens abzuschätzen gesucht? Popularitätshascherei fand er eines Königs unwürdig. Die größte Wirkung ist von dem Vorbild ausgegangen, das F. seinem Lande gab. Er war allgegenwärtig. Auf zahlreichen Reisen überzeugte er sich durch Augenschein von der Durchführung seiner Befehle. Mit seinen Beamten stellte er förmliche Examen an, er verlangte genaueste Kenntnisse. Es war schwer, ihn zufriedenzustellen. Bei militärischen Besichtigungen war es das Gleiche, sie waren fast mehr gefürchtet als der Krieg; Kinder von Kommandeuren haben vorher darum gebetet, daß der Vater seine Stellung behalten möge. Aber des Königs ungeheure Arbeitsleistung war ein ständiger Ansporn. Das gemeine Volk hatte unbegrenztes Vertrauen in die Gerechtigkeitsliebe des Königs, wie es in den zahlreichen Anekdoten zum Ausdruck kommt, die noch anderthalb Jahrhunderte später selbst in den untersten Volksschichten von Mund zu Mund gingen. Wenn auch der Druck des Despotismus von vielen als unerträglich empfunden worden ist, hat sich doch bei Beamten und Offizieren das Staatsethos weiter verstärkt, der Sinn für den Vorrang des Gemeinwohls. Wie schon sein Vater, gab F.durch sein Beispiel dem Wort „dienen“ eine Würde, die es im üblichen Sprachgebrauch nicht besitzt.
F. ist von der Mit- und Nachwelt sehr verschieden beurteilt worden. Die Meinungen schwanken bis zum heutigen Tage zwischen Bewunderung, kühler Achtung, Ablehnung und sogar Abscheu. Das Urteil über F. ist gewissermaßen ein Spiegelbild der geistesgeschichtlichen Wandlungen. Er stand zwischen 2 Epochen. Er durchlebte den Widerstreit zwischen Macht und Recht, zwischen Gewalt und Humanität, zwischen Freiheit und Notwendigkeit in ungewöhnlicher Stärke. Es wird immer notwendig sein, sich mit dem Menschen und Staatsmann kritisch auseinanderzusetzen. Eine so außerordentliche Erscheinung wie F. muß aber im Zusammenhang mit der abendländischen Geschichte gesehen werden. Die geistige Ruhelosigkeit und die moralische Aktivität, die Europas Ehre und Gefahr ausgemacht haben, konnten sich von Zeit zu Zeit in einer einzigen Persönlichkeit in solchem Übermaß verdichten, daß sie das Gefäß manchmal sprengten. Angesichts starker Gegengewichte konnte es bei F. dazu nicht kommen. Aber vielleicht stand er nicht an dem seinem Genie angemessenen Platz? F.s Entwicklung wurde nicht nur durch seine unglückliche Jugend gehemmt. Es läßt sich vielleicht sagen, daß F. die räumliche Enge und die ständige Gefährdung seines Staates die volle Entfaltung aller seiner Anlagen und Talente nicht erlaubt haben. Die Wirkung ging von der Gesamterscheinung aus; der schöpferische Impuls war in den inneren Spannungen seines Wesens begründet. Keinesfalls darf er nur als der Funktionär einer seelenlosen Maschinerie gesehen werden. In seinem Staat wirkte eine geistige und sittliche Energie fort, wie sie in der großen Reformzeit so eindrucksvoll zutage trat. Preußen war durch F. noch nicht in einer|bestimmten Richtung für alle Zukunft festgelegt. Es blieben noch andere Entscheidungsmöglichkeiten offen. Gegenüber einer rein negativen Kritik behält noch immer das Wort seine Gültigkeit, das im Angesicht von F.s Totenmaske einem Kritiker zugerufen worden sein soll: „Sehen sie erst so aus – dann mögen Sie ihn verurteilen.“
11. Friedrich Wilhelm I. (Preußen)
Es liegt etwas auffallend Vitales, heftig Vorwärtsdrängendes und ruhelos Vorantreibendes in der sehr komplexen Gestalt F.s, eine tief im Religiösen verwurzelte, vom Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott gepeinigte Persönlichkeit, die im Kampf lag mit einer vulkanischen Naturanlage, die ihr im persönlichen Leben wie im politischen Handeln zu schaffen machte. F.s starker, eigenwilliger und nüchtern empfindender Charakter entwickelte sich in ausgesprochenem Gegensatz zu den höfisch-repräsentativen Auffassungen seines Vaters wie auch der philosophisch-künstlerischen Lebensweise seiner Mutter. Bei beiden sah sein frühzeitig allein dem echten Wirklichen und dem Natürlich-Praktischen zugewandtes Empfinden und Denken jeweils nur eine unwahre, falsche Form, die er haßte. Durch seinen Gouverneur, Alexander Graf zu Dohna, und seinen eigentlichen Lehrer Jean Philippe Rebeur erhielt er eine streng calvinistische Erziehung, deren Prädestinationslehre den nach außen rauhen, im Innern sehr empfindlichen Knaben tief ängstigte. Der lutherische Gnadenuniversalismus gab dem 20jährigen persönliche Glaubensgewißheit, die entscheidend blieb für die christliche Auffassung des Herrscheramtes. Der nachwirkende Einfluß Rebeurs läßt sich noch in den weltanschaulich-politischen Teilen des persönlichen Hauptzeugnisses F.s aufweisen, im Politischen Testament von 1722. In der Herrschaft Wusterhausen, die der 10jährige zur eigenen Bewirtschaftung als Gutsherr erhielt, hat der Prinz zunächst im engeren Kreise die intensiven ökonomischen Fähigkeiten entwickelt, die ihn zum größten Staatswirt Preußens werden ließen. Das düstere Jagdschloß blieb ein Refugium des Kronprinzen wie des späteren Königs. Hier ging er in der selbst aufgestellten Kompanie seinen militärerzieherischen Interessen nach, hier entwickelte sich seine große Leidenschaft für die Jagd, und hier bildete er die Formen eines persönlichen Regimentes aus, in denen er schließlich den gesamten Staat lenken sollte. Später immer wieder in Erscheinung tretende Eigenschaften des zeitweilig Unbeherrschten, die Schroffheiten und wilden Ausbrüche von Jähzorn zeigten sich bereits ebenso in der Knabenzeit wie eine übertriebene Abneigung gegen alles Nur-Gelehrte, hinter dem er stets das natürliche Verhältnis zur Wirklichkeit vermißte. Hieran konnten auch die beiden holländischen Bildungsreisen 1700 und 1704/05 nichts ändern, die in ihm nur die puritanisch-bürgerlichen Züge verstärkten. Mit 14 Jahren wurde er Mitglied des Geheimen Rates, ein Jahr darauf auch des Geheimen Kriegsrates. In dem folgenden Jahrzehnt bis zu seinem Regierungsantritt hat er fast jeden zweiten Tag den Sitzungen dieser beiden höchsten Regierungsgremien beigewohnt und sich sein so überragendes Detailwissen in allen Fragen der inneren Politik und des Heerwesens erworben, um später selbständig die letzten Entscheidungen auch in kleinsten Dingen treffen zu können.
In die katastrophale Lage der inneren Politik und die Abhängigkeit der Militär- und Außenpolitik von den Bündnispartnern während der Günstlingsherrschaft Kolbe von Wartenbergs gewann er genauen Einblick; dennoch ging er im Anfang mit Wartenberg zusammen, der ihm die Möglichkeit zur Teilnahme an den Feldzügen des Spanischen Erbfolgekrieges 1706 und 1709 verschaffte. Die miterlebte Schlacht von Malplaquet bedeutete für F. den größten Tag seines Lebens. Dem preußischen Kontingent der alliierten Armee widmete der Kronprinz sogleich seine ganze Liebe, der kleine Dienst, das Exerzieren, das beschleunigte Laden und das gleichmäßige Abfeuern wurden zur Leidenschaft, die Verbindung zum Offizierkorps war geknüpft. Aus jenem Feldzug stammt auch die lebenslange Freundschaft mit dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau; die Überzeugung von der Notwendigkeit einer möglichst großen Armee und eines harten militärischen Drills|verband beide. 1710 wurde durch Pest und Hungersnot die immer wieder vor dem König verdeckte Mißwirtschaft im Staate so groß, daß F. eingriff und seinen Vater bestimmte, sich ohne Vermittlung des allmächtigen Günstlings Berichte aus den Provinzen zukommen zu lassen. Der allgemeine Ruin des ganzen Landes wurde offenbar, der an der Spitze der Domänenverwaltung und des Hofstaates stehende A. Graf Wittgenstein verhaftet, das Regiment des Grafen Wartenberg gestürzt. Ein Jahr nach seinem ersten Hervortreten in der hohen Politik, 1711, erlebte der Kronprinz als Statthalter des Königs die militärische Hilflosigkeit Preußens im Nordischen Kriege: Die Neutralität des von Truppen entblößten Landes wurde schwer verletzt, ohne daß er irgendwelche Gegenmaßnahmen treffen konnte. Diese Notlage, die den Kronprinzen tief traf, ist ein wesentlicher Antrieb zur gesamten Reform des preußischen Staates geworden, zum Streben nach von fremden Subsidien unabhängiger eigener Stärke.
Im selben Jahr kam es auch zur ersten entscheidenden Begegnung mit dem halleschen Pietismus, der schließlich zu einer festen religiösen Basis für das Lebenswerk F.s wurde. Die kirchlich-soziale Reformbewegung A. H. Franckes fand in den Generälen D. G. von Natzmer und K. H. von Loeben zwei bedeutsame Vermittler beim Kronprinzen. Nach anfänglichen Vorbehalten wurde dieser besonders angezogen durch das tätige Christentum Franckes; den Ausschlag gab dann zu Beginn der Regierung am 12.4.1713 ein Besuch des Halleschen Waisenhauses und ein langes Gespräch mit dessen Schöpfer. Die christlichen Zucht- und Wohlfahrtsbestrebungen, die bürgerliche Arbeits- und Wirtschaftsauffassung haben in F. ihren großen Förderer gefunden, der sie nun auf den Staat und die preußische Gesellschaft übertrug. So dürfte das Lagerhaus, die große staatliche Manufaktur, auf Anregungen Franckes zurückgehen; bestimmt folgte das Potsdamer Militär-Waisenhaus dem Vorbild der Halleschen Anstalten. Aus diesen ging ein großer Teil führender Offiziere hervor wie aus der dortigen Universität die Beamten, so daß der tätige Pietismus zum vorherrschenden Geist des durch Verwaltung und Heer bestimmten preußischen Staatswesens unter F. wurde, und auch die lutherische Kirche hat den neuen Geist durch Predigt und Schule zum Allgemeingut der preußischen Bevölkerung werden lassen.
In seiner Entwicklung abgeschlossen und in seinen Anschauungen fertig, so trat der 24jährige die Regierung 1713 an. Sie setzte mit einem großen Umsturz am Hofe ein. Der König arbeitete persönlich in der Stille von Wusterhausen die Gehaltslisten durch, strich den aufgeblähten Hofetat bis auf ganz wenige tausend Taler zusammen und reduzierte alle Gehälter weitgehend. Das neue Rangreglement gab den militärischen Chargen den Vorrang, die Vergrößerung der Armee wurde ins Werk gesetzt, die eingeschmolzenen Silberschätze des Vaters bildeten die Grundlage des neuen Staatsschatzes. Adel und Bürgertum waren in gleicher Weise betroffen durch die Sparsamkeit des neuen Herrschers. Allgemein erwartete man eine Wirtschaftskrise. Aber die plötzliche Umstellung vom falschen Glanz und höfischen Luxus auf Solidität und Rüstung war nur der Beginn weitergehender grundlegender staatlicher, wirtschaftlicher und militärischer Reformen. Auf allen diesen Gebieten wirkte sich die persönliche Initiative des Monarchen ständig unmittelbar aus. Das autokratische Regiment kündete die Mitteilung an seinen Freund Anhalt-Dessau an, daß er selbst „Financier et Feldmarchall du Roy de Prusse“ sein werde.
Zunächst schuf er ein geordnetes Etatwesen, feste jährliche Voranschläge aller in Aussicht genommenen Einnahmen und Ausgaben, ohne die künftig keine Ausgabe geleistet werden durfte; zur strengsten Kontrolle hierüber wie über die Rechnungen und die materielle Finanzgebarung richtete er 1714 die General-Rechenkammer ein, aus der die Oberrechenkammer hervorging. Das Schuldenmachen hörte ganz auf, die Ausgaben durften die Einnahmen nicht übersteigen. Die Staatseinnahmen steigerte der König von 1713 bis 1740 von 3,4 auf 7 Millionen Taler. Die Schatullgüter wurden am 13.8.1713 zu Domänen gemacht und der gesamte königliche Landbesitz für unteilbar und unveräußerlich erklärt. Um feste steigende Einnahmen zu erzielen, gab F. die Domänen in Generalpacht auf Zeit an Bürgerliche aus. Der Staatsschatz, den der König sofort anlegte, belief sich am Ende seiner Regierung auf 8 Millionen Taler, die in den Kellerräumen des Berliner Schlosses lagerten. Die beiden Verwaltungszweige für die Domäneneinkünfte und die Steuern (Kontribution und städtische Akzise), das im August 1713 gegründete Generalfinanzdirektorium und das Generalkriegskommissariat, gerieten infolge der Anforderungen nach erhöhtem Ertrag in scharfe Konkurrenz, die bis zu gegenseitigen Prozessen führte. Der Kampf der industriell-gewerblichen Interessen mit den agrarischen, der Gegensatz von Stadt und Land, wurde in der staatlichen Verwaltung ausgefochten. Der|König faßte daraufhin den Entschluß, beide Ressorts in einer Zentralbehörde zu vereinigen, in dem General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domänendirektorium, dessen Instruktion er Ausgang 1722 eigenhändig entwarf. Ausdrücklich stellte er in dieser umfassenden, seine volkswirtschaftlichen Grundsätze entwickelnden Staatsschrift fest, daß die „Experience“ seine Feder führe und er nicht aus Büchern gelernt habe. Januar 1723 trat wie „ein Donnerschlack“ die große einheitliche Staatsbehörde des Innern und der Finanzen ins Leben, die der König kollegialisch organisierte und in Departements nach Provinzen einteilte. In dieser Schöpfung bewies F.gegenständlich denkenden, ungemein systematischen Geist, eine für ihn allgemein-charakteristische „seltene Verbindung von Überblick über das Ganze mit voller Beherrschung des Kleinen und Kleinsten“ (Hartung). Die Instruktion für das Generaldirektorium verband die im Dienste des Militärstaates stehende Finanzpolitik mit einer großzügigen Wirtschaftspolitik im Sinne des Kameralismus, der auf die Konservation der Untertanen wie auf die Erhöhung einheimischer Produktion abgestellt war. Die Vereinheitlichung auf der mittleren Verwaltungsebene führte zur Schaffung der Kriegs- und Domänenkammern, dem Instrument des königlichen Willens in der Provinz.
In diesen Behörden erzog er sich ein neues Beamtentum, das nur noch aus Landeskindern bestehen durfte, das aber nicht in der Landschaft, in der es geboren war, tätig sein sollte. Der König stellte an seine Bediensteten hohe Anforderungen: Man sollte ihm „Mit Leib und Leben, mit Hab und Gut, mit Ehr und Gewissen dienen und alles daran setzen als die Seligkeit, die ist vor Gott, aber alles das ander muß mein sein“. Mahnend und drohend, kontrollierend und hart strafend, sorgte der unablässig tätige König dafür, daß seine Erlasse befolgt wurden. Pflichttreue und Sparsamkeit, Pünktlichkeit und Ordnung hat der mit Recht Mißtrauische in verhältnismäßig hohem Maße durchzusetzen verstanden, wenn auch keineswegs, wie Beispiele des höheren Beamtentums zeigen, die Einhaltung seiner Gebote, zum Beispiel der Uneigennützigkeit, sofort erzwungen werden konnte. F. brauchte „große und habile Köpfe“ mit kameralistischen Kenntnissen, um Rationalität und Rentabilität der Verwaltung aufs höchste zu steigern, ohne daß durch „gar zu schwere Lasten die Untertanen enerviret“ würden. Neben der bisher üblichen praktischen Ausbildung in den Kriegs- und Domänenkammern wurde eine theoretische Unterrichtung notwendig. Dafür errichtete er als erster 1727 an den Universitäten Halle und Frankfurt/Oder staatswirtschaftliche Lehrstühle, die bald von anderen deutschen und europäischen Ländern nachgeahmt wurden. Den neuen Professor der ganz auf das Praktische gerichteten Kameral-, Ökonomie- und Polizeiwissenschaften in Halle instruierte der König selbst in einer längeren Unterredung für sein Amt.
Die Wirtschaftspolitik F.s läßt sich am besten an dem von ihm im August 1713 gegründeten Berliner Lagerhaus studieren. Es handelt sich um die größte Textilmanufaktur nicht nur Preußens, sondern Deutschlands, die vornehmlich die Tuche für die preußische Armee, während die märkische Industrie zeitweise für die russische zu liefern hatte. Hierfür bediente sich der König des Finanzgenies und auch des Kapitals von Andreas Krautt, der als Staatsbankier unter Friedrich I. ein großes Vermögen erworben hatte. Das Lagerhaus bestand aus der Weberei, Färberei, Appretur und Spinnerei für feinere Garne, während die Spinnerei für gröbere Garne des Mannschaftstuches als Heimarbeit an die armen Soldatenfamilien der Berliner Garnison vergeben wurde. Schon 3 Jahre nach der Gründung konnte das Lagerhaus die Montierung des eigenen Heeres herstellen. Als Rohstoff diente die märkische Wolle, für die feinen Stoffe wurde spanische Wolle verarbeitet. Beschränkung und schließlich das Verbot der Wollausfuhr, wobei auch das Interesse des Adels nicht geschont wurde, sicherten den Rohstoff, während eine Einfuhrbeschränkung ausländischer Stoffe dem Lagerhaus den zivilen inländischen Markt erschloß.
Mit gewaltiger Energie und Folgerichtigkeit brachte F. nach festem Plan und mit bestimmten Zielen die Grundsätze der inneren Staatsraison, einer allgemeinen Wohlfahrtspolitik unter Anerkennung der Machtbedürfnisse des Staates, zur wirklichen Durchführung. Dabei scheute er nicht vor sehr drastischen Mitteln zurück, um zu puritanischer Arbeitsgesinnung, zu Fleiß und Wirtschaftlichkeit zu erziehen. In den bis ins einzelne gehenden Instruktionen stellte F. Muster volkswirtschaftlicher Planung in geradezu lehrbuchartiger Weise auf. Seine Verordnungen regelten nun die Fragen von Aus- und Einfuhr, Maß und Gewicht, Stoffqualität, Getreidehandel, Getreideversorgung, Magazinierung, Handwerkeransiedlung und so weiter. Diese Wirtschaftspolitik umfaßte nicht nur die Stadt, sondern auch das platte Land, die gesamte Bevölkerung, deren Zahl durch Einwanderung, Siedlung und Landesausbau vermehrt, deren Steuerkraft nicht nur erhalten, sondern erhöht werden sollte.
Da Steuererhebung und -verteilung sehr ungerecht waren, hat F. sich dieser Fragen bald angenommen. Auf Grund einer Denkschrift des Gutsbesitzers Graf von Waldburg von 1714 wurde eine grundlegende Steuerreform in Ostpreußen durchgeführt; der einheitliche Generalhufenschoß trat an die Stelle vielfältiger Steuern, wozu Besitzgrößen, Bodengüte und Ertrag neu eingeschätzt wurden. Der Adel hatte hier seine Steuern zu zahlen wie die Bauern. In Pommern, in der Neumark wurden gleichfalls Steuerregulierungen der Kontribution durch neue Kataster vorgenommen. Auch die städtische Akzise, deren Einkünfte die größere und bald immer stärker überwiegende Steuerhälfte ausmachten, wurde durch Instruktionen 1717 bis 1721 neu geregelt. Der scharfe Gegensatz von Stadt und Land blieb durch die strenge steuerliche wie auch die soziale Trennung der 3 Stände aufrecht erhalten. Der König förderte das Bürgertum, er pflegte die bürgerliche Wirtschaft, schon weil ihm an der Erhöhung der Akzise lag, aber auch, weil seine eigene Lebenshaltung mehr der bürgerlichen und militärischen als der altständisch-adligen Welt verbunden war. Diese Tendenz zeigt sich am Herkommen vieler Beamter und Minister wie Creutz, Katsch, Krautt, Boden, Viebahn, Ilgen, Cocceji, Thulemeyer. Um die Städte kümmerte sich der König sehr. Ihr Schuldenwesen untersuchte er durch Kommissionen und reglementierte die Kommunalverwaltung durch Verordnungen. Der Staat griff mit seinen Kommissaren, den Steuerräten, fest zu, die nun aus Kontrollorganen der Finanzen und Steuern zu Leitern der gesamten Wirtschaft wurden, sie verbesserten und entwickelten.
Ebenso trat die bürgerliche und absolutistische Tendenz in dem gleichbleibenden Kampf des Königs gegen den Adel hervor, wie sie auch durchgehend das Politische Testament zeigt. Besonders scharf wurde der Nachfolger vor den Magnatenfamilien Ostpreußens und dem altmärkischen Adel gewarnt. Der Autokrat F. wandte sich gegen jeden in Erscheinung tretenden Anspruch einer Mitregierung. So schrieb der König: „Ich ruiniere die Junkers ihre Autorität; ich komme zu meinem Zweck und stabiliere die souveraineté wie einen rocher von bronce.“ Ihnen wollte er nur den „Wind vom Landtage“ lassen, die zentrale Entscheidungsgewalt behielt sich der König allein vor. Die Steuerfreiheit des Adels tastete F. 1717 durch Auferlegung des Lehnskanons von 40 Talern für ein Ritterpferd an, als er gegen den Widerstand des dann am Reichshofrat prozessierenden altmärkischen und magdeburgischen Adels die nicht mehr geleisteten persönlichen Kriegsdienste in Geldzahlungen endgültig umwandelte und zugleich die Güter allodifizierte. Ferner zwang F. den einheimischen Adel in seinen Dienst als Offizier. Den Widerstand hat er auch hier mit Gewalt gebrochen, die Söhne des Adels in die neugegründeten Kadettenhäuser Berlin, Magdeburg und Stolpe gesteckt, den Adel sorgfältig überwacht und aus dem frondierenden Junkertum einen königstreuen Offiziersstand gebildet, den seit dieser Zeit ein enges Verhältnis mit der Dynastie verband.
Der zweite Stand der absolutistischen Staatsgesellschaft, das Bürgertum, sorgte für den Unterhalt der Armee durch gesteigerte Wirtschaftserträge, während auf dem dritten Stand, den Bauern, die Last nicht nur der Kontribution, sondern auch einer persönlichen Dienstpflicht lag. Die ursprüngliche Idee F.s, die Armee nur aus Landeskindern zu rekrutieren, war nicht durchführbar. Eine Annäherung brachten die Kabinettsordres von 1733 und 1735, die das üblich gewordene inländische Ergänzungsverfahren der Regimenter durch feste Zuweisung von Kantonen dauernd regelten und eine nach sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten durch Exemtionen beschränkte Wehrpflicht in Anspruch nahmen. Die frühzeitig Enrollierten unterstanden der militärischen Gewalt, die auch in die zivilen Verhältnisse auf dem Lande wie in den Garnisonstädten eingriff.
Dem Soldatischen gehörte von früher Jugend das Herz des Königs. Die offen eingestandene Liebhaberei, „weil ich doch in der Welt in nichts Plaisier finde als in einer guten Armée“, erhielt einen besonderen Ausdruck in der Leidenschaft, „lange Kerls“ zu „sammeln“, von der deutsche und nichtdeutsche Potentaten durch entsprechende Geschenke zu profitieren wußten. Die preußischen Werber scheuten – auch im Auslande – keine Mittel, in den Besitz übergroßer Soldaten zu gelangen. Die durch den König selbst exerzierte lange Garde sollte das Vorbild der ganzen Armee werden. Sie entwickelte er zu einem einmaligen, von ganz Europa bewunderten beziehungsweise verabscheuten oder auch verspotteten Perfektionismus. Neue Kriegsartikel und Reglements erhöhten die Subordination und Disziplin bei der Mannschaft und den Unteroffizieren. Für die Offiziere wurden Ehrbegriff und Korpsgeist allgemein verbindlich. Mit der 9monatigen Beurlaubung der ausgebildeten Inländer, die fast ⅔ der Armee stellten, ähnelte das Heerwesen einem guten Milizsystem. Neben der ständigen Verbesserung sorgte F. für die Vergrößerung der Armee, die nach seinen Plänen von 38 000 auf 76 000 Mann wuchs. Diese im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr starke Armee wurde von F. im Anfang seiner Regierung im Nordischen Krieg eingesetzt und brachte Schwedisch-Vorpommern mit Stettin und der Odermündung im Frieden von Stockholm 1720 ein. Auf dem Gebiet der auswärtigen Politik ist Preußens größter „innerer“ König wenig erfolgreich gewesen. Ihm fehlte das persönliche Verständnis und Geschick für diplomatische Verhandlungen, und er war nicht bereit, allein von sich aus für seine berechtigten Interessen mit dem von ihm geschaffenen Kriegsinstrument einzutreten. 1725 schloß er mit England und Frankreich das Herrenhausener Bündnis gegen die sich übermächtig abzeichnende österreichisch-spanische Koalition. Das Hauptziel seiner Außenpolitik, die Sicherung der Erbrechte auf Jülich und Berg, führte ihn jedoch in den Verträgen von Wusterhausen und Berlin 1726/28 an die Seite der ihn flankierenden Mächte Österreich und Rußland. Die Reichstreue F.s wurde dabei geschickt von dem kaiserlichen Unterhändler General F. H. Graf von Seckendorf benutzt, der die preußische Anerkennung der Pragmatischen Sanktion erhielt. Der Fluchtversuch des Kronprinzen Friedrich, der sich gegen die brutalen Erziehungsmethoden wie das rein militärisch und ökonomisch bestimmte Erziehungsideal seines Vaters auflehnte, berührte auch den außenpolitischen Bereich englischer Bemühungen um eine antiösterreichische Politik am preußischen Hofe. So wurde aus dem schweren menschlichen Zerwürfnis zwischen Sohn und Vater, der durch den ihm leichtfertig erscheinenden, so ganz anders gearteten Nachfolger nur die Zerstörung seines Lebenswerkes befürchtete, eine hochpolitische Angelegenheit; die Partei der Königin am Berliner Hofe unterlag jedoch. Der König nahm auf der österreichischen Seite am Polnischen Thronfolgekrieg am Rhein teil und blieb bis 1738 im Gefolge des Kaisers. Dieser betrog ihn in diesem Jahr durch die Vereinigung mit Frankreich, England und den Generalstaaten um alle Zusicherungen wegen der Erbschaft in Berg, als F. rüstete, um sich in den Besitz von Jülich und Berg zu setzen. So vollzog F. am Schluß seines Lebens die Schwenkung gegen Österreich, die sein Sohn zum kriegerischen Austrag brachte.
Das große Werk F.s ist aufs engste mit seiner widersprüchlichen Person verbunden. Er ist ein von christlicher Verantwortung getragener, fanatisch arbeitender und dämonisch fordernder Selbstherrscher, ein Fachmann des Militärs, der Bürokratie und der Ökonomie gewesen, der das individuelle Glück seiner Untertanen dem Aufbau staatlicher Macht und Wohlfahrt unterordnete. Sein puritanisch-praktischer Sinn verachtete nicht unmittelbar anwendbare Kunst und Wissenschaft, er vertrieb Ch. Wolff aus Halle auf Grund falscher Anschuldigungen und bemühte sich spät um eine breitere Ausbildung seiner eigenen geistigen Persönlichkeit, wie er auch Wolff zurückzugewinnen suchte. Er verspottete die Akademie der Wissenschaften, weil er sie nicht in seine praktisch-politischen Anstrengungen einordnen konnte. Er malte nur, um sich von seinen Schmerzen abzulenken, seine Geselligkeiten blieben rauh, die Umgangsformen und Späße der Genossen des Tabakkollegiums waren derb und grob, das Geistige an sich konnte bei ihm niemals als zarte Pflanze gedeihen. Todesahnungen quälten ihn ebenso früh wie die schweren Schmerzen der Gicht und trieben ihn weiter auf der Bahn fanatischer Staatsbildung und Menschenerziehung. Von ungeheurer Reizbarkeit, konnte sein Mißtrauen sich ins Krankhafte steigern bis zu Wahnideen. Wie er sein Persönliches in den von ihm geformten Staat einbrachte, forderte er von anderen die inhumane Versachlichung der Person, den äußersten Gehorsam – auch in der Familie –, übertrug er militärisches Ordnungsdenken auf das gesamte zivile Leben. Er sorgte auch für andere, konnte sie aber nur nach seinem christlichen Bilde und sittlichen Rigorismus werden und leben sehen.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
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