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Persönlichkeiten

Inhaltsverzeichnis

1.

  1. Clemens August von Bayern

  2. Gotthold Ephraim Lessing 

1. Clemens August von Bayern

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Cle­mens Au­gust von Bay­ern (aus dem Hau­se Wit­tels­bach) wur­de von sei­nen Zeit­ge­nos­sen als ‚Mon­sieur des cinq ég­li­ses’ (Herr der fünf Kir­chen) be­zeich­net, denn er war nicht nur Kur­fürst und Erz­bi­schof von Köln, son­dern auch Fürst­bi­schof von Pa­der­born, Müns­ter, Hil­des­heim und Os­na­brück und da­mit ei­ner der wich­tigs­ten geist­li­chen Fürs­ten sei­ner Zeit.

Er wur­de am 18.8.1700 in Brüs­sel ge­bo­ren. Sein Va­ter, Ma­xi­mi­li­an II. Ema­nu­el (1662-1714, Re­gie­rungs­zeit 1679-1706 und 1714-1726), war baye­ri­scher Kur­fürst, sei­ne Mut­ter, The­re­sia Ku­ni­gun­de (1676-1730), ei­ne Toch­ter des pol­ni­schen Kö­nigs Jo­hann III. So­bie­ski (1624-1696, Re­gie­rungs­zeit 1674-1696). Gro­ße Tei­le sei­ner Kind­heit und Ju­gend ver­brach­te Cle­mens Au­gust mit sei­nen Ge­schwis­tern un­ter kai­ser­li­cher Auf­sicht in Kla­gen­furt und Graz (1706-1715), wo die jun­gen Wit­tels­ba­cher ei­ne stan­des­ge­mä­ße Aus­bil­dung ge­nos­sen. Die El­tern leb­ten in die­ser Zeit auf­grund des Schei­terns Ma­xi­mi­li­an Ema­nu­els im Spa­ni­schen Erb­fol­ge­krieg (1701-1714) und der da­mit im Zu­sam­men­hang ste­hen­den Ver­hän­gung der Reichs­acht im Exil.

 

Nach Rück­kehr der Fa­mi­lie nach Mün­chen wur­de Cle­mens Au­gust wie sei­ne Brü­der Phil­ipp Mo­ritz (1698-1719) und Jo­hann Theo­dor (1703-1763) für den geist­li­chen Stand be­stimmt. Ne­ben dem Ver­sor­gungs­as­pekt war hier­für aus­schlag­ge­bend, dass Cle­mens Au­gust als Fürst ei­nes geist­li­chen Ter­ri­to­ri­ums die wit­tels­ba­chi­sche Haus­macht stär­ken soll­te. Noch 1715 er­hielt er die ers­te Ton­sur (sym­bo­li­sche Ra­sur des Hin­ter­kop­fes) und wur­de Ko­ad­ju­tor sei­nes On­kels Jo­seph Cle­mens (1671-1723) in Re­gens­burg. Nach des­sen Re­si­gna­ti­on(Amts­ver­zicht) wur­de er 1716 Fürst­bi­schof von Re­gens­burg (bis 1719). Mit sei­nem Bru­der Phil­ipp Mo­ritz reis­te Cle­mens Au­gust En­de 1716 nach Rom, um dort zu stu­die­ren. Er ver­ließ Rom 1719, nach­dem er an­stel­le sei­nes plötz­lich ver­stor­be­nen Bru­ders Phil­ipp Mo­ritz zum Fürst­bi­schof von Müns­ter und Pa­der­born ge­wählt wor­den war. Schon 1718 hat­te er die Prob­s­tei von Alt­öt­ting (bis 1721) er­hal­ten, 1719 ka­men Dom­ka­no­ni­ka­te in Köln (bis 1723) und Lüt­tich (bis 1757) hin­zu. In Köln wur­de er 1722 Ko­ad­ju­tor und im No­vem­ber 1723 Nach­fol­ger sei­nes On­kels Jo­seph Cle­mens im Amt des Kur­fürs­ten und Erz­bi­schofs. Zum fünf­ten Mal in Fol­ge wur­de da­mit ein Wit­tels­ba­cher mit die­ser wich­ti­gen geist­li­chen Kur be­traut.

In den fol­gen­den Jah­ren bau­te Cle­mens Au­gust sei­ne Po­si­ti­on im Nord­wes­ten des Rei­ches noch wei­ter aus: 1724 wur­de er Bi­schof von Hil­des­heim und 1728 Bi­schof von Os­na­brück; le­dig­lich in Lüt­tich konn­te er sich nicht durch­set­zen. 1732 fiel ihm schlie­ß­lich noch das Amt des Hoch- und Deutsch­meis­ters des Deut­schen Or­dens zu, ei­ne tra­di­tio­nell von den Habs­bur­gern und de­ren Par­tei­gän­gern be­setz­te Po­si­ti­on. Bis zur Pries­ter­wei­he 1725 stan­den Cle­mens Au­gust zur Ver­wal­tung der Spi­ri­tua­li­en (geist­li­che Auf­ga­ben) Koad­mi­nis­tra­to­ren zur Sei­te; die Bi­schofs­wei­he er­folg­te 1727.

Cle­mens Au­gusts Po­si­ti­on in der Reichs­kir­che so­wie die La­ge und Grö­ße des von ihm be­herrsch­ten Ter­ri­to­ri­en­kom­ple­xes mach­ten ihn für die eu­ro­päi­schen Gro­ß­mäch­te der da­ma­li­gen Zeit – Frank­reich, Eng­land, Ös­ter­reich und das auf­stre­ben­de Preu­ßen – zu ei­nem um­wor­be­nen Bünd­nis­part­ner. Er ging mit die­sen Mäch­ten wech­seln­de Ko­ali­tio­nen ein, stets la­vie­rend zwi­schen Pa­ris und Wien: Mal ar­bei­te­te er mit Frank­reich zu­sam­men und folg­te da­mit der ge­gen Ös­ter­reich ge­rich­te­ten wit­tels­ba­chi­schen Tra­di­ti­on und sei­nem Bru­der Kur­fürst  Karl Al­brecht von Bay­ern (1697-1745; Re­gie­rungs­zeit als baye­ri­scher Kur­fürst Karl I. 1726-1745, als Kai­ser Karl VII. 1742-1745).

Dann nä­her­te er sich wie­der dem habs­bur­gi­schen Kai­ser, dem Ga­ran­ten des Rei­ches und sei­ner ei­ge­nen geist­li­chen Herr­schaft an – ei­ne Po­li­tik, die ins­be­son­de­re von sei­nem Ers­ten Mi­nis­ter Fer­di­nand von Plet­ten­berg und Wit­tem (1690-1737) fa­vo­ri­siert wur­de. Ne­ben po­li­ti­schen Er­wä­gun­gen spiel­ten da­bei nicht zu­letzt Sub­si­di­en­zah­lun­gen (‚Hilfs­gel­der’) ei­ne ent­schei­den­de Rol­le, die Kur­k­öln zwi­schen­zeit­lich auch zum Part­ner der mit Ös­ter­reich ver­bün­de­ten See­mäch­te Eng­land und Hol­land mach­ten. Nach dem „ren­ver­se­ment des al­li­an­ces" (Um­keh­rung der Al­li­an­zen durch Be­en­di­gung des habs­bur­gisch-fran­zö­si­schen Ge­gen­sat­zes) stand Cle­mens Au­gust im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg (1756-1763) wie an­de­re geist­li­che Fürs­ten auf der Sei­te der ka­tho­li­schen Mäch­te Frank­reich und Ös­ter­reich ge­gen Preu­ßen und Eng­land-Han­no­ver.

Die For­schung ist mit Cle­mens Au­gust auf­grund sei­ner wech­sel­haf­ten Au­ßen­po­li­tik hart ins Ge­richt ge­gan­gen. Er ha­be ei­ne „cha­rak­ter­lo­se Po­li­tik" be­trie­ben (Leo­nard En­nen), sei „ein schwa­cher Mensch" und „po­li­tisch oh­ne fes­ten Wil­len" (Max Brau­bach), „la­bil und schwan­kend" (Er­win Gatz), „oh­ne kla­res Kon­zept" (Alois Schrö­er) ge­we­sen. Auch wenn Cle­mens Au­gust viel­fach un­si­cher in sei­nen po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen ge­we­sen sein mag und sich stark von sei­nen Be­ra­tern und den ihn um­ge­ben­den Per­so­nen be­ein­flus­sen ließ, ist die­se Kri­tik zu re­la­ti­vie­ren. Sei­ne Po­li­tik zeigt nur zu deut­lich die Zwän­ge ei­nes geist­li­chen Fürs­ten des 18. Jahr­hun­derts: Zwar ver­sam­mel­te Cle­mens Au­gust fünf Fürst­bis­tü­mer in sei­ner Hand. Die­se bil­de­ten aber kei­nen ein­heit­li­chen, zen­tral re­gier­ten Ter­ri­to­ri­al­kom­plex, son­dern be­wahr­ten je­weils ih­re Ei­gen­stän­dig­keit.

Der Ein­fluss der Land­stän­de, ins­be­son­de­re der Dom­ka­pi­tel, war hoch. Cle­mens Au­gust hat­te da­her trotz sei­ner zahl­rei­chen Äm­ter und Herr­schafts­ti­tel kei­ne um­fang­rei­che Macht­ba­sis. Schlie­ß­lich fehl­te ihm ei­nes der wich­tigs­ten Macht­mit­tel des ab­so­lu­tis­ti­schen Staa­tes – ein schlag­kräf­ti­ges Heer. Sei­ne Trup­pen reich­ten nicht ein­mal zur Ver­tei­di­gung. Cle­mens Au­gust war dem­entspre­chend in Kriegs­zei­ten ge­zwun­gen, Ver­bün­de­te zu su­chen, um den Fort­be­stand sei­ner geist­li­chen Herr­schaft zu si­chern und sei­ne Län­der so weit wie mög­lich aus Kriegs­hand­lun­gen her­aus­zu­hal­ten.

Ein häu­fi­ger Wech­sel der Ko­ali­tio­nen, wie von Cle­mens Au­gust prak­ti­ziert, war nicht blo­ßer Aus­druck von Cha­rak­ter­schwä­che, son­dern kann auch als Ver­such in­ter­pre­tiert wer­den, sich den wan­deln­den Macht­ver­hält­nis­sen auf dem eu­ro­päi­schen Kon­ti­nent an­zu­pas­sen und für die ei­ge­nen Ter­ri­to­ri­en die po­li­tisch und mit Blick auf die reich­li­chen Sub­si­di­en­zah­lun­gen auch fi­nan­zi­ell je­weils güns­tigs­te Ver­bin­dung ein­zu­ge­hen. Die viel ge­schol­te­ne „Wet­ter­fah­ne des Rei­ches" – so Ma­ria The­re­si­as Gat­te Franz Ste­phan von Loth­rin­gen (1708-1765, Re­gie­rungs­zeit als Kai­ser Franz I. 1745-1765) – han­del­te po­li­tisch durch­aus ra­tio­nal und im Rah­men sei­ner Mög­lich­kei­ten er­folg­reich. Dass für Cle­mens Au­gust nicht nur Reichs­fürs­ten, son­dern auch aus­wär­ti­ge Mäch­te als Part­ner in Fra­ge ka­men, war zu­min­dest für die na­tio­nal den­ken­den His­to­ri­ker des 19. und der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts nicht ak­zep­ta­bel. Im au­ßen­po­li­ti­schen Kal­kül der Reichs­fürs­ten des 18. Jahr­hun­derts spiel­te das Reich frei­lich kaum ei­ne Rol­le. Ko­ali­tio­nen wur­den mit Blick auf die ei­ge­nen Vor­tei­le ge­schlos­sen und nicht mit Rück­sicht auf das Reich – und schon gar nicht die Na­ti­on. Cle­mens Au­gust bil­det hier kei­ne Aus­nah­me.

In schein­ba­rem Ge­gen­satz zu sei­ner Min­der­mäch­tig­keit steht die hö­fi­sche Pracht, die Cle­mens Au­gust in sei­nen ver­schie­de­nen Schlös­sern und Re­si­den­zen in­sze­nier­te. Den bau­li­chen Rah­men schu­fen nam­haf­te Ar­chi­tek­ten und Künst­ler, un­ter an­de­rem Jo­hann Bal­tha­sar Neu­mann, François de Cu­vil­liés der Äl­te­re (1695-1768), Jo­hann Con­rad Schlaun  und Ge­org Des­ma­rées (1697-1776). Der von sei­nem Vor­gän­ger be­gon­ne­ne Neu­bau der Bon­ner Re­si­denz wur­de eben­so fort­ge­setzt wie die Ar­bei­ten am Schloss Cle­mens­ru­he in Pop­pels­dorf. Da­ne­ben er­rich­te­te der Kur­fürst das Jagd­schloss Her­zogs­freu­de im Kot­ten­forst.

Sei­ne be­son­de­re Auf­merk­sam­keit galt aber dem Bau von Schloss Au­gus­tus­burg in Brühl mit dem be­rühm­ten Trep­pen­haus Neu­manns so­wie der Er­rich­tung des na­he ge­le­ge­nen Jagd­schlos­ses Fal­ken­lust. Auch in sei­nen Ne­ben­län­dern ent­fal­te­te Cle­mens Au­gust ei­ne viel­fäl­ti­ge Bau­tä­tig­keit (un­ter an­de­rem Re­si­denz­schlös­ser in Pa­der­born und Arns­berg, Jagd­schloss Cle­mens­werth in Sö­gel/Hümm­ling).

An die­sen Or­ten und ins­be­son­de­re an den Hö­fen in Bonn und Brühl in­sze­nier­te der Kur­fürst Be­zeich­nung ei­nes zur  Wahl des deut­schen Kö­nigs be­rech­tig­ten geist­li­chen oder welt­li­chen Reichs­fürs­ten. -Erz­bi­schof ein ba­ro­ckes Hof­le­ben, das zu den pracht­volls­ten im Reich zähl­te. Bäl­le und Fes­te der un­ter­schied­lichs­ten Art mit Mu­sik, Tanz, Thea­ter und Feu­er­werk so­wie auf­wän­di­ge Jag­den (ins­be­son­de­re Par­force- und Fal­ken­jagd) wur­den in gro­ßem Stil be­gan­gen. Teil­neh­mer die­ser Fes­ti­vi­tä­ten war we­ni­ger der land­säs­si­ge als viel­mehr der land­frem­de Adel – aus Bay­ern und Süd­deutsch­land, dem Rhein­land und West­fa­len, dem üb­ri­gen Reich so­wie aus Ita­li­en, Frank­reich und den Nie­der­lan­den. Die Pracht­ent­fal­tung ziel­te al­so nicht auf die­je­ni­gen Krei­se, die im Rah­men der Stän­de­ord­nung an der po­li­ti­schen Macht im Lan­de teil­hat­ten. Es ging nicht dar­um, die­se Kon­kur­renz durch Bin­dung an den Hof po­li­tisch zu ‚zäh­men’, wie dies der So­zio­lo­ge Nor­bert Eli­as (1897-1990) in sei­ner klas­si­schen Stu­die zur hö­fi­schen Ge­sell­schaft (1969) für den fran­zö­si­schen Hof Lud­wigs XIV. (1638-1715, Re­gie­rungs­zeit  1643/1661-1715) fest­ge­stellt hat.

Statt­des­sen re­prä­sen­tier­te der Kur­fürst auf der über­re­gio­na­len und ge­le­gent­lich in­ter­na­tio­na­len Büh­ne. Hier ver­such­te Cle­mens Au­gust sei­ne Be­deu­tung als wich­ti­ger Reichs­fürst sym­bo­lisch zur Gel­tung zu brin­gen be­zie­hungs­wei­se noch zu er­hö­hen und mit Fürs­ten zu kon­kur­rie­ren, de­nen er hin­sicht­lich sei­ner rea­len po­li­ti­schen Macht­mit­tel weit un­ter­le­gen war.

Das auf­wän­di­ge und kost­spie­li­ge Hof­le­ben in Bonn, Brühl und an­ders­wo stand al­so nicht im Ge­gen­satz zur Min­der­mäch­tig­keit Cle­mens Au­gusts, son­dern dien­te dem in sei­nen Macht­mit­teln be­schränk­ten Kur­fürs­ten als In­stru­ment der Po­li­tik. In die­sen Zu­sam­men­hang ge­hört auch die Krö­nung sei­nes Bru­ders Karl Al­brecht zum Kai­ser (Karl VII.) im Jah­re 1742, die Cle­mens Au­gust mit gro­ßem Pomp und un­ter enor­men Kos­ten in Frank­furt in­sze­nier­te. Er selbst zog mit ei­nem Ge­fol­ge von 1.600 Per­so­nen in die Reichs­stadt ein und über­traf da­bei nicht nur zah­len­mä­ßig, son­dern auch in der Pracht al­le an­de­ren Kur­fürs­ten. Jo­hann Mi­cha­el von Lo­en (1694-1776), ein mit den Hö­fen in Ber­lin und Dres­den ver­trau­ter Schrift­stel­ler, stell­te da­her fest: „Die­ser Ein­zug dün­ket mich das non plus ul­tra in der Art die­ser Ce­re­mo­ni­en zu seyn." (Zi­tat nach Win­ter­ling 1986, S. 145)

Cle­mens Au­gust lieb­te das hö­fi­sche Le­ben und ins­be­son­de­re die Jagd. Zu­gleich war er aber ein zu­tiefst re­li­giö­ser, von der ba­ro­cken Volks­fröm­mig­keit ge­präg­ter Mensch. Dies zeigt sich ins­be­son­de­re an der von ihm prak­ti­zier­ten Ma­ri­en­ver­eh­rung und dem in­ten­si­ven Kon­takt mit der Kauf­beu­rener Fran­zis­ka­ne­rin Cre­scen­tia Höß (1682-1744). Dar­über hin­aus trat er als Stif­ter und Wohl­tä­ter zahl­rei­cher Klös­ter auf, wie­der­er­rich­te­te das Köl­ner Pries­ter­se­mi­nar (Se­mi­na­ri­um Cle­men­ti­num, 1736) und mach­te des­sen Be­such für die Pries­ter­amtskan­di­da­ten sei­ner Diö­ze­se ver­pflich­tend (1749), in­iti­ier­te den Bau der Hl. Stie­ge und des Hl. Gra­bes auf dem Kreuz­berg in Bonn und stif­te­te in Müns­ter ein Kran­ken­haus (St. Cle­mens-Hos­pi­tal, 1735).

Den Ver­such ei­ner stär­ke­ren In­te­gra­ti­on sei­ner ver­schie­de­nen Ter­ri­to­ri­en un­ter­nahm Cle­mens Au­gust nicht. Der Schwer­punkt sei­ner Po­li­tik lag im Kur­staat, wäh­rend die west­fä­li­schen Stif­te weit­ge­hend der Ver­wal­tung der dor­ti­gen Stän­de über­las­sen wur­den. Die nach Plet­ten­bergs Sturz (1733) ein­ge­rich­te­te Ge­hei­me Kon­fe­renz zur Un­ter­stüt­zung sei­ner Re­gie­rung konn­te sich nicht dau­er­haft eta­blie­ren. In­nen­po­li­tisch wich­tig, wenn­gleich eben­falls nur be­dingt er­folg­reich, wa­ren Cle­mens Au­gusts Be­mü­hun­gen, die Ver­kehrs­we­ge sei­ner Lan­de zwecks wirt­schaft­li­cher Be­le­bung aus­zu­bau­en (un­ter an­de­rem Max-Cle­mens-Ka­nal, seit 1724). Rich­tungs­wei­send hin­ge­gen war die In­ten­si­vie­rung der Straf­ver­fol­gung, un­ter an­de­rem durch die Grün­dung von Zucht­häu­sern in Kai­sers­werth (1736) und Müns­ter (1732/1738) und die Ein­set­zung ei­ner Po­li­zei­trup­pe (1751).

Cle­mens Au­gust starb am 6.2.1761 auf der Fes­te Eh­ren­breit­stein bei Ko­blenz an Herz­ver­sa­gen. Sein Leich­nam wur­de am 31. März vor der Drei­kö­ni­gen­ka­pel­le im Köl­ner Dom bei­ge­setzt. Nach sei­nem Tod zer­fiel der wit­tels­ba­chi­sche Ter­ri­to­ri­al­kom­plex im Nord­wes­ten. Re­gio­na­le Kräf­te setz­ten sich durch und lei­te­ten ei­ne Po­li­tik der in­ne­ren Kon­so­li­die­rung jen­seits dy­nas­ti­scher Am­bi­tio­nen und eu­ro­päi­scher Al­li­an­zen ein.

2. Gotthold Ephraim Lessing

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L. besuchte 1653-61 die Nikolai-Schule in Leipzig. Mit 8 Jahren bekam der frühreife Knabe, der die →Livius-Lektüre dem Spielen vorzog, Zugang zur Bibliothek seines verstorbenen Vaters, mit 13 verfaßte er an einem Morgen 300 elisionsfreie Hexameter, mit 14 begann er seine logischen Studien und „lebte“ seitdem, nach eigener Aussage, im →Suarez und →Fonseca, im →Rubius und →Zabarella. Nachdem er einige Schriften von →Kepler, →Galilei und →Descartes gelesen hatte, entschied er sich noch vor Beginn seines Studiums in Leipzig 1661 für die mechanistische Naturphilosophie, ohne die Bedeutung der aristotelischen Tradition zu verkennen. So wurde →J. Thomasius, sieht man ab von →E. Weigel, bei dem er im Sommer 1663 in Jena studierte, sein bedeutendster Lehrer, unter dessen Vorsitz er auch im Mai 1663 „De principio individui“ disputierte. Anschließend begann er das Studium der Jurisprudenz, wurde 1664 zum magister artium und nach Vortrag eines „Specimen quaestionum philosophicarum ex jure collectarum“ und zweier gehaltvoller juristischer Disputationen „De conditionibus“ 1665 zum baccalaureus juris promoviert. Mit der „Disp. arithmetica de complexionibus“, die er noch im selben Jahr zur „Diss. de arte combinatoria“ ausbaute und publizierte, disputierte er 1666 „pro loco“ an der philosophischen Fakultät. Im Winter 1666/67 wechselte er nach Altdorf über, disputierte dort „De casibus perplexis in jure“ und wurde im Febr. 1667 glanzvoll zum Doktor beider Rechte promoviert. Er schlug eine Professur aus und ging nach Nürnberg, um dort bis zum Antritt einer Bildungsreise in die Niederlande im Herbst alchimistische Studien zu treiben. Eine Pestepidemie veranlaßte ihn zum Abbruch der Reise. Er kam nur bis Mainz, nutzte den Verzug, um „ohne Bücher“ seine Gedanken zur Reform der Jurisprudenz niederzuschreiben und mit dieser eilig in Druck gegebenen, Kf. →Joh. Philipp v. Schönborn gewidmeten Schrift (Nova methodus discendae docendaeque iurisprudentiae, 1667) dessen Gunst zu gewinnen. Durch Vermittlung →Joh. Christian v. Boineburgs wurde er sogleich zur Mitarbeit an der von H. A. Lasser begonnenen Neukodifikation des Corpus Juris aufgefordert. 1670 wurde er von →Schönborn, ungeachtet seiner Jugend und luth. Konfession, zum Revisionsrat am Oberappellationsgericht in Mainz bestellt und im März 1672 in diplomatischer Mission nach Paris gesandt. L.sollte →Ludwig XIV. seinen „Ägyptischen Plan“ vortragen, →Boineburgs private Pensionsansprüche und zusammen mit →Melchior Friedrich v. Schönborn das Mainzer Interesse an allgemeinen Friedensverhandlungen in Köln vertreten. Als dieser Auftrag in Paris scheiterte, reiste →Schönborn mit ihm von Januar bis März 1673 in gleicher Mission nach London. Inzwischen war →Boineburg verstorben, und L. hatte die Erziehung des →jungen Boineburg in Paris übertragen bekommen. Kurz darauf starb auch Kf. →Johann Philipp. Dessen Nachfolger erlaubte L., „für eine Weile“ in Paris zu bleiben. Dort lernte er die bedeutendsten Gelehrten kennen, vor allem →Antoine Arnauld und dessen Freund →Pierre Nicole, die Verfasser der Logik von Port Royal, dann die Mathematiker und Physiker →Christiaan Huygens und →Edme Mariotte, ferner →Buot, →Deschales, →Gallois, →Ozanam, Mathion, →Pardies, →Prestet, →Roberval und den Duc de Rohan, die Astronomen →Cassini und →Römer, die Philosophen →Huet, →Cordemoy, →Foucher und →Malebranche, nicht zu vergessen den jungen →Ehrenfried Walther v. Tschirnhaus, mit dem er sich befreundete. Bei seinen Besuchen in London traf er auf →Heinrich Oldenburg, →Robert Boyle, →Robert Hooke, →John Collins und andere Mitglieder der Royal Society, deren Mitglied er 1673 wurde.

Als sich die Hoffnung, Nachfolger des Mathematikers →Roberval in der Académie des Sciences zu werden, zerschlagen hatte, folgte L. einem Ruf des Hzg.→Johann Friedrich als Bibliothekar nach Hannover, wohin er über London (im September und Oktober), Amsterdam, Haarlem, Delft und Den Haag reiste, um im Dez. 1676 seinen Dienst aufzunehmen. 1677 wurde er auch als juristischer Hofrat eingeführt. Hzg. →Ernst August bestätigte ihn 1685 als Hofrat auf Lebenszeit, entlastete ihn von Kanzleiarbeiten und den Aufgaben im Harzbergbau und verpflichtete ihn, die Geschichte des Welfenhauses zu erforschen und darzustellen. Dieses Vorhabens wegen reiste er 1687-90 durch Süddeutschland über Wien, wo er fast 10 Monate verweilte, nach Italien. Er blieb dort von März 1689 bis März 1690, mehr als die Hälfte dieser Zeit in Rom, und besuchte auf dem Rückweg nochmals Wien. 1691 willigte Hzg. →Ernst August auch in L.s zusätzliche Bestallung als Historiograph durch die Herzöge →Anton Ulrich und →Rudolf August von Wolfenbüttel ein und ernannte ihn, nachdem er mit L.s diplomatischer Unterstützung 1692 für Braunschweig-Lüneburg die Kurwürde erworben hatte, 1696 zum Geheimen Justizrat. Diesen Titel verliehen L. auch Kf. →Friedrich von Brandenburg (1700) und Zar →Peter der Große (1712), der viele seiner gründlich ausgearbeiteten Pläne, insbesondere noch 1723 den einer Akademie in Petersburg, realisierte. Er wurde ferner zum Präsidenten bzw. Direktor der von ihm geplanten und organisierten Akademien (Sozietäten) der Wissenschaften zu Berlin (1700) sowie zu Dresden (1704) und Wien (1713) ernannt, wo er sich nach zwei weiteren Besuchen (1700 und 1708) nochmals von Dez. 1712 bis Sept. 1714 aufhielt. Kaiser| →Karl VI. berief ihn 1713 (rückwirkend ab Anfang 1712) in den Reichshofrat. – Nach einem ersten Aufenthalt in Berlin 1698 zog es L. zwischen 1700 und 1707 immer wieder an den Ort seiner Sozietät, später, nach dem Tod der Kgn. →Sophie Charlotte (1705), nur noch zweimal (1709 und 1711). – Abgelehnt hat L. Angebote, Bibliothekar des Vatikans (1689), →Ludwigs XIV. (1692) und des Kaisers (1701) zu werden. Ohne Erfolg bemühte sich L., 1704 Nachfolger des Vizekanzlers Hugo in Hannover und 1713 Kanzler von Siebenbürgen zu werden, wie auch später darum, mit dem Hof nach England zu gehen.

L.s selbstverfaßte akademische Schriften bestätigen seine wiederholten Hinweise auf seine frühe autodidaktische Bildung. Sie lassen nicht nur eine ungewöhnliche Belesenheit, sondern auch ein sicheres Urteil und ein außerordentliches logisches Genie erkennen, so, wenn er scholastische Lösungen kritisch klassifiziert (De principio individui, 1663), wenn er den philosophischen Kern juristischer Fragen herausarbeitet (Specimen quaestionum philosophicarum, 1664) oder aus dem röm. Recht und aus unentscheidbaren juristischen Fällen Ansätze zu einer formalisierten, seinen Zeitgenossen unverständlich gebliebenen Rechtslogik konstruiert (De conditionibus, 1665; De casibus perplexis, 1666) sowie endlich, wenn er bekannte und neue verschiedenartige Anwendungen der Kombinatorik systematisch auf eine logisch-mathematische Grundlage stellt und daraus weitreichende, seine späteren Arbeiten determinierende Perspektiven entwickelt (Dissertatio de arte combinatoria, 1666). Von der Neukodifikation des Corpus Juris kam lediglich der Plan, die „Ratio Corporis Juris reconcinnandi“, 1668 zum Druck. Beabsichtigt war zunächst die Reduktion des röm. Rechts auf einige wenige elementare, an einer Wandtafel verzeichenbare Rechtssätze, aus denen in der Praxis alle Fragen entschieden werden könnten; ein „Antinomicus minor“ sollte zudem die Lösungen sich widersprechender Gesetze sowie die unlösbaren Antinomien zusammenfassen. Von größter Bedeutung war der Einfluß, den →Joh.Christian v. Boineburg, der ehemalige Minister des Kurfürsten, auf L. gewann. Dieser schärfte dem jungen Gelehrten den Blick für die großen Themen der säkularen und der konfessionellen Politik zur Sicherung des Friedens in Europa und gab ihm diplomatische und publizistische Aufgaben, so zur Unterstützung seines Kandidaten für die poln. Königswahl von 1669 – eine Aufgabe, die L. originellerweise mit einer die Rechtsgelehrten damals verblüffenden Beweisführung more geometrico löste (acht Jahre vor Spinozas „Ethica more geometrico demonstrata“) – oder zur Formulierung seiner Friedensdiplomatie gegenüber Ludwig XIV. Genannt seien das „Bedencken welchergestalt securitas publica interna et externa und Status praesens im Reich iezigen Umständen nach auf festen Fuß zu stellen“ (1670) und die Schrift, die er persönlich in Paris Ludwig XIV. vortragen wollte, der „Ägyptische Plan“ (1672), der den Expansionsdrang Frankreichs vom Rhein an den Nil lenken sollte, dessen Vorlage aber durch den inzwischen begonnenen Krieg gegen Holland überholt wurde, gleichwohl später noch →Napoleon beeindruckte. Darüber hinaus regte der Konvertit Boineburg ihn insbesondere an, eine rationale Basis für das Gespräch zwischen den Konfessionen und gegen den aufkommenden Atheismus und die sozinianischen Häresien auszuarbeiten, daneben aber auch seinen juristischen Ambitionen zu folgen und die Elemente des Natur- wie des Zivilrechts darzustellen. L. katalogisierte auch mit neuen Erschließungsmethoden die umfangreiche Boineburgische Bibliothek (heute in Erfurt). Bis auf die, ohne L.s Wissen 1669 anonym publizierte, „Confessio naturae contra atheistas“ und das ebenfalls 1669 erschienene „Specimen demonstrationum politicarum pro eligendo rege Polonorum“ sowie noch 1672 eine vielbeachtete Auslegung des Paragraphen „Et ut eo sincerior“ aus dem Vertrag zum Westfäl. Frieden blieben diese Schriften Konzept oder nur wenigen zugänglich. Anders die ebenfalls von Boineburg angeregte Neuausgabe des humanistischen Nominalisten Marius Nizolius („De veris principiis et vera ratione philosophandi“), die L. 1671 mit kritischen Anmerkungen, einer bedeutenden Vorrede über den philosophischen Stil und einem Brief an seinen Leipziger Lehrer →Jakob Thomasius über das Verhältnis der neueren Philosophie zu →Aristoteles herausbrachte. L.s eigenen Intentionen dürften mehr die Projekte zu einer „Societas Conferentium conciliatrix“ und zu einer konfessionsübergreifenden „Societas philadelphica“ entsprochen haben, sowie das „Bedenken von Aufrichtung einer Akademie oder Societät in Teutschland zu Auffnehmen der Künste und Wissenschafften“ (wohl 1671), ferner auch die von ihm geplanten Maßnahmen zur Organisation des Bücherwesens, u. a. ein von ihm zu verfassendes Rezensionsorgan („Nucleus librarius semestralis“), für das er beim Kaiser vergeblich ein Privileg beantragte.

Seine philosophischen Interessen richteten sich damals, von einigen fragmentarischen Ansätzen zu seinen „Elements de mente et corpore“ als Teil seiner geplanten, groß angelegten „Demonstrationes catholicae“ und von einigen methodologischen Entwürfen abgesehen, auf die Theorie der Bewegung. Daraus resultierten 1671 zunächst zwei Druckschriften, die „Theoria motus abstracti“ und die „Hypothesis physica nova“ (oder „Theoria motus concreti“), die L. den Akademien in Paris und London widmete. Er baute seine Theorie in einer Reihe weiterer Konzepte aus, bis er 1672 in Paris durch →Chr. Huygens davon abgebracht und der modernen Mathematik zugeführt wurde, von der er bis dahin nach eigener Aussage so viel wie nichts verstand – ein Mangel, den er schnell und gründlich beheben sollte. Erst Ende 1676 nahm er in einem fertiggestellten, gleichwohl zurückgehaltenen Dialog „Pacidius Philalethi“ das Thema „de motu“ wieder auf. Wie in der Logik der Satz vom Widerspruch, so bildet in den realen Wissenschaften der Satz vom Grunde „Nihil est sine ratione“ nach L. das fundamentale Prinzip unserer Erkenntnis. Das bewegende Prinzip ist einzig der Geist, und der Körper ist nichts als eine „mens momentanea“, ein Geist, dem das Gedächtnis, die Bedingung dauernder substantieller Identität, fehlt. Ruhe ist Nichtsein. Bewegung selbst ist obensowenig wie Raum und Zeit etwas Absolutes und nur zu verstehen als eine fortwährende Neuschöpfung. An den Brechungsgesetzen erkennt L., daß Optimierungsprinzipien nicht kausal, sondern nur final zu erklären sind und daß deshalb die Physik eine metaphysische Begründung braucht.

Im Dialog „Confessio philosophi“ stellte er 1673 das Problem der Theodizee dar, mit dem er sich ansatzweise bereits in Mainz beschäftigt hatte. Der Jansenist →A. Arnauld in Paris und der Konvertit →N. Stensen in Hannover, dessen Randbemerkungen mit L.s Erwiderung dazu erhalten sind, waren wohl die einzigen, die ihn zu lesen bekamen. Seine damaligen metaphysischen Aufzeichnungen („De summa rerum“) sind tagebuchähnliche Notizen. In Paris gewann er die Anerkennung der bedeutendsten Gelehrten, bekam Zugang zu den Nachlässen von →Pascal und →Descartes, weckte →Tschirnhaus erneut sein Interesse für →Spinoza, den er in Den Haag ein Vierteljahr vor dessen Tod noch besuchen sollte. Vieles, was er aus den heute verschollenen Papieren Descartes' exzerpierte, stellt für uns die einzige Quelle dafür dar. Einiges davon ist wiederum verlorengegangen. →Platons „Phaedon“ und „Theäthet“ hat er in lateinische Kurzfassungen gebracht und „ad usum Delphini“ eine Ausgabe des →Martianus Capella vorbereitet, nichts davon jedoch veröffentlicht.

Ein wenig später als →Newton, gleichwohl, wie aus dem Nachlaß zu belegen, eindeutig unabhängig von ihm, hat L. 1675 die Infinitesimalrechnung erfunden und seitdem erfolgreich zur Lösung verschiedenartigster Probleme herangezogen; insbesondere geht die heute allgemein übliche, transparente Symbolik für die Differentiation und das Integral auf L. zurück. Die erste Veröffentlichung „De nova methodo de maximis et minimis“ erfolgte erst 1684 in den „Acta Eruditorum“. Der in den 90er Jahren von Newton-Anhängern angezettelte Prioritätsstreit, der schließlich von der Royal Society, nicht ohne politische Motivationen und die Mitwirkung von →Newton selbst, zu L.s Ungunsten entschieden wurde, verzerrte sein Bild bis in unsere Tage. Daran änderte auch nichts die erst 1846 edierte „Historie et Origo calculi differentialis“, die L. noch 1714 verfaßte. Unzählige algebraische und zahlentheoretische Studien, die arithmetische Quadratur des Kreises (erstmals publiziert in Acta Erud. 1682), die Berechnung von Potenzreihen und die Anfänge der dyadischen Arithmetik, die er um 1679 ausbaute, gehören bereits in die Pariser Zeit. Von späteren Errungenschaften seien hervorgehoben: seine ebenfalls 1679 ersonnene „Analysis situs“, eine neuartige Topologie als Gegenstück zur analytischen Geometrie von Descartes, die weitere Entwicklung seiner Kombinatorik, die Technik, Indizes als Koeffizienten zu behandeln, die Theorie der Determinanten und die Ableitung der Exponential-Funktion. Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend, stellte und löste er mathematische Probleme in einem regen, halb öffentlichen Briefwechsel, so in den 90er Jahren das der catenaria, der isochrona paracentrica und der brachystochrona. Insgesamt übertrifft der weitgehend noch zu erschließende mathematische Teil des Nachlasses dem Umfang nach um ein Vielfaches das, was zur Philosophie, Theologie und Jurisprudenz gehört.

L. erfand wohl um 1670 die erste Vierspezies-Rechenmaschine. Sie funktionierte nach dem Prinzip der Staffelwalze. Bereits 1673 konnte er sie in Paris und London an einem hölzernen Modell vorführen. Ein Prototyp in Messing wurde später in Paris von dem Mechaniker Olivier hergestellt und|sollte 1694 in die Serienanfertigung gehen. Um 1700 in Helmstedt und zwischen 1711 und 1716 in Zeitz beschäftigte L., unter Einsatz bedeutender eigener Geldmittel, weitere Feinmechaniker zur Herstellung vollkommenerer Modelle, ohne dadurch die technischen Probleme der Zehnerübertragung endgültig zu meistern, was erst 1774 →P. M. Hahn gelang. Das funktionierende, heute in der Niedersächsischen Landesbibliothek aufbewahrte Exemplar blieb ohne praktische Verwendung. Wenig bekannt ist daneben L.s früher, genialer Entwurf einer dyadischen Rechenmaschine (1679), den er technisch gar nicht erst auszuführen versuchte.

Die Philosophie begriff L. im Vertrauen auf die Macht der durch eine geschulte, aufgeklärte Vernunft erkannten Wahrheit als ein Instrument des Friedens und der Versöhnung. Es lag ihm daran, die rationalen Grundlagen zu schaffen, um die sich bekämpfenden Sekten der Philosophen wieder auf die eine philosophia perennis zu verweisen, die auseinandergetretenen Konfessionen in einer katholisch-ökumenischen Kirche zu vereinen, die verfeindeten Staaten unter das römische Reich und dieses unter ein christlich geeintes Europa zu bringen, um schließlich die Christianisierung über die Kontinente nach Asien, Afrika und Amerika zu verbreiten. Ein solches Instrument des Friedens sollte seine „demonstrative Enzyklopädie“ werden, zunächst in Mainz noch unter dem Titel „Demonstrationes catholicae“, dann in Hannover als „Scientia generalis“ und in seinen letzten Lebensjahren als „Éléments de la philosophie générale et de la théologie naturelle“ konzipiert. Es war ein Werk, das mit Hilfe einer zu erstellenden universellen Charakteristik, einer „ars inveniendi et judicandi“, und eines dazu zu konstruierenden logischen Kalküls die Philosophie sicher und alle Probleme berechenbar machen sollte. L. erachtete zu seiner Erarbeitung von vornherein die Hilfe einer Gruppe fähiger Mitarbeiter für nötig. Diese und einen fördernden Mäzen glaubte er jedoch erst nach Vorlage einiger Probestücke gewinnen zu können. Eine Fülle von zurückgehaltenen Konzepten dazu liegt vor, keines davon schien ihm angemessen und überzeugend genug. Das gleiche gilt für seine zahlreichen Arbeiten zur Logik, die letztlich auch auf die formale Begründung der „Scientia generalis“ ausgerichtet waren. Als großen Schritt voran wertete L. seine „Generales inquisitiones de analysi notionum et veritatum“ von 1686 (Erstdruck v. →L. Couturat, in: Opuscules et fragments inédits, 1903). Wenn auch das Programm nicht vollendet wurde, so sind doch die dazu geleisteten Vorarbeiten von so ungewöhnlicher Qualität, daß die moderne mathematische Logik in L. ihren Vater sehen kann. Die Leitidee seiner „Characteristica universalis“ setzt voraus, daß es gelingt – worum L. sich intensiv bemüht hat –, die primitiven Begriffe zu finden, aus denen alle übrigen zusammengesetzt werden können. Man braucht ihnen dann nur noch geeignete Charaktere so zuzuordnen, daß dem Charakter eines jeden Begriffs, wie heute einer chemischen Formel, anzusehen ist, welche primitiven Begriffe in ihm enthalten sind. Versuchsweise wählte L. Primzahlen als Charaktere der primitiven Begriffe, wodurch beliebige Begriffe eindeutig als Primzahlprodukte darstellbar und die Prüfung der Wahrheit von Sätzen sowie der Richtigkeit von Schlüssen arithmetische Teilbarkeitsprobleme werden, eine Vorwegnahme der Gödelschen Arithmetisierung. L. erfand noch weitere logische Kalküle, um dem angestrebten „Alphabetum cogitationum humanarum“ und der aufzubauenden „lingua philosophica“ angemessene Methoden der Algorithmisierung des wissenschaftlichen Denkens an die Seite zu stellen. Statt über Meinungen zu streiten, sollte es künftig heißen: „Calculemus!“.

Einer der bekanntesten philosophischen Aufsätze, die besonders im 18. Jh. in der Erkenntnistheorie und der neuen Ästhetik einflußreichen „Meditationes de cognitione, veritate et ideis“, erschien 1684 in den seit 1682 von O. Mencke herausgegebenen „Acta Eruditorum“, für die L. noch über 60 weitere Aufsätze zumeist mathematischen Inhalts und ebensoviele Rezensionen verfaßte. Weitere 50 kleine Abhandlungen publizierte er im „Journal des Savants“ und anderen Gelehrtenzeitschriften. Im Jan. 1686 faßte L. seine Gedanken in einer von ihrem ersten Herausgeber 1846 „Discours de métaphysique“ betitelten Schrift zusammen, in der Absicht, ihre Verträglichkeit mit den kath. Dogmen von dem inzwischen nach Holland geflohenen →A. Arnauld bestätigen zu lassen. Der vorsichtige L. legte diesem jedoch nur einen „Sommaire“, 37 zusammenfassende Kapitelüberschriften, vor und löste in der sich daran anschließenden Korrespondenz den scheinbaren Widerspruch zwischen vollständiger Bestimmtheit des Begriffs jeder individuellen Substanz und der Freiheit des Menschen. Da, wie der scholastische Lehrsatz besagt, in jeder wahren Aussage das Prädikat im Subjekt enthalten ist, begreift L. die individuelle Substanz als durch ihre notio completa vollständig bestimmt. Ihre Handlungen sind frei, wenn auch gewiß ist, daß sie der göttlichen Voraussicht entsprechen. Wir erkennen notwendige Vemunftwahrheiten vollkommen dadurch, daß wir sie in endlich vielen Schritten auf primitive Begriffe oder wenigstens auf Identitäten reduzieren können, während wir für die Analyse kontingenter Tatsachenwahrheiten unendlich viele Schritte benötigen würden, also höchstens approximative Erkenntnis von ihnen erlangen können und daher auch nicht Gottes Motive für die Erschaffung dieser und keiner anderen Welt begreifen.

In Rom konzipierte L. 1689 den ersten Teil seiner „Dynamik“ im Gegenzug zur Mechanik Newtons, dessen „Principia“ (1687) er gerade kennengelernt hatte. (Den zweiten Teil schrieb er erst nach 1698 nieder.) Sie erwuchs aus seiner 1686 veröffentlichten Polemik gegen den „außerordentlichen Irrtum“ des Cartesischen Prinzips der Erhaltung der Bewegungsgröße, definiert als Produkt aus Masse und Geschwindigkeit (mv), dem L. sein Prinzip von der Erhaltung der Energie als der vis viva, die er als Produkt aus Masse und Beschleunigung, d. h. dem Quadrat der Geschwindigkeit, bestimmte (mv²), gegenüberstellte. Dieses Prinzip hatte er aus seinem „Grundaxiom“ der Äquipollenz von Ursache und Wirkung hergeleitet und bereits 1678 in „De concursu corporum“ (noch nicht ediert) formuliert. Die später ergänzte und revidierte, jedoch nicht gänzlich abgeschlossene Fassung seiner „Dynamica de potentia et legibus naturae corporeae“ wurde erst 1860 ediert. Eine von verschiedenen kürzeren Fassungen überließ er Pellisson zum Vortrag in der Pariser Akademie; nur den ersten Teil einer anderen hat er 1695 in den „Acta Eruditorum“ veröffentlicht, wo er 1698 auch eine Anwendung seiner Dynamik gab (De ipsa natura). Er verfaßte Schriften über die Bewegung der Himmelskörper (1689 „Acta Eruditorum“) und über die Kopernikanische Hypothese, um ihre Anerkennung bei der röm. Kurie zu bewirken. Die prinzipielle Auseinandersetzung mit den metaphysischen Grundlagen der Physik Newtons führte er in seinem letzten Lebensjahr in einem Briefwechsel mit →S. Clarke, der zur Publikation bestimmt war und 1717 auch erschienen ist. Gegen das Leere und die physikalischen Atome Newtons setzte L. seine ausdehnungslosen und einfachen Substanzen, die Monaden. Raum, Zeit und Bewegung ließ er nicht als Absolutes, nicht als Attribute der Gottheit gelten, sie sind für ihn nichts als Relationen, in denen Monaden körperliche Phänomene neben-, nach- und auseinander vorstellen. Auch weigerte sich L., Newtons Gravitationskraft anzuerkennen.

Die aufbrechende Kluft zwischen Glaube und Vernunft, Theologie und Naturwissenschaften überbrückte L. mit einer doppelten Erklärung des Geschehens: Im Reiche der Natur oder der Wirkursachen, im Bereich des Phänomenalen, stellt seine physikalische „Dynamik“ die Theorie bereit; im Reiche der Gnade oder der Zwecke, im Bereich des eigentlich Wirklichen dagegen, die Metaphysik, genauer, die Lehre von den Monaden. Wie die Natur niemals anders wirkt als durch eine unendliche Vielheit konkurrierender Ursachen – ein Gedanke, den schon der junge L. aus dem Hippokratischen σύμπνοια πάντα entwickelt –, so repräsentiert jede Monade in sich selbsttätig das ganze Universum, jede von ihrem Standpunkt aus unterschiedlich, jedoch in einer von Gott prästabilierten Harmonie. Damit wird die für ihn unannehmbare Forderung eines physischen Einflusses von Substanzen aufeinander zur Erklärung der Kausalität überflüssig – Monaden sind gleichsam fensterlos –, und das löst vor allem das Descartes’sche Dilemma der Einwirkung der Seele auf den Körper. Körper sind keine einfachen Substanzen, sie sind Phänomene in Monaden, wenn auch gut fundierte. Nicht einmal die höheren Geister sind ohne solche Körper, die aus dem prästabilierten Zusammenwirken der einfachen Substanzen und ihrer Subordination unter jeweils herrschende Monaden resultieren. Nur Einheiten haben wahre Existenz, nur Monaden sind einfache, unzerstörbare Substanzen. Zusammengesetzte Substanzen, Körper, sind nichts als Phänomene. L.s Phänomenalismus ist jedoch weder ein objektiver Idealismus: Monaden erscheinen nicht als Körper, sind auch selbst keine Erscheinungen; noch ein subjektiver Idealismus: den einfacheren Monaden fehlt das Selbstbewußtsein, sie sind keine Subjekte; und auch kein Spiritualismus: nicht alle Monaden sind Geister; schließlich auch kein Solipsismus: es gibt Gott und andere von Gott geschaffene Monaden, wenn auch der Gedanke der Theresa von Avila „nur Gott und ich“ L. faszinierte. Körper und überhaupt die ganze Welt mit ihrer Geschichte sind Phänomene nicht von, sondern in den sie in prästabilierter Harmonie wie in einem „lebenden Spiegel“ produzierenden Monaden. Ihre Perzeptionen sind nichts als Darstellungen des Vielen in der Einheit, ihre Appetitionen nichts als das Streben nach neuen Perzeptionen. Eine kontinuierliche, in jedem Augenblick unendliche Folge größtenteils unmerklicher „petites perceptions“, verknüpft das Individuum mit dem ganzen Universum und zugleich mit seiner eigenen Vergangenheit und Zukunft, Keine mit Selbstbewußtsein begabte Substanz (mens) verliert jemals die ihr auferlegte Person, deren unzerstörbare Identität durch Erinnerung gegeben ist und sie für Belohnung und Strafe zurechnungsfähig macht. Mit seiner Theorie der „petites perceptions“ wurde er der Entdecker des Unbewußten. Überraschend modern gegenüber den mechanistischen Erklärungen seiner Zeit muten auch L.s Vorstellungen von der Organisation des Lebendigen an: Organismen sind natürliche Maschinen, solche, die selbst in ihren kleinsten Teilen noch Maschinen sind. Zwischen den natürlichen Gattungen gibt es nur kontinuierliche Übergänge, die Natur macht keine Sprünge, duldet kein vacuum formarum (principium continuitatis). Auch gibt es keine zwei vollkommen gleiche, nur numerisch unterscheidbare Individuen (principium identitatis indiscernibilium). Im strengen metaphysischen Sinn gibt es weder Geburt noch Tod, sondern nur Transformationen der unzerstörbaren Substanz. Die Zustände der Monaden folgen nicht ohne göttliche Mitwirkung aufeinander, ihre Erhaltung ist als eine fortwährende Schöpfung zu begreifen.

Wie mit einem Brennglas brachte L. in seiner Metaphysik verschiedenste Traditionen in ein kohärentes System: einen konfessionsübergreifenden christlichen Glauben, gerich tet auf einen allmächtigen, aber guten, frei von Willkür handelnden Gott, den er nicht als Weltseele, sondern als eine extramundane Intelligenz begriffen wissen wollte; die aristotelische Substanzenlehre und den auf sie gegründeten metaphysischen Individualismus der deutschen Schulphilosophen, verbunden mit der rabbinischen Lehre vom unzerstörbaren Kern der Substanz; die Präformation aller Individuen in ihren Protoplasten, den ersten Exemplaren jeder Spezies; das hippokratische Zusammenwirken aller Dinge und den neuplatonischen Harmoniebegriff, expliziert durch die cusanische Vollkommenheit als maximale Mannigfaltigkeit in der Einheit; die platonische Selbstbewegtheit und wahre, unteilbare Einheit des Geistes und damit die Irrealität des rein Körperlichen; die augustinisch-cartesische Selbstgewißheit des denkenden Ich und den platonisch-stoischen Glauben an eingeborene Ideen und Prinzipien, an ewige Wahrheiten, die unsere Vernunft konstituieren.

Die erste Publikation seiner Metaphysik, das „Système nouveau de la nature“, erschien 1695 im „Journal des Savants“. Ihr folgten Erklärungen zu den kritischen Einwänden von →S. Foucher, →P. Bayle und →Fr. Lamy. 1695 prägt L. im Briefwechsel mit →F. G. de L'Hôpital die Begriffe Monade und prästabilierte Harmonie. Seine gewichtige Auseinandersetzung mit →John Lockes berühmtem „Essay“ (1690), die L. seit 1695 in kürzeren Schriften vorbereitet hatte, kleidete er 1703-05 in die Form eines Dialogs „Nouveaux essais sur l'entendement humain“, den er aber aus Pietät gegen den 1704 verstorbenen Gegner druckreif zurückhielt. Die Wirkung dieser erst 1765 durch →R. E. Raspe veröffentlichten Widerlegung des engl. Empirismus war und blieb trotz ihrer Verspätung doch bedeutend.

Die Grundkonzeption seines berühmtesten Werkes, der aus Gesprächen mit der Kgn. →Sophie Charlotte am preuß. Hof hervorgegangenen „Essais de théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal“ (1710), beruht auf der schon in der „Confessio philosophi“ (1673) ausgesprochenen Idee einer Vielheit von möglichen Welten, unter denen Gott, der diese Vielheit in seinem Geist erschaffen hat, eine, und zwar aufgrund seiner Allwissenheit und seiner Güte die beste, zur Existenz bringt, die beste alles in allem besehen. Eine mögliche Welt besteht aus der Gesamtheit miteinander verträglicher individueller Substanzen, von denen jede durch ihren vollständigen Begriff festgelegt ist, mit allem, was ihr je zugestoßen ist und zustoßen wird. Der vollständige Begriff einer möglichen Einzelsubstanz bestimmt, mit welchen anderen Substanzen sie kompatibel ist, und dann wiederum, welchen Grad an Vollkommenheit die miteinander kompatiblen Substanzen zu realisieren imstande sind. Daß Gott, der nicht willkürlich handelt, sondern den zureichenden Grund seiner Wahl im Prinzip des Besten sieht, dieser und keiner anderen Welt zur Existenz verholfen hat, bedeutet für L., daß keine bessere Welt möglich ist. Dies ist eine Konzeption, die eher Resignation als den von Voltaire im „Candide“ verhöhnten Optimismus ausdrückt. Die neben der „Theodizee“ bekannteste Schrift L.s, die sog. „Monadologie“, ist ebensowenig wie die im selben Jahr 1714 in Wien für den Prinzen →Eugen von Savoyen verfaßten „Principes de la nature et de la grâce“ eine Vermächtnisschrift. Beide verschweigen den Phänomenalismus, geben aber gleichwohl die dichteste Darstellung dessen, was L. damals einer elitären Öffentlichkeit handschriftlich zugänglich zu machen bereit war. So hatte er schon|früher einigen Vertrauten brieflich Zusammenfassungen seines Systems mitgeteilt, insbesondere der Kfn. →Sophie in Hannover und ihrer Tochter →Sophie Charlotte, der ersten Königin in Preußen, die beide beständig und verständig seine vielfältigen Vorhaben förderten. L. hat sich aber auch ihnen gegenüber gescheut, die letzte Konsequenz seiner Metaphysik, die bloße Phänomenalität unserer raum-zeitlichen Erfahrungswelt, in einer Zeit, die er noch nicht gereift sah für seine Gedanken, öffentlich zu vertreten. Die Stücke, selbst die zur Absendung fertigen Briefe, in denen er seine Ansicht zu deutlich formulierte, hat er zurückgehalten – wohl aus Furcht, seine zur Verwirklichung seiner großen Projekte nötige Reputation bei den dafür maßgebenden Persönlichkeiten an den Höfen Europas zu verlieren.

Nach dem Mißlingen der Versuche, die Entwässerung der Gruben im Harzbergbau mit seiner neuartigen Windkunst zu leisten, verpflichtete sich L. im Sommer 1685 gegenüber Hzg. →Ernst August, die Geschichte des Welfenhauses aus authentischen Quellen darzustellen: eine Aufgabe, die noch schwer auf ihm lasten sollte, besonders als Kf. →Georg Ludwig nach 1698 mit Nachdruck auf ihrer Erfüllung bestand. Für seine Annahme eines gemeinsamen Ursprunges der Welfen und der Este fand L. 1688 in Augsburg den ersten urkundlichen Beleg. 1690 stellte er in Modena und der Abtei Vangadizza das Ergebnis sicher. Gleichsam als Parerga dieser Sammel- und Sichtungsarbeit besorgte L. zunächst eine Reihe umfänglicher Quellenveröffentlichungen, so den „Codex juris gentium diplomaticus“ (1693) mit ergänzender „Mantissa“ (1700), die „Accessiones historicae“ (1698-1700) und in drei Bänden die „Scriptores rerum Brunsvicensium“ (1707-11), alles Quellen, die zum Teil bis heute in keiner anderen Ausgabe vorliegen. Diesen Ausgaben stellte er einleitend bemerkenswerte Äußerungen zur Theorie und Methode der Geschichtsschreibung und Quelleneditorik sowie zur Systematik des Natur- und Völkerrechtes voran. Seine genealogischen Forschungen („Origines Guelficae“) brachten erst →Scheidt 1751-54 in vier Bänden und Jung 1780 in einem fünften heraus. Die Welfengeschichte selbst, die L. für die Zeit von 768 bis 1005 dargestellt hatte, wurde, da nach L.s Tod seine Auftraggeber jegliches Interesse an ihr verloren, erst von →G. H. Pertz aus dem hinterlassenen Manuskript herausgegeben (Annales Imperii occidentis Brunsvicenses, 3 Bde., 1843–46). Sollten diese Annalen vorrangig dem Ansehen des Hauses Braunschweig dienen, so begründete L. mit weiteren historischen Arbeiten die politischen Ansprüche der Welfen; so bereits 1677 mit dem wiederholt gedruckten „Caesarini Fürstenerii de jure suprematus ac legationis principum Germaniae“, der den Hannoveranern eine den Kurfürsten gleichrangige Souveränität und die Beteiligung an der europ. Politik und den Friedensverhandlungen sichern sollte, sowie mit Schriften, die wesentlich zur Erlangung der 9. Kurwürde beigetragen haben. Weiterreichende historische Interessen und methodische Innovationen verband L. mit Arbeiten zur Frühgeschichte der Erde anhand von im Harz gefundenen Fossilien, der „Protogaea“ (im Auszug 1693 in den „Acta Eruditorum“, vollständig erst 1749 erschienen), die er zusammen mit Schriften über den Ursprung der Germanen (1697) und der Franken (1715) seinen „Annales“ voranstellen wollte, sowie in der „Brevis designatio meditationum de originibus gentium ductis potissimum ex indicio linguarum“ (1710), in denen er vergleichende Sprachgeschichte und Etymologie als historische Hilfswissenschaften einsetzte. Überhaupt widmete L. den Sprachen als „Spiegel des Verstandes“ auch neben seinen erwähnten Intentionen zur Schaffung einer berechnenden und berechenbaren „lingua philosophica“ großes Interesse. Seine Studien zur Sprachenvergleichung gipfelten in Hypothesen über Ursprung und Verwandtschaft der Sprachen, die heutigen Auffassungen über die indogerman. Sprachfamilien nahekommen. Besonderes Gewicht legte er auf die Wortbildung und die Namenforschung, sah er doch in den Eigennamen, besonders in den geographischen, die ältesten Zeugnisse einer ursprünglichen Namengebung. Nach franz. Vorbild empfahl er die Anlage dreier Wörterbücher, eines für die Hochsprache, in doppelter (alphabetischer und sachlicher) Anordnung, eines für die Fachterminologien und schließlich eines für die Etymologie, entweder nach den heutigen Wortgestalten oder nach ihren Wurzeln angeordnet. Vier Bände Material für ein solches „Glossarium etymologicum“ liegen noch im Nachlaß. Obgleich sein Interesse auf die Pflege der deutschen Hochsprache gerichtet war und darauf, ihren Wortschatz ohne puristische Ambitionen zu reinigen und durch Wiedereinsetzung versunkener Wörter zu erweitern, legte er großen Wert auf die Erforschung der Mundarten. Hervorgehoben seien die heute noch unveröffentlichte „Epistolaris de historia etymologica dissertatio“ (um 1712) und die von J. G. Eckhart 1717 herausgegebenen „Collectanea|Elymologica“, die auch L.s „Unvorgreifliche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache“ enthalten, mit denen er um die Jahrhundertwende den alten Plan zur Einrichtung einer „teutschgesinnten Gesellschaft“ wiederaufgriff.

L. teilte früh das Interesse seiner Zeit für China. Als er 1689 in Rom →C. F. Grimaldi begegnete, einem Angehörigen der Jesuiten-Mission in China, faßte er in 30 Fragen zusammen, was er von der chines. Sprache, Kultur, Wissenschaft und Technik zu erfahren hoffte, angefangen bei der Schrift, über die Seidenraupen und den Ginseng bis zur Chirurgie, zur Kriegskunst und zum Bergbau. Mit weiteren Mitgliedern dieser Mission blieb er in regem Briefwechsel. Ungeduldig erwartete er die „Clavis Sinica“, die ihr Autor →A. Müller jedoch unvollendet vernichtete. 1697 und erweitert 1699 gab er als „Novissima Sinica“ eine informative Sammlung aktueller Briefe und Berichte heraus. Noch 1713 äußert er sich brieflich ausführlich über die natürliche Theologie der Chinesen.

Im Auftrage des Hzg. →Ernst August hat L. zusammen mit Gerhard Molanus, dem Abt von Loccum, seit 1683 an Verhandlungen zur Reunion der christlichen Konfessionen teilgenommen. Auf kath. und kaiserl. Seite waren daran der Bischof von Wiener-Neustadt →Christóbal Rojas y Spinola und später dessen Nachfolger Franz Anton Gf. v. Buchhaim beteiligt. L. empfahl, die Disputationen zu beenden und sich der Autorität eines einzuberufenden, wirklich ökumenischen Weltkonzils zu unterwerfen. Unermüdlich verfaßte er Denkschriften und wechselte Briefe, so mit dem konvertierten Landgf. →Ernst von Hessen-Rheinfels, mit dem einflußreichen Bischof von Meaux, →J.-B. Bossuet, und mit →P. Pellisson-Fontanier. Letzterer ließ seinen Briefwechsel mit L. unter dem Titel „De la tolérance de la religion“ 1691 erscheinen und wiederholt auflegen. Insgesamt blieben diese Bemühungen ohne Ergebnis, sie paßten letztlich nicht in das Konzept der großen Politik. Resignierend hielt L. sein wohl 1686 vom Standpunkt eines Katholiken verfaßtes „Examen religionis christianae“, das seit 1820 in deutscher Übersetzung als „System der Theologie“ bekannt wurde, zurück. Erfolgreicher waren, wenn auch nicht mehr zu seinen Lebzeiten, die mit dem Berliner Prediger →D. E. Jablonski seit 1698 geführten Gespräche zur Union der luth. und ref. Kirchen in Preußen.

L.s politisches und diplomatisches Wirken blieb überhaupt durch Stand und Stellung beschränkt auf Beratung und Publizistik. Trotz großem Einsatz und selbstlosen Ambitionen blieb es weit hinter seinen wissenschaftlichen Leistungen zurück, bedingt nicht zuletzt durch die politischen Kräfteverhältnisse und divergierenden Partikularinteressen. L. stellte immer wieder die Situation des Reiches dar und erwog, wie die Politik Ludwigs XIV. durch Allianzen zu schwächen sei, wie aber auch durch Frieden mit Frankreich die Kräfte gegen die anstürmenden Türken freigesetzt werden könnten. Der 1684 anonym erschienene „Mars Christianissimus“ ist eine leidenschaftliche Satire gegen die Aggressionspolitik des Sonnenkönigs. Weitere Denkschriften galten dem span. Erbfolgestreit und der Anwartschaft seiner Gönnerin, der Kfn. →Sophie auf die engl. Thronfolge, die ihr Sohn →Georg Ludwig 1714 auch antrat. L.s Gedanken zur Prinzenerziehung, die er direkt am preuß. und sächs. Hof geltend zu machen versuchte, blieben ohne Wirkung. In zahllosen Entwürfen ließ er im Sinne seiner Definition des Staates als einer „großen Vergesellschaftung mit dem Zwecke der allgemeinen Sicherheit“ kaum etwas unberücksichtigt, was sein erfinderischer Geist als dem „allgemeinen Besten“ dienlich ansehen mußte, angefangen bei der Staatsverwaltung, dem Münz-, Währungs-, und Besoldungswesen, der Einrichtung einer Medizinalbehörde und eines statistischen Amtes, insbesondere auch der Einführung von öffentlichen Lebensversicherungen. Hinterbliebenenrenten und Armenkassen, sowie der Besteuerung oder Verstaatlichung bestimmter Handelszweige und Manufakturen und der Förderung gemeinnütziger Institutionen durch Lotterien bis hin zur Erörterung von Arbeitsplatzproblemen, die bereits damals die fortschreitende Ersetzung der Handarbeit durch Maschinen aufwarf. Er machte Vorschläge zur Einrichtung eines zentralen Reichsarchivs, und zum Abschluß eines Reichskonkordates zur Wahl der Bischöfe, aber auch solche praktischer Art, etwa zur Beleuchtung der Stadt Wien mit Rübsamenöl und zur Seidenraupenzucht als Finanzquelle für die Berliner Akademie In Italien stellte er 1689 unterwegs aus dem Gedächtnis eine umfassende Liste der zur Einrichtung einer Universalbibliothek benötigten Bücher zusammen. Er entwarf Fragebögen für die Missionare in China und später für Peter den Großen zur Erkundung fremder Sprachen und Kulturen, begriff als erster 1690 den Zusammenhang von Luftdruck und Wetter, entwarf auch 1702 das erste Aneroid-Barometer und sammelte Daten für ein magnetisches Modell der Erdkugel mit Eintragung der Abweichungen der Magnetnadel zur Bestimmung der Breitengrade auf See. Hier kann nur einiges genannt werden. Der Tag war ihm, wie er klagte, oft nicht lang genug, das, was ihm beim Aufwachen einfiel, auch nur aufzuschreiben.

L. verstand sich als Autodidakt, als ein Vielleser mit Vorliebe für Lektüre, die den eigenen Gedanken genügend Raum läßt, stets mehr darauf bedacht, zu verwerten als zu verwerfen. Er war wohl die vielseitigste Gestalt der deutschen Geistesgeschichte im 17. Jh.; ein Gelehrter, dem nichts Wissenswertes fremd blieb, der aber nicht als Polyhistor das Wissen um des Wissens willen ansammelte, sondern es stets mit der Praxis verbinden wollte. Der Preis dieser Vielseitigkeit war Unruhe, wenn nicht Verzettelung, die ihren Grund in seinem Streben nach Positionen hatte, die ihm angemessene Möglichkeiten zur Verwirklichung seiner großen Pläne einräumten; denn trotz seines Ansehens in der Gelehrtenwelt blieb er stets in Abhängigkeiten, die ihn zur Rücksichtnahme, wenn nicht gar zur Untätigkeit zwangen, aus Angst, etwas zur Unzeit angegangen zu haben.

Dennoch hat L. entscheidend in die Neuzeit hineingewirkt und hätte, wäre er nicht so sehr seiner Zeit voraus gewesen, das noch stärker tun können. Die wesentlichen Grundlagen der Computertechnik beispielsweise, so die Rechenmaschine – sogar die dyadische –, die Dyadik selbst, der infinitesimale und der logische Kalkül (Schaltalgebra), die Kombinatorik und die Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Umgang mit Näherungswerten und nicht zuletzt die Charakteristik und Begriffsanalyse sind von ihm entdeckt oder entscheidend weiterentwickelt worden. Was L. zur Analyse der Sätze erfand, braucht man heute, um sie zu verschlüsseln (Gödelisierung). Bei aller Modernität vertrat L. noch – derartig umfassend wohl als Letzter – die Ideale der Scholastik, wenn er den Versuch machte, den Glauben, die Theologie in den Mittelpunkt zu stellen –, selbst die Mathematik will er nur um ihretwegen betrieben haben – einen Versuch, alles Wissen, alle Betätigung letztlich auf das Ziel der ewigen Glückseligkeit auszurichten. Wenn er auch das irdische Wohl darüber nicht geringschätzte, so sah er den Menschen doch stets als homo viator (Hochstetter), und er hat unermüdlich versucht, dieses Bewußtsein in seiner Zeit wach zu halten.

L. verbreitete seine Gedanken mehr durch eine umfangreiche Korrespondenz – sie umfaßt über 15 000 Briefe an und von mehr als 1 000 über ganz Europa bis hin nach China verteilten Adressaten – als durch die gut 300 Schriften, die er oder seine Zeitgenossen größtenteils in Form von Aufsätzen und Rezensionen herausgaben. Diese vergleichsweise wenigen Publikationen machen nur einen Bruchteil dessen aus, was L., zumeist als Fragment, in die Schubladen verbannte. So wurde sein Werk zum größten Teil erst postum in einem immer wieder abgebrochenen und bis heute nicht abgeschlossenen Prozeß im Druck zugänglich gemacht, obgleich sein Nachlaß, der heute in der Niedersächs. Landesbibliothek in Hannover liegt, vorzügliche Aufschlüsse geben kann über die Werkstattarbeit eines großen Geistes. „Wenn es nach mir ginge“, hat →Lessing gesagt, „müßte L. nicht eine Zeile vergebens geschrieben haben“. Dennoch liegt eine Gesamtausgabe seiner Schriften und Briefe bis heute nicht vor. Ansätze dazu unternahmen →G. H. Pertz zusammen mit →C. L. Grotefend u. →C. I. Gerhardt (12 Bde., 1843–63, davon 4 Geschichte, 1 Philosophie u. 7 Mathematik), →O. Klopp (11 Bde., 1864–84, Hist.-polit. u. staatswiss. Schriften) und →A. Foucher de Careil (7 Bde., 1859–75). →L. Dutens faßte in seiner Ausgabe (Opera omnia, 6 Bde., 1768) das damals bereits Gedruckte, wenn auch nicht vollständig, so doch angereichert durch einige Briefwechsel aus den Originalen systematisch geordnet zusammen. Auch →J. E. Erdmann (Opera philosophica omnia, 1 Bd., 1840) erfüllte, trotz der Aufnahme von Inedita, diesen Anspruch bei weitem nicht. Erheblich darüber hinaus ging erst →C. I. Gerhardt (Die phil. Schriften, 7 Bde., 1875–90). Hinzu kamen vor allem →L. Couturat (Opusc. et fragm. inédits, 1903) und G. Grua (Textes inédits, 2 Bde., 1948), deren Schwerpunkte in der Logik bzw. in der Theologie und Jurisprudenz liegen. Die erste vollständige historisch-kritische Ausgabe ist die der Preuß. Akademie der Wissenschaften, heute Akademie der Wissenschaften der DDR, die von ihrer Arbeitsstelle in Berlin (Ost) zusammen mit dem Leibniz-Archiv der Niedersächs. Landesbibliothek Hannover und der Leibniz-Forschungsstelle der Univ. Münster, beide neuerdings unter Aufsicht der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, bearbeitet wird („Sämtliche Schriften und Briefe“, 1923 ff., bisher erschienen 19 Bde. in 7 Reihen, etwa ein Viertel des Gesamtumfangs). Die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft e. V. fördert mit internationalen Kongressen und Symposien und mit den „Studia Leibnitiana nebst „Supplementa“ die Erforschung seines Werks und seiner Wirkung.

 
 
 
Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Rutz, Andreas, Clemens August von Bayern, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/clemens-august-von-bayern/DE-2086/lido/57c68cffb4d684.72106626 (abgerufen am 19.10.2025)

-> Schepers, Heinrich, "Leibniz, Gottfried Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 121-131 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118571249.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 19.10.2025.

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Sekundärliteratur

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