Fürstenherrschaft und Repräsentation
Inhaltsverzeichnis
1. August der Starke. Fürst der Verschwendung
1. August der Starke. Fürst der Verschwendung
Ein Barockherrscher muss mit Luxus protzen, um seine Macht zu zeigen, und das tut kein deutscher Fürst so hemmungslos wie Sachsens Friedrich August I.: Er füllt Schlösser mit Kunst, lässt Prachtbauten errichten, verwandelt Dresden in eine glanzvolle Metropole. Und lädt schließlich zu einem Fest, das Wochen dauern wird – und alles in den Schatten stellt
Dresden, an einem Frühjahrstag des Jahres 1700. In der Küche des Residenzschlosses zieht ein gewaltiger Kamin den meisten Rauch ab, die Schwaden von verbranntem Fett, den Dunst würziger Saucen. Dennoch bedeckt öliger, schwarzer Ruß das Mauerwerk. In der Hitze hantieren die Köche und Küchenjungen mit Messern und Quirlen, Fleischbeilen, Mörsern, dem Bratspieß; ein Holzträger schürt die Feuer. Durch das Geschwätz der Leute, das Klappern der Töpfe und Pfannen schallen Anweisungen der Küchenmeister. Und von fern Trompeten und Pauken: Hofmusikanten künden den Gästen des Kurfürsten jedes neue Gericht an. Diener schleppen Platten und Schüsseln mit Speisen aus der Küche. Karpfenfilets in Honigsauce, gebratene Fasane, denen ein Koch zum Schmuck wieder ihr Federkleid angelegt hat, einen gesottenen Wildschweinkopf, einen im Ganzen gegrillten Frischling. Vor dem Speisezimmer übergeben sie ihre Last an die vornehmeren Lakaien, die den versammelten Herrschaften auftragen.
Vor allem dem Herrn des Hauses: Friedrich August I. von Sachsen. Denn der Kurfürst aus der Dynastie der Wettiner isst und trinkt mit Hingabe. Als Appetitanreger vielleicht ein zartes Huhn sowie zwei Dutzend geröstete Weinbergschnecken. Anschließend mag er eine Leberpastete zu sich nehmen, ein fettes Stück Aal, einen speckgespickten Rehrücken, süßsaures Lammkotelett mit Rosinen, die Keule eines gut abgehangenen Hasen, gebeizte Austern. Und als Nachtisch ein paar Esskastanien, Marzipan, Feigen oder Granatäpfel. Dazu trinkt er ungarischen Tokajer oder französischen Burgunder, von denen er an einem Abend mehrere Flaschen verträgt. Schließlich noch Eierkuchen gefüllt mit Parmesan.
Friedrich August ist groß, kräftig und überaus robust, und er vermag riesige Mengen schwerer Kost zu verschlingen. Er braucht dazu nicht einmal einen besonderen Anlass; fast täglich nutzt der Monarch die Geselligkeit seiner Tafel zur verschwenderischen Völlerei. Zwar hat der 26-Jährige noch nicht den tonnenartigen Bauchumfang späterer Jahre, das imposante Doppelkinn. Doch ist er bereits jetzt so schwer, dass die Ärzte dringend zu Mäßigung und Diät raten. Vergebens. Ihr Herr isst und trinkt wie ein Berserker. Und er ist stolz darauf. Denn dick zu sein – das muss man sich erst einmal leisten können. Wer ungehemmt in sich hineinstopft, hat für alle sichtbar die Mittel und das Recht dazu. Er protzt mit Geld, Macht und einer gesunden Rossnatur. Daher sind dicke Menschen attraktiv, erotisch
Und daher ist dieses Zeitalter eine strotzende, prunkende, verschwenderische Epoche: nicht allein, weil es einigen genusssüchtigen Aristokraten so gefällt – sondern auch, weil nur als reich (und kreditwürdig) gilt, wer sein Vermögen zeigt. Mächtige Verbündete gewinnt am leichtesten, wer selbst potent erscheint. Bescheidenheit mag eine Tugend sein – doch riecht sie nach Armut und Ohnmacht, niederem Stand. Ein Fürst mehrt seinen Ruhm, je üppiger er schwelgt, je weniger Grenzen er seinen Gelüsten auferlegt, je weiter er die Prasserei treibt. Wenige Monarchen aber treiben dies so weit wie Friedrich August von Sachsen (den spätere Generationen „den Starken“ nennen werden).
Er jagt, zecht und verführt die Frauen, dass es Besuchern die Sprache verschlägt. Er lässt sich bezaubernd schöne Schlösser herrichten und füllt sie mit den Erzeugnissen seiner Juweliere und Kunsthandwerker, mit Tonnen prächtigsten Porzellans. Seine perlenbesetzten Röcke und gerüschten Hemden wirken zuweilen wie nicht von dieser Welt. Und immer wieder führt er seine Schätze vor: bei hingebungsvoll choreografierten Festen vor allem, die zuweilen gleich über mehrere Wochen Vergnügen bieten, Wettspiele, Spektakel, Tanz und Amouren, opulente Tafeln. Als würde da ein großer Junge zeigen wollen, was er alles hat. Ein Lebenswütiger. Ein wollüstiger, raffinierter, nach Abwechslung hungernder, übersatter Knecht seiner eigenen Machtfülle. Ein Barockfürst par excellence.
Dabei beginnt dieses Leben eher bescheiden: Als am 12. Mai 1670 Kirchengeläut und Salutschüsse den Dresdenern verkünden, dass Kurprinzessin Anna Sophie einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hat, ihren zweiten Sohn, ist der Jubel bei Weitem nicht so groß wie bei der Geburt des Thronfolgers anderthalb Jahre zuvor, der denn auch den kurfürstlichen Traditionsnamen Johann Georg trägt. Den nun hinzugekommenen Knaben taufen die Eltern Friedrich August
Die Ordnung der Welt, in welcher der Junge aufwächst, ist hierarchisch und starr. Was einer wird im Leben, steht oft schon bei seinem ersten Atemzug fest. Adelige erben den väterlichen Stand, Bauern bleiben Bauern, Bürger in der Stadt – und einen zweitgeborenen Prinzen erwartet ein komfortables Schattendasein, vielleicht militärischer Ruhm. Aber nicht der Thron. Und doch ist es zugleich auch eine überaus unsichere Welt. Krankheiten und Tod kommen plötzlich; Pest, Cholera oder die Pocken achten weder Ständegrenzen noch frommen Lebenswandel. Die starren Normen täuschen kaum darüber hinweg, dass die Wirklichkeit in unberechenbarer Bewegung ist: Hohe wie Niedere eifern nach Vermögen und Ansehen, nicht selten mit List oder Gewalt. Persönlicher Ehrgeiz hält die Welt in fortwährender Unruhe, vergiftet sie mit Intrigen, stürzt sie in Kriege.
Deutschland, das ist in den Jahrzehnten um 1700 ein buntscheckiges, politisch und konfessionell zerklüftetes Gebilde. Zwar steht formal über allem der Kaiser in Wien – oberster Herrscher über das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Darunter jedoch gibt es viele Hundert kleine und große Territorien, weltliche wie geistliche, mächtige Bischöfe, verarmte Ritter auf zerfallenden Burgen, vermögende Reichsstädte und kleine Weiler, die nur dem Kaiser untertan sind.
Insbesondere die großen Herren wie die Kurfürsten von Brandenburg, Bayern oder Sachsen beanspruchen längst weitgehende Freiheiten und Privilegien sowohl zulasten des jeweiligen Landesadels als auch des Kaisers – und konkurrieren um die glänzendste Hofhaltung. Denn ein Hof von Rang ist mehr als bloßer Luxus. Er ist ein Machtinstrument. Prächtige Bauten, erlesene Kunst, Sänger und Tänzer, die Förderung der Wissenschaften durch den Herrscher zeugen vom Geschmack und Vermögen eines Fürsten; ihm zu dienen ist nicht nur ein Vergnügen, sondern eine Ehre.
Der Aufwand soll vor allem den Adel an den Hof binden: Zum einen streben die Fürsten nach beinahe absoluter Macht, auch über die Edelleute – und sind die in ihrer Nähe, können die Regenten sie besser kontrollieren. Zum anderen dienen luxuriöse Genüsse und das auf sein Umfeld abstrahlende Prestige eines prunkenden Herrschers dazu, den Noblen ihre wachsende Abhängigkeit erträglich zu machen. Niemand verkörpert diese Politik strahlender als König Ludwig XIV. von Frankreich. In Versailles errichtet der Monarch ab 1661 eine Schlossanlage, deren Eleganz und Größe alles in Europa übertrifft. Seine Feste sind legendär, seine Mittel gewaltig, sein Majestätsbewusstsein grenzt an Wahn. Ludwig XIV. bleibt unerreicht. Doch allenthalben ahmen die Potentaten des Kontinents sein Vorbild nach. Darunter der Kurfürst von Sachsen.
Johann Georg und Friedrich August, die zwei Prinzen, wachsen heran zwischen Festbanketten, Jagdvergnügen, Opern- und Ballettaufführungen. Sie erleben, wie Arbeiter den Turm des Residenzschlosses auf fast 100 Meter erhöhen und im Großen Garten ein Sommerpalais für die fürstliche Familie errichten, das geometrisches Ebenmaß mit lebendigen Reliefs und Statuen verbindet: Dresdens erster Barockbau. Der Vater ist ein Haudegen, Jäger und Trinker, die Mutter eine fromme, hochgebildete Frau. Sie sorgt dafür, dass ihre Söhne früh in Italienisch, Französisch und Spanisch unterwiesen werden, in Mathematik und Zeichnen, in Religion natürlich, in der Musik, aber auch einem Handwerk. Friedrich August wählt Kunstschnitzerei.
Johann Georg, der Erstgeborene, bleibt auch als Heranwachsender von fragiler Statur, wissbegierig und ernst, bisweilen melancholisch. Friedrich August dagegen ist kraftstrotzend, voller Temperament, ohne Interesse für Buchwissen. Bitter neidet er dem Älteren, Schwächeren den Vorzug der Geburt und piesackt ihn nach Kräften; später wird er ihre permanenten Streitereien einen „Krieg“ nennen. Schließlich erhalten sie getrennten Unterricht – der Thronerbe als künftiger Regent, Friedrich August zur Vorbereitung auf das Soldatentum: Artilleriewesen und Festungsbau, Fechten sowie halsbrecherische Geländeritte.
Auf der unter hohen Aristokraten üblichen „Kavalierstour“ durch Europa erlebt Friedrich August Versailles und den Pomp des Sonnenkönigs, bewundert in Spanien den gewaltigen Renaissancepalast Escorial. Zum Karneval 1689 erreicht sein kleiner Tross Venedig. Der Prinz verschwindet unauffindbar in den Feiern und kehrt erst nach Tagen mittellos und erschöpft zu den Begleitern zurück. Er prahlt vor Publikum mit seiner großen Kraft, rollt silberne Teller zusammen, verwindet von Hand ein Eisenrohr.
Zwei Jahre lang ist er unterwegs. Dann geht es zurück in die Heimat, und schon bald zieht er mit der sächsischen Armee in einen Krieg des römisch-deutschen Reichs gegen die in der Pfalz eingefallenen Franzosen. Vor Mainz erhält er einen Streifschuss am Kopf; eine explodierende Flinte reißt ihm einen Teil des linken Daumens ab. Zwischen den Gefechten zecht und hurt er mit anderen Offizieren. Der jüngste Spross des Hauses Wettin erwirbt den Ruf eines tollkühnen Wüstlings.
Als 1691 der Vater an einer Seuche stirbt, muss August seinem verachteten Bruder als Johann Georg IV. huldigen. Gemeinsam mit der Mutter beschließt der neue Kurfürst, den Jüngeren zur Räson zu bringen: Er soll heiraten. Als Braut wählen sie die nachdenkliche, fromme Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth. Deren Eltern zögern zwar angesichts des katastrophalen Leumunds des Bewerbers, willigen aber mangels besserer Partien ein. Zum Unglück ihrer Tochter. Denn August behandelt sie nicht besser als der eigene Vater die Mutter – oder der Bruder seine Frau.
Johann Georg IV. hat aus rein dynastischen Erwägungen geheiratet; einem Diener erklärt er rundheraus, ihm werde im Bett mit der Gemahlin übel. Er hält sich eine Mätresse, die dem Fürsten große Summen Bargeld abschwatzt, Landgüter, einen Grafentitel. Das kostspielige Verhältnis macht bereits Skandal, als die junge Frau an den Pocken erkrankt. Und Johann Georg steckt sich bei ihr an – angeblich als er die Geliebte auf dem Sterbebett ein letztes Mal küsst. Empfindet Friedrich August da Mitleid, oder keimt in ihm eine dunkle Hoffnung? Er selbst hat die Krankheit einst im Feldlager überlebt. Johann Georg hat diese Konstitution nicht. Am 27. April 1694 ereilt ihn das Ende
Und da der Tote keinen Sohn hinterlässt, tritt das von Friedrich August jahrelang eifersüchtig und aussichtslos Ersehnte, doch kaum zu Denkende ein. Er, der Jüngere, wird Kurfürst. Das Land, über das er nun herrscht, ist der viertgrößte unter den deutschen Staaten, mit 1,4 Millionen Einwohnern gut besiedelt; fast jeder zehnte Deutsche lebt hier. Die Ebenen sind vielerorts fruchtbar; die Gruben des Erzgebirges liefern Kobalt und Edelmetalle wie Silber. Das Gewerbe blüht; in der Buchdrucker- und Messestadt Leipzig werden Vermögen verdient. Sachsen ist reich Allerdings findet der neue Herrscher, dass von diesem Reichtum zu wenig in die fürstliche Schatulle fließt. Zum einen bewilligt der Landtag aus Vertretern der Städte, des Klerus und der Adeligen, dessen Zustimmung seit dem Mittelalter erforderlich ist, nur ungern Steuern. Zum anderen sind die Amtsträger derart korrupt, dass sie wohl gut ein Drittel der Abgaben unterschlagen.
Friedrich August I. beginnt beinahe umgehend, mit dem Landtag über höhere Steuern und eine besser geordnete Erhebung zu verhandeln. Diese Forderungen sind der Auftakt zu einem jahrzehntelangen Ringen, an dessen Ende eine gestärkte Monarchie, höhere Staatseinnahmen und eine modernisierte Verwaltung stehen werden. Zunächst jedoch sucht sich sein fürstliches Selbstbewusstsein einen anderen, persönlicheren Ausdruck. Im August 1694 ist mit der Kutschpost eine attraktive Adelige von 32 Jahren in Dresden angekommen: Maria Aurora Gräfin von Königsmarck – eloquent, gebildet, weltläufig. Ihr Bruder, ein früherer Gefährte des neuen Kurfürsten, ist bei einer Intrige am Hof von Hannover spurlos verschwunden; Gerüchten zufolge wurde er ermordet. Sie sucht Beistand.
Friedrich August scheut diplomatische Verwicklungen und will ihr nicht helfen, beginnt aber, die erfahrene, unverheiratete Frau zu umwerben: ein Diner im Jagdschloss, eine Gondelfahrt zu einer malerischen Insel, ein kostbares Kleid zum Tanz mit dem fürstlichen Verehrer. Am Ende gibt sie nach und wird seine Geliebte.
Zum Karneval 1695 feiert der junge Fürst in Dresden seinen ersten großen, vierwöchigen Festreigen. Motivwagen ziehen durch die Stadt, antiken Gottheiten gewidmet. Friedrich August erscheint als Götterbote Merkur. Die Königsmarck geht im Einklang mit ihrem Vornamen als Aurora, Göttin der Morgenröte. Kaum je weicht er von ihrer Seite.
Im Oktober 1696 bringen Kurfürstin und Mätresse im Abstand von nur elf Tagen jeweils einen Sohn zur Welt. Derweil hält sich der Vater beider Knaben in Wien auf – und beginnt dort eine Affäre mit einer Gräfin. Im Bett von deren Gatten ertappt, bedroht er den gehörnten Ehemann mit dem Degen. Anschließend jedoch schlägt er eine gütliche Einigung vor: Gegen eine stattliche Jahresrente tritt der Graf dem Kurfürsten seine ehelichen Rechte ab, wird aber eventuell aus der Liaison hervorgehende Kinder als die eigenen anerkennen.
Begleitet von der neuen Favoritin, reist Friedrich August Ende November zurück nach Dresden. Dort begegnet die Königsmarck ihrer Nachfolgerin mit ausgesuchter Höflichkeit. Ihr Lohn ist eine freundschaftliche Trennung. Christiane Eberhardine hingegen will die neuerliche Kränkung nicht mit ansehen. Verbittert siedelt sie nach Schloss Pretzsch über, rund 100 Kilometer elbabwärts. Den kleinen Sohn und Thronfolger muss sie bei der Schwiegermutter lassen.
FÜR RUHM WAGT ER ALLES
Mehr als alles andere ersehnt der Kurfürst Macht und Ansehen, einen hohen Rang. Nun sieht er seine Gelegenheit: In Polen steht der Adel vor der Wahl eines neuen Königs. Die Mehrheit gilt als käuflich, und da viele Edelleute einen starken, einheimischen Monarchen als Gefahr für ihre Freiheit empfinden, sind sie bereit, das Amt an einen Ausländer ohne eigene Machtbasis an der Weichsel zu vergeben. Den Sachsen wiederum würde eine Königskrone weit über die anderen Fürsten des Reiches erheben.
Also bietet er auf, was er an freien Mitteln zur Verfügung hat, um die polnischen Aristokraten mit Geldgeschenken auf seine Seite zu ziehen. Überdies verpfändet er die herrschaftlichen Juwelen, verkauft eine Anwartschaft seines Hauses auf ein Herzogtum, veräußert vier sächsische Landkreise an die Nachbarn und fordert seinen Städten Zwangsanleihen ab. Die immer noch fehlenden Millionen leiht er über einen Bankier.
Und: Friedrich August nimmt (anfangs im Geheimen) das für einen polnischen König verbindliche katholische Bekenntnis an. Die Bekanntgabe wird bei den Glaubensgenossen, seinen Untertanen und seiner Frau Entsetzen auslösen. Der Kurfürst wagt einen halsbrecherischen Einsatz – und setzt so seinen Sieg durch. Im Juni 1697 wird er bei Warschau als gewählter König ausgerufen und bald darauf als August II. in Krakau gekrönt.
Der ungestüme jüngere Bruder, der nicht einmal hätte herrschen sollen, ist nun sogar König. Ein souveräner Monarch gleich Ludwig XIV. von Frankreich. Unter den deutschen Fürsten genießt diesen Rang bislang außer ihm nur einer: der König von Böhmen – und das ist der Kaiser selbst. Was Friedrich August jetzt noch fehlt, ist kriegerischer Ruhm. Und so greift er rund zwei Jahre nach der Krönung im Bund mit Dänemark und Russland von Polen aus den schwedischen Besitz im Baltikum an. Doch diesmal verliert er das Hasardspiel. Die Schweden schlagen ihn zurück, jagen seine Armee durch Polen, nehmen gar Sachsen ein. 1706 muss er eine demütigende Kapitulation unterschreiben, auf Polen verzichten; immerhin darf er im unbesetzten Dresden frei residieren, während die Sieger das Land auspressen. Erst nach einem Jahr marschieren sie ab, um sich gegen Sachsens Bundesgenossen Russland zu wenden. Dort aber gehen sie unter, und so ermöglicht der Zar 1710 Friedrich August die Rückkehr auf den polnischen Thron.
Allerdings sorgen weitere Gefechte, Unruhen und zähes Taktieren dafür, dass der leichtfertig entfesselte Waffengang erst ein Jahrzehnt später endgültig erlischt. Gewonnen hat Friedrich August bei dem blutigen Abenteuer nichts. Nie wieder wird er für kriegerische Ehren die Existenz seines Landes aufs Spiel setzen. Vielmehr entfaltet der Herrscher wie zum Ausgleich in den Jahren nach seiner Rettung einen außergewöhnlichen höfischen Prunk – jenen Glanz, der seinen wahren Ruhm begründen wird.
Die Grundlage dafür bietet Sachsens bald wieder aufblühende Wirtschaft. Friedrich August legt ein Netz standardisierter Landstraßen an, richtet ein effizientes Postwesen ein; als einer der ersten europäischen Herrscher lässt er sein Territorium vermessen und kartieren. Der Handel profitiert, mit ihm der Fiskus. Gezielt fördert der Monarch den Warenaustausch zwischen Polen und Sachsen, zum Vorteil beider Seiten. Er vermag dem Landtag höhere Steuern abzuringen, und er genießt einen wachsenden Kredit: Wer hat, dem wird gegeben. Und einen erheblichen Teil der Mittel nutzt Friedrich August zum Bauen.
Bereits seit 1705 entsteht ein stattliches Palais für seine aktuelle Mätresse direkt neben dem Dresdener Residenzschloss am Taschenberg. 1709 lässt der Herrscher auf einer Bastion der Stadtmauer unmittelbar westlich des Schlosses eine Orangerie erbauen, ein prächtiges Winterhaus für exotische Pflanzen, die er so liebt. Im Lauf der Jahre kommen weitere Galerien hinzu, wird auch der Bereich zwischen der äußeren und inneren Wehrmauer einbezogen – der Zwinger
Sodann befiehlt er, das seit einem Feuer 1701 beschädigte Residenzschloss wiederherzustellen und darin eine Flucht von Prunksälen anzulegen, in belgischem Marmor und Versailler Tafelparkett, mit Wandbespannungen aus golddurchwirkter Seide, Kronleuchtern und Spiegeln sowie dramatischen Deckengemälden. Seine Leute schaffen Gobelins an, Silbermöbel, Bronzestatuetten aus Paris. Einen fast zwei Meter hohen, vergoldeten und mit rotem Samt bezogenen Audienzstuhl. Ein riesiges, von einem Baldachin überwölbtes Paradebett, in dem der Monarch nach Versailler Vorbild huldreich Audienz hält.
Dresdens neues Opernhaus zählt mit 2000 Plätzen auf drei Rängen zu den größten Europas – und dank zweier italienischer Innenarchitekten zu den schönsten. An die Stelle der mittelalterlichen Elbbrücke tritt gegen Ende seiner Regentschaft eine breitere, von elegantem Schwung, mit Aussichtsplattformen auf den tragenden Pfeilern. Außerdem unterstützt der Herrscher die Dresdener Bürgerschaft beim Bau der neuen, von einer grandiosen, das Stadtbild prägenden Kuppel gekrönten Frauenkirche.
Viele Ideen stammen vom Monarchen persönlich, denn Architektur zählte zu den wenigen Fächern, für die seine Lehrer ihn begeistern konnten. Nun zeichnet er gewandt Skizzen, kann sich versiert mit den Baumeistern besprechen. Und wird einer der Väter eines städtebaulichen Neubeginns. Friedrich August rückt die Bebauung näher ans Wasser heran, lässt Störendes abreißen, öffnet Dresden zum Fluss. Mit den Schlössern Übigau und Pillnitz am Elbufer schafft er zudem Wegmarken für jeden, der sich der Kapitale per Boot oder Schiff nähert: Einstimmungen auf eine Residenzstadt, die wie kaum eine zweite mit ihrer Lage am Wasser spielt.
AUGUST WILL KÖNIG SEIN
Überdies fördert der Monarch großzügig den Bau von Bürgerhäusern und Adelspalästen und treibt auf dem nördlichen Elbufer den Neubau des 1685 abgebrannten Stadtteils Altendresden voran. Als Teil dieser entstehenden Neustadt lässt er ein elegantes Anwesen in Elbnähe errichten, das spätere Japanische Palais. Dort stellt er bald eine Sammlung aus, auf die er besonders stolz ist: sein Porzellan. Dieser betörend glatte, ungewöhnlich harte und feine, fast beliebig formbare und bunt zu bemalende Werkstoff wird an den europäischen Höfen zeitweilig so teuer gehandelt wie Gold.
Denn die Renommierobjekte müssen aus Asien importiert werden. Niemand in Europa kennt das Geheimnis ihrer Herstellung – bis es nach jahrelangen Experimenten einem Gelehrten sowie einem Apothekergesellen in Friedrich Augusts Diensten gelingt, das Rätsel zu lösen. Fast glücklicher noch: Der wichtigste Rohstoff, ein weißes Gestein namens Kaolin, kommt in großen Mengen nahe dem erzgebirgischen Aue vor. 1710 nimmt in Meißen Europas erste Porzellanmanufaktur den Betrieb auf, aus Furcht vor Spionen hinter den Mauern einer Wehrburg. Seither exportiert Sachsen edles Geschirr, Vasen, Schmuckfiguren, markiert durch zwei blaue, gekreuzte Schwerter, die aus dem Wappen der Wettiner stammen und nun den Ruhm des Kurfürstentums mehren.
Die Meißner Manufaktur ist nicht die einzige Neuerung, die das Land dem Luxuskonsum des Hofes verdankt. Friedrich August siedelt auch eine Glasfabrik an, eine Spiegelschleiferei, eine Teppichwirkerei, ein Tapetenwerk, eine Poliermühle für einheimische Edelsteine. Seine Sammelleidenschaft wird mit den Jahren immer obsessiver; er selbst spricht von seiner maladie de porcelain , der „Porzellankrankheit“. Zehntausende Stücke trägt er schließlich zusammen. Für ein paar hohe chinesische Vasen tritt er dem preußischen König 600 Dragoner aus der sächsischen Armee ab.
Hohe Summen gibt er auch für die Malerei aus. Hunderte Bilder füllen die Wände im Residenzschloss. Insgesamt umfasst seine Sammlung am Ende Tausende Arbeiten, darunter Werke von Peter Paul Rubens und Rembrandt, die ihm Agenten europaweit beschaffen. In Dresden selbst beschäftigt Friedrich August Künstler von internationalem Rang wie den Franzosen Louis de Silvestre. Von ihm lässt er sich lebensgroß im Stil Ludwigs XIV. malen: als stolzer Recke im schimmernden Harnisch, umwallt vom Hermelinmantel der Herrschenden; zur einen Seite der Thronsessel, zur anderen das sächsische Kurschwert sowie der Reichsapfel und die Krone Polens. Das Gemälde ist auch Kunst-Propaganda, denn es wird vielfach kopiert, variiert, verbreitet.
Spitzenverdiener im Heer der Dresdener Künstler und Kunsthandwerker ist ein pausbäckiger, gelehrter Schwabe: der Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger. Für seinen Herrn fertigt er Meisterwerke wie den Tischaufsatz „Der Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb“ – eine glitzernde, exotische Puppenstube aus Gold, Silber, einigen Tausend Diamanten, Rubinen, Smaragden und Perlen mit 132 bunt emaillierten menschlichen Figuren, dazu Geschenke, Dromedare, Elefanten. Knapp 60000 Taler stellt Dinglinger für die gut 1,5 Quadratmeter große Arbeit in Rechnung (ein ausgebildeter Maurer verdient einen Taler pro Woche).
Dass es sich um einen Tafelschmuck handelt, ist kein Zufall. Prunkende, glänzende Geselligkeiten bei Tisch sind ein zentraler Bestandteil des Lebens am Hof. Friedrich August verfügt über viele wertvolle Geschirre, meist silbern, teils funkelnd vergoldet. Neben Tellern und Schüsseln gehören Spieße für gebratene Lerchen dazu, Zitronendrücker, Salzfässchen. Kostbar geschliffene Schalen, bauchige Flaschen aus hellrotem Glas.
Und auch Besteck. Denn in einem geht es in Dresden vornehmer zu als in Versailles: Während sich der Sonnenkönig die Speisen nach altem Brauch mit den Fingern in den Mund schiebt, speist Friedrich August mit der neumodischen Gabel mit zwei Zinken. Als Vorratskammer dienen dem Hof das Umland und seine Märkte. Flüsse und Teiche bieten Fisch und Krebse zur Fülle, die Bauern ziehen Rinder und Schweine, Schafe, Hühner, Gänse; auf den Elbhängen werden Weinbergschnecken gemästet.
Sachsens Kaufleute importieren aus Asien teure Gewürze sowie Vogelnester: delikate Gebilde aus dem Speichel eines Verwandten der Mauersegler. Donnerstags und sonntags rollt aus Leipzig die Küchenkutsche nach Dresden und liefert frischen Meeresfisch, zwischen September und April fässerweise lebende Austern. Pirschmeister liefern den täglichen Bedarf an Wildbret, eigens bestellte Jäger fette Biberschwänze zum Rösten und Aufbrühen in einem Erbsensud. Friedrich August liebt die Jagd – sowohl die gefährliche Hatz zu Fuß mit dem Hirschfänger als auch zu Pferd hinter der Hundemeute. Er ist ein sicherer Schütze, dank seiner Kraft ein gefeierter Kämpfer mit dem zweischneidigen Messer gegen angreifende Wildschweine.
Nach langem Pirschen und Ansitzen aber steht ihm nicht der Sinn. Dutzende Helfer treiben ihm und den anderen Adeligen das Wild zu, sodass deren Aufgabe sich auf den direkten Kampf, öfter auf Zielen, Schießen, Treffen beschränkt. Im Lauf der Jahre bringt Friedrich August allein weit über 1000 Hirsche zur Strecke; einmal schießt er an einem einzigen Tag 260 Hasen. Das Aufbrechen und Zerlegen der Tiere erledigen andere: Auch die Jagd soll ein Fest sein, ein Schwelgen im Kitzel des Übermaßes – nicht mühseliges Waidwerk. Anschließend wird gefeiert, im örtlichen Jagdschloss oder direkt unter dem Grün des Waldes. Vor allem die geschossenen Schnepfen werden oft sofort mit Speck umwickelt und im Ganzen gegrillt; als besondere Delikatesse gilt der würzige, geschmolzene Kot, der aus dem Darm direkt auf etwas Röstbrot tropft.
Nach einer Wildschweinjagd ziert oft ein Keilerkopf samt Hauern die Tafel, den die Küchenmeister gehäutet, in Essig, Nelken und Pfeffer gekocht und anschließend wieder mit seiner Haut überzogen haben, um ihn dann pompös zu servieren und kunstvoll zu tranchieren. Dazu Musik, vielleicht Späße des verwachsenen Hofnarren, stets Wein und Bier. Der Monarch trinkt viel: zu jeder Tageszeit ein Glas des eben in Mode kommenden, prickelnden Champagners, gegen den im Alter zunehmenden Gliederschmerz betäubenden Branntwein. Und manchen Abend säuft er so ordinär, als sei er immer noch ein Offizier im Feldlager. Weniger robuste Höflinge fürchten diese Exzesse. Das Übermaß, den Kater. Die zuweilen unkontrollierten Ausbrüche ihres betrunkenen Herrschers. Einmal soll er um ein Haar seinen Leitenden Minister niedergestochen haben.
Ein anderes Mal schlägt er wie von Sinnen seiner Mätresse den Kopfputz herunter, reißt ihr Oberkleid herab, zerrt brüllend an Mieder und Unterrock, bis sie nackt in der Gesellschaft steht. Und wankt, von sich selbst beschämt, aus dem Saal. Doch auch nach wüsten Gelagen, wenn die Gäste noch elend im Bett liegen, steht Friedrich August eisern bei Tagesanbruch auf und verbringt den Vormittag mit Regierungsgeschäften. Jeden Morgen beginnt in seiner Residenz aufs Neue der Kampf seiner Bediensteten gegen Schmutz und Verfall. Auskehrer, Scheuerfrauen und Bohner halten die Böden sauber und intakt. Die Bestallten der Silberkammer bringen das angelaufene Edelmetall zum Glänzen.
Wäscherinnen reinigen Tisch- und Betttücher sowie besudelte Servietten und jene Lappen, die anstelle von Klopapier verwendet werden. Diener schaffen den Inhalt der Nachttöpfe nach draußen. Der Rattenfänger versucht, einer Plage Herr zu werden, die nie auszurotten ist. Regelmäßig müssen die hohen Fenster und Spiegel blank geputzt, die rußigen Kamine und Schornsteine gefegt werden. Immerzu sind Anzündreisig, Holz oder Kohle anzuliefern, zu verstauen, auszuteilen. Alles ist mühevolle Handarbeit mit einfachen Hilfsmitteln, schweißtreibend, Tag für Tag.
Derweil leben die Privilegierten im Schloss luxuriös, aber nicht sehr bequem. Wo die Fenster der hohen Räume unzulänglich schließen, zieht es elendig. Immer wieder qualmen Kamine nach innen. Vermutlich stinkt es ähnlich wie in Versailles, wo Stühle mit eingehängten Nachttöpfen in den „Garderoben“ stehen und sich Höflinge zudem mehr oder weniger schamlos in den Ecken erleichtern. Und auch in Dresden wird aller Puder die Läuse und Flöhe nicht aus den langen Perücken, den Matratzen treiben.
Immerhin spenden reichlich teure Wachskerzen in den fürstlichen Gemächern sowie bei Festen und Empfängen Licht und Wärme. Schilde aus poliertem Kupfer oder Silber, auch kostbare Spiegel hinter den Wandleuchtern steigern ihren flackernden Schein. Anders ist es dagegen in den Gesindestuben, wo es mit dem Abend auch drinnen dunkel wird, oft billige, übel riechende Rinder- oder Schaftalglichter ein wenig Helligkeit spenden
Dafür muss auch hier zumindest niemand hungern – selbst nicht nach Missernten wie 1719 und 1720, als die weniger Wohlhabenden sogar im reichen Sachsen „Sachen essen, die kein Vieh fressen würde“, wie ein Zeitgenosse entsetzt notiert. An der Hofküche ziehen solche Krisen weitgehend unbemerkt vorbei. Und da sich die fürstliche Tafel nie leer schlemmen lässt, gehen stets Reste zurück in die rußigen Küchenräume. Von dort aus treiben die Köche zwar einen einträglichen Handel mit den übrig gebliebenen Delikatessen. Dennoch reichen die üppigen Überbleibsel meist für alle, bis zu den niedrigsten Rängen des zeitweilig rund 700 Menschen umfassenden Hofstaats.
Entsprechend begehrt sind die Arbeitsstellen in diesem Reich des Überflusses – und braucht jeder Bewerber einen tadellosen Leumund, um im Schloss angenommen zu werden: Denn zu groß wäre die Versuchung angesichts der wie achtlos ausgestellten Schätze, der täglich konsumierten Werte. Friedrich Augusts Zeremonienmeister rechtfertigt die Verschwendung seines Herrn: Als Statthalter Gottes in seinen Landen müsse der Fürst nun einmal strahlen, um den Respekt der Untertanen zu gewinnen und auf diese Weise deren Gehorsam zu sichern. Aber auch, um das Ausland zu beeindrucken, die wirtschaftliche Macht Sachsen-Polens vorzuführen, den Rang und Anspruch seines Herrn.
Dazu aber reicht es nicht, dass einige Auserwählte die Kleinodien und Kunst, die reichen Tafeln genießen. Vielmehr muss der Prunk auf die Straßen und Plätze: Das ist der Sinn der öffentlichen Feste, die schon frühere Sachsenherrscher zur Selbstdarstellung genutzt haben. Deshalb feiert Friedrich August seit seinem ersten Karneval häufiger, großzügiger und fantasievoller als alle vor ihm. Meist kümmert er sich persönlich um die Details, um Kulissen, Abläufe, die Kleiderordnung. Und sorgt dafür, dass die Prachtentfaltung von Künstlern festgehalten wird: Ein atemraubendes, weithin publiziertes Fest verleiht kaum weniger Respekt als eine gewonnene Schlacht.
Da wird noch üppiger als sonst geschmaust und gezecht. Da werden Feuerwerke abgebrannt, zu Wasser Flotten illuminiert, die Initialen der Ehrengäste mit Flammen in den Nachthimmel geschrieben. Da werden Wunder vorgeführt wie ein mit 20 Zentnern Mehl und 3600 Eiern gebackener Dresdener Stollen, den acht Pferde herbeiziehen müssen. Ganze Zeltstädte werden errichtet, fantastische Kleider entworfen, Ballettaufführungen einstudiert.
Von 1717 an aber beginnt der Kurfürst ein Fest vorzubereiten, das alle anderen in den Schatten stellen wird. Im Mai jenes Jahres willigt Kaiser Karl VI. ein, die älteste Tochter seines verstorbenen Bruders mit Friedrich Augusts Sohn zu verheiraten. Eine Verbindung, die dem Haus Wettin enormes Prestige eintragen wird – sowie eine vage Aussicht auf die höchste aller Würden: die Kaiserkrone.
Denn Karl VI. hat keinen Sohn; mit einigen Kunstgriffen könnte sich ein Anspruch der Nichte auf sein Erbe konstruieren lassen (tatsächlich wird Friedrich Augusts Sohn dies später versuchen, aber scheitern). Zunächst stellt bereits die Hochzeit des sächsischen Thronfolgers mit einer Habsburger-Prinzessin eine Aufwertung dar – und den willkommenen Anlass, den eigenen Untertanen sowie Tausenden von Gästen zu zeigen, dass der Hof zu Dresden der nach Versailles galanteste Europas ist.
Friedrich August plant zu der Vermählung eine Demonstration von Reichtum und Macht, wie sie das Reich noch nicht erlebt hat. Einen Monat lang wird das Spektakel am Ende dauern – und zu einem Höhepunkt seiner Prunk- und Prachtliebe, seiner Genusssucht, Verschwendungsfreude und fantastischen Maßlosigkeit werden. Dafür braucht er als Erstes: grandiose Kulissen. Insbesondere soll der Zwinger mitsamt Orangerie rechtzeitig fertig werden. Bald arbeiten Hunderte Zimmerleute, Maurer, Steinmetze, Tischler auf der Baustelle, auch den Winter über, trotz Dunkelheit, Schnee und Glatteis.
Mehrere der rastlos hastenden Männer kommen bei Unfällen ums Leben, warden zu Krüppeln. Erschöpft und erbittert legen die Maurer die Arbeit nieder. Friedrich August will sie wutentbrannt bestrafen. Sein Architekt aber überzeugt ihn, stattdessen die Löhne zu erhöhen. Es geht weiter. Als abzusehen ist, dass die Zeit trotz allem nicht reicht, werden Teile der Anlage aus Holz gefertigt, um sie erst später in Stein zu ersetzen. Endlich liegt da ein in reich verzierte Balustraden, Galerien, Pavillons eingefasster Festplatz. Eine beinahe theaterhafte, jedoch dauerhafte Dekoration. Ein Werk von vollendeter Harmonie.
Am 2. September 1719 ist es so weit. Das von der kirchlichen Trauung in Wien her anreisende Brautpaar geht bei Pirna an Bord eines vergoldeten, von 20 Rudern getriebenen Lustschiffes. Ihr Geleit die Elbe hinab besteht aus 15 holländischen Yachten mit weiß und rosafarben gekleideten Schiffern, außerdem rund 100 reich verzierten venezianischen Gondeln. Kurz vor Dresden empfangen Salutschüsse die Flottille. Friedrich August erwartet seinen Sohn und dessen Braut unter einem Baldachin aus gelbem Samt, angetan mit einem purpurroten Hofkleid und einer funkelnden Juwelengarnitur. Er lädt zum Willkommensschmaus unter Zelten.
ES IST DAS FEST DER FESTE
Anschließend zieht das Paar in die Stadt. Fürsten und Edelleute des Reichs, Magnaten aus Polen, Dresdener und Warschauer Hofadel, sächsische und polnische Regimenter sowie 1200 Mann Bürgergarde marschieren voran oder stehen Spalier für die achtspännige Prunkkarosse der Braut, der Thronerbe mit Gefolge zu Pferd voraus. Danach folgen Tage der Erholung von der Reise. Ein Tierkampf mehrerer Ochsen und Bären, zweier Löwen, eines Panthers und eines Pavians verläuft enttäuschend; doch immerhin schießt die Braut drei der als Raubtier-Beute vorgesehenen Schweine, der Bräutigam einen der Bären.
Dann beginnen die eigentlichen Feiern, eröffnet von einem Feuerwerk über der Elbe mit Kanonendonner und Raketen, flammenspeienden Drachen und Delfinen. Zwei Tage später tritt der Adel zwischen Ehrenlogen und Tribünen zu Ritterspielen an. Die Kämpfer tragen historische Harnische aus der Dresdener Rüstkammer; manche Helmzier aus Federbüschen ist mannshoch. Es gibt ein Geschicklichkeitsreiten und Pferdeballett, eine mehrstündige Wasserjagd vom Ufer und einer Gondel aus auf Hunderte in die Elbe getriebene Hirsche.
Einen Luxus-Jahrmarkt des sächsischen Kunsthandwerks, zu dem die Gäste verkleidet als Spanier, Ungarn, Perser, Chinesen, Moskowiter oder Indianer erscheinen. Eine Seiltänzerin, Marionettentheater, eine Lotterie, ein Heckenlabyrinth, Spaßmacher, glitzernde Wasserkaskaden, sich vermeintlich selbst bewegende Maschinen. 300 Infanteristen mit Schnauzbart treten als türkische Janitscharen auf. Eine Truppe venezianischer Akrobaten in bunten Hemden bildet eine Pyramide, gekrönt von einem Knaben, der auf dem Haupt des ganz oben balancierenden Mannes einen Kopfstand macht.
An den Abenden werden ausgewählte Gebäude und Straßen oder der Fluss mit Fackeln, Laternen und Wachslichtern erleuchtet, finden Opern-, Ballett- und Theateraufführungen vor 2000 festlich gekleideten Zuschauern statt. Bälle, bei denen die Tänze streng reglementiert, Tanzpaare vorher festgelegt sind. Und immer wieder gibt es Schauessen. Ein solches öffentliches Bankett ist eine exakt choreografierte Feier höfischer Hierarchien. Penibel ist festgelegt, wer wo sitzt, welche Dame neben welchem Herrn, welche adeligen Bedienten den Wein herbeiholen und ihn wem genau einzugießen haben. Ebenfalls hochgeboren und von besten Manieren sind die Tranchiermeister, die am königlichen Tisch die Braten zerteilen und vorlegen.
Das Auf- und Abtragen soll einen grazilen Reigen ergeben, ein kulinarisches Ballett. Es geht um harmonische Muster und Ordnungen, die unterhalten und überraschen. Deshalb hat man selbst die Standorte der einzelnen Terrinen und Etageren, der Salznäpfe und Gewürzfässchen vorab auf Skizzen festgelegt. Ab und zu wird zwischen den Dutzende von Speisen umfassenden Gängen die Tischwäsche ausgetauscht und den Tafelnden ein neues Service präsentiert.
Festgelegt ist auch, welche Zeichner die grandiosen Momente aus welchen Perspektiven festzuhalten haben, um sie später der Mit- und Nachwelt kundzutun. Im Mittelpunkt des Spektakels steht zwar die Braut – mehr noch aber Friedrich August selbst, der in seinem viele Kilogramm schweren Rock voller Juwelen nur mit Mühe Luft bekommt und unter der mächtigen, von Locken gewellten Allonge-Perücke entsetzlich schwitzt.
Doch mit seinem Einsatz zeigt er, dass er eines der aufwendigsten Feste des Zeitalters auszurichten vermag, und erwirbt dadurch als Festherr von europäischem Rang für sich, sein Haus und Sachsen unauslöschlichen Ruhm. Schätzungen zufolge gibt er für die Hochzeit sagenhafte sechs Millionen Taler aus, macht abermals gewaltige Schulden, die auf dem Land lasten. Er selbst indes begreift die Prasserei nicht zuletzt als Investition. Dem Kurfürsten von Brandenburg, selbst inzwischen König in Preußen, sagt er: „Wenn Eure Majestät einen Dukaten einnehmen, so legen Sie ihn zu Ihrem Schatz. Ich aber gebe ihn aus, so kehrt er dreimal zu mir zurück.“
Eine volkswirtschaftliche Illusion – freilich eine schöne, die zudem Dresdens Bauleute, Schneider, Fleischermeister teilen. Sie sehen ihre Aufträge, nicht steigende Steuern und Schulden. Nach diesem Fest der Feste regiert Friedrich August Sachsen noch gut 13 Jahre lang. Nicht alle ehrgeizigen Bauvorhaben schließt er ab; so wird der Zwinger nie vollendet, erst recht nicht das gewaltige Schloss errichtet, dessen Vorhof er einmal einrahmen sollte
Eine offizielle Mätresse hat der Herrscher nach 1724 nicht mehr. Doch tritt nicht etwa die schmollend auf ihrem Landsitz residierende Kurfürstin wieder an seine Seite, sondern die bildschöne, geistreiche Anna Karolina Orzelska – Friedrich Augusts per Dekret zur Gräfin erhobene Lieblingstochter aus der Liaison mit einer jungen Französin, deren Vater in Warschau Wein ausschenkt. Die Orzelska reitet und schießt wie ein Prinz, tanzt und repräsentiert formvollendet.
Bald wird Vater und Tochter ein inzestuöses Verhältnis nachgesagt, aber das ist vermutlich nichts als Hofklatsch – ähnlich wie das Raunen über die mehr als 350 Kinder, die dem Wettiner später angedichtet werden (offiziell anerkannt hat er acht). Mit 50 Jahren plagt sich Friedrich August bei Wetterumschwüngen zunehmend mit Schmerzen in den vernarbten Wunden aus Feldzügen und höfischen Wettkämpfen.
Er schläft schlecht, hat chronisch Durst, verliert Gewicht, wenn er auch mit knapp 100 Kilogramm stattlich bleibt. Schwächeanfälle, Unwohlsein, offene Geschwüre: Offenbar ist der Monarch nach Jahrzehnten der Völlerei jetzt zuckerkrank – ein Leiden, von dem die Ärzte zu jener Zeit noch nichts wissen. Er selbst meint, reichlich mit schwerem Wein getränktes Brot würde helfen. Ein entzündeter Zeh des linken Fußes wird vom Wundbrand befallen und droht, den ganzen Körper zu vergiften. Der Leibbarbier amputiert den Zeh, nur langsam verheilt die Wunde
1727 stirbt seine Gemahlin Christiane Eberhardine. Weder ihr Mann noch der Sohn reisen zur Beerdigung an. Weil er nicht mehr sicher steht, lässt sich Friedrich August zur Jagd nun bisweilen einen Stuhl ins Revier tragen. In immer kürzeren Abständen quälen Nieren- und Nervenschmerzen, Fieberschübe den Monarchen. Dennoch macht er sich Anfang 1733 noch einmal auf die Reise nach Warschau. Als die Kutsche vor dem dortigen Königsschloss hält, liegt er in einer tiefen Ohnmacht. Er kommt zwar wieder zu sich, kann jedoch das Bett nicht mehr verlassen.
Zwei Wochen später, am 1. Februar um vier Uhr früh, setzt er sich noch ein letztes Mal auf, fällt dann zurück auf sein Lager und legt sich eine Hand auf die Augen. Der Atem erlischt.
Und so endet eine Herrschaft, die an Genüssen und Ausschweifungen, Lust und Prunk reich war wie wenige. Ein in vollen Zügen ausgelebtes Leben, das Pracht und Macht vereinte, wie es vielleicht nur einem Fürsten des Barock möglich war. Der eine Krone gewann, militärische Katastrophen überstand, seine Länder ausbaute – und am Ende zwei hohe Fürstentitel dem eigenen Sohn weiterreichen konnte: einem weniger ausschweifenden, aber dafür nochmals kunstsinnigeren Monarchen, Friedrich August II. von Sachsen (als August III. König von Polen).
Der Ruhm, der ihm so viel bedeutete, überdauert Friedrich Augusts Tod. In Erinnerungen und Legenden. In Folianten voller Bilder, die jene vergänglichen Gesamtkunstwerke seiner grandiosen Feste dem Staunen der Nachwelt erhalten. Vor allem aber in der Residenzstadt Dresden, deren Schönheit mit dem königlich-kurfürstlichen Namen verknüpft bleibt. Ihre Kunstsammlungen, die der Herrscher selbst bereits in je eigenen Museen herzuzeigen begonnen hat, sind einmalig. Und noch immer umweht der von Venedig inspirierte Zauber die Elbe, den Friedrich August seiner Metropole einst verliehen hat.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Mesenhöller, Matthias: August der Starke. Fürst der Verschwendung, in: Deutschland um 1700 (GEO Epoche, Jg. 2019, Heft Nr. 98), Hamburg 2019, S. 22-37.
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