Siebenjähriger Krieg
Inhaltsverzeichnis
- Kriegsbeginn in Europa. Ruhm um jeden Preis.
- Allianz gegen Preußen. Die mächtigen Drei
- Kunersdorf. Friedrichs dunkelster Moment
1. Kriegsbeginn in Europa. Ruhm um jeden Preis.
Er ist nicht zum Soldaten geboren. Süchtig aber nach Ruhm und Anerkennung, fordert der Mann, der 1740 als Friedrich II. den preußischen Thron besteigt, bald halb Europa heraus, um sein Land zur Großmacht zu schmieden. 1756 soll ein Krieg entscheiden, wem Schlesien gehört: Preußen oder Österreich. Er wird sieben Jahre dauern
LANGE BEVOR DIE SONNE AUFGEHT, steigt Friedrich der Große auf sein Pferd und reitet los. Der Morgen des 5. Dezember 1757 ist eisig kalt, Dunst hängt über den Feldern. Der Uniformrock des Preußenkönigs: verschlissen. Die Beinkleider voller Flicken. Wären da nicht die Schärpe und der Federhut, man könnte ihn für einen einfachen Kavalleristen halten. Friedrich gefällt sich in dieser Inszenierung. Er möchte nicht so auftreten wie andere Monarchen, die von einem fernen Schloss aus Befehle erteilen. Er will unmittelbar bei seinen Soldaten sein, hier im Herzen Schlesiens, wo heute bei dem Dorf Leuthen eine Entscheidung fallen soll.
Mit Friedrich II. reitet die leichte Kavallerie. Einige Tausend Husaren, bewaffnet mit gekrümmten Säbeln, Karabinern und Pistolen, gefürchtete Spezialisten für schnelle Manöver. Gemeinsam mit weiteren Einheiten der Reiterei, einem Teil der Fußtruppen und zehn Geschützen bilden sie die Vorhut. Um sechs Uhr morgens folgt ihnen der Hauptteil der preußischen Truppen. Infanteristen, rund 25 000 Mann. Sie tragen blaue Uniformröcke, ihre Flinten mit den aufgesetzten Bajonetten geschultert. Einige der Soldaten haben schon viele Schlachten für Preußen durchgestanden, andere sind noch unerfahren, nicht wenige kaum 20 Jahre alt. Sie alle laufen vorwärts, immer weiter in die Ungewissheit.
Normalerweise hätten Trommler den „Generalmarsch“ geschlagen, um das Zeichen zum Aufbruch zu geben, doch der König hat Stille befohlen. Man will sich den Spähern der österreichischen Armee nicht zu früh verraten. Doch während sie nun marschieren, beginnen einige der Männer leise zu singen. „O Gott, du frommer Gott“. Ein altes Kirchenlied. Es soll Mut machen. „Gib, dass ich tu’ mit Fleiß, was mir zu tun gebühret, wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet.“ Feldmusiker begleiten bald den Gesang, in den immer mehr Soldaten einstimmen; „Und wenn ich’s tu’, so gib, dass es gerate wohl.“
Als Friedrich sie hört, bringt er sein Pferd zum Halten, lauscht, wie sie geloben, göttlichem Befehl zu folgen. So zumindest überliefert es ein späterer Bericht voll Bewunderung für den König. Derselben Erzählung nach reitet ein Adjutant heran, fragt den Monarchen, ob er das Singen verbieten solle, doch Friedrich winkt ab und sagt zu einem mit ihm reitenden General: „Meint er nicht, dass ich mit solchen Leuten heute siegen werde?“
Gegen acht Uhr lichtet sich allmählich der Nebel, Morgensonne erhellt die gefrorenen Felder, der Gesang ist verstummt. In einiger Entfernung sind Männer auf Pferden zu sehen, österreichische Kavallerie. Der Kampf steht kurz bevor. Befehle brechen die angespannte Ruhe, die Infanteristen der preußischen Vorhut machen sich bereit, die Husaren auch – und preschen vor zum Angriff. Die Schlacht von Leuthen hat begonnen.
Zwei Tage zuvor hat König Friedrich II. seine Truppen mit einer mitreißenden Rede auf das bevorstehende Gefecht eingeschworen. Der Monarch, der sich gern als flötenspielender Schöngeist gibt, der Musikstücke für sein Instrument komponiert, Gedichte und Opernlibretti schreibt, kunstvolle Schlösser bauen lässt und mit dem französischen Philosophen Voltaire korrespondiert, kennt auf dem Schlachtfeld keine Rücksicht, sucht den Kampf, sogar in Unterzahl. Zwei Kriege hat er schon gegen die österreichischen Habsburger um Schlesien geführt. Dieses Mal will Friedrich unwiderrufliche Fakten schaffen und tritt damit einen Konflikt in der Mitte Europas los, der als Siebenjähriger Krieg in die Geschichte eingehen wird – und sich durch internationale Bündnissysteme zu einem Kampf von globalen Dimensionen auswächst.
DER JUNGE KRONPRINZ spielt lieber Querflöte, als sich mit dem Degen zu ertüchtigen (Prunkwaffe, um 1750)
Bei Leuthen will Friedrich beweisen, dass seine Untertanen ihn zu Recht „den Großen“ nennen und dass Preußen zu den führenden Staaten Europas gehört. Eine Macht, die auf einer einzigartigen Armee beruht, mit loyalen Offizieren, effizientem Nachschub sowie Zigtausenden Infanteristen, die in größter Disziplin für ihren König marschieren, schießen und – wenn es sein muss – sterben.
NOCH 50 JAHRE ZUVOR spottet man an Europas Höfen über Preußen. Als sich Friedrichs Großvater, der Kurfürst von Brandenburg, 1701 als Friedrich I. zum König in Preußen erhebt, besteht sein Herrschaftsgebiet aus etlichen Territorien, verstreut vom Rhein bis ins Baltikum, mit nur gut zwei Millionen Untertanen. Zum Kernland Brandenburg kommen Hinterpommern an der Ostsee, das namensgebende Herzogtum Preußen (das selbst später „Ostpreußen“ genannt wird) sowie einige kleinere Gebiete, unter anderem im Niederrheinisch-Westfälischen. Die Residenzstadt Berlin hat kaum gepflasterte Straßen, im Sommer plagen Mückenschwärme die Bewohner.
AUF BEFEHL seines Vaters, des »Soldatenkönigs«, muss der Thronfolger mitansehen, wie sein Freund Hans Hermann von Katte als Deserteur hingerichtet wird. Er hatte dem Prinzen bei einem Fluchtversuch geholfen. Der Tod Kattes verändert den feinsinnigen Friedrich für immer
Brandenburg ist Teil des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, einem losen Verband von überwiegend deutschsprachigen Städten, weltlichen und geistlichen Fürstentümern. Seit fast 300 Jahren stellt die österreichische Dynastie der Habsburger ununterbrochen dessen Könige und Kaiser. Tatsächlich hat das amtierende Reichsoberhaupt der Selbsterhebung von Friedrichs Großvater zum König erst nach langwierigen Verhandlungen zugestimmt, und das auch nur, weil das Herzogtum Preußen – das Gebiete im heutigen Nordosten Polens, die russische Enklave Kaliningrad sowie einen Teil Litauens umfasst – im Gegensatz zu Brandenburg außerhalb des Reichsgebiets liegt. Innerhalb des Reiches würde der Kaiser keinesfalls einen weiteren König zulassen. (Das zum Königreich erhobene Herzogtum umfasst nur einen Teil des ursprünglich Preußen genannten Gebiets, der andere Part untersteht weiterhin dem polnischen Monarchen. Deswegen darf sich Friedrich I. nur König in Preußen und nicht von Preußen nennen.)
Nach und nach setzt sich der Name Preußen für das ganze Staatsgebilde durch. Das Kerngebiet bleibt indes Brandenburg, das durch keinerlei natürliche Barrieren geschützt wird und nur schwer gegen fremde Mächte zu verteidigen ist.
Bereits der Vater von König Friedrich I., Kurfürst Friedrich Wilhelm, war daher davon überzeugt, dass sein Land eine schlagkräftige Armee braucht, um bestehen zu können. Doch erst Friedrichs Sohn und Nachfolger, König Friedrich Wilhelm I., richtet es vollkommen auf das Militär aus. So reformiert er 1733 die Aushebungen im eigenen Land: Jedem Regiment ordnet er einen Bezirk mit etwa 5000 bis 8000 Haushalten zu. In diesen sogenannten Kantonen erfassen die Behörden alle nicht adeligen jungen Männer in Listen. Ausgenommen sind einige Regionen und manche Berufsgruppen, etwa Handwerker. Von allen anderen wird jedes Jahr ein Kontingent zum Dienst eingezogen. Die neuen Soldaten müssen eine 24-monatige militärische Ausbildung absolvieren und in der Regel danach für einige Wochen im Jahr mit ihrem Regiment exerzieren.
KAUM AUF DEM THRON, überfällt Friedrich II. im Dezember 1740 Schlesien, dessen Stände dem siegreichen König im Jahr darauf in Breslau huldigen müssen (unten). Die wohlhabende Region an der Oder gehört den österreichischen Habsburgern. Deren Oberhaupt, Erzherzogin Maria Theresia, will den Verlust nicht hinnehmen
SCHILDE AUS METALL prangen an den Kopfbedeckungen der preußischen Infanteristen (hier eine Grenadiermütze)
Der preußische Adel wiederum hat die Offiziere zu stellen. Zum Militär gehen vor allem die zweit- und drittgeborenen Söhne von Grafen und Junkern, die keine Ländereien erben und sich so Einkommen und Status als Offiziere verdienen können. Bald stehen in Preußen 80 000 Mann unter Waffen, auf ungefähr 30 Einwohner kommt ein Soldat, im Falle der Kantonisten zumindest in Teilzeit. „Preußen ist kein Staat, der eine Armee besitzt, sondern eine Armee, die Besitz von einem Volk ergriffen hat“, witzelt angeblich einmal ein französischer Staatsmann. Friedrich Wilhelm nennt man den „Soldatenkönig“. Dabei setzt der Herrscher seine Truppen kaum jemals ein. Dafür sind sie ihm offenbar viel zu kostbar. Sie sollen wohl vor allem eines: potenzielle Angreifer abschrecken.
Sein Sohn Friedrich, der 1712 geboren wird, scheint indes so gar nicht in diese militärische Welt zu passen. Das Kind fürchtet sich vor dem Donnern der Kanonen, verschmäht die Zinnsoldaten, die sein Vater ihm zum Spielen gibt. Den jugendlichen Friedrich fasziniert das Schöne, das Feine: Musik, Tanz, Lyrik, Parfüm. Er sammelt 4000 Bücher, rezitiert Gedichte und spielt auf einer Waldlichtung den Vögeln auf der Flöte vor. Mit 24 Jahren schreibt er einen ersten Brief an Voltaire, den damals schon berühmten Schriftsteller und Philosophen der Aufklärung – jener Geisteshaltung, die die menschliche Vernunft als das oberste Maß jeden Handelns sieht –, beginnt eine intensive Korrespondenz mit dem Franzosen, der bald zu einem Mentor wird.
FRIEDRICH II. ist ein Meister der Inszenierung seiner selbst, aber auch ein Förderer der Künste. Bei Potsdam lässt er Schloss Sanssouci als prächtige Residenz errichten, gibt dort Flötenkonzerte oder empfängt gelehrte Freunde – wie hier den französischen Schriftsteller und Philosophen Voltaire
Das Verhältnis zum Vater hingegen könnte schlechter kaum sein. Der Soldatenkönig schlägt seinen Sohn, prügelt ihn sogar vor Untergebenen, beschimpft ihn als „effeminierten“ („verweiblichten“) Weichling. Mit 18 Jahren versucht Friedrich vom Hof zu fliehen, nach Großbritannien, wo sein Onkel Georg II. regiert, ein Bruder seiner Mutter Sophie Dorothea aus dem Hause Hannover. Doch Friedrich wird abgefangen, der Vater lässt ihn in die Festung Küstrin an der Oder sperren. Er behandelt den Sohn wie einen normalen desertierten Offizier und stellt ihn vor ein Militärgericht. Auf Fahnenflucht steht die Todesstrafe. Doch der König lässt nur Friedrichs Freund und Mitwisser der Flucht, Hans Hermann von Katte, den Kopf abschlagen. Friedrich muss von seinem Fenster aus zusehen.
PREUSSISCHE SOLDATEN stürmen am 1. Oktober 1756 Lobositz in Böhmen. Die österreichischen Truppen, auf die sie hier stoßen, wollen Kursachsen zu Hilfe eilen – Friedrich hat das Land zuvor überfallen und damit den Siebenjährigen Krieg in Europa begonnen. Es ist die erste größere Schlacht des Konflikts auf dem Kontinent
Als der Vater seinem Sohn nach mehr als einem Jahr die Begnadigung in Aussicht stellt, fällt Friedrich vor ihm auf die Knie, gelobt Besserung. Der Thronfolger lernt, sich zu verstellen. Fortan dient Friedrich als Regimentschef in der Armee. Er trinkt Bier statt Wein, geht auf die Jagd, statt Theater zu spielen. Mit der Zeit aber scheint er tatsächlich am Soldatentum Gefallen zu finden, deutet es wohl für sich um. Uniformen, Heldentum, Manöver und Taktiken – die Kunst des Krieges.
Friedrich liest ein Werk des Aufklärers Montesquieu über Aufstieg und Fall der Römer, Machiavellis Gedanken über den idealen Herrscher, verfasst eigene Thesen darüber, was Königen Ruhm beschert. Der Kronprinz entwickelt Ehrgeiz, will selbst zu den Großen gehören. „Die Befriedigung, meinen Namen in den Zeitungen und später in der Geschichte zu sehen, hat mich verführt“, wird er nach seinem ersten großen militärischen Schachzug 1741 in einem Brief an einen Vertrauten schreiben. Zum Vorbild wird ihm der Schwedenkönig Karl XII., der Anfang des Jahrhunderts seine Männer persönlich in den Kampf führte. Auch das Schlachtfeld kann eine Bühne sein.
PREUSSEN UND SEINE NACHBARN, UM 1750
FRIEDRICH II. erbt von seinem Vater 1740 einen Staat, der aus etlichen, teils unverbundenen Territorien besteht. Namensgebend ist das 1701 zum Königreich erhobene Herzogtum Preußen (später »Ostpreußen« genannt), das Kernland bildet aber das Kurfürstentum Brandenburg. Dieses gehört wie die Kurfürstentümer Sachsen und Braunschweig-Lüneburg (»Kurhannover«) sowie Hunderte weitere Städte, geistige und weltliche Fürstentümer zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Dessen Kaiser stellen seit Jahrhunderten die Habsburger, die bis zur preußischen Eroberung auch Schlesien beherrschen
1740 stirbt der Vater, Friedrich folgt ihm auf den Thron. Schon sechs Monate später marschiert der 28-Jährige an der Spitze von mehr als 20 000 Soldaten in seinen ersten Krieg. Den Offizieren verspricht er ein „Rendezvous des Ruhms“. Das Ziel des Angriffs: Schlesien. Das wohlhabende Gebiet an der Oder ist bekannt vor allem für sein florierendes Textilgewerbe. Die Herstellung von Stoffen und der Handel damit haben die Region reich gemacht. Seit 1526 gehört sie den Habsburgern. Das Adelsgeschlecht ist die Hegemonialmacht im Heiligen Römischen Reich, es stellt über Jahrhunderte den römisch-deutschen Kaiser und regiert um 1740 nicht nur über die österreichischen Erblande des Hauses sowie Böhmen, Mähren und Schlesien, sondern auch über Ungarn sowie Teile Norditaliens und die südlichen Niederlande (in etwa das heutige Belgien).
In diesem Jahr 1740 aber sind die Habsburger geschwächt. Nach dem Tod von Kaiser Karl VI. tritt die 23-jährige Erzherzogin Maria Theresia die Herrschaft in Österreich an. Eine 1713 erlassene Verfügung Karls VI. hatte überhaupt erst möglich gemacht, dass ihm – bei Fehlen eines männlichen Erben in allen Linien der Familie – eine Frau an der Spitze des Hauses nachfolgen könne. Doch nicht alle europäischen Mächte sind nun, da dieser Fall tatsächlich eingetreten ist, auch bereit, den Thronanspruch von Karls ältester Tochter Maria Theresia anzuerkennen. Um die habsburgischen Länder entbrennt bald ein opferreicher Krieg mit etlichen Beteiligten in wechselnden Bündnissen, der erst 1748 enden wird. Von allen der Erste aber, der die Situation für seine Zwecke nutzen will, ist der Preuße Friedrich II.
MIT EINEM GEKRÖNTEN Monogramm verziert ist die Spitze dieser Fahnenstange, wie sie Friedrichs Soldaten mit ins Feld führen. Seine Truppen sind berühmt für ihre Disziplin
KRIEG GILT IM 18. JAHRHUNDERT vielen Staatenlenkern als normales Mittel der Politik, Streit um Ansprüche und Gebiete wird auf dem Schlachtfeld ausgetragen. Dennoch ist man an den europäischen Höfen schockiert über die Aggressivität des neuen Preußenkönigs, der, kaum auf dem Thron, ohne Skrupel zu den Waffen greift und im Dezember 1740 in Schlesien einfällt. Sein bisheriges Reich ist ihm offensichtlich nicht genug. Friedrich will Preußen nicht nur territorial vergrößern, es um eine prosperierende und strategisch bedeutsame Region erweitern, er will seinen Staat zu einer europäischen Großmacht schmieden.
Schnell können Friedrichs Truppen fast ganz Schlesien besetzen, aber im Frühjahr 1741 zieht Österreich zum Gegenschlag. Als es bei Mollwitz unweit von Breslau zum ersten großen Kampf kommt, reitet Friedrich wie sein schwedisches Vorbild Karl XII. mitten ins Geschehen. Kaum jedoch geraten die preußischen Linien in Bedrängnis, flieht der König vom Schlachtfeld. Den Generälen seines Vaters gelingt es, die Niederlage noch abzuwenden. Preußen geht als Sieger aus dem Konflikt hervor. Im Frieden von 1742 wird Friedrich nahezu das ganze Gebiet zugesprochen (nur ein kleiner Teil im Südosten bleibt bei den Habsburgern). Ein weiterer Krieg 1744/45 ändert an den Besitzverhältnissen nichts. Als Friedrich II. wenige Tage nach dem Friedensschluss am 28. Dezember 1745 in Berlin einzieht, jubelt die Menge ihm zu. Sein Beutezug in Schlesien hat Preußens Territorium um mehr als ein Drittel vergrößert und dem König rund eine Million neue Untertanen eingebracht. Lang lebe Friedrich „der Große“, rufen die Menschen. Anerkennung, nach der er sich so lange gesehnt hat.
Nun kann Friedrich das Leben führen, das er möchte. Die Einnahmen aus Schlesien ermöglichen es ihm, das prächtige, von kunstvollen Gärten umgebene Schloss Sanssouci bei Potsdam errichten zu lassen, im beschwingten Stil des Rokoko. Er tritt bei Konzerten auf, geht mit Voltaire spazieren, der für einige Jahre am preußischen Hof lebt, schreibt Bücher. Doch in einem „Politischen Testament“ lässt er 1752 erkennen, dass er noch längst nicht zufrieden ist. Ganz oben auf seiner Wunschliste: das benachbarte und wohlhabende Kurfürstentum Sachsen.
Friedrich rüstet auf. Gewehrfabriken, Kanonengießereien, Pulvermühlen florieren, Preußens Armee vergrößert der König auf bis zu 160 000 Mann. Das Kantonsystem seines Vaters ist bei dem gesteigerten Bedarf an Kämpfern längst an seine Grenzen gestoßen, ebenso wie die Praxis, Tagelöhner, Kleinkriminelle und Landstreicher zu Soldaten zu machen. Stattdessen dienen nun immer mehr „Ausländer“ in Friedrichs Truppen: Werbeoffiziere ziehen etwa durch Mecklenburg, Kurhannover und Süddeutschland, um Männer für die Truppen zu gewinnen: mit Geld und der Aussicht auf ein Leben abseits eines eintönigen Daseins als Handwerksgeselle oder abhängiger Bauer, mitunter aber auch mit Branntwein und List. Der Schweizer Bauernsohn Ulrich Bräker etwa erhält eine Position als Diener eines preußischen Offiziers und folgt diesem nach Berlin. Dort angekommen aber muss er unversehens den blauen Uniformrock überstreifen.
Die Rekruten brauchen lange Arme und gesunde Zähne. Die standardmäßige Flinte der Zeit ist ohne Bajonett fast eineinhalb Meter lang und fünfeinhalb Kilogramm schwer. Um sie abzufeuern, muss man etliche Handgriffe beherrschen: Papierpatrone aus der Tasche nehmen und mit den Zähnen aufreißen, einen Teil des Pulvers in die Zündpfanne schütten, das verbliebene Pulver und die Kugel in den Lauf geben, mit einem Ladestock nachschieben. Auf die Kommandos warten: Gewehr hoch, spannt den Hahn, schlagt an, Feuer.
Die Vorderlader sind keine präzisen Waffen. Damit sie in der Schlacht Wirkung haben, müssen die Soldaten in Salven schießen. Im 18. Jahrhundert marschieren die Armeen in Linien aufeinander zu. Die Männer stehen Schulter an Schulter und rücken möglichst auch so vor, feuern bis zu fünf Schuss pro Minute ab, während die gegnerischen Kugeln auf sie niedergehen. Eine extreme Situation. Ausbilder drillen die Infanteristen, damit sie wie Maschinen funktionieren. Wer zurückweicht, nicht die Richtung hält oder ohne Befehl schießt, bringt Unordnung in die Linie, sorgt dafür, dass auch andere die Nerven verlieren. Der Gegner möchte genau das. Die Artillerie soll Lücken in die Linien des Feindes reißen und so die Schlagkraft der Flintensalven mindern, ein Vorstoß der Reiterei die ganze Formation aufreißen. Nur wer die Linie hält, so die Doktrin, kann die Schlacht gewinnen.
Während die Armee der Habsburger nur einmal wöchentlich, im Sommer gar nur einmal pro Monat exerziert, lässt Friedrich seine Männer täglich antreten, den Kampf mit dem Bajonett trainieren, sie in Manövern über Hügel und durch Gräben marschieren, Angriffe üben. Preußens Armee ist zwar noch immer kleiner als die der kontinentalen Großmächte, doch sie gilt bald als die bei Weitem disziplinierteste.
Friedrichs Rüstungsprogramm fällt in eine Epoche, da sich auch andere europäische Staaten anschicken, ihre Territorien zu erweitern, und das längst nicht mehr nur auf dem heimischen Kontinent. Großbritannien und Frankreich streiten um die Vorherrschaft in Nordamerika, bekriegen sich seit 1754 in den Wäldern des Ohio-Tals (siehe Seite 26). Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Konflikt auf die Alte Welt übergreift, wo die Franzosen mit dem Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, dem nach seiner Hauptstadt auch „Kurhannover“ genannten Stammland des britischen Königs, ein gewichtiges Pfand gegen Großbritannien in der Hand halten würden, so sie es denn erobern könnten. Entscheidend ist jetzt, wie sich die anderen europäischen Mächte verhalten. Preußen steht seit Jahren im Bündnis mit Frankreich. Friedrich bewundert das absolutistische Herrschaftssystem, die Kultur und Philosophie, spricht im Alltag fast nur Französisch.
MIT EINEM GEKRÖNTEN Monogramm verziert ist die Spitze dieser Fahnenstange, wie sie Friedrichs Soldaten mit ins Feld führen. Seine Truppen sind berühmt für ihre Disziplin
Die Habsburger unter Maria Theresia, Preußens Hauptfeind, sind hingegen seit Längerem mit Großbritannien alliiert. Rund zehn Jahre nach dem letzten Waffengang wollen sie Schlesien zurück. Dabei könnte ihnen Russland helfen, das durch Preußens Expansionsdrang seine Vormachtstellung im benachbarten Polen gefährdet sieht. Friedrichs Reich droht womöglich ein Angriff von zwei Seiten. Im Januar 1756 schließt er einen Vertrag mit seinem Onkel König Georg II. von Großbritannien, hofft, damit auch die Zarin in Russland einzuhegen, die ihrerseits ein Abkommen mit den Briten ausgehandelt hat. Doch der Defensivpakt, die „Konvention von Westminster“, beschleunigt den Ausbruch des Krieges in Europa nur: Österreicher und Franzosen, eigentlich seit Jahrhunderten Feinde, fühlen sich durch die Allianz bedroht, sichern sich nun ihrerseits Beistand zu. Auch das Zarenreich scheint geneigt, sich ihnen anzuschließen, wendet sich ab von Großbritannien. Die Koalitionen in Europa haben sich in nur wenigen Monaten komplett verschoben, später werden Historiker vom „Renversement des alliances“ sprechen, der Umkehr der Bündnisse. Jeder Partner scheint den beteiligten Herrschern und Herrscherinnen nun recht, um ihre Ziele durchzusetzen. Die Zeichen stehen auf Krieg.
FRIEDRICH SIEHT SICH mit der Bildung einer mächtigen Koalition gegen Preußen konfrontiert. Er möchte so schnell wie möglich selbst angreifen, bevor es die anderen tun. Ein Präventivschlag gegen eine Übermacht, wird er sich später rechtfertigen. Doch was er vorhat, hat wenig mit Verteidigung zu tun. Er will Kursachsen besetzen, sich dessen Reichtümer und Soldaten bemächtigen, um Preußens materielle Basis für den Kampf mit Österreich um Schlesien zu festigen. Zudem steht das Nachbarland kurz davor, sich der Allianz gegen Friedrich anzuschließen. Von dort möchte Friedrich weiter in das zu Habsburg gehörende Böhmen vorrücken. Und so setzt Preußen seine Truppen in Gang. Die Infanterie, dazu die Kürassiere, Dragoner und Husaren, die schweren, mittleren und leichten Klassen der Kavallerie, und die Artillerie. Mit insgesamt 63 000 Mann überfällt Friedrich am 29. August 1756 Kursachsen.
Der König ist bester Laune an diesem Tag, als er Europa in den Siebenjährigen Krieg stürzt. Er scheint erleichtert, dass es endlich losgeht, berichten Anwesende. Doch vorerst fallen kaum Schüsse. Friedrich zieht ohne Widerstand in Dresden ein, raubt die Staatskassen und Geschütze aus dem Arsenal. Das Gros der kursächsischen Truppen zieht sich zurück vor der preußischen Übermacht, verschanzt sich bei Pirna. Nach einigen Wochen Belagerung – während der Friedrich zwischenzeitlich mit einem Teil seiner Armee nach Böhmen marschiert und sich bei Lobositz mit einem anrückenden österreichischen Heer schlägt – kapitulieren die Eingeschlossenen. Der König lässt preußische Uniformen an die rund 17 000 kursächsischen Soldaten verteilen, presst sie in seine eigenen Reihen. Doch loyal sind sie ihm nicht gesinnt, viele desertieren bei der ersten Gelegenheit.
MITTE OKTOBER 1756 kapituliert die kursächsische Armee bei Pirna gegenüber Friedrich II., den man in Preußen längst »den Großen« nennt. Er bemächtigt sich der Steuereinnahmen des wohlhabenden Kurfürstentums – und zwingt auch dessen Soldaten in die eigenen Truppen
In Wien ist Maria Theresia schockiert darüber, was dem sächsischen Kurfürsten widerfahren ist. Ihr Gemahl Kaiser Franz I. droht Friedrich mit der Reichsacht, wenn er nicht von Kursachsen ablässt. Im Januar 1757 entscheidet dann ein Reichstag, die Versammlung aller Teile des Heiligen Römischen Reiches, eine eigene Armee aufzustellen, um dem Kurfürstentum gegen Preußen beizustehen. In Sankt Petersburg hat derweil Zarin Elisabeth endgültig beschlossen, dem französisch-österreichischen Bündnis beizutreten und am Krieg teilzunehmen. Und die Schweden, die auch über Gebiete in Vorpommern herrschen, sehen eine günstige Gelegenheit, um den Preußen deren Teil Pommerns zu entreißen.
Schnell zeigt sich: Friedrichs „Präventivschlag“ ist, trotz des einstweiligen Erfolgs, ein strategischer Fehler. Denn er macht Preußens Lage noch prekärer. Es steht einer Allianz gegenüber, die eine halbe Million Soldaten aufbieten kann. Alle Großmächte Europas außer den Briten haben sich darin verbündet. Aber die Gegner brauchen Zeit, um ihre Truppen zu sammeln. Und darauf spekuliert Friedrich womöglich jetzt – und zieht erneut los.
GEFALLENE BEDECKEN den Boden nach der Schlacht von Leuthen, bei der Friedrich II. am 5. Dezember 1757 einen triumphalen Sieg gegen die Österreicher erringt. Die überlebenden Preußen stimmen noch auf dem Schlachtfeld einen Gesang an: »Nun danket alle Gott!«
Im Frühjahr 1757 rückt er mit allen verfügbaren Kräften nach Böhmen ein. Unweit von Prag kommt es am 6. Mai zum Kampf mit den Österreichern. Am Abend liegen fast 28 000 Tote und Verwundete beider Seiten auf den Wiesen und Feldern vor der böhmischen Kapitale, eine der blutigsten Schlachten nicht nur des Siebenjährigen Krieges, sondern des ganzen Jahrhunderts. Doch die Linien der Preußen haben länger gehalten als die ihrer Gegner. Im Feld besiegt, aber nicht entscheidend geschlagen, ziehen sich die Verteidiger hinter Prags Mauern zurück. Friedrich ordnet die Belagerung an.
50 Kilometer östlich sammelt sich derweil eine zweite Armee der Österreicher nahe der Stadt Kolin. Der Preußenkönig zieht ihr mit einem Teil der Truppen entgegen. Seine Generäle warnen ihn noch vor einem Angriff auf die zahlenmäßig überlegenen, günstig auf Anhöhen positionierten Gegner. Doch er beachtet sie nicht. Die Schlacht am 18. Juni wird zur Katastrophe für Friedrich, er verliert fast zwei Drittel der beteiligten Infanterie. Mit den Resten seines Heeres flieht er Richtung Prag, löst die Belagerung auf und marschiert nach Sachsen zurück.
Ein Jahr nach Kriegsbeginn wird Friedrichs Lage zusehends bedrohlicher: 55 000 russische Soldaten stehen in Ostpreußen, an der vorpommerschen Küste landen 25 000 Schweden. Die Österreicher gehen von Süden aus in die Offensive, greifen preußische Stellungen in der Oberlausitz und Schlesien an. Im Oktober kann ein Verband der Habsburger von einigen Tausend Mann, darunter viele ungarische Husaren, nach Berlin vorstoßen. Die Kämpfer besetzen für einige Stunden die Köpenicker Vorstadt, erpressen ein hohes Lösegeld. Am späten Abend, als preußische Truppen sich der Kapitale nähern, ziehen die Eindringlinge wieder davon. Eine enorme Demütigung für Friedrich. Er wollte Preußen zur Großmacht formen, nun scheint selbst seine Hauptstadt nicht mehr sicher.
Für Großbritannien, Friedrichs einzigen bedeutenden Verbündeten, läuft es nicht besser. Ein britisch-kurhannoversches Heer, verstärkt durch preußische Einheiten und Soldaten aus einigen kleineren Fürstentümern, konnte eine in Norddeutschland eingedrungene Übermacht aus Frankreich nicht aufhalten – und musste sich bereits im September hinter die Elbe zurückziehen. Die Franzosen besetzen weite Teile Kurhannovers und drohen nun, auch gegen preußische Kernterritorien zu marschieren.
Friedrich ist umzingelt. In seinem Quartier zitiert der Monarch nachts aus Tragödien des französischen Dramatikers Jean Racine, sieht sich als tragischer Held, dem nur noch bleibt, einen ruhmvollen Tod zu suchen. In einem Brief an Voltaire reimt er in diesen Tagen: „Ich aber, dem Schiffbruch droht / muss, mutig trotzend dem Verderben / als König denken, leben, sterben!“ Wenn schon untergehen, dann mit einem letzten großen Auftritt.
Und so macht Friedrich das, was er im Krieg am liebsten tut: angreifen. Mit einem Aufgebot von nur 22 000 Mann zieht er Anfang November zur Saale im Westen Kursachsens, wo ein zweiter Großverband der Franzosen und die Reichsarmee aufmarschiert sind. Zusammen haben sie fast doppelt so viele Soldaten. Friedrich deutet einen Rückzug an, lockt die feindliche Armee so zu einem Vorstoß am folgenden Tag. Seine Reiterei eröffnet die Schlacht, greift aus einem Hinterhalt die gegnerische Vorhut an und kann diese vollständig zerstreuen. Friedrichs Infanterie schlägt daraufhin die Fußsoldaten der Franzosen und der Reichsarmee binnen Minuten in die Flucht. Der Sieg beim Ort Roßbach (im heutigen Sachsen-Anhalt) am 5. November verschafft Friedrich Zeit in seinem Überlebenskampf. Zuvor schon hat einer seiner Generäle die Schweden aus Preußisch-Pommern verdrängt, und auch die Russen haben sich zurückgezogen, wegen Nachschubproblemen.
DER PREUSSENKÖNIG KANN SICH wieder seinem Hauptfeind zuwenden. Und er muss es auch. Denn die Österreicher haben mittlerweile fast ganz Schlesien zurückerobert. So sammelt er Ende November trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit alle verfügbaren Truppen beim Ort Parchwitz, 50 Kilometer nordwestlich von Breslau. Ganz in der Nähe der schlesischen Hauptstadt haben sich die Österreicher mit einer weit größeren Streitmacht verschanzt. Und wieder will Friedrich sie in einer überlegenen Stellung angreifen. Ein Unterfangen, für das er jeden einzelnen Mann braucht, absolute Loyalität.
Und so ruft Friedrich am 3. Dezember seine gesamten Kommandeure im Lager bei Parchwitz zu sich, trägt seine Worte gegen sonstige Gewohnheit auf Deutsch vor, setzt auf deren Wucht und sein Charisma: „Wir müssen den Feind schlagen oder uns vor ihren Batterien alle begraben lassen“, sagt er, nachdem er unverblümt angekündigt hat, einen höchst riskanten Angriff „gegen alle Regeln der Kunst“ zu wagen. Dann packt er die Offiziere bei der Ehre: „Ist einer oder der andere unter Ihnen, der nicht so denkt, der fordere hier auf der Stelle seinen Abschied. Ich werde ihm selbigen ohne den geringsten Vorwurf geben.“ Keiner geht.
Am übernächsten Tag, dem 5. Dezember 1757, marschiert die Armee noch in der Dunkelheit los. Insgesamt 39 000 Mann. Eine dünne Schneeschicht bedeckt die Landschaft. Singend ziehen die Männer in die Schlacht.
ALS DIE MORGENSONNE durch den Nebel bricht, können die Preußen gegnerische Reiter vor sich ausmachen. Aber es ist nicht die Kavallerie der österreichischen Hauptarmee, sondern nur ein Beobachtungskorps. Friedrichs Vorhut stürmt vor, zersprengt die gegnerischen Einheiten. Der König reitet nach diesem ersten Erfolg auf einen Hügel, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die Österreicher stehen in einer neun Kilometer langen, nach Westen gewandten Front beiderseits des Dorfes Leuthen. Rund 65 000 Mann, eine fast doppelte Überzahl.
Friedrich ist klar, dass eine frontale Attacke auf das österreichische Zentrum aussichtslos wäre. Doch er hat längst einen Plan. Er täuscht einen Angriff auf den im Norden gelegenen rechten Flügel des Gegners vor, dann aber lässt er den Hauptteil seiner Armee nach Süden abschwenken, um die Österreicher auf der linken Flanke anzugreifen. Bei Kolin und Prag war ein solches Manöver gescheitert. Doch dieses Mal verdeckt eine Hügelkette die Truppenbewegung.
Die preußischen Soldaten marschieren mit größter Disziplin, legen in hoher Geschwindigkeit fünf Kilometer zurück, schwenken dann noch einmal nach links. Gegen 13 Uhr stehen sie dem südlichen Ende der österreichischen Linien gegenüber. Friedrich lässt seine gesamte Infanterie nun in einer schrägen Linie angreifen, das ganz rechte Bataillon geht an der Spitze, das zweite folgt links davon 50 Meter zurückversetzt, das nächste noch mal 50 Meter schräg dahinter, insgesamt 20 Bataillone in der ersten Reihe und weitere in gleicher Formation in der zweiten. Diese schiefe Schlachtordnung soll die Attacke an einer Stelle konzentrieren und gleichzeitig für immer neue Angriffswellen sorgen; zudem wird das Gros der Truppen möglichst lange aus dem gegnerischen Feuer herausgehalten.
Die Männer an der linken Flanke der Österreicher sind völlig überrascht, als die Preußen auf sie zustürmen, müssen dem Druck bald weichen. Sie ziehen sich zum nördlich gelegenen Dorf Leuthen zurück. Einige Soldaten nehmen hinter der Mauer des Friedhofs bei der Kirche Stellung, schießen über den Steinwall auf die ihnen nachfolgenden Angreifer, die sich unter schweren Verlusten bis zu ihnen durchkämpfen. Plötzlich stehen sich Preußen und Österreicher zwischen Grabsteinen gegenüber, schlagen mit Bajonett und Gewehrkolben aufeinander ein, dann ergreifen die Verteidiger die Flucht.
TASCHEN wie diese hängen neben dem Säbel preußischer Husaren. Die aus Osteuropa stammende Gattung der Reiterei stellt auch in der Armee Friedrichs II. die leichte Kavallerie
DIE SCHLACHT VON LEUTHEN, 5. DEZEMBER 1757
Mittlerweile hat die Masse der österreichischen Infanterie auf den Flankenangriff reagiert und sich nördlich des Dorfes neu formiert, nun mit einer um 90 Grad gedrehten, nach Süden ausgerichteten Front. Die österreichische Kavallerie vom rechten Flügel greift an, rund 6000 Männer auf ihren Pferden reiten auf die bereits der Erschöpfung nahen preußischen Fußsoldaten zu. Doch auch Friedrichs Kürassiere und Dragoner preschen nun vor in den Kampf. Die gewaltige Wucht des Gegenangriffs drängt die österreichischen Reiter in die eigenen Truppen zurück, Pferde sprengen durch die Reihen, Chaos bricht aus. In der Abenddämmerung fliehen Tausende vom Schlachtfeld.
Für Preußen ist es einer der spektakulärsten Siege des Jahrhunderts. Die Soldaten sind nach elf Stunden Marsch und Kampf ermüdet, dennoch feiern sie ausgelassen die gewonnene Schlacht. Irgendwann stimmen sie das Lied „Nun danket alle Gott“ an. Ein protestantischer Gesang, der als „Choral von Leuthen“ bekannt werden wird, als Hymne des preußischen Triumphs. Doch erst am nächsten Morgen, bei Helligkeit, zeigt sich, zu welchem Preis der Sieg errungen wurde. Neuschnee hat die Leichen Tausender Preußen und Österreicher bedeckt, die Kälte ihre Glieder am Boden festgefroren. Stumme Zeugen eines Krieges, in dem die Leben einfacher Soldaten nicht viel zählen.
Stattdessen wird die Schlacht von Leuthen vor allem zur großen Heldengeschichte eines einzigen Mannes. Preußische Zeitungen berichten über den Erfolg, Kupferstiche zeigen Darstellungen der Schlacht, feiern die taktische Meisterleistung des Königs. Denn der Siebenjährige Krieg ist nicht nur ein Ringen der Soldaten, er ist auch ein Kampf der Medien. Alle Seiten nutzen die Druckerpresse zur Propaganda, um unentschiedene Schlachten als klare Erfolge für sich zu verkaufen, Sympathien für die eigene Sache zu gewinnen und die Untertanen zu weiteren Kriegsanstrengungen oder sogar zum freiwilligen Militärdienst zu motivieren.
In Frankfurt verfolgt der achtjährige Johann Wolfgang Goethe die Taten des Preußenkönigs. Viele in den deutschen Landen, vor allem Protestanten, unterstützen nach den Triumphen von Roßbach und Leuthen Friedrich den Großen, sind wie der junge Goethe fortan „fritzisch gesinnt“. Es ist nicht nur die Bewunderung für seine Person, es zeigen sich auch erste Anklänge eines aggressiven deutsch-preußischen Nationalgefühls.
Auch in Großbritannien entfacht Friedrich Begeisterung. Die dortige Presse feiert vor allem seinen Sieg über die verhassten Franzosen bei Roßbach. Die Engländer benennen Tavernen nach „Frederick the Great“, malen sein Konterfei auf Schnupftabakdosen und Kaffeetassen. Die Regierung in London reagiert auf die propreußische Stimmung im Land, das Parlament bewilligt sogar neue Truppen und Gelder, um Kurhannover von den Franzosen zurückzuerobern und dem Verbündeten in Berlin beizustehen. Der Kampf auf dem Kontinent scheint wieder offen.
In Wien und Versailles hingegen ist man auch nach Leuthen weiterhin entschlossen, Friedrich zu schlagen, diesen „Attila des Nordens“, wie ihn die Mätresse des französischen Königs, Madame de Pompadour, in Anspielung an den Hunnenkönig nennt, der in der Spätantike Europa überrannte. Der Krieg, der später der „Siebenjährige“ genannt werden wird, ist erst im zweiten Jahr, und die schwersten Stunden stehen Friedrich noch bevor.
2. Allianz gegen Preußen. Die mächtigen Drei
Den Attacken des preußischen Königs Friedrich II. tritt bald eine ungewöhnliche Allianz entgegen: ein äußerst einflussreiches weibliches Trio. Klug zusammengebracht von Österreichs Machthaberin Maria Theresia, müssen die Frauen jedoch einen doppelten Widerstand überwinden – den hochdreisten Gegner und die Vorurteile ihrer Zeit
Elisabeth

Madame de Pompadour

Maria Theresia
Unter vielen schmerzhaften Verlusten hält sie diesen für den schlimmsten: den von Zeit. Denn Zeit ist nicht ersetzbar, ungenutzte Zeit für immer vertan. Ein vergeudetes Geschenk Gottes. Sünde. Also steht sie früh auf. Maria Theresia, als Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen eine der mächtigsten Frauen ihrer Zeit, beginnt den Tag um vier Uhr morgens, im Winter um sechs. Die erste Stunde gehört Gebet und Messe, einem Kaffee. Auf die Morgentoilette folgen weitere genau eingeteilte Zeitfenster für Ministergespräche, Audienzen, Schreibtischarbeit, Familie, Essen, weitere Andacht, Gesellschaft. Meist geht sie zeitig zu Bett. Die Herrscherin des gewaltigen Habsburgerreichs im Herzen Europas beeindruckt Besucher durch ihre ungeheure Disziplin. Eine willensstarke Monarchin, selbstbewusst, effektiv. Und dennoch hadert die Frau, die kriegerischen Königen wie dem Preußen Friedrich II. und machthungrigen Verwandten die Stirn bietet, mit ihrem Schicksal. Fühlt sich am falschen Platz. Denn insgeheim teilt Maria Theresia die Überzeugung der meisten Menschen ihrer Zeit: Frauen sollten nicht regieren.
Aber die Erbin eines Vaters ohne Söhne meint, keine Wahl zu haben. Gleich einer Platzhalterin will sie das Imperium bewahren, bis ein eigener, dann wieder männlicher Erbe die Dynastie fortsetzen wird. So lange begreift sie es als ihre heilige Pflicht, den Familienbesitz zu erhalten. Und als ihr gutes Recht. Hinzu kommt ein innerer Widerstreit: Bei allem Unbehagen auf dem Thron und mit den Staatsgeschäften genießt Maria Theresia die Macht, vor allem das Regieren, geht geradezu darin auf. Entsprechend erbittert wehrt sie sich, als männliche Rivalen ihr das Erbe streitig machen, habsburgischen Besitz an sich bringen wollen. Mehrere Kriege wird sie deshalb führen – deren letzter und blutigster 1756 beginnt und sieben Jahre dauert. Sieben Jahre, in denen sie mit Friedrich II. um Schlesien ringt, das der Preuße ihr anderthalb Jahrzehnte zuvor entrissen hat. Dazu schmiedet sie gewagte Allianzen, macht alte Feinde zu Partnern, verbündet sich mit der skandalumwitterten Zarin Elisabeth von Russland und der Marquise de Pompadour, der einflussreichen Mätresse des französischen Königs. Nimmt hin, dass man sie als Kopf einer Frauenverschwörung verunglimpft, das dreifache „Weiberregiment“ mit Häme überschüttet.
Frauen auf dem THRON halten viele für unerhört
Pragmatisch, klug, kompromisslos nutzt Maria Theresia ihre Zeit auf dem Thron, um die Arbeit des Sohnes zu tun, den Gott ihrem Vater versagt hat. Und wird so zu einer der großen Herrscherfiguren des 18. Jahrhunderts. Frauen seien schwächer, körperlich wie geistig zur Macht weniger geeignet als Männer, das gilt im 18. Jahrhundert als Fakt. Dennoch entschließt sich einer der mächtigsten Fürsten Europas, Karl VI., regierender Erzherzog von Österreich, König über Ungarn und Böhmen, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, Vater dreier Töchter, aber keines überlebenden Sohnes, in den 1720er Jahren dazu, die älteste dieser Töchter, Maria Theresia Walburga Amalia Christine, als seine Erbin aufzubauen.
Karl VI. will eine Zersplitterung des riesigen Besitzes seiner Familie vermeiden, die absehbaren Streitereien, Kompensationsgeschäfte und Länderteilungen, die ein Nachfolger aus dem weiteren Verwandtenkreis mit sich bringen würde. Deshalb erkauft er von den Fürsten Europas mit Geld und politischen Zugeständnissen die Zusicherung, Maria Theresia als seine Erbin anzuerkennen. In der Hoffnung, dass sie bald einen Sohn gebären, die Dynastie am Leben erhalten wird. Zu dem Zweck wird sie 1736, mit 18 Jahren, verheiratet. Der Bräutigam, Franz Stephan von Lothringen, stammt aus einem alten, den Habsburgern eng verwandten Geschlecht. Keine spektakuläre, aber eine gute Partie. Nähme er für Maria Theresia die Zügel in die Hand, wäre das durchaus im Rahmen des Üblichen. Allein, Franz Stephan erweist sich als schwach, glücklos, bald unbeliebt. Entgegen den Vorurteilen ihrer Zeit ist er politisch um Längen weniger begabt als seine Frau.
Ende Oktober 1740 stirbt Karl VI. Und es stellt sich heraus, dass seine Bemühungen weitgehend vergebens waren. Als Erster beansprucht Kurfürst Karl Albrecht von Bayern, der mit einer Nichte Karls verheiratet ist, ungeachtet früherer Zusagen das Habsburger-Erbe für sich. Noch unverschämter tritt Friedrich II. von Preußen auf. Jung, ruhm- und habgierig, sagt er Maria Theresia heuchlerisch Schutz vor Rivalen wie dem Bayern zu – verlangt aber als Lohn die reiche Provinz Schlesien. Für alle Fälle lässt er seine Juristen noch einen eigenen, fadenscheinigen Erbanspruch auf Schlesien konstruieren. Und marschiert ein. Im Dankgottesdient nach einem ersten Schlachtensieg lässt er das Bibelwort des Apostels Paulus vorlesen: „Einem Weibe gestatte ich nicht, dass sie des Mannes Herr sei.“
Der von Friedrich begonnene Krieg löst einen Beutezug mehrerer deutscher Fürsten und europäischer Mächte gegen den Habsburger-Besitz aus, teils im Bund, teils in Konkurrenz miteinander. Maria Theresia wehrt sich, mobilisiert Truppen. Verhöhnen ihre Gegner früh ihr Geschlecht, so hält sie bald mit eigener Propaganda dagegen, lässt sich als bedrängte, madonnengleiche Unschuld darstellen, der nun ihr treuer Adel ritterlich zur Seite eilt. Im Frühjahr 1741 verkünden Wiens Kirchenglocken, Salutsalven aus Gewehren und Kanonen, der Schall von Pauken und Trompeten eine gewaltige Stärkung ihrer Position: Maria Theresia hat einen ersten Sohn geboren. Die Aussicht auf eine Rückkehr zur männlichen Ordnung ist belebt. Dennoch ziehen sich die Kämpfe und Verhandlungen über Jahre hin, bis die verschiedenen Parteien in diesem sogenannten Österreichischen Erbfolgekrieg 1748 in Aachen Frieden schließen.
Sie hat sich behauptet. Zwar muss Maria Theresia Preußen das wertvolle Schlesien überlassen. Dafür wird ihre Herrschaft nun europaweit anerkannt und ebenso Franz Stephans Erhebung zum römisch-deutschen Kaiser – gleichsam an ihrer statt. Denn eine Frau kann nicht zum Kaiser gewählt werden; das steht zwar nirgends geschrieben, gilt aber als undenkbar. Immerhin wird sie nun gemeinhin als Kaiserin tituliert. Zufrieden ist sie nicht. Zeitweilig hat sie sich von dem Ringen selbst einen Zugewinn an Ländern versprochen, eine Demütigung derjenigen, die als erste Habsburg berauben und erniedrigen wollten. Stattdessen bleibt es nun bei der dreisten Wegnahme Schlesiens. Doch ihre Völker brauchen Ruhe, ihre Armeen müssen erneuert werden, die kriegszerrütteten Finanzen in Ordnung gebracht. Dann wird man sehen.
Um erfolgreich Krieg zu führen, braucht ein Herrscher gut ausgebildete Soldaten, fähige Feldherren, eventuell Charisma, aber vor allem Geld. Viel Geld, für Sold, Waffen, Pferde, Proviant, Quartiere. Ende der 1740er Jahre verlangt Maria Theresia von den Ständen, den altehrwürdigen Vertretungen ihrer Länder, dauerhaft höhere Steuern. Um die Mittel effizienter einzusetzen, fordert sie zudem mehr Macht für die Zentralbehörden in Wien, schafft neue, trennt in dem Zug Verwaltung und Justizwesen. Sie ersetzt etliche der konservativen Räte ihres Vaters durch junge, ehrgeizige Beamte, die allein der Monarchin ergeben sind. Ihr Ideal ist ein Staat, der nicht mehr einem zusammengestückelten Apparat aus überlieferten Rechten, Freiheiten, Ämtern und Gewohnheiten gleicht, sondern einer vernünftig konstruierten, kraftvollen Maschine.
So beginnt ein zäher Kampf um Veränderung, der später als Auftakt zum Wandel des habsburgischen Vielvölkerreichs in ein modernes Imperium gelten wird. Zunächst jedoch scheitert manche Neuerung an konservativem Widerstand und eingeschliffenen Routinen, sind etliche Reformen widersprüchlich, übereilt, undurchdacht. Maria Theresia drängt. Sie mag es nicht, wenn die Dinge zerredet werden, entscheidet schnell und abschließend. Je länger im Amt, desto mehr wird sie ungeduldig, zeigt sich hochfahrend, auch kritikunfähig. Macht ihrem Ärger in heftigen Wutausbrüchen Luft.
Derweil tut die Hofpropaganda alles, um das Bild einer gütigen Matriarchin zu malen, innig verbunden mit ihren geliebten, opferbereiten Untertanen. Wiens Druckereien verbreiten anrührende Stiche, hymnische Gedichte auf, wie sie selbst es formuliert, ihrer „Länder allgemeine und erste Mutter“. Hinter dieser Fassade indes setzt die Monarchin mit Härte die neue Staatsräson durch. Deren Maß sind Rationalität, höhere Steuereinnahmen, militärische Schlagkraft. Und das Interesse der Dynastie – mit dem Maria Theresia freilich zugleich Gottes Willen zu dienen meint. Bald wächst der Unmut in ihren Landen, aber auch deren Kriegstüchtigkeit. Allein, für eine Rückeroberung Schlesiens braucht es mehr. Vor allem: Verbündete.
Unter den aufstrebenden Männern am Wiener Hof sticht ein ungewöhnlich kluger, ebenso pedantischer wie intriganter Kopf hervor, Wenzel Anton Graf von Kaunitz-Rietberg. Kaunitz mag Ordnung in den Akten, extravagante Kleidung, erotische Bücher und radikale Ideen. Seine gewagteste: Da Habsburg mit der rücksichtslosen Militärmacht Preußen allein nicht fertig wird, braucht es einen überragend starken Partner. Frankreich. Ein revolutionärer Gedanke. Seit Jahrhunderten gilt die Feindschaft zwischen den beiden glänzendsten Herrscherhäusern Europas, zwischen Habsburgern und den französischen Königen als gleichsam naturgegeben. Frieden scheint stets nur auf Zeit vorstellbar, von Zusammenarbeit zu schweigen. Nicht für Kaunitz. Will Österreich den preußischen Teufel loswerden, legt er in umfangreichen Denkschriften dar, muss es mit dem französischen Satan paktieren. 1750 entsendet Maria Theresia Kaunitz als Botschafter an den Hof Ludwigs XV.
Maria Theresia
Ein Hof hat kein Organigramm. Wer in dem tückischen Machtgeflecht um einen Monarchen etwas erreichen will, braucht Kenntnis über teils verdeckte Beziehungen und Abhängigkeiten, taktisches Gespür, Geld, persönlichen Charme. Kaunitz’ Scharfsinn, seine Eitelkeit, Sprachbegabung, sein erlesener Geschmack befähigen ihn zu diesem Spiel wie wenige. Binnen Kurzem wird er regelmäßiger Gast in den Salons der gebildeten Pariser Finanzoligarchie, auf die zwar der Hochadel herabblickt. Die jedoch über hervorragende Informationsquellen verfügt – und aus der eine der einflussreichsten Personen am Hof stammt, die offizielle Mätresse des Königs. Jeanne-Antoinette Poisson, bildschön, klug, überaus kultiviert, seit ihrer Erhebung durch den Herrscher Marquise de Pompadour.
Eine offizielle Mätresse ist mehr als eine Geliebte; derlei hat der König obendrein. Die Mätresse ist Gespielin und Unterhalterin, Vertraute, Ratgeberin, Geheimbotin und Vermittlerin in heiklen Angelegenheiten. Sie gilt es zu gewinnen, will ein Botschafter auf unverfänglichem Weg sensible Vorschläge lancieren. Also zeigt Kaunitz keine Scheu vor dem Milieu ihrer Herkunft, schafft Nähe über ihrer beider Liebe zu Oper und Theater, schmeichelt der Madame de Pompadour, indem er, der hochmögende Gesandte aus Wien, sie mit aller Kunst hofiert. Plaudernd, leichthin vertraulich, unterbreitet Kaunitz der Mätresse seine Argumente für eine österreichisch-französische Annäherung gegen Preußen. So kann er davon ausgehen, dass der Vorschlag vor den König gelangt – ohne dafür eintreten zu müssen und einen Affront zu riskieren. Nach außen gibt es allenfalls Gerüchte.
Als der Graf Anfang 1753 abgelöst wird, um Maria Theresias Staatskanzler zu werden, Leiter ihrer Außenpolitik, ist das Eis gebrochen. Die vordem undenkbare Allianz wird am französischen Hof als Option gehandelt. Und es gibt über die Privatgemächer der Madame de Pompadour einen vertrauensvollen Kanal zwischen beiden Machtzentren. Bloß einen Grund für Frankreich, das Angebot seines Erzrivalen anzunehmen, den gibt es nicht. Bis eine Schlacht im Tausende Kilometer entfernten Tal des nordamerikanischen Ohio-Flusses die Lage ändert: 1755 wird aus dem dortigen Konflikt zwischen der britischen und der französischen Kolonialmacht ein offener Krieg (siehe Seite 26). Bald verhandelt Kaunitz’ Nachfolger mit einem Abgesandten Ludwigs XV. über eine Allianz, heimlich, meist auf Landsitzen abseits der Residenz. Vermittlerin der Gespräche, zuweilen Gastgeberin und einzige weitere Mitwisserin außer Kaunitz und dem Kaiserpaar: die Marquise de Pompadour.
Zugleich wappnet sich Großbritannien für einen die Kontinente übergreifenden Schlagabtausch; insbesondere sichert es das deutsche Stammland der britischen Dynastie ab, das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, nach seiner Residenzstadt auch „Kurhannover“ genannt, indem es dessen gefährlichen Nachbarn Preußen über einen Nichtangriffspakt und Hilfsgelder an sich bindet.
Paris IM BUNDE mit Wien? Eine Revolution
Ein Abkommen, das wiederum am französischen Hof Alarm auslöst. Aus den sporadischen Treffen der beiden Unterhändler werden fast tägliche, verdeckte Beratungen, und am 1. Mai 1756 unterzeichnen Vertreter Maria Theresias und Ludwigs XV. einen Bündnisvertrag. Es ist eine „diplomatische Revolution“, wie Beobachter bald sagen. Ein völliger Umsturz des europäischen Mächtesystems.
Der Gedanke dazu stammte von Kaunitz und Maria Theresia, die Tür geöffnet hat ihm Madame de Pompadour. Deren Motive liegen teils in einer persönlichen Abneigung gegen Friedrich II., der offen über die Verhältnisse in Versailles spottet, Ludwig XV. als Schwächling unter der Fuchtel einer habgierigen Mätresse abtut. Wichtiger sind politische Gründe. Preußen erscheint unzuverlässig, nach dem Abkommen mit London erst recht; hingegen ist Habsburg ein attraktiver Partner in dem Weltkonflikt mit den Briten, die Mätresse von der Aufrichtigkeit des Angebots überzeugt.
Derweil kann von einer besonderen Nähe der beiden mächtigen Frauen kaum eine Rede sein. Zwar lässt Maria Theresia der Pompadour als Dankgeschenk ein überaus kostbares Schreibpult mit goldenen, diamantbesetzten Scharnieren tischlern. Doch bleibt der sittenstrengen Kaiserin die ehebrecherische, aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Vertraute des französischen Königs fremd, ja verleugnet Maria Theresia nach außen jeden engeren Kontakt zwischen ihren Vertretern, gar ihr selbst und der Mätresse.
Da hilft es auch nichts, dass die Marquise sich zunehmend fromm zeigt, das sexuelle Verhältnis zu Ludwig XV. offenkundig endet, sie gleichwohl ihre Position als intime Freundin, mächtige Ratgeberin des Königs behält. In den Augen der Erbtochter Karls VI. ist sie nützlich, aber keineswegs ebenbürtig. Keine Genossin durch Weiblichkeit. Die Revolution bleibt auf das diplomatische Feld beschränkt. Weder Friedrich II. noch die britische Regierung haben damit gerechnet, dass Habsburg und Frankreich ihre vermeintlich ewige Feindschaft überbrücken könnten. Derweil zeitigt Londons Annäherung an Preußen nicht nur in Frankreich unbeabsichtigte Folgen. Sondern auch in Russland.
Das riesige Reich im Osten ist wie Preußen ein Neuling im europäischen Mächtegefüge, zwar weniger durchmilitarisiert, dafür im Besitz scheinbar unerschöpflicher Reserven an Rohstoffen und Menschen. Indes unruhig. Denn eine unklare Thronfolgeordnung erlaubt es den hauptstädtischen Gardetruppen immer wieder, in Palastrevolten ihren Favoriten an die Macht zu bringen – oder ihre Favoritin. Entgegen der Tradition erheben die Putschisten auch Frauen zu Herrscherinnen, wenn es ihrem Interesse dient.
Zuletzt hat so 1741 Elisabeth, eine Tochter Peters des Großen, die Regierungsgewalt an sich gerissen. 31 Jahre alt, zupackend, intelligent, skrupellos. Ähnlich wie Maria Theresia arbeitet sie hart, reformiert Verwaltung und Steuerwesen, lässt überkommenes Recht durch systematische Gesetzbücher ersetzen. Anders als die Habsburgerin heiratet sie nie, hat offen Affären weit unter ihrem Stand, etwa mit einem ukrainischen Sänger, liebt Extravaganzen; angeblich zieht sie nie ein Kleid zweimal an.
Außenpolitisch ist die Zarin zunächst vorsichtig, meidet Krieg. Namentlich kontrolliert Russland seinen großen, einst gefährlichen Nachbarn Polen-Litauen lieber durch Manipulation, Drohgebärden, Bestechung als offene Gewalt – im Bund mit Preußen und Österreich. Der Raub Schlesiens jedoch hat diese bewährte, nach ihren Staatswappen benannte „Allianz der drei schwarzen Adler“ erschüttert. Etliche von Elisabeths Beratern sehen in Preußen seither eine potenzielle Gefahr, wollen es auf seine Rolle als Juniorpartner der beiden größeren Mächte zurückstutzen. Nach Friedrichs Alleingang mit London beginnt Elisabeth Geheimverhandlungen mit Wien. Russland rückt an den antipreußischen Bund heran.
Mitte 1756 zeichnet sich ab, dass Maria Theresia ihren Revanchekrieg um Schlesien bekommen wird. Und dass Habsburg ihn als Teil einer drückend überlegenen Koalition führen wird. Es ist Kaunitz’ Meisterwerk; nicht nur er selbst, zur Bescheidenheit unbegabt, sieht das so. In der Nacht auf den 29. August schlägt Friedrich II. unter Bruch internationaler Verträge sowie der Landfriedensordnung des Reiches los, überfällt das bisher unbeteiligte Kursachsen und dringt bald darauf von dort in das habsburgische Böhmen vor.
Ab dem folgenden Frühjahr jedoch besetzen französische Verbände die preußischen West-Territorien vom Rhein bis zur Weser. Vertreiben Maria Theresias Armeen die Preußen blutig aus Böhmen – in Wien finden Dankgottesdienste statt, werden erbeutete Fahnen ausgestellt, spielen die Theater bei freiem Eintritt. Eine neue militärische Auszeichnung wird gestiftet, der Maria-Theresia-Orden. Nahezu gleichzeitig marschieren russische Einheiten im Osten von Friedrichs Reich, dem später Ostpreußen genannten Gebiet, ein. Mitte Oktober dringt eine österreichische Truppe bis Berlin vor, erpresst im Handstreich eine große Summe Geld und Gold, lässt die Überfallenen wütend und gedemütigt zurück. Begeisterter Jubel an der Donau. Die diplomatische Einkreisung Preußens wird zum militärischen Würgegriff.
Allein, Ende des Jahres gelingen Friedrich zwei überraschende Schlachtensiege über die Franzosen bei Roßbach in Kursachsen und über die Österreicher bei dem schlesischen Dorf Leuthen (siehe Seite 40). Nachdem sie den Triumph bereits vor Augen hatten, müssen die Alliierten teils ungünstige Winterquartiere beziehen. Das Bündnis erweist sich schwächer, als es auf Landkarten und in Zahlen aussieht.
Denn allen Reformanstrengungen zum Trotz hat Maria Theresias buntscheckiges Reich nicht zu dem hocheffizienten Militärstaat Preußen aufgeschlossen. Frankreich muss seine Kräfte teilen zwischen Europa und dem Kampf mit den Briten in Übersee. Elisabeth hat mit einer preußenfreundlichen Opposition in Teilen des Offizierskorps zu rechnen, der selbst ihr Neffe und designierter Thronfolger nahesteht. Nicht auszuschließen, dass manches Zaudern ihrer Feldkommandeure mit diesen geheimen Sympathien zusammenhängt. Es ist ein Nachteil aller drei Frauen: Sie sind gezwungen, den Krieg aus der Ferne zu lenken, die Entscheidung vor Ort anderen zu überlassen. Zwar führen auch männliche Herrscher ihre Truppen nur noch selten selbst in die Schlacht, folgt etwa Ludwig XV. von Frankreich dem gängigen Rat der Staatswissenschaft, seine geheiligte Person nicht ohne Not in solche Gefahr zu bringen.
Madame de Pompadour
Doch ausgerechnet Friedrich II. ist eine berühmte, bewusst diesen Ruhm suchende Ausnahme. Nur sich selbst verantwortlich, vermag er denn auch Risiken einzugehen, vor denen die meisten anderen Befehlshaber zurückschrecken und lieber den ohnehin defensiv geprägten Standardtaktiken der Zeit folgen.
Besonders Maria Theresia zeigt sich immer wieder unzufrieden, ja erbost angesichts der zaghaften Vorsicht ihrer Kommandeure. Es kränkt und ärgert sie, nicht eingreifen zu können – allein, eine Frau leibhaftig an der Spitze ihrer Armee, das gilt als undenkbar, mit der Ehre der untergebenen Offiziere so wenig vereinbar wie mit der des Gegners. Allenfalls symbolisch darf sie zugegen sein: Oft zeigen ihre Feldherren den Mannschaften zum Ansporn vor der Schlacht ein Porträt der Herrscherin. Dabei liebt die Kaiserin alles Soldatische, sieht begeistert exerzierenden Truppen zu, zieht Offiziere anderen Amtsträgern vor, lernt selbst im Männersattel zu reiten. Bis ins Detail kümmert sie sich um die organisatorische Seite des Ringens, um Rekrutierung, Proviant und Versorgung, Rüstung, immer wieder um Geld, neue Steuern, zusätzliche Naturalabgaben, Kredite. Und tobt über Bummelei, Verantwortungsscheu, träge Gleichgültigkeit, Selbstsucht, die sie allenthalben um sich her zu entdecken meint. Anders als Elisabeth in Sankt Petersburg fällt es ihr schwer, selbst Alltagsgeschäfte anderen zu überlassen.
Auf eigentümliche Weise steht sie in vielem ihrem Feind, dem verhassten, verachteten „bösen Mann“, wie sie ihn nennt, dem konventionsbrecherischen „Ungeheuer“ und „Monster“ Friedrich, näher als manchem aufrechten Konservativen im eigenen Lager. Nicht zuletzt ist sie mit dem Leben einfacher Soldaten und Zivilisten so wenig zimperlich wie der rücksichtslos die Schlacht suchende Preuße. Und duldet umgekehrt bei den Panduren, ihren gefürchteten Truppen aus den südöstlichen Grenzsäumen, wüste Gräuel und Verbrechen.
Ein zweiter an ihrem Geschlecht hängender Nachteil der drei Verbündeten ist das Vorurteil der Zeitgenossen. Vielen Menschen gilt ein „Weiberregiment“ als monströs, wider die Natur und Gottes Wort, unvereinbar mit der Würde eines Staates und der Selbstachtung der beherrschten Männer. Zwar führen seit jeher Witwen die Regentschaft für minderjährige Söhne. Doch haftet ihrer Macht ein Makel an, ein Hauch des Unzulässigen, des Fragilen.
So liegt es für die preußische und britische Propaganda nahe, aus dem Mächtekonflikt einen Kampf der Geschlechter zu machen. Einen Aufstand dreier Frauen gegen die natürliche Ordnung. Auch wenn die fromme Kaisererbin Maria Theresia, die bürgerlich geborene Madame de Pompadour und die frivole Usurpatorin Elisabeth jenseits machtpolitischer Interessen wenig verbindet, erst recht keine weibliche Solidarität.
Den schlimmsten Leumund hat die Zarin. War ihre Mutter nicht eine schlichte Magd, eine Affäre des damaligen Zaren Peter I., Elisabeths Geburt unehelich? Führt sie nicht selbst ein ausschweifendes Leben aus unablässigen, verschwenderischen Maskeraden, Bällen, Schauspielen, Liebschaften mit ihren leitenden Ministern wie mit Männern der niederen Stände, jungen Kadetten? Hat sie nicht wider allen militärischen Anstand bei ihrem Staatsstreich selbst die Gardetruppen geführt, eine Kürassieruniform getragen (wiewohl im Schlitten, nicht zu Pferd)? Gerüchte, Wahrheiten, Übertreibungen, kaum zu entwirren. Vieles trifft ähnlich auf den König von Frankreich zu. Aber der ist ein Mann.
Der Ruf der HERRSCHERIN ist zweifelhaft
Elisabeth
Wenn auch, so sieht es etwa Friedrich II., nur ein halber, gehorcht er doch einer Frau, noch dazu einer, deren Lebenswandel Preußens König mit dem einer Dirne vergleicht. Indes klagt auch die französische Öffentlichkeit nach Niederlagen wie der bei Roßbach über die Einflüsterungen der Pompadour, höfische Günstlingswirtschaft, unfähige Feldherren. Das verderbliche Hineinpfuschen der Mätresse in den Krieg. Ludwig XV. freilich weiß es besser und bleibt der klugen Ratgeberin gewogen. (Bis ihre seit Kindertagen schwache Gesundheit nachgibt, sie 1764 mit nur 42 Jahren stirbt.)
Überhaupt spart Friedrich II., ein Schandmaul ersten Ranges und Frauenfeind, nicht mit Kraftausdrücken für „diese Schufte von Kaiserinnen“, die „griechisch-orthodoxe Hure“ in Sankt Petersburg und das Wiener „apostolische Rabenaas“ – womit er jeweils der persönlichen noch eine religionskriegerische Schmähung beifügt. Immerhin lässt er bei Maria Theresia deren vorbildliche Sittsamkeit gelten. Und die unzweifelhaft hohe Geburt. Auch darin sind Feind und Feindin einander eigentümlich nah: in ihrem Standesdünkel. Beide werten Personen fürstlicher Abkunft höher als einfache Adelige, Adelige höher als Bürgerliche, von Leuten aus dem gemeinen Volk zu schweigen. Monarch wie Monarchin halten die Menschen für von Geburt an ungleichwertig. Und dabei sticht in beider Augen ererbter Rang das Geschlecht.
Zugleich teilen sie ein konservatives Bild von männlichen und weiblichen Rollen – dem Maria Theresia mehr aus Not denn Überzeugung zuwiderhandelt. Eben weil Familieninteresse dann doch vor Natur geht. Um die Dynastie nicht noch einmal zu gefährden, bringt sie pflichtbewusst 16 Kinder zur Welt, davon fünf Jungen. Zwei Jahrzehnte lang ist sie praktisch ununterbrochen schwanger, davon zunehmend belastet und entnervt – pflegt indes nach außen die Legende, nie glücklicher zu sein als mit dem nächsten Kind im Bauch. Friedrich respektiert das. Einerseits. Und verhöhnt die Kaiserin dennoch je nach Lage als anmaßendes Mannweib oder hilflose Betschwester. Eine Gehässigkeit, die umso giftiger wird, je länger das Ringen der beiden dauert. Und je mehr die blanke Übermacht an Soldaten, Reserven, Geld die Waage gerade zugunsten der gegen ihn Verbündeten neigt.
Kunersdorf unweit der Oder, zu Abend des 12. August 1759. Dicht an dicht bedecken Tote, Sterbende und Versehrte das Schlachtfeld, es sind Tausende. Kosaken reiten umher, plündern und töten verwundete Preußen. Das Morden besiegelt den vollständigen Triumph von Russen und Österreichern. Friedrichs Armee ist vernichtet. Preußen steht vor dem Zusammenbruch. Drei Tage später erreicht ein erschöpfter Kurier mit der Siegesbotschaft Wien, kurz vor der täglichen Messe in Schloss Schönbrunn – die nun zu einem Dankgottesdienst wird. Wie es üblich ist, überbringt am folgenden Tag ein ausgewählter Offizier zu Pferd, schallend begleitet von 20 Bläsern, dem Kaiserpaar die Nachricht noch einmal offiziell und erhält dafür kostbare Dankgeschenke sowie eine Beförderung. Maria Theresia wähnt ein für Habsburg triumphales Ende des Krieges in greifbarer Nähe.
Es wird anders kommen. Durch Ungeschick, vielleicht ist auch Verrat im Spiel, durch die Entwicklung des französisch-britischen Krieges in Übersee – vor allem aber durch einen Zufall, den Tod der Zarin Anfang 1762, der in Sankt Petersburg die preußenfreundliche Partei zur Macht gelangen und Russland aus der Koalition ausscheiden lässt. Ein Zufall, der als das „Mirakel des Hauses Brandenburg“ in die preußische und später die deutsche Geschichte eingehen wird (womit Friedrich II. selbst allerdings das Ausbleiben eines Vernichtungsschlags seiner Gegner nach dem Desaster von Kunersdorf bezeichnete, siehe Seite 96).
Ein Mirakel, ein Wunder, das Preußen-, Männer-, Helden-Erzählungen über Generationen andächtig beschwören werden. Und dabei hinter der Niederlage des Hauses Habsburg manche Leistung der Besiegten aus dem Blick verlieren. Die alles andere war als eine Gescheiterte, Überforderte. Sondern eine hart arbeitende, kämpferische Frau auf einem angefochtenen Thron, den sie zäh und erfolgreich verteidigt. Für ihre Dynastie, ihre Nachkommen – für sich selbst. Unter Verlusten und Einbußen, unter der erschwerenden Bedingung, eine Frau zu sein. Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen, Kaisergattin und Mutter eines künftigen Kaisers, hat die ihr verliehene Zeit genutzt.
3. Kunersdorf. Friedrichs dunkelster Moment
Nur wenige Stunden liegen am 12. August 1759 auf einem Schlachtfeld unweit der Oder zwischen einem schon sicher geglaubten glänzenden Triumph und einer desaströsen Niederlage. Am Ende jenes heißen Sommertages steht Preußen vor dem Abgrund, sein zuvor als brillanter Feldherr gefeierter König am Tiefpunkt des Krieges. Allein ein Wunder, so scheint es, kann Friedrich II. noch retten
WELCHEN REIM WOHL werden sich die Staatsdiener in Berlin auf ihren König machen, wenn sie diesen Brief erhalten? „Mein Unglück ist, dass ich noch lebe“, schreibt Friedrich der Große an seinen Kabinettsminister Karl Wilhelm von Finckenstein. „Ich habe keine Ressourcen mehr, und, um nicht zu lügen, ich halte alles für verloren.“ Alles verloren? Wie kann das sein? Früher am Tag hat der Monarch schon einmal Kuriere nach Berlin gesandt – um einen überwältigenden Sieg vom Schlachtfeld bei Kunersdorf, 85 Kilometer östlich unweit der Oder gelegen, zu verkünden! Und nun dies: Von enormen Verlusten schreibt Friedrich nur Stunden später, von heilloser Flucht seiner Soldaten, von höchster Gefahr für die Hauptstadt. Düsterer schließlich kann kein Brief enden als diese neue Nachricht des Königs: „Ich werde den Untergang meines Vaterlands nicht überleben. Leben Sie wohl für immer.“
Kündigt Friedrich hier etwa seinen Freitod an? Schon oft im Leben hat der Herrscher, der nur alles oder nichts kennt, mit dem Suizid geflirtet, in Gesprächen, Briefen, Versen. An einer Kette um den Hals trägt er stets eine Kapsel mit 18 Opiumpillen darin, genug, „um dem Trauerspiel ein Ende zu machen“, wie er einmal zu seinem Privatsekretär sagt. Wohl war bei der schwärmerischen Todessehnsucht immer auch Koketterie im Spiel. Diesmal jedoch scheint Friedrichs Lage tatsächlich aussichtlos.
Der König schreibt seinen verzweifelten Brief am Abend des 12. August 1759 in einem Haus im Dorf Reitwein unweit der Oder. Draußen in der Dunkelheit lagern die Reste seiner ruhmreichen Armee. Mutlose Soldaten, die sich einen Schlafplatz auf der nackten Erde gesucht haben. Keine 3000 sind es mehr, vermerkt Friedrich, die übrig geblieben seien von einem Heer aus 48 000 Mann. Der Rest ist versprengt irgendwo in den Wäldern, gefangen genommen, tot. Tausende Verwundete liegen noch auf dem nahen Schlachtfeld, das jetzt von den Blitzen eines regenlosen Gewitters in gespenstisches Licht getaucht wird.
In der glühenden Hitze des Hochsommers haben die Preußen hier bei Kunersdorf gegen eine Übermacht aus russischen und österreichischen Truppen gekämpft. Gegen Mittag gelang Friedrichs Infanterie ein beachtlicher Erfolg, die vorderste Stellung der Gegner löste sich auf, die Soldaten flohen. Beim Versuch, auch die Hauptstellung der Gegner zu stürmen, musste Friedrichs Infanterie jedoch massive Verluste hinnehmen. Erst nach hartem Kampf konnten sie die Russen zurückdrängen. Euphorisch sandte der König Boten mit Siegesmeldungen nach Berlin.
Dabei war der Sieg noch gar nicht errungen. Über Stunden wogte das Gefecht weiter hin und her. Ein Großangriff der russisch-österreichischen Kavallerie ließ schließlich die preußischen Linien völlig zusammenbrechen. Die für ihre Disziplin so berühmte Armee löste sich teils in panischer Flucht auf, „Grenadiers, Musketiers und Füseliers von allen Regimentern durcheinander“, so berichtet ein Offizier, „einer lief hierhin, der andere dorthin, und viele warfen ihre Gewehre weg.“ Der König selbst verharrte bis zuletzt mitten im stärksten Feuer, nur gegen seinen Willen gelang es einigen Getreuen, ihn vom Schlachtfeld zu zerren. Zermürbt und in einem von Kugeln zerfetzten Uniformrock führte er, was von seiner geschlagenen Armee noch übrig war, zurück ans Ufer der Oder.
Es ist Preußens schwerste Niederlage in diesem Kräftemessen und Friedrichs dunkelste Stunde. Der Kriegerkönig, der ganz Europa in Atem hält, vielen als bester Heerführer der Epoche gilt, als militärisches Genie, findet sich am Rand des Untergangs wieder, vom Tod mehr erhoffend als vom Leben. Was soll seine vielen Gegner daran hindern, nun das schutzlose Berlin zu erobern? Sich zu einer gigantischen gemeinsamen Streitkraft zu vereinigen und Preußen zu vernichten? Nur ein Wunder könnte Friedrichs Reich, könnte ihn selbst jetzt noch retten.
WAS TREIBT DEN KÖNIG?
Besonders demütigend für den Feldherrn ist, dass er die Schlacht von Kunersdorf gegen ein überwiegend russisches Heer – unterstützt von einem österreichischen Korps – verloren hat. Denn für die Soldaten und die Offiziere der Zarin empfindet Friedrich nichts als Verachtung, nennt sie einen „zusammengebrachten Haufen Barbaren“ mit den „schlechtesten Generals“.
Tatsächlich stellt das riesige Reich im Osten eine gewaltige Streitmacht. Doch um ihre Effizienz ist es mehr als schlecht bestellt: Die einfachen Soldaten – Bauern zumeist, die sich Zeit ihres Lebens für den Militärdienst bereithalten müssen – sind miserabel ausgebildet und werden oft noch miserabler versorgt. Denn viele der für Logistik und Verpflegung der Truppen zuständigen Beamten wirtschaften in die eigenen Taschen. Vor allem aber sind die adeligen Offiziere militärisch schlecht geschult. Unter ihnen finden sich sogar welche, die keine Landkarten zu lesen verstehen und ihre Befehle von Adjutanten unterzeichnen lassen, weil sie nicht schreiben können. Die Generäle an der Spitze schließlich sind als genusssüchtig verschrien, dem Glücksspiel und der „Concubinage“ verfallen. Der oberste russische Feldherr zu Beginn des Krieges leistet sich 120 livrierte Diener im Hauptquartier und benötigt 250 Pferde allein zum Transport seines Hofstaats.
Welch Gegensatz zu Friedrich, der als Heerführer in abgewetzter Uniform die Beschwerlichkeiten der Truppen teilt! Mitten im Lager sein Zelt aufstellen lässt, manchmal sogar mit der Schaufel in der Hand an den Verschanzungen aushilft, die kargen Mahlzeiten der Soldaten einnimmt, am Feuer über deren derbe Witze lacht. Und welch Gegensatz zur gefürchteten preußischen Armee – diszipliniert, perfekt gedrillt, mit der schnellsten Schussrate Europas.
RUSSLANDS SOLDATEN: UNTERSCHÄTZT
DASS RUSSLAND ÜBERHAUPT gegen Preußen Krieg führt, liegt nicht zuletzt an Friedrichs aggressiver Außenpolitik. Zarin Elisabeth fürchtet das aufstrebende Reich als künftigen Rivalen im Ostseeraum, will es klein halten, stattdessen selbst den Rang als anerkannte Großmacht in Europa festigen und die eigenen Grenzen nach Westen ausdehnen. Deshalb stellt sich Russland 1757 an die Seite von Österreich und Frankreich und marschiert im Juli des Jahres in das eigentliche Preußen ein – das entlegene, ganz von polnisch beherrschtem Territorium eingeschlossene Gebiet jenseits der Grenzen des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, das Friedrichs Flickenteppich-Staat seinen Namen gegeben hat (und später als Ostpreußen bezeichnet werden wird).
Weil Friedrich das Gros seiner Truppen andernorts benötigt, schickt er den russischen Angreifern nur ein deutlich kleineres Heer entgegen, das am 30. August 60 Kilometer vor Königsberg geschlagen wird. Doch anstatt nun die ostpreußische Hauptstadt zu besetzen, ziehen die Russen ab. Denn ihr Feldherr weiß nicht, wie er die Truppen weiter versorgen soll. Nachschub und Logistik sind schlecht organisiert, zudem leisten die ostpreußischen Bauern entschlossen passiven Widerstand gegen die Besatzer: verstecken ihre Vorräte, treiben ihr Vieh in die Wälder, sodass die russischen Truppen sich nicht davon ernähren können.
Doch was einer Armee im Krieg nicht freiwillig gegeben wird, holt sie sich mit Gewalt: Besonders die irregulären Reiterei-Einheiten der Kosaken und Kalmücken plündern die Dörfer aus. Im September fallen sie über die ostpreußische Stadt Ragnit her. Die Bewohner müssen sich, so hält es der Vize-Bürgermeister in einem Bericht fest, nackt ausziehen, um „ganz blutrünstig von allen Säbelhieben und Pikenstichen auf den Straßen herumgejagt“ zu werden. Angezündete Häuser, geschlachtetes Vieh, geschändete Frauen und zwei Dutzend Todesopfer gibt er zu Protokoll.
Im dritten Jahr des Krieges, 1758, marschieren russische Truppen schon im Januar erneut in Ostpreußen ein und besetzen diesmal ohne Gegenwehr Königsberg. Einige Monate später rückt die Hauptarmee westwärts vor, überschreitet Ende Juli die Grenze zu Brandenburg, Friedrichs Kernland. Der König hält sich zur selben Zeit in Böhmen auf, wo er – vergeblich – das österreichische Heer in eine Schlacht zu zwingen sucht. Als er von dem Vorstoß der Russen erfährt, reagiert Friedrich sofort, führt einen Teil seiner Armee in Gewaltmärschen Richtung Norden, um sich dort mit weiteren Truppen aus dem preußischen Pommern zu vereinen. Unterdessen hat die Armee der Zarin bei Küstrin die Oder erreicht. Meldungen über neuerliche Zerstörungen und Gräueltaten der Russen in der Stadt steigern noch den Hass der preußischen Truppen. Friedrich schürt die Wut und gibt für das anstehende Gefecht die Devise „Siegen oder sterben“ aus – „wer auch immer nicht das Gleiche denke, solle nicht die Oder passieren, sondern zum Teufel gehen“.
So gerät das Aufeinandertreffen am 25. August 1758 zum bis dahin wohl brutalsten Gemetzel des Siebenjährigen Krieges in Europa, „mehr ein Schlachten als eine Schlacht“, wie ein russischer Offizier schreibt. In der Hitze des Sommers prallen die Armeen bei Zorndorf aufeinander. Als sich nach Stunden des Ringens schließlich jede Ordnung auflöst, gehen beide Seiten wie in Raserei mit Flintenkolben, Bajonetten und Säbeln aufeinander los. Selbst schwer Verletzte kämpfen weiter, später macht die Geschichte von einem Russen die Runde, der „tödlich verwundet auf einem sterbenden Preußen lag und ihn mit seinen Zähnen zerfleischte“.
Ein preußischer General, der lange in der Armee des Zarenreichs gedient hatte, warnte Friedrich noch kurz vor der Schlacht vor der Zähigkeit der russischen Bauernsoldaten, die selbst angesichts des mörderischsten Feuers nicht weichen würden. Tatsächlich: Diese Truppen mögen schlechter ausgebildet und geführt sein als die preußischen, ihre Kampfkraft aber hat der König dramatisch unterschätzt. „Die außergewöhnliche Standhaftigkeit und Unerschrockenheit der russischen Infanterie dabei ist nicht zu beschreiben“, fasst ein Augenzeuge die Erfahrungen bei Zorndorf zusammen, „und übertraf alles, was man nur von tapferen Truppen sagen kann.“ Wogegen ein preußischer Autor betonen wird, der Antrieb der gegnerischen Kämpfer sei eben nicht „Tapferkeit“ gewesen, vielmehr „war es ein Stumpfsinn, sich da, wo sie standen, erwürgen zu lassen“.
In der Dunkelheit lassen die Kontrahenten schließlich entkräftet voneinander ab, in den folgenden Tagen ziehen sich die Russen zurück, die Preußen hindern sie nicht daran. Die Bedrohung Brandenburgs und Berlins ist zwar vorerst abgewendet, doch nur mit viel Wohlwollen lässt sich der Ausgang der Schlacht bei Zorndorf als Sieg für Friedrich beschreiben. Er hat rund ein Drittel seiner Kämpfer eingebüßt, die Russen sogar noch mehr, insgesamt liegen die Verluste bei schätzungsweise 30 000 Toten, Verwundeten und Gefangenen. Vor allem hat der Preußenkönig sein eigentliches Ziel nicht erreicht: mit einem klaren Sieg die russische Armee zu zerschlagen und die Zarin zum Ausscheren aus der Allianz gegen ihn zu bewegen.
UND WEITERES UNBILL steht Friedrich noch bevor. Auf dem Weg nach Schlesien wird das Lager seines Heeres im Morgengrauen des 14. Oktober bei Hochkirch in der Oberlausitz von österreichischen Truppen überfallen. Preußens Verluste belaufen sich auf 9000 Mann. Seine Generäle hatten den König noch gewarnt, dass der für das Lager gewählte Platz strategisch ungünstig sei und geradezu zum Angriff einlade, aber er wollte nicht hören. Ein britischer Gesandter, der den Monarchen begleitet, erklärt sich Friedrichs fatalen Fehler mit dessen Geringschätzung seines Gegners und dem „Widerwillen, Erkenntnissen, die nicht im Einklang mit seinen eigenen Vorstellungen stehen, irgendwelchen Glauben zu schenken“.
Im Winterlager im schlesischen Breslau zieht sich der Preußenkönig zurück und sucht Ablenkung in der geliebten Musik und Poesie. „Ich esse allein zu Mittag, verbringe meine Zeit mit Lesen und Schreiben und speise nicht zu Abend.“ Friedrich fühlt sich einsam und erschöpft. Schwer wiegen die Verluste des vergangenen Jahres: „Wir sind vollkommen zerrüttet“, schreibt er um Weihnachten. „Die Blüte unserer Infanterie ist dahin.“ Dem König gelingt es zwar, mit intensiven Aushebungen seine Armeen wieder leidlich aufzufüllen. Aber um eine entscheidende Offensive zu versuchen, fehlt Preußen 1759 die Kraft. Friedrich ist dazu verurteilt, abzuwarten.
Die Übermacht der Feinde ist inzwischen erdrückend, Preußen sieht sich aus allen Richtungen umzingelt. Im Süden steht der Hauptgegner Österreich, im Osten droht erneut ein Anmarsch der Russen. Im Norden müht sich das Königreich Schweden, das auch über einen Teil Vorpommerns mit der Insel Rügen herrscht und schon 1757 der Koalition gegen Friedrich beigetreten ist, noch mehr Gebiete auf Kosten Preußens zu erobern. Im Westen ist Frankreich zwar hauptsächlich mit dem Krieg gegen Preußens Verbündeten Großbritannien (dessen König zugleich Herrscher Kurhannovers ist) beschäftigt, hat sich aber auf deutschem Territorium festgesetzt und könnte mit seinen Truppen nun weiter nach Osten vorrücken, womöglich auch Friedrichs wichtige Festungsstadt Magdeburg bedrohen. „Meine große Bedrängnis ist folgende“, schreibt der König im Mai 1759 einem Vertrauten: „In den vorangegangenen Jahren haben unsere Feinde niemals zusammen agiert, sodass man sie einen nach dem anderen schlagen konnte. In diesem Jahr wollen sie ihre Anstrengungen zur gleichen Zeit ausführen.“
Immerhin: Schwedens Armee hat sich schon im Vorjahr als so schwach erwiesen, dass auch kleinere Kontingente sie in Schach halten können. Und Anfang August 1759 erleidet Frankreich, dessen Armee tatsächlich bis nach Norddeutschland vorgedrungen ist, bei Minden an der Weser eine klare Niederlage gegen ein britisch-kurhannoversches Heer, nach der die Regierung von König Ludwig XV. ihre Eroberungspläne in Richtung Osten erst einmal nicht weiterverfolgt.
Bleiben Österreich und Russland. Friedrich will unbedingt verhindern, dass sich die Streitkräfte der beiden Staaten vereinen. Wie erwartet befiehlt die Zarin ihren Truppen, sich zur Oder in Marsch zu setzen. An dem Fluss sollen sie auf die Österreicher treffen. Und auch Maria Theresia drängt auf den Zusammenschluss. Doch der Heerführer der Habsburgerin, stets vorsichtig und zögernd, verharrt mit seiner Armee in Böhmen, weil er fürchtet, dass Friedrich ihn bereits auf dem Weg zu der Vereinigung abfangen und zur Schlacht zwingen könnte.
Das hat der Preußenkönig tatsächlich vor, doch als sich das österreichische Heer nicht weiter als bis in die Oberlausitz bewegt, ändert er seinen Plan und beschließt, stattdessen gegen die Armee der Zarin vorzugehen, die bereits die Oder in Schlesien erreicht hat. Während Friedrich seine Truppen in Marsch setzt, schickt Österreich den Russen, die nun flussabwärts in Richtung Frankfurt an der Oder ziehen, ein Armeekorps von 19 000 Mann zur Unterstützung. Am 12. August 1759 treffen die Heere der Kontrahenten am östlichen Oderufer bei einer kleinen Ortschaft aufeinander. Bei Kunersdorf.
Im Morgengrauen ist Friedrich bester Stimmung. „Guten Morgen, Kinder“, grüßt er seine Soldaten und verspricht im väterlichen Ton, dass alles gut gehen werde. Doch es geht nicht gut. Von Anfang an begeht der Preußenkönig Fehler: Er hat das Gelände nicht ausreichend erkunden lassen und ist entsetzt, als er den für die Schlacht angedachten Platz zum ersten Mal sieht. Südlich des Orts Kunersdorf erstrecken sich drei große Teiche, von denen ihm niemand berichtet hat und die seinen Angriffsplan praktisch unmöglich machen. Die Russen hatten eine Woche Zeit, sich vorzubereiten, und haben eine mit Erdauswürfen, Wällen und Verhauen gesicherte Stellung auf einer lang gestreckten Anhöhe bezogen. Die einzige Schwachstelle findet sich auf ihrem linken Flügel, und Friedrich, der den rechten angreifen wollte, muss nun mühsam seine vom Marsch erschöpfte Armee mitsamt den Geschützen umorganisieren. Das Überraschungsmoment ist dahin.
TODESSEHNSUCHT UMFLORT DEN MONARCHEN
Doch trotz der widrigen Umstände ist das Schlachtenglück zunächst auf seiner Seite. Gegen Mittag gelingt es seiner Infanterie, die Anhöhe am äußersten Rand der russischen Stellung im Sturmangriff zu nehmen. Die Verteidiger dort geraten in Unordnung, fliehen oder ergeben sich. Ein Fünftel der gegnerischen Armee ist zerschlagen. Dann aber entbrennt um die „Kuhgrund“ genannte Senke ein brutales Gefecht. Die Preußen müssen den rund 60 Meter breiten Geländeeinschnitt durchmessen, um die dahinterliegenden Hauptstellungen des Gegners zu erreichen. Beim Versuch, den Hang auf der anderen Seite zu erklimmen, wird Friedrichs Infanterie Linie um Linie aufgerieben. Bald bedecken Körper von Verwundeten und Toten den Boden. Als die Preußen den Hügel jenseits des Kuhgrunds mithilfe von zwischenzeitlich in Position gebrachten Geschützen einnehmen können, scheint ihnen der Triumph sicher – Friedrich sendet Siegesmeldungen nach Berlin.
GEFECHT DER ZWEI GESICHTER, 12. AUGUST 1759
Aber der König hat sich getäuscht. Erneut wogt der Kampf hin und her. Zeitweise können die Preußen die gegnerische Infanterie noch über weitere Senken in der Anhöhe verdrängen, dann werden sie selbst wieder bis zum Kuhgrund zurückgetrieben. Friedrichs Fußsoldaten ermatten mehr und mehr, auch ihre Munition wird knapp. Die Kanonen des Feindes schießen die preußische Kavallerie auseinander, ein Generalangriff der russisch-österreichischen Reiterei am frühen Abend bewirkt schließlich den Zusammenbruch von Friedrichs Heer. Verzweifelte Soldaten drängen sich dicht an dicht in Richtung Oder, schieben Geschütze aus dem Weg in einen nahen Bach. Nie habe er die preußische Armee in einem solchen Zustand erlebt, schreibt ein Augenzeuge.
Friedrich hat sich fast die ganze Zeit mitten im Kampfgeschehen aufgehalten, und er bleibt dort bis zuletzt. Soldaten hören den König angeblich rufen: „Gibt es denn keine verdammte Kugel, die mich treffen könnte?“ Fast geht der Todeswunsch in Erfüllung: Feindliche Salven schießen ihm zwei Pferde unter dem Leib hinweg, eine Kugel zerfetzt seinen Uniformrock, eine andere wird abgewehrt von der Tabaksdose in der Tasche. (Rock wie Dose werden später zu Reliquien des Friedrich-Kults.) Zuletzt retten einige seiner Kavalleristen ihn vor einem Angriff der Kosaken und bringen ihn in Sicherheit.
„In wenigen Stunden“, schreibt später ein Offizier, „hatte ihn das Kriegsglück von der Höhe eines unbezweifelten Sieges in die Tiefe einer vollkommenen Niederlage herabgestürzt.“ Mehr als 18 000 preußische Soldaten sind tot oder verwundet, 167 Kanonen, 15 Haubitzen, 26 Fahnen und zwei Standarten hat der Feind erbeutet. Noch in derselben Nacht schickt Friedrich jenen Brief nach Berlin, in dem er seinen Freitod andeutet. Am nächsten Morgen übergibt er das militärische Kommando seinem erfahrensten General.
VOLLSTÄNDIG ERSCHÖPFT, VERZWEIFELT und beschämt über die desaströse Niederlage zieht sich der König ins Reitweiner Schloss unweit der Oder zurück. Niemand weiß, durch welch seelische Höhen und Tiefen er dort gehen mag – vielleicht erkennt der um seinen Nachruhm besorgte Friedrich hier aber auch schlicht die Chance, sich statt als strahlender Sieger nun als tragischer Held zu inszenieren, als unbeugsamer Heroe, der kämpfend untergeht. Nach zwei Tagen der Abgeschiedenheit jedenfalls hat er die Gedanken an den Freitod aufgegeben und kehrt zu alter Tatkraft zurück.
Friedrich übernimmt erneut den Oberbefehl, lässt Verpflegung, Munition und Geschütze aus der Hauptstadt heranschaffen. Die preußische Armee legt ein Zeugnis ihrer Disziplin ab: Schon am Morgen nach der Niederlage haben sich die unzähligen Versprengten aus den Wäldern wieder gesammelt, Offiziere teilen sie in Regimenter ein; keine ganze Woche später ist die Armee bereits auf 28 000 Mann angewachsen. Friedrich ist entschlossen, sich dem Gegner zur Schlacht zu stellen, bevor dieser Berlin erreichen kann. „Unsere Angelegenheiten stehen schlecht“, schreibt er, „aber der Feind lässt mir Zeit. Vielleicht werde ich mich durch seine Fehler retten können.“
Ja, was tut eigentlich der Feind derweil? Zum Erstaunen des österreichischen Korps, das in Kunersdorf gekämpft hat, denken die Russen nicht daran, den geschlagenen Gegner zu verfolgen. Der General der Zarin lässt stattdessen am Tag nach dem Gemetzel, während noch Tausende Verwundete aus beiden Lagern unbehandelt auf dem Schlachtfeld liegen, ein Fest abhalten, mit Feldgottesdienst, Salutschüssen und Trinkgelage.
Der russische Feldherr, der in der Schlacht rund ein Viertel seiner Männer verloren hat und es den Österreichern übel nimmt, dass ihr Hauptheer ihn nicht unterstützen wollte, teilt dem Kommandierenden vor Ort mit, es sei nun an ihnen, etwas gegen die Preußen zu unternehmen. Die Österreicher aber zaudern weiterhin, auch weil Truppen unter Friedrichs Bruder Heinrich im Rücken ihrer Hauptarmee agieren und die Nachschublinien zu unterbrechen drohen. Die Befehlshaber der beiden Verbündeten treffen sich sogar persönlich, können sich aber auf kein gemeinsames Vorgehen einigen. Zu groß ist das gegenseitige Misstrauen, zu zäh sind die Befehlsketten nach Sankt Petersburg und Wien, wo alle Entscheidungen abgesegnet werden müssen. Also passiert – nichts.
Friedrich verfolgt staunend die Untätigkeit seiner Gegner. „Ich verkündige Ihnen das Mirakel des Hauses Brandenburg“, schreibt er Heinrich aufgekratzt und voll beißendem Sarkasmus am 1. September. Nur ein Wunder oder die „göttliche Eselei“ seiner Feinde könnten ihn vor dem Untergang bewahren, lässt er wenige Tage später seinen jüngsten Bruder Ferdinand wissen. Und genau so scheint es nun zu kommen.
Die Anti-Friedrich-Koalition vertut ihre wohl größte Siegeschance. Dennoch taumelt der Preußenkönig weiter von Demütigung zu Demütigung. 5. September 1759: Dresden fällt in die Hände der Gegner. 20. November: Beim kursächsischen Maxen soll eine preußische Armee auf Befehl Friedrichs die Versorgungslinien der Österreicher attackieren. Stattdessen wird sie vom Gegner eingekreist. Rund 12 000 Männer, darunter neun Generäle, geraten in Gefangenschaft. Anfang Dezember gehen bei einem Gefecht in der Nähe von Meißen abermals mehrere Tausend Soldaten verloren. Selbst dem militärisch hochgezüchteten Preußenstaat geht nun allmählich das Menschenmaterial aus. „Was könne man mit einem Wust von Männern anfangen“, jammert der König später über neu angeworbene Einheiten, „zur Hälfte sächsische Bauern, zur Hälfte feindliche Deserteure?“
Und auch das neue Jahr bringt keine Besserung. 23. Juni 1760: Bei einem Angriff der Österreicher auf preußische Stellungen bei Landeshut in Schlesien geraten 8000 Soldaten in Gefangenschaft. 26. Juli: Die strategisch wichtige Festung Glatz wird von Preußens Gegnern eingenommen. 15. August: Bei Liegnitz kann sich Friedrich mit einer relativ kleinen Armee gegen ein österreichisches Korps durchsetzen und so gerade noch der Einkesselung durch die Hauptstreitmacht entgehen. Und am 3. Oktober stehen österreichische und russische Einheiten auf einmal völlig überraschend vor den Toren Berlins. Preußens Herz und Friedrichs Hauptstadt!
Ziel der Attacke ist es nicht, die Kapitale vollständig zu erobern oder langfristig zu besetzen – dazu sind die Kontingente zu klein. Nach einigen Tagen mit Kanonenbeschuss, in Brand geratenen Häusern und kleineren Scharmützeln ziehen sich die Verteidiger Berlins in die nahe Festung Spandau zurück, der Magistrat kapituliert. Die Bevölkerung ist erleichtert, weil es so zu keinem Blutbad kommt. Zwei Millionen Taler an Kontribution müssen die Berliner bezahlen, außerdem plündern die Eindringlinge das Stadtschloss, die Residenzen Charlottenburg und Schönhausen.
Verglichen mit Zittau, Dresden, Wittenberg, die alle in diesem Krieg das Leid der Belagerung, des Plünderns und Einquartierens von Soldaten erdulden müssen, kommt Preußens Hauptstadt glimpflich davon. Schlimmer trifft es die Dörfer im Umland, die von umherstreifenden Kosaken verwüstet werden. Nach zehn Tagen ziehen die Eroberer wieder ab. Für den Kriegsverlauf ist der Angriff auf Berlin ohne Bedeutung, aber er schockiert die preußische Bevölkerung und ist ein weiterer schwerer Schlag für des Königs angekratztes Renommee.
Einige Wochen später, am 3. November, kommt es bei Torgau nordöstlich von Leipzig schließlich doch noch zu einer großen Schlacht gegen die Österreicher, aus der Friedrich – bei massiven eigenen Verlusten – als Sieger hervorgeht. Nach zahlreichen gravierenden taktischen Fehlern und Niederlagen hat der Monarch allerdings viel vom Nimbus des brillanten Strategen, den selbst seine Feinde bewunderten, eingebüßt. Nicht wenige unter Friedrichs Generälen misstrauen seinen so einsamen wie riskanten Entscheidungen, manche nennen ihn unter sich einen „Totengräber“.
ABER ES IST fast paradox: Jenseits des engsten Kreises tragen die Niederlagen Friedrichs wohl ebenso zu seinem Ruhm bei wie die Erfolge. Allmählich erwächst im Blick der Zeitgenossen der Mythos vom unbeugsamen Heroen, der sich weder von der erdrückenden Übermacht der Gegner noch den endlosen Rückschlägen brechen lässt. „Der König von Preußen lebt“, schreibt ein britischer Beobachter bereits kurze Zeit nach Kunersdorf, „und während er lebt, wird er fortfahren, Wunder zu vollbringen.“
Von den wiederkehrenden Suizidgedanken und dem körperlichen Verfall des Herrschers ahnen viele seiner Bewunderer nichts. Sie würde ihn kaum wiedererkennen, schreibt Friedrich einer Vertrauten im November 1760 aus dem Winterlager. „Auf der rechten Kopfseite sind meine Haare ganz grau; meine Zähne zerbrechen und fallen mir aus; mein Gesicht ist runzelig wie die Falten eines Frauenrocks, mein Rücken krumm wie ein Fiedelbogen.“ 48 Jahre zählt der König, doch die Anspannungen des Krieges, das Leben im Feldlager haben ihn über die Zeit altern lassen. Schwere Gichtanfälle, dazu Koliken und Hämorrhoiden quälen seinen Körper. Nachts hat er Albträume. Aus dem Musenkönig Friedrich ist der „Alte Fritz“ geworden.
FEINDE STEHEN IM HERZEN PREUSSENS
1761, im sechsten Jahr des Krieges, kommt es schließlich zu der Katastrophe, die der Monarch bisher hat verhindern können: In Schlesien schließen sich die gewaltigen Heere Österreichs und Russlands zusammen. 130 000 Soldaten stehen dort gegen 55 000 Preußen. Der König verschanzt sich in einem stark befestigten Lager, bewehrt mit zahllosen Geschützen. Die vereinten Feinde bereiten sich auf den Angriff vor, doch dann ziehen die Russen im letzten Moment zurück, lassen auch diese Gelegenheit zum endgültigen Sieg verstreichen.
Die verpasste Chance macht erneut deutlich, warum Friedrich so viele Jahre gegen die übermächtige Koalition aus Gegnern durchhalten kann. Während er – König und Feldherr zugleich – schnelle Entscheidungen treffen und verwegener handeln kann als jeder General, sind bei seinen Feinden die Befehlsketten lang, die Koordination der verschiedenen Interessen ist schwierig, das gegenseitige Misstrauen sitzt tief. Und wenn ein begonnener Feldzug sich als erfolgreich erweist, verhindern Schwierigkeiten mit dem Nachschub oft genug die Fortsetzung.

DER MYTHOS NIMMT KAUM SCHADEN
Wieder also ist Friedrich der Niederlage entgangen. Doch seine Lage wird nicht besser. Noch vor Jahresende erobern die Gegner zwei strategisch wichtige Festungen: die Österreicher Schweidnitz in Schlesien, die Russen Kolberg in Preußisch-Pommern. Friedrich verliert immer mehr die Kontrolle über sein Territorium. Außerdem stellt die neue Regierung von Preußens Verbündetem Großbritannien die bisherigen Geldzahlungen ein, die Friedrich nun fehlen, um seine Armeen zu finanzieren. Die Briten haben mit der Eroberung der französischen Besitzungen in Nordamerika ihr wichtigstes Kriegsziel erreicht und verlieren das Interesse an der Auseinandersetzung in Europa (siehe Seite 110). Preußens Kräfte sind erschöpft. Friedrich stellt sich im Breslauer Winterlager bereits darauf ein, den Feind im Februar des folgenden Jahres 1762 um Frieden zu bitten. Danach, so sein immergleicher Trost, will er sich das Leben nehmen.
SCHLACHT UM SCHLACHT zehrt weiter an den Kräften Preußens. Im Dezember 1761 geht die Festung Kolberg in Pommern an die Russen verloren (oben). Doch wenig später rettet ein Ereignis in Sankt Petersburg den König: Zarin Elisabeth stirbt, und ihr Nachfolger lässt von Preußen ab. Die Zeichen stehen auf Frieden Doch am 19. Januar erreicht ihn die Kunde von einem erneuten Mirakel! Zwei Wochen zuvor ist Zarin Elisabeth nach langer Krankheit verstorben. Der König misst der Nachricht zunächst kaum Bedeutung bei, dichtet stattdessen einen spöttischen Grabspruch auf „des Kosaken Konkubine“.
Doch Elisabeths Neffe und Nachfolger, der aus dem Haus Schleswig-Holstein-Gottorf stammende Peter III., ist ein glühender Verehrer Friedrichs, trägt am liebsten preußische Uniformen, dekoriert seine Gemächer mit unzähligen Porträts des Herrschers. Er lässt einen Waffenstillstand verabreden und schließt im Mai offiziell Frieden mit dem Preußenkönig. Zwar wird Peter zwei Monate später bei einer Palastrevolte seiner Ehefrau gestürzt und ermordet. Aber auch sie, die neue Zarin Katharina II., künftig „die Große“ genannt, tritt nicht wieder in den Krieg ein. (Bis Jahresende räumen die russischen Truppen das noch immer besetzte Ostpreußen.) Im Mai schließt auch Schweden – das sich jahrelang erfolglos bemüht hat, preußisches Gebiet in Pommern zu erobern – einen Separatfrieden mit Friedrich. In beispielloser Geringschätzung entgegnet der angeblich dem Unterhändler: „Habe ich denn Krieg mit den Schweden gehabt?“
Den Gegnern, die noch weiterkämpfen, gehen langsam die Kräfte aus. Frankreich steht wegen der Militärausgaben vor dem Staatsbankrott, Österreich muss Tausende Soldaten entlassen, weil die Regierung sie nicht bezahlen kann. Friedrichs Position dagegen verschlechtert sich nicht weiter. Im Gegenteil: Er kann seine Armeen mit aus Russland entlassenen Kriegsgefangenen auffüllen und frische Rekruten im befreiten Ostpreußen ausheben. Dank der neuen russischen Unterstützung kämpft er endlich einmal nicht in Unterzahl gegen den alten Rivalen Österreich, als er dessen Truppen am 21. Juli bei Burkersdorf in Schlesien schlägt. Und im Oktober kann er durch einen Sieg seines Bruders Heinrich auch noch die Kontrolle über Kursachsen zurückgewinnen. Eine gute Ausgangslage für Verhandlungen.
Während die Kontrahenten Großbritannien und Frankreich miteinander bereits ab September in Friedensgespräche eintreten, schließen Österreich und Preußen am 24. November einen Waffenstillstand und nehmen am 30. Dezember Verhandlungen auf, im sächsischen Jagdschloss Hubertusburg. Zwei Wochen zuvor schreibt Friedrich an eine Bekannte: „Vielleicht erreichen wir diesen Winter den Frieden.“ Das Leben nehmen wird er sich nicht.
UND ES IST AUCH NICHT DER FRIEDEN, der Friedrich den Großen unsterblich machen wird. Es ist der mächtige Mythos vom stoisch ausharrenden Heldenkönig, der sich gegen eine Welt von Gegnern behauptet und auch in schwerster Stunde nicht aufgibt. Dieser Mythos prägt zuerst den preußischen, dann den deutschen Militarismus. Einen grotesken Höhepunkt findet der Friedrich-Kult im „Führerbunker“, wo sich Adolf Hitler in seinen letzten Tagen mit Porträts des Königs umgibt und aus einer Biografie des Monarchen vorlesen lässt. Womöglich setzt der NS-Diktator sein Schicksal mit dem des Preußen gleich: umzingelt von Feinden, am Ende siegreich gegen alle Wahrscheinlichkeit. Ein deutsches Hirngespinst, das nicht zuletzt in Kunersdorf seinen verhängnisvollen Anfang nahm.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Seeler, Frederik: Kriegsbeginn in Europa. Ruhm um jeden Preis, in: Der Siebenjährige Krieg 1756-1763. Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert (GEO Epoche, Jg. 2024, Heft Nr. 128), Hamburg 2024, S. 40-55.
-> Mesenhöller, Matthias: Allianz gegen Preußen. Die mächtigen Drei, in: Der Siebenjährige Krieg 1756-1763. Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert (GEO Epoche, Jg. 2024, Heft Nr. 128), Hamburg 2024, S. 56-70.
-> Srempel, Johannes: Kunersdorf. Friedrichs dunkelster Moment, in: Der Siebenjährige Krieg 1756-1763. Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert (GEO Epoche, Jg. 2024, Heft Nr. 128), Hamburg 2024, S. 96-109.













