Mythen und Sagen / Literatur
Inhaltsverzeichnis
1. Die Irrfahrten des Odysseus
1. Die Irrfahrten des Odysseus
Reich und vielzählig bevölkert ist die antike griechische Götterwelt. Wohl im 7. Jahrhundert v. Chr. tritt mit der »Odyssee« ein Sterblicher in den mythischen Kosmos: ein König, der in eine wilde, von Abenteuern übersatte Irrfahrt auf dem Mittelmeer geworfen wird. In einer epischen Erzählung übersteht dieser Odysseus eine aberwitzige Reihe von Prüfungen, die ihm die Göttlichen auferlegen, und durchläuft dabei etwas die Nachwelt bis heute Prägendes – eine Reise zu sich selbst
Sie singen so honigsüß, so einschmeichelnd und verführerisch, dass es Sterblichen kaum möglich ist, ihrer Verlockung zu entkommen. Einer tödlichen Verlockung. Odysseus weiß das, ist gewarnt worden vor dem Zauber-Gesäusel der Sirenen. Rings um die Fabelwesen sollen auf der Insel die Gebeine und Häute verfaulender Männer liegen.
Und so hat Odysseus, der König von Ithaka, der Held des Trojanischen Krieges, die Ohren der Gefährten, die sein Schiff an dem gefährlichen Eiland vorbeirudern sollen, mit warmem Wachs verstopft. Er selbst aber, der doch hören will, was die Sirenen singen, hat sich von seinen Männern am Mast festbinden lassen. Sie zurren die Taue um seine Hände und Füße noch einmal fester, als er unruhig wird und sich befreien will. Denn die Sirenen betören ihn als „Vielgepriesenen“, als „Pracht“. Und sie versprechen ihm, ihr Allwissen mit ihm zu teilen.
Doch die Stricke um Odysseus halten, die Sirenen singen vergeblich, die Schiffsbesatzung entkommt. Wären da nur nicht gleich darauf die neuen, noch größeren Bedrohungen, die auf die gerade Geretteten warten: Skylla und Charybdis, zwei Ungeheuer, die eine Meeresenge bewachen. Felsüberhänge, schroffe Klippen, immer von tiefen Wolken verdüstert. Dort, in einer Grotte: Skylla, ein Monster mit zwölf Füßen, sechs Hälsen und drei Reihen scharfer Zähne in jedem Kopf, mit denen es vorbeischwimmende Delfine zerbeißt und Menschen verschlingt. Auf der anderen Seite: Charybdis, fähig dazu, dreimal am Tag solch gewaltige Mengen des Meerwassers einzuschlürfen und wieder auszuprusten, dass alle Schiffe in seiner Nähe in brüllenden Strudeln zerbersten.
Odysseus hat nur die Wahl zwischen zwei Übeln, zwei Schrecken. Es gibt keinen Weg, dem einen auszuweichen, ohne dem anderen zu nahe zu kommen. So bleibt ihm, sich für ein Opfer zu entschließen. Er befiehlt den Ruderern, an den Klippen der Skylla entlangzusteuern. Es ist das Todesurteil für sechs seiner Männer, die nur hilflos nach ihm schreien, als sie von Skylla aus dem Schiff gehoben und wie rohe Fische aufgefressen werden. So aber können wenigstens die anderen entkommen.
Es ist nicht der Anfang, es ist auch noch längst nicht das Ende der zehn Jahre währenden Irrfahrt des Odysseus auf der „dunklen Flut“ des Mittelmeers. Aber es sind zwei der Abenteuer, der Bewährungsproben, die den verwegenen Krieger Odysseus auf verzweifelter Heimatsuche zu einer Zentralfigur in der Mythen- und Sagenwelt der griechischen Antike machen. So beharrlich wie er: noch keiner zuvor. So allen Gefahren der Fremde ausgesetzt, allen Naturgewalten als Seefahrer trotzend, mit wunderlichen Begegnungen aller Art konfrontiert: Vor Odysseus hat das noch kein anderer Sterblicher erlebt.
In wohl verschiedenen Teilen schon einige Zeit zuvor im Umlauf, verdichtet sich die mythische Odysseus-Erzählung vermutlich im 7. Jahrhundert v. Chr. zu einem vollständigen, schriftlich verfassten Epos, in mehr als 12 000 Versen und 24 „Gesängen“ geordnet. Zugeschrieben werden sie dem Dichter Homer, auch wenn dessen Vita, gar die Frage, ob er überhaupt existiert hat, für immer im Dunkeln liegt. War er Mitglied einer Sängergilde, einer von vielen, die den Odysseus erdachten? War er nur Sagen-Sammler, hat er mündlich Überliefertes lediglich fleißig zusammengefügt? Oder war er schöpferischer Geist, Urheber des ihm Zugeschriebenen?
Sicher dagegen ist, dass die Griechen zu jener Zeit, als die Geschichte von Odysseus beginnt, bleibende Berühmtheit zu erlangen, immer mehr Handelsverbindungen am Mittelmeer errichtet haben: mit Phöniziern, Ägyptern, auch an Italiens Küste. Was vermutlich das Genre der Seefahrergeschichten erblühen lässt und zugleich die Fantasie der Männer, die in unerkundete Gewässer geraten, in Stürme, Piratenattacken, andere Herausforderungen. Denkbar, dass sich deshalb in die Mythen von der dicht besiedelten griechischen Götterwelt nunmehr die attraktive Erzählung von der langen Irrfahrt eines Sterblichen mischt, aufregendes Seemannsgarn in die Göttergeschichten dieser Zeit.
Die Götterwelt ist unter den Denkern und Philosophen des antiken Griechenlands ein Thema, dessen Kanonisierung vor allem Homer und seinem mutmaßlichen Zeitgenossen Hesiod zugeschrieben wird. Ganz oben der Olymp, der Sitz der Götter. Stammbäume sind erstellt, Funktionen und Eigenschaften verteilt, Hierarchien und Zuständigkeiten für Naturphänomene geklärt. Die Gottheiten agieren in diesem Kosmos einerseits durchaus irdisch, Eifersucht, Betrug, Ehebruch, Mord inklusive, andererseits eben irgendwo im Unfassbaren. Die Figur des Odysseus aber ist so etwas wie die erste komplexe Darstellung menschlicher Charakteristika und Handlungsmuster – und damit eine Vorlage auch für die spätere abendländische Kultur- und Geistesgeschichte.
Noch im Altertum wird die Strahlkraft des Odysseus so gewaltig groß, dass man ihm ein Heiligtum auf Ithaka verehrt, seiner Heimatinsel in der „Odyssee“. Dass man ihm dort wohl auch Opfergaben darbringt, um an seiner Stärke, seiner Unbeirrbarkeit teilzuhaben. Und kaum ein wichtiger Denker nach Homer wird sich mehr mit dessen Zeit befassen, ohne über die „Odyssee“ zu räsonieren.
Dabei taucht die „homerische Frage“ schon bald nach Bekanntwerden des Werkes auf. Wozu über Jahrhunderte auch die Zweifel daran gehören, dass Homer, sollte es ihn denn tatsächlich gegeben haben, schon Verfasser eines anderen berühmten Werkes war: der „Ilias“, jener Tragödie vom Kampf der Götter und Heroen um die legendäre Stadt Troja, der von der Geschichtsschreibung auf das 13. oder 12. Jahrhundert v. Chr. datiert worden ist. Und doch: Die Bewunderung für den „göttlichen Homer“, wie ihn ein späterer griechischer Dichter nennen wird, ist auch stärker als alle Zweifel an der Urheberschaft von „Ilias“ und „Odyssee“. In der Nachwelt und bis heute wird sich kein anderer Name mehr finden, auf den die Epen zurückgeführt werden. Homer wird selber zum Mythos.
ODYSSEUS BEEINDRUCKT SELBST DIE GÖTTER
Die „Ilias“ ist eine Geschichte von Wut und Zorn, eine Ode an die Kriegerethik, eine Erzählung, die gleich von zwei kämpferischen Auseinandersetzungen berichtet; im Himmel wie auf Erden. Und schon hier, beim Kampf um Troja, spielt Odysseus eine entscheidende Rolle: Er ist derjenige, mit dessen List die zehnjährige Belagerung Trojas durch die Griechen, bei Homer noch Achaier genannt, in einer spektakulären Eroberung der Stadt endet. Er, Odysseus, ist es, der als Bettler verkleidet Erkundungen in der Stadt anstellt. Und vor allem er soll es gewesen sein, der den Bauch des mächtigen hölzernen Pferdes, ein vermeintliches Friedensgeschenk an die Trojaner, mit griechischen Elitekriegern füllen und in die Stadt gelangen lässt, um von innen die Tore zu öffnen und ihr Heer hineinzulassen. Die Griechen siegen.
Dabei hat Odysseus, der Trickreiche, der Kluge, eigentlich gar nicht mitkämpfen wollen. Hat seinen alten Vater Laertes, den einstigen König, hat seine Frau Penelope (in der „Odyssee“ stets Penelopeia genannt), hat seinen kleinen Sohn Telemachos auf der Insel Ithaka nicht verlassen wollen, um sich am Feldzug gegen die Trojaner zu beteiligen. Hat sich als Kriegsdienstverweigerer versucht, hat einen Ochsen und ein Pferd gemeinsam vor den Pflug gespannt, hat Salzkörner statt Samen auf seinen Feldern ausgesät, um sich als wahnsinnig gewordener Bauer zu tarnen. Bis ihm jemand den Sohn vor den Pflug legt, worauf Odysseus erschrocken anhält und sich zu erkennen gibt.
Wen also macht da der „göttliche Homer“ zum Mittelpunkt der „Odyssee“? Ein Schlitzohr, einen wendigen Charakter? Auch das. Aber vor allem erhebt er Odysseus zu einem Qualen aller Art überwindenden Kämpfer in noch so lebensbedrohlichen Situationen. Zu einem Mann, der zehn lange Jahre daran gehindert wird, nach dem Kampf um Troja den Weg zurück nach Ithaka zu finden. Er muss bereit sein zum Ertragen von Schmerzen, fähig zur Selbstüberwindung wie auch zu Täuschung und Verhüllung, durchsetzungsfähig, gewandt wie auch skrupellos.
Und vor allem: von Sehnsucht nach Frau und Sohn verzehrt, von Heimweh getrieben. Es ist wohl auch dieses Motiv, das die „Odyssee“ zu einem Herz-Schmerz-Drama macht, das nicht nur hochwohlmögende Denker beschäftigt. Sondern zur Vorlage wird für viele Erzählungen von der menschlichen Kraft, an einem großen Ziel festzuhalten, was immer sich auch in den Weg stellen mag.
Ein Motiv, das schließlich sogar auch die Götter beeindruckt. Später.
Denn zuerst soll er: leiden. Poseidon will es so, der Gott der Meere, weil ihn Odysseus unwissentlich erbost hat. Und solange der Grieche auf See heimwärts strebt, ist er in der Gewalt Poseidons, immerhin Bruder des Göttervaters Zeus. Auf Odysseus’ Seite steht dagegen Athene, Göttin der Weisheit, der Strategie und des Kampfes, die immer wieder die Grenze zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen durchbrechen wird, um dem von ihr bewunderten Sterblichen mit Ratschlägen zu helfen. Den Zorn des Meeresfürsten führt Homer wohl ein, um Odysseus zu einem Widersacher göttlicher Fügung machen zu können. Der Held ist damit ein neuer Typ in der Sagenwelt, nicht bloß Marionette himmlischer Entscheidungen. Die können ihm zwar Schicksalsschläge auferlegen und Naturgewalten entgegensetzen, seinen Aufstand dagegen, sein Ego aber nicht brechen.
Es ist dieser Menschenmann, der nach dem Abschied von Troja mit zwölf Schiffen Richtung Heimat aufbricht und zunächst alles andere als eine Ruhmestat vollbringt, wenn er in Thrakien die Stadt Ismaros plündert und „die Weiber und viele Güter“ unter seinen Männern verteilen lässt, von denen er aber dann 72 bei einem Gegenangriff verliert. „Böse Winde von Norden“ treiben die Überlebenden nach neun Tagen in das Fabelland der Lotophagen, wo sich eine neue Gefahr auftut: Wer von der dort gedeihenden Lotospflanze isst, verliert jedes Begehr, in die Heimat zurückzukehren. Odysseus, für den „nichts süßer (ist) als das eigene Vaterland“, muss einige seiner Gefährten mit Gewalt auf die Schiffe zurückbringen und dort festbinden lassen.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
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