Frühe Demokratiebewegungen
Inhaltsverzeichnis
- Mainzer Republik. Aufbruch am Rhein
- ,,Die ersten modernen Wahlen auf deutschem Boden'' - Die Bergzaberner Republik 1792/93
- 18. März 1793: Ausrufung der Mainzer Republik
1. Mainzer Republik. Aufbruch am Rhein
In Mainz entsteht 1792/93 die erste Republik im deutschsprachigen Raum. Aber auf das rauschende Freiheitsfest folgt preußischer Beschuss.
Am 14. Juli 1789 stürzt die Pariser Bastille, das französische Volk widersetzt sich seinem König. Als die Sensation nach Deutschland dringt, jubelt die Bildungselite im Norden wie im Süden. Der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock besingt die Ereignisse als "des Jahrhunderts edelste Tat"; der Schriftsteller Heinrich Christian Boie spekuliert in seiner Zeitschrift Neues Deutsches Museum, dass das Geschehen in Paris"wie ein elektrischer Schlag" auf kein Land stärker wirken werde "als auf unser Deutschland".
Für die Aufklärer ist die Französische Revolution der Sieg des Lichtes über die Finsternis. Sie versprechen sich größte Auswirkungen auf das eigene Land mit seinen Hunderten Staaten und Staatchen, lose zusammengehalten durch das klapprige dynastische Konstrukt des Heiligen Römischen Reichs.
Elektrisiert ist auch der berühmte Weltreisende und Naturforscher Georg Forster, Hof- und Universitätsbibliothekar in Mainz. Ihm schwebt für Frankreich eine "Republik von 24 Millionen Menschen" vor, wie er seinem Freund Christian Gottlob Heyne am 30. Juli schreibt. Am 5. August beschließt die französische Nationalversammlung die Abschaffung aller Feudallasten und Standesunterschiede. Forsters nächster Brief an den Vertrauten setzt mit dem Ausruf "Welch eine Sitzung!" ein, als habe er selbst teilgenommen und nicht erst Tage später davon gelesen.
Die Zuschauerrolle der Deutschen endet drei Jahre danach. Im Frühjahr 1792 zieht die monarchische Koalition unter Führung Österreichs und Preußens gegen das revolutionäre Frankreich und wird am 20. September 1792 bei Valmy überraschend zum Stehen gebracht. Für Goethe ist die Kriegswende eine "neue Epoche der Weltgeschichte", denn nun rücken die Franzosen vor und marschieren ins linksrheinische Deutschland ein. Mit ihnen kommt die Revolution. Schnell fallen die Städte Speyer und Worms, dann gerät Mainz ins Visier. Beim Herannahen der Trikolore flüchten panisch Kurfürst, Adel und hohe Geistliche, im Schlepptau die französischen Emigranten. Die Stadt ergibt sich ohne Widerstand am 21. Oktober. Die Studenten freuen sich unverhohlen, aber auch brave Bürger stecken sich Revolutionskokarden an.
Besonders bei den Intellektuellen öffnet sich jetzt ein lange verschlossenes Ventil. Schon am übernächsten Tag, dem 23. Oktober, kommen um sechs Uhr abends im großen Akademiesaal des verwaisten kurfürstlichen Schlosses 20 Revolutionsanhänger zusammen, um die "Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit" zu gründen – es ist die Geburtsstunde des Mainzer Jakobinerklubs. Eins ihrer Mitglieder ist der Student Friedrich Lehne, Verfasser revolutionärer Gedichte und Lieder. "Die Sache der Freiheit" schätzt er höher als alle privaten Interessen.
Die Zahl der Klubmitglieder wächst rasch auf rund 500 an. Beitreten dürfen wie zu den französischen Klubs nur Männer, es gilt ein Mindestalter von zunächst 18, später 24 Jahren. Sechs Prozent aller infrage kommenden Mainzer sind somit Jakobiner – ein für diese Zeit ungewöhnlich hoher Grad an politischer Organisation in der mit 28 000 Einwohnern vergleichsweise großen Stadt.
Nicht alle politischen Sympathisanten treten sofort bei. Bibliothekar Forster erkennt: "Diese Neutralität ist mißlich, die Krisis naht heran, und man wird Partei ergreifen müssen." Am 5. November 1792 bittet er um Aufnahme. Das macht Eindruck, schnell steigt der Weltgewandte zu den führenden Männern auf und hält im Klub eine viel beachtete Rede. Binnen dreier Wochen seien "aus bedrückten, gemishandelten, stillschweigenden Knechten eines Priesters" – gemeint ist der Mainzer Erzbischof und Kurfürst – nun "aufgerichtete, lautredende, freie Bürger" geworden. Als radikale Gegner des Absolutismus skizzieren die Mitglieder des Klubs ihre Vorstellungen. Sie wollen Rechtsgleichheit und Menschenrechte, streben nach einer repräsentativen Demokratie mit allgemeinem Wahlrecht für Männer, Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit und fordern ein Wirtschaftssystem ohne Privilegien, Zünfte und Zollschranken.
Schnell formiert sich Widerstand. Die Mainzer Zünfte sind strikt gegen solche Ideen. Die bürgerlichen Kaufleute bevorzugen immerhin einen Mittelweg, eine konstitutionelle Monarchie ohne Privilegien für Adel und Klerus. Doch das geht den Freiheitsfreunden nicht weit genug.
Die Demokratie wird erprobt
Mit wachsender Mitgliederzahl wandelt sich die soziale Struktur des Klubs. Professoren, Lehrer, Ärzte, Juristen oder Studenten führen zwar das Wort, stellen jedoch nur etwa ein Fünftel der Mitglieder. Knapp die Hälfte sind Handwerker, kleine Kaufleute und niedere Beamte. Gezielt sprechen die Jakobiner die noch passiven Bürger aus Mainz und Umgebung an. Im Spätherbst 1792 ergießt sich eine Flut von lehrhaften Flugschriften, revolutionären Gedichten und Plakaten mit Bekanntmachungen, Aufrufen und Verordnungen über die Region, und in sonntäglichen Volksbelehrungen erläutern erfahrene Didaktiker wie der Mediziner Georg Christian Wedekind die demokratischen Grundsätze. Mancher Jakobiner wirkt in die ländliche Bevölkerung hinein, indem er sein Wirtshaus mit revolutionären Schriften tapeziert oder von der Kanzel herab den Kirchgängern die Vorteile der französischen Verfassung predigt.
Auch in neu gegründeten Periodika betreiben die Jakobiner Aufklärungsarbeit. So erklärt die Zeitung Der Bürgerfreund des Mathematikers Mathias Metternich der ländlichen Bevölkerung um Mainz zweimal wöchentlich in schlichter Sprache die Vorzüge der Demokratie. Intellektuelle abonnieren die Wochenschrift Der Patriot von Wedekind, die ständische Normalbevölkerung liest Die Neue Mainzer Zeitung oder der Volksfreund, in der Georg Forster die meisten Beiträge schreibt und in Ausgabe Nummer eins triumphiert: "Die Pressefreiheit herrscht endlich innerhalb dieser Mauern, wo die Buchdruckerpresse erfunden ward."
Die Mainzer Revolutionäre wissen, dass die Menschen nicht allein durch Erklärungen für die Revolution zu gewinnen sind. Auch Gemüt und Gefühl wollen angesprochen sein. So feiern sie am 13. Januar 1793 ein großes "Volksfest der Freiheit und Gleichheit". Auf dem Marktplatz steht ein 21 Meter hoher, mit Trikolorebändern geschmückter Freiheitsbaum, flankiert von zwei Piken mit roten Freiheitsmützen. Französische Militärs, aus Paris angereiste Kommissare und führende Mainzer Jakobiner halten feierliche Reden, und immer wieder erklingt die Marseillaise. Tausende Zuschauer verfolgen das Spektakel – teilweise sogar von den Dächern der umliegenden Häuser aus –, es wird ausgelassen getanzt und gesungen. Abends findet ein "Freiball" statt, zu dem die Mainzerinnen "bunte Schärpen von dreyerley Farbe, als roth, blau und weiß", tragen, wie Zeitzeugen berichten.
Wenige Tage später stirbt König Ludwig XVI. unter der Guillotine, und Frankreich ist endgültig Republik. Im Februar und März 1793 werden im "befreiten" Gebiet zwischen Landau und Bingen nach gleichem und direktem Männerwahlrecht die Abgeordneten für den Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent gewählt. Es ist das erste Parlament auf deutschem Boden, das sich uneingeschränkt zur Demokratie bekennt. Anders als in der Pariser Nationalversammlung, wo die Vertreter freier Berufe dominieren, sind in Mainz und Umgebung allein 70 der 130 Abgeordneten Bauern. Die Wahlbeteiligung liegt mit acht Prozent in den Städten und mit bis zu 30 Prozent auf den Dörfern auf einem ähnlichen Niveau wie in Frankreich. Anders als oft behauptet, ist sie nicht gering, denn in diesen Tagen wird die Demokratie erstmals erprobt, und die Bürger fürchten zu Recht mögliche Strafen bei Rückkehr des alten Regimes.
Am 17. März 1793, um neun Uhr morgens, treten die 130 Abgeordneten im Deutschordenshaus am Rheinufer zusammen, darunter 40 Mainzer Jakobiner. Jeder der Abgeordneten leistet den republikanischen Eid, "den Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit treu zu sein und die Pflichten eines Stellvertreters des freien Volkes gewissenhaft zu erfüllen". Danach wählt der Konvent den ebenso wortgewaltigen wie streitbaren Philosophieprofessor Andreas Joseph Hofmann zu seinem Präsidenten. Am 18. März 1793 ruft Hofmann vom Balkon des Deutschordenshauses den Rheinisch-Deutschen Freistaat aus. Der 18. März, er sollte ein Freiheitsdatum der deutschen Geschichte werden.
Doch die Unabhängigkeit währt nur kurz. Reichstruppen unter preußischer Führung ziehen einen Belagerungsring um Mainz. Die Deputierten wissen, dass ihre kleine rheinische Republik allein nicht lebensfähig ist. Am 23. März beantragen sie beim Pariser Konvent die Angliederung an die "Mutterrepublik" und entsenden eine Delegation. Eine Woche später hält der Vizepräsident der Mainzer Republik, Georg Forster, in der französischen Nationalversammlung eine Rede für das Gesuch, es wird unter tosendem Beifall einstimmig angenommen. Doch zu spät. Preußens Truppen beginnen mit dem Beschuss – Mainz steht in Flammen. Am 23. Juli verlassen die Franzosen die Stadt, und die zurückgebliebenen Republikaner trifft die Rache ihrer Gegner. Viele von ihnen werden ausgeplündert, misshandelt, öffentlich gedemütigt und verschwinden für Jahre in Verliesen auf der Festung Königstein im Taunus.
Dem Präsidenten Hofmann und einigen Mitstreitern gelingt die Flucht. Im Pariser Exil bemüht sich die Societé des Refugiés Mayençais jahrelang darum, das Schicksal ihrer in Deutschland eingekerkerten Freunde zu erleichtern. Erst nach dem Frieden von Campo Formio im Oktober 1797, als Österreich den Franzosen das linke Rheinufer überlässt, können die Mainzer Demokraten in ihre Heimat zurückkehren.
Ihr politisches Erbe reichen sie weiter. Die Traditionslinien führen bis zur Paulskirche und darüber hinaus, denn nicht selten setzen Kinder und Enkel das begonnene Werk fort. Mathias Metternichs Sohn Germain etwa, der 1848/49 als Revolutionär kämpft. Einer aus dem Klub von 1793 ist selbst im Frankfurter Vorparlament aktiv: Adam Itzstein führt dort als Vizepräsident 72-jährig die Regie. Auch Andreas Joseph Hofmann, der erste deutsche Präsident, erlebt die Revolution und ihr Scheitern. 1849 ist das Jahr seines Todes. Auf seinem Grabstein steht der hoffnungsvolle Wunsch, dass sich endlich der "Sieg des Rechts, der Freiheit und der Humanität" erfüllen möge.
2. ,,Die ersten modernen Wahlen auf deutschem Boden'' - Die Bergzaberner Republik 1792/93
Gesetzgeber! Das aus mehr denn zehn Dörfern bestehende, dem Herzog von Zweibrücken bisher zugehörige Oberamt Bergzabern, müde, sich noch als Sklaven eines despotischen Fürsten und dessen grausamen Trabanten, mitten unter einem freien und glücklichen Volke zu sehen, und durch die Siege der fränkischen Freiheitswaffen beherzt gemacht, hat plötzlich die Fesseln der schändlichen Knechtschaft, in der es seufzte, abgestreift und stellt sich den erhabenen Stellvertretern der fränkischen Nation frei dar, um ihnen für die große, den Völkern zubereitete Wohltaten zu danken und die Vereinigung mit der Republik zu begehren.
Der uns heute in seiner Wortwahl und im begeisterten Ton fremd anmutende Text stammt vom 10. November 1792 und war von Bergzaberner Bürgern an den Nationalkonvent in Paris gerichtet.
Übersetzt man ihn in unsere weniger schmuckvolle Sprache, dann könnte man von einer Art Unabhängigkeitserklärung südpfälzischer Gemeinden in der Französischen Revolutionszeit sprechen. Also: ein besonderes Dokument und auch einzigartig.
Wie kam es dazu? Die Französische Revolution, die mit dem Bastille-Sturm vom 14. Juli 1789 begann, schwappte schnell ins Elsass und in die Pfalz über. Schon am 20. Juli kam es zu Unruhen in der damals französischen Stadt und Festung Landau, die kurz darauf in eine Meuterei innerhalb der Garnison und in die Entmachtung des Magistrats, also der alten Stadtverwaltung, mündeten. Am 30. Juli begannen die Bauern in dem zwischen Kurpfalz und dem Hochstift Speyer aufgeteilten Fischbach bei Dahn den Aufruhr und teilten Äcker und Wiesen unter sich auf. Anfang August ergriff die Empörung auch die Dörfer Dörrenbach und Oberotterbach sowie das kurpfälzische Annweiler.
Schwelender Konflikt zwischen Volk und Fürstenhaus
Die Unruhen kamen nicht aus heiterem Himmel. Zeichen für eine zunehmende Gärung in der Bevölkerung hatte es schon vor 1789 gegeben. Nur erkannten die Landesherren und ihre Beamten diese Warnsignale nicht. Eine wichtige Rolle nahm das etwa 1.700 Einwohner zählende südpfälzische Residenzstädtchen Bergzabern ein. In dem von einer selbstbewussten evangelischen Handwerkerschicht geprägten Gemeinwesen saß auch die Verwaltung des pfalz-zweibrückischen Territoriums in der Südpfalz. Zu den wirtschaftlichen Beschwerden dieser Zeit kamen noch konfessionelle Probleme hinzu, die wir heute kaum nachvollziehen können.
Damals zählte aber die Konfession. So war es über lange Jahre hinweg zu einer Entfremdung zwischen der überwiegend evangelischen Bevölkerung Bergzaberns und dem Fürstenhaus gekommen, das nach mehreren Konfessionswechseln 1718 schließlich katholisch wurde. Was die wirtschaftlichen Probleme betraf, so hatte bereits 1782 der Stadtrat der Zweibrücker Regierung eine Denkschrift vorgelegt, in der er die als ungerecht empfundene Besteuerung kritisierte. Es wäre interessant zu untersuchen, ob die Steuern mit den immensen Kosten zusammenhingen, die der Landesherr, Herzog Karl II. August, für den Bau seines Schlosses Karlsberg bei Homburg benötigte. Eine offene Kritik wagten die Bergzaberner Untertanen noch nicht, immerhin unterschrieb „der gehorsame Stadtrat“.
Das leidige Gift der Freiheitsseuche
Sieben Jahre später war es mit dem Gehorsam vorbei und die Bürger von Bergzabern brachten ihre Forderungen wieder vor und dieses Mal viel deutlicher. Unter anderem ging es um die Nutzungsrechte in den Waldungen, die zwischen dem Herzog und den Bürgern umstritten waren.
Anfänglich glaubte der herzogliche Regierungsrat Klick noch, den aufflammenden Protest beruhigen zu können. Allerdings sah er die Gefahr einer Revolte durchaus, als er an seinen Herzog schrieb: „Ich muss zur Schande der Stadt Bergzabern sagen, dass ein sehr großer Teil, wohl die Hälfte und noch mehr, mit dem leidigen Gift der Freiheitsseuche angesteckt ist“. Er sollte Recht behalten. Es blieb nicht beim schriftlichen Protest, sondern die Aufrührer wurden tätlich. Am 19. September 1789 läuteten sie die Sturmglocke, besetzten das Rathaus und sperrten den regierungstreuen Stadtrat aus.
In unserer modernen Kommunikationswelt täuschen wir uns, wenn wir glauben, dass es früher eine Ewigkeit gedauert hat, bis sich Nachrichten verbreiteten. Gewiss, nicht jedes Ereignis in der fernen Welt gelangte in die heimischen Wohnzimmer. Der berühmte Sack, der in China umfällt, löste nicht wie heute ein Medienecho aus. Aber wenn am 14. Juli 1789 in Paris die Bastille gestürmt wurde und es am 20. Juli in der französischen Festung Landau zu einem Volksauflauf kam, dann zeigt dies doch deutlich, wie schnell sich die Kunde von wichtigen Ereignissen verbreitete. Freilich, nicht jeder konnte im Juli 1789 fern von Paris die politische Dimension des Bastillesturms erkennen. Eine der Wenigen war die in Bergzabern lebende englische Adlige Baronesse Mary von Bode, die als eine der Ersten von Revolution sprach und nach Hause schrieb: „Man wagt kaum zu sagen, was man von der Revolution hält. Gott allein weiß, wie dies alles noch enden wird“.
Landau – Zentrum der Revolution
Landau, die französische Festung, wurde in der Folgezeit zum Kernpunkt der revolutionären Bewegung in der Südpfalz. Hier lässt sich auch die „Fieberkurve“ der Revolutionsbegeisterung am ehesten verfolgen und beschreiben. Es kam zu einer Meuterei in der Garnison, der Magistrat, also die alte Stadtverwaltung, wurde entmachtet und von der Munizipalität, der neuen Verwaltung abgelöst. Im Juni 1790 gründete sich ein Jakobinerklub. Der Jakobinerklub war jedoch entgegen landläufiger Meinung keine Ansammlung verarmter Jungradikaler, sondern repräsentierte das Bürgertum und vor allem das protestantische.
Revolutionärer Elan war dem Klub trotz aller Bürgerlichkeit nicht abzusprechen. Er empfand sich als „Speerspitze der Revolution“ und agierte in diesem Sinne nicht nur in der Stadt, sondern auch in ihrer ländlichen Umgebung. Da zog man hinaus auf die Dörfer, sang Lieder – oft waren es umgedichtete Kirchenlieder –, man trug Gedichte vor, diskutierte, pflanzte Freiheitsbäume und gründete Brüderklubs. Deren Existenz lässt sich freilich heute nur schwer und nur indirekt nachweisen, denn wie immer nach gesellschaftlichen Umbrüchen, vor allem, wenn sie mit Gewalt und Krieg einhergingen, versucht man die Spuren früheren Engagements zu verschleiern oder ganz zu vernichten. Die große Ausnahme findet sich in Landau, wo im dortigen Archiv die Protokolle der „Gesellschaft der Constitutionsfreunde“, wie sich der Jakobinerklub nannte, verwahrt werden.
Die Revolution breitet sich aus
Auch von Weißenburg aus „missionierte“ der dortige Klub in der Umgebung. Oftmals wurden die Jakobiner bei ihren Propagandaaktionen von den protestantischen Dorfpfarrern unterstützt, die auch die Gottesdienste nutzten, um die Revolution zu predigen. So überrascht es nicht, dass gerade in protestantisch geprägten Gemeinden die Radikalisierung am ehesten voranging. Aber sogar in rein katholischen Gemeinden wie z. B. Herxheim gelang es, Klubs zu gründen. Wirksamer noch als die zahlreichen revolutionären Flugschriften, die überall kursierten, dürften die persönlichen Auftritte der „Freiheitsmänner“ in den Dörfern gewesen sein. Denn nicht jeder konnte lesen. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts betrug der Anteil der Analphabeten im Bereich Dahn 76 Prozent! In der Südpfalz waren es immerhin nur (!) 54 Prozent.
Wie auch immer, die revolutionären Ideen wurden zu Katalysatoren für eine schon lange andauernde und nun fortschreitende Unruhe. Im August 1789 begehrte die Bevölkerung in Kandel, Annweiler und Oberotterbach auf und so wurde das pfalz-zweibrückische Territorium um Bergzabern und Kandel zum zweiten Schwerpunkt revolutionärer Unruhen in der Südpfalz. Es ging den Untertanen aber nicht in erster Linie um Ideologie. Vielmehr lassen sich die Beschwerden der verschiedenen Gemeinden auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Im Mittelpunkt standen die Forderungen nach Abschaffung wirtschaftlicher Hemmnisse. Noch war hier nicht die Rede von einer etwaigen Enteignung der Kirche und der Herrschaften, zu der es ja später dann kam. Lange ließ die Radikalisierung der Wünsche und Forderungen aber nicht auf sich warten. Doch zum Unterschied zu den Ämtern Dahn und Berwartstein, wo es beim Aufbegehren der Bevölkerung blieb, kann man im pfalz-zweibrückischen Territorium von einer weitgehenden Politisierung sprechen.
Hier waren es die Gemeinden selbst, die ihre Forderungen anmeldeten und auch vertraten. Sie waren es, die die Rechtmäßigkeit des herrschaftlichen Besitzes bestritten und Ländereien beanspruchten, die weltliche und kirchliche Herrschaften in den Dörfern besaßen.
Die Behörden in Zweibrücken erkannten die Situation nicht rechtzeitig und die Versuche ihrer Beamten vor Ort, die „Aufrührer“ zu beruhigen, schlugen fehl. Aber was hätten sie auch tun können, außer die Entwicklung zu beobachten und ständig Meldungen nach Zweibrücken zu senden. Die Regierung versprach zwar eine Untersuchung der Beschwerden, allerdings arbeitete die hierfür eingesetzte Kommission sehr zaghaft und langsam.
Propaganda und Gegenpropaganda
Immerhin gab die Regierung am 19. Juli 1791 bekannt, dass sie einige Missstände in der Stadt, die schon 1789 angemahnt worden waren, abstellen wollte – den Bürgern reichte dies aber nicht aus. Die Initiative lag nicht mehr in den Händen der Regierung. Sie konnte nur noch reagieren – und dies tat sie schwach. Sie ließ immer wieder Maueranschläge oder Flugblätter verbreiten, die vor dem „Gift der Revolution“ warnten. Revolutionäre Flugschriften wurden eingesammelt und die Personen, die sie verteilt hatten oder die man in Verdacht hatte, wurden überwacht. Neben der hergebrachten Obrigkeit hatten die Menschen in
Bergzabern auch andere Vertreter der alten Ordnung in ihren Mauern. Es waren die zahlreichen Emigranten, die aus Frankreich geflohen waren und vom Herzog eine Aufenthaltsgenehmigung für sein Territorium erhalten hatten. Hinzu kamen katholische Priester aus dem Elsass, die sich hierher geflüchtet hatten. So prallten hier wie sonst nirgends in der Südpfalz revolutionäre und antirevolutionäre Propaganda aufeinander. Letztere blieb wohl immer mehr erfolglos und so erreichte die Revolutionierung der Südpfalz im Herbst 1792 ihren ersten Höhepunkt. Es war die Präsenz der französischen Truppen, die im September 1792 die Pfalz besetzt und die Festung Mainz erobert hatten, was der Bewegung in der Südpfalz den entscheidenden Schub gab. Am 25. Oktober 1792 wurde in Ingenheim ein Freiheitsbaum gepflanzt, am 2. November war Mühlhofen an der Reihe. Der Ort erklärte sich als „fürstenfrei“. In beiden Gemeinden waren es die evangelischen Pfarrer und Lehrer, die zu Wortführern der Bewegung wurden. Die Liste der Dörfer, in denen man Freiheitsbäume pflanzte, wurde immer länger.
Bergzabern will Anschluss an das revolutionäre Landau
Auch in Bergzabern gärte es, wie Franz-Xaver Remling in seiner umfassenden Darstellung „Die Rheinpfalz in der Französischen Revolutionszeit“ aus dem Jahre 1865 berichtet. Remling (1803–1873) war katholischer Priester und gleichzeitig ein bedeutender Historiker. So ist natürlich seine Darstellung der revolutionären Ereignisse sehr parteiisch. Aber trotz einiger verbaler Ausfälle gegen die „Hetzer“, „Wühler“ oder „Freiheitsschwindler“, wie er die Anhänger der neuen Ideen bezeichnete, bietet er die einzige detaillierte Darstellung der Zeit, und bislang hat sich jeder Historiker, der sich mit dem Thema befasste, auf ihn und seine Quellenstudien bezogen.
„Am 4. November 1792 begannen in der Stadt Bergzabern und im ganzen Amte Barbelrodt die aufrührerischen Bewegungen ohne Scheue“, schreibt er. Man entsandte von Bergzabern aus eine Abordnung nach Landau, „damit von der dortigen Munizipalität Abgeordnete gen Bergzabern, wie nach Mühlhofen, gesendet würden, um die Freiheit zu verkünden und den Eid der Treue auf die französische Verfassung abzunehmen.“
Die Landauer verwiesen die Bergzaberner darauf, dass sie sich nicht einfach Landau oder Weißenburg anschließen könnten, „sondern nebst den anderen gleichgesinnten Dörfern einen eigenen Freiheitsbund abschließen müssten“. Auch wenn die Landauer dem Wunsch der …
Die Landauer verwiesen die Bergzaberner darauf, dass sie sich nicht einfach Landau oder Weißenburg anschließen könnten, „sondern nebst den anderen gleichgesinnten Dörfern einen eigenen Freiheitsbund abschließen müssten“. Auch wenn die Landauer dem Wunsch der Bergzaberner nicht nachkamen, sie in ihren Kreis aufzunehmen, so versprachen sie wenigstens, ihnen bei ihrer Aktion behilflich zu sein.
Am 6. November erschien also eine Delegation aus der Stadt. Es waren Vertreter der Munizipalität und des Jakobinerklubs, begleitet von sechs Offizieren der französischen Garnison. In einem festlichen Zug wurden sie von der versammelten Bürgerschaft in die Stadt hinein zum Rathaus geleitet. In einer Ansprache versicherte der Landauer Jakobiner Johann Jakob Groß, der zeitweise auch „Maire“ (= Bürgermeister) war, den Bergzabernern, sie seien nicht als Abgeordnete der französischen Nation gekommen, sondern als Freunde der hiesigen Bürger. Einzig der Nationalkonvent sei der richtige Adressat, um sie als französische Bürger aufzunehmen.
Nach dieser Ansprache ging es erst einmal zu einem großen Mittagessen. Nachdem man sich gestärkt hatte, versammelte man sich wieder auf dem Rathaus und Groß ergriff erneut das Wort. Er fragte die Versammelten, unter denen die Anhänger der Regierung die Minderheit stellten, ob sie sich inzwischen beraten hätten und welche Beschwerden sie eigentlich gegen ihren Herzog vorzubringen hatten. Die Wortführer wiesen auf die 1782 verfasste Schrift hin, die ihrer Meinung nach ohne Resonanz geblieben sei. Groß erwiderte darauf, da der Landesherr seine Pflichten gegen die Bürgerschaft nicht erfüllt habe, so sei auch diese ihren Verpflichtungen gegen jenen enthoben.
Nun forderte er die Bürger auf (von Bürgerinnen war damals nicht die Rede), den Eid auf die französische Revolutionsformel „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu leisten. Dies taten die Versammelten und wählten auch sofort eine neue Gemeindeverwaltung. Zum Maire gewählt wurde Adam Mayer, der Wirt des Gasthauses „Zum türkischen Kaiser“.
Bruch mit der alten Ordnung
Auf dem Marktplatz und vor dem Haus des neuen Maires wurden Freiheitsbäume aufgestellt, die noch verbliebenen Insignien der herzoglichen Regierung wurden abgerissen und auf dem Kirchturm wurde die Trikolore gehisst. Jeder Bürger musste sich dann auch mit der Nationalkokarde Blau-Weiß-Rot schmücken. Als Zeichen der Ablösung der Feudalgerichtsbarkeit wurde der Galgen auf dem Marktplatz verbrannt. Die Bürger weigerten sich, wie zuvor die Schlosswache zu stellen. Sie schlugen die herzoglichen Wappen am Riesentor und am Ludwigsbau des Schlosses aus und entfernten das pfalz-zweibrückische Wappen aus seiner Steinfassung. Es kam auch zu Übergriffen auf Personen, die man enger Beziehung zum alten Herrscherhaus verdächtigte.
Vier Tage später, am 10. November, baten 32 südpfälzische Gemeinden um die Aufnahme in die Französische Republik. In Bergzabern unterschrieben 273 von 285 wahlberechtigten Bürgern diese Petition. Das war ein veritabler und gewagter Aufstand, auf den der Herzog mit Waffengewalt reagierte – allerdings vergeblich. Die Einheiten, etwa 300 Mann stark, mussten bei Vorderweidenthal umkehren. Ein Aufgebot aus dem Oberamt mit einer Verstärkung aus Weißenburg zog den zweibrückischen Truppen entgegen, um sie aufzuhalten. Die Kommandeure der Zweibrücker Einheiten scheuten den offenen Konflikt mit der Bergzaberner Nationalgarde und zogen sich zurück. Selbst Remling kommt nicht umhin zu schreiben: „Die Bergzaberer waren bereits mit den Franzosen zu eng verbunden, für die Freiheit und Gleichheit zu leben und zu sterben“.
Am 19. November wurde die Bergzaberner Adresse in der Nationalversammlung in Paris verlesen. Der Text sollte gedruckt und an alle Departements verschickt werden. In dem Text werden die Orte des Oberamtes Bergzabern ausdrücklich genannt.
Die Republik Bergzabern
Am 7. Dezember 1792 beschlossen die meisten südpfälzischen Dörfer, keine Abgaben mehr zu entrichten und ihre Kirchen und Lehrer selbst zu wählen. Am 22. Januar beschlossen die Gemeinden, bis zur Aufnahme in die Französische Republik einen Freistaat zu gründen. Die neue Volksvertretung nannte sich „schweizerischer Landtag“. Dieser Landtag sollte im Amt bleiben, bis die Aufnahme nach Frankreich vollzogen wäre.
„Das größte Kuriosum der Revolution in der Pfalz ist jedoch Bergzabern, für einige Zeit eine richtige kleine Republik, die von Bergzaberns Bürgern aus eigener Kraft und ohne militärische Macht ausgerufen wurde.“
Am 15. März wurden die 32 aufständischen Dörfer vom Nationalkonvent in die Französische Republik aufgenommen. Sie bildeten nun einen Bestandteil des Distriktes Landau.
Die Restauration
Lange existierte dieses demokratische Gebilde allerdings nicht. Die französischen Truppen wurden im Jahr 1793 von den Preußen und Österreichern zurückgedrängt und die alte Ordnung kehrte unter ihrem Schutz wieder zurück. Nun flohen die Anhänger der Revolution mit den Franzosen. Die Bürger mussten im gesamten zweibrückischen Territorium dem Herzog erneut huldigen.
Mit der französischen Rheinarmee flohen viele Bürger, die an der Revolution beteiligt gewesen waren, aus Bergzabern. Ihr namhaftester Vertreter war der bereits erwähnte Johann Adam Mayer, der auch der erste „Maire“ der Stadt gewesen war. Er sollte es späterhin in der französischen Armee bis zum Divisionsgeneral bringen.
Man glaubte, die alte feudale Ordnung nun wieder sicher hergestellt zu haben. Dem war aber nicht so: Schon im Dezember 1793 erfolgte der Gegenangriff der Franzosen und mit der Befreiung der von den Preußen und Österreichern belagerten Festung Landau endete das kurze Wiederaufleben der alten Feudalordnung.
Was bleibt?Wenig Sichtbares. Einzig die ausgeschlagenen Wappen der Herzöge von Zweibrücken am Schloss in Bad Bergzabern erinnern heute noch an dieses Ereignis in der Südpfalz. Die „Bergzaberner Republik“ sollte für die Stadt Bergzabern eine revolutionäre Tradition einleiten. Aus diesem Ort stammen Männer, die beim Hambacher Fest aktiv waren und sich auch noch in der Revolution von 1848/49 engagierten. Sie gehörten zu den Verfechtern freiheitlichen Gedankengutes. In ihren Familien wurden die Ereignisse der Französischen Revolution zum lebendigen Familienerbe.
3. 18. März 1793: Ausrufung der Mainzer Republik
Der Tanz um einen Freiheitsbaum: Wo Freiheitsbäume außerhalb Frankreichs errichtet wurden, war das Gebiet von der französischen Revolutionsarmee besetzt worden. In der Regel lebten an jedem Ort einige Anhänger der Aufklärung und der Ideen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. (© Bundesarchiv, Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte, Rastatt)
Da das Protokoll gerade dieser Sitzung des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents nur fragmentarisch erhalten ist, orientiert sich die folgende Darstellung der Geschehnisse in Mainz am 18. März 1793, soweit dies den Sitzungsverlauf betrifft, an der Beschreibung des Ereignisses in der von Georg Forster redigierten Zeitung "Die neue Mainzer Zeitung oder der Volksfreund" vom Dienstag, dem 19. März 1793 (Nr. 34) mit der Überschrift "Mainz, den 18ten März. Nationalkonvent der freien Deutschen diesseits des Rheins":
"Am Montag, dem 18. März 1793, tritt um 8 Uhr morgens im Rittersaal des Deutschhauses zu Mainz der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent zu seiner dritten Sitzung zusammen. Die ersten beiden Sitzungen hatten tags zuvor am gleichen Ort stattgefunden, vor- und nachmittags. Das Deutschhaus war eines der Residenzgebäude des Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz gewesen. Der Kurfürst und sein Hofstaat waren aus der Stadt geflohen, als sich die französische Revolutionsarmee im Herbst 1792 der Stadt näherte, die dann am 21. Oktober besetzt wurde.
Der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent ist eine Versammlung, wie es sie noch nie in der deutschen Geschichte gegeben hat. Die Mitglieder sind an ihren Herkunftsorten in der Pfalz und in den linksrheinischen Gebieten Rheinhessens von ihren Mitbürgern gewählt und als deren Repräsentanten nach Mainz gesandt worden. Vorbild waren die Wahlen zum Nationalkonvent in Frankreich im Herbst 1792. An diesem Tag sind 59 Deputierte anwesend. (An den folgenden Tagen trafen weitere Deputierte ein, sodass der Nationalkonvent letztlich 128 Deputierte hatte, die 126 Orte vertraten – Anm. d. Verf.).
Nach der Eröffnung der Versammlung durch den Präsidenten, den Professor der Philosophie Andreas Joseph Hofmann, bildet der Konvent vier Ausschüsse, nämlich den Ausschuss des Unterrichts, der Wachsamkeit, der Finanzen und der Petitionen. Der Bürger Dorsch aus Neubamberg, Professor der Philosophie in Straßburg, erklärt in einer patriotischen Rede, der Tag sei von einzigartiger geschichtlicher Bedeutung. Von Mainz würde nunmehr an alle noch unterdrückten Deutschen die Botschaft der Befreiung von dem jahrhundertelangen Despotismus der Fürsten ausgehen. Die Menschen würden ihre natürlichen Rechte der Freiheit und Gleichheit wiedererlangen, die ihnen in der Vorzeit geraubt worden seien und die ihnen seither durch Gewalt und Unterdrückung verwehrt sein würden. Nun sei das Ende der Gewaltherrschaft nahe; eine freie Republik der Deutschen müsse gegründet werden. Danach erheben sich die gewählten Volksvertreter und erklären feierlich, dass sie nur die Gewalt des Volkes als rechtmäßig anerkennen und dass die bislang bestehenden Rechte aller weltlichen Fürsten und geistlichen Herren in den Ländern diesseits des Rheins von Landau bis Bingen ab sofort erloschen seien.
Hiernach wird über ein Dekret beraten, in dem die neuen Rechtsverhältnisse dargelegt werden sollen. Letztendlich wird der Text des Bürgers Forster, Bibliothekar der Universität, von der Versammlung angenommen. 30 Kanonenschüsse verkünden auf der Stelle diesen ersten wichtigen Akt der deutschen Volkssouveränität. Damit der Beschluss der freien Deutschen der ganzen Welt bekannt gemacht werden kann, soll das Dekret 30.000mal gedruckt und in allen Orten des Rheinisch-Deutschen Freistaats feierlich proklamiert werden.
Sodann sprechen Gesandte des Nationalkonvents aus Paris sowie der französische General (Adam Philippe de) Custine den versammelten Stellvertretern des freien deutschen Volkes Lob und Anerkennung aus. Der General erklärt, seine Soldaten, die Söhne Frankreichs, würden den neuen Freistaat verteidigen wie ihr eigenes Vaterland. Frankenbürger* Haußmann weist in einer Rede darauf hin, "dass alles Unglück der Völker von den Beherrschern und Fürsten herrühre, dass hingegen alle Völker, welche frei sein wollen, ihre Feinde immer überwunden haben". Im Namen der Frankenrepublik* verspricht er, "niemals zu dulden, dass je wieder ein Despot dies von nun an ewig freie Land unterjoche". Präsident Hofmann dankt für den Großmut der Franken und nimmt – stellvertretend für das deutsche Volk – die Brüderküsse der Gesandten der Frankenrepublik entgegen. Zu dieser erhabenen Szene spielt Musik, die alle Anwesenden zu Tränen rührt. Die Versammlung endet um 12 Uhr mit dem Schwur der Treue gegenüber dem deutschen Volk.
Vor dem Deutschhaus werden die Mitglieder des Nationalkonvents von einer größeren Zahl Bürger und Bürgerinnen freudig erwartet. Gemeinsam ziehen sie zum Marktplatz am Dom, wobei sie Freiheitslieder anstimmen. Auf dem Marktplatz steht seit dem Januar ein Freiheitsbaum, daneben zwei Piken, geschmückt mit der Jakobinermütze. Musiker spielen auf. Um den Baum herum tanzen Männer und Frauen Reigen. Unter ihnen auch französische Soldaten. Ein Bürger trägt ein neues Lied vor, ein "Freiheitslied für die lieben Mainzer". Da ist zu hören: "Seht Deutschlands erste freie Stadt …"
Am Tag darauf wird im Konvent die Frage beraten, "in welcher Form der von Deutschland getrennte und auf die allgemeinen Grundsätze von Freiheit und Gleichheit gegründete Staat künftighin bestehen solle". Die Debatten dauern drei Tage. Schließlich setzt sich die Auffassung durch, dass der neue Freistaat zu schwach wäre, um den Armeen der deutschen Fürsten Widerstand leisten zu können. Daher soll die freie Republik sich mit der Frankenrepublik vereinigen. Am 21. März wird in diesem Sinne ein Dekret beschlossen. Tags darauf werden drei Emissäre gewählt, die dem Konvent in Paris das Anliegen vortragen sollen. Dies sind die Bürger Georg Forster, Andrè Potocki (Kaufmann aus Colmar) und Adam Lux (Dr. philos. und Landwirt aus Kostheim)."
* Unter "Frankenrepublik" ist die Erste Französische Republik zu verstehen, die am 21. September 1792 ausgerufen worden war, mit "Franken" sind demnach die französischen Staatsbürger gemeint.
Die Dekrete des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents vom 18. und 21. März 1793
In den beiden (unten stehenden) Dekreten ist allgemein von einer Staatsgründung die Rede sowie von einem "Freistaat", was nichts anderes als "Republik" bedeutet. Der neu gegründete Staat bleibt in diesen Dokumenten namenlos. Einen Namen gab es jedoch bereits, nämlich "Mainzer Republik". So nannten ihn etwa Revolutionsanhänger aus Oberolm am 3. Januar 1793 in einer Eingabe an die Mainzer Zivilverwaltung (im Faksimile unten re., Mi.).
Die Aufzählung der territorialen Gewalten in Artikel 3 des Gründungsdekrets der Mainzer Republik vermittelt einen Eindruck von der damaligen Zersplitterung des linksrheinischen Reichsgebietes. Dabei war die Anzahl der "Herrschaften" tatsächlich noch wesentlich höher als hier dargestellt. Es existierten sogar einzelne Gemeinden, die unter mehreren Herrschaften aufgeteilt waren (vgl. Hellmut G. Haasis: Morgenröte der Republik. Die linksrheinischen deutschen Demokraten 1789-1849, Berlin 1984). Das machte es in Einzelfällen dem Reichsgericht in Wetzlar schwer, Herrschaftsansprüche verbindlich zu klären. Die Zahl der Menschen, die in dem Gebiet des "deutschen Freistaates" gelebt haben, wird auf 250.000 geschätzt.
Zum Dekret vom 21. März 1793: Das Ersuchen des "rheinisch-deutschen Nationalkonvents", der Französischen Republik angegliedert zu werden, wurde am 30. März 1793 im Pariser Nationalkonvent behandelt und fand dort begeisterte Zustimmung. Die drei Emissäre aus Mainz konnten allerdings nicht zurückkehren, weil die Armeen der deutschen Fürsten das Gebiet um die Stadt bereits wieder eingenommen hatten.
Zum geschichtlichen Zusammenhang
Als 1789 die Französische Revolution die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Europa erschütterte, bestand noch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, ein "Flickenteppich" mit über 300 Territorien unterschiedlichster Größe. In diesem Reich hatte Mainz, durch seine Funktion als Sitz eines Erzbischofs und Kurfürsten, neben Wien, dem Sitz des Kaisers, eine große Bedeutung. Der Erzbischof von Mainz war der Erste unter den Kurfürsten, der Reichserzkanzler für "Germanien", wie es traditionell hieß. Folglich war Mainz als Residenzstadt von regem diplomatischen Verkehr und einer dauerhaften Anwesenheit zahlreicher Adeliger geprägt. Von den Erfordernissen, die mit ihrer standesgemäßen Hofhaltung verbunden waren, profitierten auch viele ortsansässige Bürger.
Schon aus geografischen Gründen war die Region seit 1789 schnell mit den Ideen und den Folgen der Umwälzung in Frankreich konfrontiert. Französische Adelige und andere Anhänger der Monarchie suchten Zuflucht in Mainz. Andererseits waren revolutionäre Publikationen ohne weiteres in der Stadt zu erstehen, so etwa die erste deutschsprachige Übersetzung der französischen Menschenrechtserklärung.
Als sich nach dem Artillerieduell von Valmy am 20. September 1792 die preußisch-österreichische Interventionsarmee zurückziehen musste und die französischen Revolutionstruppen zum Rhein vordrangen, flohen der Erzbischof mit seinem Hofstaat und die adelige Einwohnerschaft aus der Stadt, unter ihnen die französischen Emigranten. Am 21. Oktober 1792 zog die französische Armee kampflos in die Festung Mainz ein, fünf Tage später in Frankfurt. Noch am 14. Juli jenes Jahres – also bewusst am dritten Jahrestag des Revolutionsbeginns in Frankreich – war dort Franz II. zum Kaiser des Reiches gekrönt worden, mit anschließendem Fest in Mainz.
Anders als 100 Jahre zuvor im Pfälzischen Erbfolgekrieg, der mit seinen Mordbrennereien noch immer Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Menschen in der Pfalz war, traten die französischen Truppen nun als Überbringer von Freiheitsbotschaften auf, die sie unter den Menschen verbreiten wollten. Die Soldaten gaben sich als "Brüder" – zunächst jedenfalls. In Dörfern und Städten verbreiteten sich die Symbole der Französischen Revolution, die ersten demokratischen Symbole überhaupt: Freiheitsbäume, Jakobinermützen und Kokarden in den Revolutionsfarben Blau, Weiß, Rot. Revolutionäre Lieder wurden in die deutsche Sprache übertragen. Und es bildeten sich erste politische Klubs, von denen sich einige "Jakobinerclub" nannten.
Die Bezeichnung "Jakobiner" war zu diesem Zeitpunkt in den Augen vieler Zeitgenossen noch positiv besetzt. Die Jakobiner in den deutschen Staaten und Reichsstädten verstanden die Naturrechtslehre, wonach jeder Mensch von Natur aus unveräußerliche Rechte hat, gleichsam als ein philosophisches Grundgesetz und befürworteten eine republikanische Staatsform. Sie begrüßten enthusiastisch die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wie sie in der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 formuliert waren. Die Schreckensherrschaft in Frankreich ab Herbst 1793, die dann gemeinhin mit dem Begriff "Jakobiner" verbunden wurde, hat die meisten von ihnen erschüttert, nur wenige hielten sie für unvermeidbar.
Schon zwei Tage nach der Besetzung von Mainz bildete sich dort eine "Gesellschaft der Freunde der Republik", deren Mitglieder "Clubisten" genannt wurden. Anfänglich gehörten der Vereinigung etwa 20 Professoren und Beamte der Universität an, später auch Handwerker und kleine Kaufleute. Die Mitgliederzahl stieg auf mehrere Hundert an, sank dann aber wieder rapide, als sich die militärische Lage zu Ungunsten der Revolutionsarmee veränderte. Dies war bereits am 2. Dezember 1792 der Fall, als Frankfurt wieder von anrückenden Reichstruppen eingenommen wurde.
In Mainz wie in den deutschen Staaten generell herrschte keine genuine revolutionäre Stimmung. Die Menschen sollten daher mobilisiert werden, unter anderem durch eine Abstimmung über die Annahme der französischen republikanischen Verfassung. Das Wahlrecht war einzigartig, denn stimmberechtigt waren alle "selbstständigen" Männer über 21 Jahren, unabhängig von ihrem Stand und Einkommen. Auf den Dörfern, wo allenthalben noch feudale Abhängigkeitsverhältnisse herrschten und die Befreiung daher konkret spürbar war, war die Zustimmung größer als in den Städten. In Mainz stimmten 17 Prozent der Bürger ab. Eine weitere Wahl gab es dann zu dem "Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent", an der in Mainz nur noch 8 Prozent der Wahlberechtigten teilnahmen.
Eine, wenn auch nicht die alleinige Ursache für diese Zurückhaltung war vermutlich der Umstand, dass die Armeen der deutschen Fürsten in jenen Wochen Zug um Zug die von Franzosen besetzten Gebiete zurückeroberten. Da erschien es wenig klug, sich auf die Seite der Revolutionäre zu stellen. Ab dem 14. April 1793 wurde Mainz durch Truppen Österreichs, Preußens, Sachsens, Bayerns und Hessens belagert, die von weiteren deutschen Fürsten Hilfeleistungen erhielten. Ab Mitte Juni war die Stadt über mehrere Wochen dem Beschuss von über 200 Kanonen ausgesetzt. Das Kriegsgeschehen erzeugte geradezu touristisches Interesse: Angehörige der Hofgesellschaften wie auch Bürgerinnen und Bürger reisten heran, um das "Spektakel" der Beschießung von der rechten Rheinseite aus mitzuerleben. Ein neuer Begriff kam auf: Schlachtenbummler. Am 23. Juli kapitulierten die französischen Truppen. Mainz war durch die Kanonade zu einem Drittel zerstört. Die in der Stadt verbliebenen Jakobiner mussten sich Übergriffen der Einwohnerschaft erwehren und wurden gefangen gesetzt.
Doch Ende 1794 hatten die französischen Revolutionsheere erneut den größten Teil, ab Dezember 1797 dann das ganze linksrheinische Gebiet unter ihrer Kontrolle. Bis zum Mai 1814 hieß Mainz nun wieder "Mayence". Ein Versuch von rheinischen Jakobinern, westlich des Rheins eine "Cisrhenanische Republik" zu gründen, scheiterte, denn in Frankreich verstand man den Rhein als "natürliche" östliche Staatsgrenze. Nachdem Preußen und Österreich bereits in Geheimverträgen der Annexion der linksrheinischen Gebiete durch Frankreich zugestimmt hatten (1796 bzw. 1797), wurde 1801 mit dem Vertrag von Lunéville eine völkerrechtlich verbindliche Regelung erzielt. 1804 wurde linksrheinisch der "Code Civil", das französische Zivilgesetzbuch, eingeführt. Dort galten nun die Grundsätze der Französischen Revolution, nämlich die Anerkennung der Freiheit des Individuums und des Eigentums, die Rechtsgleichheit der Menschen sowie die Trennung von Staat und Kirche, die sich für die Menschen am deutlichsten in der Einführung der Zivilehe zeigte. Als Bewohner Frankreichs mussten die Menschen allerdings auch die Lasten der Kriege tragen, mit denen Napoleon seine Vorherrschaft in Europa zu stabilisieren suchte. Als das napoleonische Frankreich militärisch niedergerungen war, wurden die annektierten linksrheinischen Gebiete den Staaten Bayern, Preußen und Hessen zugeschlagen. Diese waren nach dem Ende des Reichs nunmehr Staaten des auf dem Wiener Kongress 1815 gegründeten Deutschen Bundes.
"Ihr seid das Volk!" – der Versuch, aus Untertanen Revolutionäre machen zu wollen
"Keine erzwungenen Abgaben und Dienste mehr!" – So verheißungsvoll stellten sich die Ideen der Französischen Revolution für die den Grundherren untertane Landbevölkerung dar. Anders die Interessenlage eines großen Teils der städtischen Bevölkerung, die wie in der Residenz Mainz von den feudalen Verhältnissen durchaus profitierte. Sie teilte deshalb überwiegend auch nicht den Wunsch der Freiheitsfreunde, eine neue Gesellschaftsordnung gestalten zu können. Im Sinne der revolutionären politisch-philosophischen Lehren der Aufklärung huldigten die Anhänger der Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einem vernunftgeleiteten Modell politischen Lernens. Unter anderem sollten Publikationen eine prorevolutionäre Einstellung befördern. In Mainz erschienen nicht weniger als 7 revolutionäre Zeitungen, die teilweise mit geschliffenen Argumenten den Menschen ihre "wahre" Interessenlage darzulegen suchten. Abgesehen davon, dass breite Bevölkerungsteile damals kaum lesen konnten, unterschätzten die Reformer dabei allerdings auch die Beharrungskräfte von religiösen Überzeugungen oder die Bedeutung emotionaler Dispositionen, etwa der "Angst vor der Freiheit". Solches stieß vielmehr bei den Mainzer Jakobinern auf Unverständnis.
Schnell verloren die Jakobiner, auch getrieben von den Erwartungen in Paris, die Geduld. Nur wer einen Eid ablegte, durfte wählen. "Ich, (Name), schwöre treu zu sein dem Volke und den Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit, und entsage hierdurch feierlich dem Kurfürsten und seinem Anhang als auch allen meinen bisher genossenen Privilegien und Vorrechten." Die Unwilligen und Zögernden sollten durch Diskriminierungen und Zwangsausweisungen "bekehrt" bzw. bestraft werden. Diese "Despotie der Demokratie" (so der Historiker Franz Dumont) führte im Übrigen im Klub selbst zu Auseinandersetzungen. Kein Wunder jedenfalls, dass die Jakobiner beträchtlichen Unmut auf sich zogen, der sich nach der Eroberung von Mainz durch die fürstlichen deutschen Armeen entlud.
Georg Forster und Adam Lux – zwei Mainzer Jakobiner
Unter den Akteuren der Mainzer Republik gab es eine Reihe hervorragender Denker, Publizisten und Redner. Zwei von ihnen sollen im Folgenden näher vorgestellt werden.
Georg Forster (1754-1794) hatte sich als Entdeckungsreisender, als Ethnologe und Naturforscher sowie als Schriftsteller und Journalist bereits zu Lebzeiten international einen Namen gemacht. Forster wurde in der Nähe von Danzig geboren. Sein wichtigster Lehrer war sein umfassend gebildeter Vater, ursprünglich ein Prediger. Bereits als Zehnjähriger begleitete der Hochbegabte seinen Vater im Auftrag der Zarin auf einer Inspektionsreise zu den deutschstämmigen Siedlungen an der Wolga. In London, wohin die Familie zog, suchte der Vater Kontakt zu dem Weltumsegler James Cook. Vater und Sohn nahmen ab 1772 an dessen zweiter (drei Jahre währenden) Weltumseglung teil. Dabei betrieben sie umfangreiche Naturstudien.
1777 erschien Forsters über 1000 Seiten umfassendes Werk "A Voyage Round the World". Mit dem Erscheinen der deutschsprachigen Fassung (1778-1784) avancierte er zum bekanntesten Reiseschriftsteller seiner Zeit. Danach fand er Tätigkeiten als Lehrer bzw. Professor in Kassel und Wilna. 1788 erging an ihn der Ruf des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz, die Leitung der dortigen Universitätsbibliothek zu übernehmen. 1790 reiste er gemeinsam mit Alexander von Humboldt durch Brabant, Holland, England und Frankreich und veröffentlichte darüber ein weiteres Reisebuch.
In Mainz war Forster einer der führenden Köpfe des Jakobinerklubs wie auch des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents. Als einer der drei Gesandten, die den Konvent in Paris um die Aufnahme der Mainzer Republik in die "Frankenrepublik" ersuchen sollten, konnte er wegen der militärischen Lage nicht zurück nach Mainz. In Paris vermochte er seinen Lebensunterhalt kaum zu bestreiten. Eine angestrebte Stelle in der Nationalbibliothek blieb ihm verwehrt; er erhielt allerdings von der Revolutionsregierung kleinere diplomatische Aufträge. Die Gewalt der Jakobinerherrschaft bedrückte Forster zwar, er hielt sie allerdings für unvermeidbar, denn die Revolution empfand er als eine Naturgewalt. Am 10. Januar 1794 starb Forster vereinsamt in Paris.
Adam Lux (1766-1793) verdient Aufmerksamkeit wegen seines einzigartig kompromisslosen Eintretens für die Ideale der Französischen Revolution. In Obernburg bei Aschaffenburg geboren, fiel er bereits im Kindesalter durch hohe Intelligenz auf. Er studierte anfangs Medizin, dann Philosophie und promovierte 1784 mit der Schrift "De enthusiasmo" in lateinischer Sprache. Der junge Privatgelehrte heiratete in eine wohlhabende Familie ein, was ihm den Erwerb eines Landgutes und ein Leben im Geiste der naturphilosophischen Lehren Jean-Jacques Rousseaus ermöglichte, der seinerseits ein Wegbereiter der französischen Revolution war. Mit Begeisterung verfolgte Lux die Geschehnisse in Frankreich. Nach dem Einmarsch der Revolutionsarmee versuchte er, die Landbevölkerung für die revolutionären Ideen zu gewinnen und nahm Kontakt zu Georg Forster auf. Bald zog er mit seiner Familie nach Mainz, wurde Mitglied des Jakobinerklubs und des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents. Seine Sprachkenntnisse führten ihn an der Seite Forsters als Emissär nach Paris. Doch die dortige Schreckensherrschaft entsetzte ihn. Er wollte den Terror nicht auch nur als unvermeidliches Übel hinnehmen, sondern verurteilte ihn als Perversion der revolutionären Ideale. Mit kritischen Pamphleten (Schriften), in denen er unter anderem den Mut von Charlotte Corday, der Mörderin des einflussreichen Publizisten und radikalen Jakobiners Jean Marat, anerkannte, provozierte er die Machthabenden. Am 4. November 1793 wurde er unmittelbar nach der Urteilsverkündung hingerichtet.
Die ursprünglichen Freiheitsideale der französischen Revolution übten auch Strahlkraft auf Frauen aus, die durch ihre Geschlechtszugehörigkeit mehr noch als Männer gesellschaftlichen Zwängen unterlagen. 1792/93 lebten einige der emanzipiertesten Frauen ihrer Zeit in Mainz. Zu ihnen zählten drei sogenannte Universitätsmamsellen, Töchter aus bildungsorientierten Göttinger Professorenfamilien: Therese Heyne (1764-1829) war zeitweilig mit Georg Forster verheiratet. Als Therese Huber wurde sie eine renommierte zeitgenössische Schriftstellerin. Caroline Michaelis (1763-1809), zunächst mit ihrem Jugendfreund Johann Franz Wilhelm Böhmer, später nacheinander mit den Philosophen August Wilhelm Schlegel und Friedrich Wilhelm Schelling vermählt, war eine überzeugte Anhängerin der revolutionären Ideen. 1792/93 lebte sie, jung verwitwet und mit Georg Forster befreundet, in Mainz und geriet dort in die Kriegswirren hinein. Die Nähe zu ihrem Bruder, dem Jakobiner Georg Wedekind, hatte auch Meta Forkel-Liebeskind (1765-1853) gesucht, die eine gefragte Übersetzerin war. Auf Anregung von Georg Forster übertrug sie unter anderem die Schrift "Rights of Man" von Thomas Paine ins Deutsche, die sie eine "Urkunde der Menschheit" nannte.
Literatur: Stefan Zweig, Adam Lux. Mit Essays von Franz Dumont und Erwin Rotermund, Obernburg 2003, 208 S.; Klaus Harpprecht, Georg Forster oder Die Liebe zur Welt. Eine Biographie, Reinbek 1987, 640 S.; Eckart Kleßmann, Universitätsmamsellen. Fünf aufgeklärte Frauen zwischen Rokoko, Revolution und Romantik, Frankfurt a. M., 2008, 336 S.
Zur Wirkungsgeschichte des Mainzer Demokratieversuchs
Die Mainzer Republik von 1793 war ein erster Versuch, die Ideen der Menschenrechte, der Volkssouveränität und der demokratischen Mitbestimmung in Deutschland zu verwirklichen. Die Einschätzung seiner Wirkungsgeschichte wird erschwert durch den Umstand, dass dieser ohnehin zeitlich begrenzte Versuch in das epochale Geschehen der Französischen Revolution eingebettet war. In Frankreich hatte der Sieg des Bürgertums über die feudale politische Ordnung eine historisch neue Gesellschaftsordnung hervorgebracht. Diese "Proklamation der politischen Ordnung für die neue europäische Gesellschaft", so Karl Marx in der "Neuen Rheinischen Zeitung" vom 15. Dezember 1848, stellte somit eine existenzielle Herausforderung für alle weiterhin bestehenden feudalen oder halbfeudalen politischen Ordnungen in Europa dar. Allein in den mehr oder weniger großen Staaten des 1815 auf dem Wiener Kongress gegründeten Deutschen Bundes regierten 34 Fürsten. Sie suchten jahrzehntelang mit massiven polizeistaatlichen Maßnahmen ("System Metternich") das Herrschaftsmodell der monarchischen Souveränität mit seinem Selbstverständnis eines "Gottesgnadentums" gegen die Idee der Volkssouveränität, gestützt auf Menschen- und Bürgerrechte, zu verteidigen.
Die Idee der Volkssouveränität wurde getragen von gesellschaftlichen Gruppen, die im Geiste der Aufklärung ihre traditionelle passive Untertanenrolle aufkündigten. Dabei wandelte sich die Bedeutung des Begriffs "Bürger". Der Bürger war nun nicht mehr lediglich der Angehörige einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht (Händler, Handwerker) und der typische Stadtbewohner, sondern er war eine Person, die sich aktiv in die gesellschaftlichen und politischen Angelegenheiten einmischte und universellen menschlichen Werten von Freiheit und Gleichheit verpflichtet war. Für dieses Verständnis des engagierten Bürgers setzte sich in Frankreich mit der Revolution der Begriff "Citoyen" bzw. "Citoyenne" durch. Dort ersetzte er ab 1792 die Anredeformel Monsieur bzw. Madame. Als Gesinnungszeichen blieb der Begriff "Citoyen" in der politischen Restauration nach 1815 erhalten. Georg Büchner und gleichgesinnte Mitschüler pflegten beispielsweise den Gruß "Bonjour Citoyen".
Die "Franzosenzeit" von 1798 bis 1814 hatte auf die politischen und sozialen Gegebenheiten in Deutschland nachhaltigere Auswirkungen als die kurze Zeitspanne der Mainzer Republik. Sie brachte den linksrheinischen Gebieten einen politisch-gesellschaftlichen Modernisierungsvorsprung. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons wurden die von Frankreich annektierten linksrheinischen Gebiete den Staaten des Deutschen Bundes Bayern, Preußen bzw. Hessen zugeschlagen. Hier widersetzten sich in der Folgezeit das Bürgertum und seine Repräsentanten anhaltend den Bestrebungen der Fürsten, die freiheitlichen Rechtsgrundsätze des Code Civil rückgängig zu machen. Dies erklärt auch, warum gerade im pfälzischen Hambach, also in "Rheinbayern", 1832 die "erstepolitische Volksversammlung der neueren deutschen Geschichte" (so der erste Bundespräsident Theodor Heuss), das "Hambacher Fest", stattfinden konnte. Das französische Recht wurde unter dem Begriff "Rheinische Institutionen" bewahrt. Dieser Umstand begünstigte im Übrigen über die "Franzosenzeit" hinaus die beruflichen Betätigungsmöglichkeiten von (vormaligen) deutschen Jakobinern, soweit sie eine juristische Laufbahn eingeschlagen hatten. Im 1871 gegründeten deutschen Kaiserreich galt das "Rheinische Recht" bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1900 mithin in einem Sechstel des Staatsgebietes.
Die Lebenswege deutscher Jakobiner zeigen, wie nicht anders zu erwarten, eine Spannweite von Überzeugungstreue bis zur Distanzierung von einstigen Einstellungen. Zum Teil finden sich demokratische Überzeugungen in der familiären Generationsfolge, wie an Teilnehmern des Hambacher Festes ausgemacht werden kann. Ein Mann, dessen Lebensweg den Bogen von der Mainzer Republik bis zur Revolution von 1848/49 spannt, ist Johann Adam von Itzstein (1775-1855). Der Sohn des Direktors des Mainzer Hofgerichts besuchte Versammlungen des Mainzer Jakobinerklubs, und er erlebte die Belagerung und Rückeroberung der Stadt durch die deutschen fürstlichen Truppen, weshalb die Familie auf das Landgut Hallgarten im Rheingau floh. Mit diesen prägenden Erfahrungen nahm Itzstein seine berufliche Tätigkeit als Jurist im Staatsdienst auf. Als ihm seine freiheitlichen Überzeugungen zunehmend Schwierigkeiten einbrachten, schied er 1825 aus dem Staatsdienst aus und zog sich nach Hallgarten zurück. 1832 gehörte Itzstein zu den prominenten Teilnehmern des Hambacher Festes. Denkbar, dass dort der Plan reifte, ein möglichst breites Zusammenwirken von liberalen und demokratischen Politikern in den deutschen Staaten zu organisieren. Jedenfalls lud Itzstein in den Folgejahren Oppositionelle aus unterschiedlichen Lagern regelmäßig zum Gedankenaustausch nach Hallgarten ein, darunter Robert Blum, Johann Jacoby, Karl Mathy, Daniel Bassermann, Heinrich von Gagern, Hoffmann von Fallersleben, Ferdinand Freiligrath und Georg Herwegh. Der Hallgarten-Kreis gilt heute als eine Keimzelle der Frankfurter Nationalversammlung. Dort schloss sich Itzstein den Befürwortern einer demokratischen Republik an (Deutscher Hof). Als Teilnehmer des Rumpfparlaments galt er in der Restaurationszeit als Hochverräter. Wie schon 1793 musste er vor preußischen Truppen fliehen, nun in die Schweiz. 1850 konnte er nach Hallgarten zurückkehren.
Die "Franzosenzeit" hat in den linksrheinischen Gebieten vielfältige Spuren in der Alltagskultur hinterlassen, nicht allein sprachlich im "Kölschen" sondern zum Beispiel auch in den Karnevalsbräuchen. Während der Restaurationszeit wurde nämlich der mit der Jakobinermütze verknüpfte herrschaftskritische Impuls im rheinischen Karneval aufgegriffen. Narrenkappe und Jakobinermütze verschmolzen miteinander. Auch die Bedeutung der Zahl Elf, der traditionellen Narrenzahl, soll in einem Bezug zu den Idealen der Französischen Revolution stehen. Lassen sich die drei Buchstaben des Wortes doch aus den Anfangsbuchstaben der Losung "Egalité, Liberté, Fraternité" bilden. Der "Elferrat", das närrische Parlament, würde demnach symbolisch für ein Volkstribunal stehen.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Schweigard, Jörg: Mainzer Republik: Aufbruch am Rhein, in: Zeit online, online verfügbar seit 14.03.2028 unter: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2016/03/mainzer-republik/komplettansicht, zuletzt geprüft am 16.02.2026.
-> Jochheim, Gernot: 18. März 1793: Ausrufung der Mainzer Republik, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 20.11.2024 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/info-aktuell/195470/18-maerz-1793-ausrufung-der-mainzer-republik/, zuletzt geprüft am 22.09.2026.
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Sekundärliteratur
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