Wilhelm II.
Inhaltsverzeichnis
1. Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte.
1. Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte
Es herrscht Frieden, als der junge Hohenzoller 1888 die Herrschaft über das Deutsche Reich antritt. Glanzvoll scheint er sein Erbe zu führen, selbstbewusst und ideenreich. Doch Wilhelm II. strebt nach Größerem: Er träumt von deutscher Weltmacht. Rücksichtslos, sprunghaft und unberechenbar für Freund und Feind regiert er sein Land in den Weltkrieg – und die deutsche Monarchie in den Untergang
Auf die Stimmung Seiner Majestät ist kein Verlass. Montags fordert der Kaiser die Welt in die Schranken – dienstags verkriecht er sich vor ihr ins Bett. Heute legt er sich für die Arbeiter ins Zeug – morgen droht er, sie zusammenschießen zu lassen. Bald fuchtelt er mit dem Säbel gegen den allgegenwärtigen Feind – bald ist er „Friedenskaiser“. „Ein typischer Fall periodischen Gestörtseins“, diagnostiziert, ganz unter Kollegen, der Psychiater Emil Kraepelin. Kraepelin ist eine Koryphäe, ein führender Seelenarzt seiner Zeit. Das „periodische“ oder „circuläre Irresein“, bei dem manische und depressive Phasen sich abwechseln, hat er als Erster benannt. Bald teilen auch Zunftgenossen in München, in der Schweiz den Verdacht: Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, hat eine „maniaco-depressive Psychose“.
Er allein? Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt; zwanghaft getrieben, dann wieder starr und antriebslos – ist das nicht auch die Gemütsverfassung der Zeit, die man die wilhelminische nennt? Um die Jahrhundertwende liegt über Deutschland ein explosives Gemisch aus Endzeitstimmung und Fortschrittsglauben, aus technischem Schub und gesellschaftlichem Stillstand, aus Aufbruch und Niedergang. Das junge Reich strebt zu neuen Ufern und igelt sich dabei in Traditionen ein, greift nach den Sternen und erstarrt unter der Pickelhaube. „Höchste Reizbarkeit und Stumpfheit“ sind, so der Kulturhistoriker Egon Friedell, „die Generalzustände des Zeitalters“. Und selten hat sich eine Epoche so restlos in ihrem Monarchen dargestellt. „Wilhelm der Zweite hat jedes Mal ungehemmt nur herausgesagt, was im Hintergrunde jedes Bewusstseins war“, schreibt ein Zeitgenosse, der Schriftsteller Heinrich Mann. 1908, als die Liebe zwischen Volk und Kaiser in ernsthafte Turbulenzen gerät, ruft der Liberale Friedrich Naumann den murrenden Deutschen zu: „Dieser Kaiser, über den ihr euch aufregt, ist euer Spiegelbild!“ Ein verzerrtes, aber getreues Spiegelbild: der Kaiser, mit seinem optimistisch aufwärts gedrehten Schnurrbart und seinen traurigen blauen Augen.
Den Herrschern dieser euphorischen Jahre liegt die Trauer knapp unter der Haut. Zwar walten in ganz Europa, abgesehen von Frankreich, der Schweiz und ab 1910 auch Portugal, noch immer gekrönte Häupter, durch Familienbande eng vernetzt: Zar Nikolaus II. etwa ist Wilhelms Vetter; und Wilhelms Großmutter die legendäre Queen Victoria, deren Kinder, Enkel und Enkelinnen in fast allen Fürstenhäusern sitzen. Doch am Horizont flammen schon die Menetekel. 1867 stirbt Kaiser Maximilian in Mexiko im Feuer eines Erschießungskommandos; Bayerns König Ludwig II. und sein Bruder enden unter psychiatrischer Aufsicht. Kronprinz Rudolf von Österreich erschießt 1889 seine Geliebte, dann sich selbst; neun Jahre später erliegt seine Mutter, Kaiserin Elisabeth („Sisi“), einem Attentat. Rund um Wilhelm II. fallen Monarchen Anschlägen zum Opfer: ein Zar in Russland, ein König in Italien, einer in Serbien.
DURCH DEUTSCHLAND aber geht um die Jahrhundertwende der Ruck der Mobilität. Die Jugend zieht, aus Protest gegen bürgerliche Erstarrung, mit dem „Wandervogel“ ins Grüne, und die Arbeitskräfte wandern vom Land in die Städte, von den Feldern im Osten zu den Fabriken des Westens. Kurz nach 1900 wohnt nur noch die Hälfte der Deutschen am Ort ihrer Geburt.
1886 hat Carl Benz mit 15 Kilometern pro Stunde öffentlich das Auto-Zeitalter eingedröhnt, und zwischen 1907 und 1914 wächst im Reich die Zahl der Kraftwagen von 10 000 auf 65 000. 1891 wagt Otto Lilienthal mit seinem Fluggleiter die ersten Sprünge, 1900 steigt Graf Zeppelins Luftschiff am Bodensee auf, 1906 baut Hamburg die größte Bahnhofshalle des Planeten. Nervosität („Neurasthenie“) ist die Modekrankheit der Zeit; die „BZ am Mittag“ feiert sich als „schnellste Zeitung der Welt“. Handwerk wie Industrie bersten vor Tatendrang: Zwischen 1895 und 1913 verdoppeln sie ihre Produktion. Die Wertschöpfung der Volkswirtschaft wächst um 75 Prozent. Auch das Volk bläht sich auf, jährlich um fast eine Million.
Der Manisch-Depressive braucht ein vergöttertes Liebesobjekt, sagt die Psychoanalyse, an dessen Allmacht er teilhaben kann: Mit seinen Hoffnungen und Erwartungen formt sich das Volk einen Kaiser, in dem es seine aufgeblasene Existenz erkennt. „Dies Volk in dieser Zeit, bewusst und unbewusst“, wird der spätere Außenminister Walther Rathenau feststellen, „hat ihn so gewollt und nicht anders gewollt.“
Wie sein Reich ist ja auch der Kaiser ein Körper, der nicht still sitzen kann – laut Kraepelin „das wichtige Krankheitszeichen“ der Manie. Nicht mal die Hälfte des Jahres hält es den Monarchen in Berlin oder der Potsdamer Residenz. 51 Stationen umfasst sein Reiseplan für das Jahr 1889, nicht gerechnet die jährliche „Nordlandreise“ auf der Yacht „Hohenzollern“ in die norwegischen Fjorde, bei der er sich mit Männerfreunden umgibt und flotten Matrosen, die auch noch musikalisch sein müssen; wo er altgediente Militärs unter Rippenstößen an Deck vorturnen lässt und ihnen die Hosenträger durchschneidet; wo er mit gellenden Schreien Exzellenzen ins Nachtlager und mit Salutschüssen Weidevieh ins Wasser treibt. Mit seiner schamhaften Frau Auguste Victoria, die den Namen „Paris“ nicht aussprechen kann, ohne zu erröten, zeugt er sechs Prinzen beinahe im Jahrestakt, schließlich noch eine Prinzessin dazu.
Er spricht ohne Pause mit seiner stochernden, ruckenden Stimme, suchend und entschlossen zugleich – ein Hang zur Selbstdarstellung, den er mit seiner Generation teilt: Eine nie gesehene Welle von Autobiografien und Selbstbekenntnissen überrollt nach der Jahrhundertwende den Buchmarkt. Ohne Unterlass hält Wilhelm Paraden ab, Feste, Besichtigungen, unterschreibt fast täglich mehr als 100 Ernennungsurkunden für Offiziere und Beamte, isst wegen seiner Behinderungen am linken Arm mit einer seitlich zum Messer geschliffenen Gabel, um Zeit zu sparen. „Es ist immer was los“, staunt man im Auswärtigen Amt, „und nichts geschieht.“ Undüber alldem herrscht die Pflicht zur guten Laune: Wo Wilhelm auftritt, hat „Kaiserwetter“ zu sein. „Majestät brauchen Sonne“, heißt die Maxime, und das gilt auch für die Stimmung: „Schwarzseher dulde ich nicht!“
Das Reich gehorcht und strahlt. Es strahlt vor Sehnsucht nach Befehlen, nach Maßstäben, nach Hierarchie – jener Ordnungswahn, der nach Ansicht von Psychiatern meist dem Ausbruch der manischen Depression vorausgeht. An Deutschlands Schulen stehen die Kinder auf Kommando auf, marschieren und richten die Augen geradeaus. Diederich Heßling, in Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ der prototypische Held dieser Zeit, ist so beschaffen, „dass die Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, teilhatte, sein Stolz war“ – und dabei doch „ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt“. Auch der Kaiser ist ja ein Fantast, der als Kind gern Märchen hörte und als Erwachsener daran glaubt. Auch er hat von Geburt her oft Schmerzen im linken Ohr, dazu Gleichgewichtsstörungen und diesen verwünschten lahmen linken Arm, der 15 Zentimeter kürzer ist als der rechte. Und auch er steckt wie ganz Deutschland seit seiner frühen Kindheit in der Zwangsjacke soldatischen Drills.
Der Hang zu Uniformen und militärischem Pomp ist, sagen Ärzte, ein Merkmal der Manie – und das Kaiserreich treibt diese Vorliebe zum Exzess. Das deutsche Parlament sei die einzige Volksvertretung der Welt, mutmaßt ein Abgeordneter, in der Minister ihre Reden mit der Hand am Degen halten, und sogar die pazifistischen Sozialdemokraten pochen auf soldatische Disziplin. Der Bürger trinkt aus Tassen mit Waffenbildern, isst von Tellern mit Schlachtenszenen, schenkt zu Weihnachten den Kindern Zinnsoldaten. Der 2. September, der Gedenktag der siegreichen Schlacht gegen die Franzosen bei Sedan 1870, ist eine kollektive Orgie aus Fahnen, Paraden, Jubelgefühlen. Der Kyffhäuserbund, der Dachverband der Kriegervereine, zählt 1913 mehr als 2,8 Millionen Mitglieder – keine andere Massenbewegung kann da mithalten.
Auch der Kaiser umgibt sich mit Soldaten, vorzugsweise mit „langen Kerls“. Schon mit sechs Jahren hat „Fritzchen“, wie der kleine Wilhelm genannt wurde, das Exerzieren gelernt, ist am zehnten Geburtstag, wie jeder Preußenprinz, Leutnant geworden. Drei Monate später paradiert er zum ersten Mal vor seinem Großvater – „ein unvergesslicher Tag“. Lange zehrt er von „Kindheitserinnerungen militärischer Art“, die ihn geprägt haben: 1864 die Parade der österreichischen Truppen auf dem Weg zum Dänenkrieg; 1866 der Einzug des preußischen Heeres nach dem Sieg über Österreich; 1871, nach dem Triumph über Frankreich, der Zug seines Großvaters, des neuen Kaisers, durchs Brandenburger Tor. Wilhelm begleitete den Vater auf einem Pony.
Der Stolz mag die Qualen seiner Kindheit für einen Moment gelindert haben; die Operationen, die „Fixierungs-Gestelle“, die Kopf- und Armstreckmaschinen, mit denen sein missratener Körper in leidliche Form gebracht wurde, die Fesselung des rechten Arms, um den linken zur Aktivität zu ermuntern, die „animalischen Bäder“ der lahmen Extremität im Blut frisch geschlachteter Hasen. Mit sieben ist der kleine Wilhelm in die Obhut des calvinistischen Erziehers Georg Hinzpeter gelangt, der ihm trockenes Brot zum Frühstück verabreichte und dann zwölf Stunden Caesar und peloponnesische Kriegszüge. Der den behinderten Prinzen, blind gegen dessen Tränen, wieder und wieder aufs Pferd zwang, ohne Zaumzeug und Sattel, um ihn zur kaiserlichen Pose abzurichten. „Freudlos wie das Wesen dieses pedantischen und herben Mannes“, erinnert sich später der Kaiser, so „freudlos die Jugendzeit“.
Die Eltern haben nicht viel getan, sie ihm zu versüßen. Der Vater, Kronprinz Friedrich, mit Mitte 50 noch immer im Schatten Wilhelms I., hat seine Unzufriedenheit am Sohn ausgelassen, hat ihn missachtet, ihn vor Zeugen „unreif“ geschimpft und „urteilslos“. Wilhelms Mutter Victoria, Tochter der britischen Königin, war bei seiner schweren Geburt 18 Jahre alt und von Schmerzen zerrissen; sie schlug um sich, schrie, zerbiss ihre Finger und das Schnupftuch, das man ihr in den Mund steckte. Schließlich beendeten die Geburtshelfer ihr Toben mit Chloroform.
Uniformen und Drill geben ihm Sicherheit
Aus Anstand hantierte der Arzt unter ihrem langen Flanellrock und förderte endlich einen Säugling zutage, der „im hohen Grade scheintot“ war. Den unbrauchbaren Arm hat sie dem Sohn zeitlebens übel genommen. „Sie entzog dem Kind ihre Liebe wegen seines Gebrechens“, befindet später Sigmund Freud. „Als aus dem Kinde ein großmächtiger Mann geworden war, bewies dieser durch seine Handlungen unzweideutig, dass er der Mutter nie verziehen hatte.“
Die Mutter und ihr Mann, der britisch-liberal gesinnte Friedrich, haben ja versucht, den Sohn nicht zum Eisenfresser heranwachsen zu lassen, sondern „ihm unser britisches Unabhängigkeitsgefühl einzuflößen“, wie Victoria ihrer Mutter schrieb, dazu ein bisschen „gesunden Menschenverstand, der auf dieser Seite des Wassers so selten ist“. Wilhelm bekam Shakespeare und Dickens zu lesen, Lord Byron und Sir Walter Scott, sprach Englisch bald so mühelos wie Deutsch. Victoria bemühte sich, Wilhelm vom Hof fern zu halten, schickte ihn nach Kassel ins Internat, wollte ihn ins Ausland reisen lassen. Doch ihr Schwiegervater, der Kaiser, erhob Einspruch: Der zukünftige Herrscher sollte ein richtiger Preuße werden.
BEIM 1. GARDEREGIMENT IN POTSDAM fand der Prinz nicht nur endlich jene „Familie“, die „ich bis dahin hatte entbehren müssen“, sondern lernte auch Haltung, Härte und Hass gegen England – einen Hass, den nicht nur seine Frau teilte, die in den geistigen Grenzen des schleswig-holsteinischen Landadels aufgewachsen war, sondern mehr und mehr auch das politische Preußen.
Reichskanzler Otto von Bismarck, Gegner der „Anglo-Coburg-Partei“ der Eltern des Prinzen, die der junge Wilhelm inzwischen verächtlich „die englische Kolonie“ nannte, nahm ihn unter seine Fittiche. Er vermittelte dem Prinzen diplomatische Missionen, auf denen Wilhelm sich beim Zaren Nikolaus II. über den „falschen und intriganten“ Prince of Wales beschwerte, und ein Büro im Außenministerium, wo er „unsere Abhängigkeit von England“ beklagen lernte: War nicht Großbritannien, Welt- und Seemacht Nummer eins, deren Empire ein Viertel der Erdbevölkerung und der Landfläche des Planeten umfasste, immer schon da, wohin sich die verspätete Nation Deutschland nun auch wenden wollte?
1888 STIRBT SEIN GROSSVATER WILHELM I. mit fast 91 Jahren, bald darauf auch sein Vater: Friedrich III. hat, den Krebs im Kehlkopf, nur 99 Tage regiert. Jetzt besteigt der 29-jährige Sohn den Thron. Vor der Feier spricht Hofprediger Kögel auf Wilhelms Weisung zum Thema „Von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin“, und der neue Kaiser hält seine Thronrede in der abzeichenbestirnten Generalsuniform des Garde-du-Corps und dem selbst entworfenen roten Samtumhang des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler.
„Ich bin gesonnen, Frieden zu halten mit jedermann, so weit es an mir liegt“, sagt er. Und das Wort „mir“ betont er „so laut und schön“, wie sich ein Zeuge erinnert, „dass es wie ein elektrischer Funke durch alle Hörer fuhr“. In seinem allumarmenden Überschwang will Wilhelm die alte Zeit überwinden mit ihren Verfassungskonflikten, Kulturkämpfen, Sozialistenverfolgungen. Will ein zerrissenes Reich einen, in dem 25 Bundesstaaten, mit eigener Regierungsgewalt und sogar eigenen Außenministern versehen, auf ihre Interessen pochen, Katholiken und Protestanten einander beargwöhnen, Besitzende gegen Besitzlose stehen, die Junker im Osten gegen die Schlotbarone im Westen, der gewählte Reichstag gegen den Bundesrat mit den Vertretern der regierenden Fürsten.
Vor allem das Bürgertum teilt seine Liebe zum Militär
In Berliner Fabriken hat er als Kind erschüttert das Elend der Beschäftigten, die „zwölfstündige Arbeitszeit mit ihrem kärglichen Lohn“ und „die traurigen Wohnverhältnisse“ in den Mietskasernen registriert. „Den Schwachen und Bedrängten im Kampfe ums Dasein“ wolle er beistehen, verspricht er jetzt, zur „Ausgleichung ungesunder gesellschaftlicher Gegensätze“. Beim Streik der Ruhrmalocher 1889 schlägt er sich sogar auf deren Seite: „Die Arbeiter sind meine Untertanen, für die ich zu sorgen habe.“
Sein höchster Untertan aber, der „Eiserne Kanzler“ Otto von Bismarck, 44 Jahre älter als Wilhelm, ist ein Mann der Konfrontation. Genossen, findet er, kann man nicht „totreformieren“, sondern nur „totschießen“. Die Arbeiterschutzprojekte des Kaisers – Sonntagsruhe, Verbot der Kinderarbeit – sabotiert Bismarck, wo er kann. Er will seine „Kanzlerdiktatur“ fortsetzen, den Kaiser in Vormundschaft nehmen, wie es ihm bei Wilhelm I. oft gelungen ist. Als der Reichstag Bismarcks „Sozialistengesetz“ von 1878, das sozialdemokratische Vereine und Propaganda verbietet und die Ausweisung von SPD-Anhängern erlaubt, nicht mehr verlängern will, erwägt der Kanzler den Staatsstreich und bekommt das letzte Gefecht mit seinem Monarchen. Am 20. März 1890 entlässt der Kaiser den Kanzler. Dann kommandiert er: „Volldampf voraus!“
Voraus heißt: im Kreis. Das „Kaiserliche Jahr“ mit seinen immer wiederkehrenden Paroleausgaben und Defiliercours, seinen Geburtstagen, Krönungs- und Ordensfesten, seinen Militärparaden und Herbstmanövern, Wiesbadener Festspielen und Kieler Wochen, seinen Nordland- und Mittelmeerreisen, Ball- und Jagdsaisons hat in seiner geheiligten, rituellen Abfolge magische Züge.
Im Zeitalter von Elektrizität und Relativitätstheorie zelebriert Wilhelm das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – mit einem 62 Rangstufen umfassenden „Hof-Rang-Reglement“, mit höfischen Zeremonien, die Geisterbeschwörungen ähneln. „Der Kaiser bringt immer so ein Stück Mittelalter hinter sich her“, gruselt sich 1905 sein späterer Generalstabschef Helmuth von Moltke (der Jüngere) bei einem Hofball: „Es ist, als ob die Toten auferstehen mit Zopf und Puder.“ Und von der Magie zur Manie, vom Zyklus zur Zyklothymie, wie Emil Kraepelin die milde Form der manischdepressiven Krankheit nennt, ist es vielleicht nur ein Schritt.
Eine Macht neben sich will Wilhelm II. jedenfalls nach Bismarcks Abgang nicht mehr dulden. Der Eiserne Kanzler brauchte den Monarchen nur als romantische Fiktion, um demokratische Appetite zu zügeln – der Kaiser nimmt sich jetzt wörtlich. Zwar lässt ihm die Verfassung nur begrenzten Spielraum im politischen Tagesgeschäft: Er ernennt und entlässt die Reichsbeamten, auch den Kanzler, verkündet die Reichsgesetze und überwacht deren Ausführung, beruft Bundesrat und Bundestag ein und entscheidet über Krieg und Frieden (siehe Seite 177). Trotzdem will er jetzt mehr: Er will sein „persönliches Regiment“.
Ob er es erreicht, wird umstritten bleiben: Ist er ein Autokrat oder ein „Schattenkaiser“, ein Spielball der Machteliten? Ist er der Treibriemen eines „Königsmechanismus“, der seine Umgebung zwingt, dauernd um die Gunst der „Allerhöchsten Person“ zu buhlen – oder ist er, wie seine Feinde giften, ein Haustier der „Camarilla“, jener Herrenrunde um seinen engsten Vertrauten, Philipp Graf zu Eulenburg, der 1907 über den gerade in einer männerbündischen Welt wie dem Kaiserreich unverzeihlichen Makel der Homosexualität stürzt (und von seinem kaiserlichen Freund fallen gelassen wird)?
Fest steht: Der Monarch will Liebe. Notfalls ist er bereit, sie zu erzwingen. Als die Arbeiter seine Gefühle enttäuschen, die Sozialdemokraten 1893 von 19,7 auf 23,3 Prozent hochwählen und binnen acht Jahren mehr als 3000-mal streiken, ziehen Majestät andere Saiten auf. 1894 ist er es, der jetzt – im Einklang mit seiner hochkonservativen Umgebung – schärfere Gesetze gegen Revolutionäre fordert. Leo Graf von Caprivi, sein Kanzler nach Bismarck, lehnt, ebenso wie der Reichstag, die „Umsturzvorlage“ ab – und wird entlassen. Gegnern droht Wilhelm mit „Feuerspritzen“ und „Kartätschen“. Sozialisten will er nun „abschießen, köpfen und unschädlich machen“. Der Historiker Ludwig Quidde, dessen „Studie über römischen Cäsarenwahnsinn“ am Beispiel des Kaisers Caligula – „sprunghaft und oft widerspruchsvoll, und dazu eine höchst gefährliche Sucht, alles selbst auszuführen“ – die Deutschen allzu sehr an den eigenen Herrscher erinnert, muss für drei Monate ins Gefängnis. Noch 1934, im Exil, wird sich Wilhelms Verdruss in Gewaltfantasien entladen: „Blut muss fließen, viel Blut, bei den Offizieren und den Beamten, vor allem beim Adel, bei allen, die mich verlassen haben.“
Den Wankelmut seines Gönners hat Graf zu Eulenburg noch vor Wilhelms Thronbesteigung erahnt. „Alles im Leben trägt den Charakter von Perioden“, hat er gesagt, „auch meine Periode wird vorübergehen.“ In Perioden, so wie sie auch der Psychiater Kraepelin beschreibt, kämpft sich das Ego des Kaisers über seine Grenzen hinaus, und das Reich folgt ihm mit auf die seelische Reise: Ist nicht auch Deutschland gewaltsam und blutig geboren in drei Kriegen, reich von Geburt, doch ungeliebt von der Welt?
Weltgeltung des Reiches ist Wilhelms Ziel – dazu lässt er rüsten
Vor Wilhelm II. war Deutschland ein halbwegs genügsamer Bund aus Groß-, Mittel- und Kleinstaaten mit heimeligen Namen wie Schwarzburg-Rudolstadt, Schaumburg-Lippe, Reuß älterer und jüngerer Linie: das „Bleigewicht am Stehaufmännchen Europa“, wie Bismarck es schuf. In der Mitte des Kontinents stand ab 1882 wie ein Klotz sein „Dreibund“ aus Deutschland, Italien und Österreich-Ungarn. Dieser Bund wurde flankiert von Großbritannien (das sich 1887 durch ein Mittelmeerabkommen dem Dreibund angenähert hatte), von Russland (das sich kurz danach in einem geheimen Rückversicherungsvertrag zu „wohlwollender Neutralität“ im Kriegsfall verpflichtet hatte) und der Republik Frankreich (deren außenpolitische Isolation nach dem verlorenen Krieg durchaus im deutschen Interesse lag). Es war ein mühsam austariertes Gleichgewicht, das auch durch Bismarcks anfänglichen Verzicht auf koloniale Expansion in der Schwebe blieb.
UNTER DEM JUNGEN KAISER aber wirft Deutschland den Ballast ab und will Weltgeltung – lieber heute als morgen. Hatte noch Bismarck das Reich für „saturiert“ erklärt, meldet sich jetzt der Hunger der Ungeliebten. Zwar ist, auch dank Bismarcks Zurückhaltung, beim Verteilen der Kolonien für Deutschland nur gerade mal ein Stückchen Südsee abgefallen, dazu Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwest. Dafür drängen jetzt Stinnes, Krupp, Siemens und AEG gewaltig auf die Weltmärkte, kurbeln die Exporte an – und rufen nach dem Imperium. „Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überließ, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber“, schmettert Wilhelms späterer Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897 im Reichstag: „Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“
Hastig klaubt das Reich die letzten kolonialen Krümel auf: Kiautschou in China, in der Südsee die Karolinen, Palau und die Marianen, den Großteil Samoas. Die Kolonien sind Zuschussgeschäfte, die gerade den Bedarf an Hanf und Phosphat decken und Deutschland 1912 etwa 104 Millionen Mark Handelsvolumen einbringen, dafür aber 87 Millionen Mark Verwaltungs- und Infrastrukturkosten im Jahr – sowie das Misstrauen Großbritanniens, Russlands und der USA.
Doch die Aktivität des Reichs richtet sich nicht auf ein Ziel, sondern auf die Tat selbst – wie die Manie, in der „die motorischen Äußerungen überhaupt keine bestimmte Richtung erkennen“ lassen, wie Professor Kraepelin weiß: „Der Kranke schwelgt gewissermaßen in Bewegungen.“ Deutschland will nur dabei sein, Flagge zeigen, auch wenn es nichts zu holen gibt.
Wie ein Kreuzritter zieht Wilhelm 1898 in selbst entworfener Tropenuniform in Jerusalem ein, tappst mitten durch die politischen Vorgärten Großbritanniens und Russlands, um eine evangelische Kirche einzuweihen: Türkische Militärkapellen spielen die „Wacht am Rhein“ und „Tochter Zion, freue Dich“. Der Alldeutsche Verband, eine militant-völkische Lobby mit wenigen, dafür um so einflussreicheren Mitgliedern, posaunt mit Gloria die vage Maxime: „Weltpolitik als Aufgabe, Weltmacht als Ziel, Flotte als Instrument!“ Die Flotte ist ein Spielzeug des Kaisers. Das Festland ist zu eng für ein Ego, das ins Unbegrenzte strebt. Bei Flottenmanövern verbringt Majestät Tage an Deck, schießt „zu seinem nicht geringen Jubel“ mit Kanonen auf schwimmende Tonnen. Selbst sein Generalstabschef Alfred Graf von Waldersee fürchtet die kaiserliche „Marine Passion“: Sie sei „stärker, als für uns gut ist“.
Als Kind hat Wilhelm Seefahrerbücher verschlungen; nun entwirft er Idealschiffe, die nie gebaut werden. „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“, sagt er 1898 bei der Eröffnung des Stettiner Hafens – und im Überschwang spürt er nicht, dass die bis dato unangefochtene Seemacht Großbritannien empfindlich zusammenzuckt. Mit dem Tausch kolonialer Gebiete in Ostafrika gegen das seit 1807 britische Helgoland glaubt Wilhelm, sich „à l’amiable“ mit London arrangiert zu haben: „England kommt uns nicht trotz, sondern wegen meiner kaiserlichen Marine.“
Im Konteradmiral Alfred Tirpitz findet der Kaiser einen eifrigen Partner (siehe Seite 90). Dem schwebt die aufgerüstete Flotte nicht nur „als politischer Machtfaktor“ vor, sondern auch als „starkes Palliativ gegen gebildete und ungebildete Sozialdemokraten“ – als nationale Gemeinschaftsaufgabe, die innere Risse kitten kann. Die noch junge Seestreitkraft bietet, im Gegensatz zur vom Adel beherrschten Kavallerie, auch Bürgersöhnen die Aussicht auf militärischen Aufstieg. Industriekapitäne, Journalisten, Pastoren und Turnlehrer beten die schwimmende Macht an – und zahlen auch gern die neue Sektsteuer, die den Bau der Schiffe finanzieren helfen soll. Selbst Friedrich Naumann, der Liberale, bekennt sich in zeittypischem Mix als „Christ, Darwinist und Flottenschwärmer“. Der Flottenverein, gegründet 1898, wird zum mitgliederstärksten nationalistischen Verband, der Matrosenanzug zum beliebtesten Kleidungsstück des deutschen Knaben.
DERHANG ZUR VERKLEIDUNG ist ein Zeichen der Zeit: Nicht von ungefähr vergleicht Sigmund Freud den manischen Gemütszustand mit dem Karneval. Auch der Kaiser wechselt bis zu sechsmal am Tag die Uniform, posiert für Fotos als Großer Kurfürst und Lord Nelson, als Johanniter und russischer Infanterist; selbst sein Schreibstuhl ist von einem Pferdesattel gekrönt. „Alle Tage Maskenball“, staunt Graf zu Eulenburg, der Vertraute des Kaisers.
Auch das Volk liebt ja den Mummenschanz. Das Wort „Nachahmung“ fasst für Heinrich Mann „die ganze Leere der vierzig Jahre“ des Zweiten Reichs zusammen: „Der Bürger äffte den Ritter, beide zusammen äfften England.“ Die neuen High-Tech-Bahnhöfe verstecken sich hinter historisierenden Fassaden, die Villen der Neureichen hinter Oberflächen im barocken, romanischen, byzantinischen und Empire-Stil, der neue Reichstag, ein monumentaler Klotz, borgt sich die Pracht der heiteren Renaissance – und bleibt doch klobig und schwer. In den Opernhäusern hüllt der Komponist Richard Wagner, der „markige gewaltige Schöpfer unserer neuen germanischen Tonwelt“ (Wilhelm II.), die deutsche Seele in Nibelungengewänder. Und am 16. Oktober 1906 schlüpft der entlassene Schusterei-Arbeiter Wilhelm Voigt in eine Hauptmannsuniform vom Trödler, rekrutiert zehn preußische Gardisten, lässt den Bürgermeister von Köpenick ver-haften und beschlagnahmt die Stadtkasse mit etwas über 4000 Mark. „Famose Chose“, applaudiert sogar der Kaiser, und: „Das macht uns keiner nach!“
Sozialdemokraten sind für den Kaiser »vaterlandslose Gesellen«
„Der Bourgeois im Stechschritt, der Händler als Held, der Geschäftsreisende im Feldwebelton, der Jobber und Schnorrer mit den Gebärden Wotans“, wie der Schriftsteller Hermann Bahr seine Zeitgenossen beschreibt, wünschen sich auch ihren Kaiser als Siegfried in schimmernder Wehr. Der „Wille zur Macht“, wie eine zur Kaiserzeit erscheinende Textsammlung des 1900 gestorbenen Friedrich Nietzsche heißt, ist der Gradmesser jeden Erfolges. Das Recht des Stärkeren, kühn abgeleitet von der populären Theorie Charles Darwins, ist einer Generation, die ihre Schwächen nicht kennen will, zur Natur geworden – und Wilhelm nimmt es sich heraus, wie es ihm passt: Dem König von Bulgarien haut er öffentlich auf den Hintern, schlägt einem russischen Großfürsten den Marschallstab auf den Rücken, zwingt den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha zu Boden und setzt sich auf dessen Bauch.
Die Sorgen der Welt dürfen Wilhelm nicht bekümmern. Bismarcks Rückversicherungsvertrag mit Russland hat sein Kanzler Caprivi nicht verlängert – beleidigt rückt jetzt der Zar endgültig an Frankreich heran. Als die deutschfreundliche Burenrepublik Transvaal im goldreichen Südafrika 1895 einen englischen Umsturzversuch niederschlägt, gratuliert der Kaiser dem Burenpräsidenten Paul „Ohm“ Krüger in einem Telegramm – und stößt damit die Briten vor den Kopf. Und 1898 beschließt er gemeinsam mit dem türkischen Sultan Abdul Hamid, die anatolische Eisenbahn über Bagdad bis zum Persischen Golf zu verlängern – und erschreckt Russland wie Großbritannien, die um ihre strategischen Interessen im Orient bangen. Immer wieder schwankt Wilhelm zwischen der Liebe zum hochgemuten England, dem Stolz auf die Admiralsuniform, die ihm die Queen 1889 verlieh, den seligen Jugenderinnerungen an Schloss Windsor, wo „ich als kleiner Junge oft gespielt“ und „infolge des vielen Puddingessens mich kolossal übergeben habe“ – und dem Hass auf die englische Mutter, auf das „perfide Albion“, dessen Medizinern er vorwirft, nicht nur seine Geburt verpfuscht, sondern durch falsche Diagnosen auch den Tod Friedrichs III. beschleunigt zu haben: „Ein englischer Doktor tötete meinen Vater und ein ebensolcher verkrüppelte meinen Arm!“
Er will doch Frieden mit Oma Victoria, Onkel Edward, Vetter George – aber er hat seinen Stolz. Vorschläge zur Aufgabe der Flottenaufrüstung weist er als „Unverschämtheit“ zurück. Das Wort „Angst“, sagt er, komme im Wörterbuch des deutschen Offiziers nicht vor – und das Gefühl schlägt er tot. Er schimpft auch auf die „faulen, lügenhaften Russen“, bereit, „mit dem Ordensschwert in der nervigen Faust“ auf sie einzuhauen. Und gegen Frankreich: „Ich glaube“, sinnt er vor einer Statue des römischen Diktators in Neapel, „dass ich die Mission habe, Gallien zu zerschlagen wie Julius Caesar.“ Als Kind, erinnert er sich, habe er begeistert die Trommel gespielt, „nicht harmonisch vollendet“, doch „sehr geräuschvoll“. Nun haut er im Konzert der europäischen Eitelund Begehrlichkeiten auf die Pauke – nur leider nie im Takt. Im Sommer 1900, als chinesische Rebellen („Boxer“) ausländische Vertretungen angreifen und den deutschen Gesandten ermorden, will der Kaiser gleich ganz Peking „dem Erdboden gleichgemacht“ sehen.
In seiner „Hunnenrede“, mit der er in Bremerhaven das deutsche Expeditionskorps verabschiedet, ruft er sich zum neuen Attila aus: „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht“, dröhnt er. „Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“
Es ist nicht nackte Brutalität, die aus den kaiserlichen Tiraden spricht. Es sind Schlachtengemälde aus Worten, heroische Bilder wie jene Seestücke mit Titeln wie „Der Raddampfer ‚Hohenzollern‘ in schwerer See“, die der junge Wilhelm unter Anleitung des Marinemalers Carl Saltzmann angefertigt hat. Es ist ein Rittertraum, die edle Welt des Parzival, des Ideals seiner Jugend. Es ist der Traum einer unbefriedigten Generation, der Söhne der Sieger von 1866 und 1870, welche die Schlachten ihrer Väter nicht mehr schlagen können und die „innere Leere“, wie der zeitgenössische Publizist Bernhard Guttmann schreibt, „in romantischer Selbstvergötterung“ füllen. Es ist der Traum des Manikers, der sich als Tat tarnt. In einem Reich, in dem die königlichen Theater ein Fünftel des Hofbudgets verschlingen – „Das Theater ist auch eine meiner Waffen“, sagt der Kaiser – und auf den neuen Kinematografen gerade die Bilder laufen lernen, siegt die Illusion über die Realität. Und wo Bismarck Geschichte machte, hat Wilhelm II. Gesichte.
ES IST EIN TRAUM, aus dem der Kaiser nicht aufwachen darf. Sobald er die Rüstung für einen Moment ablegt, verhöhnen ihn die Meinungsmacher als „Wilhelm den Friedlichen“. Die Öffentlichkeit drängt den Reichstag, mehr Kriegsschiffe als geplant zu bewilligen, die Marinelobby sabotiert die Abrüstungsverhandlungen, und der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Alfred von Kiderlen-Wächter findet, „dass das Volk einen Krieg nötig hat“.
Das Militär, das als Folge der Einigungskriege von 1864, 1866 und 1871 zum Leitbild des jungen Reichs aufgestiegen ist, hat nicht nur an Masse zugelegt – von 1875 bis 1914 verdoppelt das Heer seine Mannschaftsstärke fast –, sondern auch an Einfluss. Die Kriegervereine mobilisieren den Alltag mit Umzügen, Paraden, Fahnenappellen und Bällen, und die nationalen Verbände geben den Ton dazu an, der nicht markig genug sein kann.
Die „Deutsche Kolonialgesellschaft“ giert nach Neuland in Übersee. Der Flottenverein trägt die Sehnsucht nach Seemacht, wie er sich rühmt, „bis in die kleinsten Hütten“. Der „Ostmarkenverein“ organisiert den „Volkstumskampf“ gegen die Polen in den Grenzgebieten. Und die Alldeutschen, jene hoch organisierte Meinungselite aus Oberlehrern, Professoren und Journalisten, fordern für die „germanische Rasse Ellenbogenraum“ im Osten und Südosten – „selbst wenn darüber solch minderwertige Völklein wie Tschechen, Slowenen und Slowaken“ ihr „für die Zivilisation nutzloses Dasein einbüßen sollten“. Den radikalen Nationalisten ist die Machtpolitik des Kaisers noch immer viel zu schlapp. Auch Maximilian Harden, der Herausgeber der Zeitschrift „Die Zukunft“, der den Skandal um Eulenburg auslöst, will mit dem Vorwurf der Homosexualität nicht nur den Grafen und seinen Kaiser treffen, sondern auch deren „süßliche und weibliche Politik“, die feigerweise „nicht von Weltbränden“ träumt, weil sie es auch so „schon warm genug“ hat.
Also träumt der Kaiser weiter, beschwört im Fernen Osten, als der „Boxeraufstand“ so gut wie beendet ist, „ein heißes blutiges Ringen“. Im Sommer 1903 stellt sein Freund Eulenburg fest, des Kaisers „Objektivität“ sei endgültig dahin – „die Subjektivität reitet auf einem beißenden und stampfenden Rosse“. Und die Weltmächte halten das für Politik. Das diplomatische Jonglieren mit fünf Kugeln, das Bismarck zur Meisterschaft geführt hat, ist dem Kaiser fremd: Ein Ritter schachert nicht. Nicht Geschick, sondern Stärke will er beweisen. Jetzt muss er feststellen, wie ihm ein Ball nach dem anderen entgleitet.
Wilhelms Außenpolitik ist unberechenbar
Im April 1904, drei Jahre nach dem Scheitern der letzten deutsch-englischen Koalitionsgespräche, schließen Großbritannien und Frankreich eine „Entente Cordiale“, ein „herzliches Einvernehmen“ über die Zukunft ihrer Kolonien: Großbritannien bekommt freie Hand in Ägypten, Frankreich in Marokko. Im Auswärtigen Amt zu Berlin herrscht „tiefe Niedergeschlagenheit“: Man sieht sich umzingelt. Reichskanzler von Bülow und Friedrich von Holstein, die Graue Eminenz im Außenministerium, überreden den Kaiser, auf seiner jährlichen Mittelmeerreise einen Landgang in der marokkanischen Hafenstadt Tanger zu unternehmen, um, wie Bülow drängelt, „die Gegenwart Deutschlands im Weltkonzert“ zu unterstreichen.
Wilhelm sträubt sich. Er fürchtet den „Zündstoff“, den eine solche Demonstration birgt, das offene Boot, in dem er bei bewegter See in den Hafen einschaukeln soll, „spanische Anarchisten“ und den Ritt auf einem unbekannten Araberpferd, das ihn „um ein Haar ums Leben“ bringt. Sein Opfer ist wertlos. Als im April 1906 auf deutsches Drängen im spanischen Algeciras die Welt über das Schicksal Marokkos berät, stellen sich Russland, Großbritannien, die USA und selbst das mit Berlin verbündete Italien hinter Frankreich: Deutschland und nicht der Erbfeind findet sich isoliert.
Es ist zu einem Prestigeverlust gekommen, den das Reich auch später nicht wettmachen wird, als es 1911 nach Frankreichs Besetzung der Königsstadt Fes das Kanonenboot „Panther“ vor Marokkos Küste kreuzen und in den Hafen von Agadir einlaufen lässt: Großbritannien stärkt den Franzosen auch diesmal den Rücken und lenkt die deutsche Drohgeste ins Leere. Die Alldeutschen, die, sekundiert von der Schwerindustrie, schon Südmarokko zur Kolonie erklärt haben, sehen „Schandflecke auf dem germanischen Ehrenschild“.
Den demonstrativen Landgang in Tanger hat der Kaiser nicht gewollt. Er möchte ja ein „Friedenskaiser“ sein. Schon 1905 ließ er auf eigene Faust während der Nordlandreise die „Hohenzollern“ in russische Gewässer driften, wo sie vor der Insel Björkö auf die Privatyacht von Zar Nikolaus II. traf. Aus heiterem Himmel holte Wilhelm einen Bündnisvertrag aus der Tasche, den der verdutzte Vetter unterschrieb. „Ein Wendepunkt in der Geschichte Europas“, brüstete sich Seine Majestät hinterher. Doch die Berater des Zaren erklärten das Papier für nichtig: Es verstoße gegen Russlands Verträge mit Frankreich. Und auch bei Bülow erntete der Kaiser nur Undank und ein Abschiedsgesuch: Der Vertrag, nur auf Europa beschränkt, sei nutzlos und schädlich. Wilhelm verspürte einen „fürchterlichen Stoß“. Er drohte damit, „einer schweren Nervenkrankheit anheim zu fallen“.
Jetzt scheint sich Deutschland vollends zu isolieren – zumal sich das Zarenreich im August 1907 mit Großbritannien über die Aufteilung der Interessen in Asien und Nahost verständigt. Dass der „russische Bär“ und der „englische Löwe“ je ihr historisches Misstrauen gegeneinander vergessen und Front gegen Berlin machen könnten, hat die deutsche Diplomatie stets ausgeschlossen – jetzt wittert sie „Einkreisung“. Nur noch die morsche, gleichfalls isolierte Donaumonarchie scheint es an Deutschlands Seite auszuhalten. Vor dem Reichstag bekräftigt Kanzler Fürst von Bülow die „Nibelungentreue“ zum Kaiser Franz Joseph, die das Reich schon unter Beweis gestellt hat, als die k.u.k. Monarchie Bosnien und die Herzegowina annektierte – und damit Europa an den Rand des Krieges führte. 1907 reist Kaiser Wilhelm nach London zu seinem Onkel Edward VII. (der ihn für „den glänzendsten Versager der Geschichte“ hält) und versichert, die deutsche Flotte sei nicht gegen England gerichtet. Die Universität Oxford verleiht ihm die Ehrendoktorwürde.
Ein Jahr später druckt der Londoner „Daily Telegraph“ ein Gespräch mit dem Kaiser. Die Briten lesen nicht gern, dass Wilhelm behauptet, nur dank seiner guten Ratschläge habe Großbritannien 1902 den Burenkrieg gewonnen. Russen und Franzosen lesen nicht gern, ohne Wilhelms Fürsprache hätten Paris und Petersburg sich zur Front gegen Großbritannien zusammengeschlossen. Und seine Untertanen lesen nicht gern, dass er beteuert, er halte zu Großbritannien – im Gegensatz zur Mehrheit der Deutschen.
Einen „Sturm des Volksempfindens“ konstatiert der Liberale Friedrich Naumann im Reich: Ein Desaster des „persönlichen Regiments“, moniert der Reichstag. Ein Weichling, heißt es an Stammtischen, ein Halbengländer, der sich beim Feind lieb Kind macht, statt ihm das Schwert zu zeigen! Vergebens redet sich Wilhelm heraus, sein Kanzler habe versäumt, den Text vor Abdruck zu prüfen. Er versinkt in „einer großen Depression“, wie seine Entourage bemerkt, verkriecht sich im Bett, isst allein, will niemanden sehen.
Selbst die Fuchsjagd beim Spaßvogel Max Egon zu Fürstenberg macht den Kaiser nicht froh. Immer war die Jagd für den gehetzten Monarchen der größte Trost – auch wenn Leibjäger dem behinderten Waidmann als Stütze für die „geliebte Büchse“ dienen und Gehilfen ihm das Wild zutreiben mussten. 78 330 Stück Wild bringt er im Lauf seines Lebens zur Strecke – jetzt lässt der Schwarzwald ihn kalt; die Kabarettgruppe, die den Monarchen zerstreuen soll, zieht unbelacht ab.
Im Krieg verliert Wilhelm II. Heimat und Thron
Schließlich führt Fürstenberg die bewährte Tanzeinlage des Generals Graf Dietrich von Hülsen-Haeseler, Chef des Militärkabinetts, ins Feld: Im Ballkleid der Hausherrin, einen Hut mit Straußenfedern auf dem Kopf und einen Fächer in der Hand, pirouettiert der Krieger zum Klang des Orchesters – und bricht plötzlich tot zusammen, vom Herzschlag gefällt.
Zerrüttet kehrt Wilhelm nach Potsdam zurück, wo ihn der Kronprinz „gealtert“ im Bett findet, „verlassen“ und „zusammengebrochen unter der Katastrophe“. Wilhelm verstummt. Je schärfer der Chauvinismus jetzt aus dem Reichstag schrillt, umso leiser wird der Monarch. Die Militärs, die ihn in Berlin umgeben, nutzen die Schwäche, ziehen die Zügel straff: Das „persönliche Regiment“ ist endlich vorbei.
„Das ganze Volk steht hinter mir“, sagt der Kaiser trotzig. Im Frühjahr 1913 verheiratet er die Prinzessin Victoria Luise mit dem Herzog Ernst August von Braunschweig, während im Balkan Kämpfe um die Reste des zerfallenden Osmanischen Reichs toben, die Großmächte Kriegsszenarien durchspielen und ihre Rüstungsausgaben in schwindelnde Höhen jagen. Wilhelm trägt auf dem Fest eine englische Paradeuniform, sein Vetter, der britische König George V., die Uniform eines deutschen Generals. Auch Russlands Zar Nikolaus II. bringt seine Glückwünsche. Es ist das letzte Mal, dass die drei Monarchen sich treffen.
Im Sommer, zu Wilhelms 25-jährigem Regierungsjubiläum, ziehen Vereine, Innungen, Studenten mit Musikkorps und Fahnen durch die Straßen. Die Lichtmasten tragen Kronen aus gestanztem und vergoldetem Zinkblech. Über den Magistralen Berlins schweben Girlanden und Baldachine mit Goldbuchstaben: „W II“. Und während Wilhelm in seinem blumengeschmückten Automobil durch Berlin fährt, bangt und fiebert Europa der Explosion entgegen. Krieg liegt in der Luft, die Paranoia und der Zwang zur Selbstbehauptung, die Angst und die Lust zur Aggression: Bevor der Gegner losschlägt, will man es lieber selber tun. Europas Kinos zeigen Martialisches, und auf die Frage nach seinen Reiseplänen für das Jahr 1914 – so hat Wilhelm erfahren – antwortet der Zar seinem Hofmarschall: „Ich werde in diesem Jahr zu Haus bleiben, weil wir Krieg bekommen.“
VOM TOD DES österreichischen Thronfolgers und seiner Frau in Sarajevo durch die Kugeln des bosnisch-serbischen Studenten Gavrilo Princip erfährt Wilhelm am 28. Juni 1914 auf der Kieler Woche. Er schwankt zwischen Friedenssehnsucht und Verlangen nach Sühne, gibt aber dem Wiener Sonderbeauftragten Graf Hoyos die Blankovollmacht: Es wäre schade, „wenn Österreich-Ungarn den jetzigen für sich so günstigen Moment ungenutzt ließe“, sagt er und hofft wohl, der Konflikt werde sich auf den Balkan beschränken.
Auf seiner Nordlandfahrt steht er dann an der Reling und starrt auf das Meer, in die weite, endlose Welt, die einig ist gegen Deutschland. Die Flotte, die ihm den Respekt der Welt bringen sollte, hat nur deren Hass erzeugt. „Die Hämmer, die auf den Werften von Kiel und Wilhelmshaven erklangen“, wird Winston Churchill sagen, „schmiedeten die Koalition, der Deutschland erlag“ – und die rund 14 Millionen, die durch Gas und Feuer, Hunger und Vertreibung sterben werden.
Von dem Ultimatum, das Wien den Serben am 23. Juli stellt, erfährt Wilhelm zwei Tage später – und von der Bereitschaft Russlands, den slawischen Brüdern bei einem Angriff zu Hilfe zu kommen. Bleich und verstört, von neuem am Boden, kehrt er am 27. Juli zurück nach Berlin. Die Antwort der Serben auf das Ultimatum, ein weitgehendes Entgegenkommen, gibt man ihm erst am 28. Juli, drei Tage zu spät: „Damit fällt jeder Kriegsgrund fort“, sagt der Kaiser erleichtert – doch da machen Wien und Belgrad bereits mobil. Am selben Tag erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Zar Nikolaus und Wilhelm wechseln Depeschen. „Unsere lange währende Freundschaft muss mit Gottes Hilfe dazu führen, dass ein Blutbad verhindert wird“, kabelt der Kaiser. Doch „Willys“ letztes Telegramm vom 1. August kann „Nicky“ nur noch mit der Anmerkung versehen: „Empfangen nach der Kriegserklärung.“
Vom Balkon des Berliner Schlosses aus sieht Wilhelm sein Volk wieder. „Ich kenne keine Parteien mehr“, sagt er vor dem Reichstag, „ich kenne nur noch Deutsche.“ Die Abgeordneten jubeln ihm zu wie noch nie, doch der Kaiser fällt in ein Loch. „Mein Amt ist aus“, raunt er, und Exkanzler Bülow starrt in sein „bleiches, erschrockenes“, ja, „verstörtes Antlitz“. In den Städten steigert sich derweil das Bürgertum in den Rausch. Täglich fluten 50 000 Kriegsgedichte in die Redaktionen, Männer stürmen die Rekrutierungsbüros, Soldaten tragen Blumen im Gewehrlauf – ein „gewaltiges, berauschendes Abenteuer“, wie der Dichter Carl Zuckmayer schreibt. Die Stimmung nähert sich der von Kraepelin beschriebenen „delirösen Form“ der Manie mit „Sinnestäuschungen und abenteuerlichen Wahnideen“.
„Die Einwohnerschaft fängt an, verrückt zu werden“, berichtet der Stuttgarter Polizeidirektor in einem Anruf an seine Schutzleute: „Jeder sieht in seinem Nebenmenschen einen russischen oder französischen Spion. Wolken werden für Flieger, Sterne für Luftschiffe, Fahrradlenkstangen für Bomben gehalten, Telefon- und Telegrafendrähte mitten in Stuttgart sollen zerschnitten, Spione standrechtlich erschossen und die Wasserleitungen vergiftet worden sein. Es ist nicht abzusehen, wie sich das alles gestalten soll, wenn die Zeiten wirklich einmal schwieriger werden.“ Vor dem 1. Garderegiment gibt Wilhelm, Oberster Kriegsherr, die Parole aus: „Und jetzt wollen wir sie dreschen!“ Doch es ist nicht mehr seine Armee. Seine Generäle bauen längst an einer Militärdiktatur; der Kaiser kann wenig mehr tun, als einen Kanzler nach dem anderen zu feuern.
Als das Kriegsglück sich wendet, fordert das Volk seinen Abschied; auch seine Entourage rät ihm zu. Er sträubt sich, geht „langsam zugrunde“, spielt verbissen Skat. Seit Ende Oktober 1918 meutert ausgerechnet die Flotte, und am 9. November schickt sein letzter Reichskanzler Max von Baden die Nachricht von Wilhelms Abdankung in die Welt. Der Monarch weiß von nichts. „Verrat!“, ruft er, füllt Telegrammformulare aus, wirft sie in den Papierkorb. Dann sitzt er starr in seinem Lehnstuhl am Kamin, raucht schweigend eine Zigarette nach der anderen und brütet über der Flucht. Erst im holländischen Exil, im teuer renovierten Schloss Doorn, holt ihn die Manie wieder ein. Wie besessen fällt er die Bäume im Park und sägt sie in Stücke; am 12. November 1919 erlegt er den zwölftausendsten Stamm. Auf dem Holzplatz bricht er im März 1941 ohnmächtig zusammen und erholt sich nicht mehr. Am 4. Juni stirbt er, 82 Jahre alt. Noch einmal zieht man ihn um. Aufgebahrt wird er in Generalsuniform; beim Begräbnis ist „Kaiserwetter“.
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Sekundärliteratur
-> Albig, Jörg-Uwe: Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte, in: Deutschland um 1900. Von Bismarck bis Wilhelm II. Aufstieg und Fall des Kaiserreichs (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.
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