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Romanisierung

Inhaltsverzeichnis

1. Romanisierung im Rheinland 

1. Romanisierung im Rheinland 

Ro­ma­ni­sie­rung ist ein zen­tra­les Kon­zept der al­ter­tums­wis­sen­schaft­li­chen For­schung zur Er­klä­rung der po­li­ti­schen, so­zia­len, kul­tu­rel­len und öko­no­mi­schen Wand­lungs­pro­zes­se in Ita­li­en und den Pro­vin­zen des rö­mi­schen Rei­ches in der Kai­ser­zeit. Der Be­griff wur­de um die Wen­de vom 19. zum 20. Jahr­hun­dert von Theo­dor Momm­sen und Fran­cis Ha­ver­field ge­prägt. Seit­dem hat sich das Ver­ständ­nis der Ent­wick­lun­gen in den Pro­vin­zen al­ler­dings mehr­fach grund­le­gend ge­wan­delt und bis heu­te be­steht kein Kon­sens über die Ur­sa­chen, Trä­ger und Fol­gen der Ro­ma­ni­sie­rung. Tei­le der For­schung leh­nen so­gar die Ver­wen­dung des Be­grif­fes selbst ab. Nichts­des­to­we­ni­ger ge­rät bei den vor­ge­schla­ge­nen Er­satz­be­grif­fen die ent­schei­den­de Macht, näm­lich das Im­pe­ri­um Ro­ma­num, aus dem Blick. Zwar be­trieb Rom kei­ne for­cier­te Kul­tur­po­li­tik, und vie­le Ver­än­de­run­gen sind durch das Be­stre­ben der pro­vin­zia­len Eli­ten nach An­schluss an das im­pe­ria­le Zen­trum er­klär­bar. Den­noch soll­te der Ein­fluss der kai­ser­li­chen Re­prä­sen­ta­ti­on und der rö­mi­schen Ad­mi­nis­tra­ti­on auf die Ver­hält­nis­se in den Pro­vin­zen nicht un­ter­schätzt wer­den. Da­für spricht auch, dass sich an­ti­ke Au­to­ren durch­aus der Ver­än­de­run­gen im Reich be­wusst wa­ren und die­se auf die Wir­kung Roms zu­rück­führ­ten, auch wenn sie da­für kei­nen über­ge­ord­ne­ten Be­griff kann­ten.

Weit­ge­hen­de Ei­nig­keit be­steht heu­te aber hin­sicht­lich der Chro­no­lo­gie der Ro­ma­ni­sie­rung. Um die Zei­ten­wen­de lässt sich näm­lich ei­ne Pha­se grund­le­gen­der Wand­lungs­pro­zes­se er­ken­nen, die gleich­zei­tig Rom, Ita­li­en und die Pro­vin­zen er­fass­te. In die­ser „Ro­man Cul­tu­ral Re­vo­lu­ti­on“ ent­stand ein reichs­wei­tes kul­tu­rel­les und so­zia­les Be­zugs­sys­tem.[4]  In­so­fern dür­fen die Ver­än­de­run­gen in den Pro­vin­zen nicht ein­fach als Ko­pie haupt­städ­ti­scher Ver­hält­nis­se an­ge­se­hen wer­den, die­se Ent­wick­lun­gen be­din­gen sich viel­mehr. Vor­aus­set­zun­gen für die ver­stärk­te In­te­gra­ti­on der Pro­vin­zen dürf­ten un­ter an­de­rem mit der Eta­blie­rung des rö­mi­schen Kai­ser­tums, den da­mit ein­her­ge­hen­den neu­en For­men der Reichs­ver­wal­tung so­wie der Aus­wan­de­rung und An­sied­lung von Ita­li­kern in den Pro­vin­zen zu­sam­men­hän­gen. Ent­spre­chend den je­wei­li­gen Vor­aus­set­zun­gen in den Pro­vin­zen ge­stal­te­te sich die­se for­ma­ti­ve Pha­se durch­aus un­ter­schied­lich und hat­te nicht über­all die glei­che Dau­er. Im An­schluss an die­se ers­te Pe­ri­ode gro­ßer Ver­än­de­run­gen bil­de­ten sich lang­sam dif­fe­ren­zier­te und durch­aus ei­gen­stän­di­ge rö­mi­sche Pro­vin­zi­al­kul­tu­ren aus – so auch in der Pro­vinz Ger­ma­nia In­fe­ri­or.

2. Die formative Phase: Von Augustus bis zum Bataveraufstand

2.1 Voraussetzungen und Ansiedlungen

Das Ge­biet der spä­te­ren Pro­vinz Nie­der­ger­ma­ni­en  um­fass­te west­lich be­zie­hungs­wei­se süd­lich des Rheins ge­le­ge­ne Ge­bie­te im heu­ti­gen Deutsch­land, in den Nie­der­lan­den so­wie in Nord­os­ten Bel­gi­ens. Im Sü­den bil­de­te der Vinxt­bach bei Bad Brei­sig die Gren­ze zu Ober­ger­ma­ni­en. In der Zeit vor den gal­li­schen Krie­gen Cae­sar wur­de die Re­gi­on von den Ebu­ro­nen  be­herrscht. Cae­sar (100-44 v. Chr.) zer­schlug die­sen Stam­mes­ver­band, und in der Fol­ge­zeit exis­tier­ten am Nie­der- und Mit­tel­rhein of­fen­bar kei­ne grö­ße­ren po­li­ti­schen Ver­bän­de mehr. Zu­dem ver­füg­te die Re­gi­on we­der über städ­ti­sche Ge­mein­we­sen noch über ei­ne ei­gen­stän­di­ge Schrift­kul­tur. Un­ter Au­gus­tus (63 v.-14 n. Chr., Kai­ser 31v.-14 n. Chr.), als sich die rö­mi­sche Herr­schaft am Rhein in­ten­si­vier­te, wur­de da­her ei­ne ad­mi­nis­tra­ti­ve Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Raums not­wen­dig, zu­mal von hier aus Feld­zü­ge ins rechts­rhei­ni­sche Ge­biet un­ter­nom­men wur­den, um Ger­ma­ni­en bis zur El­be zu er­obern. Dem­entspre­chend wur­den meh­re­re rechts­rhei­ni­sche Stäm­me im ehe­ma­li­gen ebu­ro­ni­schen Ge­biet an­ge­sie­delt. So er­hiel­ten die Ubier  das Ge­biet um Köln; die Cu­ge­ner, ei­ne Ab­spal­tung der Su­gam­brer, sie­del­ten bei Xan­ten, und die Can­ni­nefa­ten und Ba­ta­ver, die sich von den Chat­ten ge­trennt hat­ten, lie­ßen sich im Rhein­del­ta nie­der. Nach dem Vor­bild der ci­vi­ta­tes im In­ne­ren Gal­li­ens rich­te­te die rö­mi­sche Ver­wal­tung auch Zen­tra­lor­te für die neu­en Stäm­me ein, die eben­falls als Ver­kehrs­kno­ten­punk­te dien­ten. Als Zen­trum ei­ner ge­plan­ten gro­ß­ger­ma­ni­schen Pro­vinz, die bis zur El­be rei­chen soll­te, soll­te Köln fun­gie­ren, wo auch ein Pro­vin­zi­al­kult ein­ge­rich­tet wur­de.

2.2 Die römische Militärpräsenz und das kriegerische Selbstverständnis der Stämme

Auch wenn die Er­obe­rung der Ger­ma­nia Ma­gna schei­ter­te und zu­nächst auch im Rhein­land kei­ne ei­ge­ne Pro­vinz ein­ge­rich­tet wur­de, son­dern die Re­gi­on mit der Pro­vinz Gal­lia Bel­gi­ca ver­bun­den war, blieb den­noch die star­ke Kon­zen­tra­ti­on rö­mi­schen Mi­li­tärs be­ste­hen, da sich der Fluss nach und nach zur fes­ten Gren­ze ent­wi­ckel­te. Das rö­mi­sche Heer war zu­nächst haupt­säch­li­cher Trä­ger rö­mi­scher Kul­tur im Rhein­land. Auf­grund der Be­dürf­nis­se der Le­gio­nä­re, die zum über­wie­gen­den Teil aus Nord­ita­li­en und Süd­gal­li­en stamm­ten, wur­den zahl­rei­che me­di­ter­ra­ne Kon­sum­gü­ter wie Wein, Oli­ven­öl und Tisch­ge­schirr an den Rhein ge­bracht. Da­ne­ben kam es auch zu ei­nem star­ken Zu­fluss rö­mi­scher Mün­zen, de­rer sich of­fen­bar auch die Ein­hei­mi­schen ger­ne be­dien­ten – zu­min­dest ver­schwan­den äl­te­re Geld­sys­te­me sehr schnell. Die meis­ten In­schrif­ten der ju­lisch-clau­di­schen Zeit wur­den auch von An­ge­hö­ri­gen des Mi­li­tärs ge­setzt, die mit die­sen Mo­nu­men­ten of­fen­bar ih­ren be­son­de­ren Sta­tus in der Pro­vinz deut­lich her­vor­he­ben woll­ten.

Das rö­mi­sche Heer war aber auch der haupt­säch­li­che Mo­tor für die Ro­ma­ni­sie­rung der ger­ma­ni­schen Stäm­me. Im Ge­gen­zug für die Er­laub­nis zur An­sied­lung im rö­mi­schen Reich wa­ren die­se zur Stel­lung von Hilfs­trup­pen ver­pflich­tet, zu­gleich aber von wei­te­ren Ab­ga­ben be­freit. Die Ein­hei­ten wa­ren eth­nisch ein­heit­lich struk­tu­riert und wur­den von Ade­li­gen des Stam­mes ge­führt. Die Be­las­tung für die ger­ma­ni­schen Stäm­me war be­trächt­lich: Die Ba­ta­ver et­wa stell­ten acht oder neun Ko­hor­ten so­wie ei­ne Rei­ter­ein­heit (ala), ins­ge­samt al­so 4.500–5.000 Mann. Auch wenn zu ver­mu­ten ist, dass die Ba­ta­ver zu­dem Sol­da­ten bei den be­nach­bar­ten Stäm­men an­war­ben, kann man al­so da­von aus­ge­hen, dass je­de ba­ta­vi­sche Fa­mi­lie von den Re­kru­tie­run­gen be­trof­fen war. Den Ba­ta­vern wur­de so­gar ge­stat­tet, ihr Stam­mes­ge­biet mit der dort sta­tio­nier­ten Rei­te­ra­la selbst zu ver­tei­di­gen. Die Ko­hor­ten, die aus Fuß­sol­da­ten ge­bil­det wur­den, nah­men hin­ge­gen an ver­schie­de­nen aus­wär­ti­gen Ein­sät­zen teil und wa­ren vor al­lem län­ge­re Zeit in Bri­tan­ni­en sta­tio­niert; die Sol­da­ten kehr­ten nach ih­rem Mi­li­tär­dienst aber in die Hei­mat zu­rück.

We­gen ih­res be­son­de­ren An­se­hens wur­den Ba­ta­ver und Ubier auch be­vor­zugt in die kai­ser­li­che Leib­gar­de auf­ge­nom­men. Ar­chäo­lo­gi­sche Fun­de zei­gen zu­dem ei­ne ho­he Dich­te an Mi­li­ta­ria im Sied­lungs­be­reich der Ba­ta­ver. Zen­tra­les Merk­mal der Iden­ti­tät der männ­li­chen Ba­ta­ver war al­so ihr Selbst­ver­ständ­nis als Eli­te­sol­da­ten, das aber in die­ser Form erst in Kon­takt und Aus­tausch mit Rom ge­schaf­fen wur­de.  Nichts­des­to­we­ni­ger tru­gen die eth­ni­sche Ge­schlos­sen­heit der Ein­hei­ten und die Füh­rung durch die ei­ge­ne Eli­te zur Ei­gen­stän­dig­keit der Stäm­me bei. Auf der an­de­ren Sei­te wur­den wäh­rend des Hee­res­diens­tes die Sol­da­ten mit rö­mi­schen Kom­man­do­struk­tu­ren und In­sti­tu­tio­nen ver­traut ge­macht. Vor al­lem lern­ten sie die la­tei­ni­sche Spra­che, die sich da­her auch schnell zur Ver­kehrs- und Um­gangs­spra­che im Rhein­land ent­wi­ckel­te. Die häu­fi­gen Fun­de von Sie­gel­kap­seln zeu­gen zu­dem von ei­nem ho­hen Grad an Le­se- und Schreib­fä­hig­keit bei den Stäm­men in der Re­gi­on. Die Aris­to­kra­ten wur­den au­ßer­dem grö­ß­ten­teils mit dem rö­mi­schen Bür­ger­recht aus­ge­zeich­net und so­mit zu­sätz­lich an Rom ge­bun­den.

2.3 Die Schwächen der Integration und der Bataveraufstand

Be­zugs­punk­te des Selbst­ver­ständ­nis­ses der Stäm­me bil­de­ten al­so so­wohl Rom als auch der ei­ge­ne Stamm. So­lan­ge die­se Iden­ti­tä­ten nicht in Wi­der­spruch zu­ein­an­der ge­rie­ten, stan­den die Stäm­me loy­al zum Kai­ser. Die pre­kä­re In­te­gra­ti­on zeig­te sich al­ler­dings im Ba­ta­ver­auf­stand (69/70 n. Chr.).Im Zu­ge der Thron­wir­ren nach Ne­ros (37-68 n. Chr., Kai­ser 54-68 n. Chr.) Selbst­mord woll­te der neue Kai­ser Au­lus Vi­tel­li­us (15-69 n. Chr., Kai­ser April-22.12.69 n. Chr.) Aus­he­bun­gen im ba­ta­vi­schen Ge­biet vor­neh­men (Ja­nu­ar 69 n. Chr.), was in den Au­gen der Ba­ta­ver ei­ne Ver­let­zung der be­ste­hen­den ver­trag­li­chen Ver­hält­nis­se mit Rom bil­de­te. Die Ba­ta­ver be­trach­te­ten sich als pri­vi­le­gier­te Ver­bün­de­te, die Rö­mer sa­hen sie vor al­lem als Un­ter­ta­nen an. Vor der Er­he­bung der Ba­ta­ver war es auch schon zu Un­ru­hen bei den Frie­sen und Can­ni­nefa­ten ge­kom­men und der ba­ta­vi­sche Aris­to­krat Iu­li­us Ci­vi­lis (25-nach 70 n. Chr.), der ei­ni­ge De­mü­ti­gun­gen durch das nie­der­ger­ma­ni­sche Heer hat­te hin­neh­men müs­sen, stell­te sich rasch an die Spit­ze der Auf­stands­be­we­gung.  Die Ba­ta­ver er­grif­fen Par­tei für den Thron­prä­ten­den­ten Ves­pa­si­an (9-79 n. Chr., Kai­ser 1.7.69-23.7.79 n. Chr.) und er­hoff­ten sich vom ihm die Be­stä­ti­gung ih­rer be­son­de­ren Stel­lung. Als die Ord­nung am Rhein in­fol­ge der an­hal­ten­den Bür­ger­kriegs­si­tua­ti­on aber weit­ge­hend zu­sam­men­brach, ver­folg­ten die Auf­stän­di­schen, de­nen sich bald auch Tre­ve­rer, Lin­go­nen und so­gar rechts­rhei­ni­sche Stäm­me an­schlos­sen, bald sehr un­ter­schied­li­che, im Ein­zel­nen aber kaum noch zu re­kon­stru­ie­ren­de Zie­le – je­den­falls kam es zur Es­ka­la­ti­on des Kon­flikts.

Als Tei­le der Auf­stän­di­schen dann ent­ge­gen ei­ner eid­li­chen Zu­si­che­rung und ge­gen den Wil­len des Ba­ta­ver und ih­res An­füh­rers Iu­li­us Ci­vi­lis die rö­mi­sche Be­sat­zung des La­gers Ve­te­ra bei Xan­ten mas­sa­krier­ten (März 70 n. Chr.), schick­te Ves­pa­si­an ein gro­ßes Auf­ge­bot un­ter dem Kom­man­do von Quin­tus Pe­til­li­us Ce­ria­lis (ge­bo­ren um 30 n. Chr.) an den Rhein, der den Auf­stand rasch nie­der­schla­gen konn­te (Sep­tem­ber/Ok­to­ber 70 n. Chr.).  Die Ba­ta­ver sa­hen sich so­gar ge­zwun­gen, ih­ren Haupt­ort op­pi­dum Ba­ta­vo­r­umbei Nim­we­gen nie­der­zu­bren­nen, was zeigt, dass trotz der Be­mü­hun­gen der rö­mi­schen Ad­mi­nis­tra­ti­on die Stam­me­se­li­ten die Stadt nicht als den wich­tigs­ten Zen­tra­lort des Stam­mes be­trach­te­ten, den es um je­den Preis zu ver­tei­di­gen galt.

Nur wi­der­wil­lig hat­ten sich hin­ge­gen die Ubier dem Auf­stand an­ge­schlos­sen. Ihr Haupt­ort bil­de­te das ad­mi­nis­tra­ti­ve Zen­trum Nie­der­ger­ma­ni­ens und war des­halb schon in au­gustei­scher Zeit re­prä­sen­ta­tiv aus­ge­stal­tet wor­den. Dort hat­te Kai­ser Clau­di­us (10 v.-54 n. Chr., Kai­ser 24.1.41-54 n. Chr.) 50 n. Chr. zu­dem ei­ne Ve­te­ra­nen­ko­lo­nie mit dem Na­men Co­lo­nia Clau­dia Ara Agrip­pi­nen­si­um an­ge­legt. Die Ubier ar­ran­gier­ten sich rasch mit den Neu­an­kömm­lin­gen und bis zum En­de des 1. Jahr­hun­derts ver­schwand der Ubi­er­na­me weit­ge­hend – die Ubier wa­ren in der co­lo­nia der Agrip­pi­nen­ses auf­ge­gan­gen. Da­her wi­der­stan­den die Ubier auch der For­de­rung der Auf­stän­di­schen, al­le Rö­mer in der Stadt um­zu­brin­gen, weil sie schon längst Ehe­ge­mein­schaf­ten mit den an­ge­sie­del­ten Ve­te­ra­nen ge­schlos­sen hät­ten und aus die­sen Ver­bin­dun­gen Kin­der ent­stan­den sei­en, und nutz­ten die ers­te Ge­le­gen­heit, sich wie­der von den Auf­stän­di­schen los­zu­sa­gen.

3. Ausbildungen einer Provinzialkultur nach dem Bataveraufstand

3.1 Urbanisierung, Munizipalisierung und Gesellschaft

Nach dem Ba­ta­ver­auf­stand lässt sich kei­ne grund­sätz­li­che Ver­än­de­rung der rö­mi­schen Po­li­tik er­ken­nen. Zwar rück­te man nach und nach vom Prin­zip der eth­nisch ein­heit­li­chen mi­li­tä­ri­schen Ein­hei­ten ab, zu­nächst hat­te man aber of­fen­sicht­lich die Pri­vi­le­gi­en der Ba­ta­ver er­neu­ert. Auch ver­leg­te man je­weils ei­ne Le­gi­on in das Ge­biet der Ba­ta­ver bei Nim­we­gen und Lin­go­nen bei Mi­re­beau-sur-Bèze, ins­ge­samt sta­bi­li­sier­te sich die La­ge am Rhein aber sehr schnell und blieb bis zum 3. Jahr­hun­dert auch ru­hig. Die­se lan­ge Frie­dens­pha­se war Vor­aus­set­zung für die Aus­bil­dung ei­ner nie­der­ger­ma­ni­schen Pro­vin­zi­al­kul­tur.

Die im Ba­ta­ver­auf­stand zer­stör­ten Städ­te wur­den wie­der auf- und mo­nu­men­tal aus­ge­baut, und um 85 n. Chr. rich­te­te Kai­ser Do­mi­ti­an (51-96 n. Chr., Kai­ser 81-96 n. Chr.) Nie­der­ger­ma­ni­en und Ober­ger­ma­ni­en als re­gu­lä­re Pro­vin­zen ein. Sein Nach­fol­ger Tra­jan grün­de­te zu­dem bei Xan­ten ei­ne wei­te­re Ko­lo­nie na­mens Co­lo­nia Ul­pia Traia­na. Wie im Fall von Köln wur­den auch hier die ein­hei­mi­schen Cu­ger­ner schnell in­te­griert und bil­de­ten bald zu­sam­men mit den Ve­te­ra­nen den Ver­band der Traia­n­en­ses.

In den an­de­ren vier Selbst­ver­wal­tungs­ein­hei­ten (ci­vi­ta­tes) der Ba­ta­ver, Can­ni­nefa­ten, Fri­sia­vo­nen und Tungrer, die mög­li­cher­wei­se erst jetzt ei­ne fes­te Form er­hiel­ten, blie­ben die Stam­mes­na­men als Ei­gen­be­zeich­nun­gen be­ste­hen, auch wenn die­se Städ­te im Lau­fe des 2. Jahr­hun­derts ver­schie­de­ne Pri­vi­le­gi­en er­hiel­ten und wohl al­le zu Mu­ni­zi­pi­en er­ho­ben wur­den. Zu­dem er­hiel­ten im­mer mehr Ein­hei­mi­sche das rö­mi­sche Bür­ger­recht, bis Kai­ser Ca­ra­cal­la (188-217, Kai­ser 211-217) im Jah­re 212 es al­len Pro­vin­zia­len ver­lieh. 

Wäh­rend die bei­den co­lo­niae Köln und Xan­ten und auch Ton­ge­ren (Atua­tu­ca Tungro­rum), der Haupt­ort der Tungrer, über ein gro­ßes re­prä­sen­ta­ti­ves Stadt­zen­trum ver­füg­ten, ent­wi­ckel­ten sich die städ­ti­schen Zen­tren im Nor­den der Pro­vinz nur lang­sam und selbst Ul­pia No­vio­ma­gus Ba­ta­vo­r­um(Nim­we­gen) wur­den wohl zu kei­ner Zeit zum be­vor­zug­ten Auf­ent­halts­ort der Eli­ten. Der Haupt­ort der Can­ni­nefa­ten (Fo­rum Ha­dria­ni beim heu­ti­gen Vo­or­burg-Ar­ents­burg) wuchs so­gar nie­mals über ei­ne Grö­ße von 15 Hekt­ar hin­aus, und der Haupt­ort der Fri­sia­vo­nes bleibt bis heu­te un­be­kannt.

Aber selbst in Köln ent­wi­ckel­te sich an­ders als in den Städ­ten Ita­li­ens, Spa­ni­ens oder Nord­afri­kas we­der ei­ne stadt­bür­ger­li­che Re­prä­sen­ta­ti­ons­e­pi­gra­phik noch ein aus­ge­präg­tes Stif­ter­we­sen. De­men­spre­chend feh­len auch Hin­wei­se auf Eh­ren­mo­nu­men­te für ver­dien­te Bür­ger in den Städ­ten. Die lo­ka­len Eli­ten wa­ren of­fen­bar nicht be­reit, ih­re fi­nan­zi­el­len Mit­tel in die Aus­ge­stal­tung der Stadt zu in­ves­tie­ren. En­ga­ge­ment für die ei­ge­ne Stadt war al­ler­dings ei­ne wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für den Auf­stieg in die Reich­sa­ris­to­kra­tie. Da­her, aber auch we­gen der wei­ter­hin be­ste­hen­den star­ken mi­li­tä­ri­schen Prä­gung der Re­gi­on und ei­ner re­ser­vier­ten Hal­tung der füh­ren­den Krei­se in Rom ge­gen­über den Be­woh­nern der Grenz­pro­vin­zen, las­sen sich so gut wie kei­ne Mit­glie­der der Reich­se­li­te aus den ger­ma­ni­schen Pro­vin­zen nach­wei­sen.  Un­klar bleibt, ob die lo­ka­len Eli­ten auf­grund der schlech­ten Kar­rie­re­chan­cen kei­nen An­reiz zur In­ves­ti­ti­on in die Städ­te hat­ten oder ob die füh­ren­den Fa­mi­li­en in Nie­der­ger­ma­ni­en über­haupt we­nig an ei­nem Auf­stieg in die Reich­se­li­te in­ter­es­siert wa­ren. Mög­li­cher­wei­se be­trach­te­ten vie­le Ein­hei­mi­sche auch wei­ter­hin ei­ne Lauf­bahn im Hee­res­dienst als er­stre­bens­wer­ter.

3.2 Religion und Kulte

An­sons­ten be­dien­te man sich im 2. Jahr­hun­dert n. Chr. in zu­neh­men­dem Ma­ße rö­mi­scher For­men, In­sti­tu­tio­nen und Gü­ter. Ins­be­son­de­re im re­li­giö­sen Be­reich ist ein ste­ti­ges Wachs­tum der In­schrif­ten­pro­duk­ti­on zu er­ken­nen. Viel­fach tau­chen nun ein­hei­mi­sche Gott­hei­ten wie die Ma­tro­nen oder spe­zi­el­le For­men wie die Ju­pi­ter­gi­gan­ten­säu­len auf. Auch wenn die meis­ten die­ser Gott­hei­ten und Mo­nu­ment­ty­pen nicht vor der Mit­te des 2. Jahr­hun­derts be­legt sind, hat man es hier nicht mit ei­ner „Re­nais­sance“ al­ter Kul­te oder gar ei­ner kul­tu­rel­len Wi­der­stands­be­we­gung ge­gen Rom zu tun. Viel­mehr wur­den be­ste­hen­de ein­hei­mi­sche Kul­te nun in rö­mi­schen, reichs­weit ver­ständ­li­chen For­men ge­pflegt, die da­durch ar­chäo­lo­gisch deut­li­cher sicht­bar wer­den. So war der Tem­pel­be­zirk von Net­ters­heim in der Nord­ei­fel schon si­cher län­ge­re Zeit in Be­nut­zung, be­vor hier in der Mit­te des 2. Jahr­hun­derts ein Stein­tem­pel er­rich­tet wur­de und die Kul­t­an­hän­ger mit In­schrif­ten und Re­li­efs ver­se­he­ne Al­tä­re für die auf­a­ni­schen Ma­tro­nen auf­stell­ten.

Die so­zia­le Band­brei­te der Stif­ter von Ma­tro­nen­stei­nen war re­la­tiv groß. Nach Aus­kunft der In­schrif­ten war der Kult nicht nur bei den Ubi­ern, son­dern auch bei Mit­glie­dern der Pro­vinz­ver­wal­tung und bei An­ge­hö­ri­gen des Mi­li­tärs sehr ver­brei­tet, wo­bei al­ler­dings seit dem 2. Jahr­hun­dert oh­ne­hin vie­le Le­gio­nä­re aus der Re­gi­on selbst stamm­ten. Nichts­des­to­we­ni­ger ist der Ma­tro­nen­kult ein deut­li­cher In­di­ka­tor für das Zu­sam­men­wach­sen der un­ter­schied­li­chen Be­völ­ke­rungs­tei­le in der Pro­vinz.

Wäh­rend sich die Hei­lig­tü­mer für Ma­tro­nen grö­ß­ten­teils in länd­li­chen Ge­bie­ten be­fan­den und auf äl­te­re Tra­di­tio­nen zu­rück­gin­gen, be­schränk­te sich die re­gio­na­le Ver­brei­tung von Gott­hei­ten mit rö­mi­schen Na­men auf die städ­ti­schen Zen­tren und Mi­li­tär­la­ger, und die­se Kul­te wur­den dem­entspre­chend auch in ers­ter Li­nie von den Sol­da­ten und den be­son­ders stark ro­ma­ni­sier­ten Stadt­be­woh­nern ge­pflegt. Ein­hei­mi­sche Göt­ter er­hiel­ten je­doch auch rö­mi­sche Na­men und tru­gen da­ne­ben ein­hei­mi­sche Bei­na­men – so et­wa Her­cu­les Ma­gus­a­nus, der Haupt­gott der Ba­ta­ver. In­di­ge­ne Gott­hei­ten wur­den aber auch von hoch­ste­hen­den Per­sön­lich­kei­ten ge­ehrt: Der Prä­to­ria­ner­prä­fek­ten Ti­tus Fla­vi­us Cons­tans et­wa stell­te in Köln der nur in Nie­der­ger­ma­ni­en be­leg­ten Dea Vag­da­ver­cus­tis ei­nen Al­tar auf.

3.3 Alltagskultur

Im­mer mehr Ein­hei­mi­sche er­rich­te­ten im 2. Jahr­hun­dert auch Grab­denk­mä­ler ver­schie­de­ner For­men, die häu­fig mit In­schrif­ten ver­se­hen wa­ren. Die Tex­te sind meist sehr kurz und for­mel­haft, ent­hal­ten aber Ele­men­te wie die An­ru­fung an die Di Ma­nes, die To­ten­göt­ter, oder wei­sen auf die rö­mi­sche Pra­xis hin, sich schon zu Leb­zei­ten um die Er­rich­tung des ei­ge­nen Gra­bes ge­küm­mert zu ha­ben.[29] Auf den Grab­denk­mä­lern wa­ren die Ver­stor­be­nen ge­le­gent­lich in Re­li­efs ab­ge­bil­det. Die Por­träts kön­nen da­bei im be­grenz­ten Ma­ße Auf­schluss über die da­mals vor­herr­schen­de Tracht ge­ben. Ei­ni­ge Män­ner lie­ßen sich in ein­hei­mi­scher Klei­dung mit dem kur­zen gal­li­schen Ka­pu­zen­man­tel (cu­cul­lus) dar­stel­len, an­de­re mit der rö­mi­schen To­ga, dem Sym­bol des rö­mi­schen Bür­ger­sta­tus. Wäh­rend in der Re­gi­on um Mainz bei den Frau­en die ein­hei­mi­sche Tracht do­mi­nier­te, über­wog im Ge­biet der Ubier in Nie­der­ger­ma­ni­en das rö­mi­sche Ober­ge­wand. Ge­le­gent­lich fin­den sich aber auch Dar­stel­lun­gen von Ubie­rin­nen mit vo­lu­mi­nö­sen Kopf­be­de­ckun­gen, mit de­nen auch die Ma­tronae dar­ge­stellt wur­den. Wie häu­fig wel­che Klei­dung im All­tag ge­tra­gen wur­de und in­wie­fern mit den Klei­dungs­stü­cken ei­ne eth­ni­sche Iden­ti­tät aus­ge­drückt wur­de, lässt sich auf­grund der spär­li­chen Be­fun­de aber kaum klä­ren.

 

Die Über­nah­me rö­mi­scher Kul­tur­prak­ti­ken lässt sich auch in an­de­ren Be­rei­chen fas­sen. So zei­gen ei­ni­ge Grab­s­te­len auch Ge­la­ge­sze­nen mit Kli­nen; im­por­tier­te Gü­ter wie Oli­ven­öl, Wein und Fisch­so­ße wur­den of­fen­bar von im­mer wei­te­ren Tei­len der Be­völ­ke­rung ge­schätzt. Von der Über­nah­me rö­mi­scher Spei­se­sit­ten zeugt ne­ben der Ver­wen­dung des reichs­weit ver­wen­de­ten rot glän­zen­den Ta­fel­ge­schirrs (Ter­ra Si­gil­la­ta) auch die Ein­füh­rung von Reib­scha­len, in de­nen vor al­lem Würz­so­ßen her­ge­stellt wur­den – ei­ne Prak­tik, die in die­ser Form zu­vor bei den Gal­li­ern und Ger­ma­nen un­be­kannt war. Auch wa­ren ab dem 2. Jahr­hun­dert die Städ­te und Vil­len nicht sel­ten mit be­heiz­ba­ren Ba­de­an­la­gen aus­ge­stat­tet. Zu­min­dest die bei­den co­lo­niaeund der Haupt­ort der Ba­ta­ver ver­füg­ten zu­dem über ein Am­phi­thea­ter zur Ab­hal­tung von Tier­hat­zen und Gla­dia­to­ren­kämp­fen.

3.4 Wirtschaft und Villenkultur

So­wohl vor als auch nach der rö­mi­schen Er­obe­rung bil­de­te die Land­wirt­schaft die Grund­la­ge der Wirt­schaft. Durch die rö­mi­sche Herr­schaft ver­än­der­ten sich je­doch die Rah­men­be­din­gun­gen der Pro­duk­ti­on er­heb­lich und neue Me­tho­den und Prak­ti­ken wur­den ein­ge­führt, die zu ei­nem Über­gang von der Selbst­ver­sor­gung zur Über­schuss­pro­duk­ti­on führ­ten. Die­se zu­sätz­li­chen Le­bens­mit­tel wa­ren auch zen­tra­le Vor­aus­set­zung für den Un­ter­halt der neu­en Städ­te und vor al­lem des Mi­li­tärs, das enor­me Men­gen an Kon­sum­gü­tern be­nö­tig­te.

Al­ler­dings zei­gen sich deut­li­che re­gio­na­le Un­ter­schie­de. In der frucht­ba­ren Löss­zo­ne im Sü­den der Pro­vinz leg­te man in der ho­hen Kai­ser­zeit zahl­rei­che vil­lae rusti­cae an, die un­ter­schied­li­che Grö­ße und For­men an­nah­men und bei de­nen es sich teils um Neu­bau­ten, teils um Um- und Aus­bau­ten be­ste­hen­der Ge­höf­te han­del­te. Meist wa­ren die Haupt­ge­bäu­de ab dem 2. Jahr­hun­dert aber mit Stein­f­un­da­men­ten und ver­putz­ten Fach­werk­wän­den aus­ge­stat­tet, und grö­ße­re Vil­len ver­füg­ten über re­prä­sen­ta­ti­ve Wohn­räu­me mit Mo­sai­ken und Wand­ma­le­rei­en. Durch die Häu­fung an Vil­len be­kam der länd­li­che Raum in die­ser Re­gi­on ei­ne star­ke rö­mi­sche Prä­gung. Hin­ge­gen wur­de in den nörd­li­chen Ge­bie­ten vor al­lem Vieh­zucht be­trie­ben und grö­ße­re Hal­len­häu­ser und ein­fa­che Wohn­stall­häu­ser aus Holz do­mi­nier­ten die Land­schaft. Die her­ge­brach­te Bau­wei­se be­stand hier al­so fort, und rö­mi­sche Ar­chi­tek­tur­for­men gab es fast aus­schlie­ß­lich in den Zen­tra­lor­ten. Ob die ge­rin­ge Ver­brei­tung von Vil­len im Nor­den nur auf die schlech­te­re Bo­den­qua­li­tät in die­ser Re­gi­on zu­rück­zu­füh­ren ist oder ob bei der lo­ka­len Be­völ­ke­rung die rö­mi­sche Vil­len­kul­tur we­ni­ger An­klang fand, bleibt un­klar.

Schon in ju­lisch-clau­di­scher Zeit lässt in der Nä­he der Le­gi­ons­la­ger die Ent­ste­hung ei­nes dif­fe­ren­zier­ten Hand­werks er­ken­nen, das sich an den Be­dürf­nis­sen des Mi­li­tärs ori­en­tier­te. Weil das rö­mi­sche Heer auch sehr schnell ein Sys­tem von Stra­ßen auf­bau­te und vor al­lem die Flüs­se als Ver­kehrs­we­ge ge­nutzt wur­den, konn­ten auch zahl­rei­che Kon­sum­gü­ter aus dem me­di­ter­ra­nen Raum an den Rhein ge­bracht wer­den. Bald wur­den auch hand­werk­li­che Pro­duk­te wie Tisch­ge­schirr nach rö­mi­schem Ge­schmack in Köln und an­de­ren Städ­ten Ger­ma­ni­ens pro­du­ziert. Für den ger­ma­ni­schen Raum ent­wi­ckel­te sich im 2. und 3. Jahr­hun­dert das heu­ti­ge Rheinz­a­bern in Ober­ger­ma­ni­en zum wich­tigs­ten Pro­duk­ti­ons­ort von Ter­ra Si­gil­la­ta-Ke­ra­mik. Köln selbst wur­de in der glei­chen Zeit das be­deu­tends­te Zen­trum der Glas­ma­che­rei im ge­sam­ten Wes­ten des Rei­ches.Die kunst­vol­len Trink­ge­fä­ße wur­den weit­hin ex­por­tiert, so­gar im rechts­rhei­ni­schen Ger­ma­ni­en und in Ägyp­ten hat man Ex­em­pla­re ge­fun­den. Die­se Han­dels­be­zie­hun­gen zei­gen die weit­rei­chen­de In­te­gra­ti­on des Rhein­lan­des in das Aus­tausch­sys­tem des Im­pe­ri­um Ro­ma­num, des­sen Funk­ti­ons­tüch­tig­keit die Vor­aus­set­zung für die Ent­ste­hung so spe­zia­li­sier­ter Hand­werks­be­trie­be war.

 

4. Ausblick

Um die Mit­te des 3. Jahr­hun­derts kam es im­mer häu­fi­ger zu ger­ma­ni­schen Ein­fäl­len neu­ar­ti­ger Grup­pen in das Ge­biet der Pro­vinz. Die Be­dro­hung durch Fran­ken und Ale­man­nen, die sich aus klei­ne­ren Stäm­men zu grö­ße­ren, aber äu­ßerst mo­bi­len Krie­ger­ver­bän­den zu­sam­men­ge­schlos­sen hat­ten, zwan­gen die Rö­mer zur Re­or­ga­ni­sa­ti­on ih­rer Grenz­ver­tei­di­gung und der Pro­vinz­ver­wal­tung. So wur­den die Städ­te und Sied­lun­gen stär­ker be­fes­tigt und das Wirt­schafts­le­ben wie­der stär­ker an den Be­dürf­nis­sen des Mi­li­tärs und der Ver­wal­tung aus­ge­rich­tet. Wäh­rend die Fran­ken zu­nächst nur Plün­de­rungs­zü­ge un­ter­nah­men, ver­such­ten sie im 4. Jahr­hun­dert im­mer häu­fi­ger, auch Land in Be­sitz zu neh­men. Um die­se Be­we­gun­gen zu kon­trol­lie­ren und zu steu­ern, sie­del­ten ver­schie­de­ne Kai­ser dann auch ge­zielt frän­ki­sche Grup­pen an und ver­pflich­te­ten sie zum Hee­res­dienst.


Ins­be­son­de­re in den nörd­li­chen Tei­len der Pro­vinz ver­schärf­te sich die Be­dro­hungs­la­ge für die ein­hei­mi­sche Be­völ­ke­rung zu­se­hends, so­dass Nim­we­gen (Ul­pia No­vio­ma­gus Ba­ta­vo­r­um) und an­de­re Sied­lun­gen of­fen­bar im spä­te­ren vier­ten und 5. Jahr­hun­dert auf­ge­ge­ben wur­de. Auch die Co­lo­nia Ul­pia Traia­na, die zum ers­ten Mal be­reits 275 n. Chr. zer­stört und nur in we­sent­lich klei­ne­rem Ma­ße wie­der­auf­ge­baut wur­de, wur­de En­de des 4. Jahr­hun­derts weit­ge­hend ver­las­sen. Durch den stän­di­gen Zu­zug rechts­rhei­ni­scher Ger­ma­nen und die Flucht von Orts­an­säs­si­gen ver­än­der­te sich auch die Be­völ­ke­rungs­zu­sam­men­set­zung, und die al­ten Stam­mes­na­men tau­chen im 5. Jahr­hun­dert nicht mehr auf. Die Ein­woh­ner ver­stan­den sich im zu­neh­men­den Ma­ße als Fran­ken und spra­chen bald auch ei­ne ger­ma­ni­sche Spra­che. Lang­sa­mer ver­lief die „Fran­ki­sie­run­g“ im Raum von Köln. Die Stadt blieb ein be­deu­ten­des Zen­trum und wur­de ein wich­ti­ger Mit­tel­punkt des Chris­ten­tums. Ent­spre­chend lan­ge las­sen sich hier ro­ma­ni­sche Tra­di­tio­nen fas­sen – nichts­des­to­we­ni­ger ver­schmol­zen letzt­lich auch hier die Ein­hei­mi­schen mit den Neu­an­kömm­lin­gen zur neu­en Ein­heit der Fran­ken, die seit Kö­nig Chlod­wig (cir­ca 481/482–511 n. Chr.) auch in ei­nem Reich ver­eint wa­ren. 

5. Zusammenfassung

Prä­gen­de Fak­to­ren der Ro­ma­ni­sie­rung im Rhein­land wa­ren die Ein­grif­fe der rö­mi­schen Ad­mi­nis­tra­ti­on in au­gustei­scher Zeit, die gro­ße Kon­zen­tra­ti­on von Mi­li­tär so­wie die Grenz­la­ge der Pro­vinz. Un­ter Au­gus­tus wa­ren die rö­mi­schen Macht­ha­ber dar­um be­müht, die Re­gi­on durch ge­ziel­te Um­sied­lun­gen und den Aus­bau ur­ba­ner Zen­tren be­herrsch­bar zu ma­chen und mit­hil­fe der an­ge­sie­del­ten Stäm­me die Re­gi­on zu si­chern. Weil die­sen im Ge­gen­zug um­fang­rei­che Pri­vi­le­gi­en ge­währt wur­den, be­hiel­ten sie ih­re eth­ni­sche Ei­gen­stän­dig­keit und bil­de­ten ein star­kes krie­ge­ri­sches Selbst­be­wusst­sein aus. Die Schwä­chen die­ser mi­li­tä­ri­schen In­te­gra­ti­on zeig­ten sich im Bür­ger­krieg nach dem Tod Ne­ros.

Erst die lan­ge Frie­dens­pha­se nach dem Ba­ta­ver­auf­stand er­mög­lich­te die Aus­bil­dung ei­ner ei­gen­stän­di­gen Pro­vinz­kul­tur. Die Mi­li­tär­prä­senz und die Grenz­la­ge blie­ben prä­gen­de Fak­to­ren, doch ent­wi­ckel­te sich da­ne­ben zu­min­dest im Raum von Köln ei­ne zi­vi­le Stadt- und Vil­len­kul­tur. Ins­be­son­de­re im Nor­den der Pro­vinz wur­de die Stadt aber nie zur be­vor­zug­ten Le­bens­form der Ein­hei­mi­schen und ih­rer Eli­ten, wie auch die schnel­le Auf­ga­be der ur­ba­nen Zen­tren und der grö­ße­ren Sied­lun­gen im vier­ten und frü­hen 5. Jahr­hun­dert zeigt. Nichts­des­to­we­ni­ger be­dien­te man sich in al­len Le­bens­be­rei­chen ab dem 2. Jahr­hun­dert im­mer stär­ker rö­mi­scher For­men, Gü­ter und In­sti­tu­tio­nen. Ent­spre­chend ent­wi­ckel­te sich ein spe­zia­li­sier­tes Hand­werk, des­sen Pro­duk­te zum Teil weit­hin ex­por­tiert wur­den.

Wäh­rend häu­fig ei­ne di­rek­te Über­nah­me oder An­pas­sung rö­mi­scher Ge­pflo­gen­hei­ten an lo­ka­le Ver­hält­nis­se zu er­ken­nen ist, weist ins­be­son­de­re der re­li­giö­se Be­reich ein ei­gen­stän­di­ges Pro­fil auf. Hier wur­den be­ste­hen­de Kul­te nun in rö­mi­schen For­men ze­le­briert, wo­durch ganz neue Mo­nu­m­ent­gat­tun­gen ent­stan­den, die so nur in den ger­ma­ni­schen Pro­vin­zen zu fin­den sind. Ab­seits der Ko­lo­ni­en blie­ben zu­dem die Stam­me­si­den­ti­tä­ten in­takt, auch wenn sich die Stäm­me nun im­mer we­ni­ger als aus­wär­ti­ge Part­ner, son­dern als An­ge­hö­ri­ge des Reichs, al­so als Rö­mer ver­stan­den. Das Rhein­land im 2. und 3. Jahr­hun­dert war fest in­te­griert in das kul­tu­rel­le und öko­no­mi­sche Sys­tem des Im­pe­ri­um Ro­ma­num.

Den­noch lag die Pro­vinz Ger­ma­nia In­fe­ri­or an der äu­ßers­ten Pe­ri­phe­rie des rö­mi­schen Reichs: Aris­to­kra­ten aus der Re­gi­on ge­lang so gut wie nie der Sprung in das Zen­trum der Macht, und den Städ­ten fehl­ten der Glanz und die Mo­nu­men­ta­li­tät der Me­tro­po­len des Mit­tel­meer­raums. Auch war die Re­gi­on in der Spät­an­ti­ke im be­son­de­ren Ma­ße von der sich zu­spit­zen­den äu­ße­ren Be­dro­hung durch neu­ar­ti­ge Stam­mes­ver­bän­de er­fasst und wur­de als ei­ne der ers­ten Pro­vin­zen An­fang des 5. Jahr­hun­derts fak­tisch auf­ge­ge­ben. Dass sich im Rhein­land ei­ne ger­ma­ni­sche und nicht ei­ne ro­ma­ni­sche Spra­che durch­setz­te, liegt aber nicht an ei­ner nur ober­fläch­li­chen Ro­ma­ni­sie­rung der Be­völ­ke­rung, son­dern an ei­nem mas­si­ven Be­völ­ke­rungs­um­bruch in der un­si­che­ren Zeit des spä­ten 4. und 5. Jahr­hun­derts.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Gilhaus, Lennart, Romanisierung im Rheinland, in: Internetportal Rheinische Geschichte, online verfügbar seit 28.08.2017 unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/romanisierung-im-rheinland/DE-2086/lido/5b0541652102f3.51051923, zuletzt geprüft am 15.04.2025.

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Sekundärliteratur

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