Aufstieg der Nationalsozialisten
Inhaltsverzeichnis
1. München unter dem Hakenkreuz
1. München unter dem Hakenkreuz
Niemand beschimpft die Weimarer Republik so hasserfüllt wie Adolf Hitler. Am 8. November 1923 versucht der Vorsitzende der rechtsextremen NSDAP, mit seinen Gefolgsleuten Bayerns Regierung zu stürzen, um anschließend gegen Berlin zu marschieren. Der Staatsstreich scheitert – und wird doch zum Triumph
Adolf Hitler will sich umbringen. Es ist der 11. November 1923, und die Polizei wartet vor der Tür. Der per Haftbefehl gesuchte Aufrührer, der drei Tage zuvor versucht hat, Bayerns Regierung zu stürzen, hat sich in der Villa seiner Gönnerin Helene Hanfstaengl am Staffelsee versteckt. Vergebens, die Ordnungshüter haben ihn gefunden. Hysterisch schreit Hitler mit dem Revolver in der Hand: „Das ist das Ende! Mich von diesen Schweinen verhaften lassen – niemals! Lieber tot!“ So zumindest wird es Helene Hanfstaengl später berichten. Der Putschversuch des 34-Jährigen war als Startsignal für einen „Marsch auf Berlin“ gedacht, bei dem die Weimarer Republik zu Fall gebracht werden sollte. Doch sein Coup scheiterte bereits am Münchner Odeonsplatz. Im Handgemenge hat er sich die Schulter ausgerenkt. Unter starken Schmerzen ist er in die 70 Kilometer entfernte Villa geflohen. Doch die Behörden haben kaum mehr als 48 Stunden gebraucht, um ihn dort ausfindig zu machen. Nun stehen die Polizisten vor der Tür.
Hitlers Gastgeberin ist eine Amerikanerin mit deutschen Wurzeln. Ihr Mann Ernst, Sohn einer wohlhabenden Münchner Verlegerfamilie, hat einige Jahre lang in New York gelebt. Das Ehepaar gehört zur Münchner High Society, unterstützt offen Hitlers Partei. Und es ist Helene Hanfstaengl, die in diesem Moment Entschlossenheit zeigt. Mit einer schnellen Bewegung entwindet sie dem Rasenden die Waffe (so jedenfalls stellt sie es später dar). Sie lässt den Kommandeur der Polizeitruppe ins Haus und führt ihn zu Hitler, der einen weißen Schlafanzug trägt, den lädierten Arm in eine Schlinge gesteckt. Sein Widerstandsgeist ist gebrochen. Als ihm der Polizist erklärt, er wolle ihn verhaften, reicht Hitler ihm höflich die Hand und bittet darum, vor Anpöbelungen geschützt zu werden.
Auf der Straße nimmt ihn das Polizeikommando in Empfang. Ziel ist das Gefängnis in Landsberg. In diesem Moment scheint die politische Laufbahn des NSDAP-Chefs beendet zu sein. Ihm drohen ein Verfahren wegen Hochverrats und die Abschiebung in sein Heimatland Österreich.
Tatsächlich aber ist dies erst der Anfang seiner Karriere. Denn Bayerns Justiz wird dafür sorgen, dass der Prozess gegen Adolf Hitler zum Startpunkt seines unglaublichen Aufstiegs gerät.
LANGE HAT HITLER nach Menschen gesucht, die seiner Wut zuhören: als 20-Jähriger in einem Männerheim in Wien, später in Münchner Cafés, wo es den erwerbslosen Österreicher 1913 hinzog, dann in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Doch Publikum für seine Tiraden fand er kaum. Bis sich ihm in Bayern nach Krieg und sozialistischer Revolution ideale Umstände bieten. Im April 1919 ist das bayerische Bürgertum schockiert von der Machtübernahme linker Arbeiter- und Soldatenräte, die eine eigene Republik ausrufen (siehe Seite 88). Entsprechend erleichtert sind weite Teile der Münchner Gesellschaft, als paramilitärische Freikorps-Einheiten in die Stadt einrücken und das kommunistische Treiben brutal beenden. Für das Chaos in der Stadt machen sie andere verantwortlich: „landfremde Elemente“, Juden, Marxisten. Die rechten Truppen werden als Heilsbringer gefeiert.
Den meisten Bürgern ist nach den Schreckenstagen des kurzen kommunistischen Putsches alles recht, um eine erneute linke Machtübernahme zu verhindern. Viele verängstigte Münchner sympathisieren mit den radikalen Nationalisten. Denn nur ihnen trauen sie zu, die Kommunisten in Schach zu halten. Die vor dem Ersten Weltkrieg eher liberale Stadt entwickelt sich zum Zentrum rechtsradikaler Kräfte. Dazu trägt eine Generation junger Männer bei, die wie Hitler fanatisiert und voller Hass aus dem Krieg zurückkehren. Hinzu kommt, dass die Landesregierung alles tut, um die Rechtsradikalen zu unterstützen. 1920 wird ein überzeugter Monarchist bayerischer Ministerpräsident. Gustav Ritter von Kahr erklärt Bayern umgehend zu einem Ort, an dem all jene willkommen sind, die die Weimarer Demokratie ablehnen.
In Bayern sind sie sicher. Selbst jene Reichswehroffiziere, die sich 1920 an einem gescheiterten Putsch gegen die demokratisch gewählte Reichsregierung beteiligt haben, können sich hier frei bewegen. Mehr als 70 „völkische“ Gruppierungen gibt es 1920 in Deutschland, 15 davon in München. Ihre Mitglieder glauben an die Überlegenheit der „deutschen Rasse“, sie hassen alles Jüdische und verabscheuen den Marxismus. Zuspruch gibt es genug: Die wohlsituierten Mitglieder der geheimen „Thule-Gesellschaft“ etwa überlegen, wie man die Münchner Arbeiterklasse von einem nationalen Sozialismus überzeugen könnte. Die antidemokratische Terrortruppe „Organisation Consul“ plant in der bayerischen Hauptstadt die Ermordung des Außenministers Walther Rathenau (und verübt das Attentat im Juni 1922). Und wenn im „Kindlkeller“ gegen Juden gehetzt wird, ist die Bierhalle voll bis auf den letzten Platz: 7000 Menschen, vereint im Hass.
Aber noch gibt es niemanden, der all diese Bemühungen bündelt. Keinen Anführer. Noch nicht. Es ist Hitlers rhetorisches Talent, das ihn in den drei Jahren nach Kriegsende in München bekannt macht. Damit fällt er bereits in der Armee auf. Als er im Juli 1919 an einer Schulung der Nachrichten-Abteilung der Reichswehr teilnimmt, bei der die Armee Kriegsheimkehrer wie ihn gegen sozialistische Gedanken immunisieren will, sticht er durch besonderen politischen Eifer hervor. Bereits einen Monat später setzt ihn die Reichswehr bei einer weiteren Schulung als Ausbilder ein. Dort hält er das erste Mal in seinem Leben Reden vor einer größeren Menschenmenge.
Hitlers Ton begeistert die Zuhörer
Die Veteranen lassen sich begeistern von seinem radikalen Ton, von seinem Hass auf Juden. Hitlers „Fanatismus“ habe sie zur Aufmerksamkeit geradezu gezwungen, erinnert sich ein Zuhörer. Der 30-jährige österreichische Gefreite entdeckt seine Begabung: Er kann Menschen durch seine Sprache erreichen. Mehr noch, er kann sie mitreißen.
Von der Reichswehr wird er nun als nationalistischer „Aufklärungsredner“ eingesetzt. Und findet schnell eine politische Heimat: Im September 1919 observiert er als Agent der Reichswehr ein Treffen der völkischen „Deutschen Arbeiterpartei“ – und meldet sich prompt zu Wort. Er redet sich dabei derart in Rage, dass der Parteivorsitzende Anton Drexler hinterher meint: „Mensch, der hat a Gosch’n, denn kunnt ma braucha.“
Hitler lässt sich nicht lange bitten. Einige Tage nach dem Treffen tritt er in die Partei ein, Mitgliedsnummer 555 (die DAP hat ihre Zählung bei 500 begonnen, um größer zu erscheinen). Sie konkurriert zu jener Zeit mit Münchens anderen völkischen Gruppierungen. Nur wenig deutet darauf hin, dass sie schon bald die dominierende rechtsradikale Kraft sein wird.
Wenn es für die DAP eine Hoffnung gibt, dann ist es der Rhetoriker Hitlers: 1920 wird er zu ihrem wichtigsten Bierkeller-Redner. Anfangs spricht er in kleineren Lokalen vor ein paar Hundert Leuten. Im Februar 1920 wagt die Partei eine erste Großveranstaltung im „Hofbräuhaus“. Es kommen 2000 Menschen. Und es wird stürmisch gejubelt, als Hitler gegen Juden hetzt und gegen den Versailler Vertrag und schließlich verkündet: „Unsere Parole heißt nur Kampf.“
Von nun an ist er für die Partei – die sich jetzt Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei nennt – nahezu unverzichtbar. Ab April 1920 ist die Agitation für die NSDAP und gegen die verhasste Weimarer Republik seine Hauptaufgabe, die Reichswehr hat er verlassen. Immer mehr Menschen strömen in den folgenden Monaten in die Bierkeller und Hallen, um ihn, den schärfsten Hetzer gegen „jüdische Halsabschneider und Profiteure“, zu hören. Die 6000 Sitze des „ Circus Krone“ füllt er bald mühelos.
Zudem findet Hitler wohlhabende Unterstützer. Viele geben Geld, laden ihn ein zu ihren Soireen in den Salons der feineren Münchner Gesellschaft, wo er sich anfangs noch etwas ungelenk anstellt, aber als Kuriosum umschwärmt wird. Im Juli 1921 fordert er schließlich den Parteivorsitz mit „diktatorischer Machtbefugnis“. Die bisherigen Anführer der NSDAP fürchten, ihren wichtigsten Agitator zu verlieren, wenn sie ihm nicht nachgeben – und stimmen zu. Die NSDAP zieht derweil immer mehr Mitglieder an und bleibt dennoch nur eine von vielen rechten Gruppen in Deutschland und ist zudem außerhalb des Freistaates kaum bekannt.
Auch ihre Kampfmiliz, die Sturmabteilung (SA), ist im Vergleich mit anderen bewaffneten Gruppen in Bayern, die teilweise Zehntausende Mann unter Waffen haben, eher klein. Hitler selbst sieht sich anfangs offenbar nicht als den künftigen Führer. In einer Rede im Mai 1923 erklärt er: „Unsere Aufgabe ist, dem Diktator, wenn er kommt, ein Volk zu geben, das reif ist für ihn.“
All das ändert sich im November 1923. Vier Jahre nach Gründung der Weimarer Republik ist die politische Stimmung in Deutschland extrem angespannt. Französische und belgische Truppen haben Anfang des Jahres das Ruhrgebiet besetzt, da Deutschland mit Reparationszahlungen für die Schäden im Ersten Weltkrieg in Rückstand geraten ist. Viele Bürger sind wütend, sie fühlen sich durch den Einmarsch in ihrer nationalen Ehre verletzt.
Zudem befindet sich Deutschland in einer Wirtschaftskrise. Die Inflation ist außer Kontrolle geraten. Ein Dollar ist Anfang November 1923 mehr als 418 Milliarden Mark wert. Für einen Laib Brot bezahlt man 5,6 Milliarden Mark. In Bayern ruft die Regierung den Ausnahmezustand aus und setzt den früheren Ministerpräsidenten Gustav Ritter von Kahr als Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten ein.
In dieser instabilen politischen Lage sehen die Nationalsozialisten ihre Chance für einen Umsturz gekommen. Hitler braucht Verbündete, um die Wut der Menschen auszunutzen. Die NSDAP zählt zwar immerhin schon 55.000 Mitglieder, hat aber noch nie an einer Wahl teilgenommen. Am 7. November 1923 erfährt er, dass die drei mächtigsten Männer Bayerns am nächsten Tag bei einer politischen Veranstaltung im Münchner „Bürgerbräukeller“ sein werden: Generalstaatskommissar von Kahr, Otto von Lossow, der Kommandeur der Reichswehr in Bayern, und Hans von Seißer, Chef der bayerischen Landespolizei.
Hitler fasst einen Plan: Er will diese Männer zur Rebellion gegen Berlin zwingen – indem er sie als Geiseln nimmt.
Der Richter zeigt viel Verständnis
Am Abend des 8. November marschiert er mit bewaffneten SA-Männern in den mit 3000 Zuschauern besetzten „Bürgerbräukeller“, droht Kahr, Lossow und Seißer mit deren Ermordung und bringt sie tatsächlich dazu, per Handschlag im aufgehetzten Saal einer nationalen Revolution zuzustimmen. Aber als die drei in der Nacht freigelassen werden, ignorieren sie das ihnen abgepresste Versprechen und befehlen loyale Reichswehrtruppen aus ganz Bayern zur Unterstützung der Münchner Polizei herbei. Die ersten Putschisten werden noch vor Mitternacht festgenommen.
Hitler sieht am nächsten Morgen seine einzige Chance in einem Marsch durch München mit 2000 Anhängern, der die Bevölkerung mobilisieren soll. Doch schon am Odeonsplatz werden die Männer von bewaffneten Polizisten gestoppt. 30 Sekunden dauert der Schusswechsel, dann liegen 13 Gefolgsleute Hitlers sowie vier Polizeibeamte und ein Passant tot am Boden. Der Putsch ist gescheitert. Hitler flieht mit einem Auto. Zwei Tage später wird er in der Villa am Staffelsee festgenommen.
ALS DER VERSCHWÖRER zur Untersuchungshaft in das Gefängnis von Landsberg eingeliefert wird, ist er blass und schweigsam. Hitler kommt in einen Bereich für besonders privilegierte Gefangene. Die dortige „Festungshaft“ ist im Reichsstrafgesetzbuch politischen Häftlingen und Duellanten vorbehalten: all jenen also, die ihre Verbrechen in vermeintlich „ehrenhafter Gesinnung“ begangen haben. Die Haftbedingungen sind deutlich entschärft – vor allem, wenn es sich um Nationalisten handelt.
Während die meisten anderen Gefangenen in engen, dunklen Zellen sitzen, hat Hitler Platz für einen kleinen Schreibtisch und viel Licht, das durch zwei große Fenster hineinströmt. Er bewohnt das beste Zimmer des Gefängnisses und verfällt dennoch in eine Depression. Er tritt in Hungerstreik, magert ab, wirkt nach wenigen Tagen wie ein „Haufen Elend, niedergeschlagen, unrasiert“, so ein Gefängniswärter. Weil er außer Wasser nichts zu sich nimmt, wird er auf die Krankenstation verlegt.
Seine Partei ist verboten, Anhänger sind auf der Flucht, er selbst muss mit hoher Strafe rechnen – auf Hochverrat stehen mindestens fünf Jahre Gefängnis. Er scheint ein gebrochener Mann zu sein. Doch dann kommen die Briefe. Helene Hanfstaengl schreibt ihm, sie habe ihn nicht von einem Suizid abgehalten, nur damit er sich jetzt zu Tode hungere. Andere schicken Pakete; Winifred Wagner, Schwiegertochter des Komponisten Richard Wagner, sendet ihm eine Wolldecke, Jacke, Strümpfe, Lebensmittel und Bücher. Im Gefängnis kommen derart viele Delikatessen an, dass Hitler den Überfluss an ein Kloster spendet.
Er begreift, dass seine politische Karriere doch noch nicht beendet ist. Im Gegenteil: Nach dem Putschversuch hat er mehr Bewunderer als je zuvor. Seine Depression klingt ab, er nimmt wieder Nahrung zu sich. Und er findet ein neues Ziel: Er will seinen Prozess zur großen Abrechnung mit der Demokratie, den Juden sowie den Zauderern Kahr, Lossow und Seißer machen. Mit manischer Energie bereitet er sich auf den 26. Februar 1924 vor.
Neun weitere Verschwörer sind mit ihm angeklagt, darunter der spätere SA-Chef Ernst Röhm sowie Erich Ludendorff, ehemaliger Reichswehrgeneral und großer Stratege des Ersten Weltkriegs, ein Antisemit und Antidemokrat – am Abend des Putsches war er neben Hitler im „Bürgerbräukeller“ aufgetreten.
Hitler tritt vor ein ihm zugeneigtes Publikum: Der leitende Richter Georg Neithardt ist, ganz im Sinne der bayerischen Landesregierung, überzeugter Nationalist. Wie der Justizminister Franz Gürtner ist er der Meinung, dass sich Hitlers nationale Überzeugung in einem geringeren Strafmaß niederschlagen sollte. Neithardt äußert öffentlich Verständnis für die „selbstlose“ deutsche Gesinnung des NSDAP-Führers.
Der Justizminister hält Neithardt daher für die beste Wahl, um das Verfahren zu leiten. Er hat allerdings unterschätzt, wie weit der Richter in seiner Nachsichtigkeit zu gehen bereit ist. Denn Neithardt lässt dem Häftling im Gerichtssaal alle Freiheiten. Hitler darf an einem der Tage vier Stunden lang reden, darf die Juden als „größten Feind der arischen Menschheit“ bezeichnen. Unterbrochen wird er nicht. Ein Gerichtsreporter nennt das Verfahren „politischen Karneval“. Der Angeklagte treibt seine Tiraden so weit, dass Gürtner schließlich den Richter darauf hinweist, seine Prozessführung mache einen peinlichen Eindruck. Neithardt antwortet, er vermöge Hitlers Wortschwall nicht zu bremsen.
Stärker einschreiten kann die Regierung nicht, ohne selbst das Recht zu brechen. Sie will es aber vermutlich auch nicht. Neithardt hat als Vorsitzender Richter die Kontrolle über das Verfahren und kann nicht aus politischen Gründen abgesetzt werden – das lässt die Verfassung der Weimarer Republik nicht zu. Das Urteil, das er am 1. April 1924 spricht, ist mild. Hitler wird zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, mit Aussicht auf Bewährung bereits nach sechs Monaten. Die vom Gesetz zwingend vorgeschriebene Ausweisung des Österreichers lehnt der Richter ab: Hitler denke und fühle deutsch, so seine Begründung. Den Eindruck, den der Angeklagte bei vielen der Anwesenden hinterlässt, Gefasst einer der Richter so zusammen: „Ein kolossaler Kerl, dieser Hitler!“
Alle wichtigen Zeitungen berichten über den Prozess. Es ist der Moment, in dem der Name des Putschisten in ganz Deutschland bekannt wird.
ZURÜCK IN LANDSBERG, bleibt Hitler nicht lange allein: Seine Mitkämpfer, darunter mehr als 40 SA-Männer, treten im Mai 1924 ihre Strafe an. Die Männer sitzen unter Bedingungen ein, wie sie eher in einem Hotel herrschen: Sie müssen weder putzen noch ihr Bett selbst machen, sie dürfen rauchen und Alkohol trinken und bekommen ihr Essen von anderen, weniger privilegierten Gefangenen serviert.
Hitler gefällt sich in der Rolle des Anführers, der sich von seinen Leuten „Chef “ nennen lässt und in weißem Hemd und Lederhose durch die Anstalt spaziert. Noch wohler fühlt er sich, als einige seiner engsten Begleiter zu ihm stoßen, etwa Emil Maurice, sein Fahrer aus München, oder Julius Streicher. Der Kopf der NSDAP-Ortsgruppe in Nürnberg hatte während des Hitler-Putsches das Münchner Rathaus besetzt.
Und da ist Rudolf Heß, der spätere Stellvertreter des „Führers“, der am 8. November 1923 zwei Minister entführt hat. Der ehemalige Kampfpilot ist gebildet, aber psychisch labil. Er weicht seinem Vorbild nun kaum noch von der Seite. Mit Heß bespricht Hitler seine Ideen, diskutiert über Politik und Geschichte und geht mit ihm im Gefängnisgarten spazieren, während er zum Rest seiner Anhänger meist eine gewisse Distanz bewahrt.
Und immer mehr reift in ihm der Plan, ein politisches Buch zu schreiben, ein Manifest, das seine Weltanschauung zusammenfasst. Das Manuskript nennt er zunächst etwas umständlich „Viereinhalb Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit“. Später wird es einen griffigeren Titel bekommen: „Mein Kampf“.
In dem Werk bekommt Hitlers politisches Programm erstmals Konturen: Er verbindet die Verachtung für den Kommunismus nun untrennbar mit dem Hass auf die Juden. Das Hauptziel des Nationalsozialismus sei die „Vernichtung“ des „jüdischen Bolschewismus“, schreibt er. Die Eroberung von „Lebensraum“ in der Sowjetunion sei notwendig für den Unterhalt der deutschen „Herrenrasse“. Seine Radikalität verfestigt sich beim Schreiben. Er habe während der Arbeit an dem Buch endgültig begriffen, dass er bislang zu milde gewesen sei, sagt er später. In Landsberg manifestiert sich die Idee für den Genozid an den Juden.
Das Schreiben wird bald nur unterbrochen durch kurze Spaziergänge und den Empfang von Besuchern: Ernst Hanfstaengl ist häufig zu Gast, auch Alfred Rosenberg, der spröde Chefredakteur der Parteizeitung, der an der Stelle von Hitler nun kommissarisch die versprengten Nationalsozialisten führt. Zu Hitlers Geburtstag am 20. April 1924 kommen 21 Gratulanten. Das wichtigste Geschenk macht ihm Helene Bechstein: eine neue, aus New York importierte Schreibmaschine. Auf ihr tippt Hitler große Teile von „Mein Kampf“. Oft steht er um 5.00 Uhr auf, lässt sich von Heß eine Tasse Tee machen und schreibt dann den Tag hindurch.
„Landsberg war meine Hochschule auf Staatskosten“, behauptet Hitler später. Erst dort habe er die Richtigkeit seiner Anschauungen begriffen. In der Ruhe der Haft, umgeben von Schmeichlern, beginnt er sich nicht mehr als Vorbereiter jenes großen Mannes zu sehen, der Deutschland retten wird – sondern glaubt nun, selbst dieser Mann zu sein. Viel wichtiger aber ist die Einsicht, dass die NSDAP nur durch Wahlen an die Macht kommen kann. Die neue Strategie heißt daher: Beteiligung an der Demokratie. Um dann, nach dem Wahlsieg, ebendiese Demokratie abzuschaffen.
Als er am 20. Dezember 1924, nach nur 13 Monaten, auf Bewährung freikommt, wird er dringend erwartet. Denn die anderen Anführer der nach dem Putsch in Bayern verbotenen NSDAP haben sich zerstritten. Alfred Rosenberg und Julius Streicher konnten sich auf keine Strategie und keinen Anführer einigen. Aber Hitler bleibt anfangs fast unsichtbar. Zwei Monate lang hält er keine Rede, sondern verbringt etliche Tage in seiner Wohnung in der Münchner Thierschstraße. Der Grund für die Zurückhaltung: Er will Heinrich Held, den neuen bayerischen Ministerpräsidenten, dazu bewegen, das Verbot der NSDAP aufzuheben. Er verhält sich ruhig, um nicht aufzufallen.
Seine einzige politische Aktion in diesen Tagen ist daher ein Treffen mit Held. Er versichert, keinen weiteren Putsch anzetteln zu wollen. Und tritt dabei so kleinlaut auf, dass das Verbot der NSDAP tatsächlich kurz darauf aufgehoben wird. Man habe Hitler gezähmt, glaubt Held. Ein Irrtum. Schon bald baut die NSDAP eine reichsweite Organisation auf. Hitler wird der unbestrittene Anführer der völkischen Bewegung in Deutschland. Und wirkt dennoch zunächst wie ein Schreihals jenseits der Realität.
Denn die Situation hat sich, in Bayern wie in ganz Deutschland, nach 1923 stabilisiert: Eine Währungsreform beendet die Hyperinflation, die Wirtschaft wächst, den Menschen geht es besser, der politische Radikalismus der ersten Jahre nach Krieg und Revolution ebbt ab. Im Mai 1928 erreicht die NSDAP bei Reichstagswahlen nur 2,6 Prozent in ganz Deutschland. Und selbst in München, das die Nationalsozialisten später „Hauptstadt der Bewegung“ nennen werden, bekommen sie nicht mehr als 10,7 Prozent der Stimmen.
Aber die stabilen Jahre der Weimarer Republik währen nur kurz. Am 24. Oktober 1929 brechen die Aktienkurse der New Yorker Börse ein, und bald darauf erreicht die Weltwirtschaftskrise auch Deutschland. Tausende Fabriken schließen, Hunderttausende Arbeiter werden entlassen. 1932 sind mehr als 5,5 Millionen Menschen ohne Brot und Lohn. Und in der Krise wenden sich immer mehr Menschen der NSDAP zu.
Diejenigen, die um ihre Existenz fürchten, sehen im System der Weimarer Republik die Ursache ihrer Probleme. Sie wählen die Nationalsozialisten oft aus Protest, nicht aus Überzeugung. Doch sie wählen sie: Im Juli 1932 gewinnt die NSDAP 37,4 Prozent der Stimmen, ein halbes Jahr später ernennt der Reichspräsident Adolf Hitler zum Kanzler.
Rudolf Heß wird sein Stellvertreter. Im Mai 1941 fliegt er mitten im Krieg eigenmächtig nach England – offenbar in der irrigen Hoffnung, er könne ein Bündnis mit den Briten einfädeln. Er wird später als Kriegsverbrecher verurteilt und erhängt sich 1987 im Gefängnis. Die Hanfstaengls lassen sich 1936 scheiden. Laut ihrem Mann konnte Helene die Nationalsozialisten da schon länger nicht mehr ertragen. Sie geht zurück in die USA, wo sie 1973 stirbt.
Richter Georg Neithardt wird 1933 zum Oberlandesgerichtspräsidenten befördert; 1941 stirbt er. Ein Gericht, das 1950 seine Verwicklung in den Nationalsozialismus prüft, kommt zwar zu dem Ergebnis, der Richter sei als Belasteter einzustufen, stellt dann aber das Verfahren ein. Die Witwenrente seiner Frau bleibt daraufhin unangetastet. Wilhelmine Neithardt erhält sie bis zu ihrem Tod am 1. Juli 1992
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Böhme, Johannes: München unter dem Hakenkreuz, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates 1806-2018 (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92.), Hamburg 2018, S. 100-107.
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